Geschichten aus dem Leben / Kurzgeschichten

Der Hustenreiz

Ein Husten, das unwillkürliche explosionsartige Ausstoßen von Luft, die natürliche Reaktion des Körpers, um die Atemwege von Substanzen zu reinigen, die diese belegen oder verengen könnten – so in etwa lautet die genauere Definition – kann sich wahrhaftig zu einem waschechten Problem entwickeln, wenn man es zu lange unterdrückt. Diese unliebsame Erkenntnis erlangte ich in dem Augenblick, als das stetige Kribbeln in meinem Hals, sich plötzlich in ein forderndes Kratzen verwandelte. Es war wie, als hätte eine Substanz bewaffnet mit einer Nagelwalze – so kam es mir jedenfalls vor – sich in meinem Rachenraum niedergelassen, um ein Gefühl auf die Spitze zu treiben, das schon seit dem ich den Saal betreten hatte, mein ständiger Begleiter war.

Das anfängliche Unbehagen, was dem Begriff Lampenfieber wahrscheinlich sehr nahe kam, hatte sich in eine unerträgliche Anspannung verwandelt, die meinen Körper so verkrampfen ließ, dass es in sämtlichen Muskeln schmerzte. Selbst meine Füße, die mir bis vor wenigen Minuten noch als wippendes Druckablassventil über meine Nervosität hinweg geholfen hatten, waren in meinen neuen Schuhen (die ich mir extra für diesen Anlass gekauft hatte) zu zwei leblosen dicht aneinanderklebenden Kloben erstarrt. Doch es war nicht allein die Sorge einem unkontrollierten Hustenanfall zum Opfer zu fallen, dass ich mich plötzlich so unwohl fühlte. Es lag auch nicht an diesem wuchtigen Pult, an dem ich saß und mir dabei fast wie ein Winzling am Schreibtisch von Rübezahl vorkam. Es lag auch nicht an dieser grellen Tischleuchte, die seit etlicher Zeit und in einem ziemlich ungünstigen Winkel meinem Gesicht entgegen glühte. Und es war auch nicht dieser unbequeme Stuhl, der sich unter meinem Gesäß wie ein kalter Stahlklotz anfühlte und der mich deshalb auch immer wieder dazu zwang meine Sitzposition in eine Erträglichere zu ändern. (Nebenbei bemerkt: Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, wie viele einzelne Stellen eines menschlichen Hinterteils, allein nur durch das Sitzen auf einem harten Stuhl zu schmerzen beginnen konnten.) Nein, es war auch nicht das aufgeschlagene Buch, aus dem ich gerade vorlas – der eigentliche Grund, warum sich meine Kehle wie eine trockene Wüste anfühlte und mich deshalb auch buchstäblich nach dem Glas Wasser zu meiner Rechten verzehrte. Das eigentliche Problem befand sich auf der anderen Seite des Raumes. Es saß mir geradewegs gegenüber, auf Stühlen verteilt, in einem Halbkreis um meinen Tisch angeordnet und es beobachtete mich mit stechenden Blicken.

Es gibt doch keine persönlichere Art und Weise sein eigenes Buch zu bewerben, indem man es live der Öffentlichkeit präsentiert und es wäre doch toll, wenn du damit in deinem eigenen Wohnort anfangen könntest, so hatte Johanna Rosenbaum es gesagt und es war auch das einzige Argument, dass mich überzeugen konnte, mich an einem Freitagabend in einen Raum des Lanzenberger Gemeindehauses zu setzen und der Dorfgemeinschaft einen Abschnitt aus meinem Buch vorzutragen. Blütenstaub, so lautete der Titel dieser Komödie, in der es um die scherzhafte Darstellung der größten menschlichen Schwäche, um die Liebe, ging. Es war mein erstes veröffentlichtes Buch und somit auch meine erste Lesung vor Publikum. Und so wie ich mich in diesem Augenblick fühlte, war ich mir ziemlich sicher, dass es auch meine Letzte gewesen sein würde. Irgendetwas stimmte nicht. Die Menschen in diesem Saal, hatten etwas an sich, was ich noch nicht richtig definieren konnte. Es war noch zu fadenscheinig, um es in Worte fassen zu können. Aber mit jeder weiteren Sekunde, die ich zusammen mit diesen Leuten in diesem Raum verbringen musste, stieg meine Befürchtung, dass es nichts Gutes war. Das war beunruhigend. Nein, mehr als das, es macht mir Angst. Dieses plötzliche Rampenlicht machte mir Angst und ich wünschte mir auf einmal nichts Sehnlichster, als die Zeit zurück, als noch niemand etwas von meiner heimlichen Leidenschaft geahnt hatte. Die Zeit, in der es noch niemanden interessierte, dass ich dafür manchmal tagelang das Haus nicht verließ, nicht ans Telefon ging und eigentlich nur noch auf dem Klingelschild meines Hauses existierte. Nicht mehr existent für die reale Welt zu sein, niemanden sehen und hören zu müssen, von niemanden gesehen und gehört zu werden, das waren die optimalen Verhältnisse, um im Verborgenen das tun zu, was man eben nur dann tun konnte, wenn man alleine war.

Ein Teenager, dessen Eltern erstmals ohne ihn über das Wochenende in den Harz fuhren, würde diese optimalen Verhältnisse vielleicht nutzen, um zwei Tage lang die Anarchie ausbrechen zu lassen. Er würde sämtliche Regeln brechen, die fettige Pizza mit den Fingern essen, ohne diese vorher gewaschen zu haben. Er würde dabei die Füße auf den Tisch legen, den Teppichboden vollkrümeln, und abends den Fernseher weitaus länger als zweiundzwanzig Uhr laufen lassen. Vielleicht würde er auch mit Mamas teurer Porzellanente im Arm zu Billy Talent abrocken, während er ihre strafenden Blicke auf den Familienfotos an der Wand verhöhnte. Vielleicht würde er im Anschluss noch ins Elternschlafzimmer gehen, um sich Papas schlecht versteckte Playboyhefte anzusehen. Egal was er auch in dieser Zeit tat, er würde diese kurzzeitige Gesetzlosigkeit ausnutzen, um all das zu tun, was verboten war, oder sich auch nur verboten anfühlte und er würde helle Freude daran haben.

Auch ich hatte helle Freude daran, wenn ich in meinem Arbeitszimmer das tat, was ich eigentlich immer tat, wenn ich alleine war, und seit dem ich wieder in Lanzenberg wohnte, war ich oft alleine. Das Resultat dieses Alleinseins war grundsätzlich nichts Verbotenes, das wusste ich, aber es war dennoch etwas, was ich lieber im Verborgenen halten wollte. Vielleicht, weil es sich manchmal doch verboten anfühlte, wenn ich mich voll und ganz meinen Gedanken und Vorstellungskräften hingab? Ich war eine erwachsene Frau, mittlerweile schon Anfang dreißig, das war nicht gerade ein Alter, in dem man sich üblicherweise in Fanatsiewelten bewegte, die manchmal fern ab jeglicher Realität waren. Aber ich tat es dennoch und ich schrieb Geschichten darüber. Ich konnte gar nicht anders, es war wie eine Sucht. Eine Art Gut-Fühl-Dämon, der mich beherrschte und meine Sinne betäubte, wenn ich in eine andere und viel bessere Welt eintauchte, in der Kummer und Leid ebenso wenig Platz hatten, wie Ängste und Schicksalsschläge. Der alltägliche Horror, er wurde in meiner Welt einfach zu Metaphern des Ulks, und er verlor für mich somit auf sanfte Weise seine grauenhafte Bedeutung. Und dieses Blendwerk meiner Fantasie in Form von humorvollen Geschichten niederzuschreiben, das war meine Form der Anarchie, die ich während dieser optimalen Verhältnisse auslebte und von der vorher niemand auch nur annähernd etwas geahnt hatte. Und ich bin mir sicher, dass es auch noch lange so geblieben wäre, wenn Johanna Rosenbaum nicht vor weniger als sechs Monaten, mich während einer dieser optimalen Phasen gestört und durch einen dummen Zufall an das Manuskript von Blütenstaub gelangt wäre.

Johanna Rosenbaum, die leidenschaftliche Endfünfziger-Floristin und Besitzerin des Lanzenberger Blumengeschäftes, stand eines abends unerwarteterweise vor meiner Haustüre und wollte nur mal auf einen Tee vorbeischauen, so jedenfalls hatte sie es damals gesagt und dabei ihr übliches frömmlerisches Lächeln aufgelegt. Aber ich wusste, dass wenn Johanna nur mal auf einen Tee vorbeischauen wollte, sie entweder wieder einen Streit mit ihrem Mann hatte, oder in Lanzenberg irgendetwas Spektakuläres geschehen sein musste, das nicht bis zum nächsten Tag warten und auch nicht per Telefon besprochen werden konnte. Aber diesmal hatte es keinen Streit mit Ludwig gegeben, was schon ein kleines Wunder war. Nein, Johannas Anliegen war diesmal wieder einer dieser umgestürzten Lanzenberger Reissäcke. Der sprichwörtliche „umgefallene Sack Reis“, also ein Ereignis, für das sich gewöhnlich niemand auf der großen weiten Welt interessierte, bedeutete hier in dieser ländlichen Gegend aber entweder eine riesige Sensation, oder ein waschechter Skandal. Wobei es letztendlich aber dann doch immer irgendwie beides war. Und gleich, nachdem ich Johanna die erste Tasse Tee eingeschenkt hatte, brach sie auch sofort mit ihren Neuigkeiten los.

Ich wusste nicht, warum Johanna sich so echauffierte, weil eine gewisse Eva Fendler aus der Neumannstraße schon wieder schwanger war. Vielleicht lag es daran, dass Johanna noch zu der Generation gehörte, die es fast schon als Straftat ansahen, wenn man im unverheirateten Zustand Kinder zeugte. Vielleicht hatte es auch etwas damit zu tun, dass diese besagte Eva Fendler mal ein Techtelmechtel mit ihrem Sohn Thomas hatte. Was immer sie auch an Eva Fendlers erneuter Schwangerschaft auszusetzen hatte, es wurde mit einem Mal vollkommen unwichtig, als Johanna plötzlich das mit Wollfäden zusammengehaltene Bund Blätter aus dem Stapel Rätselzeitschriften und Illustrierte zog, den ich für den nächsten Gang zur Mülltonne zurechtgelegt hatte. Mein Gefühl war in diesem Augenblick wie eingefroren. Ein kurzzeitiger Schockzustand, sowie er meist dann auftrat, wenn man überraschend mit einem Beweisstück einer vertuschten Schandtat konfrontiert wurde. Eben ein solcher, der neben plötzlichen Schweißausbrüchen häufig auch den üblichen Ich kann das erklären! Satz mit sich brachte. Aber ich wollte es gar nicht erst so weit kommen lassen, ihr irgendetwas erklären zu müssen.

Ich hatte Blütenstaub damals wenige Tage zuvor beendet, befand die Geschichte letztendlich aber für so schlecht, dass ich die ganze Story einfach ins Altpapier beförderte. Natürlich war es nicht gerade der Platz, an dem meine fertigen Geschichten üblicherweise landeten. Und hin und wieder hatte ich schon darüber nachgedacht den Schritt zu wagen und ein fertiggestelltes Manuskript an einen entsprechenden Verlag zu senden. Dieser Gedanke kam meist dann, wenn ich nach Wochen, oder Monaten endlich ein Ende unter eine Geschichte geschrieben hatte und ich mir im Anschluss die Wofür? Frage stellte. Aber es war immer wieder dieser Zwiespalt, der mir zum einen sagte, dass meine Geschichten gar nicht so schlecht seien und vielleicht wirklich eine Chance bestünde, dass sie abgedruckt werden könnten. Aber zum anderen gab es da noch diesen Selbstzweifel, der immer wieder mit ein und demselben Gedanken siegte: die Vorstellung, wie ein Lektor eines Verlages die erste Seite überfliegt, seufzend einen Schluck aus seiner Kaffeetasse nimmt und sagt: Mann, selten so eine Scheiße gelesen! Und dann würde er das Manuskript wieder schließen, sich nochmals den Namen des Verfassers anschauen und sagen: Lisa Sander, aus Lanzenberg. Sieh es ein, du bist und bleibst unfähig! Dein Name wird niemals bekannter werden, als die der gescheiterten Kandidaten einer Talentshow.

Damit war der Ofen dann auch schon wieder aus. Die Wozu? Frage wich einer großen schweren Eichentruhe. Dieses Familienerbstück war eine Art heiliger Schrein, in dem all meine Niederschriften letztendlich ihr wahres Ende fanden. Ausgenommen Blütenstaub, diese Geschichte hatte in meinen Augen noch nicht einmal die kostbare Truhe verdient. Warum musste Johanna auch gerade diesen Schund in die Finger kriegen? In meinem ersten Entsetzten hatte ich einfach versucht ihr das Skript aus der Hand zu reißen, stellte währenddessen aber fest, dass ich mir dabei nicht sehr viel Mühe gab. Es war wie, als würde irgendein Teil von mir plötzlich wollen, dass Johanna diese Geschichte las, aber genau dieser Teil wollte das dann auch wieder nicht. Es war wieder diese Mischung aus Stolz und Schüchternheit. Wobei bei dieser Geschichte die Schüchternheit den Stolz bei weitem überragte, denn ich war nicht wirklich stolz auf diese Liebesgeschichte, in der eine junge Frau das Verliebtsein eher wie eine ernsthafte Psychose erlebte, die am Ende fast schon an Schizophrenie grenzte. Ich fand die Idee, einer von Gefühlen geplagten Frau inneren Stimmen zu geben, die ich zum einen Goodgirl und zum anderen Badgirl getauft hatte, nicht nur abgedroschen, sondern auch ziemlich…schrecklich. Ich wollte humoristisch schreiben, vielleicht war mir das auch in Blütenstaub gelungen, aber dennoch hatte ich während dem Schreiben kein gutes Gefühl gehabt. Der Gut-Fühl-Dämon wich mit jeder weiteren Seite, die ich schrieb und am Ende hatte sich meine Form der Anarchie nicht nur verboten, sondern sogar richtig falsch angefühlt.

Johanna hatte meinen halbherzigen Kampf um diesen Schund schnell gewonnen und somit diese scheinbar nahezu unglaubliche Entdeckung an sich gerissen. Und völlig unbeeindruckt von meinen Einwänden, die eher einem zusammenhangslosen Gestammel wie: Nee, bitte nicht…lass das…wolltest Du nicht noch einen Tee?, hatte Johanna bereits schon die erste Seite aufgeschlagen und zu lesen begonnen. Eine unerträgliche Situation, die mich fast dazu gebracht hätte, fluchtartig den Raum zu verlassen. Ich wollte nicht den gefürchteten Lektoren Gesichtsausdruck in Johannas Gesicht sehen müssen. Johanna war keine besonders gute Schauspielerin. Sie gehörte zu der Sorte Mensch, die ohne es zu wollen, ihren Unmut über die Körpersprache zum Ausdruck brachten. Und wenn Johannas Körper Beanstandungen aussprach, dann tat er es mit jedem einzelnen Teil.

Aber ich blieb. Ich rechnete zwar mit dem Schlimmsten, aber ich blieb dennoch sitzen und nahm mir einfach vor es mit Fassung zu tragen. Ich würde Johannas Kritik hinnehmen und diese dann mitsamt dem Schund einfach in die Tonne kloppen. Ja, das hatte ich mir vorgenommen. Und dann, irgendwann nach unerträglich langen Minuten, hatte Johanna plötzlich aufgesehen und mich mit offenem Mund und Augen angestarrt. Lisa Sander schreibt Geschichten und ich weiß nichts davon? , hatte sie gesagt. Und während sie das sagte, hatte es den Anschein, als versuche sie meine ganze Persönlichkeit neu zu definieren. Es schwebten plötzlich viele stumme Fragen im Raum, und es lag dieser So kenne ich dich gar nicht! Ausdruck in ihren Augen. Und auch wenn ich zunächst nicht verstanden hatte warum ich es tat, aber ich hatte diesen ganz speziellen Ausdruck genossen. Ich hatte ihn genossen, weil er nichts Abwertendes hatte. Im Gegenteil, Johanna schien begeistert und als sie schließlich sagte: Lisa Schätzchen, das ist richtig gut! hatte die Wozu? Frage plötzlich eine ganz neue Bedeutung für mich bekommen. Ich hatte eine Geschichte geschrieben – wenn auch in meinen Augen eine ziemlich Schlechte – deren Anfang schon mal einer Johanna Rosenbaum gefiel. Das war gut. Nein, das war sogar überwältigend und sehr viel angenehmer, als dieser niederschmetternde Lektorengedanke.

Darf ich es mitnehmen?, hatte Johanna später gefragt und als ich ihr mit einem gleichgültigen Mach doch damit, was du willst! zustimmte, hatte ich noch nicht einmal annähernd geahnt, dass Johanna mich Tage später mit ihrem plötzlichen Enthusiasmus dazu brachte, ein überzeugendes Exposé zu Blütenstaub zu schreiben und es schließlich dem deutschen Schriftstellerband zur Verfügung zu stellen. Sechs Monate lang tat sich nichts, und ich hatte diese Geschichte schon fast vergessen, als plötzlich dieser Brief eines Kleinverlages ins Haus flatterte. Und dieser Brief brachte mir nicht nur große Verblüffung, sondern auch gleich meinen ersten Autorenvertrag, inklusive Tantiemen. Die Auflage war nicht besonders hoch gewesen, aber immerhin so hoch, dass mindestens die Hälfte der Menschen, die sich an diesem Freitagabend im Gemeindehaus eingefunden hatten, ein solches Exemplar auf ihrem Schoß liegen hatten. Auch daran war Johanna nicht ganz unschuldig gewesen, denn immerhin hatte sie genug Exemplare davon in ihrem Blumengeschäft ausgelegt und mich nach einer erstaunlich kurzen Zeit bereits schon um Nachschub gebeten. In Leuten Dinge aufschwatzen, war Johanna scheinbar wirklich unschlagbar gewesen, denn immerhin hatte sie es sogar noch geschafft Eckart Wehmeier, dem Inhaber des einzigen Lanzenberger Lebensmittelgeschäftes, dazu zu bringen Blütenstaub auch an seiner Kasse auszulegen.

Und dieses bescheuerte Buch, mit dem bescheuerten rosafarbenen Einband und mit dieser noch bescheuerteren abgebildeten Rose vorn auf dem Cover, nun in den Händen, oder auf dem Schoß liegend, oder aus Taschen blitzend zu sehen, das war ein Anblick, mit dem ich mehr zu kämpfen hatte, als mit der eigentlichen Tatsache, für Marketing Zwecke in der Öffentlichkeit aus genau diesem Buch vorzulesen zu müssen. Ich hatte ein Buch geschrieben und die Menschen in diesem Raum hatten es gekauft. Und es war anzunehmen, dass sie es auch gelesen hatten. Es fühlte sich so unwirklich und so fremd an. Das grenzte nicht nur an Bloßstellung, sondern war zugleich auch irgendwie unheimlich. Und genau dieses Unheimliche schien sich an diesem Abend zu einem großen unguten Etwas zusammenzubrauen, denn diese stechende Aufmerksamkeit brannte plötzlich wie Feuer auf meiner Seele. Das, was sich zuvor noch zu unwirklich anfühlte, um es beschreiben zu können, bekam langsam eine dünne Silhouette. Es war fast greifbar, aber ich scheute es, sie zu berühren. Es war bedrohlich. Und dieses Kratzen im Hals, versetzte dieser Bedrohung einen unaufhaltsamen Countdown.

Wer unsicher ist, macht Fehler und wer Fehler macht, kann sehr schnell zum Gespött einer ganzen Nation werden! Ich hatte keine Ahnung, woher diese Gewissheit auf einmal kam, und ich hätte in diesem Augenblick auch gern auf sie verzichtet. Aber sie war da, und sie ließ sich auch so ohne weiteres nicht wieder verdrängen, denn ich fühlte mich wahrhaftig unsicher. Das Problem lag immer noch auf der anderen Seite des Raumes. Dort, wo diese Stühle im Halbkreis aufgereiht waren. Ein Anblick, der mich schon seit dem ich den Saal betreten hatte, an ein höhnisches Grinsen erinnerte. Ich hatte versucht es zu ignorieren, aber es war dennoch da. Das Grinsen einer Lanzenberger Nation, in dem ich immer wieder diese vielen spitzfindigen Spottzähne aufblitzen sehen konnte. Spottzähne, die so verdammt gefährlich werden konnten, wenn sie nach einem schnappten. Und die Lanzenberger Dorfgemeinschaft war besonders geübt im Schnappen, das wusste ich. Ich hatte es damals oft genug erlebt. Vielleicht schon zu oft, als dass ich mir ihrer Gefährlichkeit nicht mehr bewusst gewesen wäre. Und auch, wenn ich ihnen bis zuletzt fünfzehn Jahre lang den Rücken gekehrt hatte, wußten sie immer noch, wer ich war.

Und wer war ich?

Ich war Lisa Sander, das Endergebnis einer Liebesnacht von Erwin Sander, dem Lanzenberger Bankchef und Maria Sander, einer Lehrerin. So ausgedrückt klang es harmlos, fast schon etwas zu gewöhnlich. Obwohl der Beruf eines Bankers nie wirklich gewöhnlich sein konnte, denn immerhin gehörte er zu den Berufen Deutschlands, die ein hohes Ansehen in der Gesellschaft erlangten. In Lanzenberg war das zumindest der Fall gewesen. Da war das Beamtendasein meiner Mutter schon etwas gewöhnlicher, auch wenn die Lehre von Mathematik und Naturwissenschaften für viele nicht weniger ansehnlich gewesen war. Gewöhnlich oder nicht, es war ohnehin nur ein einladendes Blendwerk sich als „Tochter von und zu“ vorzustellen, denn das hatte meist zu Folge, dass die Menschen ganz automatisch der Meinung waren, dass man allein vom genetischen Aspekt her genau so ansehnlich war wie seine Eltern. Für gewöhnlich war das bestimmt auch der Fall, doch manchmal verbarg sich hinter solch ansehnlichen Konstellationen eine Wahrheit, die dann doch etwas anders klang. Vielleicht klang sie sogar so, wie meine Eltern es damals immer stumm getan haben, wenn sie mich irgendwo vorgestellt hatten?

„Das ist Lisa! Nein, sie ist nicht unsere Tochter. Um Gottes willen, nein! Das kann allein vom genetischen Aspekt her schon nicht der Fall sein. Wissen sie, sie ist nämlich unfähig. Das bedeutet, dass sie nicht fähig ist, ihr Denken und Handeln unter Kontrolle zu halten. Eigentlich ist sie noch nicht mal fähig überhaupt irgendetwas richtig zu machen. Keine Ahnung, woher sie gekommen ist. Vielleicht ist sie in der Klinik vertauscht worden, oder vielleicht hat Satan uns sie auch geschickt. Aber was soll man machen? Shit happens! Lisa, sag wenigstens H-a-l-l-o zu dem netten Onkel!“

Ja, so in etwa hätte die Wahrheit damals klingen können, wenn meine Eltern sie jemals laut ausgesprochen hätten. Aber auch wenn sie diese Wahrheit lieber im Verborgenen halten wollten – jedenfalls haben sie es des guten Rufes Willen immer wieder versucht – war es genau das, was immer wieder Teil der Lanzenberger Dorfgespräche gewesen war. Gespräche, die man natürlich immer nur hinter hervorgehaltener Hand führte. Aber genau das war der versteckte Beweis, dass man die Wahrheit auf Dauer nicht mehr verbergen konnte. Nicht in solch einem hellhörigen kleinen Dorf, in dem stets aus einem harmlosen Sack Reis gleich ein komplett verdorbenes Reisfeld gemacht wurde. Nicht wenn man irgendwann zur Schule gehen musste und – ob man es wollte, oder nicht – immer wieder auf Menschen traf, die es förmlich darauf angelegt hatten die Wahrheit aus einem herauszuquetschen.

Geistig unfähig zu sein, also nicht fähig zu sein sich, sein Denken und Handeln unter Kontrolle zu halten. Nicht fähig zu sein, überhaupt irgend etwas richtig zu machen, diese Plakette klebte auch noch nach fünfzehn Jahren an mir wie eine Tätowierung, die sich einfach nicht mehr entfernen ließ, das spürte ich. Es war wie dieses unveränderliche Kennzeichen, sowie es oft in diesen „Meine Schulfreunde“ Büchern erfragt wurde und dort immer so Dinge standen wie: Narbe an der Stirn, Muttermal am Unterarm, oder das schrillste Kichern aller Zeiten. Mein unveränderliches Kennzeichen aber war schlicht weg, eine unfähige Sander Tochter zu sein. Und ich wusste, dass die Lanzenberger auch jetzt wieder genau dieses Kennzeichen im Visier hatten. Ich konnte diese bohrenden Blicke fühlen. Blicke, die ich mir in diesem Moment nicht vorzustellen wagte, es aber dennoch tat, weil ein Teil meines Hirns mich dazu brachte. In Gedanken sah ich schon, wie all diese Menschen in diesem Raum siegessicher ihre Arme verschränken, dabei ihre Köpfe dem nächsten Nachbarn zuwandten, um sich gegenseitig darauf vorbereiteten, dass ich den Kampf gegen das Unvermeidliche bald verlieren würde. Ich konnte sie hören, ihre Stimmen, ihre Gedanken und plötzlich flüsterte es aus allen Ecken: Seht ihr, gleich ist sie so weit! Gleich wird sie zugeben müssen, dass sie noch nicht einmal imstande ist, die natürlichen Reaktionen des Körpers unter Kontrolle zu halten! Wir wussten es schon immer! Lisa Sander aus Lanzenberg, ist und bleibt unfähig!

Mit dem Gedanken tat sich plötzlich das Gefühl in mir auf, als wäre der ganze Saal schlagartig voll mit fremden Substanzen und meine Kehle fühlte sich jetzt noch viel schlimmer als eine staubige Wüste an. Hitze stieg mir in den Kopf, und diese kam diesmal nicht von der Lampe. Ich spürte, wie sich kleine Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten und ich ahnte, dass diese nicht lange darauf warten würden, sich ihren Weg durch mein Make-up zu bahnen, um schließlich als schmierige braune Tropfen von meiner Nase zu hüpfen. Sie würden sich dann entweder auf meiner weißen Bluse, oder der hellen Hose ausbreiten und ziemlich unschöne Flecken hinterlassen. Ich schluckte verzweifelt und als ich das tat, schien sich mein Hals dadurch nur noch mehr zu verengen. Meine Finger begannen zu zittern und als ich erschrocken feststellte, dass dieses Buch in meinen Händen es ebenfalls tat, war es wie, als würden sämtliche für Reaktionen verantwortlichen Systeme außer Kontrolle geraten. Wieder hörte ich ihr Flüstern: Seht ihr, gleich ist sie so weit!

Reiß dich verdammt nochmal zusammen, befahl plötzlich eine Stimme irgendwo in meinem Kopf. Spott und Hohn, ist ihre einzig wirksamste Waffe gegen dich. Du weißt doch, wie das läuft. Sie trampeln dich so nieder, dass am Ende nichts weiter von dir übrig bleibt, als ein kläglicher Haufen Dreck. Ein Haufen staubiger Dreck, auf glühendem Asphalt….erinnerst du dich nicht? Bei diesem Gedanken versagte plötzlich meine Stimme und ging in ein leises Krächzen über. Räuspern!, dachte ich und geriet in Panik. Räuspern, oder Wasser trinken! Aber ich konnte weder das eine, noch das andere tun.

…erinnerst du dich nicht?

Doch natürlich erinnerte ich mich und das war auch der Grund, warum das Glas Wasser zu meiner Rechten immer mehr in unendlich weite Ferne rückte. Diese verdammte Erinnerung, brachte mir plötzlich nicht nur den staubigen Geschmack von trockenem Asphalt, sondern auch gleich diese brennende Hitze, die von solch einem Straßenbelag ausgehen konnte, wenn er nur lange genug einer heißen Juni Sonne ausgesetzt war. Eine glühende Herdplatte aus Teer…eine ziemlich große glühende Herdplatte…eine Herdplatte, auf der man sogar…

Schluss damit! , zischte ich lautlos und zwang mich somit gewaltsam zur Ruhe. Aus dem Augenwinkel sah ich das Glas und auch, wie es mir mit seinem kostbaren Inhalt entgegen glitzerte. Irrsinnigerweise musste ich in diesem Augenblick an einen Malwettbewerb denken, den einst irgendeine Umweltorganisation für Kinder von 7 bis 12 ins Leben gerufen hatte. Wasser ist Leben, so lautete damals das Thema und hätte ich gewusst, dass ich Jahrzehnte später hier sitzen und mich wahrhaftig so fühlen würde, als hänge mein ganzes Leben von diesem Element ab, dann hätte ich mir damals mit Sicherheit mehr Mühe gegeben und dafür gesorgt, dass ich wenigstens unter die ersten zwanzig gekommen wäre. Aber Malen und Zeichnen war noch nie mein Ding gewesen, genauso wenig wie heißer staubiger Asphalt mein Ding war und zum Gespött einer Lanzenberger Nation zu werden schon gar nicht. Und deshalb bedeutete das Wasser neben mir auch plötzlich nicht mehr Leben, es bedeutete nasses Überleben. Und ich wusste, wenn ich das hier überleben wollte, dann musste ich dieses verdammte Wasser trinken, koste es was es wolle…und es wird dich eine Menge Punkte auf der Fähigkeitsskala kosten, Lisa! Alle Menschen in diesem Raum würden es sehen, wenn du auch nur versuchen würdest, dich diesem Überlebenselixier zu nähern. In diesem Augenblick verpuffte mein koste es was es wolle Gedanke wie…wie ein Tropfen Wasser auf heißen Asphalt…und es mir blieb nur noch diese andere, vielleicht sogar die einfachste Möglichkeit diesen Dreck in meinem Rachenraum mit einem Male dorthin zu befördern, wo er hingehörte.

Aber war das wirklich die Lösung?

Konnte man einen drohenden Hustenanfall mit einem kleinen, vielleicht sogar fast lautlosen Räuspern abwenden? Natürlich wußte ich, dass das möglich war und ich hätte mich in diesem Augenblick gerne selbst für diesen unnötigen Zweifel geohrfeigt, denn er brachte mir nicht nur einen weiteren Schweißausbruch, sondern auch gleich wieder diese verhasste Was wäre, wenn? Frage. Was wäre, wenn…ich gerade durch dieses Räuspern, erst recht einen unkontrollierbaren Hustenanfall heraufbeschwören würde? Vielleicht sogar einer von der Sorte, den man hierzulande als erste Sahne bezeichnete? Etwa ein solcher, der den Kopf von null auf hundert in Puterrot verwandelte, und der Stimmbänder und Zäpfchen so miteinander verkrampfen ließ, dass aus dem Mund nur noch eine Art Gebell ertönte? Ja, und wenn diese Phase dann überstanden war, dann würde man obendrein noch dem Antlitz eines Fisches auf dem Trockenen gleichen, der mit weit aufgerissenen Augen nach Sauerstoff rang. Wer weiß, vielleicht würde man im Anschluss auch noch ersticken? Ersticken, an einer nicht sichtbaren Substanz, die ihre Atemwege nicht nur belegte, sondern am Ende auch noch gleich ganz vernichten würde? Konnte man aus Angst, dass man zum Gespött einer ganzen Nation werden könnte, ersticken?

Verdammte Scheiße, ich muss doch nur husten, dachte ich gequält. Es waren nur noch fünf Seiten, bis zum Ende. Fünf lange Seiten, die mir wahrscheinlich noch die Hölle auf Erden bescheren könnten, wenn nicht bald ein Wunder geschah. Und während ich mit meiner malträtierte Stimme, die sich nur noch irgendwo zwischen einem beklemmten Schlucken und Einatmen aufrecht halten konnte, weiter aus Kapitel 3 vorlas, schwand meine Hoffnung auf Wunder mit jedem weiteren Wort.

„Egal, was er jetzt auch tun wird, ich werde es hinnehmen“, dachte Jill mit Unterstützung von Goodgirl und drückte mit zittrigen Fingern auf die Klingel. Aber Badgirl rächte sich prompt für diese Entschlossenheit und rief: „Stop! Wenn du es in Würde hinnehmen willst, solltest du dich nochmal vergewissern, ob die Frisur sitzt, der Hosenstall geschlossen, und auch kein Klopapier unter deinem Schuh klebt. Ist ja nicht so, als sei dir das noch nie passiert, gell? Auch solltest du überprüfen, ob sich in deinem Gesicht nicht etwas befindet, was da nicht hingehört…und ich finde, da gehört `ne ganze Menge nicht hin!“

Mit letzter Kraft hatte ich den letzten Satz ausgespuckt, bevor meine Stimme gänzlich versagte, weil meine Lunge sich nun endgültig verkrampfte und zum Husten ansetzte. Zu meiner eigenen Überraschung erfüllte genau in diesem Augenblick eine Lachsalve den Raum. Es hatte ein klein wenig gedauert, bis ich begriff, dass diese nicht mir, sondern Badgirl galt. Das Wunder war geschehen und ich glaube, ich habe noch nie ein Wunder mehr zu schätzen gewusst, als in diesem Augenblick. Meine Zuhörerschaft war abgelenkt und ich nutzte diese plötzliche und wohl auch einzige Chance, griff ohne weiter zu zögern nach dem Glas Wasser zu meiner Rechten und nahm einen hastigen Schluck. Das kühle Wasser fühlte sich wie Balsam an, als es mir den Rachen hinunter rann und der Wunsch nach mehr wurde fast unerträglich. Schnell nahm ich noch einen weiteren Schluck, um auch ganz sicher zu gehen, dass der letzte Abschnitt der Vorlesung ohne plötzlichen Hustenreiz, oder Stimmverlust von statten gehen konnte. Dann stellte ich das Glas schnell wieder zurück. Scheu hob ich den Kopf. Niemand schien etwas bemerkt zu haben. Das beruhigte mich ein wenig und brachte mir sogar den irrsinnigen, aber dennoch erheiternden Gedanken, was passieren würde, wenn das alarmierende Glucksen in meinem Magen, sich plötzlich zu einem unvermeidlichen Aufstoßen entwickeln würde. Was würde passieren, wenn man auch diese natürliche Reaktion unterdrückte? Was würde überhaupt passieren, wenn man sämtliche Körperöffnungen zum Luftablassen verschließen würde? Würde man vielleicht wie ein Luftballon zerplatzen?

Innerlich schien mein Witz kein Ende nehmen zu wollen und irgendwie hätte ich mir auch gewünscht, dass er niemals ein Ende nehmen würde. Doch die Realität holte mich unsanft wieder zurück, als ich sah, dass sich die amüsierte Stimmung inzwischen wieder in ein erwartungsvolles Schweigen verwandelt hatte. Ohne zu zögern, las ich weiter. Die alarmierenden Zuckungen im Rachenraum waren verschwunden, aber dennoch nutzte ich vorsichtshalber eine neue Schlucktechnik, damit meine Stimme auch bis zum Ende fließend blieb. Dann, etwa zehn Minuten später, war es endlich vorbei.

…oder fing es vielleicht danach erst richtig an?

Ich werde mir dazu noch etwas überlegen…

ot

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