Geschichten aus dem Leben

Ein langer Weg: Über Eheprobleme, die eigentlich keine waren & einen Aufenthalt in der Psychiatrie – angekommen in Nordfriesland Teil 2

Kurz vorweg:

Dieser folgende Beitrag ist sehr persönlich und ist selbstverständlich mit meinem Mann abgesprochen. Wir beide finden es wichtig, diese Erfahrung zu teilen, in der Hoffnung, dem einen oder anderen Paar, das vielleicht auch in solch einer scheinbar ausweglosen Situation steckt, damit helfen zu können. Für mich persönlich ist die Niederschrift auch wichtig, um auch das Erlebte auch nochmal restlos verarbeiten zu können. Leute, das war wirklich eine ziemlich harte, aber auch irgendwie schräge Nummer.  😮

Schon seit ich denken kann, beschäftige ich mich mit Psychologie, der Lehre des Menschen und somit auch mit psychischen Krankheiten. Ich kenne einige Mitmenschen, die mit den unterschiedlichsten Problemen und Symptomen zu kämpfen haben und seit meiner eigenen Angststörung, weiß ich selbst, wie schleichend die Tassen aus dem Schrank abhanden kommen. Auch dachte ich, ich könnte klar bei einem Menschen unterscheiden, was Charakter oder ein etwaiges psychisches Problem ist. Die Grenze ist manchmal sehr verschwommen. Und da ich eine Person bin, die sehr, sehr lange an das Gute im Menschen glaubt, fällt es mir um so schwerer, mir hin und wieder eingestehen zu müssen, dass es einfach Geschöpfe auf der Welt gibt, die scheiße sind. Menschen, die einen Gefallen daran haben, andere fertig zu machen. Personen, deren vollkommen unmenschliches Verhalten und menschenverachtende Ansichten nicht zwangsläufig auf eine psychische Störung zurückzuführen sind, sondern tatsächlich auf seinen Charakter und die Persönlichkeit. Mit anderen Worten: Er / Sie / Es ist einfach ein Arschloch

Doch was ist, wenn ein Mensch, der dir nahe steht und den du eigentlich genau zu kennen glaubst, sich langsam schleichend zu einem solchen Arschloch entwickelt?  Was ist, wenn eine eigentlich harmonische Beziehung auf Augenhöhe immer mehr aus dem Ruder gerät und keiner von beiden sich erklären kann, warum das passiert?

Ich habe in den letzten Jahren viel geschrieben in diesem Blog, allerdings auch nicht über alles. Beispielsweise habe ich nicht darüber berichtet, dass ich seit knapp vier Jahren in regelmäßigen Abständen einen hilflosen Kampf mit meinem Mann führte. (Obwohl, hin und wieder gab es eher als harmlos verpackte Hinweise – wie zum Beispiel dieser Blogtext „Nachtgedanken: Ich bin also zu blöd..?“)

Ansonsten hatte mein Mann in meinen Blogs eher „nur“ eine Statistenrolle, bzw. er war immer der liebevolle Partner, der die Probleme seiner Frau tapfer aushielt und ihr immer und zu jeder Zeit tapfer zur Seite stand. Das stimmt, allerdings war auch er gewaltiger Mitauslöser für manchen Ausraster und emotionalen Fehltritt in den letzten Jahren.

Zur Erklärung: Mein Mann und ich führen eigentlich eine sehr harmonische Beziehung. Da ich Streit hasse, ist es auch fast nicht möglich, sich mit mir in die Haare zu kriegen, es sei denn, man ist unehrlich, hinterlistig, redet hinter meinem Rücken, ist rechter Gesinnung, Afd-Wähler, grundsätzlich ein Arschloch oder empathiebehindert. Das alles ist mein Mann eigentlich nicht und doch meinte er seit knapp 4 Jahren in regelmäßigen Abständen (Früher meist so 6-8 Wochen) einen Streit über (in meinen Augen) Belanglosigkeiten vom Zaun zu brechen und mir das Leben zur Hölle zu machen. Ich erinnere mich an ein ungewolltes Streitthema, in dem er über Löwenzahn im Rasen wetterte und ich anmerkte, dass ich Löwenzahn schön finden. Es war im Grunde nichts anderes als ein klassisches Jeder-Jeck-Is-Anders-Gespräch. Eine Meinungsverschiedenheit, die sich in meiner Welt durch Reden wieder in Luft auflösen würde, wenn diese Meinungsverschiedenheit Sinn und Verstand hätte. Hat sie aber nicht und daher kam es in der Vergangenheit immer so, wie es kommen musste – zu einem bitterbösen Streit.

Und es gab keine Chance auf Versöhnung, weil er in diesen Momenten keine Versöhnung  oder Lösung will, sondern Krieg. Das ist sehr schlecht für mich, denn ich bin harmoniesüchtig und kann kein Krieg. Ich kann in Konfliktmomenten nur versuchen, mein Gegenüber zu verstehen. Ich will reden, eine gütliche Einigung finden. Leider habe ich mit dieser Methode definitiv keine Chance, weil ich meinen Mann weder verstehe, noch irgendeine Chance habe verbal zu ihm durchzudringen. Innerhalb von Stunden wird aus einer albernen Meinungsverschiedenheit ein wirres Konstrukt aus unterschiedlichen Wahrnehmungen, bei denen ich mir schon mehrfach die Frage gestellt habe: Meint der das ernst oder will er mich verarschen? 😮

Es fängt an mit:

Ich: „Ich finde Löwenzahn aber schön!“

Und endet mit:

Er: „Gib doch endlich zu, dass du auf den Typen aus dem Internet stehst, dessen Texte du teilst!“

WTF ?! 😮

Aus dem eigentlichen Konfliktthema entsteht plötzlich etwas ganz anderes. Unsinnige Anschuldigungen, falsche Vorwürfe, Beleidigungen, Herabwürdigungen, Hirngespinste, Eifersucht, Verhöre wegen meiner Vergangenheit und anderer blöder Scheiß, der, wenn man diesen vollkommen aus dem Zusammenhang reißt, einen wunderschönen Strick für mich abgibt. Ein riesen Theater wegen NICHTS! Und dieses NICHTS manifestiert sich innerhalb von Tagen zu einer mächtigen Bedrohung, gegen die ich sinnlos versuchte anzukämpfen, wie Don Quichotte gegen Windmühlen …

… oder Windräder…

…und davon haben wir hier viele. 😀

(Foto: Windpark Ockholm-Langenhorn)

Ich liebe es!

Ja, so viele Windräder in NF und ich mittendrin …

Eigentlich habe ich kein Problem mit Windrädern. Aber wenn sie, wie mein Mann, völlig aus dem Ruder laufen, dann wird`s gefährlich. Ich sehe einen völlig anderen Menschen vor mir und erkenne zunehmend in ihm diesen hässlichen Typ Mann, der es noch nie ernst gemeint hat, Liebe nur vorspielt und seine Partnerin klein halten will. Das treibt mich in eine unerträgliche Verzweiflung. Himmel, so blöd kann man doch nicht sein?! Warum passiert mir das schon wieder? Und warum lasse ich mir das so lange gefallen?

Meine Therapeutin nannte es damals „Ohnmacht“ und dieser Zustand ist für mich nicht nur sehr verletzend, sondern auch sehr … selbstzerstörerisch. Es löst eine unerträgliche Wut in mir aus, die mich dazu bringt ganz großes Kino „ala Rosenkrieg“ auf die Leinwand zu bringen. Nicht zu verstehen, was überhaupt los ist, lässt mich an meinem Verstand zweifeln und ich rede mir ein, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben, was zur Folge hat, dass ich dann auch nicht mehr richtig ticke und zu Kurzschlusshandlungen neige und ausraste. Ein Teufelskreis.  Am Ende ist immer irgendetwas kaputt (Porzellan, Laptops, Kleidung oder auch mal Inventar) und will ich immer die Trennung und Scheidung, weil dieses Theater einfach so gottverdammt unerträglich ist. Ich wollte einfach nur endlich Ruhe in meinem Leben, mehr nicht. Ich zweifelte an mir, an unserer Beziehung und wie so oft auch an meiner Beziehungsfähigkeit.

Und immer dann wenn ich dann Tage später tatsächlich Nägel mit Köpfen machen will, mir eine Wohnung suche und meinen Mann frage, wie er dieses Desaster „Trennung wegen Löwenzahn“ mit gutem Gewissen bei Freunden und Familie als Trennungsgrund vertreten könnte, dann verpufft urplötzlich diese Kriegshaltung. Es ist, als würde mein Mann aus einem tiefen Schlaf erwachen, sich die Augen reiben und fragen: „Huch! Wo bin ich? Was ist geschehen?“ 😮

Wenn ich ihn dann über das Geschehene aufkläre (an das er sich nach mehr als einem Tag aus neurologischen Gründen tatsächlich nicht mehr richtig erinnern kann), versteht er die Welt nicht mehr und auch nicht was in ihn gefahren ist. Die Folge: Große Verzweiflung auf allen Ebenen und ich glaubte ihm sein Dilemma jedes Mal.

Im ersten Jahr (2013) steckte ich dieses Szenario in die Schublade „Ausrutscher“, es war ein sehr stressiges Jahr mit Nachwuchs, Umzug und neuen Herausforderungen. Ich war gestresst, mein Mann auch, Shit happens. Im Jahr 2014 erkannte ich eine gewisse Regelmäßigkeit und konnte schon einen möglichen Streit im Voraus erahnen. Das war ganz komisch. Es war als würde sich knapp 4 Wochen lang irgendetwas in ihm aufstauen und sich dann irgendwann durch Kleinigkeiten entladen. Ich begann mir so Fragen zu stellen wie: Was soll dieser Scheiß? Will er mich nun auf diese ekelhaft Psychotour etwa loswerden? Oder tickt mein Mann einfach nicht mehr ganz richtig? Letzteres hatte ich aber nicht wirklich in Erwägung gezogen. Immerhin war ich doch diejenige, die an einer Angststörung erkrankte, Medikamente nehmen musste und Psychiater und Psychologen aufsuchte. Und das war auch ein weiterer Knackpunkt. Mein Mann war überzeugt, dass ich „das Problem“ bin und lehnte sich entspannt zurück, während ich nach wie vor chancenlos gegen diese unberechenbaren Andi-Windmühlen kämpfte.

Dieses Gefühl alles falsch zu machen, der ganze andere Stress und die Unsicherheit, ob der Partner wirklich zu einem steht, oder ob ich am Ende doch wieder nur ein „Ich habe dich eh nie geliebt“ kassiere, hat auch die folgenden Jahre ziemlich böse in mir gewütet. Aber ich wollte einfach nicht aufgeben.

Dieser Neuanfang in Niebüll sollte auch gleich ein Neuanfang für uns sein. Es ist in den letzten Jahren viel zwischen uns passiert, was uns beiden leid tut. Wir wollten diese sinnlosen Streitereien hinter uns lassen, wenn das nicht funktionieren würde, wäre die Trennung die einzig sinnvolle Lösung, allein schon der Kinder wegen (die nämlich auch kein Bock mehr auf Theater haben). Doch es lief die ersten zwei Wochen bestens. Die Anspannung fiel immer mehr von mir ab und eigentlich standen die Chance gut,  dass der Umzug auch unsere Ehe retten würde.

Und inmitten dieser Schönheit und des nordfriesischen Glücksgefühls, donnerte dann zwei Wochen nach unserer Ankunft plötzlich mein Mann aus heiterem Himmel wieder mit irgendeinem Mist los und machte an der Stelle weiter, wo wir eigentlich für immer mit aufhören wollten. Es war wieder der gleiche Ablauf und eigentlich weiß ich auch immer, wie diese Scheiße endet – nur dieses mal, war die Streitqualität eine andere. Sie war unberechenbarer. Mein Mann war unberechenbar. Ich wurde unberechenbar. Deshalb war es für mich dieser erste Ehekrach in Niebüll auch ein echter Schock. Schlimmer noch, es war ein Weltuntergang. Denn dadurch, dass ich seelisch wieder gefestigt war, wurde mir ziemlich klar, wie „schlimm“ und irrational das Verhalten meines Mannes mir gegenüber ist und wie wenig ich bereit bin, das weiter zu tolerieren.

Meine Geduld war am Ende und ich wusste, ich würde bald eine Entscheidung treffen. Allerdings nahm diese Entscheidungsfindung einen völlig unverhofften Lauf, denn mein Mann fuhr völlig neue Geschütze auf, um meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu kriegen (die ich ihm ja einfach nicht mehr geben wollte). Er schloss sich ein, aß und trank nichts mehr, bombardierte mich mit frechen, beleidigenden Whatsapps, bezichtigte mich des Fremdgehens und fing irgendwann an, nur noch wirres Zeugs von sich zu geben. Irgendwann war der Punkt erreicht, wo ich tatsächlich einsehen musste, dass das KEIN typisches Verhalten eines Arschlochs ist, sondern ein ernsthaftes Problem. Es dauerte 4 Tage, dann drohte ich ihm zum ersten Mal mit einer Einweisung. Eine Drohung, die ihm scheinbar auch zu denken gab, denn er beruhigte sich und wir machten am nächsten Tag einen Termin bei seinem neuen Hausarzt. Der Hausarzt stelle dann später eine Überweisung aus und schlug einen Aufenthalt in einer Tagesklinik vor. Zur Aufnahme in diese Einrichtung kam es aber nicht, denn…

.Auf den ersten Streit in Niebüll folgte bald der nächste und lieferte mir nun auch den letzten Beweis, dass mit meinem Mann irgendetwas nicht stimmte. Ein neuer Krieg brach los und ich hatte mal wieder keine Chance gegen seine Überzeugung anzukommen. Und was war diesmal seine Überzeugung?

„Meine Frau ist böse! Sie will mir einreden, dass ich krank bin! Sie will mich loswerden! Mich austauschen! „

Ja, er war plötzlich überzeugt davon, dass ich eine ganz hinterlistige Hexe bin, die ihm nur einreden will, „krank“ zu sein. Ich wollte ihn mit böser Absicht in die Klapse stecken, damit ich mit meinem neuen Autoren-Freund von Facebook herummachen kann. 😮 Letzteres fand ich immer ganz besonders beleidigend, weil er ganz genau weiß, dass ich das niemals machen würde. Er weiß es deswegen so genau, weil er schon mal schmerzliche Erfahrung mit meiner Ehrlichkeit machen musste. Ich wollte darüber gar nicht schreiben, aber da mein Mann in seinem Blog (Link kommt später) davon schreibt, dass er Sorge hatte, dass ich ihn „schon lange austauschen“ wollte, fühle ich mich genötigt, mich zu rechtfertigen.

Ich gehöre zu den bescheuerten Menschen, die schon allein bei dem Gedanken an einen außerehelichen Fehltritt an einem schlechten Gewissen ersticken würden. Ich bin allerdings auch ein sehr emotionaler Mensch und kann mit Stress und Ärger nicht besonders gut umgehen. Ich nehme alles sehr persönlich, auch wenn ich es nicht will. Wenn mein Partner mich in die Enge treibt, hat das Folgen. Ich sehne mich dann nach Ruhe, Frieden, Respekt, Anerkennung und seelischer Unterstützung. Und wenn plötzlich im Rahmen dieser Verzweiflung ein Mensch auftaucht, der genau das alles zu sein scheint, dann ist das Gefühlschaos perfekt. Ja, Gefühle sind ja manchmal bekanntlich ein Arschloch und plötzlich verliebt man sich in einen Menschen, auch wenn man weiß, dass es absolut nicht richtig ist. Das ist so richtig scheiße und das wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht. Das passiert wohl sehr oft und auch in den besten Familien. Die einen überleben, die anderen nicht. Die Folgen sind meist schwerwiegend und zutiefst verletzend für alle Beteiligten, insbesondere dann, wenn der Partner über einen längeren Zeitraum massiv und ohne auch nur einen Hauch eines schlechten Gewissens betrogen wird. Ich weiß, was so etwas mit Partnern und auch beteiligten Kindern anrichtet, deshalb ist für mich solch ein Vorgehen ein absolutes No-Go.

Und was tat ich? Ja, genau, ich fühlte mich wie ein Schwerverbrecher und versuchte irgendwie aus der Scheiße heil wieder raus zukommen. Taktik: Sich bloß nichts anmerken lassen, mit keinen darüber sprechen, es totschweigen, verdrängen und es leider damit noch schlimmer machen.

Und dann kam die Phase, wo ich mein Schwerverbrecherdasein nicht mehr ausgehalten habe, (obwohl ich nichts, aber auch wirklich rein gar nichts Unanständiges getan habe). Ich Idiot machte genau dieses Gefühlschaos im Rahmen eines Streites zum Thema, in der Hoffnung auf Hilfe. Ja, ich bat meinen Mann um Hilfe, er sollte doch besser auf uns aufpassen. Die Folge: Es wurde nicht ernst genommen, belächelt.

„Du? Niemals!“

Ja, so kann es einem auch gehen. Da will man ehrlich zu seinem Mann sein, damit man am Ende des Tages noch in den Spiegel gucken kann und dann wird einem nicht geglaubt. Als ob ich mit so was Scherze machen würde!? Arsch!(Inzwischen hat er es aber sehr ernst genommen und aus diesem Fehler gelernt. Von näheren Fragen wie WER? WAS? WANN? WIE? bitte ich abzusehen. Wir sind im Reinen und werden darüber schweigen wie ein Grab.)

Ich beließ es damals dabei, riss mich zusammen, machte mir mit Hilfe therapeutischen Beistandes klar, dass meine stressgeplagte Psyche mir hier einen ganz gefährlichen Streich spielte und ich nicht darauf reinfallen sollte. Mein Mann wäre schon der Richtige für mich, ich müsste eben nur lernen mit ihm umzugehen…

Tja…

Allerdings wusste damals keiner der Beteiligten, dass ICH nicht mit einem schwierigen Charakter, sondern mit einer biochemischen Fehlfunktion und einer Anpassungsstörung klarkommen musste. 😮

Übrigens, da fällt mir gerade ein: Ein weiterer Ehrlichkeitsdienst meinem Mann gegenüber, der einmal nach hinten los ging, war ein Gespräch über einen Bericht, in dem behauptet wird, das 100% aller Frauen bisexuelle Neigungen haben. Ich las diesen Text und stimmte zu. Ein halbes Jahr später hing der Haussegen schief, weil ich mit einer Freundin Eisessen war und er sich bei diesem knapp zweistündigen Treffen eine lesbische Handlungen ausmalte. Ich hatte auch diesen Streit damals nicht kapiert, jetzt, wo ich darüber schreibe, wird es mir wieder klar. 🙂

Mann, Mann, Mann! 😮  Kopf*Tisch

Wie ich gerade schon angedeutet habe, mein Mann hat / hatte wirklich ein psychisches Problem. Vermutlich schon seit Jahrzehnten, welches schon damals nach seiner Gehirnblutung und dem daraus folgenden Schlaganfall hätte behandelt werden müssen. Er leidet u.a. unter einer Anpassungsstörung, die lt. Wikipedia so zu definieren ist:

Eine Anpassungsstörung ist eine psychische Reaktion auf einmalige oder fortbestehende identifizierbare psychosoziale Belastungsfaktoren, die die Entwicklung klinisch bedeutsamer emotionaler oder verhaltensmäßiger Symptome zur Folge hat.“ (Quelle, Wikipedia)

Weisse Bescheid!

Diese unbehandelte Anpassungsstörung hat durch enormen Stress, vielen Ängsten und Unsicherheiten über die Jahre hinweg in seinem Gehirn dafür gesorgt, dass ein bestimmter Botenstoff nicht mehr produziert wird. Und dieser fehlende Botenstoff hat verhindert, dass er in bestimmten Stresssituationen oder in Momenten, in denen er unter Anspannung steht,  der Situation angemessen reagiert. Er steigert sich dann so in die Situationen hinein und verfällt sodann in depressive Phasen, aus die er nur schwer wieder heraus kommt. Er war / ist seit Jahrzehnten weder konfliktfähig, noch in der Lage, einen motivierten, stress-, angstfreien und unbeschwerten Alltag zu bestreiten.

So und mit diesem Wissen jetzt, katapultiere ich uns nochmal zurück in die letzte Streitsituation, wo mein Mann (wie so oft in den letzten Jahren) schon seit Tagen im Schlafzimmer auf dem Bett lag, kaum etwas gegessen hatte, aber genug Energie aufbringen konnte, um seinen Laptop auf den Boden zerschellen zu lassen und mir böse Hasstiraden hinterher zu rufen. Auch ich war kein Engel. Ich hatte ihm gerade eine Flasche Wasser über den Kopf geschüttet, ihm die Brille von der Nasse gefegt,  ihn mutwillig aus dem Bett geschubst, bei diesem Versuch sein Lieblings-T-Shirt zerrissen, ihm ein blauen Fleck am Oberschenkel verpasst, und, und, und…

Respektlosigkeit auf allen Ebenen … ich hasse das!

Und irgendwo inmitten dieses stummen Gerangels hörte ich meine kleine Tochter von unten rufen, ob ich mal bitte so freundlich wäre, ihr etwas zu Trinken zu geben. Das war dann auch irgendwie der Moment, in dem ich realisiert habe, dass an dieser Stelle Schluss sein muss. Er brauchte Hilfe, ich brauchte Hilfe, wir brauchten Hilfe.

Es war nicht ganz so leicht meinen Mann aus dieser schlimmen Phase zu befreien und ihn dazu zu bringen, sich in eine psychiatrische Klinik zu begeben. An dieser Stelle danke ich Dir, liebe Anja, für Deine Hilfe. 🙂

Am nächsten Tag gab es ein Telefonat mit der Fachklinik für Psychiatrie und Psychosomatik Nordfriesland und die Sache nahm ihren Lauf. Für mich persönlich etwas zu schnell, denn ich hatte das Geschehene noch gar nicht so recht verarbeitet. Und dann wurde es ernst. Ich musste meinen Mann einen Tag später in eine Psychiatrische Klinik bringen und zwar nicht in eine Tagesklinik, die wollten ihn nicht, weil „zu krass“.

Ich war deswegen ziemlich aufgewühlt, weil ich nicht wusste, wie es weitergehen würde. Würden sie ihn da gut behandeln? Würden sie etwas erreichen können? Das Aufnahmegespräch verlief gut, Andi war sehr kooperativ allerdings war seine Antwort auf die Frage, ob er Selbstmordgedanken in sich träge etwas unglücklich verlaufen: „Also wenn ich an die Sache mit Chester Bennington denke, dann mache ich mir schon etwas Sorgen … der war ja auch depressiv.“

Die daraus resultierende Maßnahme war für mich schlimmer als für ihn, denn etwa eine halbe Stunde später befand ich mich plötzlich in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie. 😮

Keine Ahnung, was für ein emotionales, empathisches, vielleicht sogar Flashback geleitetes Riesending mich dann plötzlich geritten hat. Ich habe vollkommen die Fassung verloren. Ich hab unentwegt geheult, ohne zu wissen warum. Auch die eigentlich lustigen Gespräche mit anderen Patienten halfen nicht. Die Tränen flossen unaufhaltsam, auch wenn ich keinerlei Gedanken in mir trug und mich irgendwie leer fühlte. Es war eine endlose Heulattacke, ähnlich, wie es mir auf Friedhöfen ergeht. Vielleicht zu viel Traurigkeit, vielleicht zu viel Verzweiflung auf der Station, vielleicht konnte ich auch einfach nicht damit umgehen, das ich meinen Mann hier lassen sollte. Vielleicht finde ich noch heraus, was da los war, wahrscheinlich aber eher nicht. Ist auch eigentlich egal…

Ich weiß nur, das mit dem Augenblick, als ich das Gebäude verließ der Spuk vorbei war.

Wir konnten vorher noch das „Missverständnis“ bei dem behandelnden Arzt aus dem Weg räumen und mein Mann kam kurz darauf in den offenen Bereich.

Wie es ihm dann die nächsten zwei Wochen ergangen ist, könnt ihr bei ihm selbst nachlesen – er hat darüber in seinem Blog berichtet:

https://andreaslahr.wordpress.com/2017/08/22/klapse-muss-auch-mal-sein-wie-es-dazu-kam-dass-ich-14-tage-in-der-fachklinik-fuer-psychiatrie-verbrachte/

Tja…

Und jetzt …

Wie soll ich sagen…

Dadurch, dass recht schnell erkannt wurde, was ihm fehlt, konnte er auch noch schneller behandelt werden. Er bekommt jetzt die Botenstoffe, die ihm fehlen, in relativ geringer Dosis. Die Folge: Mein Mann ist zum ersten Mal, seit dem ich ihn kenne „normal“. Also von seinem positiven  Wesen her unverändert, aber eben vollkommen ohne Angst, Stress, Hemmung und seiner einst unterschwelligen Hektik. Auch seine altbekannte Antriebsstörung hat sich deutlich gebessert. Er spricht sogar „normal“ und jeder der ihn kennt weiß, dass er früher verdammt viele Infos innerhalb kürzester Seit in einen Satz verpacken konnte. 😀

Mit anderen Worten: Da geht noch was!  😀

Ihm geht es sehr gut, er ist gelassen, friedlich und wir haben uns seit knapp 4 Wochen nicht mehr gestritten, auch wenn es genügend Streitpotenzial gab. 🙂

Ist das nicht krass…?

Mann, das war SO KNAPP! 😮

Die Biochemie ist schon ein verrückter Laden…

Und wie verrückt dieser „Bio-Laden“ noch sein kann, erzähle ich beim nächsten Mal, denn auch ich war vorgestern im Westküsten Klinikum Heide, weil bei auch wieder was aus dem Ruder gelaufen ist. Stress macht eben krank. Teil 3 folgt somit in Kürze.

Läuft bei uns! 😀

Und wenn wir das alles hinter uns haben, dann genießen wir, das hier:

 

Und das hier….

 

 

 

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