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Der Psychopath und ich Teil II


Ihr Lieben, ich bin ganz geflashed von den Reaktionen auf meinen letzten Eintrag. Mit soviel Zuspruch habe ich nicht gerechnet … danke! <3 Das stärkt mich, macht mich mutig und ich fühle mich weniger fehl am Platz ... Eine kleine Fortsetzung kann ich heute schon liefern, denn diese habe ich schon damals für mich selbst aufgeschrieben und sie handelt vom Abrutschen in die Spielsucht nach dem Ereignis, das ich in Teil I beschrieb. Aus meiner Sicht geschrieben ... 😀 Ist auch gar nicht so tragisch heute, versprochen ... <3 Allerdings schriftstellerisch keine Meisterleistung, da der Text schon etwas älterer ist, sorry dafür ... Auf geht`s: Mein Suizidversuch hatte etwas in Gang gesetzt, was ich nicht mehr bremsen konnte. Wie eine Gehirnamputierte hatte ich mich verhalten und ich hatte keinerlei Erklärung dafür, warum das so war. Ich hatte Angst vor mir selbst. Nie wieder wollte ich, das mein Kopf mir Dinge befahl, die ich eigentlich nicht tun wollte. Aber irgendetwas war da in mir, das mich versuchte zu beherrschen. Ich musste es loswerden, sonst würde es noch mehr zerstören. Bei der ganzen Scheiße, die ich in der letzten Zeit fabriziert habe, hatte Thomas allen Grund sauer auf mich zu sein. Daher war ich den ganzen Tag nur darauf bedacht, dafür zu sorgen, dass es ihm gut ging. Ich las ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Ich fragte nach seinem Wohlergehen, behelligte ihn nicht mit irgendwelchem Scheiß von mir und ich sagt ihm auch seit langem mal wieder, dass ich ihn liebte. Vielleicht lag es einfach an meiner immer größer werdenden Angst, wieder etwas zu tun, das ihn böse machen könnte? Vielleicht lag es daran, dass ich einfach nichts mehr falsch machen wollte? Aber irgendwie machte ich alles nur noch falsch. Selbst die einfachsten Dinge, wie Kaffeekochen funktionierten nicht mehr. Für Thomas war es nur ein umgekippter Kaffeefilter, aber für mich war es ein kleiner Weltuntergang gewesen, als die ganze Brühe sich über den Fußboden verteilte. Dann war da noch dieser dumme Auffahrunfall, die Sache mit der leeren Batterie, weil ich Morgens nach dem Dienst vergaß das Licht aus zuschalten und noch weitere Kleinigkeiten, die immer mehr das Gefühl von Unfähigkeit in mir entfachten. Verdammt, ich war aber auch für alles zu blöd ... Eines Nachts, saß ich wieder im Vorraum des EXTRAs und zerbrach mir die den Kopf darüber wie ich das alles wieder in den Griff bekommen sollte und vor allem, wie ich mich wieder in den Griff bekommen sollte. Thomas hatte Recht, ich war nicht ganz dicht. "Ich wünsche ihnen eine ruhige Nacht", sagte Frau Poch und verschwand schließlich durch die Türe. Sie war die letzte Mitarbeiterin der Diskothek und mit ihrem Verschwinden, kam auch diese unheimliche Stille wieder zurück. Ich war alleine. Allein mit meinen wirren Gedanken und undefinierbaren Gefühlen, die mir seit Wochen solche Angst bereiteten. Und auch heute Nacht fiel es mir immer schwerer überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu können. Es war als ob mein Hirn völlig außer Kontrolle geraten war. Ständig fing es an mir diese ungewollten Erinnerungen aufzurufen. Erinnerungen an damals, als ich noch ein Kind war und auch das Geschehene der vergangenen Wochen nagte unbarmherzig an meiner Seele. Es schmerzte irgendwo tief in mir. Es war niederschmetternd und raubte mir meine letzten Nerven. Aber jetzt war es mitten in der Nacht, ich war alleine, hatte meine Ruhe und einfach kein Bock mir Gedanken darüber zu machen, was alles in meiner Kindheit schief gelaufen sein könnte, dass ich mich jetzt und hier so herum quälen musste. Aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte mich einfach nicht dazu zwingen etwas anderes zu denken, als ich gerade wieder anfing zu denken. Plötzlich wurde mir klar, ich musste etwas tun. Mich bewegen, umherlaufen, damit diese schlechten Gedanken nicht schon wieder überhand nahmen und mich weiter zu Dingen trieben die einfach nicht gut waren. Entschlossen griff ich nach meiner Taschenlampe und beschloss, das zu tun, wofür ich bezahlt wurde und zwar diesen 6000 qm großen Komplex vor Einbrechern und anderen bösen Dingen zu schützen (vielleicht sogar vor mir selbst). Gelangweilt schlenderte ich durch die dunklen Hallen der Diskotheken und dachte darüber nach wie schön es doch sein würde, wenn dieses ganze Gebäude einfach plötzlich in die Luft flöge. Egal aus welchem Grund, Hauptsache mit mir und meinen Gedanken. Irgendwann führte mich der erster großer Kontrollgang wieder in den großen, düsteren Hauptgang. Fast belustigt musste ich daran denken, wie oft ich mir damals fast vor Angst in die Hosen machte, wenn sich die Kühlungen der Eiswürfelmaschinen mit einem lauten Getöse einschalteten oder es einfach nur irgendwo in den Ecken raschelte. Wie von Sinnen war ich dann immer in die schützende Umgebung des Foyers gelaufen und hatte mich irgendwo versteckt. Jedenfalls so lange, bis ich mich selbst für meine Feigheit schämte und dann doch der Sache auf den Grund ging. Immerhin arbeitete ich in einem Sicherheitsdienst und da war für Hasenfüße kein Platz. Ich war aber ein Hasenfuß, aber immerhin ein Hasenfuß mit einer übergroßen Taschenlampe, die man unter Umständen auch als wirksame Waffe einsetzten konnte ... Aber an diesem Abend war meine Taschenlampe nur noch unnützer Ballast und eigentlich nur dafür da um Unfug damit zu treiben. Es konnte manchmal richtig Spaß machen, so zu tun, als ob man die Kunst des Morsens beherrschte oder einfach nur die Hohen Decken der Hallen anzuleuchten, um sich über die unzureichende Sauberkeit auszulassen. Seltsamen Geräusche aus der Ferne ließen mich plötzlich erschrocken zusammenzucken. Es waren Laute, die noch nie gehört hatte. Jedenfalls nicht so, wie sie mir in diesem Augenblick ans Ohr drangen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich das Geklimper einordnen konnte. Die Spielhalle! Frau Poch hatte einfach nur vergessen, den Strom für diesen Bereich abzuschalten. Eigentlich gehörte es ebenfalls zu meinen Aufgaben, solche Vergesslichkeiten zu korrigieren. Und ich war in diesem Moment froh darüber, etwas sinnloses tun zu dürfen, wie einen Schalter zu finden um den ganzen Bereich wieder ins Dunkle zu versetzen. Fun Center nannte sich das Ganze und beinhaltete zwei Billardtische, ein paar Arkade Spiele, elektronische Dartscheiben und einige dieser kompliziert aussehenden Geldspielautomaten. Ohne jegliches Interesse lief ich zwischen den Gerätschaften umher und suchte halbherzig nach dem Hauptschalter, denn ich fand diesen Ort schon immer albern und unnütz. Er war doch nur noch ein weiterer lästiger Platz, wo Menschen sinnlos ihr Geld verschwendeten. Es dudelte, es piepte und überall waren diese bunten Lichter. Wie konnten manche Menschen das freiwillig und auch manchmal sogar stundenlang aushalten? Weil es glücklich macht!, schoss es mir plötzlich durch den Kopf und ich war selbst überrascht von meinem eigenen Gedanken. Weil es glücklich macht? Ich blieb stehen und schaute mich ungläubig um und plötzlich verstand ich. All diese Geräte schienen nur so wild zu klimpern um Aufmerksamkeit zu erwecken. Sie waren unglücklich, weil sie alleine waren. Niemand interessierte sich für sie, sie waren einsam ... wie ich? Ich lauschte gespannt und plötzlich schien ich ihre Sprache zu verstehen. "Komm spiel mit mir!"?, ertönte es irgendwo her und lockte mit einer schönen Melodie. "Nein hier her! Spiel mit mir!", kam es plötzlich aus der anderen Ecke. Fast klang es wie ein Streitgespräch, aber in einer sehr animierenden Form. Es war beruhigend und fast schon unterhaltsam und es lenkte mich sogar für einen kurzen Augenblick von meinen Gedanken ab. Das war gut. Dieser ganze Ort war irgendwie gut. Vielleicht war dies sogar ein Ort, an dem schlechte Gefühle und Gedanken keinen Zutritt hatten, ein Fun Center eben? Plötzlich fühlte ich mich ganz seltsam. Ich war ruhig und doch irgendwie nervös. "Bist du auch so alleine?", hörte ich dicht hinter mir. Verwirrt drehte ich mich um und starrte in das hellerleuchtete Gesicht einer Sonne. "Und auch so unerwünscht?" "Ich kann dir helfen!" "Ich bin für dich da!", "Komm her!" "SPIEL mit MIR!", sagte die Sonne schließlich und zwinkerte mir zu. Ein kribbeln ging plötzlich durch meinen Körper und ich konnte nicht einordnen, warum ich mich so fühlte, aber der Anblick dieser lachenden Sonne überflutete mich plötzlich mit einer seltsamen Wärme. Wärme, die ich lange nicht mehr empfand und die doch etwas Vertrautes hatte. Dann holte mich die Realität wieder ein. Ich war echt nicht ganz bei Trost. Vor mir stand nichts weiter, als ein Geldspielautomat. Ein dummer Geldspielautomat mit einem dummen Sonnengesicht. War es schon so weit gekommen, dass ich jetzt schon Stimmen hörte? "SPIEL mit MIR! Ich bringe dir Glück!" "Mir kannst du vertrauen!" "Knack den Jackpott!" War es das Geld in seinem Körper, was mich lockte? War es die Herausforderung zu einem Duell? Ich hatte keine Ahnung. Ich wusste nur, das mein ganzer Ärger urplötzlich wie aus dem Gedächtnis gefegt war. Ich hatte nur noch dieses eine Bedürfnis. Ich wollte dieses verlockende Angebot annehmen. Und ich tat es. Ich konnte mich dem Rufen dieses Kastens einfach nicht widersetzten. Es war wie eine unsichtbare Kraft, die mich sanft an der Hand führte und mich schließlich dazu brachte mich auf diesen Hocker zu setzten. Und da saß ich dann und hatte überhaupt keine Ahnung, wie das alles funktionieren sollte. Ich hatte noch nie mit so einem Teil gespielt. Irgendwann begann ich aber dann das große Display auf das Genaueste zu untersuchen, in der Hoffnung irgendwo eine Art Anleitung zu finden. Die gab es natürlich nicht, nur wo und wie viel Geld man einwerfen musste, war genauestes dargestellt. Das reichte zunächst aus. Ich warf einige Münzen ein und wartete ab. Das tat ich auch Minuten später. Irgendwann wagte ich mich wahllos auf den Knöpfen herum zu drücken. Aber ich hatte immer noch keinen Schimmer was ich da tat. Ich wusste nicht, wann und wo ich welche Taste und welchen Knopf drücken musste. Das einzige was ich begriffen hatte war, dass mindestens drei gleiche Bilder in fünf verschiedene Felder erscheinen mussten. Wenn das der Fall war, dann gab der Kasten wilde Töne von sich und dann musste man an den Seiten auf eine Taste drücken, dann sollte man eigentlich etwas gewinnen. So schwer konnte das also doch gar nicht sein! Aber irgendwie funktionierte es trotzdem nicht. Immer wieder hörte ich diesen Ton, der mir sagte, dass ich gerade eben wieder achtzig Pfennig verloren hatte. Ich schaute mich scheu um und erst als mir wieder einfiel, das ich alleine in diesem Gebäude war packte mich wieder der Reiz. Wieder dieser nervtötende Ton und wieder achtzig Pfennig futsch. Aber es war mir egal. Es war einfach nur schön hier zu sitzen und das zu tun, was ich gerade tat. Ich spielte und der Kasten spielte mit mir. Ich hatte eine Art Gesprächspartner gefunden, der mich für kurze Augenblicke glücklich machte. Und vielleicht sogar etwas mehr, wenn ich den Jackpot knacken würde? Irgendwann musste ich ja mal wieder Glück haben. Ich schaute in meine Hand um weitere Münzen einzuwerfen. Und ich war verwirrt. Das konnte doch nicht wahr sein, ich hatte doch gerade eben noch zehn Mark in Kleingeld gehabt, und jetzt waren da nur noch zwei Münzen?! Mein Ärger und die Enttäuschung wurden immer Größer. Ich begann heftiger und unkontrolliert auf die Tasten zu schlagen. Immer wieder dudelte und piepte der Kasten und am Ende hatte ich doch immer nur verloren. Dann war auch meine letzte Mark im Schlitz des Spielautomaten verschwunden. Das schlimmste war noch nicht einmal, das ich dann auch diese verlor, viel schlimmer war die Tatsache, das eine Revanche nicht mehr möglich war, denn ich war pleite. Das Geld was ich jetzt noch in der Tasche hatte, langte gerade noch für ein Päckchen Zigaretten. Es war hoffnungslos. "Bitte Münzen einwerfen", stand in kleiner roter Leuchtschrift auf einem schmalen Streifen in einem Meer von blinkenden Lichtern. Es leuchte auf und lief penetrant und unübersehbar immer von links nach rechts. "Los werf’ eine Münze rein, dann bin ich weiter für dich da!" "Ich hab aber keine Münzen mehr, du Scheißteil", zischte ich wütend und ertappte mich dabei, wie ich den Kasten mit einem Schlag attackierte. Beschämt über meinen kleinen Ausbruch rutschte ich vom Hocker und es war Wehmut dabei, das ich diesen Platz verlassen musste, aber dennoch rächte ich mich schließlich an meinen unfairen Spielgefährten, indem ich doch endlich den Hauptschalter fand und ihm einfach das Licht ausknipste. Das war die erste Nacht mit mir und meinem "neuen Freund" und es folgten weitere, ...leider. Wochen später... Gerda Richter war meine neue Nachbarin. Sie beglückte mich neuerdings schon fast täglich, denn sie war offenbar einsam. Ihr Mann war wieder einmal beruflich nach Italien gereist und irgendwie brauchte sie auch heute wieder seelischen Beistand. Beistand, den ich ihr aber nicht geben konnte oder aber auch wollte. Aber das schien sie nicht im geringsten zu interessieren. Seit unendlich langen Minuten, lief sie mir wie ein Dackel hinterher und erzählte mir von dieser ungeheuerlichen Entdeckung, die sie beim aufräumen im Schlafzimmer gemacht hatte. "Der kann was erleben! Der kann sich doch nicht solche widerlichen Hefte ansehen! Reiche ich ihm denn nicht mehr?" Ich hörte ihr nicht wirklich zu, denn ich suchte mit aller Verzweiflung nach meinem Portemonnaie. Ich hatte es gerade eben noch gehabt und fand es einfach nicht mehr. Ich hatte bereits überall gesucht. Sogar an Stellen wo es eigentlich eher unwahrscheinlich war es zu finden. Wie zum Beispiel im Kühlschrank oder unter dem Bett. Aber ich war in den letzten Tagen so durcheinander gewesen, dass ich nichts mehr für unmöglich hielt. Langsam wurde ich nervös, denn ich hatte wichtiges vor. Jürgen, mein Chef, hatte mich beurlaubt. Er sagte, ich sähe in der letzten Zeit etwas mitgenommen aus und er bestand auf ein paar Tage Urlaub. Das hatte ich ihm sehr übel genommen. Er hatte ja keine Ahnung, was er mir damit antat. Meine neue Beschäftigungs- und Gutfühltherapie konnte nur Nachts im EXTRA stattfinden, das dachte ich jedenfalls. Aber ich hatte mich informiert und hatte schließlich im Telefonbuch die Adresse einer neuen Spielhalle, ganz in der Nähe herausgefunden. Da wollte ich heute hin. Und deshalb freute mich auch wie ein Teenager und hatte seit langer Zeit mal wieder gute Laune. Ich schaffte es sogar eine kleine Schnitte zu essen, ohne das mir übel wurde. Und eine Wohltat war es auch, das Gerda mich besuchte, denn sonst hätte ich die Zeit bis es soweit war vor Aufregung wohl kaum überlebt. Es war einfach ein schöner Tag und somit ertrug ich auch die Problemchen von ihr. Auch wenn ich der Meinung war, das es eine Lappalie war und eigentlich kein wirklicher Grund zur Aufregung. Und doch war wegen einer kleinen Ansammlung unanständiger Heftchen eine Welt für sie zusammen gebrochen. Sie fühlte sich betrogen und hatte das Gefühl, das sie ihrem Mann sexuell nicht mehr reichte. Und während sie sich aufregte und schimpfte suchte ich weiter und versuchte meine immer stärker werdende Nervosität wieder in den Griff zu bekommen. Irgendwann später hatte ich das Portemonnaie schließlich irgendwo in den tiefen Sphären meiner Couch entdeckt und vergewisserte mich, wie mein Reichtum heute ausfiel. Das Geld langte gerade eben noch für eine viertel Tankfüllung, aber für einen Besuch in einer Spielhalle? Viel zu wenig! Es war einfach zum verzweifeln! Wie konnte ich denn jemals wieder hochkommen, wenn ich durch so kleine Probleme immer wieder niedergeschmettert wurde und wenn es doch so eine große Kleinigkeit war wie Geld! "Verdammte scheiße", fluchte ich und vergaß dabei, das Gerda mit ihrer Oh-Gott-Mein-Mann-Holt-Sich-Selber-Einen-Runter-Passage immer noch nicht fertig war. Sie schaute mich nur verwundert über meinen Ausbruch an. "Was ist los?", rief sie schließlich. "So schlimm ist die Sache für dich nun auch wieder nicht!" "Ich bin fast Pleite", erklärte ich. "Und von Jürgen gibt es erst in ein paar Tagen wieder Geld." Plötzlich war ich im Begriff fürchterlich in Tränen auszubrechen, als Gerda plötzlich mitleidig sagte: "Ich leih dir was, kannst du mir ja nächste Woche zurückgeben." Normalerweise fand ich es nicht gut, mir Geld zu leihen und schon gar nicht von so einer durchgeknallten Nachbarin wie Gerda. Aber dies war ein schrecklicher Notfall. Ich konnte nicht anders. Ich musste es annehmen, so sehr mir die ganze Sache missfiel. Aber es ging um meine Zukunft. Um mein Leben! "Hier ich habe es nicht kleiner", sagte Gerda und streckte mir einen Hundertmarkschein entgegen. Widerstrebend nahm ich den Schein an mich, aber innerlich schien der Triumph kein Ende nehmen zu wollen. Ich war gerettet. Ich war also doch bereit, meinen Nachmittag mit "meinen neuen Freunden" zu verbringen und mit diesem Schein sogar länger als ich mir erhofft hatte. Der Tag konnte nur super werden! Langsam wurde ich wieder etwas ruhiger. Und ich war auf einmal sogar in der Lage Gerda ein paar tröstende Worte zu sagen. Ob ich sie letztendlich davon überzeugen konnte, dass schmutzige Heftchen das normalste von der Welt und keinerlei Grund zur Aufregung waren, wusste ich nicht. Sie ging irgendwann und das sogar in plötzlicher Eile. Etwa eine viertel Stunde später stand ich schließlich vor der mit Sichtschutzfolie beklebten Eingangstüte. Ich hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch. Was würde mich dort drinnen wohl erwarten? Vielleicht eine Atmosphäre wie in Las Vegas? Oder eher doch die eines billigen Puffs?! Ich Ich trat ein. Sofort umhüllte mich der Geruch von Zigaretten und abgestandenen Bier. Es war sehr dunkel. Obwohl, die vielen, verschiedenen Vergnügungskästen doch grelles Lichte ausstrahlten. Ich musste zugeben, ich war überwältigt. Dort waren mindestens Zwanzig von diesen herrlich piependen Dingern, aber auch andere spaßige Sachen, wie Flippertische und Computerspiele. Die Tür fiel mit einem lauten Knall hinter mir zu und ich wusste, was dies zur Folge hatte. Und wie ich es geahnt hatte, starrten mich alle Besucher dieses Etablissement gleichzeitig an. Am liebsten wäre ich sofort wieder hinaus gerannt, aber der Anblick der vielen Spielautomaten hielt mich zurück. Kein Glück im Leben und Liebe, aber dafür Glück im Spiel, das war alles an was ich in diesem Augenblick dachte. Ich war hier um Geld zu gewinnen und nicht um zu kneifen. Aber es kostete mich trotzdem Überwindung den starrenden Figuren auf den Stühlen selbstbewusst entgegen zu treten. Wahrscheinlich war es das übliche, Frauen waren hier mit Sicherheit eher selten. Plötzlich begrüßte mich jemand mit einem freundlichen: "Guten Tag, die Dame." Der etwas väterlich wirkende Mann schien wohl der Besitzer zu sein. Er stand direkt hinter die einzige Theke in diesem Raum und schaute mich freundlich und erwartungsvoll an. "Guten Tag", erwiderte ich leise und verschämt. Es dauerte nur wenige Sekunden und die anderen Kerle widmeten sich wieder ihren Spielen zu. Ich hatte keine Ahnung, was ich jetzt tun sollte. Wo sollte ich anfangen? Sollte ich überhaupt etwas anfangen? Oder sollte ich besser ganz scheinheilig nach dem Weg fragen und mich dann schnell wieder aus dem Staub machen?! Ich hatte keine Ahnung. "Kann ich ihnen weiter helfen", fragte der Mann und ich wusste, dass er sich sicher war, das ich mich nur verlaufen hatte. "Ich schaue mich erst ein wenig um", stammelte ich und es hörte sich an als ob ich in einem Schuhladen eine lästige Verkäuferin abwehren wollte. "Gern, wenn sie Hilfe brauchen, ich bin da!" Ich nickte und begann mich umzusehnen. Aber eigentlich hatte ich meinen Platz bereits gefunden. Das Gerät was mich bereits aus der ferne schon begrüßte, stand dort alleine und verlassen an der Wand. Unbeachtet von all den anderen Spielern in diesem Raum. Es war der gleiche Spielautomat, mit dem ich mich auch im EXTRA so angefreundet hatte. Es war als ob er den ganzen weiten Weg für mich zurückgelegt hatte um mich wieder zu erfreuen. Oder aber auch nicht! Immerhin hatte er in den letzten Nächten meine ganze Kohle verschluckt. Aber dies war eine gute Möglichkeit, die Revanche nachzuholen, die dann immer wegen - mangelnden Geldes - nicht mehr möglich war. Aber jetzt? Hundertdreißig Mark! Zu schön um Wahr zu sein! "Komm Spiel mit mir!" und ich fühlte mich so verdammt gut, als die ersten Münzen klackernd in sein Inneres fiel. Irgendwann später... "Los! drück jetzt!", rief plötzlich eine Stimme. "Wie! Wo! Da?!", schrie ich aufgeregt. Freddie, so hieß der Typ, saß irgendwann plötzlich neben mir und bot mir sein Wissen über Spielautomaten an. Er wollte mir ein wenig Nachhilfe im Spiel geben und ich war ihm dankbar dafür. Denn offenbar hatte ich bisher alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Jetzt redete er ununterbrochen auf mich ein und gab er mir Tipps und er hatte mich schon so weit geschult, dass ich sogar ein paar mal gewann. Es war nicht viel, aber immerhin ein Anfang. "Und was mache ich jetzt?", fragte ich irgendwann, als plötzlich der Kasten wieder diese Hoffnung erweckenden Töne von sich gab. "Du hast Sonderspiele gewonnen. Erst wenn du diese hast kannst du Geld gewinnen.", sagte Freddie ruhig und lächelte. "Wow! Ich hab etwas gewonnen?", rief ich aufgeregt und riss die Arme hoch. Freddie lachte "Noch nicht! Du musst schon noch weitere Münzen einwerfen. Sonst bringen dir die Sonderspiele auch nichts!". "Oh danke für die Info! Sag mal, kann man da viel gewinnen?" Freddie zuckte mit den Achseln und setzte ein geheimnisvolles Lächeln auf. "Finde es heraus!" Natürlich wollte ich es herausfinden. Aber ich hatte zu wenig Münzen in der Hand. Ich schaute Freddie verzweifelt und Hilfe suchend an. Er reagierte sofort und deutete mit dem Finger auf den Mann hinter der Theke. "Geh zu Werner, dafür ist er doch da. Er wechselt dir dein Geld." Kaum hatte er es ausgesprochen, stand ich bereits schon an der Theke. "Bitte diesen Schein wechseln", sagte ich voller Eifer und knallte diesem Werner den Hundert Mark Schein auf die Theke. "Bist du dir da sicher?", fragte der Mann. "Ja", sagte ich vergnügt und drehte mich fast sehnsüchtig zu meinen Sonderspielen um. Freddie saß daneben und überwachte die wenigen Münzen, die ich dort noch auf einem Ablagebrett deponiert hatte. Er winkte mir zu und ich winkte zurück. Ich bewunderte ihn für sein Wissen. Von ihm konnte man noch etwas lernen, denn er war bestimmt sehr oft hier. "Wirklich sicher?!", fragte Werner wieder und schaute mich plötzlich mit einem seltsamen belehrenden Blick an. "Spar dein Geld lieber", flüsterte er und schob mir den Schein wieder entgegen. "Wieso das denn?", fragte ich erstaunt und wunderte mich innerlich über seine seltsame Geschäftspolitik. Immerhin lebte er doch von dem Geld was die Menschen in die Automaten warfen. Plötzlich winkte er mich zu sich. Offensichtlich wollte er mir etwas sagen, was niemand mitbekommen sollte. Ich trat näher an den Tresen heran und lauschte interessiert. "Ich sag dir was, diese Automaten sind Gift für den Geldbeutel. Du musst mindestens dreimal verlieren, bist du einmal gewinnst. Und wenn die Automaten gerade geleert worden sind, dann ist deine Chance etwas zu gewinnen noch geringer und sie sind gerade erst gestern geleert worden." Ich runzelte die Stirn und sah ihn ungläubig an. "Warum erzählen sie mir das? Ich denke sie wollen Geld verdienen", fragte ich unsicher, versuchte aber unbeeindruckt von seiner Aussage zu klingen. "Warum ich dir das erzähle? Ich bin jeden Tag hier, von morgens bis abends. Ich sehe viele Menschen und ich kenne viele Menschen. Schau dir Freddie an. Der schafft den ganzen Tag nichts und gibt seine Sozialhilfe für diese Scheißdinger und für Bier aus. Der Idiot ist eigentlich ständig pleite. Weil er es einfach nicht begreift, das es sinnlos ist." Ich verschränkte die Arme und schaute Werner finster an. "Es ist doch gar nicht so sinnlos. Ich hab gehört, daß jemand zweihundert Mark aus dem Kasten geholt hat." Ich hoffte, dass Werner mir die Zweihundertmark-Geschichte, die ich soeben erfunden, hatte glaubte. Er hatte einfach unrecht! Das wußte ich. "Ja gut, dann hatte derjenige Glück, oder er hat mindestens Dreihundert hinein geworfen", sagte Werner und lachte und sein lachen beleidigte mich. Das was er sagte, klang eigentlich logisch. Aber ich wollte es nicht hören. Ich wollte einfach nur gewinnen. Egal wieviel. Hauptsache gewinnen und das mußte heute passieren! Hier und jetzt. "Egal! Bitte wechseln sie mir diesen Hunderter", sagte ich bestimmend. "Du scheinst ein nettes Mädchen zu sein. Ich sag dir ganz ehrlich, normalerweise kommen keine Frauen hier her, weißt du auch wieso?" "Nein", sagte ich und hörte gespannt zu. Denn das war eine Frage, die wollte ich doch schon immer beantwortet haben. "Weil Frauen intelligenter sind als Männer." Ich wusste nicht genau, ob er mich jetzt beleidigen wollte oder nicht. "Du bist doch intelligent, also nimm das Geld und fahr nach Hause. Ich gebe dir auch eine Cola aus. Was sollte das? Ich war weit über achtzehn, so wie es vorne an der Scheibe stand. Ich konnte doch selbst entscheiden was ich tat und was nicht. Also was quatschte er mich voll? Wortlos deutete ich nochmals auf den Schein. Er sollte ihn mir Gott verdammt endlich wechseln! "Probleme kann man auch nicht mit Spielen lösen. Lass dir das von einem Fachmann gesagt sein." Dann zählte er mir die Unmengen an Kleingeld ordnungsgemäß vor. Das versprochene Glas Cola, stellte er mir anschließend mit einem ernsten Gesichtsausdruck vor die Nase und wandte sich schließlich wieder seiner Arbeit zu. Ich nahm ärgerlich das Geld, ließ das Getränk unbeachtet stehen und ging zurück zu Freddie und dem Spielautomat. Aber dennoch musste ich an Werners Worte denken. Wieso hatte er das gesagt? Woher wusste er, dass ich Probleme hatte? Oder schloss er einfach von andere auf mich. Schön, ich hatte Probleme. Aber das hatte nichts mit dem Spielen zu tun. Das spielen machte einfach nur Spaß und Spaß war das wenigste, was ich im Moment hatte. Ich steckte eine weitere Münze in den Automaten. "Na, wollte dich Werner etwa bekehren", fragte Freddie vergnügt und schien sich über den Reichtum an Münzen in meiner Tasche zu freuen. "Keine Ahnung, ist mir auch egal. Was muss ich jetzt noch mal tun?", fragte ich aufgeregt und freute mich auf meinen Gewinn. "Gar nichts! Abwarten und Geld einschmeißen. Ich sag dir schon wenn es soweit ist." Noch später... Plötzlich bemerkte ich, dass das Ganze doch nicht mehr so viel Spaß machte. Aber lag nicht nur daran, das ich wieder immer nur verlor. Es lag an dem Gesülze von Freddie, der sich plötzlich aufgefordert fühlte, MEIN Geld als SEIN Geld anzusehen. Aber am meisten störte mich dieser verdammte Besserwisser von Werner. Er durchbohrte mich mit seinen Blicken. Ich sah es nicht, aber ich spürte es. Und ich spürte auch, dass hier ebenfalls kein geeigneter Ort war mein Glück zu finden. Freddie machte mich krank, Werner machte mich krank und das ewige Verlierergedudel des Automaten ebenfalls. Mit noch etwa fünfzig Mark im Portemonnaie verließ ich irgendwann Werners Spielhalle. VORLÄUFIGES ENDE FORTSETZUNG FOLGT Obwohl, ein ENDE war da noch lange, lange, sehr lange nicht. Leider konnte mich auch der Kluge Hinweis von Werner ( weiß leider nicht wie der gute Mann wirklich hieß) auch nicht bekehren. Niemand konnte mich bekehren und das Monate lang und als ich dann auch noch den Weg ins nahegelegene Spielkasino fand, geriet irgendwann einfach alles außer Kontrolle. Pathologisches Glücksspiel - auch Spielsucht genannt - Da hatte der Wahnsinn plötzlich einen Namen und es hat lange gedauert, bis ich mir dessen bewusst war. Diese Art der Suchterkrankung ist noch eher unerforscht und somit konnte mir bisher noch niemand so genau sagen, warum ich zum "Spieler" geworden bin. Das Geld spielt dabei - irrsinniger Weise - eine weniger große Rolle. Es ist der Reiz, der Kick, Risikofreude und letztendlich durch den Gewinn eine Art Selbstbestätigung zu erlangen.

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