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Der Psychopath und ich Teil III


(Foto: Lisa Spreckelmeyer / pixelio.de)

Ich kann es gerade selber nicht fassen, dass ich tatsächlich die ganze Geschichte hier erzähle. Aber ich glaube, dass genau diese Offenbarung ein wichtiger Schlüssel ist. Daher kommt die Fortsetzung dieser unglaublichen Geschichte (die zugegebener Maßen kaum zu glauben ist) noch vor Weihnachten … ein letzter Teil „Nach Tag X“ wird aber auch noch kommen. 🙂

Das Ganze, was jetzt kommt, ist weniger schlimm für mich, eher unglaublich peinlich, wie blind ich war. Zudem finde ich es äußerst faszinierend, wie sehr die eigenen Seele darum kämpft, nicht vollkommen in der Finsternis zu landen.

Oh Gott, ich bin ganz aufgeregt. Wir nähern uns dem 30. August 1999 – der Tag, der mein Leben grundlegend veränderte …

Kurz Vorweg: Ich muss in diesem folgendem Text ein bisschen zwischen Berichterstattung und Storymodus hin und her schwenken – dieses Erlebnis ist wirklich schwer in Worte zu fassen und ich möchte auch nicht mehr so tief in das Geschehen rein – das ist echt unerträglich.

Heute kann ich tatsächlich darüber schmunzeln. Erst recht, nachdem mir ein Psychiater mitfühlend auf die Schulter klopfte und sagte: „Frau Lahr, selbst der friedlichste Mensch auf Erden, kann ausrasten, wenn er dazu getrieben wird. Machen Sie sich keine Sorgen, alles wird gut.“

Es folgt jetzt:

(Auch hier bitte ich wieder um Nachsicht bezüglich des Schreibstils, vieles habe ich im Jahr 2000 geschrieben)

Der Psychopath und ich Teil III

Chronologie des Überschnappens

Ich bin`s wieder, der Thomas. Ich bin unterbrochen worden. Ich hasse es, wenn man mich unterbricht. Das ist respektlos.

Wo war ich stehen geblieben?

Ach ja …

Sie hat Tabletten geschluckt. Selbst dafür ist sie zu dumm.

„Lass mich sterben…“, hat sie gesagt.

Ich wollte einen Krankenwagen rufen, aber habe es nicht getan. Sie hätten zu viele Fragen gestellt und sie hätten sie in eine Psychiatrie eingewiesen. Dort hätten sie noch viel mehr Fragen gestellt… und sie von mir weggerissen.

Das konnte ich nicht zulassen …

Ich musste sie irgendwie zum Kotzen bringen …

Ich schüttete so viel Milch in sie rein, bis ihr Magen leer war. Dann legte ich sie ins Bett und hoffte, dass sie irgendwann wieder aufwachte und mir auf ewig dankbar sein würde.

War sie aber nicht …

Im Gegenteil …

Als sie am nächsten Tag wieder aufwachte, heulte sie sofort los und jammerte unentwegt, weil sie immer noch lebte. Sie schämte sich so sehr, dass sie lieber tot gewesen wäre. Sie konnte mir nicht mehr in die Augen sehen. Das passte gut, somit hatte ich einen triftigen Grund und auch die richtige Situation, um ihr mitzuteilen, dass ich mich von ihr trennen werde. Ich hatte schon vor Wochen jemand anderes kennen gelernt – nennen wir sie an dieser Stelle mal Saskia – sie war jung, blond, nicht besonders klug, schlank und trug gerne hochhackige Stiefel und Miniröcke. Ja, Saskia war eine Frau, die weiß, was Mann wünscht und sie himmelte mich an, im Bett war sie allerdings keine Leuchte.

„Das, was du getan hast, verzeihe ich dir nie, es ist Schluss!“, habe ich ihr gesagt.

Sie war reumütig wie noch nie. Sie hätte in diesem Moment alles für mich getan und flehte mich auf Knien an, dass ich sie nicht verlassen und nicht allein lassen sollte … nicht jetzt.

Nicht jetzt?

Wann dann?

Wenn sie noch mehr Mist baute und ich mit in die Verantwortung gezogen wurde?

Nein, das war mir zu heiß …

Ich erklärte ihr, dass ich auf so Psychotanten, wie sie, kein Bock mehr hatte und begann auch am gleichen Abend meine Sachen zu packen. Sie verfolgte mich dabei mit Blicken, die mich an einen getretenen Hund erinnerten. Zu verletzt, um dem Geschehen keine Bedeutung zu zuschustern, zu scheu um sich aufzulehnen. Dann griff ich nach dieser Tasche …

Es war eine Polizei Einsatztasche, mit Halter für Taschenlampe, Schlagstock und anderem Zubehör. Sie hatte sie sich extra für den Nachtdienst für viel Geld gekauft, interessierte mich aber in dem Fall nicht. Saskia würde es bestimmt imponieren, wenn ich mit dem Ding heute Nacht vor Ihrer Türe stehen würde.

„Das ist meine Tasche, die bleibt hier“, zischte sie und riss mir die Tasche aus der Hand. Dann kippte die gerade darin platzierten Klamotten wieder aus.

Mutig …

Sehr mutig …

Ich verstand nicht warum sie plötzlich diese Tasche zum Unum des Universums machte, statt mich weiterhin vom Gehen zu hindern. Aber sie verteidigte diese Tasche, ohne scheinbar die Konsequenzen zu fürchten. Das war sehr respektlos. Allerdings war ich mir ihrer Labilität schon bewusst, sodass ich es vermeiden wollte handgreiflich zu werden. Ein Entschluss, denn sie offenbar ausnutzen und überspannen wollte. Immer wieder entriss sie mir die Tasche und mir blieb irgendwann gar nichts anders übrig als ihr einen kurzen Schlag auf den Solarplexus zu verpassen. Sie wusste, wie man einen solchen Angriff abwehrte. Sie hatte es oft genug beim Wing Tsun Training geübt – selbst Schuld.

Der Schlag hatte gesessen. Japsend saß sie auf dem Boden und ließ mich gewähren. Das dachte ich zumindest. Nach dem ich die Tasche fertig gepackt hatte und in den Flur trat, erwartete sie mich bereist mit finsterer Mine. Ich war beeindruckt, so wütend, fast schon hasserfüllt hatte sie mich noch nie angesehen. Und das alles wegen dieser dämlichen Tasche?

„Vergiss es! Du kommst hier nicht raus, nicht mit dieser Tasche, das ist meine!“

Für einen kurzen Augenblick schaffte sie es echt mich sprachlos zu machen. Sie stand dort vor mir bewachte die Haustüre, in ihren Händen die große Maglite Taschenlampe. War das ihr kläglicher Versuch mich zu bedrohen?

„Wen willst du denn damit beeindrucken?!“ Ich lachte laut.

Irritiert und ängstlich verfolgte sie jeden meiner Schritte und zuckte zurück als ich einen Schritt auf sie zu trat.

„Na los, schlag zu!“, sagte ich lächelnd. „Na komm schon, ich tu dir auch nichts. Zieh mir dieses Ding über den Schädel und du wirst sehen, wie gut das manchmal tut.“

Ich sah ihr tief in die Augen. Sie füllten sich mit Tränen. Sie füllten sich mit jämmerlichen Feigheitstränen. Ich wusste, sie würde mich niemals mit diesem Ding schlagen, sie würde überhaupt niemals jemanden schlagen.

„Du bist so eine feige Sau und dumm wie zwei Meter Feldweg. Du kannst nichts, du bist nichts und ich bin froh, dass ich dich los bin.“

Ich schob sie unsanft beiseite, trat durch die Türe und verließ (mit der Tasche!) die Wohnung. Aus der Ferne hörte ich noch ein lautes Krachen. Die teure Maglite schien gegen die Wand geflogen zu sein. Die hat echt nicht mehr alle Latten am Zaun.

Zwei Tage später bekam ich einen Anruf von diesem Carsten. Er war ganz aufgeregt.

„Ich war heute bei ihr. Sie hat mir erzählt, dass du sie wegen der Sache mit den Tabletten verlassen hast. Thomas, ernsthaft?! Du hättest sofort den Krankenwagen rufen müssen!? Wie kann man nur so verantwortungslos sein? Was wäre, wenn sie drauf gegangen wäre? Sie braucht Hilfe, siehst du das denn nicht?! Ich hab ihr gesagt, dass wenn sie meine gewesen wäre, dann hätte ich sie sofort einweisen lassen!“

„Ja, mach doch?! Wenn du dich so um sie sorgst … Arschloch!“

Ich wunderte mich, dass Carsten sie besuchte. Und ich wunderte mich noch mehr, dass sie Carsten die Sache mit den Tabletten erzählt hatte. Es sollte doch niemand erfahren?

Knapp 4 Wochen vergingen.

Ich lebte bei Saskia und ich dachte, ich hätte bei ihr endlich meine Ruhe. Aber sie war auch nicht besser. Sie ging mir besonders mit ihrem Schönheitsgetue auf den Sack. Immer wieder wollte sie eine Bestätigung von mir, dass ich sie toll und sexy fand. Zum kotzen diese Weiber!

Meine Ex sah ich hin und wieder auf der Arbeit. Sie hatte in den letzten Wochen fast 10 Kilo abgenommen und sah echt schlecht und fertig aus. Sie erklärte, die Gewichtsabnahme käme vom Absetzen der Anti-Babypille. Sie sagte, ohne Freund könnte sie sich das Geld ja sparen. Später erfuhr ich allerdings, dass sie ihr ganze Geld, inklusive Miete verzockte, und oft kein Geld für Essen hatte. Sie ist so eine Hohlbirne! Allerdings ließ sie mich auch bei jeder Begegnung wissen, dass es ihr ohne mich deutlich besser ginge.
Was bildete sie sich eigentlich ein? Außer mir wird es keinen Mann geben, der es länger als vier Wochen mit ihr aushält. Ich war mir sicher, sie trauerte mir insgeheim noch immer noch hinterher. Was mich aber am meisten störte: es scharwenzelte ständig dieser Carsten um sie herum.

Ich musste mir hier dringend etwas einfallen lassen …

Was ich dann auch tat …

Ich habe sie heute getroffen und ihr von meiner Operation erzählt, die mich in ein paar Tagen erwartet, damit mein Rücken wieder in Ordnung kommt: die Ärzte im BWZK sagten, die Migräne sollte mit diesem kleinen Eingriff der Vergangenheit angehören – das stimmte. Allerdings habe ich ihr dann auch erzählt, dass die Ärzte bei der Voruntersuchung, Auffälligkeiten im Blut gefunden hätten. Metastasen. Der Blutkrebs der mich auch in meiner Kindheit verfolgt hat, ist wieder zurückgekehrt – das stimmte nicht.

„Ich habe nur noch knapp sechs Monate … sorry, dass du es so, zwischen Tür und Angel erfahren musst“, sagte ich und sah ihr direkt in die Augen. Sie hätten sie mal sehen sollen. Ihr ist die Farbe aus dem Gesicht gewichen.

„Du verarschst mich doch schon wieder …?!“, legte sie hoffnungsvoll hinterher.

„Spinnst du? Mit so etwas macht man keine Witze …!“

In diesem Augenblick konnte ich genau sehen, wie diese Nachricht sie wieder komplett aus der Bahn warf und sie wieder voll auf mich konzentriert war. Ich erklärte ihr, dass ich jetzt keinen Stress und keinen Ärger gebrauchen konnte und nur noch Frieden. Sie war bereit alles zu tun, was mir irgendwie helfen konnte. Und mir konnte so vieles Helfen. Insbesondere, dass sie wieder nach meiner Pfeife tanzte.

Mann, bin ich gut!

Und als ich irgendwann wieder mit meinen Klamotten – und IHRER Tasche vor ihrer Tür stand, und ihr sagte, wie sehr ich sie doch liebe und wie sehr sie mir gefehlt hat, war ich mir sicher, dass für sie der Himmel auf Erden gekommen war. Doch ihre Begeisterung hielt sich bei ihr in Grenzen. Sie stammelte rum, dass sie alles, was passiert war noch überhaupt nicht verarbeitet hatte. Sie fühle sich seit dem Geschehen im Wald so seltsam und zu wissen, dass ich bald sterben würde, machte sie nur noch fertiger.

Irgendwie süß, wie naiv sie ist …

Aber ich glaube, in Wahrheit wollte sie nur verbergen, was sie sich in den letzten Wochen für unglaubliche Fehltritte geleistet hatte. Für die sie eigentlich täglich eine Tracht Prügel verdient hätte. So viel Geld verspielt. Aber sie hatte inzwischen dazu gelernt. Sie schaffte es immer wieder rechtzeitig durch die Haustüre in den angrenzenden Wald zu fliehen und kam auch erst dann wieder, wenn ich mich beruhigt hatte. Manchmal fuhr ich ihr mit dem Geländewagen hinterher, meistens aber nicht.

Ich änderte meine Taktik. Als mir einmal Vorwürfe wegen Saskia machte, kettete ich sie mit meinen Handschellen – mit Doppelkette Chrom, stabile Ausführung – an einen Stuhl fest und wartete so lange, bis sie mich anflehte sie loszumachen. Sie hätten sie sehen müssen, als ich mit den Schlüsseln in der Tasche die Wohnung verließ und erst 30 Minuten später wieder kam. Ich fand`s lustig – sie nicht.

Ach, hatte ich erwähnt, dass Saskia und ich aber immer noch ein Paar waren? Ich erzählte ihr, dass ich meine Ex im Moment nicht alleine lassen könnte, aber dennoch ihr kleiner Liebesgott bleiben würde. Ein Doppelleben zu führen ist eine Herausforderung, aber machbar und ich hatte immerhin dazugelernt. Saskia ließ mich immer ran wann ich wollte, allerdings ist ein völlig neues, sexuelles, Problem mit der Anderen aufgetaucht. SIE hätte mich wohl wieder ran gelassen, aber sie hatte die Pille abgesetzt und weigerte sich, diese auch wieder zu nehmen, mit der Begründung: „Wozu? Du bist doch sterilisiert.“ Nun ja, das ist jetzt blöd gelaufen. Wir sprachen vor vielen Monaten einmal über Kinder. Sie sagte, dass sie irgendwann gerne Kinder haben möchte, ich sagte ihr, dass ich bereits zwei Kinder hätte und in diese schlechte Welt keine Kinder mehr setzen möchte und aus diesem Grund eine Vasektomie vorgenommen hätte, was allerdings gelogen war. Manchmal wundere ich mich echt selbst über die Scheiße, die da manchmal aus meinem Mund kommt …

Tja, dumm gelaufen …

Egal …

Um eine Schwangerschaft zu vermeiden, wurde ich ganz plötzlich impotent und gab sowohl ihr Verhalten als auch den Medikamenten gegen Krebs die Schuld dafür. „Bei dir kriegt man ja keinen hoch“, sie hat das sehr persönlich genommen. Wieder fein raus.

Und ich kann auch ein wenig Gott spielen … ich entscheide, ob sie schwanger wird von mir.

[Perspektivenwechsel – So, jetzt rede ICH ]

Der Countdown läuft …

28.08.1999, irgendwann Nachmittags

„Was laberst du mich jetzt hier voll? Meine Blutwerte haben sich halt ganz plötzlich wieder verbessert! Was ist dein Problem? Sei doch froh! Und mit Saskia habe ich definitiv nicht telefoniert! Wir haben keinen Kontakt mehr! Du bist so bescheuert, sei froh, dass wir hier in einem Einkaufscenter sind, sonst würde ich dir eine rein hauen!“

Wie von einer unsichtbaren Macht gesteuert erhob sich reflexartig meine rechte Hand und zeigte ihm den ausgestreckten Mittelfinger. Ich hatte alles gesagt und sah keinen weiteren Grund noch länger hier zu bleiben. Ich drehte mich um und ging.

Ich habe mich umgedreht und bin gegangen? Das hatte ich doch noch nie geschafft?

Wie in Trance lief ich durch das Einkaufscenter, ohne zu wissen wohin und warum. Leukämie, nur noch 6 Monate zu leben und jetzt plötzlich Wunderheilung? Und das mit Saskia würde ich mir nur einbilden? Ich hab die Liebesschnulzen SMS zwischen den beiden doch gelesen? Der verarscht dich doch! Saskia und er verarschten dich! Alle verarschen dich! Du verarschst dich selbst!

Ich musste weg! Ganz weit weg! Irgendwohin! In wenigen Tagen würde ich um zwanzig tausend Mark reicher sein. Ein schufafreier Sofortkredit – das müsste genügen um sehr, sehr weit weg zu kommen und zwar ohne ihn.

Ich fuhr nach Hause.

Das erste was ich tat, den Inhalt des Briefkastens zu überprüfen. Und irgendwo inmitten der weiteren Mahnungen, Drohbriefen und der Kündigung für meine Wohnung, steckte wirklich ein Brief der viel versprechend aussah. War es die Benachrichtigung , auf die ich die ganze Zeit wartete? War es endlich doch soweit? Nervös und fast brutal, riss ich den Umschlag auf und zerstörte dabei fast dessen Inhalt. Als ich die wenigen Zeilen las und mir anschließen noch ein weiteres Schriftstück in die Hände fiel, bereute ich es fast, dass ich es nicht getan hatte.

Sehr geehrte Frau Lahr,
gern würden wir ihren Kreditantrag schnellstmöglich weiterbearbeiten, doch es fehlen uns noch einige Angaben. Bitte füllen sie die beiliegenden Unterlagen vollständig aus und senden sie diese an uns zurück.

Mit freundlichen Grüssen bla, bla, bla!

Meinen Kreditantrag schnellstmöglich bearbeiten?!

Mit einer immer größer werdenden Wut im Bauch, überflog ich die Fragen, die sie noch für ihre schnelle Bearbeitung brauchten.

Verfügen über Kapitalversicherungen? Verfügen sie über Wertgegenstände? Sparanlagen? Haben sie sonstiges Vermögen?

„Natürlich nicht ihr Idioten, sonst bräuchte ich doch nicht die scheiß Kohle“, brüllte ich und hatte plötzlich diese schrecklich Befürchtung.

Wenn sie die Nachweise über die erforderlichen Sicherheiten beigefügt haben, wird es nicht mehr lange dauern, bis sie sich ihre Wünsche erfüllen können.

Es wird nicht mehr lange dauern?

Es wird nicht mehr lange dauern, bis ich sehr, sehr böse werde!

Ob ich wirklich geglaubt habe, nachdem ich 100 € Bearbeitungsgebühr bezahlt hatte, von einem Kredithai 20.000 Euro zu bekommen? Nein, aber, was wäre, wenn doch?

Mein letzter Funken Hoffnung starb. Ohne Geld, kein Entkommen vor dem was sich hier seit Tagen zusammenbraute. Und es würde sich etwas zusammenbrauen, wenn Thomas mir in den nächsten Stunden in die Quere kam. Ich hatte Nachtdienst, die Chance stand gut, dass ich ihm nicht begegnete.

29.08.1999
01.23 Uhr, Foyer Extra Koblenz

Es war still. Nur das stetige Rauschen der Fahrzeuge, die über die B9 fegten war zu hören. Ich stand an der Hintertüre und starrte hinaus in die Dunkelheit. Die zwei Penner waren inzwischen verschwunden, diesmal ging es ohne Polizei. Der Mann und die junge Frau, die sich noch vor wenigen Minuten auf der Motorhaube des Porsches vergnügten, hatten sich inzwischen wieder in den Wagen zurückgezogen. Nein, ich hatte sie diesmal nicht verjagt… ich war zu müde… vielleicht war ich auch zu sehr um das Wohlergehen dieser kleinen Nutte besorgt, denn ich kannte und mochte sie…außerdem: Sollten sie es doch miteinander treiben, wo sie wollten? Hauptsache er bezahlte sie gut, denn sie hatte sich diesmal viel Mühe gegeben, fand ich zumindest.

Sie hat sich viel Mühe gegeben…

Wofür?

Für Geld!

Und wofür hast du dir immer so viel Mühe gegeben?

…etwa dafür, das man dir danach sagt, das es schön war?

…etwa dafür, das man dich danach anschaut und DANKE sagt?

…etwa dafür, das man dir nachher einen Orden dafür verleiht?

Ich kenne die Antwort…

… und du kennst sie auch!

Die Taschenlampe flog gegen die Wand, dicht gefolgt von meinem Schlüsselbund und ich verspürte plötzlich den starken Drang noch viele weitere Gegenstände an Wände zu schmeißen, nur um dieser verfluchten Stimme… meinen Gedanken… nicht mehr zuhören zu müssen. Sie waren neuerdings so penetrant, provozierend, verwirrend und gaben mir immer mehr das Gefühl sie nicht mehr alle an der Schüssel zu haben. Reichte es nicht, dass mich Thomas mit seiner kranken Scheiße in den Wahnsinn trieb?

Ich bekam Angst. Ich bekam wieder diese schreckliche Angst vor mir selbst, vor dem Übel an und in mir, was mich zu Handlungen trieb, die ich nicht wollte und was mich Dinge sagen ließ, die ich nicht sagen wollte und was mich denken ließ, was ich nicht denken wollte. Ich hatte einfach keine Kontrolle mehr über mich… über mein Handeln …über mein Denken. Und in dieser Nacht geriet ich regelrecht in Panik, denn neben dieser fehlenden Selbstkontrolle, wusste ich wahrhaftig, dass sich in dieser Nacht etwas großes Ungutes in mir zusammenbraute. Etwas Ungutes, das mich fast dazu trieb, einen der unzähligen Kühlschränke der schlafenden Diskothek zu plündern, um mich noch während der Arbeitszeit mit Miller und Sol ins Koma zu saufen, damit es nicht noch schlimmer und unguter wurde.

Aber dazu kam es nicht mehr…

Denn ich saß dort im Foyer und kämpfte plötzlich mit Atembeschwerden, Herzrasen und Schweißausbrüchen – die klassische Panikattacke, die ich jedoch vorher noch nie so erlebt hatte und deshalb auch nicht einmal annähernd wusste, dass es eine Panikattacke war. Bilder und Gedanken schossen mir durch den Kopf, wirr zusammenhangslos, unverständlich und über allem das Gefühl daran ersticken zu müssen und dann noch diese unsagbare Wut.

Wie konntest du dich nur so verarschen lassen?

Angst, Wut und Verzweiflung… keine besonders gesunde Mischung … nicht für mich. Ich weiß nicht mehr wie lange ich mit diesem schrecklichen Gefühl kämpfte und wie viel Dinge ich versuchte, um dagegen anzukämpfen. Ich weiß nur noch wo dieser Kampf schließlich endete – und das unglaublicher Weise an einem Schreibtisch, quasi zwar auf Papier.

Ich fing einfach an zu schreiben…

Ich hatte seit drei Jahren nichts mehr geschrieben…

Ich schrieb stundenlang. Gedankenlos, zusammenhanglos und ohne überhaupt nur annähernd zu wissen was ich da schrieb. Ich wusste nur, dass ich damit nicht mehr aufhören konnte, bzw. nicht mehr aufhören wollte. Denn ich spürte, dass zwischen mir, diesem Stift und den Blättern plötzlich eine seltsam vertraute Verbindung bestand. Eine Verbindung, die ich noch nie zuvor erlebt hatte und die mit jedem weiteren Wort das ich schrieb, noch vertrauter und noch inniger wurde. Etwas in mir hatte die Herrschaft über mich und meine Hand gewonnen und es bombardierte dieses Blatt mit all den Dingen, die ich nie gewagt hätte zu schreiben und von denen ich auch nicht wusste, das ich jemals in der Lage sein würde, überhaupt solche Dinge zu schreiben und ich fühlte mich plötzlich so gut dabei. Und immer dann, wenn ich aufhörte zu schreiben und den Stift weglegte, dann kam die Angst zurück und deshalb schrieb ich immer weiter. Ich fügte mich dieser „Gewalt“, die ich auf diesem Papier in allen Variationen und Formen zum Ausdruck brachte, ohne scheinbaren Sinn und Verstand. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: ich schrieb einen Brief. Ich schrieb einen Brief an mich selbst, in dem ich mir auch zum ersten Mal in diesem Leben die Wahrheit sagte…die ganze Wahrheit, inkl. Antwort auf die Fragen: Wer bin ich? Was bin ich? Und warum bin ich so geworden?

Erst als mein Dienst schließlich beendet war und ich zu Haus ankam, wagte ich es diese zehn Seiten zu lesen. Ich las sie. Ich las sie noch mal und noch mal und was danach passierte, ist eigentlich schnell gesagt. Ich verfiel in eine Art Schockzustand, denn auch wenn ich mir krampfhaft einzureden versuchte, dass ich nicht verstand, was auf diesen Seiten stand, kapierte ich dennoch genug, um zu begreifen, das mein ganzes Leben nur aus Lügen um mich herum bestand, dass ich selbst eine einzig große Lüge war und das alles, was ich jemals gesagt und getan habe, aufgrund Lügen anderer basierte. In Verbindung mit plötzlich wieder aufgetauchten traumatischen Kindheitserinnerungen und auch solche, die noch nicht lange zurücklagen – ich glaube, das war an diesem Tag ein klein wenig zu viel Input auf einmal.

Dieser Schockzustand zeichnete sich im Verlauf des Tages zunächst in eine Art Apathie aus und schwenkte dann gegen Nachmittag wieder urplötzlich in Panikattacken um. Panikattacken, die mich schließlich dazu trieben die falschen Leute zur falschen Zeit aufzusuchen, in der Hoffnung, dass sie mir halfen – was mir letztendlich aber noch mehr geschadet hatte. Denn auch wenn ich bereits „OVERLOAD“ zu diesem Zeitpunkt auf der Stirn stehen hatte, hielt es diese Menschen jedoch nicht davon ab mich weiterhin zu belügen und zu betrügen – dummerweise war es mir an diesem Tag bewusster denn je und es machte mich auch noch wütender.

Aus Angst, das ich plötzlich das tun würde, was sich in meinem Kopf abspielte – und das was sich da abspielte war nicht besonders schön – plünderte ich schließlich mein Bankkonto, besuchte ein Reisebüro und plante für den nächsten Tag meine Ausreise aus diesem Land. Ich wollte nur noch weg… ganz weit weg… hauptsächlich aber weg von mir selbst… und vor dieser Wahrheit… und diese unkontrollierbare Wut die dadurch entstanden war.

Ich musste mich beschäftigen, um nicht durchzudrehen. Ich war so außer mir, so wütend. Erst schaltete ich die Anlage auf volle Lautstärke. Musik brachte mich immer runter. Musik tat gut, Musik linderte manchmal den Schmerz. Es half nicht. Schließlich begann ich wie von Sinnen, die Wohnung aufzuräumen. Es war wie ein Zeichen, ein böses Omen, dass mir dabei immer wieder Briefe und Dinge von Thomas in die Hände fielen, die mir einmal etwas bedeuteten. Auch fand ich meinen Ordner mit allen Geschichten und Texten, die ich bis dahin in meinem Leben geschrieben habe. Ich verspürte diese Abneigung. Es war als ob ein böser Fluch auf all diesen Dingen lag. Und plötzlich hatte ich den Drang sie zu vernichten und zwar sofort! Ich musste nicht lange überlegen, bis ich einen geeigneten Ort und die geeigneten Mittel fand. Die Terrassentüre flog auf, die Briefe, kleinen Präsente und meine Geschichten direkt hinterher. Und es machte irgendwie Spaß, den Haufen mit einem Feuerzeug im Garten in Brand zu stecken.

Fasziniert blickte ich auf die Flammen, die diese ganzen schönen Erinnerungen verschlangen und sie zu dem machten, was mein Leben jetzt noch war. Ein großer Haufen verlogener Asche!

Irgendwie hatte nicht bemerkt, dass Thomas inzwischen nach Hause gekommen war. Und ich wusste auch nicht wie lange er schon in der Terrassentür stand und mich beobachtete. Ganz plötzlich stand er neben mir. Eine Situation, die mich normalerweise hätte erschrecken müssen, denn ich hatte nicht damit gerechnet, dass er genau in diesem Moment nach Hause kommen würde. Aber es war ganz seltsam. Ich zuckte noch nicht einmal zusammen. Es war, als würde ich ihn gar nicht richtig wahrnehmen.

„Ist dir kalt? Oder warum machst du ein Lagerfeuer?“, sagte Thomas plötzlich und er machte kein Geheimnis daraus, dass er diesen Anblick erheiternd fand. Das störte mich.

„Was ist jetzt schon wieder dein Problem?“, fragte er und begann in meiner Feuerstelle herum zu treten. Und das störte mich noch mehr, es machte mich sogar rasend. Nicht, dass er auf mir herumtrat, jetzt zerstörte er auch noch den einzigen Lichtblick, den ich für einen kurzem Moment hatte. Und wenn es sich dieser nur auf ein paar Fetzen Papier und verkokelten Plüschtieren handelte. Ich spürte wie er mich mit seinen Blicken fixierte und auf eine Erklärung von mir wartete. Als das Feuer unter seinen schwarzen Schuhen schließlich erstickte, wandte ich mich schweigend ab und ging ohne ihm weiter Beachtung zu schenken wieder zurück in die Wohnung. Ich drehte die Anlage ab und genoss für einen kurzen Moment die Ruhe.

Die Ruhe vor dem Sturm?

Vielleicht die letzte Ruhe die ich haben werde?

Ich hörte wie Thomas ebenfalls durch die Terrassentüre in die Wohnung kam und spürte, wie er mich mit seinen Blicken verfolgte.

„Hallo? Bekomme ich vielleicht eine Antwort? Du treibst mich echt noch in den Wahnsinn!“

Wahnsinn? Du blödes Arschloch, weißt du überhaupt was es bedeutet wahnsinnig zu werden? Wenn ganz langsam deine Sinne dich verlassen und dein Kopf nur noch Dinge denkt, die du nicht denken willst? Wenn dein Kopf dir befiehlt Dinge zu tun, die du nicht tun willst? Du hast doch keine Ahnung! Nichts weißt du und ich bin auch froh darüber, dass du nicht weißt was in mir vorgeht, sonst …

„Es ist besser, wenn du jetzt gehst!“, sagte ich kühl.

… sonst, mach ich dich kalt!, legte ich stumm hinterher.

Und er tat mir den Gefallen. Ich wusste, er hatte sich ohnehin mit seiner Saskia verabredet. Thomas schaute mich mit einem fast entschuldigenden Blick an und streifte seine Jacke über.

„Ich bin dann mal weg …“

Keine Antwort von mir.

Die Nacht vom 29. Auf den 30. August

Ich verfiel in einen unruhigen Schlaf. Ständig wurde ich von schrecklichen Träumen heimgesucht. Träume, in denen ich durch einen dunklen Wald irrte, weil mich irgendetwas… irgendjemand verfolgte. Vielleicht ein wildes Tier… ein tollwütiger Hund… ein aufgebrachtes Wildschwein… oder das Wesen mit den Klauenhänden? Thomas? Vielleicht war es auch die Leibgarde von Hinkebein, dem übelsten Zuhälter von der Rheinschiene… nachdem er eines Abends einem seiner Schäfchen…das Mädchen vom Parkplatz…das Gesicht verschönert hatte, träumte ich oft von ihm… von ihm und seinem widerlichen Gesicht und wie er gegrinst hatte, als das Schäfchen der Polizei erklärte, dass sie nur gestürzt sei und sie auf gar keinen Fall Anzeige erstatten wollte…Ich? Ihn Anzeigen? Um Gottes willen, NEIN! und wie er sie anschließend lächelnd an die Hand nahm und sie über den Parkplatz schubste und sie mir zum Abschied noch zuwinkte.

Vielleicht war es auch sie selbst gewesen, die mich durch den Wald jagte…du hast meine Angst gespürt und du wusstest, warum ich ihn nicht angezeigt habe…warum hast du mir nicht geholfen? Warum überlässt du mich meinem Schicksal? Warum lässt du es zu, dass er mir so etwas schreckliches antut? Ich wusste es nicht… natürlich wusste ich es… ich wollte es nur nicht wahrhaben. Ich wusste nur, dass ich schreckliche Angst vor meinem Verfolger hatte.

Irgendwann endete die Flucht… sie endete immer dort… nicht nur im Traum. Ich setzte mich auf diesen bemoosten Baumstumpf, auf dem ich schon oft gesessen hatte, wenn es mir schlecht ging. Ein Baumstumpf irgendwo inmitten des Westerwaldes, umgeben von Baumleichen, Zigarettenkippen, Angstschweiß, Tränen und Blut, aber mit einem Ausblick der einem den Atem rauben konnte, wenn man den Blick dafür hatte. Aber ich hatte keinen Blick für irgendetwas, wenn ich dort saß… oder sitzen musste… aus Angst dort gefunden zu werden. Dieser geheimer Ort… er durfte niemals entdeckt werden… denn er verbarg alle stummen Geschichten, die ich niemanden… nur diesem Ort… erzählen wollte. Es war so ruhig und so friedlich dort…Im Traum sagte ich nichts und starrte nur auf die Waffe, die sicher in meiner Hand lag. Ich wusste nicht woher ich sie hatte und ich wusste auch nicht, was ich damit wollte. Ich wusste nur, dass ich sie gebrauchen würde… früher oder später… ich musste nur noch warten, bis der Verfolger mich entdeckte.

Und er kam…

Nein, sie alle kamen…

Und ich hörte sie rufen:

Warum läufst du denn vor uns weg? Warum stellst du dich denn schon wieder so an? Das ist doch alles gar nicht so schlimm und das ist doch kein Grund zum weinen, oder um wegzulaufen!

Eine Horde die unaufhaltsam den Hang hinunter rollte und auf mich zu steuerte. Ihre Hände ausgestreckt wie hungrige Zombies… ihre Gesichter verzerrt zu grässlichen Fratzen… grässliche Fratzen in Form von einem falschen Lächeln, höhnischem Grinsen, kalten Augen. Und ich kannte sie alle. Sie waren mein Hass, meine Verletzungen, meine Abscheu und mein Verderben und sie alle gingen im Einklang mit meinem Vertrauen, mit meiner Liebe und meiner Freundschaft.

Du siehst müde aus Schätzchen, hast du Kummer?

…mir kannst du doch alles erzählen!

Hey Schnecke, machen wir heute abends einen drauf?

…du bist so süß!

Du brauchst doch keine Angst vor mir zu haben, ich tu dir nichts!

Sag, geht es dir nicht gut?

Ich schrie. Ich warf mit Steinen nach ihnen, ich flehte…

Haut ab! Lasst mich Ruhe!…und bettelte, aber sie kamen immer näher….

Ich liebe Dich!

Wir lieben Dich!

Ich hob die Waffe… ich zielte… und ich drückte ab… einmal, zweimal, dreimal…immer und immer wieder… die Schüsse, die sich lösten waren lautlos… die Schüsse die sich lösten waren wirkungslos… die Waffe in meiner Hand nicht geladen… vielleicht, weil ich nicht wollte, das sie geladen war?

Böses Mädchen!

Schlechtes Mädchen!

Dummes Mädchen!

Sag, wen willst du denn jetzt damit beeindrucken?

Ich hab Schokolade für dich, meine Kleine …

…kannst du eigentlich blasen?

Die Waffe in meiner Hand schnellte entschlossen in die Höhe. Das kalte Eisen berührte meine Schläfen…

Nein, tu das nicht!

Der Schuss der sich löste dröhnte in meinen Ohren…der Schuss der sich löste tat seine Wirkung….

…ich wachte auf.

30.08.1999, gegen 10.00 Uhr

Schon lange lag ich in dem immer kälter werdenden Wasser und starrte an die Decke des Badezimmers. Ich wurde dieses schreckliche Gefühl nicht los, das dieser Tag kein guter Tag war. Die Gedanken in meinem Kopf, das Gefühl in meiner Brust, dass mir die Luft zum atmen nahm. Ich wollte, dass sie Ruhe gaben und versuchte sie schließlich allesamt in der Badewanne zu ertränken. Doch sie lachte mich nur aus.

Es war ein Gefühl, als hätte sich ein dunkler Schatten über mich gelegt, der alles um mich herum verdunkelte. Die Sonne schien, aber ich konnte ihre Strahlen nicht mehr sehen.

Ich hatte kein Gefühlt mehr…

Leere…

Gegen 10.15 Uhr

Thomas betritt das Badezimmer und versucht mich in ein „ernstes“ Gespräch zu verwickeln. Die Worte die er sagte drangen kaum zu mir durch.

„Ich habe heute den ganzen Morgen Zeit gehabt um nachzudenken.“

Ich spürte plötzlich wie die Kälte des Wassers in meinen Körper zog und ich fröstelte. Er hatte Zeit zum nachdenken, ich konnte nicht mehr denken. Ich schaute ihn an. Sein Gesicht drückte eine merkwürdige Form von Verzweiflung aus, fast schon Angst und ich wusste, er wollte mir etwas sagen. Und ich wusste auch, das was er mir zu sagen hatte war genau so wie der Tag – einfach nicht gut.

„Naja, wenn ich dich störe, dann sag es, dann reden wir gleich.“

Ich legte die Arme schützend auf meine Brüste.Was sollte plötzlich diese Rücksicht? Warum war er so nett?

„Wie gesagt, ich habe echt lange darüber nachgedacht, wie ich es dir sagen soll. Zunächst möchte ich mich aufrichtig bei dir entschuldigen, für alles, was ich dir angetan habe. Das war nicht fair von mir. Ich habe einen großen Fehler gemacht, als ich zu dir zurückgekommen bin. Ich habe mir da selbst etwas vorgemacht.“

Pssst! Sei still! Ich will das nicht hören! Halt einfach den Mund und geh!

„Das tut mir leid, dass ich das jetzt so direkt sagen muss: Dich habe ich nie richtig geliebt. Saskia liebe ich eben … echt. Aber ich werde trotzdem immer für dich da sein! Immer.“

Ich stieß ein leises abfälliges Lachen aus. Dann fiel mir ein: Oh Gott! Ich muss mir doch noch die Haare waschen! Ich hatte vergessen mir die Haare zu waschen! Schnell tauchte ich meinen Kopf unter Wasser. Wie lange musste ich eigentlich Unterwasser bleiben, bis meine Haare Nass genug waren? Aber eigentlich war es doch egal, wie nass die Haare waren. Es war doch so schön hier unter Wasser.

So ruhig und so friedlich…

Verschwinde einfach aus meinen Leben, du Scheißkerl!

Ein leichtes Tippen auf meiner Schulter, brachte mich dazu wieder aufzutauchen. „Was machst du!?“, rief Thomas und er wirkte so beunruhigend.

„Ich muss mir noch die Haare waschen“, antwortete ich hektisch. Konnte er denn nicht sehen, wie dreckig sie waren?

„Ich dachte schon du wolltest dich ertränken.“

Thomas schaute mich verwirrt und abschätzend an.

„Bitte sag doch etwas dazu. Bitte!“

Ich drückte nervös und mit zittrigen Händen den letzten Rest Shampoo aus der Flasche und begann meine Haare einzuseifen. Oh ich musste dringend neues Shampoo kaufen. Es war fast leer.

„Hallo“, rief Thomas noch verwirrter, und setzte sich auf den Badewannenrand. Er wirkte, als wäre er gezwungen jeden meiner Bewegungen zu kontrollieren.

Ich musste unbedingt weiter meine Haare waschen. Wie von Sinnen rubbelte und schrubbte ich an meinen Haaren herum. Irgendwann stellte ich schließlich die Brause an und begann mir den Schaum aus den Haaren zu spülen. Und es war mir egal, dass er dabei nass wurde, es war mir egal, dass er dabei Ausblick auf meine Titten hatte und es war mir egal, was er sagte.

„Hallo, bist du überhaupt ansprechbar? Ich möchte bitte, das du etwas sagst, und wenn es Arschloch oder so was ist. Ich bin ein Arschloch! Ich bin ein Scheißkerl! Ich weiß!“

„Ich muss mir die Haare waschen“, entgegnete ich mit einer seltsam schrillen Stimme.

„Okay, dann will ich dich nicht weiter stören. Ich warte im Wohnzimmer auf dich.“

Nein, warte nicht! Geh!

Gegen 12.00 Uhr

Ich ließ mir das Wasser über den Kopf laufen und eigentlich dachte ich an gar nichts. Und es war erschreckend zu merken, das dies gut funktionierte. Nichts denken, nichts fühlen einfach leer… so musste es sich anfühlen, wenn man tot war!

Ich weiß nicht mehr wie viel zeit vergangen war, bis ich schließlich geföhnt und frisch bekleidet im Wohnzimmer stand. Thomas schien darauf gewartet zu haben.

„Und geht es jetzt besser?“

Wieder stieß ich nur ein lautes hysterisches lachen aus.
„Himmel, was ist denn los mit dir? Mehr fällt dir dazu nicht ein? “

Er stand von der Couch auf und ging in die Küche. Ich hörte wie er seelenruhig den letzten Rest Kaffee in eine Tasse schüttete.“Ich hoffe wir können trotzdem Freunde sein. So wie beim letzten mal.“

Nicht gut…

Kein guter Tag heute….

„Aber eigentlich wäre es mir doch lieber, wenn du mich ein wenig anschreist. Dann wüsste ich wenigstens wirklich, das alles in Ordnung ist.“

Alles Ordnung… alles Okay….?!

„Ich fahre auch gleich zu Saskia, damit du mich nicht länger ertragen musst. Das ist doch am besten. Meine Sachen hole ich dann später.“

Ich nickte. Nickte wieder und wieder. Und stellte mir dabei vor, wie es sich anfühlte, wenn man dies gegen eine harte Steinmauer tun würde. Hätte ich schmerzen? Oder würde ich dabei genau so wenig empfinden wie in diesem Moment.

Irgendwann kam Thomas mit der Tasse aus der Küche und setzte sich behutsam neben mich. Sanft stieß er mir gegen den Arm und sagte:

„Wirklich alles in Ordnung?“

„Tschüss“, sagte ich mit einer seltsamen klaren und gefassten Stimme. Wenige Minuten später verließ er die Wohnung.

Die Tür fiel ins Schloss. Ich hörte noch seine schnellen Schritte die Treppe hinauf. Etwas später, das laute Motorgeräusch seines Geländewagens. Dann war es still. Ich saß auf der Couch und starrte ins Leere.

13.00 Uhr
Ich saß immer noch auf der Couch und starrte ins Leere

14.00 Uhr
Dito

14.24 Uhr

Nein, ich bin nicht schlecht und ich bin auch nicht dumm

14.25 Uhr

Ich habe nie etwas Schlechtes getan…

14.26 Uhr

Ich habe mir immer sehr viel Mühe gegeben…

14.27 Uhr

Hat er wirklich gesagt, dass er mich nie richtig geliebt hätte?! Hat er das wirklich gesagt?!

Zugegeben, es hat eben etwas länger gebraucht, bis diese weitere Information in meinem Gehirn angekommen und begriffen wurde. Es war aber nicht der Satz oder die Bedeutung oder die Person die das zu mir gesagt hatte – es war vielmehr das, was dieser Satz in mir ausgelöst hatte und in welcher Verbindung er mit meinem verlogenem Leben stand – die Lüge, jemals ehrlich geliebt worden zu sein.

[Hier wieder die „Berichterstattung, um nicht tiefer gehen zu müssen, denn das ist echt schwierig]

14.28 Uhr
„Er hat mich nie richtig geliebt?“

Ja, und du hast es gewusst… du hast es immer gewusst… du wusstest es von ihm und du wusstest es von den anderen… Liebe kann man fühlen, Liebe kann man spüren, du hast diese Gegenliebe nie gefühlt.

„Ich habe es gewusst?“

Es musste also dann um 14.29 Uhr gewesen sein, als sich der Tropfen langsam in Bewegung setzte und in einem 60 Sekunden Fall sich zielsicher dem Fass näherte. Ein Zeitpunkt, in dem ich plötzlich eine Klarheit verspürte, wie wahrscheinlich noch nie zuvor in meinem Leben. Klarheit die mir eindringlich mitteilte zum Telefon zu gehen, eine Nummer zu wählen und zu sagen:

„Mein Name ist Nicole Lahr und ich habe da gerade ein klitzekleines Problem. Ich werde in weniger als einer Minute durchdrehen. Ich würde es gerne verhindern, aber dazu fehlt mir die Kraft. Bitte schicken sie einen Wagen vorbei – am besten gleich mit Zwangsjacke – denn ich werde gleich furchtbar wütend… quasi in drei, zwei, eins…“

Zu spät…

14.30 Uhr – ich weiß das noch so genau, weil ich vorher noch auf die Uhr geguckt hatte, so als wollte ich den Zeitpunkt des gänzlichen Überschnappens genau festhalten. Das Überschnappen, der Moment, als ich vor dem Spiegel stand mit selbst tief in dir Augen blickte und verlauten ließ: „JETZT REICHT ES!“

Und genau diese Aussage war der Startschuss für den wohl schlimmsten (und tatsächlich einzigen) Wutanfall meines Lebens. Und es begann wie in einem schlechten Film – das Zucken, dass durch ein Gesicht geht, wenn sich eine friedliche Persönlichkeit verabschiedet und nur noch das Böse zurück bleibt. Und plötzlich brach tatsächlich in mir die Hölle und der Teufel in mir los.

Das Telefon, mit dem ich gerade Hilfe rufen wollte, entglitt mir, dann stand ich auf und ging wie in Trance in die Küche. Und das wirklich erschreckende an dieser Situation war, dass ich das Gefühl hatte – im wahrsten Sinne des Wortes – neben mir zu stehen. Ich sah mich, und dass auch noch bei klarem Verstand, konnte aber nicht mehr über meinen Körper verfügen. Ich musste hilflos mit ansehen, wie ich anfing durchzudrehen. In der Küche angelangt, holte ich das größte Messer aus der Schublade und betrachtete es von allen Seiten.

Lass die Scheiße sein!

Ich weiß nicht, ob ich es nur laut ausgesprochen, gebrüllt, oder nur gedacht habe – aber diese Angst die ich in diesem Moment verspürte, war so ziemlich mit das Schlimmste, was ich je empfunden habe. Schlimmer noch als die Angst vor dem Tod durch Tabletten. Denn die Stimme in meinem Kopf befahl mir dieses Ding mir ins Herz zu rammen, damit es endlich aufhörte zu schmerzen.

Das Messer zitterte in der Hand und es hatte den Anschein, als ob wirklich zwei verschiedene Mächte anfingen, um die Vorherrschaft dieses Messers zu kämpfen. Das Böse … gegen das Gute.

Und das Gute in mir siegte irgendwann und ich schaffte es irgendwie, mich dazu zu bewegen das Messer quer durch die Küche zu schleudern. Vielleicht war es genau dieser Sieg, der diesen plötzlichen Selbsttötungswunsch in pure Zerstörungswut umwandelte, denn ich fing sodann damit an, meine Wohnung zu zerlegen. Gleich darauf flogen Tassen, Teller und alles was ich in die Hände bekam durch die Luft. Ich weiß nicht, wie lange ich durch die meine Wohnung tobte und alles was mir in die Finger kam demolierte und zerdepperte.

Zeitgleich – fast schon gelassen, ohne jeglichen Anflug von Panik – versuchte ich mich selbst zu beruhigen, ohne Erfolg. Und ich spürte wieder diese Panik in mir aufsteigen. Panik, die mich schließlich dazu trieb – ich erzähle es wirklich nicht gerne, aber es gehört nun mal zu dieser Geschichte – mir selbst so dermaßen auf die Fresse zu hauen, dass ich nicht nur eine Beule am Kopf, sondern auch gleich eine leichte Gehirnerschütterung hatte …nur um das Ausmaß dieser Panikattacke und dieses Kampfes mit mir selbst näher zu beschreiben.

Nach dieser Aktion, war ich für einen kurzen Augenblick wieder klar – aber auch nur für einen kurzen Augenblick. Allerdings reichte der Augenblick wieder nicht aus, um Hilfe zu holen, denn dummerweise fand ich meine Autoschlüssel schneller als die geeignete Telefonnummer … vielleicht von Carsten?

Mit einem Grinsen im Gesicht und dem Gefühl, als würde ich das einzig Richtige tun, verließ ich das Haus, stieg in den Wagen und fuhr los.

Wohin?

Ich hatte zunächst keine Ahnung!

Ich fuhr zu einer Freundin, die ich schon oft wegen Thomas hatte hängen lassen. Thomas hasste sie. Ich klingelte und starrte sie an. In dem Augenblick war der Kampf in mir ganz besonders schlimm, denn ich flehte sie förmlich stumm um Hilfe an, doch die Wut in meinem Herzen ließ mich nicht zu Wort kommen.

„Alles in Ordnung mit dir? Du siehst irgendwie… fertig aus!“

„Nein, mir geht es gut. Ich wollte nur…ich dachte…!“

„Ja?“

„Mist, ich muss schnell nach Hause, ich habe vergessen die Wäsche einzuschalten!“

Ich glaube, das war der „verrückteste“ Satz, den ich an diesem Tag herausbrachte.

„Wäsche?“

Ich nickte.

„Okay, dann fahr schnell und komm gleich wieder, irgendwie habe ich das Gefühl, als stimmt was nicht mir dir.“

Ich drehte mich wie in Trance um und setzte mich wieder in den Wagen. Was danach geschah, kann ich nicht mehr ganz so ausführlich wiedergeben, denn da war ich schon nicht mehr ganz da. Ursprünglich hatte ich wohl vorgehabt, jeden der auf meinen zehn geschriebenen Seiten auftauchte zur Rede zu stellen, Thomas sollte hierbei aber eine ganz besondere Rede von mir bekommen. Ich weiß noch, dass ich diese Saskia anrief, um ihr mitzuteilen, dass ich auf dem Weg zu ihr und Thomas sei. Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde. Und ich weiß, dass ich währenddessen laute Musik gehört habe, stets in der Hoffnung, wieder den Zugang zu mir zu finden. Hin und wieder verpasste ich mir selber noch einen Schlag in der Hoffnung wieder „normal“ zu werden, aber es war vergebens.

Bei dieser Prozedur hatte ich plötzlich die Vision, wie ich an einem Brückenpfeiler zerschellen würde und steuerte auch tatsächlich auf eine Felswand zu. Ich streifte sie. Diese leichte Kollision hinterließ eine unschöne Beule am Kotflügel. Ich hielt, betrachtete das Malheur fing innerlich wieder vor lauter Panik an zu heulen, doch das Böse, die ungezügelte Wut in mir, hatte nichts besseres zu tun, als wie von Sinnen auf den ohnehin schon lädierten Wagen einzutreten. Wenige Minuten später fuhr ich unbeirrt weiter.

Aber nach einer Stunde war ich am Ziel. Ich stand vor diesem Mehrfamilienhaus und klingelte. Als ich Saskias Stimme durch die Gegensprechanlage hörte, schaffte es die Vernunft wieder zu mir durchzudringen und redete beruhigend auf mich ein. Sie sagte, dass dies, was ich da vorhatte keine gute Idee war. Ich sollte mich wieder ins Auto setzten… nein, ich sollte noch besser jemanden anrufen… ich sollte die 112 wählen und ihnen sagen, das ich nicht mehr ganz zurechnungsfähig sei, mich auf einem Amoklauf befände und dringend Hilfe bräuchte. Und ich setzte mich tatsächlich sogar wieder ins Auto. Für einen kleinen Augenblick hatte mein Verstand wieder die Oberhand, aber auch nur für einen kleinen Augenblick. Ich stieg aus, mein Handy, zum Hilferufen, flog ins Auto, die Türe wurde mit einem Tritt verschlossen und ich stampfte wieder wütend zu diesem Mehrfamilienhaus.

Thomas und Saskia erwartete mich bereits schon am Eingang, denn man hatte mich kommen sehen. Die Gesichter waren verblüfft, teilweise sogar erfreut, eines jedoch ziemlich beunruhigt, Thomas spürte scheinbar, dass mir gerade die Sicherungen durchgegangen waren und er war auch der Einzige, der wissen konnte warum. Immer noch frisch geduscht und gut gekleidet – wenn auch etwas verschwitzt und mit Augenrändern – war auch ich in diesem Augenblick höflich und zuvorkommend, als man mich in die Wohnung bat. Und ich bin mir sicher, dass wenn ich ein umfangreiches Waffenarsenal gehabt hätte, dann hätte ich diesen „ganz normalen Tag“ oder diese erste Begegnung mit „Menschen die ich kalt machen wollte““ wahrscheinlich wie in dem Film „Falling Down“ (mit Michael Douglas) begonnen – ich wäre also ganz ruhig und gelassen und mit einem Lächeln im Gesicht Amok gelaufen… niveauvoll eben.

Ganze 5 Minuten hatte mein Verstand die Situation im Griff und versuchte auf Thomas und Saskia einzureden, dass man mit Menschen nicht so umgehen durfte und dass eine tödliche Krankheit vorzutäuschen gar nicht ginge. Auch fragte ich Saskia, ob Thomas ich auch schon die Fresse poliert hätte, beim Sex auf Vergewaltigungsspielchen stand oder ob das auch nur mir persönlich gegolten hat … so als Zeichen seiner verlogenen Liebe?!

Thomas fauchte mich deswegen an und fing an, meine Zurechnungsfähigkeit in Frage zu stellen. Interessierte mich nicht. Im Gegenteil, es prallte ab. Und während mein Verstand immer kleiner wurde, wuchs die Wut und das Bedürfnis nach Rache. Ich wollte diesem Scheißkerl an die Gurgel, ihm meine Faust ins Gesicht schlagen, ihm in die Eier treten … whatever.

Doch wie sollte das gehen?

Ich konnte doch nie und nimmer einer Fliege etwas zu leide tun? Ich war ja noch nicht einmal imstande mich gegen Schläge zu wehren, obwohl ich es gekonnt hätte. Ich erinnerte mich schließlich auch daran, dass ich trotz Kampfsport und Selbstverteidigungskurs und Monatelanges Sparring, zwar technisch gesehen in der Lage war einen Menschen in Grund und Boden zu prügeln, aber es einfach nicht konnte. FUCK!

Du erträgst immer alles und wehrst dich nicht, weil du gar nicht imstande bist jemanden ernsthaft zu verletzten… du hast sogar Angst davor deinen schlimmsten Feind zu verletzen! Gib auf, du kannst nicht Amoklaufen!

Kann ich wohl!

Hm…

Was dann passierte blende ich jetzt kurz mal aus… das ist mir zu peinlich. Da will man schon Amoklaufen, aber mehr als eine Ohrfeige und ein lächerliches Handgemenge und ein paar zerbrochene Gläser waren leider nicht drin: Aber mein Geschrei und mein Fluchsalven, die waren so mächtig, wie noch nie in meinem Leben. Und es endete damit, dass Thomas mich packte und mich in ein Nebenzimmer schleppte. Dort umklammerte er mich und starrte mich fassungslos an. Ich stieß einen Schrei aus und versuchte mich mit aller Kraft gegen seine Hände und Arme zu wehren, die sich wie eine Krake um meine Glieder legten und mich fesselten. Ich suchte halt an einem Regal. Ein Regal, auf dem eine Pastellfarbene Vase stand und ein Bild zweier Kinder, die eng umschlungen unter einem Herz standen. Ein … <3 , Liebe ... das Bild verhöhnte mich! Die Kinder lachten über mich! Nahmen mich nicht ernst. Ich riss das Regal um, lenkte ihn ab und setzte zu Flucht an. Saskia hatte sich währenddessen Hilfe im Treppenhaus gesucht - und dummerweise wimmelte es in diesem Haus von beruflichen "Türstehern", die dann auch gleich in voller Montur (Handschellen, Schlagstöcke, Pfefferspray) die Wohnung stürmten. Schon aus der Ferne hörte ich sie poltern und ich hörte auch was sie sagten, und das gefiel mir nicht. Nach dem ersten Sondieren der Lage, amüsierten sich nämlich über die Tatsache, das dort hinter dem Zimmer eine "gefährliche "Frau lauern sollte, die so etwas wie Tollwut hat. "Warum ruft ihr nicht einfach die Bullen?" Fakt war, das ich durch diese geballte Präsenz Muskelmänner und "Bullen" sich plötzlich mein Fluchtinstinkt einschaltete. Ich öffnete das einzige Fenster in diesem Raum und stieg ohne Beachtung der beachtlichen Tiefe (dritter Stock) auf das Fensterbrett. Es war nur noch ein einziger Schritt.... Aber dann... Schreie, Rufen, ein fester Griff... Tausend Hände die mich anfassten, herumrissen zu Boden drückten, Knie die sich in meinen Rücken bohrten und das obwohl ich doch ganz ruhig war. Ich hatte das Gefühl... nein, ich war in diesem Moment davon überzeugt....jede Berührung brannte wie Feuer auf meiner Haut. Nicht anfassen… Nein, lasst das … Nicht anfassen! NEHMT EURE DRECKIGEN HÄNDE VON MIR! KEINER FASST MICH AN OHNE ERLAUBNIS! Und dann ging alles ganz schnell. Ich saß da. Die Hände in Handschellen, an eine Heizung gekettet. Ich war schweißgebadet, meine Haare klebten mir im Gesicht. Mein weißes T-Shirt voll mit Blut. Es war mein eigenes, denn ich hatte mir irgendwo beim Randalieren eine Scherbe in den Finger gerammt und begann ganz komische Töne von mir zu geben. Und während mein ICH versuchte einzuordnen, was für dieses seltsame Geräusche aus meinen Lungen verantwortlich sein könnte, fing ich auch noch an zu knurren. Heute weiß ich, dass ich in diesem Moment eine Überdosis Adrenalin im Körper hatte und durch unregelmäßiges Atmen kurz vor einem Kreislaufkollaps stand. Allerdings hatte ich während dieses langsam beginnenden körperlichen Ausfalls die Vision, als ob die Menschen im Raum alles Menschen waren, die mich verletzten wollte. Tausende Stimmen sprachen durcheinander... Und ich musste sie doch irgendwie von mir Fern halten. Sie standen vor mir beobachteten mich, als sei ich ein wildes Tier, was nun zwar gefangen, aber noch nicht gefahrlos war. Irgendwann versuchte einer der Kerle einen Schritt auf mich zuzugehen und ich fauchte ihn prompt an. Es fing an mit den übelsten Beleidigungen, die so noch nie aus meinem Mund gekommen sind. Und die ich jetzt hier auch nicht wiedergeben kann - das ist mir zu peinlich. Zwischendurch zischte ich immer wieder, dass mich niemand anfassen sollte. Denjenigen, der mich anfasste, dem würde ich den Hals umdrehen. Ich will das ganze jetzt nicht ins Lächerliche ziehen, auch wenn es mir in den Fingern juckt, aber in Verbindung mit meiner lädierten Stimme, ich war von der Brüllerei im Auto nämlich heiser, inklusive meines Anblicks, den Wahnsinn in den Augen: Einer der Männer klopfte mir später auf die Schulter und sagte, dass sie kurzzeitig darüber nachgedacht hatten einen Exorzisten zu rufen oder mir aus der Bibel vorzulesen. Und ich bin mir sicher, hätten sie mir aus der Bibel vorgelesen, dann wäre es wahrscheinlich noch schlimmer geendet. Ich saß also da, röchelte, fluchte und jedes Mal wenn mir einer zu nah kam, brachte ich die größten Kräfte auf, um mir diesen vom Leib zu halten. Doch irgendwann wurde mir plötzlich schwarz vor Augen. Ich hörte mich noch röcheln und diese komischen Töne ausstoßen und ich hörte mich noch mindestens 100 mal sagen, KEINER FASST MICH MEHR AN! Ich wurde wohl ohnmächtig. Es waren vielleicht nur Sekunden, in denen ich in diese seelische Dunkelheit fiel, die ich einst „Blick in die Finsternis“ getauft habe. Aber das, was ich dort sah, war die Hölle! Ich kann es auch nicht wiedergeben, was ich dort gesehen habe, es ist mit Worten nicht zu beschreiben. Es fing an mit einem Gefühl. Es war das schrecklichste Gefühl, was ich je in meinem Leben empfunden habe. Es war, als ob mit einem Male alle schrecklichen Emotionen auf einmal auf mich herein prasselten. Alle Ängste alle Schmerzen, einfach alles brach in diesen Sekunden auf mich ein ...und irgendwann sah ich die Bilder....ich hörte die Stimmen....ich sah das Übel in mir, es manifestierte sich in Form von Erinnerungen, die sich bis zu meinem vierten Lebensjahr zurück gingen. Schrecklichen Erinnerungen, längst vergessenen Erinnerungen, Erinnerungen an Dinge die ich nicht verstand... die schlimmste Erinnerung...so lächerlich es auch klingt...der Schmerz den ich empfand, als mir das einzige Wesen geraubt wurde, zu dem ich jemals Vertrauen hatte, dem ich nachts immer alles erzählte, was mich bedrückte. Das Wesen, meine Puppe Karina, die niemand berühren durfte außer mir - der Tag an dem sie an einem Flughafen verloren ging. Ich trauerte wie einst das kleine Kind von damals um diese Puppe. Der Schmerz auf meiner Seele unerträglich... und ich wusste, das ist das Ende. Du wirst jetzt dein Leben lang hier in dieser Finsternis bleiben und nie wieder zurückkehren. Der Moment an dem ich aufgab und beschloss mich für immer zu ergeben. Lost in the Darkness... halt. Ich legte mich einfach nur noch hin, umklammerte meine Beine schloss die Augen und wartete darauf, das die dunklen Wesen... ich hörte sie nach mir rufen... mich holen und das mit mir taten, was sie halt tun wollten. Dann kam dieser Engel ... Ich spürte, das sich mir jemand langsam näherte. Ich hatte keine Kraft mehr um aufzustehen und zu flüchten, ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich hörte eine weibliche Stimme die rief: "Sag mal, hab ihr sie eigentlich noch alle?" Die Stimme klang bestürzt, fast schon besorgt: Aber ich wusste, das sie nie und niemals mir gegolten hatte. Als ich die Augen öffnete, war es immer noch dunkel und ich ich sah die Schatten der finsteren Wesen... "Bleib weg von ihr, die ist gefährlich! Hat eigentlich jemand schon die Bullen gerufen?", kreischte Saskia. "Seht ihr denn nicht, das sie keine Luft mehr kriegt?" "Die Röchelt schon die ganze Zeit so, die ist total durchgedreht!" "Die dreht nicht durch, sondern hyperventiliert! Also halt`s Maul und lass mich vorbei, ich bin Krankenschwester!" "Das können die Bullen machen!" "Keine Bullen! Sie braucht etwas ganz anderes glaub mir!" Wieder so viele Stimmen die durcheinander sprachen, wieder so viel Palaver und wieder diese Hände die mich anfassten... Hört doch einfach auf damit?! FASST MICH NICHT AN! Ich spürte wie ein Ruck durch meinen Körper ging, ein stechender Schmerz an den Handgelenken...wies konnte ich meine Hände nicht bewegen? "Beruhige dich bitte! Ich will dir helfen!", sagte wieder diese Stimme. Helfen?! Eine Falle! Immer wenn jemand nett zu mir war oder mir helfen wollte, war es eine Falle! Ich versuchte mich wieder zu wehren, als mir irgendjemand eine übel riechendes Ding vor den Mund hielt in das ich atmen sollte. Ich wollte aber nicht atmen... ich wollte... hier in der Finsternis auf mein Ende warten. Und plötzlich brüllte mich diese Stimme an, aber es war kein boshaftes, kein angstmachendes Brüllen - es war... ich weiß auch nicht... es war der flehende Ruf eines Engels mich zu ihm zulassen, damit er mir helfen konnte. Und er half mir.... Er umschlang mich mit beiden Armen und hielt mich einfach nur fest. Er hielt mich liebevoll im Arm, wiegte mich und streichelte mir über mein Gesicht. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch ich konnte nichts sehen. Ich konnte ihn nicht sehen... diesen Engel, der Ilona hieß. Ich konnte ihn nur hören... wie er gegen diese schrecklichen Wesen aus der Finsternis wetterte, wie er sie zurückstieß und wie sie mich fragte wie ich hieß. Ich wollte es ihr sagen, doch ich brachte keinen Ton über die Lippen. Ich weiß nicht wie lange ich da in ihrem Schoß lag und mir die Seele aus dem Leib heulte - ich wusste bis zu diesem Tag noch nicht einmal, dass es so etwas wie Heulfieber gibt. Ich hatte hohes Fieber, war nass geschwitzt, fror mir gleichzeitig den Arsch ab und war eigentlich nur noch im Eimer - heute weiß ich, ich hatte einen Nervenzusammenbruch, der sich echt gewaschen hat. An dieser Stelle möchte ich langsam schließen - obwohl es danach noch knappe 4 Stunden weiter ging. Gegen 22. 00 Uhr des 30. Augusts, war ich nichts weiter als ein autistisches Wesen, das auf einer Rückbank eines Wagens lag und eine Hand umklammerte, die sie nie wieder loslassen wollte. Das letzte was Ilona noch zu mir sagte, als wir vor der Türe einer psychiatrischen Klinik standen: "Du hast nicht getrunken und auch keine Drogen genommen - das ist dein Vorteil. Ich zwinge dich nun, dich selbst freiwillig einzuweisen, okay? Kannst du mich hören?" Ich nickte müde... Und das Letzte was Ilona noch zu mir sagte, als ich von zwei Männern gestützt "abgeführt" wurde: "Du schaffst das, das weiß ich! Wir kennen uns erst ein paar Stunden, aber ich bin wie du und ich hab dich lieb!" DER LETZTE TEIL FOLGT IN KÜRZE Ich bin Ilona noch heute so dankbar und bin glücklich, sie nicht aus den Augen verloren zu haben. <3 Auch danke ich meiner Freundin Britta, die von diesem Drama nicht verschont blieb! <3

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