Kurzgeschichten

Das letzte Hemd

Die Contenance zu bewahren, auch wenn die Karten schlecht stehen, das war nur eines der vielen Dinge, die Jack in den letzten Monaten gelernt hatte – und er hatte eine ganze Menge gelernt. Er hatte gelernt, dass ein Drink in der richtigen Bar, zum richtigen Zeitpunkt und mit den richtigen Leuten, einem das Tor in eine völlig neue Welt öffnen konnte. Er hatte gelernt, dass sich hinter solchen Toren nicht nur geheime Hinterzimmer mit Pokertischen verbargen, sondern auch ungeahnte Talente steckten. Talente, die scheinbar sein ganzes Leben nur darauf gewartet hatten, von ihm entdeckt zu werden. Er, der einst talentlose und ewig nach Glück Suchende – in einem Nachtklub hatte er gleich beides gefunden.

Die Regeln des Pokerspiels hatte er schnell begriffen, aber das Spiel selbst verstand er erst wenige Runden später, in dem Augenblick, als er seinen ersten Royal Flash hinblätterte. Nein, Poker war nicht nur ein einfaches Kartenspiel, es war mehr. Es machte aus ihm einen völlig anderen Menschen. Hier an diesem Tisch, mit diesen Leuten, war er nicht mehr länger der einsame und unerwünschte Mann, der nur durch ein Klingelschild an seiner Wohnungstüre existierte und der die Regeln des Lebens nicht verstand und immer wieder verlor. Das Leben – sein Leben, war ein unfaires Spiel. Die Regeln ändern sich ständig, willkürlich, manchmal scheinbar ohne Sinn und Verstand. Sie zu verstehen, um mit dem Gegner mithalten zu können, schier unmöglich. Die Chance das Spiel des Lebens zu gewinnen war zu gering, das Pokerspiel hingegen gab ihm mit jeder neuen Runde eine Chance.

Denn wenn er pokerte, dann war er Jack der Spieler, der das Risiko liebte und bereit war alles zu geben, wenn die Chancen gut standen. Ein Gewinnertyp, den man mit Namen kannte und der freudestrahlend mit Handschlag begrüßt wurde. Junge, wo hast du letzte Woche gesteckt? Wir haben dich vermisst! Ja, er hatte gelernt, dass er es viel zu lange vermisst hatte, von jemanden vermisst zu werden. Und er hatte auch gelernt, dass Glück doch nicht nur die verhöhnende Metapher seines ewigen Wunschtraums war, dem er bis zu diesem schicksalhaften Drink noch verzweifelt hinterher gehechtet war. Hier hatte er das Glück kennengelernt. Es war zwar nicht immer auf seiner Seite, aber es hatte ihm oft genug beistanden, um an diesem Glücksgefühl weiter festhalten zu wollen – koste es, was es wolle.

Koste es, was es wolle…

Und noch etwas hatte er in den letzten Monaten, insbesondere aber an diesem Abend gelernt: dass das letzte Hemd genau so strahlend weiß und gebügelt sein musste, wie die Übrigen die er einst noch in Hülle und Fülle besessen hatte. Und: Die Contenance zu bewahren und bereit zu sein, auch das letzte Hemd zu geben, wenn es sein musste. Das war der kleine, aber bedeutende Unterschied, was einen guten Spieler von einem Schlechten unterschied, und er war immer ein guter Spieler gewesen – bis jetzt. Denn jetzt saß er da und löste instinktiv den Knoten seiner Krawatte, weil die Contenance, die er verzweifelt zu bewahren versuchte, plötzlich unerträglich heiß wurde. Er verbarg das Zittern seiner gepflegten Hände und spürte, wie sich unaufhaltsam kleine Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. Er spürte die bohrenden Blicke und diese stumme Frage im Raum. Eine Frage, die er noch nie in seinem Leben so gefürchtet hatte, wie in diesem Augenblick: „Was gedenkst du nun zu tun, Jack?“

Was er zu tun gedachte? Mit Nichts in den Taschen und mit einer halbfertigen Straße auf der Hand? Ja, es hätte ein Straight werden können und die Chance, dass die verdeckte siebte Karte ihm das fehlende Stück lieferte war mehr als nur Glückssache – Nein, es brauchte schon ein Wunder. Er wusste, wenn er jetzt verlieren würde, hätte selbst das Klingelschild an seiner Wohnungstüre keine Bedeutung mehr. Die dritte überfällige Monatsmiete lag inmitten dieses Tisches, seinen Wagen hatte er bereits schon letzte Woche verloren und das letzte Hemd lag auf seinem schweißnassen Körper. Die grelle Aussteiger-Warnleuchte in seinem Kopf hatte sich schon lange eingeschaltet. Vielleicht sogar schon in dem Augenblick, als er vor knapp zwei Stunden zögernd die Bar betreten hatte. Du bist einsam, unerwünscht und hast bereits schon alles verloren. Sieh es endlich ein, du bist und bleibst ein ewiger Verlierer. War das nicht sein Gedanke gewesen? Und war es nicht schon seit Tagen sein Gedanke gewesen? Ja, aber da war eben noch dieser andere, dieser hoffnungsvolle und vielversprechende Gedanke, der sagte: Du bist ein Gewinnertyp, das sieht man dir an. Du liebst das Risiko und bist bereit alles zu geben!

„Männer wie du, machen mich an!“, hörte er plötzlich ihre Stimme irgendwo in seinem Kopf. Ihr rotes Kleid, die blasse makellose Haut, ihre Lippen verführerisch rot. Eine Frau, die er sich nur in seinen wildesten Träumen vorgestellt hatte. Eine Frau, die ihn immer wieder mit ihren wunderschönen Augen fixiert hatte und ihm irgendwo zwischen einem „Ich gehe mit“ und „Ich will sehen“ plötzlich und unverhofft ihre Hand auf sein Bein legte und ihm dabei ein Lächeln, nach dem anderen schenkte. Das tat sie so lange, bis sie ihn schließlich zwei Stunden später in seinem Wagen verführte. In jener Nacht konnte er sie haben, weil er ein Gewinnertyp war. Er hatte sie für sich gewonnen und der Einsatz war noch nicht einmal besonders hoch gewesen. Das war Wochen her, aber jetzt? Jetzt saß Vivian auf der anderen Seite des Tisches. Und er wusste, ihre Hand lag jetzt auf einem anderen Bein. Er sah sie nicht an, aber er spürte ihren eindringlichen Blick. Er wusste, was sie vorhatte. Sie wollte spielen… mit ihm. Sie wollte ihn aus dem Konzept bringen, damit er einen Fehler machte.

„Jack?!“

Er sah auf. Kalte und ausdruckslose Augen fixierten und durchbohrten ihn. Ungeduldig und irgendwo in einer Wolke aus Zigarettennebel sah er schließlich auch Vivians Blick. Und es bedarf keinerlei gesprochener Worte, um zu wissen, was sie in diesem Augenblick dachte. Er spürte, wie das Blut in seinen Adern zu pochen begann, als er sich plötzlich einbildete, ihre Stimme zu hören. Du bist einsam, unerwünscht und hast bereits schon alles verloren. Sieh es endlich ein, du bist und bleibst ein ewiger Verlierer.

Du kleines dreckiges Miststück!, fast hätte er die Worte laut ausgesprochen, aber es war die Contenance, die ihn davon abbrachte. Diese verfluchte Contenance. Sich nichts anmerken zu lassen, keine Schwäche zu zeigen, dem Gegner gar nichts zu zeigen, außer einem siegessicheren Lächeln, verziert mit einem trügerischen Zucken im Gesicht – das Zucken eines Gewinnertyps, der die Niederlage erwartet.

„Jack, was ist bloß los mir dir? Ich würde die Runde hier gerne noch diese Nacht zu Ende bringen!“ Die Stimme von Harry klang fordernd, mit einem Hauch von amüsiertem Bedauern und Jack hasste ihn in diesem Moment dafür. Immerhin war er es, der jetzt seinen Wagen fuhr und er war es auch, der ihn in den letzten Wochen um eine Menge Geld gebracht hatte. Harry war nicht nur ein guter Spieler, er war der Pokerking und er war so überzeugt gewesen, ihm diesen Titel irgendwann nehmen zu können. Doch jetzt hatte er nichts mehr. Nichts mehr, außer einen unvollständigen Straight auf der Hand und das letzte Hemd am Körper.

Das letzte Hemd… bereit zu sein, auch das letzte Hemd zu geben, wenn es sein musste. Der kleine, aber bedeutende Unterschied, was einen guten Spieler von einem Schlechten unterschied… du bist ein guter Spieler. Geh mit, du hast nichts zu verlieren, weil du kein Verlierer bist!

„Ich gehe mit“, sagte Jack schließlich und seine Stimme war noch nie so gefasst, noch nie so ausdruckslos, noch nie so kühl. Dann, begann er die Krawatte von seinem Hals zu lösen.

„Einsatz?“ Harry tippte fordernd mit dem Finger auf die Scheine zu seiner Rechten. Jack stand auf und hob die Hand, und bat um einen kurzen Augenblick der Geduld. Schließlich begann er langsam die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen.

„Was wird das jetzt?“ Harry runzelte die Stirn und auch alle anderen Anwesenden, Vivian inbegriffen, starrten ihn fragend an. Unbeeindruckt zog Jack das Hemd aus und warf es auf den Haufen Geldscheine. Fassungslos blickten alle Augen auf den strahlend weißen Stoff, durchtränkt vom Schweiß der Contenance.

„Ich gebe mein letztes Hemd. Es ist ein Erbstück meines Vaters – das Emblem am Kragen dürfte alles erklären.“

„Dein letztes Hemd?“ Harry lachte laut und schallend. „Wir hätten uns aber auch über einen Schuldschein unterhalten können, Jack. Wenn du Geldschwierigkeiten hast, hättest du das nur sagen müssen, das hier ist doch albern!“

„Spielschulden sind Ehrenschulden. Meiner Ehre möchte ich allerdings nichts schuldig bleiben, von daher, setze ich das Letzte, was meiner Ehre noch geblieben ist – das Hemd ist mindestens Dreihundert wert.“

„Du scheinst dir deiner Sache aber ziemlich sicher zu sein, wenn du dein letztes Hemd, und dazu auch noch ein Erbstück, opferst!“

Jack nickte und lächelte kühl.

„Okay, ich will sehen!“, sagte Harry entschlossen. Und mit zittrigen Fingern legte Jack sein Karten offen und als er das alles Entscheidende verdeckte siebte Blatt aufdeckte, blieb ihm vor Aufregung fast das Herz stehen. Das Wunder – auch wenn er nicht mehr daran geglaubt hatte – war geschehen. „Straight“, sagte Jack und sah seinem Gegner scharf in die Augen.

„Verdammter Hurensohn!“, rief Harry und schleuderte seine Karten ärgerlich von sich. Dann lachte er plötzlich. „Du kannst dich wieder anziehen Jack, die Runde geht an dich!“

Jack lächelte, als er die Scheine vom Tisch kratzte und er lächelte noch mehr, als er sein Hemd wieder anzog. Dann stand er auf.

„Willst du etwa schon gehen?“ Es war Vivian, die ihm diese Frage stellte und in ihrer Stimme lag ein Hauch von sehnsüchtiger Enttäuschung.

„Ja“, sagte Jack. „Denn ich habe heute etwas sehr Entscheidendes gelernt: Die Chance, alles zu verlieren was man hat, ist größer, als die Chance sein letztes Hemd wieder zu gewinnen. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend und Vivian: Für diesen geringen Einsatz von damals, warst du es wert!“

Dann ging er und kam nie wieder.

ENDE

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