Teufelskreis Liebe



Die Angst zerreißt mich.

Die Angst lähmt mich.

Kann nicht mehr klar denken.

Wir drehen uns im Kreis – nein, ich alleine drehe mich im Kreis. Ich drehe mich im Kreis, den Blick fieberhaft auf den Moment gerichtet, an dem ich den Kreis für immer durchbrechen kann.

Du bist der stumme Begleiter in all meinen Träumen, meine Gedanken kreisen immer nur um dich. Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich dich, sehe dein Gesicht, dein Lächeln. Ich sehe in deine Augen, sehe in dich hinein, sehe hinter deine Fassade, sehe durch dich hindurch, verliebe mich erneut, versinke in dir, drohe zu ertrinken. Deine Macht, ist mein Untergang. Ich spüre die Gefahr, reiße mich los, laufe weg, fliehe. Immer und immer wieder.

Ich hatte die Hoffnung, dass es aufhören würde, irgendwann. Doch wann zum Teufel ist irgendwann?!

Ich will das alles nicht mehr! Ich kann das nicht mehr ertragen! Will dich nicht mehr in meinen Gedanken sehen, will nicht mehr von dir träumen, will dich nicht mehr spüren, will dich nur noch vergessen. Nein, ich kann diesen Ring der Unendlichkeit, diesen Teufelskreis, einfach nicht durchbrechen. Mit der Liebe kommt die Angst und sie wächst, … die Liebe und die Angst. Sie nährt sich von Misstrauen und meiner Machtlosigkeit. Ich habe die Kontrolle verloren.

Manchmal träume ich einen Traum…

Ich höre plötzlich auf mich zu drehen. Ich habe plötzlich keine Angst mehr vor dir. Es scheint, als sei der Kreis durchbrochen. Ich sehe plötzlich dich und ich sehe die Chance. Die Chance ein für alle mal diesem Teufelskreis zu entfliehen. Ich habe nach dir gerufen und du hast mich erhört. Ich habe dich zu mir gebeten und du bist gekommen. Ich bleibe stehen, bin bereit, mich dir zu stellen, laufe nicht mehr weg.

Ich wollte allein sein mit dir…

Aug in Aug…

Von Angesicht zu Angesicht…

Von Gefühl zu Gefühl…

Wie lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet? Allein sein mit dir, ohne Angst von dir vernichtet zu werden. Ich bin stark. All meine Ängste und Befürchtungen sind außerhalb dieser Türe, die ich soeben unbemerkt fest hinter dir verschlossen habe. Ich sehe dich an und du siehst mich an. Ich sehe, wie deine Lippen sich bewegen, verstehe aber nicht was du sagst. All meine Sinne kreisen jetzt nur noch um dich, um diesen Moment wo du vor mir stehst und scheinbar gar nicht weißt, in welcher Gefahr du dich befindest. Die Worte aus deinem Mund, belanglos, nicht von Bedeutung, sie prallen ab von der Stille die mich plötzlich umgibt. Stille, die mir Kraft gibt. Stille, die mich davor bewahrt gänzlich den Verstand zu verlieren. Stille, die mir sagt, wozu ich jetzt in der Lage wäre. Die Stille die mir zeigt, wie einfach es wäre…

Es ist nur noch ein kleiner Schritt…

In der Stille sehe ich, wie ich langsam auf dich zugehe. Ich bin erschrocken über meine eigene Entschlossenheit und will dieses Trugbild anhalten, versuche es stoppen. Ich als Beobachterin des Traums habe plötzlich Angst. Angst vor dem was passieren könnte, Angst vor deiner Reaktion, Angst vor der Wahrheit, Angst die Kontrolle zu verlieren – doch die Person die sich langsam auf dich zu bewegt ist vollkommen frei von Angst.

In der Stille sehe ich, wie meine Hand dich mit sanfter Gewalt an die Wand drückt. Du wehrst dich nicht, du kannst dich gar nicht wehren. Meine Augen fixieren die deinen, die Schlange in mir ist zum Leben erweckt. Wie eine Kobra richte ich mir vor dir auf, will dir mein Gift injizieren, will dich lähmen, dich gefügig machen, dich von meiner Wahrheit und meiner neuen Macht überzeugen. Ich umschlinge dich sanft, krieche um deinen Hals, um deine Schultern und merke wie alles in dir zu kochen beginnt.

Sag, ist es dein Herz was so laut schlägt, oder doch meines?

In der Stille sehe ich, wie ich mich langsam deinem Gesicht nähere, mein leises Flüstern durchbricht sanft die Stille und es erzählt dir von Dingen, von denen du bisher nur geträumt hast. Und du siehst mich an und in deinem Blick spiegelt sich das Feuer in der Flamme und du lässt es zu.

Nie wieder will ich diesen stillen Ort, diesen heimlichen Gedanken, verlassen…

Doch die Stille endet abrupt in dem Augenblick, wo du plötzlich still wirst. Du hast die Gefahr erkannt, hast mich in meinen Gedanken ertappt. Im Halbdunkel sehe ich dein Gesicht. Zweifel spiegelt sich plötzlich in deinen Augen und schwenkt in die Anfänge einer Panik um. Die Versuchung ist groß und die Angst vor dem was jetzt passieren könnte, ist gleich der Furcht vor dem, was nicht sein wird. Du weißt, dass ich dich will, aber du weißt nicht, was dieser Wille wirklich bedeutet.

Nein, das weißt du nicht…

Sag warum hast DU solche Angst vor mir?

Diese Angst lähmt dich…

Diese Angst zerreißt dich …

Doch deine Angst nährt auch die Schlange aus meinen Gedanken und sie erwacht erneut und mit doppelter Kraft zum Leben. Sie ist nun bereit dich im Hier und Jetzt mit ihrer gefährlichen Macht zu verführen. Macht, die mir sagt, wozu ich jetzt wirklich in der Lage wäre. Macht, die mir zeigt, wie einfach es wäre, sich das zu nehmen was man will.

„Los, tu es! Die Angst macht ihn schwach“, sagt die Schlange in mir und treibt mich mit ihrer Gier, ihrem Verlangen näher zu dir. Doch ich kämpfe dagegen an und frage mein Herz: „Ist es ihn jetzt und hier verführen zu wollen, nicht bloß der Wille zur Macht? Das Spiel mit der Angst, die Wehrlosigkeit des anderen?“

„Ja!“, sagt die Schlange. „Und es fühlt sich so gut an!“

„Nein, Macht ist nicht das, was ich wirklich will!“, sage ich stumm und bleibe stehen. Die Schlange in mir rebelliert, züngelt wütend durch meinen Kopf, versucht mich mit Machtparolen zu bekehren. Doch ich bleibe so lange standhaft, bis sie sich wieder im Dunkeln meiner Seele verkriecht. Ich bin erleichtert, fast schon dankbar. Ich weiß, Schlangen in der Hölle könnten die Vorboten eines unabwendbaren Unheils sein – aber ich bin keine Schlange. Ich bin nur eine Frau, die Angst vor der zerstörerischen Macht der Liebe hat. Ich spüre, wie mich der Mut wieder verlässt. Ich fühle, wie sich der Teufelskreis langsam wieder zu drehen beginnt. Ich sehe dich scheu an und sage: „Komm, lass uns gehen, die anderen warten bestimmt schon.“

Die Angst aus deinem Gesicht weicht plötzlich einem erleichterten Lächeln und mit einem Mal kehrt auch die Stille wieder ein. Aber es ist nicht meine Stille, nicht mein Gedanke – es ist deine Stille. Stille, die plötzlich Zweifel in mir aufkommen lassen.

Sag, was denkst du gerade?

Stille, die mir plötzlich Angst macht. Ich sehe, wie du langsam auf mich zukommst und ich spüre deine Hand die mich mit sanfter Gewalt an die Wand drückt.

Sag, ist es jetzt mein Herz was so laut schlägt oder doch deines?

Ich wehre mich nicht, ich kann mich gar nicht wehren. Deine Augen fixieren die meinen, die Schlange in dir ist zum Leben erweckt. Wie eine Kobra richtest du dich vor mir auf, du willst mir dein Gift injizieren, willst mich lähmen, mich gefügig machen. Du umschlingst mich sanft, kriechst um meinen Hals, um meine Schultern und ich merke wie es in mir zu kochen beginnt.

Sag, ist jetzt dein Wille mich jetzt zu wollen, bloß der Wille zur Macht? Das Spiel mit der Angst, die Wehrlosigkeit des anderen?

Keine Antwort…

In deiner Stille sehe ich, wie du dich langsam meinem Gesicht näherst, dein leises Flüstern durchbricht sanft die Stille und es erzählt mir von all den Dingen, von denen ich so lange geträumt habe. In mir brodelt das Feuer in der Flamme und ich lasse es zu.

Sag, ist das Liebe?

Keine Antwort…

 

Das letzte Hemd

Die Contenance zu bewahren, auch wenn die Karten schlecht stehen, das war nur eines der vielen Dinge, die Jack in den letzten Monaten gelernt hatte – und er hatte eine ganze Menge gelernt. Er hatte gelernt, dass ein Drink in der richtigen Bar, zum richtigen Zeitpunkt und mit den richtigen Leuten, einem das Tor in eine völlig neue Welt öffnen konnte. Er hatte gelernt, dass sich hinter solchen Toren nicht nur geheime Hinterzimmer mit Pokertischen verbargen, sondern auch ungeahnte Talente steckten. Talente, die scheinbar sein ganzes Leben nur darauf gewartet hatten, von ihm entdeckt zu werden. Er, der einst talentlose und ewig nach Glück Suchende – in einem Nachtklub hatte er gleich beides gefunden.

Die Regeln des Pokerspiels hatte er schnell begriffen, aber das Spiel selbst verstand er erst wenige Runden später, in dem Augenblick, als er seinen ersten Royal Flash hinblätterte. Nein, Poker war nicht nur ein einfaches Kartenspiel, es war mehr. Es machte aus ihm einen völlig anderen Menschen. Hier an diesem Tisch, mit diesen Leuten, war er nicht mehr länger der einsame und unerwünschte Mann, der nur durch ein Klingelschild an seiner Wohnungstüre existierte und der die Regeln des Lebens nicht verstand und immer wieder verlor. Das Leben – sein Leben, war ein unfaires Spiel. Die Regeln ändern sich ständig, willkürlich, manchmal scheinbar ohne Sinn und Verstand. Sie zu verstehen, um mit dem Gegner mithalten zu können, schier unmöglich. Die Chance das Spiel des Lebens zu gewinnen war zu gering, das Pokerspiel hingegen gab ihm mit jeder neuen Runde eine Chance.

Denn wenn er pokerte, dann war er Jack der Spieler, der das Risiko liebte und bereit war alles zu geben, wenn die Chancen gut standen. Ein Gewinnertyp, den man mit Namen kannte und der freudestrahlend mit Handschlag begrüßt wurde. Junge, wo hast du letzte Woche gesteckt? Wir haben dich vermisst! Ja, er hatte gelernt, dass er es viel zu lange vermisst hatte, von jemanden vermisst zu werden. Und er hatte auch gelernt, dass Glück doch nicht nur die verhöhnende Metapher seines ewigen Wunschtraums war, dem er bis zu diesem schicksalhaften Drink noch verzweifelt hinterher gehechtet war. Hier hatte er das Glück kennengelernt. Es war zwar nicht immer auf seiner Seite, aber es hatte ihm oft genug beistanden, um an diesem Glücksgefühl weiter festhalten zu wollen – koste es, was es wolle.

Koste es, was es wolle…

Und noch etwas hatte er in den letzten Monaten, insbesondere aber an diesem Abend gelernt: dass das letzte Hemd genau so strahlend weiß und gebügelt sein musste, wie die Übrigen die er einst noch in Hülle und Fülle besessen hatte. Und: Die Contenance zu bewahren und bereit zu sein, auch das letzte Hemd zu geben, wenn es sein musste. Das war der kleine, aber bedeutende Unterschied, was einen guten Spieler von einem Schlechten unterschied, und er war immer ein guter Spieler gewesen – bis jetzt. Denn jetzt saß er da und löste instinktiv den Knoten seiner Krawatte, weil die Contenance, die er verzweifelt zu bewahren versuchte, plötzlich unerträglich heiß wurde. Er verbarg das Zittern seiner gepflegten Hände und spürte, wie sich unaufhaltsam kleine Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. Er spürte die bohrenden Blicke und diese stumme Frage im Raum. Eine Frage, die er noch nie in seinem Leben so gefürchtet hatte, wie in diesem Augenblick: „Was gedenkst du nun zu tun, Jack?“

Was er zu tun gedachte? Mit Nichts in den Taschen und mit einer halbfertigen Straße auf der Hand? Ja, es hätte ein Straight werden können und die Chance, dass die verdeckte siebte Karte ihm das fehlende Stück lieferte war mehr als nur Glückssache – Nein, es brauchte schon ein Wunder. Er wusste, wenn er jetzt verlieren würde, hätte selbst das Klingelschild an seiner Wohnungstüre keine Bedeutung mehr. Die dritte überfällige Monatsmiete lag inmitten dieses Tisches, seinen Wagen hatte er bereits schon letzte Woche verloren und das letzte Hemd lag auf seinem schweißnassen Körper. Die grelle Aussteiger-Warnleuchte in seinem Kopf hatte sich schon lange eingeschaltet. Vielleicht sogar schon in dem Augenblick, als er vor knapp zwei Stunden zögernd die Bar betreten hatte. Du bist einsam, unerwünscht und hast bereits schon alles verloren. Sieh es endlich ein, du bist und bleibst ein ewiger Verlierer. War das nicht sein Gedanke gewesen? Und war es nicht schon seit Tagen sein Gedanke gewesen? Ja, aber da war eben noch dieser andere, dieser hoffnungsvolle und vielversprechende Gedanke, der sagte: Du bist ein Gewinnertyp, das sieht man dir an. Du liebst das Risiko und bist bereit alles zu geben!

„Männer wie du, machen mich an!“, hörte er plötzlich ihre Stimme irgendwo in seinem Kopf. Ihr rotes Kleid, die blasse makellose Haut, ihre Lippen verführerisch rot. Eine Frau, die er sich nur in seinen wildesten Träumen vorgestellt hatte. Eine Frau, die ihn immer wieder mit ihren wunderschönen Augen fixiert hatte und ihm irgendwo zwischen einem „Ich gehe mit“ und „Ich will sehen“ plötzlich und unverhofft ihre Hand auf sein Bein legte und ihm dabei ein Lächeln, nach dem anderen schenkte. Das tat sie so lange, bis sie ihn schließlich zwei Stunden später in seinem Wagen verführte. In jener Nacht konnte er sie haben, weil er ein Gewinnertyp war. Er hatte sie für sich gewonnen und der Einsatz war noch nicht einmal besonders hoch gewesen. Das war Wochen her, aber jetzt? Jetzt saß Vivian auf der anderen Seite des Tisches. Und er wusste, ihre Hand lag jetzt auf einem anderen Bein. Er sah sie nicht an, aber er spürte ihren eindringlichen Blick. Er wusste, was sie vorhatte. Sie wollte spielen… mit ihm. Sie wollte ihn aus dem Konzept bringen, damit er einen Fehler machte.

„Jack?!“

Er sah auf. Kalte und ausdruckslose Augen fixierten und durchbohrten ihn. Ungeduldig und irgendwo in einer Wolke aus Zigarettennebel sah er schließlich auch Vivians Blick. Und es bedarf keinerlei gesprochener Worte, um zu wissen, was sie in diesem Augenblick dachte. Er spürte, wie das Blut in seinen Adern zu pochen begann, als er sich plötzlich einbildete, ihre Stimme zu hören. Du bist einsam, unerwünscht und hast bereits schon alles verloren. Sieh es endlich ein, du bist und bleibst ein ewiger Verlierer.

Du kleines dreckiges Miststück!, fast hätte er die Worte laut ausgesprochen, aber es war die Contenance, die ihn davon abbrachte. Diese verfluchte Contenance. Sich nichts anmerken zu lassen, keine Schwäche zu zeigen, dem Gegner gar nichts zu zeigen, außer einem siegessicheren Lächeln, verziert mit einem trügerischen Zucken im Gesicht – das Zucken eines Gewinnertyps, der die Niederlage erwartet.

„Jack, was ist bloß los mir dir? Ich würde die Runde hier gerne noch diese Nacht zu Ende bringen!“ Die Stimme von Harry klang fordernd, mit einem Hauch von amüsiertem Bedauern und Jack hasste ihn in diesem Moment dafür. Immerhin war er es, der jetzt seinen Wagen fuhr und er war es auch, der ihn in den letzten Wochen um eine Menge Geld gebracht hatte. Harry war nicht nur ein guter Spieler, er war der Pokerking und er war so überzeugt gewesen, ihm diesen Titel irgendwann nehmen zu können. Doch jetzt hatte er nichts mehr. Nichts mehr, außer einen unvollständigen Straight auf der Hand und das letzte Hemd am Körper.

Das letzte Hemd… bereit zu sein, auch das letzte Hemd zu geben, wenn es sein musste. Der kleine, aber bedeutende Unterschied, was einen guten Spieler von einem Schlechten unterschied… du bist ein guter Spieler. Geh mit, du hast nichts zu verlieren, weil du kein Verlierer bist!

„Ich gehe mit“, sagte Jack schließlich und seine Stimme war noch nie so gefasst, noch nie so ausdruckslos, noch nie so kühl. Dann, begann er die Krawatte von seinem Hals zu lösen.

„Einsatz?“ Harry tippte fordernd mit dem Finger auf die Scheine zu seiner Rechten. Jack stand auf und hob die Hand, und bat um einen kurzen Augenblick der Geduld. Schließlich begann er langsam die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen.

„Was wird das jetzt?“ Harry runzelte die Stirn und auch alle anderen Anwesenden, Vivian inbegriffen, starrten ihn fragend an. Unbeeindruckt zog Jack das Hemd aus und warf es auf den Haufen Geldscheine. Fassungslos blickten alle Augen auf den strahlend weißen Stoff, durchtränkt vom Schweiß der Contenance.

„Ich gebe mein letztes Hemd. Es ist ein Erbstück meines Vaters – das Emblem am Kragen dürfte alles erklären.“

„Dein letztes Hemd?“ Harry lachte laut und schallend. „Wir hätten uns aber auch über einen Schuldschein unterhalten können, Jack. Wenn du Geldschwierigkeiten hast, hättest du das nur sagen müssen, das hier ist doch albern!“

„Spielschulden sind Ehrenschulden. Meiner Ehre möchte ich allerdings nichts schuldig bleiben, von daher, setze ich das Letzte, was meiner Ehre noch geblieben ist – das Hemd ist mindestens Dreihundert wert.“

„Du scheinst dir deiner Sache aber ziemlich sicher zu sein, wenn du dein letztes Hemd, und dazu auch noch ein Erbstück, opferst!“

Jack nickte und lächelte kühl.

„Okay, ich will sehen!“, sagte Harry entschlossen. Und mit zittrigen Fingern legte Jack sein Karten offen und als er das alles Entscheidende verdeckte siebte Blatt aufdeckte, blieb ihm vor Aufregung fast das Herz stehen. Das Wunder – auch wenn er nicht mehr daran geglaubt hatte – war geschehen. „Straight“, sagte Jack und sah seinem Gegner scharf in die Augen.

„Verdammter Hurensohn!“, rief Harry und schleuderte seine Karten ärgerlich von sich. Dann lachte er plötzlich. „Du kannst dich wieder anziehen Jack, die Runde geht an dich!“

Jack lächelte, als er die Scheine vom Tisch kratzte und er lächelte noch mehr, als er sein Hemd wieder anzog. Dann stand er auf.

„Willst du etwa schon gehen?“ Es war Vivian, die ihm diese Frage stellte und in ihrer Stimme lag ein Hauch von sehnsüchtiger Enttäuschung.

„Ja“, sagte Jack. „Denn ich habe heute etwas sehr Entscheidendes gelernt: Die Chance, alles zu verlieren was man hat, ist größer, als die Chance sein letztes Hemd wieder zu gewinnen. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend und Vivian: Für diesen geringen Einsatz von damals, warst du es wert!“

Dann ging er und kam nie wieder.

ENDE

Der Mann, der sich Charlie nennt

Der Mann, der sich Charlie nennt, schaut sie eindringlich an. Und als sie seinen Blick erwidert sieht er direkt  in das wunderschöne Blau ihrer Augen, in die er sich einst so verliebt hatte. Und er war sich so sicher gewesen, das sich daran nie etwas ändern würde. Aber dennoch versetzt ihm ihr Blick plötzlich einen schmerzlichen Stich und er wendet sich abrupt von ihr ab. Wo war nur ihr herzliches Strahlen geblieben? Er hatte so gehofft, dass dieses bedrückende Gefühl, diese Ahnung, die ihn schon seit Wochen heimgesucht hat, ihn täuschen würde. Und er hatte auch gehofft, dass diese Sicherheit, so wie er sie jetzt empfand, niemals eintreffen würde. Aber jetzt ist war sie da, das Ungewisse hatte den Schleier abgelegt und ließ sich auch nicht wieder verdrängen. Er ist sich sicher, sie will ihn verlassen und allein der Gedanke bringt ihn um dem Verstand. Was zum Teufel hat er nur falsch gemacht?

Sie war ohne Zweifel seine große Liebe und das wusste er schon in dem Augenblick, als er sie zum ersten mal sah. Sie war ein strahlender Engel, dem Gott ihm geschickt hatte, in einer seiner dunkelsten Stunden, um ihn vor sich selbst zu schützen. Und er war sich sicher, er wäre heute nicht mehr hier, wenn sie nicht gewesen wäre. Sie war so einfühlsam und liebevoll gewesen. Sie hatte ihn aus dieser quälenden Einsamkeit gerissen und ihm ein neues, viel besseres Leben geschenkt. Und er erinnert sich noch genau an dem Tag, als er ihr zum ersten mal begegnete. Dieser Tag war ein sehr schlimmer Tag, viel schlimmer als all die anderen Tage die er je zuvor erlebt hatte. Er war sogar noch schlimmer als der Tag, an dem er seine Mutter zu Grabe getragen hatte. Natürlich war er über ihren plötzlichen tot traurig gewesen, aber es war erträglich.  Sogar wesentlich erträglicher als das, was man ihm an diesem Tag angetan hatte. Er hatte an diesem Montag Nachmittag nicht nur den letzten Rest seiner Würde, sondern auch in aller Öffentlichkeit die Fassung verloren. Er hatte geheult wie ein kleines Kind und sie hatten ihn dafür nur noch mehr ausgelacht. Sie hatten ihn ausgelacht.

Früher waren es seine Klassenkameraden gewesen, die ihm ständig nach der Schule oder in den Pausen aufgelauert hatten, um ihn mit allen Mitteln zu demütigen. Asoziale Drecksau, Vierauge, Schwanzlutscher, Versager, Schwuchtel, Missgeburt, Freak, Psycho. Unzählige zerbrochene Brillengläser, unzählige blaue Flecken, unzählig Schürfwunden. Und all das nur, weil er anders war? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass sie es immer auf ihn abgesehen hatten und das es nichts auf der Welt gab, dass sie davon abbringen konnte. Sie hatten ihn sogar mehrmals bis auf die Unterhosen ausgezogen und seine Kleidung überall in der ganzen Schule verteilt. Und wenn er sich dann heulend in die Toilettenräume eingesperrt hatte, spuckten sie ihn von oben an oder bewarfen ihn mit Klopapier. Aber er hatte es ertragen, immer und immer wieder. Und er hatte auch diese ständigen Beschimpfungen ertragen, er hatte es sogar ertragen, dass sie ihm ständig im Sportunterricht die Hose hinunter zogen und sich über sein kleines Glied amüsierten. Aber wenn sie ihn auslachten, weil er wegen all diesen Schikanen weinen musste, dann war es unerträglich. Echte Jungs weinen nicht! Er aber hatte oft geweint.

Und dann Jahre später, als er es endlich schaffte einen Job zu kriegen, waren es seine Arbeitskollegen, die diesen Alptraum wieder anfingen und ihn scheinbar bis ins unendliche weiter führen wollten. So viele Jobs, so viel Schikanen und genau so viel Demütigung. Besonders die Frauen hatten sich noch nicht einmal die Mühe gegeben es hinter seinem Rücken zu tun. Sie sagten ihm direkt ins Gesicht, was sie von ihm hielten und sie lachten dabei. Einmal hatte er dem Mädchen aus dem Verwaltungsbüro eine Blume geschenkt. Sie war sehr hübsch und er dachte auch, dass sie sehr nett wäre, denn immerhin hatte sie ihm einmal aus dem Fenster zugewunken. Es hatte ihn große Überwindung gekostet das zu tun, denn er kannte sich nicht besonders gut aus mit Frauen. Sie machten ihm irgendwie Angst. Besonders dann, wenn sie ihr schrillstes Kichern kicherten und dabei ihre Köpfe in den Nacken warfen. Zu oft hatten genau diese im Anschluss mit dem Finger auf ihn gezeigt. Und auch an dem Tag, als er der Frau aus dem Verwaltungsbüro die Rose überreicht hatte, war genau dies passiert. Sie hatte ihn ausgelacht und er lachte in diesem Augenblick mit ihr. Was hätte er auch anderes tun sollen? Dieses verfluchte Weibsvolk trampelte ständig auf ihm herum, raubten ihm seine letzte Würde und er konnte nichts anderes tun, als es mit einem Lachen hinzunehmen und später heimlich darüber zu weinen.

Aber an jenem schlimmen Tag, als irgendwer ihm eine ganze Flasche Parfüm über seine Arbeitskleidung gekippt hatte, war es vorbei mit ertragen, hinnehmen und heimlichen weinen. Und derjenige, der dies getan hatte, untermalte seine Handlung auch noch mit einer schriftlichen Botschaft, wie folgt: Nimm diese Geste als ein Geschenk der ganzen Belegschaft. Wir sind alle der Meinung, dass dies deinen üblen Körpergeruch überdeckt, denn dieser ist in Verbindung mit deinem ungepflegten Aussehen einfach keinem mehr zumutbar. Im übrigen, waren deine Eltern eigentlich Geschwister?

Er hatte den Zettel aus seinem Spint gerissen und war mitsamt seinen versauten Sachen in Richtung Chefbüro gelaufen. Und offenbar hatten sie ihr übles Spiel selbst unterschätzt, als sie sich entschlossen hatten ihm eine ganze Flasche Kölnisch Wasser über Pullover und Kleidung zu schütten, denn der Gestank verbreitete sich in allen Fluren und er war beißend und nahezu atemberaubend. Und als er durch das Gebäude lief, hörte er wieder wie sie lachten, wie sie stöhnend die Fenster aufrissen und ihm verächtlich hinterher riefen, er solle endlich verschwinden und sich draußen weiter ausdünsten. Aber er schaffte es nicht mehr bis nach draußen und er schaffte es auch nicht mehr bis ins Chefbüro. Ihm wurde schon vorher übel. Und als ihn all diese schmerzlichen Erinnerungen übermannten, brach vor aller Augen zusammen und weinte.

4711, ein Wasser was Wunder bewirkt. Du musst es auch auftragen, wenn du wieder deine Kopfschmerzen hast, mein Junge. Mama, hatte es immer benutzt. Er erinnerte sich noch genau, wie sie jeden Morgen vor dem Spiegel stand und dieses übel riechende Zeug auf ihren Hals und Handgelenke schmierte, und wenn sie zu viel aufgetragen hatte benetzte sie seine Ohren und Schläfen damit. Und er erinnerte sich auch noch wie sie ihm danach immer die Haare kämmte und wie bei jeder ihrer Kammbewegung diese scheußliche Wolke in seine Nase stieg. Und wie sie ihm währenddessen einen Vortrag über das Für und Wie eines anständigen Kindes predigte. Mama, ich will keinen Seitenscheitel. Und das sie es furchtbar findet, was aus der heutigen Jugend geworden ist. Und ich brauche eine neue Brille. Sie mit einem Pflaster zu reparieren ist nicht gut. Und dass sie es nicht dulden würde, dass er ebenfalls zu solch schlecht gekleideten und respektlosen Teufeln werden würde. Und will auch nicht diese scheußlichen Buntfaltenhosen tragen. Zucht und Ordnung, Respekt und Achtung, der beste Grundstein, um ein anständiger erfolgreicher Mann zu werden. Mama, warum hörst du mir niemals zu? Ein gestandener Mann, wie sein Vater. Ich hasse ihn! Und wenn sie fertig war mit ihrer Rede, hatte sie immer ihre langen Arme auf seine Schulter gelegt und ihn angeschaut. Und immer dann, wenn er das Bedürfnis hatte sein Gesicht in ihrer Brust zu vergraben, zu weinen und zu sagen: Warum lässt du es zu, dass Papa mir immer weh tut? Sag ihm, dass er damit aufhören soll, hatte sie ihn weggeschickt.

Er wurde ständig und überall weggeschickt. Und an dem Tag, als er auf dem Boden des Foyers saß, wie ein Kind heulte und ihm dabei Tränen und Rotz über die Lippen liefen, war es wieder das Gelächter was ihn nicht nur weggeschickt, sondern gänzlich verstoßen hatte. Er war daraufhin gegangen. Er hatte seinen Peinigern den Rücken gekehrt, doch die Pein selbst blieb. Sie blieb an ihm haften, als er in den Bus stieg und hörte wie Kinder sich hinter seinem Rücken lustig über ihn machten und sie blieb auch, als er schließlich in die Straße einbog in der er lebte. Die Nachbarn in den Gärten grüßten ihn nicht, wandten sich ab, oder nahmen ihn erst gar nicht wahr. Und als er vor seiner Haustüre stand und feststellte, dass niemand da war, der auf ihn wartete, brach er erneut zusammen.

Er wusste nicht wie lange er auf seiner Treppe saß und weinte. Und er wollte sich in diesem Moment nicht ausmalen, was sein Vater gesagt oder wieder getan hätte, wenn er ihn jetzt, dreißig Jahre später so auf der Treppe hätte sitzen sehen. Seine Mutter wäre vielleicht noch zufrieden mit ihm gewesen, vielleicht sogar stolz. Er trug einen ordentlichen Seitenscheitel, Buntfaltenhosen, einen grünen Strickpullover und sogar noch die Brille wie vor dreißig Jahren, so wie Mama es immer wollte. Und jetzt umhüllte ihn auch noch eine Wolke Kölnisch Wasser. Siehst du mich Mama?, dachte er und blickte schluchzend in den Himmel. So wie du es immer wolltest, bist du jetzt stolz auf mich? Er hatte in diesem Augenblick auf eine Antwort gehofft und sie kam prompt und traf ihn mit voller Wucht. Sie dich an, ertönte plötzlich die Stimme seines Vaters. Was bist du nur für ein Schlappschwanz! Er zuckt zusammen, als der Kleiderbügel mit einem surrenden Geräusch auf seinen Rücken donnerte. Er wusste, das alles fand nur in seinem Kopf statt, aber es schmerzte mehr denn je. Hör auf zu flennen, echte Jungs weinen nicht! Aber er hatte immer geweint und er weinte auch jetzt. Nein, du bist kein richtiger Mann!

Nein, er war wahrhaftig kein richtiger Mann. Er war ein Vollidiot. Er war ein Schlappschwanz, ein Weichei, ein Freak, ein hässlicher Gnom, ein stinkendes Stück Scheiße. Er war einfach all das, was aus dem Mund seiner alten Schulkameraden, Kollegen, Nachbarn und seiner Eltern kam. Sie hatten alle Recht, er würde nie eine Frau finden. Frauen wollten Männer und er war einfach kein Mann … noch nie gewesen. Ich wünschte ich wäre tot, hatte er gedacht und malte sich gleichzeitig aus, wie er mit ausgebreiteten Armen auf dem Dach des Hochhauses am Ende der Straße stehen und wie er sich schließlich mit geschlossenen Augen dort hinunter stürzen würde. Er würde den Augenblick des freien Falles genießen, er würde sich frei fühlen wie ein Vogel, er würde alles hinter sich lassen. Nie wieder dieses schrille abfällige Kichern, nie wieder Beleidigungen, nie wieder diese Pein, keine Demütigungen mehr. Und er würde sich bei diesem Gedanken so gut fühlen, dass er die Wucht des Aufpralls gar nicht mehr spüren würde. Sein Entschluss stand in diesem Augenblick fest. Er war nicht willkommen in dieser Welt und er konnte nichts anderes tun, als sie zu verlassen. Niemand würde es merken, denn niemand war da, der ihn vermissen würde. Dieser Gedanke ließ ihn zusammenbrechen. Er weinte unaufhörlich und es war ihm gleich, wer von dieser Straße es hören würde, denn es interessierte sich ohnehin niemand für ihn.

Niemand außer…

Sie stand plötzlich vor ihm. Wie aus dem Nichts war sie aufgetaucht und er hatte sie erst gar nicht bemerkt, weil er sein Gesicht tief in den Händen, zwischen seinen Knien vergraben hatte. Sie stand da und sah ihn an. Hallo… warum weinst du?, hatte sie leise gefragt. Ohne auch nur einen Blick auf sie zu werfen, hatte er sie daraufhin angefahren, sie solle abhauen und ihn gefälligst in Ruhe lassen, denn er hätte genug Spott für heute ertragen müssen. Aber sie ging nicht. Sie blieb vor ihm stehen und schaute ihn an. Und als er seinen Kopf hob um sie gänzlich zum Teufel zu jagen, blickte er plötzlich in dieses wunderschöne Engelsgesicht und es traf ihn sofort wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Da war kein ausgestreckter Finger der auf ihn zeigte, kein schrilles Kichern und als er ihr in die Augen schaute sah er nicht diesen Guckt-Euch-Dieses-Jämmerliche-Weichei-An-Blick. Nein, ihr Blick hatte in diesem Augenblick etwas anderes gesagt. Etwas, was er zunächst nicht richtig deuten konnte. In ihren Augen spiegelte sich Bestürzung, Mitgefühl aber auch ein Hauch von Verzückung. Und er hatte gespürt, wie sie verzweifelt nach den richtigen Worten suchte, um… um ihn vielleicht zu trösten? Nein, das war zu schön um wahr zu sein! Sie war nur eine Illusion, eine Fata Morgana, ausgelöst durch seine Verzweiflung und dem immer stärker werdenden Wunsch seinem kläglichen Dasein ein Ende setzten zu können. Ein Engel mit weichem Herz, mit goldenen Haaren, einem lustigen Sommersprossen Gesicht, wunderschönen blauen Augen und einer Figur die nahezu perfekt war. Sie war nicht real.

Er hatte den Kopf wieder in seine Hände vergraben und hoffte einfach, das dieser Engel wieder gehen würde, denn er schämte sich furchtbar für seine Tränen. Aber sie blieb. Sie hatte einen Augenblick gezögert, das hatte er durch den Spalt zwischen seinen Fingern wahrgenommen, aber sie blieb. Und wenige schnelle Herzschläge später, geschah plötzlich das Unfassbare: sie setzte sich wie selbstverständlich neben ihn, legte behutsam ihren Arm auf seine Schulter und fragte vorsichtig: Warum bist du denn so traurig?

Es hatte etwas gedauert, bis er seine Fassung wieder gefunden hatte und zu einer Antwort fähig war, oder besser gesagt: bis er etwas herausbrachte, was als Antwort hätte ausreichen können. Ich bin eine Heulsuse, oder? und sie hatte daraufhin gesagt: Och, das macht nichts, ich auch! Und er hatte sie aus seinen verquollenen Augen ganz erstaunt angesehen und musste plötzlich lächeln. Er lächelte sie an und sie lächelte zurück. Hatte es das in seinen 40 Jahren überhaupt schon einmal gegeben?

Ich habe noch nie einen Mann weinen sehen, sagte sie schließlich und als er sie daraufhin fragte, ob sie das schlimm fände, hatte sie mit JA geantwortet. Ich finde es immer schlimm, wenn jemand weint. Egal, ob Junge, Mädchen, Mann oder Frau. Traurig zu sein ist immer schlimm …

Und während sie dasaßen, plauderten und sich anlächelten, konnte er ihre stumme Sprache plötzlich verstehen. Und das, was sie sagte war so wunderschön, dass er sie einfach nicht mehr vergessen konnte. Sie war so anders als all die anderen. Sie hatte sich nicht blenden lassen von all dem schlechten, das ihn in diesem Augenblick umgab. Es interessierte sie nicht einmal. Sie interessierte nur eines: Warum er so traurig war und was sie tun konnte, damit er genau das nicht mehr war. Ja, sie war die erste, die ihm wirklich zugehört hatte und dafür hatte er sie seit der ersten Minute ihrer Begegnung geliebt. Nein, mehr als das, er hatte sie vergöttert. Und der Thron auf dem er sie dann aus lauter Dankbarkeit gebettet hatte war der schönste, dem man einem Engel auf Erden geben konnte. Doch dieser Thron war hoch. Zu hoch, als das er ihr hätte näher kommen können und er wäre ihr so gerne näher gekommen. Aber er wagte es nicht. Er brauchte sie, aber er wusste, sie brauchte ihn nicht… jedenfalls noch nicht. Er wollte einfach nichts falsch machen. Er wollte nicht, dass irgendetwas passierte, was diese Freundschaft – so wie sie auf dieser Treppe entstanden war – gefährdete. Er wusste nicht, was sie von ihm erwartete. Und er wusste auch nicht, wie er mit dieser Liebe, die er für sie empfand umgehen sollte. Er wusste nur, dass er ihr nahe sein wollte. Dass er sie wiedersehen und vor allem Übel dieser Welt beschützen wollte und das am besten für immer.

Gott, was hatte ich damals eine Angst vor dir, denkt Charlie und lächelt besonnen, als er aus dem Fenster sieht. Wusstest du das eigentlich? Wusstest du, was du für eine unsagbare Macht du über mich hattest? Wusstest du, dass ich jede Nacht von ihr geträumt habe? Und dass ich, wenn du vor mir standest, vor Angst gezittert habe? Ein Wort, eine Geste von dir hätte mich vernichten können. Ich hatte schreckliche Angst davor, dass du mich am Ende doch wieder ablehnen könntest. Und ich hätte alles für dich getan, du hättest es nur sagen müssen. Ich hätte dir die Sterne vom Himmel geholt, ich hätte jede Bank ausgeraubt, ich hätte dir den Himmel auf Erden dafür gekauft und ich hätte sogar für dich getötet…das würde ich heute immer noch für dich tun. Du hattest mich damals vollkommen in der Hand, mein Engel, aber du hast nie etwas von mir verlangt, dafür bin ich dir heute immer noch sehr dankbar…ich bin dir für alles so unsagbar dankbar.

Er dreht sich um, sucht ihren Blick, aber findet ihn nicht. Er betrachtet sie aufmerksam und wieder steigen Erinnerungen hoch. So wie sie jetzt dasitzt, zusammengesunken und schweigend. Ihre Hände klemmen verkrampft zwischen ihren Beinen und sie wiegt ihren Körper nervös vor und zurück. Vor und zurück, vor und zurück. Immer wieder. So hatte er sie schon einmal gesehen, damals auf seiner Treppe, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten. Und in diesem Augenblick hatte er sich nur noch mehr in sie verliebt. So sehr, dass es ihn fast den Verstand geraubt hatte. Sie war extra gekommen, hatte tatsächlich auf ihn gewartet, um sich von ihm zu verabschieden. Und sie weinte bitterlich, als sie sagte, dass sie nicht willkommen in dieser Welt sei und dass sie nicht mehr leben wollte, weil niemand da wäre der sie liebt. Sie würde vom Hochhaus, am Ende der Straße springen und sie wäre nur noch mal gekommen, um sich von ihrem besten Freund zu verabschieden.

Du dachtest die ganze Zeit, das niemand da wäre, der dich liebt. Und der Moment, an dem ich dich eines besseren belehren durfte, war so schön. Meine Angst vor dir schwand in dem Augenblick, als du dich an mich geschmiegt hast und weintest. Du hattest damit die Angst-Barriere zwischen und gebrochen, denn Deine Augen sagten: bitte liebe mich. Und als ich dir sagte, dass ich es von ganzem Herzen tun würde, hast du gelächelt. Dann warst du bereitwillig von deinem Thron gestiegen, damit ich darauf Platz nehmen konnte. Du schenktest mir all dein vertrauen. Du gabst mir freiwillig die Zügel in die Hand und batest mich dich zu führen. Und in dem Augenblick als du demütig zu mir aufschautest und ich auf dich herabblickte, war es wie, als hättest du mir ein völlig neues Leben geschenkt. Ich war nun nicht mehr nur dein heimlicher Verehrer und dein Beschützer, ich war dein Held, dein Prinz und ich war so dankbar dafür, dass ich das für dich sein durfte. Ich der Vollidiot, der Schlappschwanz, der Freak und ein Mann, der kein richtiger Mann war. Du hast mich mit dieser wunderbaren Geste zum Mann gemacht und es fühlt sich immer noch so unsagbar gut an. Du hast damit meinem Leben wieder einen Sinn gegeben… weißt du das eigentlich? Und ich wollte alles dafür tun, damit ich diese großartige Rolle nicht wieder verliere. Ich wollte ein guter Mann sein und der einzige und beste für Dich. Und zum ersten mal seit 40 Jahren wusste ich, was ich zu tun hatte: die Zügel nehmen und dich führen, und zwar dort wo ich dich schon immer einmal hin wollte. Und ich nahm dich mit, weil du mir vertraut hast. Und ich zeigte dir die Sterne, aber auch wo der Hase lang läuft – das war es doch, was du von mir erwartet hast, oder?

Er seufzt und wendet sich wieder von ihr ab. In seiner dunkelsten Stunde traf er das Mädchen, die Frau seines Lebens und auch wenn er es nie für möglich gehalten hätte, jetzt gehörte sie ihm. Ein Engel mit weichem Herz, mit goldenen Haaren, einem lustigen Sommersprossen Gesicht, wunderschönen blauen Augen und einer Figur die nahezu perfekt war. Ihre ganze Erscheinung so unsagbar betörend, und doch so sinnlich und zart. Er liebte sie und sie liebte ihn. Und er war sich so sicher, dass sich niemals etwas daran geändert hätte, wenn sie nicht plötzlich ständig damit angefangen hätte seine Liebe in Frage zu stellen. Und er weiß, dass sie es auch jetzt wieder tut. Ihr schweigen sagt mehr als tausend Worte. Er kann es förmlich riechen und das schon, seit dem er sie vorhin mehr oder weniger zufällig auf der Straße getroffen hatte. Sie war nur widerwillig mit in seine Wohnung gekommen. Er musste sie geradezu zwingen und das, obwohl sie so viele schöne Stunden dort miteinander erlebt hatten. Was war nur ihr verdammtes Problem? Ich habe heute keine Zeit, hatte sie gesagt. Aber er wusste, das es nicht stimmte. Er wusste immer wenn sie ihn anlog. Sie war eine verdammt schlechte Lügnerin und das wusste er bereits schon damals, als er sie an dem Tag, als sie weinend auf der Treppe gesessen hatte und sie später in seinem Wohnzimmer fragte, ob ihr sein Kuss gefallen hätte.

Ja, hatte sie gesagt und das alles andere als glaubhaft. Und als er ihr schließlich die Wahrheit aus dem Körper kitzelte so dass ihr die Luft weg blieb – dass schien ihr immer besonders gut gefallen zu haben, so wie er dachte – hatte sie schließlich gesagt: Das ist irgendwie komisch, aber ich muss mich wohl noch daran gewöhnen. Und sie musste sich noch an vieles gewöhnen, denn immerhin war er der Mann und sie die Frau. Und eben weil er der Mann war, hatte er auch heute darauf bestanden, das sie mit ihm in die Wohnung kam, ob sie wollte, oder nicht.

Jetzt sitzt sie da, schweigt und zweifelt stumm seine Liebe an, und das alles nur weil er… ja, weil was? Was hatte er überhaupt getan? Mit welchem Recht stellte sie seine innige Liebe in Frage? Er denkt angestrengt nach und sucht nach Antworten. Und schließlich findet er eine und genau diese Antwort lässt ihn die reumütige Schamesröte ins Gesicht schießen. Nein, er hätte sie nicht so grob anfassen sollen, als er sie mit einem anderen erwischt hatte. Er hatte es selbst gesehen, als er ihr wieder gefolgt war. Er folgte ihr immer, wenn sie aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen nicht bei ihm sein konnte. Das war seine Aufgabe als Mann. Er musste sie beschützen und immer gleich zur Stelle sein, wenn sie ihn brauchte. Und manchmal war es auch gut, wenn sie da war, wenn er es brauchte und er brauchte es ziemlich oft. Aber an diesem Nachmittag, brauchte sie ihn offensichtlich nicht.

Er hatte gesehen, wie sie und dieser Mistkerl zusammen am See standen und stundenlang Steine hinein warfen. Und er hatte gesehen, wie sie miteinander gelacht haben und wie sie sich angesehen hatten. Und er hatte auch gesehen, wie er sie auffing, als sie stolperte. Aber vor allem hatte er gesehen, wie dieser kleine Hurensohn sie auf die Wange geküsst hatte. Und er war sich sicher, dass er noch mehr gesehen hätte, wenn ihm nicht plötzlich dieser blöde Köter in die Quere gekommen wäre. Der Hund eines Spaziergängers hatte angeschlagen, als er ihn im Gebüsch gewittert hatte.

Was wolltest du auch nur von diesem kleinem Scheißer? Er war kein Mann, nicht einmal annähernd! Er war noch ein Kind! Er war ein Vollidiot! Ein Weichei! Er wäre nicht in der Lage gewesen, dich so zu beschützen, wie ich es tue. Und Vögeln kann er mit Sicherheit auch noch nicht. Nein, der hätte mir niemals das Wasser reichen können und das musste ich dir doch irgendwie klar machen.

Was habt ihr beide dort unten am See getan?, hatte er sie noch am gleichen Tag gefragt und als sie ihm darauf eine verlogene Antwort gab, hatte er ihr ins Gesicht geschlagen. Es war nicht fest, nur eine Backpfeiffe, er wollte doch ihr hübsches Gesicht nicht verletzten. Aber einen Denkzettel, den wollte er ihr schon an diesem Tag mit auf den nach Hause weg geben.
Warum bist du nur so böse auf mich?, hatte sie daraufhin geheult und er hatte plötzlich das starke Bedürfnis gehabt sie für diese ungeheuerliche Frage noch einmal zu bestrafen. Sie wusste nicht, warum er so wütend war? Verstand diese kleine Hure denn gar nichts? Er trug sie auf Händen, er war ihr Mann und sie hatte nichts besseres zu tun, als gleich mit jedem daher gelaufenen herumzuknutschen?! Vielleicht machte sie sogar noch ganz andere Sachen? Alleine für diese Vorstellung, hätte sie noch eine Menge weitere Ohrfeige verdient gehabt.

Aber er hatte sie deswegen nicht noch einmal geschlagen. Er hatte sie vielleicht ein klein wenig grob angefasst, aber er hatte sie nicht geschlagen. Er hatte es ihr am Ende sogar verziehen. Sie hatte um Gnade gebettelt und weil er ein guter Mann war, hatte er ihr vergeben. Der Grund warum sie sich an diesem Tag dennoch weiteren Zorn von ihm einfing war ein anderer. Sie hatte sich schon wieder nicht an die Anweisung gehalten. Und er konnte ihre plötzlich Respektlosigkeit doch nicht einfach so tolerieren. Eine Frau hat die Wünsche ihres Mannes gefälligst zu respektieren. Es gab nun einmal Dinge, die er nicht mochte und dazu gehörte eben auch, dass sie ihn nicht anschauen sollte wenn er intim mit ihr wurde. Er wusste es selbst nicht warum er ihren Blick nicht ertragen konnte, wenn er die Hosen runter ließ. Vielleicht war es die Scham, vielleicht waren es auch das scheußliche Gelächter und Spott seiner Schulkameraden aus dem Sportunterricht, die er heute noch manchmal in seinem Kopf hörte. Sie könnte ihn auslachen, wenn sie ihm dabei zusah. Und er würde sie wahrscheinlich deswegen umbringen. Soweit wollte er es aber gar nicht erst kommen lassen. Und dann war da noch ihr ängstlicher Blick der in abturnte und ihm den Höhepunkt vermasseln würde, wenn er dabei in ihr Gesicht sehen würde. Warum musste sie sich auch immer so anstellen? Männer machen so etwas eben mit ihren Frauen, ob sie wollen oder nicht. Und das Tuch bleibt auf deinem Gesicht, hatte er gesagt. Und er hatte es ihr oft genug gesagt. Aber sie hatte es dennoch an diesem Nachmittag von ihrem Gesicht gerissen, weil sie angeblich keine Luft mehr bekam. Sie hatte gelogen und dafür hatte er ihr eine verpasst …

Das war vor einer Woche…

Nein, ich hätte sie nicht schlagen sollen!, denkt er und schaut sie reumütig an. Wie hilflos und klein sie doch ist. Er steht auf und geht zu ihr. Er setzt sich auf das Bett und lässt seine Hände zärtlich über ihre blonden langen Haare gleiten. Sie sind so weich und glänzen wie Goldschimmer. Und dieser Duft. Dieser unbeschreiblich betörende Duft eines geheimnisvollen Shampoos, dessen wundersame Wirkung nur er kennt. Er hatte es ihr gekauft. Himbeere…, denkt er und vergräbt sein Gesicht in ihrem Nacken. Sie riecht und schmeckt nach Himbeere. Er schließt die Augen und genießt den Augenblick. Und während er das tut überrollte ihn plötzlich eine Welle höchster Erregung.

„Du kannst mich nicht verlassen, Prinzessin“, sagt er und lässt seine Hände über ihre Schultern gleiten. Ein Träger ihres Kleides rutscht zur Seite, instinktiv schiebt sie ihn wieder hoch. „Und wenn du ehrlich bist, willst du mich auch gar nicht verlassen. Du brauchst mich doch, so wie ich dich brauche. Ich würde sterben ohne dich. Und du weißt, wenn ich sterbe, dann werde ich dich mitnehmen. Niemand liebt dich so wie ich und das weißt du. Natürlich weißt du das, sonst wärst du nicht hier und würdest nicht das Kleid tragen, dass ich an dir so liebe… ich mag Luftballons.“

Er steht auf und geht zur Kommode. Er zieht ein rotes Tuch heraus und lässt es durch seine Finger gleiten, dabei lässt er sie keinen Moment aus den Augen. Dann hält er inne, denkt kurz nach, schüttelt den Kopf und legt das Tuch wieder zurück. Heute nicht, denkt er und setzt sich wieder auf das Bett und betrachtet sie. „Ich habe eine Überraschung für dich“, flüstert er schließlich direkt in ihr Ohr und hofft damit gänzlich all ihre Gedanken ihn zu verlassen auszulöschen. Doch sie reagiert nicht. Sie sitzt vor ihm. Immer noch zusammengesunken und schweigend. Ihre Hände klemmen immer noch verkrampft zwischen ihren Beinen und sie schaukelt ihren Körper. Vor und zurück, vor und zurück.

„Weil ich dich so sehr liebe…“, beginnt er feierlich. „Werde ich dir nicht die Augen verbinden. Heute darfst du mich auch dabei ansehen. Es tut heute auch gar nicht weh.“

Sie erstarrt unter seinen Berührungen und als er sie küsst schmeckt er das Salz ihrer Tränen auf ihren Lippen. Nein, ich hätte sie nicht schlagen dürfen, denkt Charlie und kämpft plötzlich mit den Tränen. Dass war furchtbar feige und falsch von mir, sie ist doch erst acht Jahre alt.

ENDE

Die Schattenwelt eines Borderliners

(Foto: Lutz Stallknecht  / pixelio.de)

Immer wieder gefesselt von den Eindrücken der Lebenden, laufe ich durch die Straße der Einsamkeit. Alles hier ist so laut und bunt, so schrecklich hell. Ich kann es sehen, ich kann es riechen und ich kann es fühlen, hier findet es statt… das Leben. Ein Leben, dass ich nicht mehr haben kann. Wie immer zieht es mit Nichtachtung an mir vorbei, es schreit, es erfreut, es tanzt und lacht. Kaum vorstellbar, dass dies der Ort ist, an dem ich das Mittel finden soll, was den fortschreitenden Tod meiner Hoffnung aufhalten kann. Ich fühle mich plötzlich unwohl, möchte nur noch weg. Das rhythmische Stampfen dieser lebendigen Spaßmaschinen macht mir Angst, es klingt bedrohlich, wie der Ruf eines Heeres, bevor es in die Schlacht zieht. Eine Schlacht gegen jene, die das Leben verstoßen hatte und die es dennoch wagen sich unter die Lebendigen zu mischen. Ich weiß, wenn sie mich entdecken, werden sie mich jagen, sie werden mich fangen und mich im Anschluss mit ihren Ritualen der Freude quälen. Ich schaudere bei dem Gedanken. Schnell verstecke ich mich im Schatten, dort wo mich niemand sieht. Aber ich sehe genug, und halte weiter Ausschau nach dem Heilmittel für meine sterbende Hoffnung.

Ich zucke erschrocken zusammen, als ich spüre, dass ich nicht alleine in der schützenden Dunkelheit des Schattens stehe. Jemand ist da. Er steht direkt vor mir, zum Greifen nah… etwa ein weiterer Verstoßener des Lebens? Nein, zu schön um wahr zu sein…

„Hey!“, rufe ich laut und gehe entschlossen auf ihn zu, doch er reagiert nicht, er dreht sich nicht einmal um. „Ich sagte hey!“, wiederhole ich und lege meine Hand auf seine Schulter. Er erstarrt unter meiner Berührung und dreht sich langsam um, dann schauen seine Augen direkt in meine, und ich bin verwirrt, dass er mir so plötzlich diesen Einblick in sein tiefstes Inneres gewährt. Die Augen, der Spiegel seiner Seele, das Tor zu einer mir völlig fremden Welt. Seine Augen, sie sind so lebendig, viel lebendiger als ich es je sein würde, und dieses Lebendige schaut mich wahrhaftig mit seiner ganzen Schönheit an.

…eine Falle?!

Das Leben hatte mich entdeckt! Er ist ein Lebendiger und er versteckt sich im Schatten! Ich habe plötzlich schreckliche Angst und rechne mit dem Schlimmsten. Scheu blicke ich ihn an, und er lässt mich immer noch in seine Seele schauen… ungewöhnlich für einen Lebenden… vielleicht doch keine Falle?

Plötzlich sehe ich, wie es in seinen Augen zu funkeln beginnt, ein Meer aus bunten Lichtern entflammte in seiner feuchten Netzhaut, wie ein kleines Feuerwerk, der krönenden Abschluss eines berauschendes Festes, der Startschuss in ein neues Leben… vielleicht ein Leben, an dem auch ich wieder teilhaben durfte? Die Seele eines Lebendigen, es schenkt mir ein Feuerwerk, das Mittel was ich brauche um meine sterbenden Hoffnung wieder neu entflammen zu lassen. Ich hatte es heute Nacht gefunden. Ich spüre, wie das hoffnungsvolle in mir neu erwacht, es ist so überwältigend und lässt mich in Tränen ausbrechen.

„Dein Feuerwerk ist so schön“, weine ich und umklammere sanft seinen Arm. „Ich will deine Lebendigkeit spüren, ich will eins mit ihr werden. Ich flehe dich an, lass mich Teil von deinem Leben sein. BITTE LIEBE MICH!“

Dann herrscht Stille. Plötzlich spüre ich, wie er seine Hände sanft mein Gesicht berühren. Ich zucke erschrocken zusammen, ich bin nicht darauf vorbereitet. Seine Hände… sie sind so warm und so weich, nicht so kalt und steinern, wie die, die mich bei der letzten Suche nach dem Heilmittel anfassten. Es war so unbeschreiblich schön, aber auch so bedrohlich, so beängstigend. Ich spüre das Leben unter seiner Haut und es bringt mich um den Verstand, der immer stärker werdende Wunsch eins mit ihm und seinem Leben zu sein, lähmt meine Sinne. Ich bin krank vor Sehnsucht… ich kann nicht mehr denken… vergesse vollkommen die Gefahr. Langsam hebe ich meine Hände und lege sie auf die seinen, ich sehe noch einmal in das Feuerwerk seiner Seele und flehe wieder: „BITTE LIEBE MICH!“

„Auf ewig sollst du leiden!“, zischt er plötzlich und befreit sich unsanft aus meinem Griff. Erschrocken starre ich auf meine Finger, die gerade noch seine Hände berührten. Er hatte sie weg geschlagen, wie ein lästiges Etwas, dass er nicht haben wollte. Aber warum? Warum will er meine Hände nicht? Warum will er mich nicht? Warum schenkte mir seine Seele dieses wunderschöne Feuerwerk?

Weil er dein Leid sieht!, sagt eine Stimme irgendwo in meinem Kopf. Er sieht dein Leid und es macht ihn an.

Der letzte Funke meiner Hoffnung liegt wieder im Sterben und ich beginne zu trauern. Ich weine wieder, und es sind wieder die Tränen der vollkommenen Hoffnungslosigkeit. „Aber ich will nicht mehr leiden“, sage ich stumm. „Ich will wieder leben! Du bist der Lebendige, unter dessen warmer weicher Haut so viel Leben fließt. Lass mich eins mit dir werden, liebe mich und ich bin frei. Du bist mein Retter! Mein Erlöser! Sag mir was du von mir verlangst, ich werde alles tun, ich ergebe mich dir vollkommen!“

Sag mir, was du von mir verlangst?

Er schaut mich an und ich erwidere den Blick mit der verzweifelten Hoffnung auf Antwort. Ich bekomme sie prompt, denn er lächelt… nein, er grinst… und dieses Grinsen tut plötzlich so weh. Es ist ein Grinsen der Verachtung, der Abscheu und des Hasses gegen Verstoßene. Ich bin die vom Leben Verstoßene und er ist der Lebendige. Ich brauche ihn, ich brauche seine Lebendigkeit, ich brauche seine Liebe… koste es was es wolle!

Die Falle….

Ich werde alles tun…

Ich ergebe mich dir vollkommen…

Ich gehöre Dir…

Liebe mich!

„Los, schlag mich!“, bitte ich ihn. „Ich weiß, dass dir das gefällt! Ich sehe es in Deinen Augen, du schenkst mir so ein wunderschönes Feuerwerk, und ich will dir dafür danken.“

Er verharrt an Ort und Stelle und schaut mich mit einem seltsam abschätzendem Blick an. Ich spüre, dass er mir nicht glaubt. Die Worte einer Verstoßenen, er nimmt sie nicht ernst. Es macht mich wütend und traurig zu gleich. Der Preis für das, was ich von ihm will ist hoch, vielleicht sogar zu hoch. Aber die plötzliche Gier nach diesen warmen weichen Händen und dem Leben was in ihnen fließt, ist größer. Ich will, dass sie mich berühren… ich will, dass sie mich wollen… JETZT! Ich packe ihn fest an den Schultern und stelle mich vor ihn. Entschlossen umschließe ich seine Kehle und wiederhole meine Bitte… nein, ich bettel: „Schlag mich! Tritt mich mit Füßen! Spuck mich an! Benutze mich! Behandle mich so wie du mich behandeln möchtest, damit du mich willst! Du musst mich einfach wollen, ich bin das Stück Dreck, nachdem du dich so verzehrst! Du willst mein Leid? Ich will deine schmerzhafte Liebe. BITTE LIEBE MICH!“

Ich schaue ihn an, er schaut mich an. Die Lichter des Feuerwerks funkeln jetzt wahrhaftig noch heller und noch lebendiger in seinen Augen. Ich weiß, gleich wird es passieren, gleich würde er eins mit mir werden, ich würde seine Lebendigkeit spüren, er würde mich lieben und ich würde mich dafür bedanken…mit vollkommener Erniedrigung!

Seine Hände schießen plötzlich in mein Gesicht und bewegen sich langsam um meinen Hinterkopf. Sie sind plötzlich so kalt und steinern. Ich will noch etwas sagen, aber ich kann nicht. Seine Augen, sein Grinsen, seine Hände…ich bin zu überwältigt um auch nur einen Ton heraus bringen zu können. Ich neige meinen Kopf zur Seite und schmiege mich zärtlich an seine rechte Hand. Ich versuche sie zu küssen, will ihm damit zeigen, dass ich bereit bin seine Lebendigkeit, die Liebe zu empfangen.

Ich werde alles tun…

Ich ergebe mich dir vollkommen…

Ich gehöre Dir…

Liebe mich!

Plötzlich spüre ich, wie mein Kopf unter dem langsam wachsenden Druck seiner Hände zu glühen anfängt. Mein Herz beginnt zu rasen und ich hörte jeden Schlag in meinen Ohren. Ich weiß, es war wieder da. Das Fieber, diese unerträglich hohe Temperatur, die mein Blut zum kochen bringt und all meine Glieder durch diese plötzliche Hitze fast verbrennen lässt.

Das Fieber… die Angst… die immer dann ausbricht, wenn ein Lebendiger mir ein Feuerwerk schenkt…ein dumpfer Schlag… es tut gar nicht weh… so viele Sterne vor meinen Augen…sie sind alle für mich…Danke!

Der Hustenreiz

Ein Husten, das unwillkürliche explosionsartige Ausstoßen von Luft, die natürliche Reaktion des Körpers, um die Atemwege von Substanzen zu reinigen, die diese belegen oder verengen könnten – so in etwa lautet die genauere Definition – kann sich wahrhaftig zu einem waschechten Problem entwickeln, wenn man es zu lange unterdrückt. Diese unliebsame Erkenntnis erlangte ich in dem Augenblick, als das stetige Kribbeln in meinem Hals, sich plötzlich in ein forderndes Kratzen verwandelte. Es war wie, als hätte eine Substanz bewaffnet mit einer Nagelwalze – so kam es mir jedenfalls vor – sich in meinem Rachenraum niedergelassen, um ein Gefühl auf die Spitze zu treiben, das schon seit dem ich den Saal betreten hatte, mein ständiger Begleiter war.

Das anfängliche Unbehagen, was dem Begriff Lampenfieber wahrscheinlich sehr nahe kam, hatte sich in eine unerträgliche Anspannung verwandelt, die meinen Körper so verkrampfen ließ, dass es in sämtlichen Muskeln schmerzte. Selbst meine Füße, die mir bis vor wenigen Minuten noch als wippendes Druckablassventil über meine Nervosität hinweg geholfen hatten, waren in meinen neuen Schuhen (die ich mir extra für diesen Anlass gekauft hatte) zu zwei leblosen dicht aneinanderklebenden Kloben erstarrt. Doch es war nicht allein die Sorge einem unkontrollierten Hustenanfall zum Opfer zu fallen, dass ich mich plötzlich so unwohl fühlte. Es lag auch nicht an diesem wuchtigen Pult, an dem ich saß und mir dabei fast wie ein Winzling am Schreibtisch von Rübezahl vorkam. Es lag auch nicht an dieser grellen Tischleuchte, die seit etlicher Zeit und in einem ziemlich ungünstigen Winkel meinem Gesicht entgegen glühte. Und es war auch nicht dieser unbequeme Stuhl, der sich unter meinem Gesäß wie ein kalter Stahlklotz anfühlte und der mich deshalb auch immer wieder dazu zwang meine Sitzposition in eine Erträglichere zu ändern. (Nebenbei bemerkt: Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, wie viele einzelne Stellen eines menschlichen Hinterteils, allein nur durch das Sitzen auf einem harten Stuhl zu schmerzen beginnen konnten.) Nein, es war auch nicht das aufgeschlagene Buch, aus dem ich gerade vorlas – der eigentliche Grund, warum sich meine Kehle wie eine trockene Wüste anfühlte und mich deshalb auch buchstäblich nach dem Glas Wasser zu meiner Rechten verzehrte. Das eigentliche Problem befand sich auf der anderen Seite des Raumes. Es saß mir geradewegs gegenüber, auf Stühlen verteilt, in einem Halbkreis um meinen Tisch angeordnet und es beobachtete mich mit stechenden Blicken.

Es gibt doch keine persönlichere Art und Weise sein eigenes Buch zu bewerben, indem man es live der Öffentlichkeit präsentiert und es wäre doch toll, wenn du damit in deinem eigenen Wohnort anfangen könntest, so hatte Johanna Rosenbaum es gesagt und es war auch das einzige Argument, dass mich überzeugen konnte, mich an einem Freitagabend in einen Raum des Lanzenberger Gemeindehauses zu setzen und der Dorfgemeinschaft einen Abschnitt aus meinem Buch vorzutragen. Blütenstaub, so lautete der Titel dieser Komödie, in der es um die scherzhafte Darstellung der größten menschlichen Schwäche, um die Liebe, ging. Es war mein erstes veröffentlichtes Buch und somit auch meine erste Lesung vor Publikum. Und so wie ich mich in diesem Augenblick fühlte, war ich mir ziemlich sicher, dass es auch meine Letzte gewesen sein würde. Irgendetwas stimmte nicht. Die Menschen in diesem Saal, hatten etwas an sich, was ich noch nicht richtig definieren konnte. Es war noch zu fadenscheinig, um es in Worte fassen zu können. Aber mit jeder weiteren Sekunde, die ich zusammen mit diesen Leuten in diesem Raum verbringen musste, stieg meine Befürchtung, dass es nichts Gutes war. Das war beunruhigend. Nein, mehr als das, es macht mir Angst. Dieses plötzliche Rampenlicht machte mir Angst und ich wünschte mir auf einmal nichts Sehnlichster, als die Zeit zurück, als noch niemand etwas von meiner heimlichen Leidenschaft geahnt hatte. Die Zeit, in der es noch niemanden interessierte, dass ich dafür manchmal tagelang das Haus nicht verließ, nicht ans Telefon ging und eigentlich nur noch auf dem Klingelschild meines Hauses existierte. Nicht mehr existent für die reale Welt zu sein, niemanden sehen und hören zu müssen, von niemanden gesehen und gehört zu werden, das waren die optimalen Verhältnisse, um im Verborgenen das tun zu, was man eben nur dann tun konnte, wenn man alleine war.

Ein Teenager, dessen Eltern erstmals ohne ihn über das Wochenende in den Harz fuhren, würde diese optimalen Verhältnisse vielleicht nutzen, um zwei Tage lang die Anarchie ausbrechen zu lassen. Er würde sämtliche Regeln brechen, die fettige Pizza mit den Fingern essen, ohne diese vorher gewaschen zu haben. Er würde dabei die Füße auf den Tisch legen, den Teppichboden vollkrümeln, und abends den Fernseher weitaus länger als zweiundzwanzig Uhr laufen lassen. Vielleicht würde er auch mit Mamas teurer Porzellanente im Arm zu Billy Talent abrocken, während er ihre strafenden Blicke auf den Familienfotos an der Wand verhöhnte. Vielleicht würde er im Anschluss noch ins Elternschlafzimmer gehen, um sich Papas schlecht versteckte Playboyhefte anzusehen. Egal was er auch in dieser Zeit tat, er würde diese kurzzeitige Gesetzlosigkeit ausnutzen, um all das zu tun, was verboten war, oder sich auch nur verboten anfühlte und er würde helle Freude daran haben.

Auch ich hatte helle Freude daran, wenn ich in meinem Arbeitszimmer das tat, was ich eigentlich immer tat, wenn ich alleine war, und seit dem ich wieder in Lanzenberg wohnte, war ich oft alleine. Das Resultat dieses Alleinseins war grundsätzlich nichts Verbotenes, das wusste ich, aber es war dennoch etwas, was ich lieber im Verborgenen halten wollte. Vielleicht, weil es sich manchmal doch verboten anfühlte, wenn ich mich voll und ganz meinen Gedanken und Vorstellungskräften hingab? Ich war eine erwachsene Frau, mittlerweile schon Anfang dreißig, das war nicht gerade ein Alter, in dem man sich üblicherweise in Fanatsiewelten bewegte, die manchmal fern ab jeglicher Realität waren. Aber ich tat es dennoch und ich schrieb Geschichten darüber. Ich konnte gar nicht anders, es war wie eine Sucht. Eine Art Gut-Fühl-Dämon, der mich beherrschte und meine Sinne betäubte, wenn ich in eine andere und viel bessere Welt eintauchte, in der Kummer und Leid ebenso wenig Platz hatten, wie Ängste und Schicksalsschläge. Der alltägliche Horror, er wurde in meiner Welt einfach zu Metaphern des Ulks, und er verlor für mich somit auf sanfte Weise seine grauenhafte Bedeutung. Und dieses Blendwerk meiner Fantasie in Form von humorvollen Geschichten niederzuschreiben, das war meine Form der Anarchie, die ich während dieser optimalen Verhältnisse auslebte und von der vorher niemand auch nur annähernd etwas geahnt hatte. Und ich bin mir sicher, dass es auch noch lange so geblieben wäre, wenn Johanna Rosenbaum nicht vor weniger als sechs Monaten, mich während einer dieser optimalen Phasen gestört und durch einen dummen Zufall an das Manuskript von Blütenstaub gelangt wäre.

Johanna Rosenbaum, die leidenschaftliche Endfünfziger-Floristin und Besitzerin des Lanzenberger Blumengeschäftes, stand eines abends unerwarteterweise vor meiner Haustüre und wollte nur mal auf einen Tee vorbeischauen, so jedenfalls hatte sie es damals gesagt und dabei ihr übliches frömmlerisches Lächeln aufgelegt. Aber ich wusste, dass wenn Johanna nur mal auf einen Tee vorbeischauen wollte, sie entweder wieder einen Streit mit ihrem Mann hatte, oder in Lanzenberg irgendetwas Spektakuläres geschehen sein musste, das nicht bis zum nächsten Tag warten und auch nicht per Telefon besprochen werden konnte. Aber diesmal hatte es keinen Streit mit Ludwig gegeben, was schon ein kleines Wunder war. Nein, Johannas Anliegen war diesmal wieder einer dieser umgestürzten Lanzenberger Reissäcke. Der sprichwörtliche „umgefallene Sack Reis“, also ein Ereignis, für das sich gewöhnlich niemand auf der großen weiten Welt interessierte, bedeutete hier in dieser ländlichen Gegend aber entweder eine riesige Sensation, oder ein waschechter Skandal. Wobei es letztendlich aber dann doch immer irgendwie beides war. Und gleich, nachdem ich Johanna die erste Tasse Tee eingeschenkt hatte, brach sie auch sofort mit ihren Neuigkeiten los.

Ich wusste nicht, warum Johanna sich so echauffierte, weil eine gewisse Eva Fendler aus der Neumannstraße schon wieder schwanger war. Vielleicht lag es daran, dass Johanna noch zu der Generation gehörte, die es fast schon als Straftat ansahen, wenn man im unverheirateten Zustand Kinder zeugte. Vielleicht hatte es auch etwas damit zu tun, dass diese besagte Eva Fendler mal ein Techtelmechtel mit ihrem Sohn Thomas hatte. Was immer sie auch an Eva Fendlers erneuter Schwangerschaft auszusetzen hatte, es wurde mit einem Mal vollkommen unwichtig, als Johanna plötzlich das mit Wollfäden zusammengehaltene Bund Blätter aus dem Stapel Rätselzeitschriften und Illustrierte zog, den ich für den nächsten Gang zur Mülltonne zurechtgelegt hatte. Mein Gefühl war in diesem Augenblick wie eingefroren. Ein kurzzeitiger Schockzustand, sowie er meist dann auftrat, wenn man überraschend mit einem Beweisstück einer vertuschten Schandtat konfrontiert wurde. Eben ein solcher, der neben plötzlichen Schweißausbrüchen häufig auch den üblichen Ich kann das erklären! Satz mit sich brachte. Aber ich wollte es gar nicht erst so weit kommen lassen, ihr irgendetwas erklären zu müssen.

Ich hatte Blütenstaub damals wenige Tage zuvor beendet, befand die Geschichte letztendlich aber für so schlecht, dass ich die ganze Story einfach ins Altpapier beförderte. Natürlich war es nicht gerade der Platz, an dem meine fertigen Geschichten üblicherweise landeten. Und hin und wieder hatte ich schon darüber nachgedacht den Schritt zu wagen und ein fertiggestelltes Manuskript an einen entsprechenden Verlag zu senden. Dieser Gedanke kam meist dann, wenn ich nach Wochen, oder Monaten endlich ein Ende unter eine Geschichte geschrieben hatte und ich mir im Anschluss die Wofür? Frage stellte. Aber es war immer wieder dieser Zwiespalt, der mir zum einen sagte, dass meine Geschichten gar nicht so schlecht seien und vielleicht wirklich eine Chance bestünde, dass sie abgedruckt werden könnten. Aber zum anderen gab es da noch diesen Selbstzweifel, der immer wieder mit ein und demselben Gedanken siegte: die Vorstellung, wie ein Lektor eines Verlages die erste Seite überfliegt, seufzend einen Schluck aus seiner Kaffeetasse nimmt und sagt: Mann, selten so eine Scheiße gelesen! Und dann würde er das Manuskript wieder schließen, sich nochmals den Namen des Verfassers anschauen und sagen: Lisa Sander, aus Lanzenberg. Sieh es ein, du bist und bleibst unfähig! Dein Name wird niemals bekannter werden, als die der gescheiterten Kandidaten einer Talentshow.

Damit war der Ofen dann auch schon wieder aus. Die Wozu? Frage wich einer großen schweren Eichentruhe. Dieses Familienerbstück war eine Art heiliger Schrein, in dem all meine Niederschriften letztendlich ihr wahres Ende fanden. Ausgenommen Blütenstaub, diese Geschichte hatte in meinen Augen noch nicht einmal die kostbare Truhe verdient. Warum musste Johanna auch gerade diesen Schund in die Finger kriegen? In meinem ersten Entsetzten hatte ich einfach versucht ihr das Skript aus der Hand zu reißen, stellte währenddessen aber fest, dass ich mir dabei nicht sehr viel Mühe gab. Es war wie, als würde irgendein Teil von mir plötzlich wollen, dass Johanna diese Geschichte las, aber genau dieser Teil wollte das dann auch wieder nicht. Es war wieder diese Mischung aus Stolz und Schüchternheit. Wobei bei dieser Geschichte die Schüchternheit den Stolz bei weitem überragte, denn ich war nicht wirklich stolz auf diese Liebesgeschichte, in der eine junge Frau das Verliebtsein eher wie eine ernsthafte Psychose erlebte, die am Ende fast schon an Schizophrenie grenzte. Ich fand die Idee, einer von Gefühlen geplagten Frau inneren Stimmen zu geben, die ich zum einen Goodgirl und zum anderen Badgirl getauft hatte, nicht nur abgedroschen, sondern auch ziemlich…schrecklich. Ich wollte humoristisch schreiben, vielleicht war mir das auch in Blütenstaub gelungen, aber dennoch hatte ich während dem Schreiben kein gutes Gefühl gehabt. Der Gut-Fühl-Dämon wich mit jeder weiteren Seite, die ich schrieb und am Ende hatte sich meine Form der Anarchie nicht nur verboten, sondern sogar richtig falsch angefühlt.

Johanna hatte meinen halbherzigen Kampf um diesen Schund schnell gewonnen und somit diese scheinbar nahezu unglaubliche Entdeckung an sich gerissen. Und völlig unbeeindruckt von meinen Einwänden, die eher einem zusammenhangslosen Gestammel wie: Nee, bitte nicht…lass das…wolltest Du nicht noch einen Tee?, hatte Johanna bereits schon die erste Seite aufgeschlagen und zu lesen begonnen. Eine unerträgliche Situation, die mich fast dazu gebracht hätte, fluchtartig den Raum zu verlassen. Ich wollte nicht den gefürchteten Lektoren Gesichtsausdruck in Johannas Gesicht sehen müssen. Johanna war keine besonders gute Schauspielerin. Sie gehörte zu der Sorte Mensch, die ohne es zu wollen, ihren Unmut über die Körpersprache zum Ausdruck brachten. Und wenn Johannas Körper Beanstandungen aussprach, dann tat er es mit jedem einzelnen Teil.

Aber ich blieb. Ich rechnete zwar mit dem Schlimmsten, aber ich blieb dennoch sitzen und nahm mir einfach vor es mit Fassung zu tragen. Ich würde Johannas Kritik hinnehmen und diese dann mitsamt dem Schund einfach in die Tonne kloppen. Ja, das hatte ich mir vorgenommen. Und dann, irgendwann nach unerträglich langen Minuten, hatte Johanna plötzlich aufgesehen und mich mit offenem Mund und Augen angestarrt. Lisa Sander schreibt Geschichten und ich weiß nichts davon? , hatte sie gesagt. Und während sie das sagte, hatte es den Anschein, als versuche sie meine ganze Persönlichkeit neu zu definieren. Es schwebten plötzlich viele stumme Fragen im Raum, und es lag dieser So kenne ich dich gar nicht! Ausdruck in ihren Augen. Und auch wenn ich zunächst nicht verstanden hatte warum ich es tat, aber ich hatte diesen ganz speziellen Ausdruck genossen. Ich hatte ihn genossen, weil er nichts Abwertendes hatte. Im Gegenteil, Johanna schien begeistert und als sie schließlich sagte: Lisa Schätzchen, das ist richtig gut! hatte die Wozu? Frage plötzlich eine ganz neue Bedeutung für mich bekommen. Ich hatte eine Geschichte geschrieben – wenn auch in meinen Augen eine ziemlich Schlechte – deren Anfang schon mal einer Johanna Rosenbaum gefiel. Das war gut. Nein, das war sogar überwältigend und sehr viel angenehmer, als dieser niederschmetternde Lektorengedanke.

Darf ich es mitnehmen?, hatte Johanna später gefragt und als ich ihr mit einem gleichgültigen Mach doch damit, was du willst! zustimmte, hatte ich noch nicht einmal annähernd geahnt, dass Johanna mich Tage später mit ihrem plötzlichen Enthusiasmus dazu brachte, ein überzeugendes Exposé zu Blütenstaub zu schreiben und es schließlich dem deutschen Schriftstellerband zur Verfügung zu stellen. Sechs Monate lang tat sich nichts, und ich hatte diese Geschichte schon fast vergessen, als plötzlich dieser Brief eines Kleinverlages ins Haus flatterte. Und dieser Brief brachte mir nicht nur große Verblüffung, sondern auch gleich meinen ersten Autorenvertrag, inklusive Tantiemen. Die Auflage war nicht besonders hoch gewesen, aber immerhin so hoch, dass mindestens die Hälfte der Menschen, die sich an diesem Freitagabend im Gemeindehaus eingefunden hatten, ein solches Exemplar auf ihrem Schoß liegen hatten. Auch daran war Johanna nicht ganz unschuldig gewesen, denn immerhin hatte sie genug Exemplare davon in ihrem Blumengeschäft ausgelegt und mich nach einer erstaunlich kurzen Zeit bereits schon um Nachschub gebeten. In Leuten Dinge aufschwatzen, war Johanna scheinbar wirklich unschlagbar gewesen, denn immerhin hatte sie es sogar noch geschafft Eckart Wehmeier, dem Inhaber des einzigen Lanzenberger Lebensmittelgeschäftes, dazu zu bringen Blütenstaub auch an seiner Kasse auszulegen.

Und dieses bescheuerte Buch, mit dem bescheuerten rosafarbenen Einband und mit dieser noch bescheuerteren abgebildeten Rose vorn auf dem Cover, nun in den Händen, oder auf dem Schoß liegend, oder aus Taschen blitzend zu sehen, das war ein Anblick, mit dem ich mehr zu kämpfen hatte, als mit der eigentlichen Tatsache, für Marketing Zwecke in der Öffentlichkeit aus genau diesem Buch vorzulesen zu müssen. Ich hatte ein Buch geschrieben und die Menschen in diesem Raum hatten es gekauft. Und es war anzunehmen, dass sie es auch gelesen hatten. Es fühlte sich so unwirklich und so fremd an. Das grenzte nicht nur an Bloßstellung, sondern war zugleich auch irgendwie unheimlich. Und genau dieses Unheimliche schien sich an diesem Abend zu einem großen unguten Etwas zusammenzubrauen, denn diese stechende Aufmerksamkeit brannte plötzlich wie Feuer auf meiner Seele. Das, was sich zuvor noch zu unwirklich anfühlte, um es beschreiben zu können, bekam langsam eine dünne Silhouette. Es war fast greifbar, aber ich scheute es, sie zu berühren. Es war bedrohlich. Und dieses Kratzen im Hals, versetzte dieser Bedrohung einen unaufhaltsamen Countdown.

Wer unsicher ist, macht Fehler und wer Fehler macht, kann sehr schnell zum Gespött einer ganzen Nation werden! Ich hatte keine Ahnung, woher diese Gewissheit auf einmal kam, und ich hätte in diesem Augenblick auch gern auf sie verzichtet. Aber sie war da, und sie ließ sich auch so ohne weiteres nicht wieder verdrängen, denn ich fühlte mich wahrhaftig unsicher. Das Problem lag immer noch auf der anderen Seite des Raumes. Dort, wo diese Stühle im Halbkreis aufgereiht waren. Ein Anblick, der mich schon seit dem ich den Saal betreten hatte, an ein höhnisches Grinsen erinnerte. Ich hatte versucht es zu ignorieren, aber es war dennoch da. Das Grinsen einer Lanzenberger Nation, in dem ich immer wieder diese vielen spitzfindigen Spottzähne aufblitzen sehen konnte. Spottzähne, die so verdammt gefährlich werden konnten, wenn sie nach einem schnappten. Und die Lanzenberger Dorfgemeinschaft war besonders geübt im Schnappen, das wusste ich. Ich hatte es damals oft genug erlebt. Vielleicht schon zu oft, als dass ich mir ihrer Gefährlichkeit nicht mehr bewusst gewesen wäre. Und auch, wenn ich ihnen bis zuletzt fünfzehn Jahre lang den Rücken gekehrt hatte, wußten sie immer noch, wer ich war.

Und wer war ich?

Ich war Lisa Sander, das Endergebnis einer Liebesnacht von Erwin Sander, dem Lanzenberger Bankchef und Maria Sander, einer Lehrerin. So ausgedrückt klang es harmlos, fast schon etwas zu gewöhnlich. Obwohl der Beruf eines Bankers nie wirklich gewöhnlich sein konnte, denn immerhin gehörte er zu den Berufen Deutschlands, die ein hohes Ansehen in der Gesellschaft erlangten. In Lanzenberg war das zumindest der Fall gewesen. Da war das Beamtendasein meiner Mutter schon etwas gewöhnlicher, auch wenn die Lehre von Mathematik und Naturwissenschaften für viele nicht weniger ansehnlich gewesen war. Gewöhnlich oder nicht, es war ohnehin nur ein einladendes Blendwerk sich als „Tochter von und zu“ vorzustellen, denn das hatte meist zu Folge, dass die Menschen ganz automatisch der Meinung waren, dass man allein vom genetischen Aspekt her genau so ansehnlich war wie seine Eltern. Für gewöhnlich war das bestimmt auch der Fall, doch manchmal verbarg sich hinter solch ansehnlichen Konstellationen eine Wahrheit, die dann doch etwas anders klang. Vielleicht klang sie sogar so, wie meine Eltern es damals immer stumm getan haben, wenn sie mich irgendwo vorgestellt hatten?

„Das ist Lisa! Nein, sie ist nicht unsere Tochter. Um Gottes willen, nein! Das kann allein vom genetischen Aspekt her schon nicht der Fall sein. Wissen sie, sie ist nämlich unfähig. Das bedeutet, dass sie nicht fähig ist, ihr Denken und Handeln unter Kontrolle zu halten. Eigentlich ist sie noch nicht mal fähig überhaupt irgendetwas richtig zu machen. Keine Ahnung, woher sie gekommen ist. Vielleicht ist sie in der Klinik vertauscht worden, oder vielleicht hat Satan uns sie auch geschickt. Aber was soll man machen? Shit happens! Lisa, sag wenigstens H-a-l-l-o zu dem netten Onkel!“

Ja, so in etwa hätte die Wahrheit damals klingen können, wenn meine Eltern sie jemals laut ausgesprochen hätten. Aber auch wenn sie diese Wahrheit lieber im Verborgenen halten wollten – jedenfalls haben sie es des guten Rufes Willen immer wieder versucht – war es genau das, was immer wieder Teil der Lanzenberger Dorfgespräche gewesen war. Gespräche, die man natürlich immer nur hinter hervorgehaltener Hand führte. Aber genau das war der versteckte Beweis, dass man die Wahrheit auf Dauer nicht mehr verbergen konnte. Nicht in solch einem hellhörigen kleinen Dorf, in dem stets aus einem harmlosen Sack Reis gleich ein komplett verdorbenes Reisfeld gemacht wurde. Nicht wenn man irgendwann zur Schule gehen musste und – ob man es wollte, oder nicht – immer wieder auf Menschen traf, die es förmlich darauf angelegt hatten die Wahrheit aus einem herauszuquetschen.

Geistig unfähig zu sein, also nicht fähig zu sein sich, sein Denken und Handeln unter Kontrolle zu halten. Nicht fähig zu sein, überhaupt irgend etwas richtig zu machen, diese Plakette klebte auch noch nach fünfzehn Jahren an mir wie eine Tätowierung, die sich einfach nicht mehr entfernen ließ, das spürte ich. Es war wie dieses unveränderliche Kennzeichen, sowie es oft in diesen „Meine Schulfreunde“ Büchern erfragt wurde und dort immer so Dinge standen wie: Narbe an der Stirn, Muttermal am Unterarm, oder das schrillste Kichern aller Zeiten. Mein unveränderliches Kennzeichen aber war schlicht weg, eine unfähige Sander Tochter zu sein. Und ich wusste, dass die Lanzenberger auch jetzt wieder genau dieses Kennzeichen im Visier hatten. Ich konnte diese bohrenden Blicke fühlen. Blicke, die ich mir in diesem Moment nicht vorzustellen wagte, es aber dennoch tat, weil ein Teil meines Hirns mich dazu brachte. In Gedanken sah ich schon, wie all diese Menschen in diesem Raum siegessicher ihre Arme verschränken, dabei ihre Köpfe dem nächsten Nachbarn zuwandten, um sich gegenseitig darauf vorbereiteten, dass ich den Kampf gegen das Unvermeidliche bald verlieren würde. Ich konnte sie hören, ihre Stimmen, ihre Gedanken und plötzlich flüsterte es aus allen Ecken: Seht ihr, gleich ist sie so weit! Gleich wird sie zugeben müssen, dass sie noch nicht einmal imstande ist, die natürlichen Reaktionen des Körpers unter Kontrolle zu halten! Wir wussten es schon immer! Lisa Sander aus Lanzenberg, ist und bleibt unfähig!

Mit dem Gedanken tat sich plötzlich das Gefühl in mir auf, als wäre der ganze Saal schlagartig voll mit fremden Substanzen und meine Kehle fühlte sich jetzt noch viel schlimmer als eine staubige Wüste an. Hitze stieg mir in den Kopf, und diese kam diesmal nicht von der Lampe. Ich spürte, wie sich kleine Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten und ich ahnte, dass diese nicht lange darauf warten würden, sich ihren Weg durch mein Make-up zu bahnen, um schließlich als schmierige braune Tropfen von meiner Nase zu hüpfen. Sie würden sich dann entweder auf meiner weißen Bluse, oder der hellen Hose ausbreiten und ziemlich unschöne Flecken hinterlassen. Ich schluckte verzweifelt und als ich das tat, schien sich mein Hals dadurch nur noch mehr zu verengen. Meine Finger begannen zu zittern und als ich erschrocken feststellte, dass dieses Buch in meinen Händen es ebenfalls tat, war es wie, als würden sämtliche für Reaktionen verantwortlichen Systeme außer Kontrolle geraten. Wieder hörte ich ihr Flüstern: Seht ihr, gleich ist sie so weit!

Reiß dich verdammt nochmal zusammen, befahl plötzlich eine Stimme irgendwo in meinem Kopf. Spott und Hohn, ist ihre einzig wirksamste Waffe gegen dich. Du weißt doch, wie das läuft. Sie trampeln dich so nieder, dass am Ende nichts weiter von dir übrig bleibt, als ein kläglicher Haufen Dreck. Ein Haufen staubiger Dreck, auf glühendem Asphalt….erinnerst du dich nicht? Bei diesem Gedanken versagte plötzlich meine Stimme und ging in ein leises Krächzen über. Räuspern!, dachte ich und geriet in Panik. Räuspern, oder Wasser trinken! Aber ich konnte weder das eine, noch das andere tun.

…erinnerst du dich nicht?

Doch natürlich erinnerte ich mich und das war auch der Grund, warum das Glas Wasser zu meiner Rechten immer mehr in unendlich weite Ferne rückte. Diese verdammte Erinnerung, brachte mir plötzlich nicht nur den staubigen Geschmack von trockenem Asphalt, sondern auch gleich diese brennende Hitze, die von solch einem Straßenbelag ausgehen konnte, wenn er nur lange genug einer heißen Juni Sonne ausgesetzt war. Eine glühende Herdplatte aus Teer…eine ziemlich große glühende Herdplatte…eine Herdplatte, auf der man sogar…

Schluss damit! , zischte ich lautlos und zwang mich somit gewaltsam zur Ruhe. Aus dem Augenwinkel sah ich das Glas und auch, wie es mir mit seinem kostbaren Inhalt entgegen glitzerte. Irrsinnigerweise musste ich in diesem Augenblick an einen Malwettbewerb denken, den einst irgendeine Umweltorganisation für Kinder von 7 bis 12 ins Leben gerufen hatte. Wasser ist Leben, so lautete damals das Thema und hätte ich gewusst, dass ich Jahrzehnte später hier sitzen und mich wahrhaftig so fühlen würde, als hänge mein ganzes Leben von diesem Element ab, dann hätte ich mir damals mit Sicherheit mehr Mühe gegeben und dafür gesorgt, dass ich wenigstens unter die ersten zwanzig gekommen wäre. Aber Malen und Zeichnen war noch nie mein Ding gewesen, genauso wenig wie heißer staubiger Asphalt mein Ding war und zum Gespött einer Lanzenberger Nation zu werden schon gar nicht. Und deshalb bedeutete das Wasser neben mir auch plötzlich nicht mehr Leben, es bedeutete nasses Überleben. Und ich wusste, wenn ich das hier überleben wollte, dann musste ich dieses verdammte Wasser trinken, koste es was es wolle…und es wird dich eine Menge Punkte auf der Fähigkeitsskala kosten, Lisa! Alle Menschen in diesem Raum würden es sehen, wenn du auch nur versuchen würdest, dich diesem Überlebenselixier zu nähern. In diesem Augenblick verpuffte mein koste es was es wolle Gedanke wie…wie ein Tropfen Wasser auf heißen Asphalt…und es mir blieb nur noch diese andere, vielleicht sogar die einfachste Möglichkeit diesen Dreck in meinem Rachenraum mit einem Male dorthin zu befördern, wo er hingehörte.

Aber war das wirklich die Lösung?

Konnte man einen drohenden Hustenanfall mit einem kleinen, vielleicht sogar fast lautlosen Räuspern abwenden? Natürlich wußte ich, dass das möglich war und ich hätte mich in diesem Augenblick gerne selbst für diesen unnötigen Zweifel geohrfeigt, denn er brachte mir nicht nur einen weiteren Schweißausbruch, sondern auch gleich wieder diese verhasste Was wäre, wenn? Frage. Was wäre, wenn…ich gerade durch dieses Räuspern, erst recht einen unkontrollierbaren Hustenanfall heraufbeschwören würde? Vielleicht sogar einer von der Sorte, den man hierzulande als erste Sahne bezeichnete? Etwa ein solcher, der den Kopf von null auf hundert in Puterrot verwandelte, und der Stimmbänder und Zäpfchen so miteinander verkrampfen ließ, dass aus dem Mund nur noch eine Art Gebell ertönte? Ja, und wenn diese Phase dann überstanden war, dann würde man obendrein noch dem Antlitz eines Fisches auf dem Trockenen gleichen, der mit weit aufgerissenen Augen nach Sauerstoff rang. Wer weiß, vielleicht würde man im Anschluss auch noch ersticken? Ersticken, an einer nicht sichtbaren Substanz, die ihre Atemwege nicht nur belegte, sondern am Ende auch noch gleich ganz vernichten würde? Konnte man aus Angst, dass man zum Gespött einer ganzen Nation werden könnte, ersticken?

Verdammte Scheiße, ich muss doch nur husten, dachte ich gequält. Es waren nur noch fünf Seiten, bis zum Ende. Fünf lange Seiten, die mir wahrscheinlich noch die Hölle auf Erden bescheren könnten, wenn nicht bald ein Wunder geschah. Und während ich mit meiner malträtierte Stimme, die sich nur noch irgendwo zwischen einem beklemmten Schlucken und Einatmen aufrecht halten konnte, weiter aus Kapitel 3 vorlas, schwand meine Hoffnung auf Wunder mit jedem weiteren Wort.

„Egal, was er jetzt auch tun wird, ich werde es hinnehmen“, dachte Jill mit Unterstützung von Goodgirl und drückte mit zittrigen Fingern auf die Klingel. Aber Badgirl rächte sich prompt für diese Entschlossenheit und rief: „Stop! Wenn du es in Würde hinnehmen willst, solltest du dich nochmal vergewissern, ob die Frisur sitzt, der Hosenstall geschlossen, und auch kein Klopapier unter deinem Schuh klebt. Ist ja nicht so, als sei dir das noch nie passiert, gell? Auch solltest du überprüfen, ob sich in deinem Gesicht nicht etwas befindet, was da nicht hingehört…und ich finde, da gehört `ne ganze Menge nicht hin!“

Mit letzter Kraft hatte ich den letzten Satz ausgespuckt, bevor meine Stimme gänzlich versagte, weil meine Lunge sich nun endgültig verkrampfte und zum Husten ansetzte. Zu meiner eigenen Überraschung erfüllte genau in diesem Augenblick eine Lachsalve den Raum. Es hatte ein klein wenig gedauert, bis ich begriff, dass diese nicht mir, sondern Badgirl galt. Das Wunder war geschehen und ich glaube, ich habe noch nie ein Wunder mehr zu schätzen gewusst, als in diesem Augenblick. Meine Zuhörerschaft war abgelenkt und ich nutzte diese plötzliche und wohl auch einzige Chance, griff ohne weiter zu zögern nach dem Glas Wasser zu meiner Rechten und nahm einen hastigen Schluck. Das kühle Wasser fühlte sich wie Balsam an, als es mir den Rachen hinunter rann und der Wunsch nach mehr wurde fast unerträglich. Schnell nahm ich noch einen weiteren Schluck, um auch ganz sicher zu gehen, dass der letzte Abschnitt der Vorlesung ohne plötzlichen Hustenreiz, oder Stimmverlust von statten gehen konnte. Dann stellte ich das Glas schnell wieder zurück. Scheu hob ich den Kopf. Niemand schien etwas bemerkt zu haben. Das beruhigte mich ein wenig und brachte mir sogar den irrsinnigen, aber dennoch erheiternden Gedanken, was passieren würde, wenn das alarmierende Glucksen in meinem Magen, sich plötzlich zu einem unvermeidlichen Aufstoßen entwickeln würde. Was würde passieren, wenn man auch diese natürliche Reaktion unterdrückte? Was würde überhaupt passieren, wenn man sämtliche Körperöffnungen zum Luftablassen verschließen würde? Würde man vielleicht wie ein Luftballon zerplatzen?

Innerlich schien mein Witz kein Ende nehmen zu wollen und irgendwie hätte ich mir auch gewünscht, dass er niemals ein Ende nehmen würde. Doch die Realität holte mich unsanft wieder zurück, als ich sah, dass sich die amüsierte Stimmung inzwischen wieder in ein erwartungsvolles Schweigen verwandelt hatte. Ohne zu zögern, las ich weiter. Die alarmierenden Zuckungen im Rachenraum waren verschwunden, aber dennoch nutzte ich vorsichtshalber eine neue Schlucktechnik, damit meine Stimme auch bis zum Ende fließend blieb. Dann, etwa zehn Minuten später, war es endlich vorbei.

…oder fing es vielleicht danach erst richtig an?

Ich werde mir dazu noch etwas überlegen…

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