Geschichten aus dem Leben

Meine erste Begegnung mit dem Tod

(Foto: NicoLeHe / pixelio.de)

Über den Tod meiner Oma vom 03. März 2008 – 06. April 2008

Scheiße…

Ich habe gestern Nacht einen sehr schlimmen Traum gehabt. Ein Traum den ich zuerst nicht richtig einordnen konnte, weil ich die Botschaft die er beinhalten sollte nicht verstand. Ich wusste nicht, ob er wieder nur aus irgendwelchen Ängsten und Befürchtungen von mir entstanden war, oder ob es einer von der Sorte Traum war, die ich am meisten fürchte: Träume, in denen ich den Gefühlszustand anderer Menschen sehe…erahnte…fühle…was auch immer!

Es ging diesmal um meine Oma…

Ich träumte, wie sie mit ihrem Teddy (den ich ihr vor knapp einem Jahr geschenkt habe) im Arm vor mir saß und wieder diese Dinge sagte, die ich nicht hören wollte. Aber noch schlimmer waren ihre Augen…denn ihre Augen gaben mir zu verstehen, das sie es diesmal sehr ernst meinte. Und nach diesem Traum, war ich nicht nur am Boden zerstört, sondern hatte auch plötzlich das schreckliche Gefühl:Irgendetwas stimmt mit Oma nicht!

Ich habe daraufhin telefoniert…und Scheiße…meine Befürchtung hat sich leider bestätigt. Sie isst schon seit Tagen nicht mehr…offenbar hat sie die Kekse am Montag nur mir zu liebe gegessen…und heute morgen wollte sie nicht einmal mehr aufstehen…sie hat ihr Bett nicht verlassen…und das hat es bei meiner Oma NOCH NIE gegeben.

„Ich mag nicht mehr!“, hat sie im Traum zu mir gesagt…

Morgen werde ich sie besuchen und dann werde ich sie verdammt nochmal fragen, was sie damit gemeint hat!

Mann, das kann sie mir doch jetzt nicht antun?!

Sorry… aber ich bin deswegen echt fertig… musste das jetzt einfach mal irgendwo loswerden. Und loswerden möchte ich an dieser Stelle auch, dass ich erst heute so richtig bemerkt habe, wie sehr mir ein einfühlsamer und liebevoller Partner fehlt, dem ich die Schulter vollheulen kann. Ich dachte bisher immer ich sei auch in solchen Dingen ein eingefleischter Einzelkämpfer… einmal Einzelkämpfer, immer Einzelkämpfer… aber heute?

Ja, heute habe ich es dann doch endlich begriffen, denn ich glaub ich habe mich in meinem Leben noch nie so verloren, so allein, so fehl am Platz und vor allem so dämlich gefühlt wie heute.

Montag, 10. März 2008

Omas Augen sagten alles…

Ich habe heute Oma im Pflegeheim besucht…

Gegen 14.30 Uhr klopfte ich an ihre Türe, aber sie sagte nicht: „Ja bitte?!“ Ich trat ein und zu meiner Befürchtung sah ich sie nicht auf ihrem Sessel sitzen. Auch der TV war nicht eingeschaltet und auf ihrem Tisch standen auch nicht wie üblich eine Teekanne und Kekse. Sie lag in ihrem Bett, ihr schmaler Körper zur Wand gedreht und sie trug ein Nachthemd. Es war still…zu still. Ich dachte, dass sie…dass sie schlief und ging leise zu ihr. Sie war wach, ihre Augen waren geöffnet und sie starrte die Wand an…jedenfalls dachte ich, dass sie es täte.

„Hallo Oma“, sagte ich leise. Sie zuckte erschrocken zusammen und drehte ihren Kopf zu mir. Sie lächelte und aus ihrem blassen Gesicht, strahlten mich plötzlich zwei hellblauen Augen an. Noch nie habe ich dieses blau ihrer Augen so wahrgenommen wie in diesem Augenblick.

„Hey“, sagte ich, setzte mich zu ihr und umfasste ihre Hand. Sie zuckte zusammen, als ich das tat. „Kalt!“, flüsterte sie. Und ich antwortete: „Entschuldige, Schiet-Wedder dort draußen.“ Ich wollte meine Hand wieder wegziehen, damit ich sie mit meinen Eisfingern nicht noch mehr erschreckte, aber sie hielt sie fest. Sie umklammerte meine Hand und lächelte. „Warum liegst du denn im Bett? Geht es dir nicht gut?“, fragte ich und hasste mich gleichzeitig dafür.

Oma wollte etwas sagen, ihre Lippen bewegten sich, aber es kam kein Ton heraus. Ich schaute sie fragend an und wie als, wenn es für das, was sie mir zu sagen hatte keine geeigneten Worte gäbe, griff sie schließlich neben sich. Meine Augen folgten ihrer Bewegung und erst jetzt sah ich ihn. Neben ihrem Kopfkissen, gleich in Augenhöhe lag „Teddy“. Liebevoll in eine kleine Decke gewickelt, die Ärmchen in ihre Richtung gedreht. Sie nahm ihn, strich ihm über sein weiches Fell. Dann drückte sie mir einen Kuss von ihm auf die Wange und legte ihn mir schließlich in den Arm.

„Oh, da ist ja Teddy!“, sagte ich und fixierte dieses Wesen in meinem Arm, als könnte nur er mich davon abhalten jetzt in Tränen auszubrechen. „Passt du schön auf Oma auf, ja?“

Ich ließ ihn nicken, gab ihm einen Kuss und legte ihn wieder auf das Kissen. Oma drehte sich zu ihm, sah ihn an und lächelte…. nein sie strahlte… ihre Augen strahlten. Omas Augen…sie waren so lebendig…so lebendig und strahlend wie noch nie… es erfüllte mich mit wärme…und machte mir schreckliche Angst. Ich stand abrupt auf und ging zum Fenster. Jetzt bloß nicht heulen! Nicht heulen!

„Guck mal Oma, da fahren ganz viele Schiffe auf dem Rhein. Und die Fähre kann man auch sehen. Hat das Eichhörnchen dich nochmal an deinem Fenster besucht? Magst du nicht deinen Joghurt essen? Soll ich dir den Fernseher anmachen? Nicht? Aber warum nicht? Da läuft doch bestimmt…Oma, ich bin sofort wieder da, ich muss mir mal deine spektakuläre Toilette angucken!“

Sie nickte und lächelte.

Ich weiß nicht wie lange ich in diesem verfluchten Bad heulend vor dem Spiegel stand und mir die Frage stellte, wie ich es schaffen kann mit dieser Situation fertig zu werden. Noch nie habe ich meine Oma so erlebt… noch nie war ein Mensch der mir nahe stand überhaupt so krank gewesen…noch nie war ein Mensch der mir nahe stand… Scheiße!

Als ich mich wieder halbwegs im Griff hatte, setzte mich wieder zu ihr, nahm ihre Hand und schaute sie an. Erschrocken stellte ich fest, dass es ihr schwer fiel, die Augen offen zu halten.

„Oma, bist du müde?“

Sie nickte.

„Schlafen ist gut, das heißt, dass du bald wieder gesund sein wirst!“

Sie lächelte und schloss die Augen. „Ich hab dich sehr lieb Oma“, sagte ich leise und drückte sie ganz fest. Dann wartete ich, bis sie mit Teddy an ihrer Seite einschlief. Dann versprach ich beiden, morgen wieder zu kommen.

Ich habe gelernt, dass es im Leben nicht zählt was du hast, sondern wen du hast… selbst wenn es nur ein kleiner Plüschteddy ist.

Ich habe gelernt, egal wie viel ich mich kümmere, manche Menschen kümmert es einfach nicht.

Ich habe gelernt, dass jeder sieht was Du zu sein scheinst, aber nur wenige fühlen können was Du wirklich bist… ich weiß wer meine Oma ist.

Ich habe gelernt, Leid zu ertragen, Schmerzen zu verbergen und mit Tränen in den Augen trotzdem zu lachen, obwohl es in diesem Moment für mich nichts zu Lachen gab nur um dem anderen zu zeigen, dass es mir „gut“ geht und um sie… um Oma… glücklich zu machen.

Ich habe gelernt, dass man noch lange weitermachen kann, selbst dann wenn man dachte es geht nicht mehr…83 Jahre lang.

Und ich könnte jetzt noch viele weitere Dinge aufzählen, die ich besonders in den letzten Tagen gelernt habe…aber damit auch fertig zu werden, das habe ich leider nicht gelernt.

Sorry!

Dienstag, 11. März 2008

Ich habe gelernt…

Heute habe ich gelernt… …dass es manchmal doch sehr schön ist einen an der Klatsche zu haben! 🙂

Ich hab mir nämlich gestern Nachmittag (als ich bei meiner Oma war) eingeredet, dass ich über übersinnliche Fähigkeiten verfüge. Das habe ich schon als Kind getan, meist dann, wenn mir eine Situation über den Kopf gewachsen war und ich keinen Ausweg mehr fand. In solchen Momenten, konnte ich dann immer schnell meine Flügel ausbreiten und einfach wegfliegen, oder geheime Beschwörungsformeln benutzen, die mir einen Wunsch erfüllten, oder mich so groß und stark machten, dass ich alle Gegner wegpusten konnte – also eine reine Verzweiflungstat aufgrund von seelischer Überforderung.

Wie es auch gestern bei mir der Fall war…

Gestern, als ich an Omas Bett saß und in ihre lebendigen Augen sah (was von ihrem restlichen Zustand allerdings nicht zu behaupten war), wünschte ich mir nämlich, dass ich die Fähigkeit besitze ihr etwas von meiner Lebensenergie abgeben zu können. Energie, die sie braucht, um wieder aufzustehen. Während sie eindöste, hielt ich ihre Hand und konzentrierte mich wie von Sinnen auf mein Inneres. Ich suchte nach meiner latenten Energie (Liebe), ließ sie in mir aufsteigen und gab sie durch meine Hand an sie weiter – jedenfalls bildetet ich mir ein, das ich das täte, bzw. das so machen könnte.

Und, ich habe meiner Oma und Teddy gestern versprochen, das ich heute wiederkomme…

Gegen 17.30 Uhr betrat ich das Pflegeheim bereits schon mit Tränen in den Augen – mal abgesehen davon, das ich einen scheiß Tag hatte, befürchtete ich, dass sich Omas Zustand von gestern auf heute noch mehr verschlimmert hätte.

Ich trat in den Flur und sah schon von weitem, dass ihre Türe offen stand. Mein Herz begann zu rasen, als ich vorsichtig durch den Spalt lugte und ein ordentlich gemachtes Bett sah. Und mein Herz schlug noch eine Ecke schneller, als mir eine Soap auf ARD entgegen dröhnte. Die Türe war auf… Omas Bett leer und ordentlich gemacht… der Fernseher lief???

Nein… nein, es kann nicht sein, das Oma jetzt hinter dieser Türe in ihrem Sessel sitzt und TV schaut… das wäre zu schön um wahr zu sein.

EIN WUNDER???!!!

Mit einem Gefühl im Bauch, als müsste ich mich noch an Ort und Stelle der ganzen angestauten Sorgen und Ängste der letzten Nacht entledigen (sprich: mich übergeben) stieß ich die Türe auf.

„Oma???!!!“ *jubel*

Ohne Scheiß, meine Oma saß mit gefalteten Händen und verschränkten Beinen in ihrem Sessel und wippte wie üblich mit den Füßen. Sie war ordentlich gekleidet, ihre Haare gekämmt und sie begrüßte mich mit offenen Armen und einem strahlendem Lächeln.

„Oommmaaaa“, sagte ich wieder und es war das erste mal seit langem, dass ich vollkommen sprachlos war.

„Na min Dern? Was sagst du? Hab ich das nicht alles schön hier?“

Für einen kurzen Augenblick dachte ich darüber nach ihr auf den Schoß zu springen, um sie zu drücken und zu knuddeln. Dann hatte ich plötzlich die Vision, wie ich meine Hände auf ihre Wangen lege, um zu testen, das es auch Omas Gesicht war und nicht die eines Oma-Dummys. Ich wollte ihre Arme und Beine prüfen, ob die nicht nur künstlich angeschraubt, oder gar ferngesteuert wurden. Diese Vision endete abrupt mit einer schallenden Ohrfeige meines Verstandes, der mit damit mitteilen wollte, dass ich mich gefälligst wieder einkriegen sollte!

Ich kriegte mich aber nicht mehr ein… und ich wollte mich in diesem Augenblick auch nicht mehr einkriegen! Ich fiel Oma um den Hals, teilte ihr mit das ich es so unglaublich klasse finde, dass sie wieder aufgestanden ist und das ich stolz auf sie bin. Und ob sie heute viele Schiffe gesehen hätte und ob das Eichhörnchen wieder da war und ob sie auch ihren Joghurt gegessen hätte und bla… bla… blaaaaaaa!

Aber Oma antwortete mir nicht – hätte ich mir allerdings auch nicht – sondern griff nur auf ihren Tisch und hob Teddy in die Höhe.

„Da, guck mal!“, sagte sie und gluckste dabei wie ein kleines Kind. Ich nahm Teddy an mich, küsste und knuddelte ihn und sagte: „Ey Teddy, du bist echt einmalig! Hast gut auf Oma aufgepasst!“

Sie nickte und zeigte plötzlich auf einen Stuhl in der Ecke. Dort saß Pübbie (eine Puppe noch aus ihrer Zeit).

„Hohl sie doch mal!“, sagte sie und gab schließlich damit den Startschuss für das sensationelle Spiel, was ich je (neben Mensch ärgere dich nicht) mit Oma gespielt habe.

Nä, was war dat schööööööön!

Ich zeigte Pübbie die Schiffe und zeigte Pübbie Omas Zimmer und dann sprach Pübbie noch mit Teddy, dann aß Pübbie noch einen Keks und dann setzte ich beide zusammen auf`s Bett.

„Schick, die beiden!“, sagte sie und klatschte verzückt in die Hände. Und in dem Augenblick sah ich Oma in die Augen… sie waren lebendig, leuchtend… und ich wusste, das Wunder an das ich gestern noch krampfhaft zu glauben versuchte, war geschehen…meiner Oma ging es wieder gut!

Ja, manchmal ist es wirklich schön einen an der Klatsche zu haben, oder über übersinnliche Fähigkeiten zu verfügen! 😀

Spaß beiseite…

Ich weiß nicht was es war, was meine Oma zwei Tage lang dahingerafft hatte und ich weiß auch nicht was es war, was ihr wieder Kraft gab…Teddy, oder Pübbie…oder einfach nur die richtige Medizin?

Ich weiß es nicht…

Ich weiß nur, dass die Hoffnung bei mir grundsätzlich immer erst zuletzt stirbt und allein der Glaube daran, hat mir Kraft gegeben! 🙂

So, und weil es meiner Oma jetzt auch wieder besser geht, kann ich auch endlich da wieder weitermachen, wo ich letzt (in diesem Blog) mit aufgehört habe… insofern ich die Stelle zum weitermachen überhaupt noch wiederfinde!?

03.April 2008

Brief an Oma…

Liebe Oma, vor knapp 48 Stunden war ich noch bei Dir, mit Hanna Deiner Urenkelin. Du warst müde und wolltest nicht viel reden, aber ich habe Deine Hand gehalten, Dir zu Trinken gegeben und Du hast gelächelt. Als ich mich später von Dir verabschiedet habe, hast Du etwas zu mir gesagt, was ich nicht hören wollte. Du hast es schon einmal zu mir gesagt, in einem Traum. In diesem Traum hast Du mit Teddy im Arm vor mir gesessen und gesagt: Ich will nicht mehr.

Und das war es auch, was Du mit Teddy im Arm vorgestern zu mir gesagt hast. Und ich habe geantwortet: Ich weiß. Und dann bin ich gegangen. Ich bin einfach gegangen, ohne zu wissen, das dies die letzten Worte sein werden, die ich von Dir hören würde.

Heute, bevor ich gekommen bin, erzählte man mir, dass Du jetzt kein Fernsehen mehr guckst, sondern einen CD-Player hast, aus dem leise Musik ertönt. Und man hat mir auch erzählt, das die Schwestern jetzt Duftkerzen für Dich aufgestellt und Dein Bett ans Fenster gerückt haben. Und ich dachte: Zur Hölle, warum tun die so etwas Bescheuertes? Ich weiß, wie sehr Du Deinen Fernsehen liebst. Du hast immer Fernsehen geguckt und niemals Musik gehört. Und der Standort Deines Bettes war doch auch in Ordnung. Und Duftkerzen? Was soll der Quatsch?!

Jetzt weiß ich warum Sie das getan haben… und bin Ihnen jetzt sogar sehr dankbar dafür… denn in dem Augenblick, als ich vorhin Dein Zimmer betrat und Dich sah, habe ich verstanden…verstehen müssen…vielleicht sogar zum ersten mal in diesem Leben. Einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben wird sterben… Du weißt es und ich weiß es jetzt auch.

Ich konnte es nicht glauben… wollte es nicht glauben… als ich zu Dir ans Bett gekommen bin, mein Gesicht über Deines gebeugt und „Hallo Oma, ich bin wieder da!“, geflüstert habe. Du hast mich nicht gehört und Du hast mich nicht gesehen. Du warst woanders und ich habe gespürt, das dieser Ort Dir große Angst bereitet hat. Deine Augen… das Strahlen in ihnen war erloschen… unruhig bewegten sie sich hin und her und ich wußte, in diesem Augenblick sahen sie etwas, was dir nicht gefiel. Ich habe daraufhin Deine Hand genommen…sie war ganz heiß…und ich habe gespürt wie schnell dein Puls schlug… ich habe gespürt wie alles in dir kämpft.

Es ist ein unfairer Kampf…

Und ich blöde Kuh sag auch noch: „Oma, du bist sehr tapfer und ich bin stolz auf Dich.“ Aber was hätte ich sonst sagen sollen? Hätte ich sagen sollen: „Oma mach kein Scheiß und wach wieder auf?“ Dann habe ich plötzlich gemerkt, wie du meine Hand umklammert hast und ich habe angefangen mit dir zu reden. Ich habe dir dabei in die Augen gesehen und Deinen Blick gesucht. Und ich fand ihn…du hast mich angesehen Oma. Aber ich weiß nicht, ob du mich auch gesehen hast.

Der Arzt sagt, das Du jetzt in eine Art Wachkoma gefallen bist und nur noch träumst. Die Folge der langsam Fortschreitenden Vergiftung durch Nierenversagen. Aber was interessiert es mich noch, was der Arzt sagt!?! Bitte entschuldige… ich wollte vorhin nicht so viel weinen… aber Dich so sehen zu müssen… das hat mir das Herz gebrochen.

Die Schwestern haben netterweise versucht mich zu beruhigen… auch jetzt versucht man mich zu beruhigen… Sie lebt doch noch… aber ich will mich nicht beruhigen. Ich will mich deshalb nicht beruhigen, weil kein Mensch dieser Welt wirklich weiß, was Du mir bedeutest und was ich dir zu verdanken habe…und wie schlimm es für mich ist, dich so leiden zu sehen.

Nein, das weiß kein Mensch dieser Welt! Selbst Du wusstest es nicht, weil ich es dir nie gesagt habe….bis heute. Drei Stunden habe ich heute an Deinem Bett gesessen und Deine Hand gehalten. Es war wie, als könne ich Dich damit festhalten. Ich habe sie nicht einmal losgelassen, aus Angst ich würde dich dadurch verlieren. Und bei jedem Zucken der durch Deinen Körper ging und jedes mal wenn du einfach aufgehört hast zu atmen, dachte ich, der Moment an dem Du mich verlässt sei jetzt gekommen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas Schlimmeres erlebt…

Und dann… dann habe ich es dir einfach gesagt. Ich habe dir alles gesagt, was ich dir schon immer sagen wollte, aber es aus einem völlig bescheuerten Grund nie getan habe – ich dachte, du würdest es nicht verstehen.

Aber dann…

Dann habe ich Dich gedrückt und dabei Dein Nachthemd vollgeheult. Ich habe Dich angesehen und Du hast mich angesehen… und dann hast du plötzlich gelächelt… Du hast gelächelt und für einen kurzen Augenblick haben deine Augen gestrahlt.

Ich weiß nicht, warum Du das getan hast. Ich weiß noch nicht einmal ob du mich überhaupt hören und verstehen konntest, aber die Hoffnung das dieses Lächeln mir und meinen Worten gegolten hat, die wird niemals sterben. Ich bin innerlich fast durchgedreht, als ich wieder gehen musste… und irgendwie habe ich das Gefühl, als müsste ich heute Nacht bei Dir sein…aber ich darf es nicht.

Ich hoffe Teddy passt gut auf dich auf…

Aber…

Wenn es einen Gott dort draußen gibt, dann flehe ich ihn spätestens jetzt an, dass er Dich nicht mehr länger leiden lässt…

Ich lasse Dich gehen, Oma.

Was immer heute Nacht auch passiert…

Ich liebe Dich!

Sonntag, 06.April 2008

Abschiedsbrief…

Liebe Oma, als sich gestern bei Dir war, wusste ich, dass es das letzte mal sein wird, an dem ich Deine Hand halten und Deine Wärme spüren würde. Du warst so schwach und Du hast so schrecklich gelitten. Und ich habe allen gesagt, wenn es eine Möglichkeit gäbe, Dir bei diesem schrecklichen Kampf zu helfen, dann wäre ich die erste, die den Stecker ziehen würde…selbst wenn ich dafür in der Hölle geschmort hätte. Ich war mir sicher, keine Hölle ist schlimmer, als das, was in Dir vorgehen muss. Aber es gab keinen Stecker, keine Geräte zum Abschalten. Es gab nur Dich und Deinen starken Willen zu kämpfen…etwas, was ich an dir schon immer so bewundert habe.

Damals, als die Krebsdiagnose gestellt wurde, waren alle erschüttert… ich am Boden zerstört… aber du hast gesagt: „Ach, min Dern, es ist mir Wurscht, was da in meinem Bauch drin ist. Hab ich das nicht alles schön hier?“

Und ich sagte: „Ja Oma, du hast alles sehr schön. Du machst das alles ganz toll und ich bin stolz auf Dich.“ Die ganze medizinischen Prozeduren, die Chemotheraphie und deren Folgen haben dir schwer zugesetzt. Du hattest Schmerzen. Ständig musstest Du zu irgendwelchen Untersuchungen, alle haben an Dir rumgemacht, Dich betüddelt und Dich somit in deiner Ruhe gestört. Auch ich hab Dich betüddelt… sogar schrecklich gerne betüddelt…vielleicht war ich sogar die schlimmste von allen. Immer wieder habe ich dich mit Eis und Mon Cherry bestochen und alles Mögliche versucht, um Dich zum Lachen zu bringen. Ich habe Dir Blumen geschenkt, die Weihnachtbeleuchtung angebracht und sie sogar mal bis Ostern hängen lassen. Und wenn ich bei dir geputzt habe, dann artete das immer in einem riesen Spaß aus. Du weißt doch noch…der arme Staubsauger, der bei Dir immer verhungert, weil du schon im Vorfeld jeden Krümel vom Boden aufliest…und der sich deshalb auch lieber an deinem Hosenbein vergriffen hat.

Du hast immer so schön gelacht…

Und ich trug auch immer Hüfthosen, weil Du es so lustig fandest, dass sie mir beim Bücken ständig über den Hintern rutschten und Ausblick auf meine bunte Unterwäsche boten. Manchmal bist du dann zu mir gekommen und hast mir in die Seite gepikst und mir befohlen, dass ich gefälligst Unterhemden tragen soll.Aber trotz allem warst Du im letzten Jahr nicht mehr dieselbe. Deine unbefangene Glückseligkeit verschwand mit jedem weiteren Tag an dem die Schmerzen schlimmer wurden, mit jeder weiteren Tablette die du dagegen schlucken musstest und mit jeder weiteren Sekunde, an der Du erkennen musstest, das Du nicht mehr für Dich alleine sorgen kannst.

Irgendwann hast du einfach gestreikt, wolltest das alles nicht mehr. Du wolltest nicht mehr Essen und nicht mehr Trinken, hast Dich gegen alles nur noch gewehrt. Ich wollte es damals nicht wahr haben und hab auf Dich eingeredet, dich nur noch mehr betüddelt… und Dir Teddy zur Unterstützung geschenkt. Aber auch damals hast Du Dich wieder gefangen, dich wieder aufgerappelt und weiter gemacht. Und manchmal dachte ich wirklich, dass es Teddy sei, der Dir diese Kraft gibt. Er war immer an Deiner Seite, eingewickelt in einen dünnen Schal. Er schlief mit Dir im Bett, er lag in Deinem Arm, wenn Du Fern gesehen hast und er saß auch am Tisch wenn Du gegessen hast.

Dein neues zu Hause hat Dir gefallen. Das Zimmer im Pflegeheim war sehr schön und der Ausblick gigantisch. Die Schiffe auf dem Rhein zu beobachten und der große Baum in dem ein Eichhörnchen lebte, ließen das Heimweh und die Erinnerungen an Deinen Garten schnell vergessen. Die Menschen waren gut zu Dir, das Essen war lecker und getüddelt wurde nur nach Notwendigkeit und nach deinen Wünschen. Du hattest endlich wieder Deine Ruhe…

Doch Deine Krankheit wollte von Ruhe nichts wissen. Jeden Tag nagte sie an Dir und Deinen Kräften, die Schmerzen verdarben Dir jegliches Gefühl von Freude. Ich habe es gesehen, ich habe es gespürt, jedes mal wenn ich bei Dir war. Selbst das betüddeln fiel mir plötzlich schwer, denn ich wusste, das selbst das nicht mehr helfen würde und das es sogar alles nur noch schlimmer machte. Du konntest das Essen, was ich Dir aufschwatze… die Kekse… nicht mehr schlucken, weil es schmerzte. Du konntest den Tee, den ich Dir einflößte nicht mehr aufnehmen, weil es schmerzte und ich konnte Dich nicht mehr zum lachen bringen, weil jede Bewegung, vielleicht sogar nur der Gedanke daran Dir weh tat. Das Morphium konnte Dir die Schmerzen nehmen, aber es nahm mir auch Dich und Dein Bewusstsein.

„Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr“, waren die letzten Worte die Du zu mir sagtest, bevor du in diesen schrecklichen Zustand gefallen bist, der für mich das grausame Abbild der Unmenschlichkeit war. Drei Tage lang habe ich an Deinem Bett gesessen, Deine Hand gehalten, in der Hoffnung Dir irgendwie helfen zu können. Und gestern habe ich Dich angefleht aufzugeben. Erinnerst Du Dich noch meine letzten Worte die ich sagte, bevor ich ging?

Ich sagte: „Hab keine Angst mehr Oma, ich und Teddy sind immer bei Dir. Wenn Du müde bist, dann mach die Augen zu und schlafe, wir passen auf Dich auf.“

Heute morgen um 3.48 Uhr kam der Anruf, das es Dir sehr schlecht geht und das es an der Zeit ist. Ich wollte noch zu Dir kommen, doch es war schon zu spät. Du wolltest schlafen und hast die Augen geschlossen…es tut mir leid, dass ich nicht bei Dir sein konnte. Jetzt sitze ich hier und weiß vor Trauer nicht mehr ein noch aus, aber bin gleichzeitig froh und dankbar dafür, dass Dein Leid endlich ein Ende gefunden hat.

Und da ist noch etwas, was mir hilft mit diesem Schmerz fertig zu werden. Du hilfst mir, Oma. Du und Deine wahren letzten Worte, die Du vor zwei Tagen unter größter Anstrengung noch herausgebracht hast. Ich habe sie bis heute vor lauter Kummer vergessen…verdrängt…sie aus meinem Gedächtnis ausgeblendet…vielleicht weil ich glaubte, sie mir nur eingebildet zu haben….vielleicht sollten deine letzten Worte auch erst heute zur Geltung kommen. Ich weiß es nicht…aber ich weiß, dass ich Dir instinktiv darauf geantwortet habe: Ich hab Dich auch lieb!

Liebe Oma, Du warst einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Du warst ein unentdeckter Engel auf Erden…

Du warst mein Engel…

Meine große Heldin..

Für mich bist und bleibst Du, Karla Jacobsen (geboren am 12.01.1925, gestorben am 06.04.2008), die tapferste Frau auf Erden und ich bin mächtig stolz auf Dich!

Ich vermisse Dich…

In ewiger Liebe und Dankbarkeit

Deine Nicole

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