Geschichten aus dem Leben

Kindheitstrauma Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ – Oh Gott, ich war das Gewitter!

Ich erzähl Euch mal was …

(Ich bitte, diesen Schwank aus meinem Leben psychologisch nicht allzu sehr auf die Goldwaage zu legen – ich hab zwar mächtig einen an der Waffel, aber grundsätzlich geht es mir heute wieder gut!)

Es gibt Dinge, die sind irgendwo so tief im Inneren vergraben, dass sie eigentlich nie wieder zurück in die Erinnerung kommen sollten. Aus guten Gründen!

Ich habe vor einigen Tagen eine Classic-CD geschenkt bekommen, über die ich mich sehr gefreut habe. Allerdings war da auch unten genanntes Stück von Vivaldi „Vier Jahreszeiten Frühling- Allegro“ vertreten. Ein einprägsames Werk, welches ich so wohl nie wieder gefunden hätte (weil ich damals nicht wusste, wer oder was das überhaupt war).

Ich hörte diese lieblichen Klänge und bereits nach den ersten fünf Sekunden wurde ich brutal zurückgeschleudert in das Jahr 1986 (4. Klasse oder so). Es war ein schwüler Sommernachmittag (ich weiß sogar noch, was ich an hatte!) … in der (heute alten) Grundschule in Vettelschoß hatten viele Eltern gerade mit Stühlen einen Halbkreis um eine kleine provisorische Bühne gebildet und ließen sich lachend, unterhaltend und erwartungsvoll nieder. Meine Eltern ließen aus beruflichen Gründen noch auf sich warten, was irgendwie diese ganze Situation noch schlimmer machte, denn ich wollte eigentlich nicht alleine sterben. Und ich wusste, ich würde sterben, denn für mich hatte diese ganze Szenerie etwas von einer Hinrichtung.

In wenigen Minuten musste ich vor diese Menschen treten, bekleidet mit einem schwarzen Umhang auf den ein neongelber Blitz genäht war, und wie aus heiterem Himmel in wildes Tanzen ausbrechen. Und das alles nur, weil unsere Lehrerin Frau Kretz das für eine sehr gute, nahezu grandiose Idee hielt. Ich fand diese Idee sprichwörtlich zum Kotzen, denn mir war schon nach der Generalprobe am Morgen schlecht vor Angst. Das Lampenfieber (so wie ich es auch heute noch kenne) hatte mich gepackt und (wie sooft in diesem Leben) meine kindliche Verarbeitungskapazität deutlich überschritten.

Nachdem sich meine Mitschüler (kann sich von Euch noch jemand daran erinnern?) so langsam aufstellten und alle bester Laune und Vorfreude waren, merkte ich, dass mich diese Situation mit jeder weiteren Sekunde in diesem Raum so sehr beängstigte, dass ich den Tränen nah war. Aber heulen vor all diesen Menschen, ohne einen plausiblen Grund benennen zu können?

NEVER EVER!

Ich beschloss zunächst die Flucht zu ergreifen und erzählte der Lehrerein, dass ich dringend auf die Toilette müsste. Ich überhörte einfach ihr „Aber es geht gleich los, kannst du nicht später …
„Nein, kann ich nicht! Ich beeile mich auch!“
Ich rannte wie eine Irre los, die Treppe hinunter, schleuderte über den Flur, (achtete dabei penibel genau darauf nicht zu fallen) und schloss mich – also mit einem schwarzen Blitzumhang bekleidet – auf der Schultoilette ein. Dort angekommen, dachte ich darüber nach, wie ich am besten aus dieser schrecklichen Nummer raus kommen könnte. Das, was da von mir verlangt wurde ging einfach nicht. Nein, es ging nicht! Ich wollte nicht auf diesen dämlichen Präsentierteller, ich wollte nicht an diesen Pranger, ich wollte nicht, dass mich wieder alle im Visier hatten, um mich, die „Verdrehte“ wieder daran zu erinnern, dass ich eben so schrecklich anders war.
„Fuck!“

Oh, ich glaube, das hat man 1986 nicht gesagt oder gedacht … dann eben das:
„Bei der Macht von Greyskull – ach, menno Scheißdreck!“

Ich versteckte mich also auf dieser Schultoilette und wünschte mir eine Zeitmaschine und He-Man herbei, der für mich ins Jahr 1725 reisen und der Vivaldi frühzeitig den Garaus machen konnte, damit er die „Vier Jahreszeiten“ nicht mehr komponierte. Vielleicht wünschte ich mir auch einfach nur, nicht schon wieder so schrecklich kompliziert und ängstlich zu sein. Aber wie das am Ende immer so war (und ist) mit den Wünschen – auch Kinder können realistisch sein – musste ein Plan B her. Und der lautete an diesem Tag: Ich musste einen Unfall haben! Ja, ein vielleicht nicht ganz so schlimmen Unfall! Dann hätte ich wenigstens einen Grund zum Heulen und vielleicht würde „das Gewitter“ eben auf der Bühne einfach ausfallen.

Gesagt getan – BITTE NICHT NACHMACHEN!

Ich war alleine im unteren Teil des Schulgebäudes und überlegte, von welcher Treppenstufe ich mich denn nun stürzen sollte, damit es zumindest einen blauen Fleck gibt. Ich stolperte zum Testen von der ersten Treppenstufe auf den Boden und konnte mich aber dummerweise so geschickt abfangen, dass ich gar nicht stürzte. Das Gleiche versuchte ich, vom dritten und vierten Absatz. Aber wie durch ein Wunder landete ich immer wieder auf meinen Füßen und verletzte mich einfach nicht – wie kann das sein?!

Nachdem ich dann frustriert festgestellt habe, dass meine kindliche Intelligenz es offenbar nicht zulassen wollte, mich absichtlich zu verletzen – denn das tut ja (in echt!) weh – und ich spürte, dass man in wenigen Augenblicken nach mir suchen wird, fing ich einfach schon mal prophylaktisch an zu heulen. Aus der Ferne hörte ich dann, wie Frau Kretz meinen Namen rief. Und ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie die Treppe hinunter kam, um mich abzuführen … mit einem schwarzen Umhang über den Kopf … auf direktem Weg zu meiner Hinrichtung!

Oh, mein Gott, warum musste ich das Gewitter-Solo sein!? Warum keine dumme Blume, die in einer dummen Blumen-Gruppe Händchen haltend über die Bühne hüpfen durften … warum denkt man sich überhaupt so eine Scheiße aus???
Frau Kretz war also im Anmarsch, meine Eltern immer noch nicht da und so langsam aber sicher, schwankte mein Heulkrampf in blanke Panik um. Mit fieberhafter Aufmerksamkeit suchte ich weiter nach einer Möglichkeit, mir zumindest einfach mal kurz das Knie anzustoßen, damit ich einen Grund für meine Tränen liefern konnte.
Mit letzter Kraft stolperte ich über meine eigenen Füße und legte die wohl filmreifeste Schwalbe hin, die dieser alte Vettelschoßer Grundschulflur wohl je gesehen hatte. Und da ich eine kurze Hose trug, gab es sogar als Belohnung einen kleinen roten Fleck auf dem Knie.

Mit einem lauten „AUA! AUA!“ und lautem Schluchzen, begrüßte ich meine sichtlich erschrockene Klassenlehrerin, die sich sofort umgehend um mich kümmern wollte. Ich klagte ihr mein Leid und berichtete von meinem spektakulären Sturz und den unglücklichen Umständen – zu schnell, weil ich wollte ja wieder pünktlich oben sein, Kurve nicht gekriegt, ausgerutscht, doppelter Salto etc.

Nun ja …

Schlecht lügen konnte ich schon immer gut, und heute weiß ich, dass meine Lehrerin mich schon ein bisschen besser kannte, als ich damals gedacht habe. Sie sah sich mein Knie an, half mir auf, stützte mich auch selbstlos beim Gehen, aber gab mir auch ziemlich schnell zu verstehen, dass ich aus der Vivaldi-Nummer, mit DIESER Nummer nicht raus kommen werde. Da konnte ich so viel heulen, wie ich wollte. Und wenn ich bei meiner empfindlichen Haut einmal heule, sieht man das (auch heute noch) Tage lang.

Es kam, wie es kommen musste …

Von Minute 1,45 bis 2,11 – also ganze 26 Sekunden – musste ich das Gewitter tanzen!!!
Ohne wenn und aber …
… mit verheulten Augen …
… und einem kaum sichtbaren roten Fleck am Knie …
Meine Eltern haben meinen Auftritt übrigens doch noch gesehen, die kamen gerade als ich einsehen musste, dass ich auch ohne sie hingerichtet werde … (sie kennen diese Geschichte aber nicht)

Nä, was für ein Drama!

Das Leben ist eben ein Thriller!

Liebe Grüße

Eure Dramaqueen

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