Geschichten aus dem Leben

Halbe Dosis – Tag 2 und 3 – Auhaueha!


Ja…

Wie soll ich das jetzt alles in Worte fassen …

Hm …

Ach, da fällt mir gerade ein …

Bevor ich mit der Berichterstattung beginne, muss ich erst noch kurz eine Frage beantworten, die mir heute kurioser Weise gleich zwei Mal unabhängig voneinander gestellt wurde: Was hast Du eigentlich beruflich gelernt? 😀

Unglaublich aber wahr: Ich bin gelernte Groß – und Außenhandelskauffrau mit dem Schwerpunkt Baustoffe. Die Ausbildung habe ich bei Mobau Baustoffe Asbach & Unkel, heute Vorteil Baucenter absolviert. 😀

Tja, wer hätte das gedacht …

So, ich stelle den heißen Brei jetzt mal weg … 😀

Also gestern hätte ich nicht gedacht, dass ich jemals nochmal überhaupt ein Wort schreiben werde, denn da ging echt gar nichts mehr …

… vor lauter Emotionen! 😀

Wie soll ich diesen gestrigen Katastrophentag beschreiben?

Ich hatte schlecht geschlafen, ziemlich wüst geträumt und überhaupt war der Tag komisch, da mich ein monströses schlechtes Gewissen plagte. Es war der 14. Geburtstag meiner Tochter und ich hatte, wie auch schon zu Weihnachten, die Sache mit ihrem Geschenk verkackt. Ich stand tatsächlich zu ihrem 14. Geburtstag mit leeren Händen da, selbst zu einer Karte habe ich es aufgrund akuter Unfähigkeit, Fehlorganisation und Überforderung nicht geschafft. Aber zu den emotionalen Auswirkungen dieser Situation komme ich später noch einmal …

Also ich nahm zu diesem Zeitpunkt seit zwei Tagen nur noch die halbe Dosis der Tabletten und ich hatte keine Ahnung, ob und wann sich eine Veränderung in meiner Gefühlswelt einstellen würde, daher horchte ich sekündlich erwartungsvoll in mich hinein und wartete fast sehnsüchtig …

Irgendwann am frühen Vormittag passierte dann tatsächlich etwas. Es kam aus heiterem Himmel. Es fing an mit einem merkwürdigen Kribbeln im Brustbereich, dicht gefolgt von einem Wärmegefühl, dass sich langsam, kriechend im Oberkörper und Bauch ausbreitete. Ich erstarrte vor lauter Überraschung und versuchte das Gefühlte einzuordnen. Das Kribbeln breitete sich schließlich im ganzen Körper aus, schwächte schließlich ab, aber auch nur, um sich dann in eine gewaltigen neuen Gefühl zu manifestieren, dass schließlich unter meinem Herz und Bauchbereich nahezu explodierte.

Was zum Teufel war das? 😮

Es fühlte sich an, als hätte ich plötzlich tausend Schmetterlinge im Bauch. Wie als wäre ich verliebt … unbeschreiblich … atemberaubend … warm … irgendwie göttlich? War das die Rückkehr meiner Gefühlswelt? Liebe und Wärme? Es wäre zu schön um wahr zu sein! <3

Ich erinnere nochmal kurz an den Ursprungszustand als die Angststörung ausgebrochen ist im Juni letzten Jahres:

„Ich hatte plötzlich das Gefühl, als hätte mich jemand in Eisenketten gelegt. Mein ganzer Körper fährt auf Hochtouren, es fühlt sich wie Fieber an, ich bin ständig unter Strom, habe ständig das Gefühl durchzudrehen und es braucht meist auch nur einen Funken, und schon verliere ich die Nerven. Ich fange an zu heulen, implodiere, explodiere, werde hektisch. Und dann sind da diese nervtötenden Beklemmungen im Brustbereich, je höher die Anspannung, desto stärker auch das Engegefühl. Es wandert bis zum Hals, drückt mir die Kehle zu. Es entsteht ein unerträglicher Druck, das Einatmen fällt schwer. Ich habe das Gefühl zu ersticken … und das ununterbrochen!“

Aber jetzt?

Wie betäubt, genoss ich die Schmetterlinge, die Wärme und diese gewaltige Form von positiver Energie … bis mich die beknackte Realität des Lebens wieder einholte. Das Gefühl veränderte sich plötzlich. Die Schmetterlinge flatterten wilder, unkontrollierter, mahnender …. fast schon schmerzhaft, so als wollten sie mir sagen, dass in all dem Licht, das sie mir an diesem Morgen brachten, auch der Schatten wieder auf mich wartete …

Die Liebe, das Atemberaubende, die Wärme, das Unbeschreibliche, das Göttliche wurde mit einem Male und ohne, dass ich etwas dagegen tun konnte, in genau die Eisenketten gelegt, wie vor knapp 8 Monaten.

Bitte nicht …

Da sind wieder diese nervtötenden Beklemmungen im Brustbereich. Es wandert bis zum Hals, drückt mir die Kehle zu. Dieser unerträgliche Druck, das Einatmen fällt mir schwer. Ich habe schon wieder das Gefühl zu ersticken …

NEIN! 😮

Dieser Tiefschlag ließ mich taumeln. Der Gedanke, dass jetzt ohne die Tabletten, die ganze Scheiße wieder von vorne losging und sich nichts, aber auch gar nichts an meinem Zustand verändert hatte – der Gedanke war unerträglich. Ich ging zu meinem Mann, versuchte ihm irgendwie mitzuteilen, was da gerade in mir passierte, aber dazu kam es nicht mehr. Es tut mir sowieso unendlich leid, dass ich ihn mit meiner Kacke ständig überfordere … 🙁

Meine so lang vermissten Emotionen prügelten situationsbedingt prompt auf mich herein und ich brach hemmungslos in Tränen aus. Ich hielt meinem Mann eine lange Rede über die Einsicht, die schlechteste Ehefrau und Mutter aller Zeiten zu sein, und teilte ihm auch gleich meine Befürchtung mit, dass sich an meinem Zustand nichts verändert hätte, er sich am besten gleich scheiden lassen und das Weite suchen sollte, denn ich sagte ihm auch, dass ich nie wieder diese Tabletten nehmen würde!

Danach kämpfte ich tatsächlich wieder mit starken Emotionen wie Enttäuschung … ja, ich war unendlich enttäuscht, dass ich mich so fühlte, mich nicht beruhigen konnte und so schreckliche Worte des Aufgebens sagte.

Irgendwann sagte dann mein Mann – gefühlt genervt – einen folgenschweren Satz:

„Naja, bevor du jetzt jeden Tag wieder rumheulst, nimmst du halt eben wieder die Tabletten!“

Stille! 😮

Zur Erinnerung: Wir haben uns seit Monaten nicht mehr gestritten!

Nehmen wir uns nochmal diesen Satz vor und lassen wir uns diesen von Männerlogik gespickten Satz nochmal auf der Zunge zergehen …

„Naja, bevor du jetzt jeden Tag wieder rumheulst, nimmst du halt eben wieder die Tabletten!“

Nun ja …

Meine Reaktion kam prompt und heftig:

„Du bist so ein blödes Arschloch!“

Wie lange habe ich diesen Satz nicht mehr mit der ganzen Kraft meiner emotionalen Unsachlichkeit gesagt?

Und ich legte gleich noch einen hinterher:

„Du bist ja ein ganz toller Ehemann! Sobald die Alte wieder schwierig wird, soll sie wieder mit Tabletten gefügig gemacht und ruhig gestellt werden … never, ever… Scheidung! Tschö!!“

Diese Situation beschreibe ich nur, damit auch hier deutlich wird, dass die abnehmende Wirkung der Tabletten so langsam spürbar wird …

Nach 5 Minuten hat mein Mann sich wegen seiner unsensiblen Art bei mir entschuldigt und auch ich entschuldigte mich aufrichtig für das „Arschloch“, wobei meine Therapeutin heute sagte, ich dürfe sowas zu meinem Mann sagen, wenn mir danach ist. 😀

Nachdem die Situation sich wieder beruhigt hatte, war ich allerdings immer noch todunglücklich, wegen meines Zustandes. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, gerade jetzt mit den Medikamenten aufzuhören, wo doch gerade alles so furchtbar drunter und drüber geht bei uns.

Die Erlösung und auch Lösung der Verkrampfung (Beklemmung) kam durch ein intensives Gespräch mit meiner Tochter über die Geschenksituation … irgendwie erschreckend, wie erwachsen mein Kind geworden ist. Aber sie hat mir verständlich erklärt, was sie unter einer schlechten Mutter versteht und was sie tatsächlich in mir sieht. <3

Nach diesem Gespräch löste sich das Gefühlschaos, inklusive Beklemmungen und es kehrte Ruhe ein.

Fazit des 2. Tages: Meine Fähigkeit zu fühlen, kommt langsam aber sicher (und teilweise auch heftig) zurück, allerdings bedeuten Stresssituationen nach wie vor Alarm und Angstreaktionen bei mir… mal sehen …

Heute hatte ich dann einen Termin bei meiner Therapeutin, der ich dann später von meinen Absetzplänen des Medikaments erzählte und eigentlich mit Gegenwehr rechnete:

Ihre Antwort:

„Sie haben sich somit als hochsensibler Mensch bewusst für Ihre Emotionen, mit allen Konsequenzen, entschieden – offenbar können Sie dieses Geschenk nun endlich annehmen?“

Meine Antwort:

„Ja, ich weiß meine Gefühlswelt zum ersten Mal in meinem Leben zu schätzen. Haben Sie heute morgen diesen gigantischen Sonnenaufgang gesehen? Auf dem Rückweg vom Kindergarten musste ich anhalten. Ich hielt an, stieg aus und betrachtete dieses Wunderwerk der Natur und es rührte mich zu Tränen. Ich habe vor Glück geweint, weil etwas so unglaublich schön war. Ja, es ist ein Geschenk!“

Therapeutin:

„Aber man merkt, dass die Wirkung von Paroxat nachlässt“, sie deutet lächelnd auf meine nervös wippenden Füße und dann auf meine verkrampfte Handhaltung.

„Sie sind heute sehr nervös und angespannt.“

Ja Mann, ich war fucking verdammt nochmal angespannt, aufgeregt, nervös, verwirrt, habe zudem irritierte Schmetterlinge im Bauch und laufe gerade total neben der Spur – aber selbst das finde ich im Moment schön! <3

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