Reden wir über Angst – Teil 2 – Albtraum Psychologin

… oder wie nach zwei Therapiestunden mein ganzes Leben plötzlich einen Sinn ergibt

Ja, da schrieb ich mir vor knapp zwei Wochen den Frust von der Seele und rechnete eigentlich mit fremdbeschämter Ignoranz oder gar einem kleinen Shitstorm, ganz nach dem Motto „Wie kann man nur so etwas in aller Öffentlichkeit schreiben!?“ Aber nä, es kam doch ganz anders.

Apropos Öffentlichkeit:

Ich warne jetzt schon vor: Dieser Blog wird in Zukunft überlebenswichtig für mich sein. Ja, dieses unspektakuläre WordPress-Ding wird meine Rüstung, meine Mauer, mein imaginärer Schutzring und meine Kampfansage an die Angst. Welche Angst genau hier den Garaus gemacht wird, folgt irgendwo in der folgenden Flut an Wörtern … ja, sorry, es fällt mir grundsätzlich schwer, mich kurz zu fassen. 😀

Wo war ich?

Ach ja …

Da schrieb ich mir vor knapp zwei Wochen den Frust von der Seele und rechnete eigentlich mit fremdbeschämter Ignoranz oder gar einem kleinen Shitstorm, stattdessen schossen unzählige Nachrichten auf mich ein, die mir teilweise echt die Kinnlade herunterklappen ließen. Es waren Nachrichten von Betroffenen aus meinem Bürg Olbrück 148Bekanntenkreis, die sich zum Teil schon seit Jahren mit Angststörungen herumschlagen aber auch von Menschen, die es geschafft haben, da wieder rauszukommen. Es war sogar eine Meldung von einem Mann dabei, dessen Ehe an der Angststörung seiner Frau kaputt gegangen ist, weil er das Problem nicht verstanden hat, bzw. nicht so recht damit umgehen konnte. Die letzte Nachricht zu diesem Thema erhielt ich am Mittwoch Abend, die hat mich sogar zu Tränen gerührt. Es waren somit komplett positive Reaktionen, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet habe. Dieses entgegengebrachte Vertrauen und diese ungeahnte Offenheit mir gegenüber, hat mich sehr berührt – vielen, vielen Dank!!!! 🙂

Und ich verspreche, dass ich auf die Einladungen zum Kaffee bestimmt zurückkommen werde …

… spätestens dann, wenn genau das für mich kein Problem mehr ist! 😀

Und derzeit ist es noch ein Problem …

Klingt komisch, ist aber so …

Womit wir auch fast schon bei meinem heutigen Thema und der Fortsetzung von „Reden wir über Angst“ wären. Auf meiner Überweisung von meinem Hausarzt für die Therapie steht u. a. das Wort „Sozialphobie“. Ja, es lässt sich inzwischen nicht mehr leugnen, ich bin nicht nur Menschenscheu, sondern inzwischen regelrecht sozialphobisch. Ein Problem, was meine Angststörung erheblich mit geprägt hat.

Apropos Angststörung …

Mein momentaner Istzustand

Ja, derzeit bin ich immer noch ohne Medikamente unterwegs, aber es geht mir dennoch deutlich besser als noch vorBürg Olbrück 220 einer Woche. Mittlerweile habe ich so halbwegs verstanden, in welchen Situationen die Symptome stärker auftreten und auch, wie ich die Beklemmungen abschwächen kann. Meinen letzten emotionalen Ausbruch hatte ich am Montag. Das war, als ich die Meldung von dem erweiterten Suizid eines Vaters aufschnappte, der sich und seine beiden Kinder die Rombachtalbrücke hinunter stürzte. Das war wieder so ein Moment wo sich meine Gedanken inkl. Emotionen unaufhaltsam verselbständigten. Ohne dass ich es will, sehe ich vor meinem inneren Auge das Drama, fühle mit dem Vater, mit den Kindern und auch mit den Hinterbliebenen. Hatte er sie wenigstens vorher betäubt? Ich versuche mich mit aller Gewalt von diesem Horror in meinem Kopf abzulenken, doch es funktioniert nicht. Ich spüre wie mir die Tränen kommen, werde deswegen wütend – Was soll dieser Scheiß schon wieder?! Ich werde wütend, weil wieder irgendeine kranke Seele auf dieser Welt Unglück über seine Mitmenschen bringt und mich gleich mit in den Abgrund reißt. Das kotzte mich an, das ging mir auf den Sack und es brachte mich an einem Montag morgen dazu, heulend und fluchend in der Küche zu stehen, die Spülmaschine auszuräumen und meinem Mann erneut die Frage zu stellen, ob er immer noch der Meinung war, dass es eine gute Idee war, mich zu heiraten … 😀

Bürg Olbrück 161Aber es ist, wie es ist – mein Fokus wird sich wohl bis ans Ende meiner Tage auf irgendwelche Einzelschicksale richten, die dann früher oder später in irgendeinem meiner Romane enden werden, damit sie „aus meinem Kopf und meinem Herzen“ sind. Der erweiterte Suizid ist zumindest ein Thema, über dass ich in meinem aktuellen Roman sicher das eine oder andere Wort verlieren werde.

Ja, ja … mitfühlen, mitleiden … wenn es nur das wäre … die Krönung kommt noch! 😉

Aber nochmal zurück zu meinem Ist-zustand: Um Stresssituationen optimal entgehen zu können hilft eigentlich nur die Flucht. Ich versuche daher mit „Rausgehen“ mich vom Alltagstrott und von dem dazu gehörigem Stress abzulenken. Sobald ich mich in der Natur, weit weg von Menschen, Lärm und Stress aufhalte, fühle ich mich wohl und bin so gut wie symptomfrei. Die Eifel hat es mir im Moment besonders angetan (siehe Bilder) … Laacher See, Burg Olbrück, Weitere Abenteuer folgen. 😎

2015-08-06-Laacher See 055Was tue ich noch? Ja, ich sorge für ausreichend Schlaf, vermeide weitgehend Koffein, versuche mein Arbeitspensum auf 2-3 Aufträge pro Tag zu beschränken und nicht am Wochenende zu arbeiten. So 100 % dran halten, funktioniert aber leider noch nicht. 😀

Doch um eine Angststörung dauerhaft in den Griff zu bekommen, sieht der Genesungsprozess neben Medikamenten, auch eine Gesprächstherapie vor. Für mich ein sehr befremdlicher Gedanke, denn ich beschäftige mich seit vielen Jahren selbst intensiv mit der Psychologie des Menschen, habe dazu viele (Fach-)Bücher gelesen und über diesen Weg auch eine Menge Wissen gezogen. Warum ich mich für Psychologie interessiere? Ich war auf der Suche nach Antworten oder vielmehr nach einer Möglichkeit, eine Lösung für mein „tatsächliches“ Problem zu finden … welches ich in diesem Text auch noch offenbaren werde.

Dass ich viel über Psychologie gelesen habe, soll heißen, dass ich durch jahrelange Selbstanalyse sehr wohl weiß, dass es in meinem Leben eine Menge hochproblematische Stationen gab, die mich sehr geprägt haben. Ich weiß aber auch, dass dieses ganze Vergangenheitstheater NICHT maßgeblich für meinen heutigen Zustand verantwortlich ist. Ich habe diese ganze Scheiße überlebt und ich bin froh, glücklich darüber und habe aus meinen Fehlern gelernt.

Was also sollte mir eine Psychologin oder ein Psychologe noch großartig erzählen? Dass das ganz schön scheiße war, was alles in meiner Kindheit schief gelaufen ist und daher auch die Laufbahn zum Teil etwas schief war? Wollen sie mir dann auch erzählen, dass es für mein Leben nicht gesund war, mich in viel zu frühen Jahren (und später dann auch prompt zum Zweiten Mal) in die seelische Abhängigkeit von geisteskranken Psychopathen zu begeben, die mit mir, als freiwillige Marionette, mächtig viel Freude hatten? Schöne Grüße! 😉

Dass mich diese Abhängigkeit später zu einem selbstzerstörerischen und suizidgefährdeten Zombie mit Persönlichkeitsstörung machte, der sich tatsächlich zur Krönung noch einbildete, diese Flut an Problemen mit sich selbst, mit Glücksspiel lösen zu können? Ganz nach dem Motto: Pech in der Liebe, Glück in Spiel! 😀 Auhaueha … pathologisches Spielen … auch Spielsucht genannt … nein, ich brauche tatsächlich keinen Therapeuten, der mich darauf hinweist, dass die Spielsucht eine teure und eine extrem dümmliche Angelegenheit war. Nebenbei bemerkt: Egal, ob Spielautomaten, Spielcasino, Rubbellose, Lotto etc. – Glücksspieler sind wie Alkoholiker: Einmal Spieler, immer Spieler – seit 16 Jahren habe ich nichts mehr in Richtung Glücksspiel angerührt und werde es auch nie wieder tun … nein, auch keine Lotto. 😀

Ja, und ich könnte die Liste an Fehltritten und Dramen, von denen ich den analytischen Kommentar eines Therapeuten nicht gebrauchen konnte, noch endlos weiterführen. Übrigens wurde in der weiteren Abfolge dieser Lebensgeschichte aus einem suizidgefährdeten Zombie, eine entschlossene Selbstmörderin, die meinte, sich während dem Song von Falco „Out of the dark into the light“ mit einer Packung Schlaftabletten ins Jenseits zu befördern. Kein Scheiß, das hab ich wirklich versucht … 😮 … ich bin heute noch traumatisiert von diesem eindeutigen Beweis, dass man sich mit einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer Psychose im Gepäck, absolut nicht mehr selbst trauen kann. 😮

Falco hat seither einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen …

Ich danke heute noch der Apothekerin, die mein Vorhaben erahnt, vielleicht sogar durchschaut hat und mir daher nur „leichte“ Schlaftabletten mitgegeben hat, weshalb mein Plan letztendlich auch gescheitert ist. Ja, heute weiß ich, dass dies keine besonders kluge Idee war, aber dennoch klug genug, dass ich aus dieser Erfahrung eine ganze Menge für mein weiteres Leben gelernt habe. Ich hänge sehr an meinem Leben.

Wozu brauchte ich also einen Therapeuten? Was will mir dieser mit auf meinen Lebensweg geben? Und dann auch noch zu einer Zeit, in dem so ein „garstiges“ Buch mit dem Titel „Sonst wird dich der Jäger holen“ unter meinem Namen auf dem Markt ist? 😮

Auwaia! 😮

Was würden diese Psychofuzzies wohl alles aus dieser „kranken“ Geschichte in mich hinein interpretieren? Was würden sie zwischen den Zeilen lesen? Welche Perversitäten, geheimen Sehnsüchte würden sie mir da ankreiden? Würden sie behaupten, dass in Wahrheit sogar ICH der Psychopath bin und nicht mein Protagonist?

Doch meine größte Befürchtung in dieser Sache war: Wäre ich überhaupt noch imstande Romane zu schreiben, wenn die mit mir fertig waren? 😮

Fragen, über Fragen …

Ich trat somit meinem ersten Pflichtbesuch bei einer Psychologin meiner Wahl extrem skeptisch entgegen – nein gelogen. Ich war nicht nur skeptisch, ich war regelrecht panisch. Bei dem ersten Vorgespräch hatte ich so eine Angst, dass ich schon auf dem Weg zu ihr, die ganze Zeit heulen musste. Dieser Termin hatte etwas von einer Hinrichtung … vielleicht sogar etwas von einer Hexenjagd. Doch ich hatte keine Wahl, ich habe es meinem Mann und meinem Hausarzt versprochen und eigentlich halte ich meine Versprechen. 🙂

Die Begrüßung war überraschend herzlich und mein Gefühl war zwischen Hinrichtungs – und Scheiterhaufengefühlen und Alles-Gar-Nicht-So-Schlimm hin und her gerissen. Die Psychologin gehörte zu der etwas älteren Generation, schien jedoch jung geblieben und sie strahlte etwas aus, was ich in diesem Moment noch nicht richtig deuten konnte, aber es war irgendwie positiv. Scherzend, wurde ich in einen Raum geführt, in dem ich kurz warten sollte.

Und als ich dann in ihrem „Gesprächsraum“ saß, kam aber doch die Angst zurück. Ich hatte wieder das Gefühl, kurz vor dem Ersticken zu stehen und suchte instinktiv Beruhigung in ihrer üppigen Bücherwand, in der es von Fachbüchern über Psychologie nur so wimmelte. Es gab aber kurioser Weise auch Krimis, Thriller und weitere Bücher über Gruseliges, Mord und Totschlag. Das Ganze dicht gefolgt von den grandiosen Werken von Michael Ende und Astrid Lindgren. Ich war irritiert – hatten wir in dieser Hinsicht tatsächlich etwas gemeinsam? 🙂

Dann kam sie, die „schreckliche“ Therapeutin, die nun die Macht hatte, mich als absoluten Psycho abzustempeln. Und sie begann auch ganz klassisch mit der Frage: „Was kann ich für Sie tun?“

Gerne hätte ich mit einem überzeugten Nichts, aber absolut rein gar nichts, können Sie für mich tun! geantwortet, aber ich sagte tatsächlich: „Es wäre schön, wenn sie es mir nicht übel nehmen, dass ich es super scheiße finde, hier zu sein und deswegen aus diesem Grund erst mal heulen muss!“

Und ich heulte auch prompt los. Sie hingegen fand diese Aussage auf eine merkwürdige einfühlsame Art und Weise sehr lustig. Ich eigentlich auch. Die ganze Situation war so unendlich bescheuert, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als mit dem Heulen aufzuhören und ihr von meinen Beklemmungen, dem fehlenden Nervenkostüm, inkl. Ausbrüche zu berichten. Ich erzählte ihr sowohl das aktuelle Problem, aber auch mein ganzes Leben in Kurzform und das in 50 Minuten. Und während ich mich so reden hörte, wunderte ich mich selbst, dass ich diese ganzen tief greifenden Geschehnisse seit meiner Kindheit bis heute so emotionslos herunter ratterte, wie einen auswendig gelernten Text. Wie gebannt hielt ich bei jeder weiteren Steigerung ihre Mimik und Gestik im Auge, um irgendwie daraus erkennen zu können, was sie über mich denkt und fühlt.

Na, komm schon! Was willst du Psychotante mir jetzt dazu sagen? Dass es bei dieser Lebensgeschichte kein Wunder ist, einen an der Klatsche zu haben?

Ich kam zu keinem befriedigenden Ergebnis, außer, dass sie offenbar schnell gemerkt hatte, dass ich in Sachen Selbsterkenntnis, Selbstreflexion und Selbstkritik schon zu den Fortgeschrittenen gehöre. Ich bereue nichts und würde alles noch einmal genau so, wie bisher machen – was ich ihr auch klar und deutlich sagte. Ich liebe mein Leben, so wie es heute ist! Keine Chance dem Butterflyeffect! 🙂

Sie schien es zu akzeptieren und ich spürte bei ihr eine gewisse Faszination und auch ein gesteigertes Interesse an meiner ganzen Geschichte. Und, – ob ich wollte oder nicht -, selbstverständlich auch die, in fiktiver Form…

„Sagen Sie mal, Frau Lahr, Sonst wird dich der Jäger holen – was ist das für eine Geschichte? Worum geht es denn da? Werden Sie selbst da von einem bösen Jäger verfolgt? Oder sind Sie der Jäger?“

Oh nein, bitte nicht! 😮

… zum Glück war die Zeit um. 😀

… und ich musste darauf keine Antwort geben. 😀

„Wollen Sie wiederkommen?“

„Ja!“

Dass ich überhaupt nicht wiederkommen wollte und nur wiederkommen würde, um meinen Mann nicht zu enttäuschen, sagte ich ihr nicht… 😉

Der zweite Besuch stand dann letzte Woche Donnerstag an. Ich wollte diesen Termin eigentlich absagen. Ich sah nach wie vor einfach keinen Sinn darin, die ganze alte Scheiße noch mal durchzukauen. Mein wahres Problem würde ich ihr ohnehin nicht erzählen, das würde ich niemanden erzählen, nicht einmal mir selbst, wenn ich mir selbst begegnen würde … das ist einfach zu crazy! 😮

Je näher der Termin rückte, desto schlimmer wurden auch wieder die Symptome. Stress, Angst, Anspannung – sollte man sich vor dem Besuch bei seinem Therapeuten so fühlen? Eigentlich ein Zeichen, dass man hier an der falschen Adresse war, oder?

Ich war mir nicht sicher und nahm den Termin wahr…

Wenig später saßen wir wieder in diesem Zimmer, mit Büchern mit den Titeln „Über das Morden“ und „Momo“. Es wurde zunächst über Formalitäten gesprochen, dann erzählte ich, wie es die letzten Tage war und über die Situationen, in denen ich gezwungen war, die Notfalltablette zu nehmen und über anderes unwichtiges Blabla. Dieses auf den ersten Blick unwichtige Blabla, entwickelte sich aber dann doch wieder in eine Richtung, die ich ohnehin dringendst zu vermeiden versuchte – das Thema „Schreiben“. Das nennt man Gesprächsmanipulation – hab ich auch schon einiges drüber gelesen und gelernt. Auch ich weiß, wie man Gespräche in gezielte Richtungen lenken kann, aber ich schaffte es nicht, mit Gegenmanipulation, dieses „wichtige“ Thema zu umgehen. Sie wollte es eben wissen. Offenbar wusste sie, dass hier die Antwort auf alles vergraben liegt. Und sie wollte wissen, welcher böse Jäger da die die Frau Lahr jagte … 😀 …oder wen die Frau Lahr da als böse Jägerin jagte … sie hatte ja sowas von keine Ahnung. 😀 Ich klärte sie auf.

Und so war es dann unwillkürlich doch wieder Thema: Mein Buch und auch der aktuelle Roman, an dem ich gerade schreibe. Ich verriet ihr auf Nachfragen den ziemlich durchgedrehten Inhalt, (den ich hier leider noch nicht verraten kann) und wir diskutierten sodann über meine Protagonisten und deren äußerst merkwürdigen Handlungen. Psychologisch wertvoll eben … 😀

„Schreiben ist also ihr Ding, ja? Sehr interessant!“

„Ja, das ist es in der Tat. Ich habe schon seit meiner Kindheit davon geträumt, Autorin zu werden.“

„Ach ja? Echt? Toll! Super! Und was haben sie als Kind so geschrieben?“

Ihre durchaus positive Wortwahl (Toll! Super!) und das entgegengebrachte Interesse – pure Manipulation! – brachte mich irgendwie dazu, tatsächlich vollkommen ungehemmt aus dem Nähkästchen zu plaudern. Ich plauderte echt alles aus, auch die Sache, dass ich damit solche Mitfühlerlebnisse wie die des erweiterten Suizids verarbeite. Ich erzählte ihr Näheres von meiner extremen Empfindsamkeit, inkl. unkontrollierten Mitfühlen bei den täglichen Nachrichten und noch von weiteren unscheinbaren Details, mit der Gewissheit, dass Sie mir neben meiner Angststörung auch gleich eine Menge weiterer Störungen diagnostizierte.

Und mein Gegenüber starrte mich währenddessen an, als müsse sie meine (in der kurzen Zeit) analysierte Persönlichkeit komplett neu definieren.

Zur Erinnerung:

Der Grund, warum ich schreibe…

„Die wichtigsten Dinge, lassen sich am schwersten sagen. Es sind Dinge, deren man sich schämt. Sie lassen sich so schwer sagen, weil Worte die Dinge, die dir in deinem Kopf grenzenlos vorkamen, zu ihrer wahren Bedeutung schrumpfen. Aber da ist noch etwas anderes, nicht?
Die wichtigsten Dinge, sind deinen geheimsten Wünschen zu nahe, wie Zeichen in der Landschaft, die deinen Feinden zeigen, wo dein Schatz vergraben liegt. Du machst vielleicht Enthüllungen die dir schwer fallen, doch der einzige Erfolg ist, dass die Leute sich erstaunt ansehen und gar nicht verstehen, was du gesagt hast, oder warum du es für so wichtig hieltest, dass du fast weintest, als du es sagtest.

Ich finde, das ist das Schlimmste… wenn man ein Geheimnis für sich behalten muss, nicht weil man es nicht erzählt, sondern weil niemand es versteht.“

(aus Stephen King`s „Jahreszeiten / Herbst – Stand By Me“)

So, und jetzt wird es komisch …

Ich habe ihr mein wahres „Geheimnis“ überhaupt nicht erzählt – und hätte es ihr auch nie erzählt -, aber sie hat es dennoch herausgefunden. Ich weiß nicht genau, wie ich mich verraten habe, aber sie hat es entdeckt. Denn nachdem ich meine Ausführungen beendet hatte und mich in Sicherheit wiegte, nur so viel gesagt zu haben, dass sie zumindest verstand, dass der Inhalt meiner Bücher nichts mit mir persönlich zu tun hatte, sondern eher mit Einzelschicksalen irgendwo in dieser Welt, starrte sie mich an und sagte schließlich mit tiefer Überzeugung:

„Frau Lahr, wissen Sie eigentlich, was für eine großartige Gabe sie da in sich tragen?“

„Äh!?“

„Ja, das ist ein Talent, das gibt es nur ganz selten!“

„Aber Sie haben doch nichts von mir gelesen?“ 😮

„Ich rede nicht vom Schreiben, sondern von ihrer hohen Sensibilität. Die Emotionen anderer werden zu ihren eigenen. Es wundert mich überhaupt nicht, dass sie solche Probleme und auch warum sie Angst vor Menschen haben. Sie nehmen ja jede Form von Emotionen in ihrem Umfeld auf. Emotionen sind Energie, ein großes, verwirrendes, energetisches Schwingungsdurcheinander und da kommen Sie vollkommen ahnungslos und schutzlos daher und laufen in jedes Gefühl in ihrem Umfeld hinein. Sie müssen sich ja ständig vollkommen überflutet und vollkommen verwirrt fühlen, wenn sie unter Menschen sind.“

Ich starrte sie fassungslos an. Fassungslos deswegen, da ich es nicht glauben konnte, was sie da sagte.

„Ja, und durch das Schreiben geben sie diese Emotionen anderen Personen – sie laden quasi Schutt ab – großartig!“

Es war eine Mischung aus Schock, Ungläubigkeit und Angst, dass dieser Augenblick irgendeine Falle war, das sie den Nagel so deutlich auf den Kopf traf. Sie war doch eine Psychologin mit Diplom?! Wieso bestätigte sie mir etwas, was ich schon seit vielen Jahrzehnten befürchtete?! Ich war ein verdammter Empath!

„Ist das ihr Ernst?“

Sie nickte.

„Sie glauben, dass es tatsächlich so etwas gibt?!“

„Natürlich!“

„Ich bilde mir das also nicht alles ein und habe keinen an der Klatsche?“

„Ganz und gar nicht! Sie haben nur nie gelernt, das zu kontrollieren, zu differenzieren und sich selbst zu schützen.“

Ich wäre ihr am liebten heulend in die Arme gefallen. Da schleppe ich seit vielen Jahrzehnten das Gefühl mit mir herum, dass mein emotionales Dasein aufgrund irgendwelcher psychischen Störungen immer mehr außer Kontrolle gerät, und dann sagt mir eine Fachfrau, dass dies eine wundervolle Gabe und etwas ganz Tolles, Seltenes und Ehrbares ist?! Für mich war meine extreme Sensibilität nur eine lästige „Disposition im Nervensystem“ und, dass da noch eine ganze Menge mehr hinter stecken könnte, wollte ich bis zu diesem Tag mit aller Gewalt verdrängen.

Ich bin also das personifizierte Mitgefühl, ein „Empath“ – das Wort ist übrigens scheiße, es gibt aber noch kein anderes adäquate Bezeichnung dafür. Ich hatte zwar in der Vergangenheit immer wieder im Internet nach dem Begriff „Empath“ gegoogelt, bin aber immer nur auf so einen esoterischen Kram gestoßen. Und da ich weitgehend ein realistisch denkender Mensch bin und es mir sehr schwer fällt, an etwas zu glauben, was ich nicht sehen kann, war ich umso überraschter, dass ich diese „Diagnose“ aus dem Mund von einer Fachfrau kam, inklusive realistischer Erläuterung hörte.

Zur Info:

Was ist ein Empath?

Empathen fühlen die Energie in einem Feld, fühlen die Energie der Konversation, fühlen Körpersprache, fühlen die verwendeten (oder nicht verwendeten) Worte ohne intellektuelle Interpretation. Sie wissen intuitiv, worum es bei einer Energie “tatsächlich” geht, egal was an der Oberfläche übermittelt wird. Sie verstehen auch, was ein Mensch wirklich sagt, egal welche Worte er dabei verwendet.

Wegen der Neigung der Menschen, die ganze Wahrheit zu verbergen oder die Situation kontrollieren zu wollen, empfindet ein Empath oft einen gewaltigen inneren Konflikt oder eine Unfähigkeit, das enorme Ausmaß der Betroffenheit verarbeiten zu können. Eines der größten Probleme für Empathen ist der Mangel an Transparenz und Ehrlichkeit in der Welt und die daraus resultierende Verstimmung darüber, all jene Energie verarbeiten zu müssen, die den Blicken verborgen ist. Natürlich kämpfen diese sensitiven Wesen auch mit Dingen, die offen dargelegt sind.“

(Quelle: http://wirsindeins.org/2014/01/04/wie-es-ist-ein-empath-zu-sein)

Ja, es stimmt! Emotionen, egal in welcher Form sind verdammte Energien und ich nehme diese Energien als eigenes Gefühl wahr. Und genau das ist die Grundlage meines ganzen Lebens und meiner Sozialphobie. Ich selbst bin nämlich grundsätzlich ein positiver, lustiger, alberner und liebevoller Mensch – treffe ich auf Menschen, die ebenfalls positiv und guter Laune sind, fühle ich mich doppelt so gut wie andere, weil mich Euphorie genauso spüre und aufnehme wie negative Emotionen. Treffe ich auf einen Menschen, der trotz seines Lächelns, in seinem tiefsten inneren unglücklich oder traurig ist, dann zieht mich das runter, ob ich will oder nicht. Dummerweise checkte ich das aber bisher nie so richtig, dass diese Gefühle nicht zu mir gehören, sodass ich einfach nur verwirrt war, warum ich mich aus heiterem Himmel „komisch“ fühlte. Ganz schlimm wird es, bei Trauer, Wut und Aggression. Diese negativen Energien, ziehen mir emotional den Boden unter den Füßen weg, das macht mich regelrecht verrückt.

Nur so als Beispiel: Ich war bisher in meinem Leben auf drei Beerdigungen und ich wäre jedes Mal vor Schmerz fast gestorben, obwohl mir zwei der Verstorbenen nicht besonders nahe standen. Ich hatte das Gefühl, als würde die Trauer von allen Trauergästen auf einmal auf mich eindreschen, dementsprechend habe ich mich dann dort auch so benommen … das war schlimm, traumatisierend, unbegreiflich und auch echt peinlich, wenn man sich dann auch einfach nicht mehr beruhigen kann! 😮

Es gab so viele weitere irrationale und merkwürdige Erlebnisse in Verbindung mit den Gefühlen anderer Menschen, in meinem Leben, die mich so verwirrt haben, dass ich tatsächlich eine Phobie entwickelt habe. Die Menschen sind so unehrlich manchmal und dummerweise merke ich sofort wenn jemand lügt oder mir etwas vorspielt – das nervt, macht mich traurig. Dennoch kann ich es verstehen, dass jemand, der vielleicht gerade Streit mit dem Partner hatte, natürlich gute Miene zum bösen Spiel macht und lächelt, weil er lächeln muss. Dennoch strahlt dieser Mensch eine negativ behaftete Energie aus … ich weiß, es klingt kompliziert. Ich habe es auch erst am Donnerstag so richtig verstanden. 😀

Mit der Zeit scheut man dann einfach dieses ständige Gefühlschaos, zieht sich zurück und distanziert sich vielleicht sogar von bestimmten Menschen. Durch die ständige Beschäftigung mit Körpersprache und psychologischen Merkmalen bildete ich mir ein, wenn ich den Menschen und seine Gefühlswelt, die nonverbale Kommunikation, die Körpersprache studiere, dann würde das meine Angst vor selbigen besänftigen … besonders Augen sagen mehr als Worte … ich dachte, ich würde dadurch eine Art Kontrolle erlangen … und nebenbei vielleicht auch Psychopathen schon im Vorfeld erkennen. 😀

Ja, ich bekenne, das ist mein Geheimnis:

Darf ich vorstellen, ich bin die, mit der empathischen Ader. Die, die dich ausschließlich über dein Gefühl kennenlernt, dich über deine emotionale Ausstrahlung definiert. Die, die spürt, ob ich dir sympathisch bin oder nicht. Die, die dir manchmal in die Augen sieht oder genau das gerade nicht tut, weil es ihr vielleicht unheimlich ist, was sie darin sieht. Ich bin die, die neben dir steht und sich wohl fühlt, wenn du dich wohl fühlst. Die, die sich nicht mehr ein kriegt, wenn du anfängst zu lachen – ganz egal warum. Die, die nervös wird, wenn du nervös bist. Die, die sich nicht mit dir streiten kann, weil deine Wut zu ihrer Wut wird. Die, die mit dir weint, wenn du weinst … u.s.w.

Nachdem nun auch die Therapeutin mein Geheimnis kennengelernt und aus meinem ursprünglichen Fluch, mit einem Satz eine „Gabe“, so eine Art siebten Sinn, gemacht hatte, habe ich allerdings allem noch eine Krone aufgesetzt… ich habe ihr von einem unerklärlichen Phänomen auf einem Friedhof und von meinem Erlebnis bei einem Besuch in einem Konzentrationslager (Dachau) erzählt …

Was da passiert ist, erzähle ich beim nächsten Mal … das ist wirklich soooo gruselig … und was sie dazu sagte, hat mich noch mehr geflashed …

Jetzt muss ich aufhören, es ist spät! 😉

Fazit dieses letzten Termins: Diese beknackte Angststörung brachte mir die unverhoffte Lösung für all meine Sinnfragen – das ist so ein befreiendes Gefühl!!!! 😀

Meine therapeutische Hausaufgabe ist übrigens Folgendes zu lernen:138-neu

Es ist eine Gabe, die ich auch unbedingt als solche akzeptieren muss! Akzeptanz ist der Schlüssel!

Und, wenn es wieder passiert, muss ich sagen:

“Ich will diese Energie nicht fühlen – sie gehört mir nicht!”

Leute, das ist alles so unfuckinfassbar abgedreht, dass ich es schon wieder spannend und inspirierend finde – sicherlich schreibe ich auch drüber mal ein Buch.

Oder aber, ich bewerbe mich bei Astro TV und mache eine Sendung: „Gib mir Deine Energie und ich sag dir, was du fühlst“ 😀

Ich liebe Euch!!!

Reden wir über Angst – wenn das Leben kurz aus den Fugen gerät

Ich hoffe, ihr habt etwas Zeit mitgebracht? 🙂

… könnte nämlich heute ein bisschen länger dauern, ich bin ziemlich mitteilungsbedürftig.

… und es könnte auch ein bisschen härter mit meiner Ausdrucksweise werden! 😀

Ich bin nämlich frustriert! Und meine Therapeutin hat gesagt, es sei vollkommen okay auch mal angepisst zu sein und das auch deutlich zum Ausdruck zu bringen.

… und eigentlich weiß ich nicht so recht, wie ich anfangen soll. 😮

Mein komischer Zustand hat nämlich inzwischen einen Namen bekommen …

Ursprünglich hatte ich für diesen Blogeintrag eine Art Bekenner-Video zu Thema „generalisierte Angststörung“ geplant. Ich hatte mir schon im Vorfeld einige Videos von Betroffenen bei Youtube angeschaut und dachte, es sei eine gute Idee, ein Rotz-und-Wassser-Heul-Outing-Video während einer dieser „Angstattacken“ von mir zu drehen, damit auch das psychologische Ausmaß dieser abgefuckten Krankheit verdeutlicht wird. Aber ich lasse es. Sollen die anderen auf youtube heulen, ich mach das lieber heimlich im Bett.

Dennoch ist es mir ein großes Anliegen und auch ein therapeutischer Schritt über diese Scheiße hier in diesem Blog zu schreiben, sonst ziehe ich mich möglicherweise nur noch mehr in mein Schneckenhaus zurück, von daher verzeiht mir bitte meine plötzliche Offenheit … 😉

Und wenn ich schon offen rede, dann erzähle ich an dieser Stelle auch ganz offen und ehrlich …

Ich hab gestern Nacht kurzzeitig meinen Verstand verloren, er ist mir irgendwo zwischen einem unnötigen Pillepallestreit mit meinem überforderten Mann, einer weiteren Panikattacke, inkl. anschließendem Solo-Komasaufen und Beruhigungstabletten abhanden gekommen. Wobei ich zugeben muss, dass sich dieses „Komasaufen“ auf eine Flasche Rotkäppchen Sekt mit Multivitaminsaft beschränkte – ich trinke nie Alkohol und vertrage diesen somit auch nicht. Es war eine reine Verzweiflungstat. Ich wollte diese endlosen Gedanken abstellen, meinen Verstand zum Schweigen bringen, meine Seele und meine Gefühle betäuben … sie sollten einfach mal allesamt die Fresse halten.

Hat prompt funktioniert – erst habe ich gekotzt, dann geschlafen.

Heute hätte ich große Lust das Ganze zu wiederholen … aber der Sekt ist leer. 🙁 Nein, Quatsch! Es war ein Ausrutscher. Immerhin hab ich noch meine Würde, eine große Verantwortung, besonders meinen Kindern gegenüber, die von meinen persönlichen Eskapaden absolut verschont bleiben sollten. Daher schreibe ich heute lieber darüber … werde ich wahrscheinlich morgen wieder bereuen … das, was ich hier mache, hat etwas von „die SMS von letzter Nacht“… aber da muss ich als Bauchmensch wohl jetzt durch … 😀

Ich habe übrigens gelesen, dass die meisten Betroffenen mit eine Angsterkrankung Alkohol- oder Drogenabhängig werden, weil sie selbst gar nicht verstehen, dass es eine Krankheit ist. Ich konnte diese Form der Selbstaufgabe und Kontrollverlust bis dahin nie nachvollziehen – mit dem heutigen wissen, der Symptomatik und dem dazugehörigen Empfinden, kann ich das absolut verstehen, dass Menschen kein Bock mehr auf Realität haben. Mit einer Angststörung ist der Alltag tatsächlich nüchtern (oder ohne Medikamente) einfach nicht zu ertragen.

Wo war ich stehen geblieben?

Ach ja, bei der Frage wo und wie fange ich an … oder besser gesagt, ich spule noch mal kurz zurück:

Es begann vor 8 Wochen. Zu viel Stress, zu viel Hektik, zu viel Arbeit und noch eine zusätzliche Situation, die mich innerlich komplett aus der Bahn geworfen hat. Ich dachte als erstes, dass mich nun doch das befürchtete Burnout befallen hat, denn ich bewege mich schon seit Monaten am Limit meiner Kräfte. Doch da war noch etwas anderes.

Ich hatte plötzlich das Gefühl, als hätte mich jemand in Eisenketten gelegt, ein Gefühl, das bis heute anhält. Mein ganzer Körper fährt auf Hochtouren, es fühlt sich wie Fieber an, ich bin ständig unter Strom, habe ständig das Gefühl durchzudrehen und es braucht meist auch nur einen Funken, und schon verliere ich die Nerven. Ich fange an zu heulen, implodiere, explodiere, werde hektisch und wütend … ich bin eigentlich die Ruhe und Friedfertigkeit in Person. Zudem kann ich kaum noch etwas essen, was mich nicht wirklich stört, ich bin eh zu fett.

Und dann sind da diese nervtötenden Beklemmungen im Brustbereich, je höher die Anspannung, desto stärker auch das Engegefühl. Es wandert bis zum Hals, drückt mir die Kehle zu. Es entsteht ein unerträglicher Druck, das Einatmen fällt schwer. Anfangs dachte ich noch, ich würde ersticken und bekam ständig deswegen Panik. Inzwischen bin ich so routiniert, dass ich mich flach auf den Boden lege und alle Viere von mir Strecke und ganz ruhig atme. Es ist tatsächlich ein rein körperliches Desaster, das hier vollkommen unterbewusst von der Psyche angezettelt wird – psychosomatisch eben. Und Fakt ist, dass ich nicht den ganzen Tag auf dem Wohnzimmerteppich liegen und mich von meiner kleinen Tochter mit Büchern und Spielsachen belegen lassen kann (so toll sie es auch findet). Diese ganze Situation nervt mich und beeinträchtigt mein Leben, was wiederum zu Frust und Streitereien mit meinem Mann führt, den das Ganze nämlich auch frustriert, nervt und beeinträchtigt.

Ja, ich bin in der Tat frustriert, nicht zu verwechseln mit depressiv. Ja, es frustriert mich, dass gerade ich, – obwohl ich zugegeben die personifizierte Angst bin, aber seit einem Zusammenbruch 1999 (der mich fast mein Leben gekostet hat) – mit viel Lebensfreude, positivem Denken, mit viel Liebe und stetiger Selbsthilfe und Selbsttherapie durch schreiben und psychologische Selbstbeobachtung – ja, dass mir heute trotzdem so ein psychologischer Bullshit passiert.

Die genaue Diagnose lautet übrigens „generalisierte Angststörung“. Und die geht mir gerade tierisch auf den Sack. Dass ich schon seit meiner Kindheit ununterbrochen Angst vor allem und jedem habe, wusste ich. Dass ich deutlich mehr Angst habe als andere Menschen, wusste ich auch, dass es eine Störung – also nicht normal ist – war mir nicht klar. Ich habe mich so daran gewöhnt, mich ständig unwohl und eingeschränkt zu fühlen, dass es für mich einfach Normalität ist. Und ich hätte bis an mein Lebensende damit Leben können, wenn meine Angstnormalität mit (Un)Sinn und Verstand einfach so (eben kontrolliert) geblieben wäre. Aber jetzt ist alles außer Kontrolle geraten. Meine Ängste führen ein Eigenleben ohne Sinn und Verstand. Es ist ein absolut grundloses körperliches Angstgefühl, was mich den ganzen Tag auf Trab hält und aus mir, der Kämpferin, ein hochexplosives und hysterisches Nervenbündel macht, dessen Handlungsfähigkeit und Artikulation plötzlich einer pubertären Sechstklässlerin gleicht.

Hätte es nicht einfach ein Burnout sein können? Ja, mit einem „Allerleuts-Burnout“ hätte ich noch leben können. Ja, mit einem Burnout kann man hausieren gehen. Man kann sogar damit angeben, ganz nach dem Motto: „Ätsch, ich hab mehr gearbeitet als du! Ich hab`n Burnout und du nicht!“

Ja, und ich gebe zu, ich habe eindeutig zu viel gearbeitet in den letzten Jahren. Ich arbeite auch heute noch Tag und Nacht. Ich habe sogar zwei Stunden vor und knapp fünf Stunden nach der Geburt meiner Tochter Ronja gearbeitet, nur um meine durchaus vorbildliche Arbeitsmoral mal auf den Punkt zu bringen. Wobei hier das Wort „Arbeitsmoral“ fairer Weise mit dem Begriff „Existenzangst“, ausgetauscht werden müsste. ⇒ Ha, wieder eine Angst!

Und weil sich diese extrem übertriebene Arbeitsmoral natürlich auch auf Körper und Geist niederschlägt, hätte ich grundsätzlich tatsächlich ein Anrecht auf so ein abgefucktes Burnout, inklusive Schlaf-und-Nichtstun-Therapie. Schön weit weg, mindesten 8 Wochen, beispielsweise in der Nordseeklinik Borkum, um dort innere Ruhe und Frieden finden, schlafen, entspannen lernen, irgendwelche Psychodinge aufarbeiten, die die Gründe für eine möglich bestehende Arbeitssucht rechtfertigen …

Tja, das wäre aber die falsche Therapie, denn meine Diagnose lautet nicht Ausgebrannt-sein, sondern Krank-vor-Angst-sein“.

Ja, die Angst hält mich tatsächlich gefangen, belastet mich, will mich runter ziehen. Vielleicht sogar an einen Ort, an dem ich schon einmal war (und wo ich nie wieder hin wollte). Ich kämpfe dagegen an. Ich kämpfe mit allen Mitteln, drehe zwischen drin auch mal durch, betäube mich mit Lorazepam oder besaufe mich, kämpfe weiter und sehe dabei in all die verständnislosen Gesichter in meinem Umfeld.

„Sag, was hast du gleich noch für Probleme? Was ist das denn da mit deiner Tsyche? Wer hat denn diese Diagnose gestellt? Was sagt die Therapeutin? Du hast es doch so gut hier mit deinem Mann und deinen Kindern, es gibt doch keinen Grund schlecht drauf zu sein. Wie lange dauert es denn, bist du wieder funktionierst?“

Ich fange an mich zu erklären. Die einen verstehen nur Bahnhof, die anderen noch viel weniger. Schnell wird in den Töpfen der Küchenpsychologie ein Gebräu aus Depressionen, allgemeiner Unzufriedenheit, genetischer Veranlagung und Suizidgedanken gekocht. Mein Mann hat dieses giftige Zeug auch probiert und hat sich damit seine nächtlichen Träume verdorben. Ihn konnte ich aber inzwischen davon überzeugen, dass ich weder depressiv, noch unzufrieden bin, geschweige denn vorhabe, mir das Leben zu nehmen. Hallo? Geht´s noch?! Ich hab die tollsten Kinder der Welt! Niemals würde ich sie alleine lassen, never ever!

Ja, und dann gibt es auch noch jene Idioten, die mir am liebsten den Mund beim Reden zu halten wollen, nur damit die Öffentlichkeit das Wort „Störung“ bloß nicht aufschnappt. Es schickt sich nicht so etwas zu haben, was sollen denn die Leute denken? An Burnout zu erkranken ist erlaubt – Psycho sein ist pfui!?

Empathieloses Pack! 😀

Aber es gibt auch Menschen, die mich verstehen. Sie sehen mir in die Augen und spüren, wie ich kämpfe. Sie schenken mir ein Lächeln, eine freundschaftliche Umarmung, einen Kuss, fragen mich, wie es mir geht, hören mir zu, lassen sich nicht von meiner Unruhe beirren und gehen dann ganz normal zur Tagesordnung über. DANKE! 🙂

Natürlich habe ich inzwischen mich in ärztliche und psychologische Behandlung begeben. Mein Hausarzt wollte mich stationär in eine Klinik einweisen, damit mir direkt und ohne Verzögerung geholfen wird. Ich zog es aber brav vor, auf einen Termin bei einem Psychologen, bzw. Psychotherapeuten zu warten – immerhin habe ich Kinder, die mich brauchen … mein Mann braucht mich im Moment vielleicht nicht ganz so … aber ich habe eine berufliche Existenz und (nicht zu verachten) eine ziemlich schlimme Krankenhausphobie. ⇒ Ha, noch eine Angst!

Eine Therapie habe ich inzwischen begonnen, auf meine Medikamente, die die Symptome eindämmen warte ich noch, der Neurologe ist gerade im Urlaub. Etwa ein halbes Jahr könnte die Genesung dauern, wenn die Therapie anschlägt. Es ist also ein Ende in Sicht … ich bleibe also nicht mein Leben lang so daneben! 😀

Eine Frage, die sich jetzt zwischen diesen ganzen Zeilen vielleicht viele stellen: Wovor hat `se denn jetzt überhaupt Angst?

Okay, reden wir über Angst!

Ja, sprechen wir über die Angst, die uns den Atem rauben kann, die unsere Sinne lähmt, und die uns manchmal auch an den Rand des Wahnsinns treibt – oft auch einen Schritt darüber hinaus. Jeder kennt sie, und jeder hat diese Angst auch in irgendeiner Form schon mal erlebt – der eine mehr, der andere weniger. Aber so verschieden unsere Ängste auch sind, sie haben alle etwas gemeinsam – die Furcht vor (körperlichen und seelischen) Verletzungen, und nicht zu vergessen die Furcht vor dem Tod.

Was sind denn so meine Ängste? Antwort: Es gibt eigentlich nichts, wovor ich nicht Angst habe!

Ich weiß, diese Aussage wird gerne belächelt. Aber das ist okay für mich, sie klingt ja auch so was von absurd. Aber auch wenn es absurd klingt, ist es dennoch das, was ich Tag täglich aufs neue erleben muss, denn auch wenn ich die kleinen unscheinbaren Ursachen vergöttere, es gibt aber auch genau so viele kleine unscheinbare Ursachen, die mir Angst machen. Wenn ich jetzt aber sage, dass ich Angst vor dem Tod, Angst vor schweren Verletzungen, Angst vor wilden Tieren, Angst vor gefährlichen Waffen, vor Krankheiten, Krieg u.s.w. habe, dann klingt das doch nicht mehr so absurd, oder?

…und warum klingt es nicht mehr so absurd?

Na, weil es die Form von Angst ist, die jeder kennt, jeder mit mir teilt und somit auch jeder verstehen kann. Leider Gottes ist diese „normale“ Angst aber nur ein Teil meiner Angst und nicht Hauptauslöser für diese ganze Kacke. Natürlich habe ich Angst vor dem Tod und noch mehr Angst, dass meinen Kindern und meiner Familie etwas Schlimmes passieren könnte. Auch muss ich zugeben, dass mich die Angst vor schweren Krankheiten auch ziemlich oft besucht. Vor zwei Jahren zum Beispiel war ich mir sicher an Lungenkrebs sterben zu müssen. Ich hatte ständigen Hustenreiz, ohne krank zu sein. Die Strafe für 20 Jahre lang Rauchen? Nein, es war „nur“ eine Speiseröhrenentzündung. Traumatisiert von meiner eigenen Befürchtung war ich trotzdem. Und nachdem ich letztes Jahr einen Knoten in meiner Brust ertastete, wollte ich noch vor dem Besuch beim Frauenarzt mein Testament machen. Der Knoten war ein absolut harmloser Tumor – ich wollte dennoch meine Brüste loswerden. Wer braucht schon so Dinger? 😀 Ich hab sie aber nach gutem Zureden meines Arztes dennoch behalten.

Meine Grundangst ist quasi die Angst vor der Angst. Meine größte Angst ist, dass ich in Situationen gerate, denen ich nicht gewachsen bin. Denn ich stecke in einem Körper, dessen Gehirn und sämtliche anderen für Emotionen Verantwortlichen Systeme auf die absurdesten Dinge reagieren – und zwar mit einer Flut an Emotionen, die teilweise meine Verarbeitungskapazitäten so deutlich überschreiten, dass die Gefahr besteht sich entweder ein weiteres Trauma, eine weitere Posttraumatische Belastungsstörung oder eine Psychose einzufangen – alles schon gehabt. 😀

Ich habe somit Angst vor einer ungeahnten und plötzlich auftauchenden Emotionsflut, die ich mit meinem Verstand nicht mehr bewältigen kann – hierzu langt schon meist ein Foto von einem glücklich lächelnden Kind, unter dem das Wort Vermisst! steht – eine Flut an Emotionen, die mir die Luft zum Atmen nimmt, mich entsetzt, lähmt und mich hilflos macht, und mich somit gefährlich nah an den Rand des Wahnsinns treibt – oder eben auch darüber hinaus … aber das werde ich zu verhindern wissen. 😀

So lange ich noch schreiben kann …

Ich schreibe, also bin ich …

Aber ich habe heute ziemlich viel geschrieben …

… und es fühlt sich tatsächlich besser an als Saufen. 😉

Und zum Abschluss mal einige Ängste von mir in der Übersicht, unabhängig von den natürlich bestehenden Ängsten vor dem Tod, schlimmen Krankheiten oder Unglücksfällen. Ihr werdet staunen, was für ein (für mich leider jedoch sehr ernsthafter) Schwachsinn dabei ist:

Angst vor tief gehenden Emotionen aller Art
Angst vor unkontrollierter Empathie (zu extrem mitfühlen und mitleiden)
Angst vor Menschen und ihren tiefen Abgründen
Angst vor deren Unehrlichkeit und falscher Liebe
Angst vor Freundschaften und sozialen Kontakten
Angst Missverstanden zu werden
Angst vor Zwischenmenschlichen Gefühlen, Angst vor der Liebe
Angst vor Streit
Angst vor Wut
Angst selbst wütend zu werden
Angst vor Aggression
Angst vor meinem Ex
Angst vor einer Überdosis Adrenalin
Angst vor Lügen – ich bin tatsächlich nicht fähig die Unwahrheit zu sagen
Angst zu Telefonieren – ich kann mein Gegenüber nicht sehen, das irritiert mich
Angst vor Reizüberflutung
Angst sich zu blamieren oder einfach nur dumm aufzufallen
Angst zu verblöden
Angst wichtige Termine zu vergessen – je wichtiger der Termin, desto größer die Gefahr diesen zu vergessen
Angst in irgendeiner Form die Kontrolle zu verlieren
Angst als Ersthelfer an einer Unfallstelle zu sein
Angst davor im Mittelpunkt zu stehen
Angst vor dem Wolf im Schafspelz – also vor Psychopathen
Angst, dass sich jemand sexuell an meinen Kindern vergreifen könnte
Angst vor Fahrten auf der Autobahn
Angst über Brücken zu laufen
Angst vor großer Höhe
Angst vor Autofahrten in größeren Städten
Angst genau dort die Orientierung zu verlieren
Angst zu verschlafen oder zu lange zu schlafen
Angst wieder Schlafzuwandeln
Angst, dass das Auto wieder nicht anspringt
Angst an der Kasse zu wenig Geld zu haben
Angst vor Abhängigkeit (finanziell, seelisch etc.)
Angst meine Aufträge nicht perfekt abzuliefern – zu versagen
Angst vorm Kochen – ich kann es einfach nicht
Angst vor Zahlen – sie machen mich irre
Angst vor plötzlich „logisch Denken zu müssen“ und es auf Anhieb nicht zu können
Angst vor Krankenhäusern (aus diesem Grund habe ich auch ambulant entbunden)
Angst vor nächtlichen Wäldern
Angst vor Käuzchen
Angst vor Friedhöfen – kein Scheiß! Es ist mir nicht möglich einen Friedhof (egal welchen) zu betreten ohne heulend zusammenzubrechen … warum ist bis heute ein Rätsel.
Und ich könnte jetzt noch unendlich lange damit weitermachen …

… aber ich hab Hunger! 😉

Und hier noch ein Lied, das ziemlich gut zu meiner Stimmung & Situation passt ….

In meinem Kopf ist es lustig …


Das dort auf dem Bild ist übrigens ein Glühwürmchen … 😀

Nun ja, Außenstehende würden das wahrscheinlich sehr lustig finden. 🙂 Manchmal wünschte ich, ich wäre auch mal Außenstehende meiner selbst, dann würde ich über diese Kacke, die hier gerade läuft wahrscheinlich selbst herzlich lachen. 🙁

Diese Headline da oben entstand übrigens, in Verbindung mit allen Facebookposts und Blogeinträgen, an denen ich in den letzten Tagen so verbissen herum gedoktort habe. Es waren Zeilen und ganze Texte, die dann aber doch nie das Licht der Welt erblickt haben. Schreiben, löschen, schreiben, löschen – das scheint mein neues Hobby zu werden. Es ist ganz komisch im Moment. Das Schreiben hilft mir sehr. Ich spüre wieder diese vertraute, innige Verbindung, die hier in diesem Blog eine andere ist, als wenn ich meine Geschichten schreibe. Es tut mir gut, es lindert diese beschissene Verkrampfung in einem Brustkorb und dieses unendliche Durcheinander in meinem Körper. Ich scheue es Angststörung zu nennen. Das klingt so unglaublich dumm … genau genommen ist es eine permanente unangemessene und unbegründete Ausschüttung von Adrenalin, das falsche Signal an das Gehirn sich auf eine Flucht einzustellen … dumm eben. 😮

Und, wie ich festgestellt habe, ist darüber schreiben eindeutig die bessere Medizin als alle paar Stunden irgendwelche Medikamente einzuwerfen. Unfassbar, was Schreiben für mich in all den Jahren für eine Bedeutung bekommen hat. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen, ist aber auch gar nicht so wichtig, Hauptsache diese aneinandergereihten Buchstaben ziehen mich irgendwie wieder aus der Scheiße.

Wenn da nicht noch diese eine kleine aber nicht unbedeutende Hürde wäre …

Ich mache ich mir doch mehr Gedanken darüber, wer, was, wie von mir wie interpretieren könnte als mir lieb ist. Was mir ja grundsätzlich eigentlich egal sein sollte, aber bei einer handvoll Menschen eben nicht. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen um mich machen, denn ich bin ja nicht todkrank, sondern nur etwas (extrem) „aus dem Ruder“.

Aber erklär mal jemanden, was „aus dem Ruder“ bedeutet … :mrgreen:

Ich versuche es mal mit diesem Songtext von „P!ink – Fun House „irgendwie sind im Moment (bildlich gesprochen) zu viele böse Clowns in meinem Oberstübchen … 😀

This used to be a funhouse
But now it’s full of evil clowns
It’s time to start the countdown
I’m gonna burn it down, down, down
I’m gonna burn it down

9, 8, 7, 6-5-4, 3, 2, 1, fun!

Bis bald!


P.S:

Ich liebe P!nk! Und die Frisur erst … 😀

Echt psycho – wenn der Wahnsinn vor der Türe lauert

Aggressive Menschen machen mir generell Angst. Ja, und auch wenn ich einst einige Jahre in einem Sicherheitsdienst tätig war (ich war jung und brauchte das Geld), hat sich bis heute nichts daran geändert, dass ich mit dieser schlimmen Form von emotionalen Ausbrüchen absolut nicht umgehen kann. Jegliche Form von Aggressivität anderer Menschen löst in mir eine Urangst aus, die sich unter Umständen sogar in Panik verwandeln kann. 😮

Folglich macht mir auch ein aggressiver, bulliger, herunter gekommen aussehender Mann Angst, der auf einem Parkplatz steht und extrem wütend und lautstark so Sachen schreit wie: „Ja, ich habe einen Fehler gemacht! Hast Du nie Fehler gemacht?! Jeder macht mal Fehler! Ich auch! Du auch! Hör auf mir Vorwürfe zu machen … etc.!“ Diese abgrundtiefe kochende Wut in seiner Stimme und die Gewissheit, dass nur noch ein Funke diesen Menschen zum eskalieren bringen würde (wie immer das auch ausgesehen hätte), das war schon irgendwie Freaky. Ich dachte: Mann, können die sich nicht zu Hause streiten? Und wenn nicht, warum muss der so laut …

ABER! Wisst ihr, was mir regelrecht den Atem stocken lässt? 😮

Wenn ich bei genauerem Hinsehen feststelle,dass dieser besagte extrem aggressive Mann da Mutterseelen alleine an seiner Autotür steht. Er hatte kein Handy am (oder im) Ohr, kein Insasse im Wagen, kein anderer Gesprächspartner weit und breit. Nur eine dumm guckende Nicole, (okay und ein sich über seine ängstliche Frau amüsierenden Mann) die sich gerade die Frage stellt, ob einer ihrer psychopatischen Romanfiguren irgendwie von ihrer Festplatte getürmt ist.

Mit wem hat er gesprochen? Etwa mit „Toni“?!

Das Letzte, was ich noch von ihm im Ohr hatte, als wir mit dem Fahrrad türmten …

„Ihr seid alles so feige Schweine!“

Das war so schlimm psycho, dass muss ich mir gleich für die nächsten Seiten notieren …

Teufelskreis Liebe



Die Angst zerreißt mich.

Die Angst lähmt mich.

Kann nicht mehr klar denken.

Wir drehen uns im Kreis – nein, ich alleine drehe mich im Kreis. Ich drehe mich im Kreis, den Blick fieberhaft auf den Moment gerichtet, an dem ich den Kreis für immer durchbrechen kann.

Du bist der stumme Begleiter in all meinen Träumen, meine Gedanken kreisen immer nur um dich. Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich dich, sehe dein Gesicht, dein Lächeln. Ich sehe in deine Augen, sehe in dich hinein, sehe hinter deine Fassade, sehe durch dich hindurch, verliebe mich erneut, versinke in dir, drohe zu ertrinken. Deine Macht, ist mein Untergang. Ich spüre die Gefahr, reiße mich los, laufe weg, fliehe. Immer und immer wieder.

Ich hatte die Hoffnung, dass es aufhören würde, irgendwann. Doch wann zum Teufel ist irgendwann?!

Ich will das alles nicht mehr! Ich kann das nicht mehr ertragen! Will dich nicht mehr in meinen Gedanken sehen, will nicht mehr von dir träumen, will dich nicht mehr spüren, will dich nur noch vergessen. Nein, ich kann diesen Ring der Unendlichkeit, diesen Teufelskreis, einfach nicht durchbrechen. Mit der Liebe kommt die Angst und sie wächst, … die Liebe und die Angst. Sie nährt sich von Misstrauen und meiner Machtlosigkeit. Ich habe die Kontrolle verloren.

Manchmal träume ich einen Traum…

Ich höre plötzlich auf mich zu drehen. Ich habe plötzlich keine Angst mehr vor dir. Es scheint, als sei der Kreis durchbrochen. Ich sehe plötzlich dich und ich sehe die Chance. Die Chance ein für alle mal diesem Teufelskreis zu entfliehen. Ich habe nach dir gerufen und du hast mich erhört. Ich habe dich zu mir gebeten und du bist gekommen. Ich bleibe stehen, bin bereit, mich dir zu stellen, laufe nicht mehr weg.

Ich wollte allein sein mit dir…

Aug in Aug…

Von Angesicht zu Angesicht…

Von Gefühl zu Gefühl…

Wie lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet? Allein sein mit dir, ohne Angst von dir vernichtet zu werden. Ich bin stark. All meine Ängste und Befürchtungen sind außerhalb dieser Türe, die ich soeben unbemerkt fest hinter dir verschlossen habe. Ich sehe dich an und du siehst mich an. Ich sehe, wie deine Lippen sich bewegen, verstehe aber nicht was du sagst. All meine Sinne kreisen jetzt nur noch um dich, um diesen Moment wo du vor mir stehst und scheinbar gar nicht weißt, in welcher Gefahr du dich befindest. Die Worte aus deinem Mund, belanglos, nicht von Bedeutung, sie prallen ab von der Stille die mich plötzlich umgibt. Stille, die mir Kraft gibt. Stille, die mich davor bewahrt gänzlich den Verstand zu verlieren. Stille, die mir sagt, wozu ich jetzt in der Lage wäre. Die Stille die mir zeigt, wie einfach es wäre…

Es ist nur noch ein kleiner Schritt…

In der Stille sehe ich, wie ich langsam auf dich zugehe. Ich bin erschrocken über meine eigene Entschlossenheit und will dieses Trugbild anhalten, versuche es stoppen. Ich als Beobachterin des Traums habe plötzlich Angst. Angst vor dem was passieren könnte, Angst vor deiner Reaktion, Angst vor der Wahrheit, Angst die Kontrolle zu verlieren – doch die Person die sich langsam auf dich zu bewegt ist vollkommen frei von Angst.

In der Stille sehe ich, wie meine Hand dich mit sanfter Gewalt an die Wand drückt. Du wehrst dich nicht, du kannst dich gar nicht wehren. Meine Augen fixieren die deinen, die Schlange in mir ist zum Leben erweckt. Wie eine Kobra richte ich mir vor dir auf, will dir mein Gift injizieren, will dich lähmen, dich gefügig machen, dich von meiner Wahrheit und meiner neuen Macht überzeugen. Ich umschlinge dich sanft, krieche um deinen Hals, um deine Schultern und merke wie alles in dir zu kochen beginnt.

Sag, ist es dein Herz was so laut schlägt, oder doch meines?

In der Stille sehe ich, wie ich mich langsam deinem Gesicht nähere, mein leises Flüstern durchbricht sanft die Stille und es erzählt dir von Dingen, von denen du bisher nur geträumt hast. Und du siehst mich an und in deinem Blick spiegelt sich das Feuer in der Flamme und du lässt es zu.

Nie wieder will ich diesen stillen Ort, diesen heimlichen Gedanken, verlassen…

Doch die Stille endet abrupt in dem Augenblick, wo du plötzlich still wirst. Du hast die Gefahr erkannt, hast mich in meinen Gedanken ertappt. Im Halbdunkel sehe ich dein Gesicht. Zweifel spiegelt sich plötzlich in deinen Augen und schwenkt in die Anfänge einer Panik um. Die Versuchung ist groß und die Angst vor dem was jetzt passieren könnte, ist gleich der Furcht vor dem, was nicht sein wird. Du weißt, dass ich dich will, aber du weißt nicht, was dieser Wille wirklich bedeutet.

Nein, das weißt du nicht…

Sag warum hast DU solche Angst vor mir?

Diese Angst lähmt dich…

Diese Angst zerreißt dich …

Doch deine Angst nährt auch die Schlange aus meinen Gedanken und sie erwacht erneut und mit doppelter Kraft zum Leben. Sie ist nun bereit dich im Hier und Jetzt mit ihrer gefährlichen Macht zu verführen. Macht, die mir sagt, wozu ich jetzt wirklich in der Lage wäre. Macht, die mir zeigt, wie einfach es wäre, sich das zu nehmen was man will.

„Los, tu es! Die Angst macht ihn schwach“, sagt die Schlange in mir und treibt mich mit ihrer Gier, ihrem Verlangen näher zu dir. Doch ich kämpfe dagegen an und frage mein Herz: „Ist es ihn jetzt und hier verführen zu wollen, nicht bloß der Wille zur Macht? Das Spiel mit der Angst, die Wehrlosigkeit des anderen?“

„Ja!“, sagt die Schlange. „Und es fühlt sich so gut an!“

„Nein, Macht ist nicht das, was ich wirklich will!“, sage ich stumm und bleibe stehen. Die Schlange in mir rebelliert, züngelt wütend durch meinen Kopf, versucht mich mit Machtparolen zu bekehren. Doch ich bleibe so lange standhaft, bis sie sich wieder im Dunkeln meiner Seele verkriecht. Ich bin erleichtert, fast schon dankbar. Ich weiß, Schlangen in der Hölle könnten die Vorboten eines unabwendbaren Unheils sein – aber ich bin keine Schlange. Ich bin nur eine Frau, die Angst vor der zerstörerischen Macht der Liebe hat. Ich spüre, wie mich der Mut wieder verlässt. Ich fühle, wie sich der Teufelskreis langsam wieder zu drehen beginnt. Ich sehe dich scheu an und sage: „Komm, lass uns gehen, die anderen warten bestimmt schon.“

Die Angst aus deinem Gesicht weicht plötzlich einem erleichterten Lächeln und mit einem Mal kehrt auch die Stille wieder ein. Aber es ist nicht meine Stille, nicht mein Gedanke – es ist deine Stille. Stille, die plötzlich Zweifel in mir aufkommen lassen.

Sag, was denkst du gerade?

Stille, die mir plötzlich Angst macht. Ich sehe, wie du langsam auf mich zukommst und ich spüre deine Hand die mich mit sanfter Gewalt an die Wand drückt.

Sag, ist es jetzt mein Herz was so laut schlägt oder doch deines?

Ich wehre mich nicht, ich kann mich gar nicht wehren. Deine Augen fixieren die meinen, die Schlange in dir ist zum Leben erweckt. Wie eine Kobra richtest du dich vor mir auf, du willst mir dein Gift injizieren, willst mich lähmen, mich gefügig machen. Du umschlingst mich sanft, kriechst um meinen Hals, um meine Schultern und ich merke wie es in mir zu kochen beginnt.

Sag, ist jetzt dein Wille mich jetzt zu wollen, bloß der Wille zur Macht? Das Spiel mit der Angst, die Wehrlosigkeit des anderen?

Keine Antwort…

In deiner Stille sehe ich, wie du dich langsam meinem Gesicht näherst, dein leises Flüstern durchbricht sanft die Stille und es erzählt mir von all den Dingen, von denen ich so lange geträumt habe. In mir brodelt das Feuer in der Flamme und ich lasse es zu.

Sag, ist das Liebe?

Keine Antwort…

 

Über Albträume, die ich keinem wünsche!

(Ein Archivtext aus dem Jahre 2008)

Eigentlich müsste ich ja heute Abend noch etwas Produktives schaffen – quasi an meinem Roman weiter
schreiben, oder mich weiter um meinen Texterjob kümmern – aber irgendwie fehlt mir heute zu beidem die nötige Inspiration.

Und wer, oder was ist es Schuld?

Ja, Schuld ist grundsätzlich immer mein Kopf, denn der hatte heute morgen schon gleich nach dem Aufstehen einen leichten, bis mittelschweren „defekt“. Ich hatte nämlich letzte Nacht, bzw. heute morgen nämlich wieder ein Traumerlebnis der Spitzenklasse und der war auch gleich wieder so heftig und vor allem so real, dass ich alle drei (!) Wecker überhört habe und zum ersten Mal seit langem wieder verschlafen habe!

Ja, und eigentlich möchte ich über diesen besagten Traum auch gar nicht mehr reden – es reicht schon, dass er mich den ganzen Tag schon verfolgt hat und mich nun an meiner Arbeit hindert – aber dennoch möchte ich ihn jetzt und hier
erwähnen, damit Ihr Euch Mal vorstellen könnt, welch schreckliche Dinge da manchmal in meinem Kopf vorgehen, wenn ich schlafe.

Und als ich heute morgen schlief…

…war ich tot.

Ich bin in diesem Traum erst durchgedreht und dann wieder einmal seelisch verstorben, weil ich Gefühlen und Emotionen ausgesetzt war, die meine Kapazität deutlich überschritten. Zunächst war ich die Fahrerin eines Wagens, die sich relativ langsam einem Zebrastreifen näherte, auf dem sich jedoch noch keine Personen befanden – es war der Zebrastreifen auf der Hauptstraße in Neustadt/Wied nähe der Tankstelle, um genau zu sein.

Ich fahre, fahre weiter, gebe Gas und merke, wie ich plötzlich etwas überrolle. Doch ich fahre seelenruhig weiter und sehe im Rückspiegel plötzlich den leblosen Körper eines Kindes – die Mutter steht mit Kinderwagen auf der Straße und bricht schreiend zusammen. Ich fahre weiter… habe die Situation noch nicht ganz begriffen… denke, das alles ist nur ein Traum. Meine Traumkontrollpatrouillie versucht sich also einzuschalten… beruhige Dich, es ist alles nur ein Traum!

…oder doch nicht?

SCHEISSE, MANN, WACH BITTE GANZ SCHNELL AUF! 😮

Ich wachte aber nicht auf, sondern fuhr weiter. Ich versuchte meine hereinbrechenden Gedanken zu kontrollieren, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Hast du da etwa gerade ein Kind überfahren???
Plötzlich sehe ich Bilder vor meinen Augen, wie Menschen wild durcheinander laufen. Sie schreien, weinen und in ihren
Gesichtern spiegelt sich das entsetzen. Doch ich fahre immer noch weiter…kilometerweit…stundenlang…ich denke nicht… ich kann gar nicht mehr denken… die einzigen Gedanken, die ich plötzlich habe, sind die eines Fremden. Ich bin plötzlich eine männliche Person die ich nicht kenne und die Gedanken dieses Mannes lässt mir das Blut in den Adern gefrieren: Wat läuft der Bengel auch einfach über die Straße? Hoffentlich hat mich keiner gesehen! Unfall mit Todesfolge, Fahrerflucht, das könnte übel ausgehen für mich!

Ich trete abrupt auf die Bremse. Ich steige aus und verlasse wie in Trance den Wagen. Ein Zeitpunkt an dem mich Gefühle übermannen, die ich so (Gott sei Dank) noch nicht kennenlernen musste. Mir ist schlecht und ich sacke
zusammen, will mich übergeben, aber irgendetwas hindert mich daran. Ich wage nicht auf mein Auto zu schauen, will
nicht sehen, welche Spuren dort hinterlassen wurden. Wieder Bilder vor meinen Augen. Ich sehe, wie ein Kindersarg
zu Grabe getragen wird. Sehe wie ein Vater weinend zusammenbricht und ich sehe Geschwisterkinder, die
anfangen den Sarg wieder auszugraben: „Wir holen dich da wieder raus, Timmi!“

Eine endlos Schleife beginnt. Ich stehe da, heule stumm, will nur noch sterben, denn mich verfolgt nur noch ein Gedanke: „Nein, damit kannst du nicht leben!“

AN ALLE DIE, DIE MEINE ZEILEN NUR ÜBERFLIEGEN UND DESHALB AUCH MANCHMAL WICHTIGES ÜBERLESEN:

ES WAR NUR EIN TRAUM!!!! 😉

Und ich mache mich auf den Weg – in Richtung Wiedtalbrücke – gehe vorbei an meinem Auto, das aber urplötzlich gar nicht mehr wie meines aussah. Es war ein Audi-A-Haste-Nicht-Gesehen, tiefschwarz mit breiten Schlappen und einem
silbernen Tribal auf der Heckscheibe. Und ich blicke schließlich in das Innere des Wagens und sehe, wie ein dunkelhaariger Typ gerade wild und aufgeregt gestikulierend telefonierte. Was immer das auch zu bedeuten hatte, es war mir in dem Augenblick egal, denn für mich hatte in der Sekunde als ich den leblosen Körper im den
Rückspiegel sah, einfach alles an Bedeutung verloren. Ich konnte mit diesem Gefühl in mir nicht leben, ich konnte diese
Bilder nicht ertragen, es ging einfach nix mehr in diesem Traum.

Nun ja…

Für mich ein eindeutiges Zeichen dafür, dass mit meiner Traumkontrollstation schon wieder etwas ganz gewaltig nicht
stimmte …

Das war auch mein erster Gedanke als ich schließlich gegen 7.30 Uhr (!) endlich hoch schreckte. Danach war ich zunächst mehr als heilfroh – nein, ich war sogar so dankbar dafür, dass sich zunächst 5 Minuten lang vor Erleichterung heulen musste – dass es „nur“ ein Traum war!

Ich schaffte es aber dennoch mit Turboantrieb meine kleine Tochter pünktlich in die Schule zu bringen! 🙂

Später war bei mir natürlich ganz schnell die psychologische Traumdeutung angesagt! Ganz nach dem Motto:

Was wollte mir mein Unterbewusstsein mit diesem Traum wohl sagen?

Vielleicht, … dass ich nie wieder nach Neustadt fahren sollte?
Vielleicht, … dass ich doch langsam eine Brille brauche?
Vielleicht, … dass es an meinem Fahrstil etwas auszusetzen gibt?
Oder vielleicht doch nur, … dass ich ganz gewaltig einen an der Klatsche habe?

Himmel, warum träume ich denn nur plötzlich solche schrecklichen Sachen?

Antwort:

Weil einer meiner größten Ängste natürlich ist, dass mir ein Kind vor´s Auto läuft. Weil diese genrell Kinder-Könnten-Überfahren-Werden-Angst ganz unbewusst wieder in mir entfacht wurde als meine Tochter vor einigen Tagen meinte, ihren Ball vor den schrecklichen Fängen eines anrollenden PKW´s retten zu müssen – Mann, was hab ich mir ihr geschimpft! Weil ich ganz unbewusst damit beschäftigt war, diesen kurzen (aber großen und ohnmachtsnahen) Schreck irgendwie wieder zu verarbeiten.

Weil ich gestern Nachmittag beim Heranfahren an einen Kreisel – an der stark befahrenden Straße, Rottbitze – drei
Kinder mit Fahrrädern sah, die diese Straße vor dem Kreisel überqueren wollten. Instinktiv hielt ich an, winkte die Kids über die Straße und zog mir kurzzeitig den Unmut eines Audifahrers auf mich, dem das alles scheinbar zu lange dauerte. Sein verärgerter und scheinbar unter Zeitdruck stehender Gesichtsausdruck im Rückspiegel, ließ mich für einen kurzen Augenblick den Gedanken in mir aufkommen, den ich lieber nicht aussprechen will, aber es hatte etwas mit Fuck you! und einem Mutter Theresa Heiligenschein auf meinem Kopf zu tun!
Ich sah den Kids nach und dachte: „Besser ich lass euch rüber, als das der Spacko hinter mir euch überfährt!“
Und es war auch schließlich der Spacko, der anschließend zeitgleich mit mir an die Tankstelle fuhr – er war dunkelhaarig und auf der Heckscheibe seines schwarzen Audis war ein silbernes Tribal. Was ich aber zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich bewusst registriert habe, denn ich hatte andere Probleme… Scheiße, der Tankdeckel ist ja immer noch auf der linken Seite!

Weil ich gestern in irgendeiner komischen Doku-Sendung ein ziemlich extremes Emphatie-Drama miterleben musste. Ein Vater erzählte unter Tränen über den plötzlichen Tod seiner Frau und auch darüber, wie seine damals 5 und 7 Jahre alten Kinder nach der Beerdigung vorhatten, ihre Mama wieder auzubuddeln! Ja, ich weiß! Ich sollte mir solche Sachen nicht angucken!

Es ist schon seltsam…und natürlich auch schlimm…aber irgendwie auch faszinierend, was einen so alles an einem Tag bewegt, berührt und erschreckt , von dem man nicht einmal annähernd weiß, dass es einen dann doch innerlich so
umhaut, dass gleich ein filmreifer Albtraum daraus werden muss, um die Eindrücke zu verarbeiten. Ich allerdings muss erst darüber schreiben, bis ich solche Sachen wirklich verarbeiten kann… was ich hiermit getan habe, also Haken dran!

Die Schattenwelt eines Borderliners

(Foto: Lutz Stallknecht  / pixelio.de)

Immer wieder gefesselt von den Eindrücken der Lebenden, laufe ich durch die Straße der Einsamkeit. Alles hier ist so laut und bunt, so schrecklich hell. Ich kann es sehen, ich kann es riechen und ich kann es fühlen, hier findet es statt… das Leben. Ein Leben, dass ich nicht mehr haben kann. Wie immer zieht es mit Nichtachtung an mir vorbei, es schreit, es erfreut, es tanzt und lacht. Kaum vorstellbar, dass dies der Ort ist, an dem ich das Mittel finden soll, was den fortschreitenden Tod meiner Hoffnung aufhalten kann. Ich fühle mich plötzlich unwohl, möchte nur noch weg. Das rhythmische Stampfen dieser lebendigen Spaßmaschinen macht mir Angst, es klingt bedrohlich, wie der Ruf eines Heeres, bevor es in die Schlacht zieht. Eine Schlacht gegen jene, die das Leben verstoßen hatte und die es dennoch wagen sich unter die Lebendigen zu mischen. Ich weiß, wenn sie mich entdecken, werden sie mich jagen, sie werden mich fangen und mich im Anschluss mit ihren Ritualen der Freude quälen. Ich schaudere bei dem Gedanken. Schnell verstecke ich mich im Schatten, dort wo mich niemand sieht. Aber ich sehe genug, und halte weiter Ausschau nach dem Heilmittel für meine sterbende Hoffnung.

Ich zucke erschrocken zusammen, als ich spüre, dass ich nicht alleine in der schützenden Dunkelheit des Schattens stehe. Jemand ist da. Er steht direkt vor mir, zum Greifen nah… etwa ein weiterer Verstoßener des Lebens? Nein, zu schön um wahr zu sein…

„Hey!“, rufe ich laut und gehe entschlossen auf ihn zu, doch er reagiert nicht, er dreht sich nicht einmal um. „Ich sagte hey!“, wiederhole ich und lege meine Hand auf seine Schulter. Er erstarrt unter meiner Berührung und dreht sich langsam um, dann schauen seine Augen direkt in meine, und ich bin verwirrt, dass er mir so plötzlich diesen Einblick in sein tiefstes Inneres gewährt. Die Augen, der Spiegel seiner Seele, das Tor zu einer mir völlig fremden Welt. Seine Augen, sie sind so lebendig, viel lebendiger als ich es je sein würde, und dieses Lebendige schaut mich wahrhaftig mit seiner ganzen Schönheit an.

…eine Falle?!

Das Leben hatte mich entdeckt! Er ist ein Lebendiger und er versteckt sich im Schatten! Ich habe plötzlich schreckliche Angst und rechne mit dem Schlimmsten. Scheu blicke ich ihn an, und er lässt mich immer noch in seine Seele schauen… ungewöhnlich für einen Lebenden… vielleicht doch keine Falle?

Plötzlich sehe ich, wie es in seinen Augen zu funkeln beginnt, ein Meer aus bunten Lichtern entflammte in seiner feuchten Netzhaut, wie ein kleines Feuerwerk, der krönenden Abschluss eines berauschendes Festes, der Startschuss in ein neues Leben… vielleicht ein Leben, an dem auch ich wieder teilhaben durfte? Die Seele eines Lebendigen, es schenkt mir ein Feuerwerk, das Mittel was ich brauche um meine sterbenden Hoffnung wieder neu entflammen zu lassen. Ich hatte es heute Nacht gefunden. Ich spüre, wie das hoffnungsvolle in mir neu erwacht, es ist so überwältigend und lässt mich in Tränen ausbrechen.

„Dein Feuerwerk ist so schön“, weine ich und umklammere sanft seinen Arm. „Ich will deine Lebendigkeit spüren, ich will eins mit ihr werden. Ich flehe dich an, lass mich Teil von deinem Leben sein. BITTE LIEBE MICH!“

Dann herrscht Stille. Plötzlich spüre ich, wie er seine Hände sanft mein Gesicht berühren. Ich zucke erschrocken zusammen, ich bin nicht darauf vorbereitet. Seine Hände… sie sind so warm und so weich, nicht so kalt und steinern, wie die, die mich bei der letzten Suche nach dem Heilmittel anfassten. Es war so unbeschreiblich schön, aber auch so bedrohlich, so beängstigend. Ich spüre das Leben unter seiner Haut und es bringt mich um den Verstand, der immer stärker werdende Wunsch eins mit ihm und seinem Leben zu sein, lähmt meine Sinne. Ich bin krank vor Sehnsucht… ich kann nicht mehr denken… vergesse vollkommen die Gefahr. Langsam hebe ich meine Hände und lege sie auf die seinen, ich sehe noch einmal in das Feuerwerk seiner Seele und flehe wieder: „BITTE LIEBE MICH!“

„Auf ewig sollst du leiden!“, zischt er plötzlich und befreit sich unsanft aus meinem Griff. Erschrocken starre ich auf meine Finger, die gerade noch seine Hände berührten. Er hatte sie weg geschlagen, wie ein lästiges Etwas, dass er nicht haben wollte. Aber warum? Warum will er meine Hände nicht? Warum will er mich nicht? Warum schenkte mir seine Seele dieses wunderschöne Feuerwerk?

Weil er dein Leid sieht!, sagt eine Stimme irgendwo in meinem Kopf. Er sieht dein Leid und es macht ihn an.

Der letzte Funke meiner Hoffnung liegt wieder im Sterben und ich beginne zu trauern. Ich weine wieder, und es sind wieder die Tränen der vollkommenen Hoffnungslosigkeit. „Aber ich will nicht mehr leiden“, sage ich stumm. „Ich will wieder leben! Du bist der Lebendige, unter dessen warmer weicher Haut so viel Leben fließt. Lass mich eins mit dir werden, liebe mich und ich bin frei. Du bist mein Retter! Mein Erlöser! Sag mir was du von mir verlangst, ich werde alles tun, ich ergebe mich dir vollkommen!“

Sag mir, was du von mir verlangst?

Er schaut mich an und ich erwidere den Blick mit der verzweifelten Hoffnung auf Antwort. Ich bekomme sie prompt, denn er lächelt… nein, er grinst… und dieses Grinsen tut plötzlich so weh. Es ist ein Grinsen der Verachtung, der Abscheu und des Hasses gegen Verstoßene. Ich bin die vom Leben Verstoßene und er ist der Lebendige. Ich brauche ihn, ich brauche seine Lebendigkeit, ich brauche seine Liebe… koste es was es wolle!

Die Falle….

Ich werde alles tun…

Ich ergebe mich dir vollkommen…

Ich gehöre Dir…

Liebe mich!

„Los, schlag mich!“, bitte ich ihn. „Ich weiß, dass dir das gefällt! Ich sehe es in Deinen Augen, du schenkst mir so ein wunderschönes Feuerwerk, und ich will dir dafür danken.“

Er verharrt an Ort und Stelle und schaut mich mit einem seltsam abschätzendem Blick an. Ich spüre, dass er mir nicht glaubt. Die Worte einer Verstoßenen, er nimmt sie nicht ernst. Es macht mich wütend und traurig zu gleich. Der Preis für das, was ich von ihm will ist hoch, vielleicht sogar zu hoch. Aber die plötzliche Gier nach diesen warmen weichen Händen und dem Leben was in ihnen fließt, ist größer. Ich will, dass sie mich berühren… ich will, dass sie mich wollen… JETZT! Ich packe ihn fest an den Schultern und stelle mich vor ihn. Entschlossen umschließe ich seine Kehle und wiederhole meine Bitte… nein, ich bettel: „Schlag mich! Tritt mich mit Füßen! Spuck mich an! Benutze mich! Behandle mich so wie du mich behandeln möchtest, damit du mich willst! Du musst mich einfach wollen, ich bin das Stück Dreck, nachdem du dich so verzehrst! Du willst mein Leid? Ich will deine schmerzhafte Liebe. BITTE LIEBE MICH!“

Ich schaue ihn an, er schaut mich an. Die Lichter des Feuerwerks funkeln jetzt wahrhaftig noch heller und noch lebendiger in seinen Augen. Ich weiß, gleich wird es passieren, gleich würde er eins mit mir werden, ich würde seine Lebendigkeit spüren, er würde mich lieben und ich würde mich dafür bedanken…mit vollkommener Erniedrigung!

Seine Hände schießen plötzlich in mein Gesicht und bewegen sich langsam um meinen Hinterkopf. Sie sind plötzlich so kalt und steinern. Ich will noch etwas sagen, aber ich kann nicht. Seine Augen, sein Grinsen, seine Hände…ich bin zu überwältigt um auch nur einen Ton heraus bringen zu können. Ich neige meinen Kopf zur Seite und schmiege mich zärtlich an seine rechte Hand. Ich versuche sie zu küssen, will ihm damit zeigen, dass ich bereit bin seine Lebendigkeit, die Liebe zu empfangen.

Ich werde alles tun…

Ich ergebe mich dir vollkommen…

Ich gehöre Dir…

Liebe mich!

Plötzlich spüre ich, wie mein Kopf unter dem langsam wachsenden Druck seiner Hände zu glühen anfängt. Mein Herz beginnt zu rasen und ich hörte jeden Schlag in meinen Ohren. Ich weiß, es war wieder da. Das Fieber, diese unerträglich hohe Temperatur, die mein Blut zum kochen bringt und all meine Glieder durch diese plötzliche Hitze fast verbrennen lässt.

Das Fieber… die Angst… die immer dann ausbricht, wenn ein Lebendiger mir ein Feuerwerk schenkt…ein dumpfer Schlag… es tut gar nicht weh… so viele Sterne vor meinen Augen…sie sind alle für mich…Danke!

Der Hustenreiz

Ein Husten, das unwillkürliche explosionsartige Ausstoßen von Luft, die natürliche Reaktion des Körpers, um die Atemwege von Substanzen zu reinigen, die diese belegen oder verengen könnten – so in etwa lautet die genauere Definition – kann sich wahrhaftig zu einem waschechten Problem entwickeln, wenn man es zu lange unterdrückt. Diese unliebsame Erkenntnis erlangte ich in dem Augenblick, als das stetige Kribbeln in meinem Hals, sich plötzlich in ein forderndes Kratzen verwandelte. Es war wie, als hätte eine Substanz bewaffnet mit einer Nagelwalze – so kam es mir jedenfalls vor – sich in meinem Rachenraum niedergelassen, um ein Gefühl auf die Spitze zu treiben, das schon seit dem ich den Saal betreten hatte, mein ständiger Begleiter war.

Das anfängliche Unbehagen, was dem Begriff Lampenfieber wahrscheinlich sehr nahe kam, hatte sich in eine unerträgliche Anspannung verwandelt, die meinen Körper so verkrampfen ließ, dass es in sämtlichen Muskeln schmerzte. Selbst meine Füße, die mir bis vor wenigen Minuten noch als wippendes Druckablassventil über meine Nervosität hinweg geholfen hatten, waren in meinen neuen Schuhen (die ich mir extra für diesen Anlass gekauft hatte) zu zwei leblosen dicht aneinanderklebenden Kloben erstarrt. Doch es war nicht allein die Sorge einem unkontrollierten Hustenanfall zum Opfer zu fallen, dass ich mich plötzlich so unwohl fühlte. Es lag auch nicht an diesem wuchtigen Pult, an dem ich saß und mir dabei fast wie ein Winzling am Schreibtisch von Rübezahl vorkam. Es lag auch nicht an dieser grellen Tischleuchte, die seit etlicher Zeit und in einem ziemlich ungünstigen Winkel meinem Gesicht entgegen glühte. Und es war auch nicht dieser unbequeme Stuhl, der sich unter meinem Gesäß wie ein kalter Stahlklotz anfühlte und der mich deshalb auch immer wieder dazu zwang meine Sitzposition in eine Erträglichere zu ändern. (Nebenbei bemerkt: Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, wie viele einzelne Stellen eines menschlichen Hinterteils, allein nur durch das Sitzen auf einem harten Stuhl zu schmerzen beginnen konnten.) Nein, es war auch nicht das aufgeschlagene Buch, aus dem ich gerade vorlas – der eigentliche Grund, warum sich meine Kehle wie eine trockene Wüste anfühlte und mich deshalb auch buchstäblich nach dem Glas Wasser zu meiner Rechten verzehrte. Das eigentliche Problem befand sich auf der anderen Seite des Raumes. Es saß mir geradewegs gegenüber, auf Stühlen verteilt, in einem Halbkreis um meinen Tisch angeordnet und es beobachtete mich mit stechenden Blicken.

Es gibt doch keine persönlichere Art und Weise sein eigenes Buch zu bewerben, indem man es live der Öffentlichkeit präsentiert und es wäre doch toll, wenn du damit in deinem eigenen Wohnort anfangen könntest, so hatte Johanna Rosenbaum es gesagt und es war auch das einzige Argument, dass mich überzeugen konnte, mich an einem Freitagabend in einen Raum des Lanzenberger Gemeindehauses zu setzen und der Dorfgemeinschaft einen Abschnitt aus meinem Buch vorzutragen. Blütenstaub, so lautete der Titel dieser Komödie, in der es um die scherzhafte Darstellung der größten menschlichen Schwäche, um die Liebe, ging. Es war mein erstes veröffentlichtes Buch und somit auch meine erste Lesung vor Publikum. Und so wie ich mich in diesem Augenblick fühlte, war ich mir ziemlich sicher, dass es auch meine Letzte gewesen sein würde. Irgendetwas stimmte nicht. Die Menschen in diesem Saal, hatten etwas an sich, was ich noch nicht richtig definieren konnte. Es war noch zu fadenscheinig, um es in Worte fassen zu können. Aber mit jeder weiteren Sekunde, die ich zusammen mit diesen Leuten in diesem Raum verbringen musste, stieg meine Befürchtung, dass es nichts Gutes war. Das war beunruhigend. Nein, mehr als das, es macht mir Angst. Dieses plötzliche Rampenlicht machte mir Angst und ich wünschte mir auf einmal nichts Sehnlichster, als die Zeit zurück, als noch niemand etwas von meiner heimlichen Leidenschaft geahnt hatte. Die Zeit, in der es noch niemanden interessierte, dass ich dafür manchmal tagelang das Haus nicht verließ, nicht ans Telefon ging und eigentlich nur noch auf dem Klingelschild meines Hauses existierte. Nicht mehr existent für die reale Welt zu sein, niemanden sehen und hören zu müssen, von niemanden gesehen und gehört zu werden, das waren die optimalen Verhältnisse, um im Verborgenen das tun zu, was man eben nur dann tun konnte, wenn man alleine war.

Ein Teenager, dessen Eltern erstmals ohne ihn über das Wochenende in den Harz fuhren, würde diese optimalen Verhältnisse vielleicht nutzen, um zwei Tage lang die Anarchie ausbrechen zu lassen. Er würde sämtliche Regeln brechen, die fettige Pizza mit den Fingern essen, ohne diese vorher gewaschen zu haben. Er würde dabei die Füße auf den Tisch legen, den Teppichboden vollkrümeln, und abends den Fernseher weitaus länger als zweiundzwanzig Uhr laufen lassen. Vielleicht würde er auch mit Mamas teurer Porzellanente im Arm zu Billy Talent abrocken, während er ihre strafenden Blicke auf den Familienfotos an der Wand verhöhnte. Vielleicht würde er im Anschluss noch ins Elternschlafzimmer gehen, um sich Papas schlecht versteckte Playboyhefte anzusehen. Egal was er auch in dieser Zeit tat, er würde diese kurzzeitige Gesetzlosigkeit ausnutzen, um all das zu tun, was verboten war, oder sich auch nur verboten anfühlte und er würde helle Freude daran haben.

Auch ich hatte helle Freude daran, wenn ich in meinem Arbeitszimmer das tat, was ich eigentlich immer tat, wenn ich alleine war, und seit dem ich wieder in Lanzenberg wohnte, war ich oft alleine. Das Resultat dieses Alleinseins war grundsätzlich nichts Verbotenes, das wusste ich, aber es war dennoch etwas, was ich lieber im Verborgenen halten wollte. Vielleicht, weil es sich manchmal doch verboten anfühlte, wenn ich mich voll und ganz meinen Gedanken und Vorstellungskräften hingab? Ich war eine erwachsene Frau, mittlerweile schon Anfang dreißig, das war nicht gerade ein Alter, in dem man sich üblicherweise in Fanatsiewelten bewegte, die manchmal fern ab jeglicher Realität waren. Aber ich tat es dennoch und ich schrieb Geschichten darüber. Ich konnte gar nicht anders, es war wie eine Sucht. Eine Art Gut-Fühl-Dämon, der mich beherrschte und meine Sinne betäubte, wenn ich in eine andere und viel bessere Welt eintauchte, in der Kummer und Leid ebenso wenig Platz hatten, wie Ängste und Schicksalsschläge. Der alltägliche Horror, er wurde in meiner Welt einfach zu Metaphern des Ulks, und er verlor für mich somit auf sanfte Weise seine grauenhafte Bedeutung. Und dieses Blendwerk meiner Fantasie in Form von humorvollen Geschichten niederzuschreiben, das war meine Form der Anarchie, die ich während dieser optimalen Verhältnisse auslebte und von der vorher niemand auch nur annähernd etwas geahnt hatte. Und ich bin mir sicher, dass es auch noch lange so geblieben wäre, wenn Johanna Rosenbaum nicht vor weniger als sechs Monaten, mich während einer dieser optimalen Phasen gestört und durch einen dummen Zufall an das Manuskript von Blütenstaub gelangt wäre.

Johanna Rosenbaum, die leidenschaftliche Endfünfziger-Floristin und Besitzerin des Lanzenberger Blumengeschäftes, stand eines abends unerwarteterweise vor meiner Haustüre und wollte nur mal auf einen Tee vorbeischauen, so jedenfalls hatte sie es damals gesagt und dabei ihr übliches frömmlerisches Lächeln aufgelegt. Aber ich wusste, dass wenn Johanna nur mal auf einen Tee vorbeischauen wollte, sie entweder wieder einen Streit mit ihrem Mann hatte, oder in Lanzenberg irgendetwas Spektakuläres geschehen sein musste, das nicht bis zum nächsten Tag warten und auch nicht per Telefon besprochen werden konnte. Aber diesmal hatte es keinen Streit mit Ludwig gegeben, was schon ein kleines Wunder war. Nein, Johannas Anliegen war diesmal wieder einer dieser umgestürzten Lanzenberger Reissäcke. Der sprichwörtliche „umgefallene Sack Reis“, also ein Ereignis, für das sich gewöhnlich niemand auf der großen weiten Welt interessierte, bedeutete hier in dieser ländlichen Gegend aber entweder eine riesige Sensation, oder ein waschechter Skandal. Wobei es letztendlich aber dann doch immer irgendwie beides war. Und gleich, nachdem ich Johanna die erste Tasse Tee eingeschenkt hatte, brach sie auch sofort mit ihren Neuigkeiten los.

Ich wusste nicht, warum Johanna sich so echauffierte, weil eine gewisse Eva Fendler aus der Neumannstraße schon wieder schwanger war. Vielleicht lag es daran, dass Johanna noch zu der Generation gehörte, die es fast schon als Straftat ansahen, wenn man im unverheirateten Zustand Kinder zeugte. Vielleicht hatte es auch etwas damit zu tun, dass diese besagte Eva Fendler mal ein Techtelmechtel mit ihrem Sohn Thomas hatte. Was immer sie auch an Eva Fendlers erneuter Schwangerschaft auszusetzen hatte, es wurde mit einem Mal vollkommen unwichtig, als Johanna plötzlich das mit Wollfäden zusammengehaltene Bund Blätter aus dem Stapel Rätselzeitschriften und Illustrierte zog, den ich für den nächsten Gang zur Mülltonne zurechtgelegt hatte. Mein Gefühl war in diesem Augenblick wie eingefroren. Ein kurzzeitiger Schockzustand, sowie er meist dann auftrat, wenn man überraschend mit einem Beweisstück einer vertuschten Schandtat konfrontiert wurde. Eben ein solcher, der neben plötzlichen Schweißausbrüchen häufig auch den üblichen Ich kann das erklären! Satz mit sich brachte. Aber ich wollte es gar nicht erst so weit kommen lassen, ihr irgendetwas erklären zu müssen.

Ich hatte Blütenstaub damals wenige Tage zuvor beendet, befand die Geschichte letztendlich aber für so schlecht, dass ich die ganze Story einfach ins Altpapier beförderte. Natürlich war es nicht gerade der Platz, an dem meine fertigen Geschichten üblicherweise landeten. Und hin und wieder hatte ich schon darüber nachgedacht den Schritt zu wagen und ein fertiggestelltes Manuskript an einen entsprechenden Verlag zu senden. Dieser Gedanke kam meist dann, wenn ich nach Wochen, oder Monaten endlich ein Ende unter eine Geschichte geschrieben hatte und ich mir im Anschluss die Wofür? Frage stellte. Aber es war immer wieder dieser Zwiespalt, der mir zum einen sagte, dass meine Geschichten gar nicht so schlecht seien und vielleicht wirklich eine Chance bestünde, dass sie abgedruckt werden könnten. Aber zum anderen gab es da noch diesen Selbstzweifel, der immer wieder mit ein und demselben Gedanken siegte: die Vorstellung, wie ein Lektor eines Verlages die erste Seite überfliegt, seufzend einen Schluck aus seiner Kaffeetasse nimmt und sagt: Mann, selten so eine Scheiße gelesen! Und dann würde er das Manuskript wieder schließen, sich nochmals den Namen des Verfassers anschauen und sagen: Lisa Sander, aus Lanzenberg. Sieh es ein, du bist und bleibst unfähig! Dein Name wird niemals bekannter werden, als die der gescheiterten Kandidaten einer Talentshow.

Damit war der Ofen dann auch schon wieder aus. Die Wozu? Frage wich einer großen schweren Eichentruhe. Dieses Familienerbstück war eine Art heiliger Schrein, in dem all meine Niederschriften letztendlich ihr wahres Ende fanden. Ausgenommen Blütenstaub, diese Geschichte hatte in meinen Augen noch nicht einmal die kostbare Truhe verdient. Warum musste Johanna auch gerade diesen Schund in die Finger kriegen? In meinem ersten Entsetzten hatte ich einfach versucht ihr das Skript aus der Hand zu reißen, stellte währenddessen aber fest, dass ich mir dabei nicht sehr viel Mühe gab. Es war wie, als würde irgendein Teil von mir plötzlich wollen, dass Johanna diese Geschichte las, aber genau dieser Teil wollte das dann auch wieder nicht. Es war wieder diese Mischung aus Stolz und Schüchternheit. Wobei bei dieser Geschichte die Schüchternheit den Stolz bei weitem überragte, denn ich war nicht wirklich stolz auf diese Liebesgeschichte, in der eine junge Frau das Verliebtsein eher wie eine ernsthafte Psychose erlebte, die am Ende fast schon an Schizophrenie grenzte. Ich fand die Idee, einer von Gefühlen geplagten Frau inneren Stimmen zu geben, die ich zum einen Goodgirl und zum anderen Badgirl getauft hatte, nicht nur abgedroschen, sondern auch ziemlich…schrecklich. Ich wollte humoristisch schreiben, vielleicht war mir das auch in Blütenstaub gelungen, aber dennoch hatte ich während dem Schreiben kein gutes Gefühl gehabt. Der Gut-Fühl-Dämon wich mit jeder weiteren Seite, die ich schrieb und am Ende hatte sich meine Form der Anarchie nicht nur verboten, sondern sogar richtig falsch angefühlt.

Johanna hatte meinen halbherzigen Kampf um diesen Schund schnell gewonnen und somit diese scheinbar nahezu unglaubliche Entdeckung an sich gerissen. Und völlig unbeeindruckt von meinen Einwänden, die eher einem zusammenhangslosen Gestammel wie: Nee, bitte nicht…lass das…wolltest Du nicht noch einen Tee?, hatte Johanna bereits schon die erste Seite aufgeschlagen und zu lesen begonnen. Eine unerträgliche Situation, die mich fast dazu gebracht hätte, fluchtartig den Raum zu verlassen. Ich wollte nicht den gefürchteten Lektoren Gesichtsausdruck in Johannas Gesicht sehen müssen. Johanna war keine besonders gute Schauspielerin. Sie gehörte zu der Sorte Mensch, die ohne es zu wollen, ihren Unmut über die Körpersprache zum Ausdruck brachten. Und wenn Johannas Körper Beanstandungen aussprach, dann tat er es mit jedem einzelnen Teil.

Aber ich blieb. Ich rechnete zwar mit dem Schlimmsten, aber ich blieb dennoch sitzen und nahm mir einfach vor es mit Fassung zu tragen. Ich würde Johannas Kritik hinnehmen und diese dann mitsamt dem Schund einfach in die Tonne kloppen. Ja, das hatte ich mir vorgenommen. Und dann, irgendwann nach unerträglich langen Minuten, hatte Johanna plötzlich aufgesehen und mich mit offenem Mund und Augen angestarrt. Lisa Sander schreibt Geschichten und ich weiß nichts davon? , hatte sie gesagt. Und während sie das sagte, hatte es den Anschein, als versuche sie meine ganze Persönlichkeit neu zu definieren. Es schwebten plötzlich viele stumme Fragen im Raum, und es lag dieser So kenne ich dich gar nicht! Ausdruck in ihren Augen. Und auch wenn ich zunächst nicht verstanden hatte warum ich es tat, aber ich hatte diesen ganz speziellen Ausdruck genossen. Ich hatte ihn genossen, weil er nichts Abwertendes hatte. Im Gegenteil, Johanna schien begeistert und als sie schließlich sagte: Lisa Schätzchen, das ist richtig gut! hatte die Wozu? Frage plötzlich eine ganz neue Bedeutung für mich bekommen. Ich hatte eine Geschichte geschrieben – wenn auch in meinen Augen eine ziemlich Schlechte – deren Anfang schon mal einer Johanna Rosenbaum gefiel. Das war gut. Nein, das war sogar überwältigend und sehr viel angenehmer, als dieser niederschmetternde Lektorengedanke.

Darf ich es mitnehmen?, hatte Johanna später gefragt und als ich ihr mit einem gleichgültigen Mach doch damit, was du willst! zustimmte, hatte ich noch nicht einmal annähernd geahnt, dass Johanna mich Tage später mit ihrem plötzlichen Enthusiasmus dazu brachte, ein überzeugendes Exposé zu Blütenstaub zu schreiben und es schließlich dem deutschen Schriftstellerband zur Verfügung zu stellen. Sechs Monate lang tat sich nichts, und ich hatte diese Geschichte schon fast vergessen, als plötzlich dieser Brief eines Kleinverlages ins Haus flatterte. Und dieser Brief brachte mir nicht nur große Verblüffung, sondern auch gleich meinen ersten Autorenvertrag, inklusive Tantiemen. Die Auflage war nicht besonders hoch gewesen, aber immerhin so hoch, dass mindestens die Hälfte der Menschen, die sich an diesem Freitagabend im Gemeindehaus eingefunden hatten, ein solches Exemplar auf ihrem Schoß liegen hatten. Auch daran war Johanna nicht ganz unschuldig gewesen, denn immerhin hatte sie genug Exemplare davon in ihrem Blumengeschäft ausgelegt und mich nach einer erstaunlich kurzen Zeit bereits schon um Nachschub gebeten. In Leuten Dinge aufschwatzen, war Johanna scheinbar wirklich unschlagbar gewesen, denn immerhin hatte sie es sogar noch geschafft Eckart Wehmeier, dem Inhaber des einzigen Lanzenberger Lebensmittelgeschäftes, dazu zu bringen Blütenstaub auch an seiner Kasse auszulegen.

Und dieses bescheuerte Buch, mit dem bescheuerten rosafarbenen Einband und mit dieser noch bescheuerteren abgebildeten Rose vorn auf dem Cover, nun in den Händen, oder auf dem Schoß liegend, oder aus Taschen blitzend zu sehen, das war ein Anblick, mit dem ich mehr zu kämpfen hatte, als mit der eigentlichen Tatsache, für Marketing Zwecke in der Öffentlichkeit aus genau diesem Buch vorzulesen zu müssen. Ich hatte ein Buch geschrieben und die Menschen in diesem Raum hatten es gekauft. Und es war anzunehmen, dass sie es auch gelesen hatten. Es fühlte sich so unwirklich und so fremd an. Das grenzte nicht nur an Bloßstellung, sondern war zugleich auch irgendwie unheimlich. Und genau dieses Unheimliche schien sich an diesem Abend zu einem großen unguten Etwas zusammenzubrauen, denn diese stechende Aufmerksamkeit brannte plötzlich wie Feuer auf meiner Seele. Das, was sich zuvor noch zu unwirklich anfühlte, um es beschreiben zu können, bekam langsam eine dünne Silhouette. Es war fast greifbar, aber ich scheute es, sie zu berühren. Es war bedrohlich. Und dieses Kratzen im Hals, versetzte dieser Bedrohung einen unaufhaltsamen Countdown.

Wer unsicher ist, macht Fehler und wer Fehler macht, kann sehr schnell zum Gespött einer ganzen Nation werden! Ich hatte keine Ahnung, woher diese Gewissheit auf einmal kam, und ich hätte in diesem Augenblick auch gern auf sie verzichtet. Aber sie war da, und sie ließ sich auch so ohne weiteres nicht wieder verdrängen, denn ich fühlte mich wahrhaftig unsicher. Das Problem lag immer noch auf der anderen Seite des Raumes. Dort, wo diese Stühle im Halbkreis aufgereiht waren. Ein Anblick, der mich schon seit dem ich den Saal betreten hatte, an ein höhnisches Grinsen erinnerte. Ich hatte versucht es zu ignorieren, aber es war dennoch da. Das Grinsen einer Lanzenberger Nation, in dem ich immer wieder diese vielen spitzfindigen Spottzähne aufblitzen sehen konnte. Spottzähne, die so verdammt gefährlich werden konnten, wenn sie nach einem schnappten. Und die Lanzenberger Dorfgemeinschaft war besonders geübt im Schnappen, das wusste ich. Ich hatte es damals oft genug erlebt. Vielleicht schon zu oft, als dass ich mir ihrer Gefährlichkeit nicht mehr bewusst gewesen wäre. Und auch, wenn ich ihnen bis zuletzt fünfzehn Jahre lang den Rücken gekehrt hatte, wußten sie immer noch, wer ich war.

Und wer war ich?

Ich war Lisa Sander, das Endergebnis einer Liebesnacht von Erwin Sander, dem Lanzenberger Bankchef und Maria Sander, einer Lehrerin. So ausgedrückt klang es harmlos, fast schon etwas zu gewöhnlich. Obwohl der Beruf eines Bankers nie wirklich gewöhnlich sein konnte, denn immerhin gehörte er zu den Berufen Deutschlands, die ein hohes Ansehen in der Gesellschaft erlangten. In Lanzenberg war das zumindest der Fall gewesen. Da war das Beamtendasein meiner Mutter schon etwas gewöhnlicher, auch wenn die Lehre von Mathematik und Naturwissenschaften für viele nicht weniger ansehnlich gewesen war. Gewöhnlich oder nicht, es war ohnehin nur ein einladendes Blendwerk sich als „Tochter von und zu“ vorzustellen, denn das hatte meist zu Folge, dass die Menschen ganz automatisch der Meinung waren, dass man allein vom genetischen Aspekt her genau so ansehnlich war wie seine Eltern. Für gewöhnlich war das bestimmt auch der Fall, doch manchmal verbarg sich hinter solch ansehnlichen Konstellationen eine Wahrheit, die dann doch etwas anders klang. Vielleicht klang sie sogar so, wie meine Eltern es damals immer stumm getan haben, wenn sie mich irgendwo vorgestellt hatten?

„Das ist Lisa! Nein, sie ist nicht unsere Tochter. Um Gottes willen, nein! Das kann allein vom genetischen Aspekt her schon nicht der Fall sein. Wissen sie, sie ist nämlich unfähig. Das bedeutet, dass sie nicht fähig ist, ihr Denken und Handeln unter Kontrolle zu halten. Eigentlich ist sie noch nicht mal fähig überhaupt irgendetwas richtig zu machen. Keine Ahnung, woher sie gekommen ist. Vielleicht ist sie in der Klinik vertauscht worden, oder vielleicht hat Satan uns sie auch geschickt. Aber was soll man machen? Shit happens! Lisa, sag wenigstens H-a-l-l-o zu dem netten Onkel!“

Ja, so in etwa hätte die Wahrheit damals klingen können, wenn meine Eltern sie jemals laut ausgesprochen hätten. Aber auch wenn sie diese Wahrheit lieber im Verborgenen halten wollten – jedenfalls haben sie es des guten Rufes Willen immer wieder versucht – war es genau das, was immer wieder Teil der Lanzenberger Dorfgespräche gewesen war. Gespräche, die man natürlich immer nur hinter hervorgehaltener Hand führte. Aber genau das war der versteckte Beweis, dass man die Wahrheit auf Dauer nicht mehr verbergen konnte. Nicht in solch einem hellhörigen kleinen Dorf, in dem stets aus einem harmlosen Sack Reis gleich ein komplett verdorbenes Reisfeld gemacht wurde. Nicht wenn man irgendwann zur Schule gehen musste und – ob man es wollte, oder nicht – immer wieder auf Menschen traf, die es förmlich darauf angelegt hatten die Wahrheit aus einem herauszuquetschen.

Geistig unfähig zu sein, also nicht fähig zu sein sich, sein Denken und Handeln unter Kontrolle zu halten. Nicht fähig zu sein, überhaupt irgend etwas richtig zu machen, diese Plakette klebte auch noch nach fünfzehn Jahren an mir wie eine Tätowierung, die sich einfach nicht mehr entfernen ließ, das spürte ich. Es war wie dieses unveränderliche Kennzeichen, sowie es oft in diesen „Meine Schulfreunde“ Büchern erfragt wurde und dort immer so Dinge standen wie: Narbe an der Stirn, Muttermal am Unterarm, oder das schrillste Kichern aller Zeiten. Mein unveränderliches Kennzeichen aber war schlicht weg, eine unfähige Sander Tochter zu sein. Und ich wusste, dass die Lanzenberger auch jetzt wieder genau dieses Kennzeichen im Visier hatten. Ich konnte diese bohrenden Blicke fühlen. Blicke, die ich mir in diesem Moment nicht vorzustellen wagte, es aber dennoch tat, weil ein Teil meines Hirns mich dazu brachte. In Gedanken sah ich schon, wie all diese Menschen in diesem Raum siegessicher ihre Arme verschränken, dabei ihre Köpfe dem nächsten Nachbarn zuwandten, um sich gegenseitig darauf vorbereiteten, dass ich den Kampf gegen das Unvermeidliche bald verlieren würde. Ich konnte sie hören, ihre Stimmen, ihre Gedanken und plötzlich flüsterte es aus allen Ecken: Seht ihr, gleich ist sie so weit! Gleich wird sie zugeben müssen, dass sie noch nicht einmal imstande ist, die natürlichen Reaktionen des Körpers unter Kontrolle zu halten! Wir wussten es schon immer! Lisa Sander aus Lanzenberg, ist und bleibt unfähig!

Mit dem Gedanken tat sich plötzlich das Gefühl in mir auf, als wäre der ganze Saal schlagartig voll mit fremden Substanzen und meine Kehle fühlte sich jetzt noch viel schlimmer als eine staubige Wüste an. Hitze stieg mir in den Kopf, und diese kam diesmal nicht von der Lampe. Ich spürte, wie sich kleine Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten und ich ahnte, dass diese nicht lange darauf warten würden, sich ihren Weg durch mein Make-up zu bahnen, um schließlich als schmierige braune Tropfen von meiner Nase zu hüpfen. Sie würden sich dann entweder auf meiner weißen Bluse, oder der hellen Hose ausbreiten und ziemlich unschöne Flecken hinterlassen. Ich schluckte verzweifelt und als ich das tat, schien sich mein Hals dadurch nur noch mehr zu verengen. Meine Finger begannen zu zittern und als ich erschrocken feststellte, dass dieses Buch in meinen Händen es ebenfalls tat, war es wie, als würden sämtliche für Reaktionen verantwortlichen Systeme außer Kontrolle geraten. Wieder hörte ich ihr Flüstern: Seht ihr, gleich ist sie so weit!

Reiß dich verdammt nochmal zusammen, befahl plötzlich eine Stimme irgendwo in meinem Kopf. Spott und Hohn, ist ihre einzig wirksamste Waffe gegen dich. Du weißt doch, wie das läuft. Sie trampeln dich so nieder, dass am Ende nichts weiter von dir übrig bleibt, als ein kläglicher Haufen Dreck. Ein Haufen staubiger Dreck, auf glühendem Asphalt….erinnerst du dich nicht? Bei diesem Gedanken versagte plötzlich meine Stimme und ging in ein leises Krächzen über. Räuspern!, dachte ich und geriet in Panik. Räuspern, oder Wasser trinken! Aber ich konnte weder das eine, noch das andere tun.

…erinnerst du dich nicht?

Doch natürlich erinnerte ich mich und das war auch der Grund, warum das Glas Wasser zu meiner Rechten immer mehr in unendlich weite Ferne rückte. Diese verdammte Erinnerung, brachte mir plötzlich nicht nur den staubigen Geschmack von trockenem Asphalt, sondern auch gleich diese brennende Hitze, die von solch einem Straßenbelag ausgehen konnte, wenn er nur lange genug einer heißen Juni Sonne ausgesetzt war. Eine glühende Herdplatte aus Teer…eine ziemlich große glühende Herdplatte…eine Herdplatte, auf der man sogar…

Schluss damit! , zischte ich lautlos und zwang mich somit gewaltsam zur Ruhe. Aus dem Augenwinkel sah ich das Glas und auch, wie es mir mit seinem kostbaren Inhalt entgegen glitzerte. Irrsinnigerweise musste ich in diesem Augenblick an einen Malwettbewerb denken, den einst irgendeine Umweltorganisation für Kinder von 7 bis 12 ins Leben gerufen hatte. Wasser ist Leben, so lautete damals das Thema und hätte ich gewusst, dass ich Jahrzehnte später hier sitzen und mich wahrhaftig so fühlen würde, als hänge mein ganzes Leben von diesem Element ab, dann hätte ich mir damals mit Sicherheit mehr Mühe gegeben und dafür gesorgt, dass ich wenigstens unter die ersten zwanzig gekommen wäre. Aber Malen und Zeichnen war noch nie mein Ding gewesen, genauso wenig wie heißer staubiger Asphalt mein Ding war und zum Gespött einer Lanzenberger Nation zu werden schon gar nicht. Und deshalb bedeutete das Wasser neben mir auch plötzlich nicht mehr Leben, es bedeutete nasses Überleben. Und ich wusste, wenn ich das hier überleben wollte, dann musste ich dieses verdammte Wasser trinken, koste es was es wolle…und es wird dich eine Menge Punkte auf der Fähigkeitsskala kosten, Lisa! Alle Menschen in diesem Raum würden es sehen, wenn du auch nur versuchen würdest, dich diesem Überlebenselixier zu nähern. In diesem Augenblick verpuffte mein koste es was es wolle Gedanke wie…wie ein Tropfen Wasser auf heißen Asphalt…und es mir blieb nur noch diese andere, vielleicht sogar die einfachste Möglichkeit diesen Dreck in meinem Rachenraum mit einem Male dorthin zu befördern, wo er hingehörte.

Aber war das wirklich die Lösung?

Konnte man einen drohenden Hustenanfall mit einem kleinen, vielleicht sogar fast lautlosen Räuspern abwenden? Natürlich wußte ich, dass das möglich war und ich hätte mich in diesem Augenblick gerne selbst für diesen unnötigen Zweifel geohrfeigt, denn er brachte mir nicht nur einen weiteren Schweißausbruch, sondern auch gleich wieder diese verhasste Was wäre, wenn? Frage. Was wäre, wenn…ich gerade durch dieses Räuspern, erst recht einen unkontrollierbaren Hustenanfall heraufbeschwören würde? Vielleicht sogar einer von der Sorte, den man hierzulande als erste Sahne bezeichnete? Etwa ein solcher, der den Kopf von null auf hundert in Puterrot verwandelte, und der Stimmbänder und Zäpfchen so miteinander verkrampfen ließ, dass aus dem Mund nur noch eine Art Gebell ertönte? Ja, und wenn diese Phase dann überstanden war, dann würde man obendrein noch dem Antlitz eines Fisches auf dem Trockenen gleichen, der mit weit aufgerissenen Augen nach Sauerstoff rang. Wer weiß, vielleicht würde man im Anschluss auch noch ersticken? Ersticken, an einer nicht sichtbaren Substanz, die ihre Atemwege nicht nur belegte, sondern am Ende auch noch gleich ganz vernichten würde? Konnte man aus Angst, dass man zum Gespött einer ganzen Nation werden könnte, ersticken?

Verdammte Scheiße, ich muss doch nur husten, dachte ich gequält. Es waren nur noch fünf Seiten, bis zum Ende. Fünf lange Seiten, die mir wahrscheinlich noch die Hölle auf Erden bescheren könnten, wenn nicht bald ein Wunder geschah. Und während ich mit meiner malträtierte Stimme, die sich nur noch irgendwo zwischen einem beklemmten Schlucken und Einatmen aufrecht halten konnte, weiter aus Kapitel 3 vorlas, schwand meine Hoffnung auf Wunder mit jedem weiteren Wort.

„Egal, was er jetzt auch tun wird, ich werde es hinnehmen“, dachte Jill mit Unterstützung von Goodgirl und drückte mit zittrigen Fingern auf die Klingel. Aber Badgirl rächte sich prompt für diese Entschlossenheit und rief: „Stop! Wenn du es in Würde hinnehmen willst, solltest du dich nochmal vergewissern, ob die Frisur sitzt, der Hosenstall geschlossen, und auch kein Klopapier unter deinem Schuh klebt. Ist ja nicht so, als sei dir das noch nie passiert, gell? Auch solltest du überprüfen, ob sich in deinem Gesicht nicht etwas befindet, was da nicht hingehört…und ich finde, da gehört `ne ganze Menge nicht hin!“

Mit letzter Kraft hatte ich den letzten Satz ausgespuckt, bevor meine Stimme gänzlich versagte, weil meine Lunge sich nun endgültig verkrampfte und zum Husten ansetzte. Zu meiner eigenen Überraschung erfüllte genau in diesem Augenblick eine Lachsalve den Raum. Es hatte ein klein wenig gedauert, bis ich begriff, dass diese nicht mir, sondern Badgirl galt. Das Wunder war geschehen und ich glaube, ich habe noch nie ein Wunder mehr zu schätzen gewusst, als in diesem Augenblick. Meine Zuhörerschaft war abgelenkt und ich nutzte diese plötzliche und wohl auch einzige Chance, griff ohne weiter zu zögern nach dem Glas Wasser zu meiner Rechten und nahm einen hastigen Schluck. Das kühle Wasser fühlte sich wie Balsam an, als es mir den Rachen hinunter rann und der Wunsch nach mehr wurde fast unerträglich. Schnell nahm ich noch einen weiteren Schluck, um auch ganz sicher zu gehen, dass der letzte Abschnitt der Vorlesung ohne plötzlichen Hustenreiz, oder Stimmverlust von statten gehen konnte. Dann stellte ich das Glas schnell wieder zurück. Scheu hob ich den Kopf. Niemand schien etwas bemerkt zu haben. Das beruhigte mich ein wenig und brachte mir sogar den irrsinnigen, aber dennoch erheiternden Gedanken, was passieren würde, wenn das alarmierende Glucksen in meinem Magen, sich plötzlich zu einem unvermeidlichen Aufstoßen entwickeln würde. Was würde passieren, wenn man auch diese natürliche Reaktion unterdrückte? Was würde überhaupt passieren, wenn man sämtliche Körperöffnungen zum Luftablassen verschließen würde? Würde man vielleicht wie ein Luftballon zerplatzen?

Innerlich schien mein Witz kein Ende nehmen zu wollen und irgendwie hätte ich mir auch gewünscht, dass er niemals ein Ende nehmen würde. Doch die Realität holte mich unsanft wieder zurück, als ich sah, dass sich die amüsierte Stimmung inzwischen wieder in ein erwartungsvolles Schweigen verwandelt hatte. Ohne zu zögern, las ich weiter. Die alarmierenden Zuckungen im Rachenraum waren verschwunden, aber dennoch nutzte ich vorsichtshalber eine neue Schlucktechnik, damit meine Stimme auch bis zum Ende fließend blieb. Dann, etwa zehn Minuten später, war es endlich vorbei.

…oder fing es vielleicht danach erst richtig an?

Ich werde mir dazu noch etwas überlegen…

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