Der Psychopath und ich Teil III


(Foto: Lisa Spreckelmeyer / pixelio.de)

Ich kann es gerade selber nicht fassen, dass ich tatsächlich die ganze Geschichte hier erzähle. Aber ich glaube, dass genau diese Offenbarung ein wichtiger Schlüssel ist. Daher kommt die Fortsetzung dieser unglaublichen Geschichte (die zugegebener Maßen kaum zu glauben ist) noch vor Weihnachten … ein letzter Teil „Nach Tag X“ wird aber auch noch kommen. 🙂

Das Ganze, was jetzt kommt, ist weniger schlimm für mich, eher unglaublich peinlich, wie blind ich war. Zudem finde ich es äußerst faszinierend, wie sehr die eigenen Seele darum kämpft, nicht vollkommen in der Finsternis zu landen.

Oh Gott, ich bin ganz aufgeregt. Wir nähern uns dem 30. August 1999 – der Tag, der mein Leben grundlegend veränderte …

Kurz Vorweg: Ich muss in diesem folgendem Text ein bisschen zwischen Berichterstattung und Storymodus hin und her schwenken – dieses Erlebnis ist wirklich schwer in Worte zu fassen und ich möchte auch nicht mehr so tief in das Geschehen rein – das ist echt unerträglich.

Heute kann ich tatsächlich darüber schmunzeln. Erst recht, nachdem mir ein Psychiater mitfühlend auf die Schulter klopfte und sagte: „Frau Lahr, selbst der friedlichste Mensch auf Erden, kann ausrasten, wenn er dazu getrieben wird. Machen Sie sich keine Sorgen, alles wird gut.“

Es folgt jetzt:

(Auch hier bitte ich wieder um Nachsicht bezüglich des Schreibstils, vieles habe ich im Jahr 2000 geschrieben)

Der Psychopath und ich Teil III

Chronologie des Überschnappens

Ich bin`s wieder, der Thomas. Ich bin unterbrochen worden. Ich hasse es, wenn man mich unterbricht. Das ist respektlos.

Wo war ich stehen geblieben?

Ach ja …

Sie hat Tabletten geschluckt. Selbst dafür ist sie zu dumm.

„Lass mich sterben…“, hat sie gesagt.

Ich wollte einen Krankenwagen rufen, aber habe es nicht getan. Sie hätten zu viele Fragen gestellt und sie hätten sie in eine Psychiatrie eingewiesen. Dort hätten sie noch viel mehr Fragen gestellt… und sie von mir weggerissen.

Das konnte ich nicht zulassen …

Ich musste sie irgendwie zum Kotzen bringen …

Ich schüttete so viel Milch in sie rein, bis ihr Magen leer war. Dann legte ich sie ins Bett und hoffte, dass sie irgendwann wieder aufwachte und mir auf ewig dankbar sein würde.

War sie aber nicht …

Im Gegenteil …

Als sie am nächsten Tag wieder aufwachte, heulte sie sofort los und jammerte unentwegt, weil sie immer noch lebte. Sie schämte sich so sehr, dass sie lieber tot gewesen wäre. Sie konnte mir nicht mehr in die Augen sehen. Das passte gut, somit hatte ich einen triftigen Grund und auch die richtige Situation, um ihr mitzuteilen, dass ich mich von ihr trennen werde. Ich hatte schon vor Wochen jemand anderes kennen gelernt – nennen wir sie an dieser Stelle mal Saskia – sie war jung, blond, nicht besonders klug, schlank und trug gerne hochhackige Stiefel und Miniröcke. Ja, Saskia war eine Frau, die weiß, was Mann wünscht und sie himmelte mich an, im Bett war sie allerdings keine Leuchte.

„Das, was du getan hast, verzeihe ich dir nie, es ist Schluss!“, habe ich ihr gesagt.

Sie war reumütig wie noch nie. Sie hätte in diesem Moment alles für mich getan und flehte mich auf Knien an, dass ich sie nicht verlassen und nicht allein lassen sollte … nicht jetzt.

Nicht jetzt?

Wann dann?

Wenn sie noch mehr Mist baute und ich mit in die Verantwortung gezogen wurde?

Nein, das war mir zu heiß …

Ich erklärte ihr, dass ich auf so Psychotanten, wie sie, kein Bock mehr hatte und begann auch am gleichen Abend meine Sachen zu packen. Sie verfolgte mich dabei mit Blicken, die mich an einen getretenen Hund erinnerten. Zu verletzt, um dem Geschehen keine Bedeutung zu zuschustern, zu scheu um sich aufzulehnen. Dann griff ich nach dieser Tasche …

Es war eine Polizei Einsatztasche, mit Halter für Taschenlampe, Schlagstock und anderem Zubehör. Sie hatte sie sich extra für den Nachtdienst für viel Geld gekauft, interessierte mich aber in dem Fall nicht. Saskia würde es bestimmt imponieren, wenn ich mit dem Ding heute Nacht vor Ihrer Türe stehen würde.

„Das ist meine Tasche, die bleibt hier“, zischte sie und riss mir die Tasche aus der Hand. Dann kippte die gerade darin platzierten Klamotten wieder aus.

Mutig …

Sehr mutig …

Ich verstand nicht warum sie plötzlich diese Tasche zum Unum des Universums machte, statt mich weiterhin vom Gehen zu hindern. Aber sie verteidigte diese Tasche, ohne scheinbar die Konsequenzen zu fürchten. Das war sehr respektlos. Allerdings war ich mir ihrer Labilität schon bewusst, sodass ich es vermeiden wollte handgreiflich zu werden. Ein Entschluss, denn sie offenbar ausnutzen und überspannen wollte. Immer wieder entriss sie mir die Tasche und mir blieb irgendwann gar nichts anders übrig als ihr einen kurzen Schlag auf den Solarplexus zu verpassen. Sie wusste, wie man einen solchen Angriff abwehrte. Sie hatte es oft genug beim Wing Tsun Training geübt – selbst Schuld.

Der Schlag hatte gesessen. Japsend saß sie auf dem Boden und ließ mich gewähren. Das dachte ich zumindest. Nach dem ich die Tasche fertig gepackt hatte und in den Flur trat, erwartete sie mich bereist mit finsterer Mine. Ich war beeindruckt, so wütend, fast schon hasserfüllt hatte sie mich noch nie angesehen. Und das alles wegen dieser dämlichen Tasche?

„Vergiss es! Du kommst hier nicht raus, nicht mit dieser Tasche, das ist meine!“

Für einen kurzen Augenblick schaffte sie es echt mich sprachlos zu machen. Sie stand dort vor mir bewachte die Haustüre, in ihren Händen die große Maglite Taschenlampe. War das ihr kläglicher Versuch mich zu bedrohen?

„Wen willst du denn damit beeindrucken?!“ Ich lachte laut.

Irritiert und ängstlich verfolgte sie jeden meiner Schritte und zuckte zurück als ich einen Schritt auf sie zu trat.

„Na los, schlag zu!“, sagte ich lächelnd. „Na komm schon, ich tu dir auch nichts. Zieh mir dieses Ding über den Schädel und du wirst sehen, wie gut das manchmal tut.“

Ich sah ihr tief in die Augen. Sie füllten sich mit Tränen. Sie füllten sich mit jämmerlichen Feigheitstränen. Ich wusste, sie würde mich niemals mit diesem Ding schlagen, sie würde überhaupt niemals jemanden schlagen.

„Du bist so eine feige Sau und dumm wie zwei Meter Feldweg. Du kannst nichts, du bist nichts und ich bin froh, dass ich dich los bin.“

Ich schob sie unsanft beiseite, trat durch die Türe und verließ (mit der Tasche!) die Wohnung. Aus der Ferne hörte ich noch ein lautes Krachen. Die teure Maglite schien gegen die Wand geflogen zu sein. Die hat echt nicht mehr alle Latten am Zaun.

Zwei Tage später bekam ich einen Anruf von diesem Carsten. Er war ganz aufgeregt.

„Ich war heute bei ihr. Sie hat mir erzählt, dass du sie wegen der Sache mit den Tabletten verlassen hast. Thomas, ernsthaft?! Du hättest sofort den Krankenwagen rufen müssen!? Wie kann man nur so verantwortungslos sein? Was wäre, wenn sie drauf gegangen wäre? Sie braucht Hilfe, siehst du das denn nicht?! Ich hab ihr gesagt, dass wenn sie meine gewesen wäre, dann hätte ich sie sofort einweisen lassen!“

„Ja, mach doch?! Wenn du dich so um sie sorgst … Arschloch!“

Ich wunderte mich, dass Carsten sie besuchte. Und ich wunderte mich noch mehr, dass sie Carsten die Sache mit den Tabletten erzählt hatte. Es sollte doch niemand erfahren?

Knapp 4 Wochen vergingen.

Ich lebte bei Saskia und ich dachte, ich hätte bei ihr endlich meine Ruhe. Aber sie war auch nicht besser. Sie ging mir besonders mit ihrem Schönheitsgetue auf den Sack. Immer wieder wollte sie eine Bestätigung von mir, dass ich sie toll und sexy fand. Zum kotzen diese Weiber!

Meine Ex sah ich hin und wieder auf der Arbeit. Sie hatte in den letzten Wochen fast 10 Kilo abgenommen und sah echt schlecht und fertig aus. Sie erklärte, die Gewichtsabnahme käme vom Absetzen der Anti-Babypille. Sie sagte, ohne Freund könnte sie sich das Geld ja sparen. Später erfuhr ich allerdings, dass sie ihr ganze Geld, inklusive Miete verzockte, und oft kein Geld für Essen hatte. Sie ist so eine Hohlbirne! Allerdings ließ sie mich auch bei jeder Begegnung wissen, dass es ihr ohne mich deutlich besser ginge.
Was bildete sie sich eigentlich ein? Außer mir wird es keinen Mann geben, der es länger als vier Wochen mit ihr aushält. Ich war mir sicher, sie trauerte mir insgeheim noch immer noch hinterher. Was mich aber am meisten störte: es scharwenzelte ständig dieser Carsten um sie herum.

Ich musste mir hier dringend etwas einfallen lassen …

Was ich dann auch tat …

Ich habe sie heute getroffen und ihr von meiner Operation erzählt, die mich in ein paar Tagen erwartet, damit mein Rücken wieder in Ordnung kommt: die Ärzte im BWZK sagten, die Migräne sollte mit diesem kleinen Eingriff der Vergangenheit angehören – das stimmte. Allerdings habe ich ihr dann auch erzählt, dass die Ärzte bei der Voruntersuchung, Auffälligkeiten im Blut gefunden hätten. Metastasen. Der Blutkrebs der mich auch in meiner Kindheit verfolgt hat, ist wieder zurückgekehrt – das stimmte nicht.

„Ich habe nur noch knapp sechs Monate … sorry, dass du es so, zwischen Tür und Angel erfahren musst“, sagte ich und sah ihr direkt in die Augen. Sie hätten sie mal sehen sollen. Ihr ist die Farbe aus dem Gesicht gewichen.

„Du verarschst mich doch schon wieder …?!“, legte sie hoffnungsvoll hinterher.

„Spinnst du? Mit so etwas macht man keine Witze …!“

In diesem Augenblick konnte ich genau sehen, wie diese Nachricht sie wieder komplett aus der Bahn warf und sie wieder voll auf mich konzentriert war. Ich erklärte ihr, dass ich jetzt keinen Stress und keinen Ärger gebrauchen konnte und nur noch Frieden. Sie war bereit alles zu tun, was mir irgendwie helfen konnte. Und mir konnte so vieles Helfen. Insbesondere, dass sie wieder nach meiner Pfeife tanzte.

Mann, bin ich gut!

Und als ich irgendwann wieder mit meinen Klamotten – und IHRER Tasche vor ihrer Tür stand, und ihr sagte, wie sehr ich sie doch liebe und wie sehr sie mir gefehlt hat, war ich mir sicher, dass für sie der Himmel auf Erden gekommen war. Doch ihre Begeisterung hielt sich bei ihr in Grenzen. Sie stammelte rum, dass sie alles, was passiert war noch überhaupt nicht verarbeitet hatte. Sie fühle sich seit dem Geschehen im Wald so seltsam und zu wissen, dass ich bald sterben würde, machte sie nur noch fertiger.

Irgendwie süß, wie naiv sie ist …

Aber ich glaube, in Wahrheit wollte sie nur verbergen, was sie sich in den letzten Wochen für unglaubliche Fehltritte geleistet hatte. Für die sie eigentlich täglich eine Tracht Prügel verdient hätte. So viel Geld verspielt. Aber sie hatte inzwischen dazu gelernt. Sie schaffte es immer wieder rechtzeitig durch die Haustüre in den angrenzenden Wald zu fliehen und kam auch erst dann wieder, wenn ich mich beruhigt hatte. Manchmal fuhr ich ihr mit dem Geländewagen hinterher, meistens aber nicht.

Ich änderte meine Taktik. Als mir einmal Vorwürfe wegen Saskia machte, kettete ich sie mit meinen Handschellen – mit Doppelkette Chrom, stabile Ausführung – an einen Stuhl fest und wartete so lange, bis sie mich anflehte sie loszumachen. Sie hätten sie sehen müssen, als ich mit den Schlüsseln in der Tasche die Wohnung verließ und erst 30 Minuten später wieder kam. Ich fand`s lustig – sie nicht.

Ach, hatte ich erwähnt, dass Saskia und ich aber immer noch ein Paar waren? Ich erzählte ihr, dass ich meine Ex im Moment nicht alleine lassen könnte, aber dennoch ihr kleiner Liebesgott bleiben würde. Ein Doppelleben zu führen ist eine Herausforderung, aber machbar und ich hatte immerhin dazugelernt. Saskia ließ mich immer ran wann ich wollte, allerdings ist ein völlig neues, sexuelles, Problem mit der Anderen aufgetaucht. SIE hätte mich wohl wieder ran gelassen, aber sie hatte die Pille abgesetzt und weigerte sich, diese auch wieder zu nehmen, mit der Begründung: „Wozu? Du bist doch sterilisiert.“ Nun ja, das ist jetzt blöd gelaufen. Wir sprachen vor vielen Monaten einmal über Kinder. Sie sagte, dass sie irgendwann gerne Kinder haben möchte, ich sagte ihr, dass ich bereits zwei Kinder hätte und in diese schlechte Welt keine Kinder mehr setzen möchte und aus diesem Grund eine Vasektomie vorgenommen hätte, was allerdings gelogen war. Manchmal wundere ich mich echt selbst über die Scheiße, die da manchmal aus meinem Mund kommt …

Tja, dumm gelaufen …

Egal …

Um eine Schwangerschaft zu vermeiden, wurde ich ganz plötzlich impotent und gab sowohl ihr Verhalten als auch den Medikamenten gegen Krebs die Schuld dafür. „Bei dir kriegt man ja keinen hoch“, sie hat das sehr persönlich genommen. Wieder fein raus.

Und ich kann auch ein wenig Gott spielen … ich entscheide, ob sie schwanger wird von mir.

[Perspektivenwechsel – So, jetzt rede ICH ]

Der Countdown läuft …

28.08.1999, irgendwann Nachmittags

„Was laberst du mich jetzt hier voll? Meine Blutwerte haben sich halt ganz plötzlich wieder verbessert! Was ist dein Problem? Sei doch froh! Und mit Saskia habe ich definitiv nicht telefoniert! Wir haben keinen Kontakt mehr! Du bist so bescheuert, sei froh, dass wir hier in einem Einkaufscenter sind, sonst würde ich dir eine rein hauen!“

Wie von einer unsichtbaren Macht gesteuert erhob sich reflexartig meine rechte Hand und zeigte ihm den ausgestreckten Mittelfinger. Ich hatte alles gesagt und sah keinen weiteren Grund noch länger hier zu bleiben. Ich drehte mich um und ging.

Ich habe mich umgedreht und bin gegangen? Das hatte ich doch noch nie geschafft?

Wie in Trance lief ich durch das Einkaufscenter, ohne zu wissen wohin und warum. Leukämie, nur noch 6 Monate zu leben und jetzt plötzlich Wunderheilung? Und das mit Saskia würde ich mir nur einbilden? Ich hab die Liebesschnulzen SMS zwischen den beiden doch gelesen? Der verarscht dich doch! Saskia und er verarschten dich! Alle verarschen dich! Du verarschst dich selbst!

Ich musste weg! Ganz weit weg! Irgendwohin! In wenigen Tagen würde ich um zwanzig tausend Mark reicher sein. Ein schufafreier Sofortkredit – das müsste genügen um sehr, sehr weit weg zu kommen und zwar ohne ihn.

Ich fuhr nach Hause.

Das erste was ich tat, den Inhalt des Briefkastens zu überprüfen. Und irgendwo inmitten der weiteren Mahnungen, Drohbriefen und der Kündigung für meine Wohnung, steckte wirklich ein Brief der viel versprechend aussah. War es die Benachrichtigung , auf die ich die ganze Zeit wartete? War es endlich doch soweit? Nervös und fast brutal, riss ich den Umschlag auf und zerstörte dabei fast dessen Inhalt. Als ich die wenigen Zeilen las und mir anschließen noch ein weiteres Schriftstück in die Hände fiel, bereute ich es fast, dass ich es nicht getan hatte.

Sehr geehrte Frau Lahr,
gern würden wir ihren Kreditantrag schnellstmöglich weiterbearbeiten, doch es fehlen uns noch einige Angaben. Bitte füllen sie die beiliegenden Unterlagen vollständig aus und senden sie diese an uns zurück.

Mit freundlichen Grüssen bla, bla, bla!

Meinen Kreditantrag schnellstmöglich bearbeiten?!

Mit einer immer größer werdenden Wut im Bauch, überflog ich die Fragen, die sie noch für ihre schnelle Bearbeitung brauchten.

Verfügen über Kapitalversicherungen? Verfügen sie über Wertgegenstände? Sparanlagen? Haben sie sonstiges Vermögen?

„Natürlich nicht ihr Idioten, sonst bräuchte ich doch nicht die scheiß Kohle“, brüllte ich und hatte plötzlich diese schrecklich Befürchtung.

Wenn sie die Nachweise über die erforderlichen Sicherheiten beigefügt haben, wird es nicht mehr lange dauern, bis sie sich ihre Wünsche erfüllen können.

Es wird nicht mehr lange dauern?

Es wird nicht mehr lange dauern, bis ich sehr, sehr böse werde!

Ob ich wirklich geglaubt habe, nachdem ich 100 € Bearbeitungsgebühr bezahlt hatte, von einem Kredithai 20.000 Euro zu bekommen? Nein, aber, was wäre, wenn doch?

Mein letzter Funken Hoffnung starb. Ohne Geld, kein Entkommen vor dem was sich hier seit Tagen zusammenbraute. Und es würde sich etwas zusammenbrauen, wenn Thomas mir in den nächsten Stunden in die Quere kam. Ich hatte Nachtdienst, die Chance stand gut, dass ich ihm nicht begegnete.

29.08.1999
01.23 Uhr, Foyer Extra Koblenz

Es war still. Nur das stetige Rauschen der Fahrzeuge, die über die B9 fegten war zu hören. Ich stand an der Hintertüre und starrte hinaus in die Dunkelheit. Die zwei Penner waren inzwischen verschwunden, diesmal ging es ohne Polizei. Der Mann und die junge Frau, die sich noch vor wenigen Minuten auf der Motorhaube des Porsches vergnügten, hatten sich inzwischen wieder in den Wagen zurückgezogen. Nein, ich hatte sie diesmal nicht verjagt… ich war zu müde… vielleicht war ich auch zu sehr um das Wohlergehen dieser kleinen Nutte besorgt, denn ich kannte und mochte sie…außerdem: Sollten sie es doch miteinander treiben, wo sie wollten? Hauptsache er bezahlte sie gut, denn sie hatte sich diesmal viel Mühe gegeben, fand ich zumindest.

Sie hat sich viel Mühe gegeben…

Wofür?

Für Geld!

Und wofür hast du dir immer so viel Mühe gegeben?

…etwa dafür, das man dir danach sagt, das es schön war?

…etwa dafür, das man dich danach anschaut und DANKE sagt?

…etwa dafür, das man dir nachher einen Orden dafür verleiht?

Ich kenne die Antwort…

… und du kennst sie auch!

Die Taschenlampe flog gegen die Wand, dicht gefolgt von meinem Schlüsselbund und ich verspürte plötzlich den starken Drang noch viele weitere Gegenstände an Wände zu schmeißen, nur um dieser verfluchten Stimme… meinen Gedanken… nicht mehr zuhören zu müssen. Sie waren neuerdings so penetrant, provozierend, verwirrend und gaben mir immer mehr das Gefühl sie nicht mehr alle an der Schüssel zu haben. Reichte es nicht, dass mich Thomas mit seiner kranken Scheiße in den Wahnsinn trieb?

Ich bekam Angst. Ich bekam wieder diese schreckliche Angst vor mir selbst, vor dem Übel an und in mir, was mich zu Handlungen trieb, die ich nicht wollte und was mich Dinge sagen ließ, die ich nicht sagen wollte und was mich denken ließ, was ich nicht denken wollte. Ich hatte einfach keine Kontrolle mehr über mich… über mein Handeln …über mein Denken. Und in dieser Nacht geriet ich regelrecht in Panik, denn neben dieser fehlenden Selbstkontrolle, wusste ich wahrhaftig, dass sich in dieser Nacht etwas großes Ungutes in mir zusammenbraute. Etwas Ungutes, das mich fast dazu trieb, einen der unzähligen Kühlschränke der schlafenden Diskothek zu plündern, um mich noch während der Arbeitszeit mit Miller und Sol ins Koma zu saufen, damit es nicht noch schlimmer und unguter wurde.

Aber dazu kam es nicht mehr…

Denn ich saß dort im Foyer und kämpfte plötzlich mit Atembeschwerden, Herzrasen und Schweißausbrüchen – die klassische Panikattacke, die ich jedoch vorher noch nie so erlebt hatte und deshalb auch nicht einmal annähernd wusste, dass es eine Panikattacke war. Bilder und Gedanken schossen mir durch den Kopf, wirr zusammenhangslos, unverständlich und über allem das Gefühl daran ersticken zu müssen und dann noch diese unsagbare Wut.

Wie konntest du dich nur so verarschen lassen?

Angst, Wut und Verzweiflung… keine besonders gesunde Mischung … nicht für mich. Ich weiß nicht mehr wie lange ich mit diesem schrecklichen Gefühl kämpfte und wie viel Dinge ich versuchte, um dagegen anzukämpfen. Ich weiß nur noch wo dieser Kampf schließlich endete – und das unglaublicher Weise an einem Schreibtisch, quasi zwar auf Papier.

Ich fing einfach an zu schreiben…

Ich hatte seit drei Jahren nichts mehr geschrieben…

Ich schrieb stundenlang. Gedankenlos, zusammenhanglos und ohne überhaupt nur annähernd zu wissen was ich da schrieb. Ich wusste nur, dass ich damit nicht mehr aufhören konnte, bzw. nicht mehr aufhören wollte. Denn ich spürte, dass zwischen mir, diesem Stift und den Blättern plötzlich eine seltsam vertraute Verbindung bestand. Eine Verbindung, die ich noch nie zuvor erlebt hatte und die mit jedem weiteren Wort das ich schrieb, noch vertrauter und noch inniger wurde. Etwas in mir hatte die Herrschaft über mich und meine Hand gewonnen und es bombardierte dieses Blatt mit all den Dingen, die ich nie gewagt hätte zu schreiben und von denen ich auch nicht wusste, das ich jemals in der Lage sein würde, überhaupt solche Dinge zu schreiben und ich fühlte mich plötzlich so gut dabei. Und immer dann, wenn ich aufhörte zu schreiben und den Stift weglegte, dann kam die Angst zurück und deshalb schrieb ich immer weiter. Ich fügte mich dieser „Gewalt“, die ich auf diesem Papier in allen Variationen und Formen zum Ausdruck brachte, ohne scheinbaren Sinn und Verstand. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: ich schrieb einen Brief. Ich schrieb einen Brief an mich selbst, in dem ich mir auch zum ersten Mal in diesem Leben die Wahrheit sagte…die ganze Wahrheit, inkl. Antwort auf die Fragen: Wer bin ich? Was bin ich? Und warum bin ich so geworden?

Erst als mein Dienst schließlich beendet war und ich zu Haus ankam, wagte ich es diese zehn Seiten zu lesen. Ich las sie. Ich las sie noch mal und noch mal und was danach passierte, ist eigentlich schnell gesagt. Ich verfiel in eine Art Schockzustand, denn auch wenn ich mir krampfhaft einzureden versuchte, dass ich nicht verstand, was auf diesen Seiten stand, kapierte ich dennoch genug, um zu begreifen, das mein ganzes Leben nur aus Lügen um mich herum bestand, dass ich selbst eine einzig große Lüge war und das alles, was ich jemals gesagt und getan habe, aufgrund Lügen anderer basierte. In Verbindung mit plötzlich wieder aufgetauchten traumatischen Kindheitserinnerungen und auch solche, die noch nicht lange zurücklagen – ich glaube, das war an diesem Tag ein klein wenig zu viel Input auf einmal.

Dieser Schockzustand zeichnete sich im Verlauf des Tages zunächst in eine Art Apathie aus und schwenkte dann gegen Nachmittag wieder urplötzlich in Panikattacken um. Panikattacken, die mich schließlich dazu trieben die falschen Leute zur falschen Zeit aufzusuchen, in der Hoffnung, dass sie mir halfen – was mir letztendlich aber noch mehr geschadet hatte. Denn auch wenn ich bereits „OVERLOAD“ zu diesem Zeitpunkt auf der Stirn stehen hatte, hielt es diese Menschen jedoch nicht davon ab mich weiterhin zu belügen und zu betrügen – dummerweise war es mir an diesem Tag bewusster denn je und es machte mich auch noch wütender.

Aus Angst, das ich plötzlich das tun würde, was sich in meinem Kopf abspielte – und das was sich da abspielte war nicht besonders schön – plünderte ich schließlich mein Bankkonto, besuchte ein Reisebüro und plante für den nächsten Tag meine Ausreise aus diesem Land. Ich wollte nur noch weg… ganz weit weg… hauptsächlich aber weg von mir selbst… und vor dieser Wahrheit… und diese unkontrollierbare Wut die dadurch entstanden war.

Ich musste mich beschäftigen, um nicht durchzudrehen. Ich war so außer mir, so wütend. Erst schaltete ich die Anlage auf volle Lautstärke. Musik brachte mich immer runter. Musik tat gut, Musik linderte manchmal den Schmerz. Es half nicht. Schließlich begann ich wie von Sinnen, die Wohnung aufzuräumen. Es war wie ein Zeichen, ein böses Omen, dass mir dabei immer wieder Briefe und Dinge von Thomas in die Hände fielen, die mir einmal etwas bedeuteten. Auch fand ich meinen Ordner mit allen Geschichten und Texten, die ich bis dahin in meinem Leben geschrieben habe. Ich verspürte diese Abneigung. Es war als ob ein böser Fluch auf all diesen Dingen lag. Und plötzlich hatte ich den Drang sie zu vernichten und zwar sofort! Ich musste nicht lange überlegen, bis ich einen geeigneten Ort und die geeigneten Mittel fand. Die Terrassentüre flog auf, die Briefe, kleinen Präsente und meine Geschichten direkt hinterher. Und es machte irgendwie Spaß, den Haufen mit einem Feuerzeug im Garten in Brand zu stecken.

Fasziniert blickte ich auf die Flammen, die diese ganzen schönen Erinnerungen verschlangen und sie zu dem machten, was mein Leben jetzt noch war. Ein großer Haufen verlogener Asche!

Irgendwie hatte nicht bemerkt, dass Thomas inzwischen nach Hause gekommen war. Und ich wusste auch nicht wie lange er schon in der Terrassentür stand und mich beobachtete. Ganz plötzlich stand er neben mir. Eine Situation, die mich normalerweise hätte erschrecken müssen, denn ich hatte nicht damit gerechnet, dass er genau in diesem Moment nach Hause kommen würde. Aber es war ganz seltsam. Ich zuckte noch nicht einmal zusammen. Es war, als würde ich ihn gar nicht richtig wahrnehmen.

„Ist dir kalt? Oder warum machst du ein Lagerfeuer?“, sagte Thomas plötzlich und er machte kein Geheimnis daraus, dass er diesen Anblick erheiternd fand. Das störte mich.

„Was ist jetzt schon wieder dein Problem?“, fragte er und begann in meiner Feuerstelle herum zu treten. Und das störte mich noch mehr, es machte mich sogar rasend. Nicht, dass er auf mir herumtrat, jetzt zerstörte er auch noch den einzigen Lichtblick, den ich für einen kurzem Moment hatte. Und wenn es sich dieser nur auf ein paar Fetzen Papier und verkokelten Plüschtieren handelte. Ich spürte wie er mich mit seinen Blicken fixierte und auf eine Erklärung von mir wartete. Als das Feuer unter seinen schwarzen Schuhen schließlich erstickte, wandte ich mich schweigend ab und ging ohne ihm weiter Beachtung zu schenken wieder zurück in die Wohnung. Ich drehte die Anlage ab und genoss für einen kurzen Moment die Ruhe.

Die Ruhe vor dem Sturm?

Vielleicht die letzte Ruhe die ich haben werde?

Ich hörte wie Thomas ebenfalls durch die Terrassentüre in die Wohnung kam und spürte, wie er mich mit seinen Blicken verfolgte.

„Hallo? Bekomme ich vielleicht eine Antwort? Du treibst mich echt noch in den Wahnsinn!“

Wahnsinn? Du blödes Arschloch, weißt du überhaupt was es bedeutet wahnsinnig zu werden? Wenn ganz langsam deine Sinne dich verlassen und dein Kopf nur noch Dinge denkt, die du nicht denken willst? Wenn dein Kopf dir befiehlt Dinge zu tun, die du nicht tun willst? Du hast doch keine Ahnung! Nichts weißt du und ich bin auch froh darüber, dass du nicht weißt was in mir vorgeht, sonst …

„Es ist besser, wenn du jetzt gehst!“, sagte ich kühl.

… sonst, mach ich dich kalt!, legte ich stumm hinterher.

Und er tat mir den Gefallen. Ich wusste, er hatte sich ohnehin mit seiner Saskia verabredet. Thomas schaute mich mit einem fast entschuldigenden Blick an und streifte seine Jacke über.

„Ich bin dann mal weg …“

Keine Antwort von mir.

Die Nacht vom 29. Auf den 30. August

Ich verfiel in einen unruhigen Schlaf. Ständig wurde ich von schrecklichen Träumen heimgesucht. Träume, in denen ich durch einen dunklen Wald irrte, weil mich irgendetwas… irgendjemand verfolgte. Vielleicht ein wildes Tier… ein tollwütiger Hund… ein aufgebrachtes Wildschwein… oder das Wesen mit den Klauenhänden? Thomas? Vielleicht war es auch die Leibgarde von Hinkebein, dem übelsten Zuhälter von der Rheinschiene… nachdem er eines Abends einem seiner Schäfchen…das Mädchen vom Parkplatz…das Gesicht verschönert hatte, träumte ich oft von ihm… von ihm und seinem widerlichen Gesicht und wie er gegrinst hatte, als das Schäfchen der Polizei erklärte, dass sie nur gestürzt sei und sie auf gar keinen Fall Anzeige erstatten wollte…Ich? Ihn Anzeigen? Um Gottes willen, NEIN! und wie er sie anschließend lächelnd an die Hand nahm und sie über den Parkplatz schubste und sie mir zum Abschied noch zuwinkte.

Vielleicht war es auch sie selbst gewesen, die mich durch den Wald jagte…du hast meine Angst gespürt und du wusstest, warum ich ihn nicht angezeigt habe…warum hast du mir nicht geholfen? Warum überlässt du mich meinem Schicksal? Warum lässt du es zu, dass er mir so etwas schreckliches antut? Ich wusste es nicht… natürlich wusste ich es… ich wollte es nur nicht wahrhaben. Ich wusste nur, dass ich schreckliche Angst vor meinem Verfolger hatte.

Irgendwann endete die Flucht… sie endete immer dort… nicht nur im Traum. Ich setzte mich auf diesen bemoosten Baumstumpf, auf dem ich schon oft gesessen hatte, wenn es mir schlecht ging. Ein Baumstumpf irgendwo inmitten des Westerwaldes, umgeben von Baumleichen, Zigarettenkippen, Angstschweiß, Tränen und Blut, aber mit einem Ausblick der einem den Atem rauben konnte, wenn man den Blick dafür hatte. Aber ich hatte keinen Blick für irgendetwas, wenn ich dort saß… oder sitzen musste… aus Angst dort gefunden zu werden. Dieser geheimer Ort… er durfte niemals entdeckt werden… denn er verbarg alle stummen Geschichten, die ich niemanden… nur diesem Ort… erzählen wollte. Es war so ruhig und so friedlich dort…Im Traum sagte ich nichts und starrte nur auf die Waffe, die sicher in meiner Hand lag. Ich wusste nicht woher ich sie hatte und ich wusste auch nicht, was ich damit wollte. Ich wusste nur, dass ich sie gebrauchen würde… früher oder später… ich musste nur noch warten, bis der Verfolger mich entdeckte.

Und er kam…

Nein, sie alle kamen…

Und ich hörte sie rufen:

Warum läufst du denn vor uns weg? Warum stellst du dich denn schon wieder so an? Das ist doch alles gar nicht so schlimm und das ist doch kein Grund zum weinen, oder um wegzulaufen!

Eine Horde die unaufhaltsam den Hang hinunter rollte und auf mich zu steuerte. Ihre Hände ausgestreckt wie hungrige Zombies… ihre Gesichter verzerrt zu grässlichen Fratzen… grässliche Fratzen in Form von einem falschen Lächeln, höhnischem Grinsen, kalten Augen. Und ich kannte sie alle. Sie waren mein Hass, meine Verletzungen, meine Abscheu und mein Verderben und sie alle gingen im Einklang mit meinem Vertrauen, mit meiner Liebe und meiner Freundschaft.

Du siehst müde aus Schätzchen, hast du Kummer?

…mir kannst du doch alles erzählen!

Hey Schnecke, machen wir heute abends einen drauf?

…du bist so süß!

Du brauchst doch keine Angst vor mir zu haben, ich tu dir nichts!

Sag, geht es dir nicht gut?

Ich schrie. Ich warf mit Steinen nach ihnen, ich flehte…

Haut ab! Lasst mich Ruhe!…und bettelte, aber sie kamen immer näher….

Ich liebe Dich!

Wir lieben Dich!

Ich hob die Waffe… ich zielte… und ich drückte ab… einmal, zweimal, dreimal…immer und immer wieder… die Schüsse, die sich lösten waren lautlos… die Schüsse die sich lösten waren wirkungslos… die Waffe in meiner Hand nicht geladen… vielleicht, weil ich nicht wollte, das sie geladen war?

Böses Mädchen!

Schlechtes Mädchen!

Dummes Mädchen!

Sag, wen willst du denn jetzt damit beeindrucken?

Ich hab Schokolade für dich, meine Kleine …

…kannst du eigentlich blasen?

Die Waffe in meiner Hand schnellte entschlossen in die Höhe. Das kalte Eisen berührte meine Schläfen…

Nein, tu das nicht!

Der Schuss der sich löste dröhnte in meinen Ohren…der Schuss der sich löste tat seine Wirkung….

…ich wachte auf.

30.08.1999, gegen 10.00 Uhr

Schon lange lag ich in dem immer kälter werdenden Wasser und starrte an die Decke des Badezimmers. Ich wurde dieses schreckliche Gefühl nicht los, das dieser Tag kein guter Tag war. Die Gedanken in meinem Kopf, das Gefühl in meiner Brust, dass mir die Luft zum atmen nahm. Ich wollte, dass sie Ruhe gaben und versuchte sie schließlich allesamt in der Badewanne zu ertränken. Doch sie lachte mich nur aus.

Es war ein Gefühl, als hätte sich ein dunkler Schatten über mich gelegt, der alles um mich herum verdunkelte. Die Sonne schien, aber ich konnte ihre Strahlen nicht mehr sehen.

Ich hatte kein Gefühlt mehr…

Leere…

Gegen 10.15 Uhr

Thomas betritt das Badezimmer und versucht mich in ein „ernstes“ Gespräch zu verwickeln. Die Worte die er sagte drangen kaum zu mir durch.

„Ich habe heute den ganzen Morgen Zeit gehabt um nachzudenken.“

Ich spürte plötzlich wie die Kälte des Wassers in meinen Körper zog und ich fröstelte. Er hatte Zeit zum nachdenken, ich konnte nicht mehr denken. Ich schaute ihn an. Sein Gesicht drückte eine merkwürdige Form von Verzweiflung aus, fast schon Angst und ich wusste, er wollte mir etwas sagen. Und ich wusste auch, das was er mir zu sagen hatte war genau so wie der Tag – einfach nicht gut.

„Naja, wenn ich dich störe, dann sag es, dann reden wir gleich.“

Ich legte die Arme schützend auf meine Brüste.Was sollte plötzlich diese Rücksicht? Warum war er so nett?

„Wie gesagt, ich habe echt lange darüber nachgedacht, wie ich es dir sagen soll. Zunächst möchte ich mich aufrichtig bei dir entschuldigen, für alles, was ich dir angetan habe. Das war nicht fair von mir. Ich habe einen großen Fehler gemacht, als ich zu dir zurückgekommen bin. Ich habe mir da selbst etwas vorgemacht.“

Pssst! Sei still! Ich will das nicht hören! Halt einfach den Mund und geh!

„Das tut mir leid, dass ich das jetzt so direkt sagen muss: Dich habe ich nie richtig geliebt. Saskia liebe ich eben … echt. Aber ich werde trotzdem immer für dich da sein! Immer.“

Ich stieß ein leises abfälliges Lachen aus. Dann fiel mir ein: Oh Gott! Ich muss mir doch noch die Haare waschen! Ich hatte vergessen mir die Haare zu waschen! Schnell tauchte ich meinen Kopf unter Wasser. Wie lange musste ich eigentlich Unterwasser bleiben, bis meine Haare Nass genug waren? Aber eigentlich war es doch egal, wie nass die Haare waren. Es war doch so schön hier unter Wasser.

So ruhig und so friedlich…

Verschwinde einfach aus meinen Leben, du Scheißkerl!

Ein leichtes Tippen auf meiner Schulter, brachte mich dazu wieder aufzutauchen. „Was machst du!?“, rief Thomas und er wirkte so beunruhigend.

„Ich muss mir noch die Haare waschen“, antwortete ich hektisch. Konnte er denn nicht sehen, wie dreckig sie waren?

„Ich dachte schon du wolltest dich ertränken.“

Thomas schaute mich verwirrt und abschätzend an.

„Bitte sag doch etwas dazu. Bitte!“

Ich drückte nervös und mit zittrigen Händen den letzten Rest Shampoo aus der Flasche und begann meine Haare einzuseifen. Oh ich musste dringend neues Shampoo kaufen. Es war fast leer.

„Hallo“, rief Thomas noch verwirrter, und setzte sich auf den Badewannenrand. Er wirkte, als wäre er gezwungen jeden meiner Bewegungen zu kontrollieren.

Ich musste unbedingt weiter meine Haare waschen. Wie von Sinnen rubbelte und schrubbte ich an meinen Haaren herum. Irgendwann stellte ich schließlich die Brause an und begann mir den Schaum aus den Haaren zu spülen. Und es war mir egal, dass er dabei nass wurde, es war mir egal, dass er dabei Ausblick auf meine Titten hatte und es war mir egal, was er sagte.

„Hallo, bist du überhaupt ansprechbar? Ich möchte bitte, das du etwas sagst, und wenn es Arschloch oder so was ist. Ich bin ein Arschloch! Ich bin ein Scheißkerl! Ich weiß!“

„Ich muss mir die Haare waschen“, entgegnete ich mit einer seltsam schrillen Stimme.

„Okay, dann will ich dich nicht weiter stören. Ich warte im Wohnzimmer auf dich.“

Nein, warte nicht! Geh!

Gegen 12.00 Uhr

Ich ließ mir das Wasser über den Kopf laufen und eigentlich dachte ich an gar nichts. Und es war erschreckend zu merken, das dies gut funktionierte. Nichts denken, nichts fühlen einfach leer… so musste es sich anfühlen, wenn man tot war!

Ich weiß nicht mehr wie viel zeit vergangen war, bis ich schließlich geföhnt und frisch bekleidet im Wohnzimmer stand. Thomas schien darauf gewartet zu haben.

„Und geht es jetzt besser?“

Wieder stieß ich nur ein lautes hysterisches lachen aus.
„Himmel, was ist denn los mit dir? Mehr fällt dir dazu nicht ein? “

Er stand von der Couch auf und ging in die Küche. Ich hörte wie er seelenruhig den letzten Rest Kaffee in eine Tasse schüttete.“Ich hoffe wir können trotzdem Freunde sein. So wie beim letzten mal.“

Nicht gut…

Kein guter Tag heute….

„Aber eigentlich wäre es mir doch lieber, wenn du mich ein wenig anschreist. Dann wüsste ich wenigstens wirklich, das alles in Ordnung ist.“

Alles Ordnung… alles Okay….?!

„Ich fahre auch gleich zu Saskia, damit du mich nicht länger ertragen musst. Das ist doch am besten. Meine Sachen hole ich dann später.“

Ich nickte. Nickte wieder und wieder. Und stellte mir dabei vor, wie es sich anfühlte, wenn man dies gegen eine harte Steinmauer tun würde. Hätte ich schmerzen? Oder würde ich dabei genau so wenig empfinden wie in diesem Moment.

Irgendwann kam Thomas mit der Tasse aus der Küche und setzte sich behutsam neben mich. Sanft stieß er mir gegen den Arm und sagte:

„Wirklich alles in Ordnung?“

„Tschüss“, sagte ich mit einer seltsamen klaren und gefassten Stimme. Wenige Minuten später verließ er die Wohnung.

Die Tür fiel ins Schloss. Ich hörte noch seine schnellen Schritte die Treppe hinauf. Etwas später, das laute Motorgeräusch seines Geländewagens. Dann war es still. Ich saß auf der Couch und starrte ins Leere.

13.00 Uhr
Ich saß immer noch auf der Couch und starrte ins Leere

14.00 Uhr
Dito

14.24 Uhr

Nein, ich bin nicht schlecht und ich bin auch nicht dumm

14.25 Uhr

Ich habe nie etwas Schlechtes getan…

14.26 Uhr

Ich habe mir immer sehr viel Mühe gegeben…

14.27 Uhr

Hat er wirklich gesagt, dass er mich nie richtig geliebt hätte?! Hat er das wirklich gesagt?!

Zugegeben, es hat eben etwas länger gebraucht, bis diese weitere Information in meinem Gehirn angekommen und begriffen wurde. Es war aber nicht der Satz oder die Bedeutung oder die Person die das zu mir gesagt hatte – es war vielmehr das, was dieser Satz in mir ausgelöst hatte und in welcher Verbindung er mit meinem verlogenem Leben stand – die Lüge, jemals ehrlich geliebt worden zu sein.

[Hier wieder die „Berichterstattung, um nicht tiefer gehen zu müssen, denn das ist echt schwierig]

14.28 Uhr
„Er hat mich nie richtig geliebt?“

Ja, und du hast es gewusst… du hast es immer gewusst… du wusstest es von ihm und du wusstest es von den anderen… Liebe kann man fühlen, Liebe kann man spüren, du hast diese Gegenliebe nie gefühlt.

„Ich habe es gewusst?“

Es musste also dann um 14.29 Uhr gewesen sein, als sich der Tropfen langsam in Bewegung setzte und in einem 60 Sekunden Fall sich zielsicher dem Fass näherte. Ein Zeitpunkt, in dem ich plötzlich eine Klarheit verspürte, wie wahrscheinlich noch nie zuvor in meinem Leben. Klarheit die mir eindringlich mitteilte zum Telefon zu gehen, eine Nummer zu wählen und zu sagen:

„Mein Name ist Nicole Lahr und ich habe da gerade ein klitzekleines Problem. Ich werde in weniger als einer Minute durchdrehen. Ich würde es gerne verhindern, aber dazu fehlt mir die Kraft. Bitte schicken sie einen Wagen vorbei – am besten gleich mit Zwangsjacke – denn ich werde gleich furchtbar wütend… quasi in drei, zwei, eins…“

Zu spät…

14.30 Uhr – ich weiß das noch so genau, weil ich vorher noch auf die Uhr geguckt hatte, so als wollte ich den Zeitpunkt des gänzlichen Überschnappens genau festhalten. Das Überschnappen, der Moment, als ich vor dem Spiegel stand mit selbst tief in dir Augen blickte und verlauten ließ: „JETZT REICHT ES!“

Und genau diese Aussage war der Startschuss für den wohl schlimmsten (und tatsächlich einzigen) Wutanfall meines Lebens. Und es begann wie in einem schlechten Film – das Zucken, dass durch ein Gesicht geht, wenn sich eine friedliche Persönlichkeit verabschiedet und nur noch das Böse zurück bleibt. Und plötzlich brach tatsächlich in mir die Hölle und der Teufel in mir los.

Das Telefon, mit dem ich gerade Hilfe rufen wollte, entglitt mir, dann stand ich auf und ging wie in Trance in die Küche. Und das wirklich erschreckende an dieser Situation war, dass ich das Gefühl hatte – im wahrsten Sinne des Wortes – neben mir zu stehen. Ich sah mich, und dass auch noch bei klarem Verstand, konnte aber nicht mehr über meinen Körper verfügen. Ich musste hilflos mit ansehen, wie ich anfing durchzudrehen. In der Küche angelangt, holte ich das größte Messer aus der Schublade und betrachtete es von allen Seiten.

Lass die Scheiße sein!

Ich weiß nicht, ob ich es nur laut ausgesprochen, gebrüllt, oder nur gedacht habe – aber diese Angst die ich in diesem Moment verspürte, war so ziemlich mit das Schlimmste, was ich je empfunden habe. Schlimmer noch als die Angst vor dem Tod durch Tabletten. Denn die Stimme in meinem Kopf befahl mir dieses Ding mir ins Herz zu rammen, damit es endlich aufhörte zu schmerzen.

Das Messer zitterte in der Hand und es hatte den Anschein, als ob wirklich zwei verschiedene Mächte anfingen, um die Vorherrschaft dieses Messers zu kämpfen. Das Böse … gegen das Gute.

Und das Gute in mir siegte irgendwann und ich schaffte es irgendwie, mich dazu zu bewegen das Messer quer durch die Küche zu schleudern. Vielleicht war es genau dieser Sieg, der diesen plötzlichen Selbsttötungswunsch in pure Zerstörungswut umwandelte, denn ich fing sodann damit an, meine Wohnung zu zerlegen. Gleich darauf flogen Tassen, Teller und alles was ich in die Hände bekam durch die Luft. Ich weiß nicht, wie lange ich durch die meine Wohnung tobte und alles was mir in die Finger kam demolierte und zerdepperte.

Zeitgleich – fast schon gelassen, ohne jeglichen Anflug von Panik – versuchte ich mich selbst zu beruhigen, ohne Erfolg. Und ich spürte wieder diese Panik in mir aufsteigen. Panik, die mich schließlich dazu trieb – ich erzähle es wirklich nicht gerne, aber es gehört nun mal zu dieser Geschichte – mir selbst so dermaßen auf die Fresse zu hauen, dass ich nicht nur eine Beule am Kopf, sondern auch gleich eine leichte Gehirnerschütterung hatte …nur um das Ausmaß dieser Panikattacke und dieses Kampfes mit mir selbst näher zu beschreiben.

Nach dieser Aktion, war ich für einen kurzen Augenblick wieder klar – aber auch nur für einen kurzen Augenblick. Allerdings reichte der Augenblick wieder nicht aus, um Hilfe zu holen, denn dummerweise fand ich meine Autoschlüssel schneller als die geeignete Telefonnummer … vielleicht von Carsten?

Mit einem Grinsen im Gesicht und dem Gefühl, als würde ich das einzig Richtige tun, verließ ich das Haus, stieg in den Wagen und fuhr los.

Wohin?

Ich hatte zunächst keine Ahnung!

Ich fuhr zu einer Freundin, die ich schon oft wegen Thomas hatte hängen lassen. Thomas hasste sie. Ich klingelte und starrte sie an. In dem Augenblick war der Kampf in mir ganz besonders schlimm, denn ich flehte sie förmlich stumm um Hilfe an, doch die Wut in meinem Herzen ließ mich nicht zu Wort kommen.

„Alles in Ordnung mit dir? Du siehst irgendwie… fertig aus!“

„Nein, mir geht es gut. Ich wollte nur…ich dachte…!“

„Ja?“

„Mist, ich muss schnell nach Hause, ich habe vergessen die Wäsche einzuschalten!“

Ich glaube, das war der „verrückteste“ Satz, den ich an diesem Tag herausbrachte.

„Wäsche?“

Ich nickte.

„Okay, dann fahr schnell und komm gleich wieder, irgendwie habe ich das Gefühl, als stimmt was nicht mir dir.“

Ich drehte mich wie in Trance um und setzte mich wieder in den Wagen. Was danach geschah, kann ich nicht mehr ganz so ausführlich wiedergeben, denn da war ich schon nicht mehr ganz da. Ursprünglich hatte ich wohl vorgehabt, jeden der auf meinen zehn geschriebenen Seiten auftauchte zur Rede zu stellen, Thomas sollte hierbei aber eine ganz besondere Rede von mir bekommen. Ich weiß noch, dass ich diese Saskia anrief, um ihr mitzuteilen, dass ich auf dem Weg zu ihr und Thomas sei. Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde. Und ich weiß, dass ich währenddessen laute Musik gehört habe, stets in der Hoffnung, wieder den Zugang zu mir zu finden. Hin und wieder verpasste ich mir selber noch einen Schlag in der Hoffnung wieder „normal“ zu werden, aber es war vergebens.

Bei dieser Prozedur hatte ich plötzlich die Vision, wie ich an einem Brückenpfeiler zerschellen würde und steuerte auch tatsächlich auf eine Felswand zu. Ich streifte sie. Diese leichte Kollision hinterließ eine unschöne Beule am Kotflügel. Ich hielt, betrachtete das Malheur fing innerlich wieder vor lauter Panik an zu heulen, doch das Böse, die ungezügelte Wut in mir, hatte nichts besseres zu tun, als wie von Sinnen auf den ohnehin schon lädierten Wagen einzutreten. Wenige Minuten später fuhr ich unbeirrt weiter.

Aber nach einer Stunde war ich am Ziel. Ich stand vor diesem Mehrfamilienhaus und klingelte. Als ich Saskias Stimme durch die Gegensprechanlage hörte, schaffte es die Vernunft wieder zu mir durchzudringen und redete beruhigend auf mich ein. Sie sagte, dass dies, was ich da vorhatte keine gute Idee war. Ich sollte mich wieder ins Auto setzten… nein, ich sollte noch besser jemanden anrufen… ich sollte die 112 wählen und ihnen sagen, das ich nicht mehr ganz zurechnungsfähig sei, mich auf einem Amoklauf befände und dringend Hilfe bräuchte. Und ich setzte mich tatsächlich sogar wieder ins Auto. Für einen kleinen Augenblick hatte mein Verstand wieder die Oberhand, aber auch nur für einen kleinen Augenblick. Ich stieg aus, mein Handy, zum Hilferufen, flog ins Auto, die Türe wurde mit einem Tritt verschlossen und ich stampfte wieder wütend zu diesem Mehrfamilienhaus.

Thomas und Saskia erwartete mich bereits schon am Eingang, denn man hatte mich kommen sehen. Die Gesichter waren verblüfft, teilweise sogar erfreut, eines jedoch ziemlich beunruhigt, Thomas spürte scheinbar, dass mir gerade die Sicherungen durchgegangen waren und er war auch der Einzige, der wissen konnte warum. Immer noch frisch geduscht und gut gekleidet – wenn auch etwas verschwitzt und mit Augenrändern – war auch ich in diesem Augenblick höflich und zuvorkommend, als man mich in die Wohnung bat. Und ich bin mir sicher, dass wenn ich ein umfangreiches Waffenarsenal gehabt hätte, dann hätte ich diesen „ganz normalen Tag“ oder diese erste Begegnung mit „Menschen die ich kalt machen wollte““ wahrscheinlich wie in dem Film „Falling Down“ (mit Michael Douglas) begonnen – ich wäre also ganz ruhig und gelassen und mit einem Lächeln im Gesicht Amok gelaufen… niveauvoll eben.

Ganze 5 Minuten hatte mein Verstand die Situation im Griff und versuchte auf Thomas und Saskia einzureden, dass man mit Menschen nicht so umgehen durfte und dass eine tödliche Krankheit vorzutäuschen gar nicht ginge. Auch fragte ich Saskia, ob Thomas ich auch schon die Fresse poliert hätte, beim Sex auf Vergewaltigungsspielchen stand oder ob das auch nur mir persönlich gegolten hat … so als Zeichen seiner verlogenen Liebe?!

Thomas fauchte mich deswegen an und fing an, meine Zurechnungsfähigkeit in Frage zu stellen. Interessierte mich nicht. Im Gegenteil, es prallte ab. Und während mein Verstand immer kleiner wurde, wuchs die Wut und das Bedürfnis nach Rache. Ich wollte diesem Scheißkerl an die Gurgel, ihm meine Faust ins Gesicht schlagen, ihm in die Eier treten … whatever.

Doch wie sollte das gehen?

Ich konnte doch nie und nimmer einer Fliege etwas zu leide tun? Ich war ja noch nicht einmal imstande mich gegen Schläge zu wehren, obwohl ich es gekonnt hätte. Ich erinnerte mich schließlich auch daran, dass ich trotz Kampfsport und Selbstverteidigungskurs und Monatelanges Sparring, zwar technisch gesehen in der Lage war einen Menschen in Grund und Boden zu prügeln, aber es einfach nicht konnte. FUCK!

Du erträgst immer alles und wehrst dich nicht, weil du gar nicht imstande bist jemanden ernsthaft zu verletzten… du hast sogar Angst davor deinen schlimmsten Feind zu verletzen! Gib auf, du kannst nicht Amoklaufen!

Kann ich wohl!

Hm…

Was dann passierte blende ich jetzt kurz mal aus… das ist mir zu peinlich. Da will man schon Amoklaufen, aber mehr als eine Ohrfeige und ein lächerliches Handgemenge und ein paar zerbrochene Gläser waren leider nicht drin: Aber mein Geschrei und mein Fluchsalven, die waren so mächtig, wie noch nie in meinem Leben. Und es endete damit, dass Thomas mich packte und mich in ein Nebenzimmer schleppte. Dort umklammerte er mich und starrte mich fassungslos an. Ich stieß einen Schrei aus und versuchte mich mit aller Kraft gegen seine Hände und Arme zu wehren, die sich wie eine Krake um meine Glieder legten und mich fesselten. Ich suchte halt an einem Regal. Ein Regal, auf dem eine Pastellfarbene Vase stand und ein Bild zweier Kinder, die eng umschlungen unter einem Herz standen. Ein … <3 , Liebe ... das Bild verhöhnte mich! Die Kinder lachten über mich! Nahmen mich nicht ernst. Ich riss das Regal um, lenkte ihn ab und setzte zu Flucht an. Saskia hatte sich währenddessen Hilfe im Treppenhaus gesucht - und dummerweise wimmelte es in diesem Haus von beruflichen "Türstehern", die dann auch gleich in voller Montur (Handschellen, Schlagstöcke, Pfefferspray) die Wohnung stürmten. Schon aus der Ferne hörte ich sie poltern und ich hörte auch was sie sagten, und das gefiel mir nicht. Nach dem ersten Sondieren der Lage, amüsierten sich nämlich über die Tatsache, das dort hinter dem Zimmer eine "gefährliche "Frau lauern sollte, die so etwas wie Tollwut hat. "Warum ruft ihr nicht einfach die Bullen?" Fakt war, das ich durch diese geballte Präsenz Muskelmänner und "Bullen" sich plötzlich mein Fluchtinstinkt einschaltete. Ich öffnete das einzige Fenster in diesem Raum und stieg ohne Beachtung der beachtlichen Tiefe (dritter Stock) auf das Fensterbrett. Es war nur noch ein einziger Schritt.... Aber dann... Schreie, Rufen, ein fester Griff... Tausend Hände die mich anfassten, herumrissen zu Boden drückten, Knie die sich in meinen Rücken bohrten und das obwohl ich doch ganz ruhig war. Ich hatte das Gefühl... nein, ich war in diesem Moment davon überzeugt....jede Berührung brannte wie Feuer auf meiner Haut. Nicht anfassen… Nein, lasst das … Nicht anfassen! NEHMT EURE DRECKIGEN HÄNDE VON MIR! KEINER FASST MICH AN OHNE ERLAUBNIS! Und dann ging alles ganz schnell. Ich saß da. Die Hände in Handschellen, an eine Heizung gekettet. Ich war schweißgebadet, meine Haare klebten mir im Gesicht. Mein weißes T-Shirt voll mit Blut. Es war mein eigenes, denn ich hatte mir irgendwo beim Randalieren eine Scherbe in den Finger gerammt und begann ganz komische Töne von mir zu geben. Und während mein ICH versuchte einzuordnen, was für dieses seltsame Geräusche aus meinen Lungen verantwortlich sein könnte, fing ich auch noch an zu knurren. Heute weiß ich, dass ich in diesem Moment eine Überdosis Adrenalin im Körper hatte und durch unregelmäßiges Atmen kurz vor einem Kreislaufkollaps stand. Allerdings hatte ich während dieses langsam beginnenden körperlichen Ausfalls die Vision, als ob die Menschen im Raum alles Menschen waren, die mich verletzten wollte. Tausende Stimmen sprachen durcheinander... Und ich musste sie doch irgendwie von mir Fern halten. Sie standen vor mir beobachteten mich, als sei ich ein wildes Tier, was nun zwar gefangen, aber noch nicht gefahrlos war. Irgendwann versuchte einer der Kerle einen Schritt auf mich zuzugehen und ich fauchte ihn prompt an. Es fing an mit den übelsten Beleidigungen, die so noch nie aus meinem Mund gekommen sind. Und die ich jetzt hier auch nicht wiedergeben kann - das ist mir zu peinlich. Zwischendurch zischte ich immer wieder, dass mich niemand anfassen sollte. Denjenigen, der mich anfasste, dem würde ich den Hals umdrehen. Ich will das ganze jetzt nicht ins Lächerliche ziehen, auch wenn es mir in den Fingern juckt, aber in Verbindung mit meiner lädierten Stimme, ich war von der Brüllerei im Auto nämlich heiser, inklusive meines Anblicks, den Wahnsinn in den Augen: Einer der Männer klopfte mir später auf die Schulter und sagte, dass sie kurzzeitig darüber nachgedacht hatten einen Exorzisten zu rufen oder mir aus der Bibel vorzulesen. Und ich bin mir sicher, hätten sie mir aus der Bibel vorgelesen, dann wäre es wahrscheinlich noch schlimmer geendet. Ich saß also da, röchelte, fluchte und jedes Mal wenn mir einer zu nah kam, brachte ich die größten Kräfte auf, um mir diesen vom Leib zu halten. Doch irgendwann wurde mir plötzlich schwarz vor Augen. Ich hörte mich noch röcheln und diese komischen Töne ausstoßen und ich hörte mich noch mindestens 100 mal sagen, KEINER FASST MICH MEHR AN! Ich wurde wohl ohnmächtig. Es waren vielleicht nur Sekunden, in denen ich in diese seelische Dunkelheit fiel, die ich einst „Blick in die Finsternis“ getauft habe. Aber das, was ich dort sah, war die Hölle! Ich kann es auch nicht wiedergeben, was ich dort gesehen habe, es ist mit Worten nicht zu beschreiben. Es fing an mit einem Gefühl. Es war das schrecklichste Gefühl, was ich je in meinem Leben empfunden habe. Es war, als ob mit einem Male alle schrecklichen Emotionen auf einmal auf mich herein prasselten. Alle Ängste alle Schmerzen, einfach alles brach in diesen Sekunden auf mich ein ...und irgendwann sah ich die Bilder....ich hörte die Stimmen....ich sah das Übel in mir, es manifestierte sich in Form von Erinnerungen, die sich bis zu meinem vierten Lebensjahr zurück gingen. Schrecklichen Erinnerungen, längst vergessenen Erinnerungen, Erinnerungen an Dinge die ich nicht verstand... die schlimmste Erinnerung...so lächerlich es auch klingt...der Schmerz den ich empfand, als mir das einzige Wesen geraubt wurde, zu dem ich jemals Vertrauen hatte, dem ich nachts immer alles erzählte, was mich bedrückte. Das Wesen, meine Puppe Karina, die niemand berühren durfte außer mir - der Tag an dem sie an einem Flughafen verloren ging. Ich trauerte wie einst das kleine Kind von damals um diese Puppe. Der Schmerz auf meiner Seele unerträglich... und ich wusste, das ist das Ende. Du wirst jetzt dein Leben lang hier in dieser Finsternis bleiben und nie wieder zurückkehren. Der Moment an dem ich aufgab und beschloss mich für immer zu ergeben. Lost in the Darkness... halt. Ich legte mich einfach nur noch hin, umklammerte meine Beine schloss die Augen und wartete darauf, das die dunklen Wesen... ich hörte sie nach mir rufen... mich holen und das mit mir taten, was sie halt tun wollten. Dann kam dieser Engel ... Ich spürte, das sich mir jemand langsam näherte. Ich hatte keine Kraft mehr um aufzustehen und zu flüchten, ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich hörte eine weibliche Stimme die rief: "Sag mal, hab ihr sie eigentlich noch alle?" Die Stimme klang bestürzt, fast schon besorgt: Aber ich wusste, das sie nie und niemals mir gegolten hatte. Als ich die Augen öffnete, war es immer noch dunkel und ich ich sah die Schatten der finsteren Wesen... "Bleib weg von ihr, die ist gefährlich! Hat eigentlich jemand schon die Bullen gerufen?", kreischte Saskia. "Seht ihr denn nicht, das sie keine Luft mehr kriegt?" "Die Röchelt schon die ganze Zeit so, die ist total durchgedreht!" "Die dreht nicht durch, sondern hyperventiliert! Also halt`s Maul und lass mich vorbei, ich bin Krankenschwester!" "Das können die Bullen machen!" "Keine Bullen! Sie braucht etwas ganz anderes glaub mir!" Wieder so viele Stimmen die durcheinander sprachen, wieder so viel Palaver und wieder diese Hände die mich anfassten... Hört doch einfach auf damit?! FASST MICH NICHT AN! Ich spürte wie ein Ruck durch meinen Körper ging, ein stechender Schmerz an den Handgelenken...wies konnte ich meine Hände nicht bewegen? "Beruhige dich bitte! Ich will dir helfen!", sagte wieder diese Stimme. Helfen?! Eine Falle! Immer wenn jemand nett zu mir war oder mir helfen wollte, war es eine Falle! Ich versuchte mich wieder zu wehren, als mir irgendjemand eine übel riechendes Ding vor den Mund hielt in das ich atmen sollte. Ich wollte aber nicht atmen... ich wollte... hier in der Finsternis auf mein Ende warten. Und plötzlich brüllte mich diese Stimme an, aber es war kein boshaftes, kein angstmachendes Brüllen - es war... ich weiß auch nicht... es war der flehende Ruf eines Engels mich zu ihm zulassen, damit er mir helfen konnte. Und er half mir.... Er umschlang mich mit beiden Armen und hielt mich einfach nur fest. Er hielt mich liebevoll im Arm, wiegte mich und streichelte mir über mein Gesicht. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch ich konnte nichts sehen. Ich konnte ihn nicht sehen... diesen Engel, der Ilona hieß. Ich konnte ihn nur hören... wie er gegen diese schrecklichen Wesen aus der Finsternis wetterte, wie er sie zurückstieß und wie sie mich fragte wie ich hieß. Ich wollte es ihr sagen, doch ich brachte keinen Ton über die Lippen. Ich weiß nicht wie lange ich da in ihrem Schoß lag und mir die Seele aus dem Leib heulte - ich wusste bis zu diesem Tag noch nicht einmal, dass es so etwas wie Heulfieber gibt. Ich hatte hohes Fieber, war nass geschwitzt, fror mir gleichzeitig den Arsch ab und war eigentlich nur noch im Eimer - heute weiß ich, ich hatte einen Nervenzusammenbruch, der sich echt gewaschen hat. An dieser Stelle möchte ich langsam schließen - obwohl es danach noch knappe 4 Stunden weiter ging. Gegen 22. 00 Uhr des 30. Augusts, war ich nichts weiter als ein autistisches Wesen, das auf einer Rückbank eines Wagens lag und eine Hand umklammerte, die sie nie wieder loslassen wollte. Das letzte was Ilona noch zu mir sagte, als wir vor der Türe einer psychiatrischen Klinik standen: "Du hast nicht getrunken und auch keine Drogen genommen - das ist dein Vorteil. Ich zwinge dich nun, dich selbst freiwillig einzuweisen, okay? Kannst du mich hören?" Ich nickte müde... Und das Letzte was Ilona noch zu mir sagte, als ich von zwei Männern gestützt "abgeführt" wurde: "Du schaffst das, das weiß ich! Wir kennen uns erst ein paar Stunden, aber ich bin wie du und ich hab dich lieb!" DER LETZTE TEIL FOLGT IN KÜRZE Ich bin Ilona noch heute so dankbar und bin glücklich, sie nicht aus den Augen verloren zu haben. <3 Auch danke ich meiner Freundin Britta, die von diesem Drama nicht verschont blieb! <3

Der Psychopath und ich Teil II


Ihr Lieben, ich bin ganz geflashed von den Reaktionen auf meinen letzten Eintrag. Mit soviel Zuspruch habe ich nicht gerechnet … danke! <3 Das stärkt mich, macht mich mutig und ich fühle mich weniger fehl am Platz ... Eine kleine Fortsetzung kann ich heute schon liefern, denn diese habe ich schon damals für mich selbst aufgeschrieben und sie handelt vom Abrutschen in die Spielsucht nach dem Ereignis, das ich in Teil I beschrieb. Aus meiner Sicht geschrieben ... 😀 Ist auch gar nicht so tragisch heute, versprochen ... <3 Allerdings schriftstellerisch keine Meisterleistung, da der Text schon etwas älterer ist, sorry dafür ... Auf geht`s: Mein Suizidversuch hatte etwas in Gang gesetzt, was ich nicht mehr bremsen konnte. Wie eine Gehirnamputierte hatte ich mich verhalten und ich hatte keinerlei Erklärung dafür, warum das so war. Ich hatte Angst vor mir selbst. Nie wieder wollte ich, das mein Kopf mir Dinge befahl, die ich eigentlich nicht tun wollte. Aber irgendetwas war da in mir, das mich versuchte zu beherrschen. Ich musste es loswerden, sonst würde es noch mehr zerstören. Bei der ganzen Scheiße, die ich in der letzten Zeit fabriziert habe, hatte Thomas allen Grund sauer auf mich zu sein. Daher war ich den ganzen Tag nur darauf bedacht, dafür zu sorgen, dass es ihm gut ging. Ich las ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Ich fragte nach seinem Wohlergehen, behelligte ihn nicht mit irgendwelchem Scheiß von mir und ich sagt ihm auch seit langem mal wieder, dass ich ihn liebte. Vielleicht lag es einfach an meiner immer größer werdenden Angst, wieder etwas zu tun, das ihn böse machen könnte? Vielleicht lag es daran, dass ich einfach nichts mehr falsch machen wollte? Aber irgendwie machte ich alles nur noch falsch. Selbst die einfachsten Dinge, wie Kaffeekochen funktionierten nicht mehr. Für Thomas war es nur ein umgekippter Kaffeefilter, aber für mich war es ein kleiner Weltuntergang gewesen, als die ganze Brühe sich über den Fußboden verteilte. Dann war da noch dieser dumme Auffahrunfall, die Sache mit der leeren Batterie, weil ich Morgens nach dem Dienst vergaß das Licht aus zuschalten und noch weitere Kleinigkeiten, die immer mehr das Gefühl von Unfähigkeit in mir entfachten. Verdammt, ich war aber auch für alles zu blöd ... Eines Nachts, saß ich wieder im Vorraum des EXTRAs und zerbrach mir die den Kopf darüber wie ich das alles wieder in den Griff bekommen sollte und vor allem, wie ich mich wieder in den Griff bekommen sollte. Thomas hatte Recht, ich war nicht ganz dicht. "Ich wünsche ihnen eine ruhige Nacht", sagte Frau Poch und verschwand schließlich durch die Türe. Sie war die letzte Mitarbeiterin der Diskothek und mit ihrem Verschwinden, kam auch diese unheimliche Stille wieder zurück. Ich war alleine. Allein mit meinen wirren Gedanken und undefinierbaren Gefühlen, die mir seit Wochen solche Angst bereiteten. Und auch heute Nacht fiel es mir immer schwerer überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu können. Es war als ob mein Hirn völlig außer Kontrolle geraten war. Ständig fing es an mir diese ungewollten Erinnerungen aufzurufen. Erinnerungen an damals, als ich noch ein Kind war und auch das Geschehene der vergangenen Wochen nagte unbarmherzig an meiner Seele. Es schmerzte irgendwo tief in mir. Es war niederschmetternd und raubte mir meine letzten Nerven. Aber jetzt war es mitten in der Nacht, ich war alleine, hatte meine Ruhe und einfach kein Bock mir Gedanken darüber zu machen, was alles in meiner Kindheit schief gelaufen sein könnte, dass ich mich jetzt und hier so herum quälen musste. Aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte mich einfach nicht dazu zwingen etwas anderes zu denken, als ich gerade wieder anfing zu denken. Plötzlich wurde mir klar, ich musste etwas tun. Mich bewegen, umherlaufen, damit diese schlechten Gedanken nicht schon wieder überhand nahmen und mich weiter zu Dingen trieben die einfach nicht gut waren. Entschlossen griff ich nach meiner Taschenlampe und beschloss, das zu tun, wofür ich bezahlt wurde und zwar diesen 6000 qm großen Komplex vor Einbrechern und anderen bösen Dingen zu schützen (vielleicht sogar vor mir selbst). Gelangweilt schlenderte ich durch die dunklen Hallen der Diskotheken und dachte darüber nach wie schön es doch sein würde, wenn dieses ganze Gebäude einfach plötzlich in die Luft flöge. Egal aus welchem Grund, Hauptsache mit mir und meinen Gedanken. Irgendwann führte mich der erster großer Kontrollgang wieder in den großen, düsteren Hauptgang. Fast belustigt musste ich daran denken, wie oft ich mir damals fast vor Angst in die Hosen machte, wenn sich die Kühlungen der Eiswürfelmaschinen mit einem lauten Getöse einschalteten oder es einfach nur irgendwo in den Ecken raschelte. Wie von Sinnen war ich dann immer in die schützende Umgebung des Foyers gelaufen und hatte mich irgendwo versteckt. Jedenfalls so lange, bis ich mich selbst für meine Feigheit schämte und dann doch der Sache auf den Grund ging. Immerhin arbeitete ich in einem Sicherheitsdienst und da war für Hasenfüße kein Platz. Ich war aber ein Hasenfuß, aber immerhin ein Hasenfuß mit einer übergroßen Taschenlampe, die man unter Umständen auch als wirksame Waffe einsetzten konnte ... Aber an diesem Abend war meine Taschenlampe nur noch unnützer Ballast und eigentlich nur dafür da um Unfug damit zu treiben. Es konnte manchmal richtig Spaß machen, so zu tun, als ob man die Kunst des Morsens beherrschte oder einfach nur die Hohen Decken der Hallen anzuleuchten, um sich über die unzureichende Sauberkeit auszulassen. Seltsamen Geräusche aus der Ferne ließen mich plötzlich erschrocken zusammenzucken. Es waren Laute, die noch nie gehört hatte. Jedenfalls nicht so, wie sie mir in diesem Augenblick ans Ohr drangen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich das Geklimper einordnen konnte. Die Spielhalle! Frau Poch hatte einfach nur vergessen, den Strom für diesen Bereich abzuschalten. Eigentlich gehörte es ebenfalls zu meinen Aufgaben, solche Vergesslichkeiten zu korrigieren. Und ich war in diesem Moment froh darüber, etwas sinnloses tun zu dürfen, wie einen Schalter zu finden um den ganzen Bereich wieder ins Dunkle zu versetzen. Fun Center nannte sich das Ganze und beinhaltete zwei Billardtische, ein paar Arkade Spiele, elektronische Dartscheiben und einige dieser kompliziert aussehenden Geldspielautomaten. Ohne jegliches Interesse lief ich zwischen den Gerätschaften umher und suchte halbherzig nach dem Hauptschalter, denn ich fand diesen Ort schon immer albern und unnütz. Er war doch nur noch ein weiterer lästiger Platz, wo Menschen sinnlos ihr Geld verschwendeten. Es dudelte, es piepte und überall waren diese bunten Lichter. Wie konnten manche Menschen das freiwillig und auch manchmal sogar stundenlang aushalten? Weil es glücklich macht!, schoss es mir plötzlich durch den Kopf und ich war selbst überrascht von meinem eigenen Gedanken. Weil es glücklich macht? Ich blieb stehen und schaute mich ungläubig um und plötzlich verstand ich. All diese Geräte schienen nur so wild zu klimpern um Aufmerksamkeit zu erwecken. Sie waren unglücklich, weil sie alleine waren. Niemand interessierte sich für sie, sie waren einsam ... wie ich? Ich lauschte gespannt und plötzlich schien ich ihre Sprache zu verstehen. "Komm spiel mit mir!"?, ertönte es irgendwo her und lockte mit einer schönen Melodie. "Nein hier her! Spiel mit mir!", kam es plötzlich aus der anderen Ecke. Fast klang es wie ein Streitgespräch, aber in einer sehr animierenden Form. Es war beruhigend und fast schon unterhaltsam und es lenkte mich sogar für einen kurzen Augenblick von meinen Gedanken ab. Das war gut. Dieser ganze Ort war irgendwie gut. Vielleicht war dies sogar ein Ort, an dem schlechte Gefühle und Gedanken keinen Zutritt hatten, ein Fun Center eben? Plötzlich fühlte ich mich ganz seltsam. Ich war ruhig und doch irgendwie nervös. "Bist du auch so alleine?", hörte ich dicht hinter mir. Verwirrt drehte ich mich um und starrte in das hellerleuchtete Gesicht einer Sonne. "Und auch so unerwünscht?" "Ich kann dir helfen!" "Ich bin für dich da!", "Komm her!" "SPIEL mit MIR!", sagte die Sonne schließlich und zwinkerte mir zu. Ein kribbeln ging plötzlich durch meinen Körper und ich konnte nicht einordnen, warum ich mich so fühlte, aber der Anblick dieser lachenden Sonne überflutete mich plötzlich mit einer seltsamen Wärme. Wärme, die ich lange nicht mehr empfand und die doch etwas Vertrautes hatte. Dann holte mich die Realität wieder ein. Ich war echt nicht ganz bei Trost. Vor mir stand nichts weiter, als ein Geldspielautomat. Ein dummer Geldspielautomat mit einem dummen Sonnengesicht. War es schon so weit gekommen, dass ich jetzt schon Stimmen hörte? "SPIEL mit MIR! Ich bringe dir Glück!" "Mir kannst du vertrauen!" "Knack den Jackpott!" War es das Geld in seinem Körper, was mich lockte? War es die Herausforderung zu einem Duell? Ich hatte keine Ahnung. Ich wusste nur, das mein ganzer Ärger urplötzlich wie aus dem Gedächtnis gefegt war. Ich hatte nur noch dieses eine Bedürfnis. Ich wollte dieses verlockende Angebot annehmen. Und ich tat es. Ich konnte mich dem Rufen dieses Kastens einfach nicht widersetzten. Es war wie eine unsichtbare Kraft, die mich sanft an der Hand führte und mich schließlich dazu brachte mich auf diesen Hocker zu setzten. Und da saß ich dann und hatte überhaupt keine Ahnung, wie das alles funktionieren sollte. Ich hatte noch nie mit so einem Teil gespielt. Irgendwann begann ich aber dann das große Display auf das Genaueste zu untersuchen, in der Hoffnung irgendwo eine Art Anleitung zu finden. Die gab es natürlich nicht, nur wo und wie viel Geld man einwerfen musste, war genauestes dargestellt. Das reichte zunächst aus. Ich warf einige Münzen ein und wartete ab. Das tat ich auch Minuten später. Irgendwann wagte ich mich wahllos auf den Knöpfen herum zu drücken. Aber ich hatte immer noch keinen Schimmer was ich da tat. Ich wusste nicht, wann und wo ich welche Taste und welchen Knopf drücken musste. Das einzige was ich begriffen hatte war, dass mindestens drei gleiche Bilder in fünf verschiedene Felder erscheinen mussten. Wenn das der Fall war, dann gab der Kasten wilde Töne von sich und dann musste man an den Seiten auf eine Taste drücken, dann sollte man eigentlich etwas gewinnen. So schwer konnte das also doch gar nicht sein! Aber irgendwie funktionierte es trotzdem nicht. Immer wieder hörte ich diesen Ton, der mir sagte, dass ich gerade eben wieder achtzig Pfennig verloren hatte. Ich schaute mich scheu um und erst als mir wieder einfiel, das ich alleine in diesem Gebäude war packte mich wieder der Reiz. Wieder dieser nervtötende Ton und wieder achtzig Pfennig futsch. Aber es war mir egal. Es war einfach nur schön hier zu sitzen und das zu tun, was ich gerade tat. Ich spielte und der Kasten spielte mit mir. Ich hatte eine Art Gesprächspartner gefunden, der mich für kurze Augenblicke glücklich machte. Und vielleicht sogar etwas mehr, wenn ich den Jackpot knacken würde? Irgendwann musste ich ja mal wieder Glück haben. Ich schaute in meine Hand um weitere Münzen einzuwerfen. Und ich war verwirrt. Das konnte doch nicht wahr sein, ich hatte doch gerade eben noch zehn Mark in Kleingeld gehabt, und jetzt waren da nur noch zwei Münzen?! Mein Ärger und die Enttäuschung wurden immer Größer. Ich begann heftiger und unkontrolliert auf die Tasten zu schlagen. Immer wieder dudelte und piepte der Kasten und am Ende hatte ich doch immer nur verloren. Dann war auch meine letzte Mark im Schlitz des Spielautomaten verschwunden. Das schlimmste war noch nicht einmal, das ich dann auch diese verlor, viel schlimmer war die Tatsache, das eine Revanche nicht mehr möglich war, denn ich war pleite. Das Geld was ich jetzt noch in der Tasche hatte, langte gerade noch für ein Päckchen Zigaretten. Es war hoffnungslos. "Bitte Münzen einwerfen", stand in kleiner roter Leuchtschrift auf einem schmalen Streifen in einem Meer von blinkenden Lichtern. Es leuchte auf und lief penetrant und unübersehbar immer von links nach rechts. "Los werf’ eine Münze rein, dann bin ich weiter für dich da!" "Ich hab aber keine Münzen mehr, du Scheißteil", zischte ich wütend und ertappte mich dabei, wie ich den Kasten mit einem Schlag attackierte. Beschämt über meinen kleinen Ausbruch rutschte ich vom Hocker und es war Wehmut dabei, das ich diesen Platz verlassen musste, aber dennoch rächte ich mich schließlich an meinen unfairen Spielgefährten, indem ich doch endlich den Hauptschalter fand und ihm einfach das Licht ausknipste. Das war die erste Nacht mit mir und meinem "neuen Freund" und es folgten weitere, ...leider. Wochen später... Gerda Richter war meine neue Nachbarin. Sie beglückte mich neuerdings schon fast täglich, denn sie war offenbar einsam. Ihr Mann war wieder einmal beruflich nach Italien gereist und irgendwie brauchte sie auch heute wieder seelischen Beistand. Beistand, den ich ihr aber nicht geben konnte oder aber auch wollte. Aber das schien sie nicht im geringsten zu interessieren. Seit unendlich langen Minuten, lief sie mir wie ein Dackel hinterher und erzählte mir von dieser ungeheuerlichen Entdeckung, die sie beim aufräumen im Schlafzimmer gemacht hatte. "Der kann was erleben! Der kann sich doch nicht solche widerlichen Hefte ansehen! Reiche ich ihm denn nicht mehr?" Ich hörte ihr nicht wirklich zu, denn ich suchte mit aller Verzweiflung nach meinem Portemonnaie. Ich hatte es gerade eben noch gehabt und fand es einfach nicht mehr. Ich hatte bereits überall gesucht. Sogar an Stellen wo es eigentlich eher unwahrscheinlich war es zu finden. Wie zum Beispiel im Kühlschrank oder unter dem Bett. Aber ich war in den letzten Tagen so durcheinander gewesen, dass ich nichts mehr für unmöglich hielt. Langsam wurde ich nervös, denn ich hatte wichtiges vor. Jürgen, mein Chef, hatte mich beurlaubt. Er sagte, ich sähe in der letzten Zeit etwas mitgenommen aus und er bestand auf ein paar Tage Urlaub. Das hatte ich ihm sehr übel genommen. Er hatte ja keine Ahnung, was er mir damit antat. Meine neue Beschäftigungs- und Gutfühltherapie konnte nur Nachts im EXTRA stattfinden, das dachte ich jedenfalls. Aber ich hatte mich informiert und hatte schließlich im Telefonbuch die Adresse einer neuen Spielhalle, ganz in der Nähe herausgefunden. Da wollte ich heute hin. Und deshalb freute mich auch wie ein Teenager und hatte seit langer Zeit mal wieder gute Laune. Ich schaffte es sogar eine kleine Schnitte zu essen, ohne das mir übel wurde. Und eine Wohltat war es auch, das Gerda mich besuchte, denn sonst hätte ich die Zeit bis es soweit war vor Aufregung wohl kaum überlebt. Es war einfach ein schöner Tag und somit ertrug ich auch die Problemchen von ihr. Auch wenn ich der Meinung war, das es eine Lappalie war und eigentlich kein wirklicher Grund zur Aufregung. Und doch war wegen einer kleinen Ansammlung unanständiger Heftchen eine Welt für sie zusammen gebrochen. Sie fühlte sich betrogen und hatte das Gefühl, das sie ihrem Mann sexuell nicht mehr reichte. Und während sie sich aufregte und schimpfte suchte ich weiter und versuchte meine immer stärker werdende Nervosität wieder in den Griff zu bekommen. Irgendwann später hatte ich das Portemonnaie schließlich irgendwo in den tiefen Sphären meiner Couch entdeckt und vergewisserte mich, wie mein Reichtum heute ausfiel. Das Geld langte gerade eben noch für eine viertel Tankfüllung, aber für einen Besuch in einer Spielhalle? Viel zu wenig! Es war einfach zum verzweifeln! Wie konnte ich denn jemals wieder hochkommen, wenn ich durch so kleine Probleme immer wieder niedergeschmettert wurde und wenn es doch so eine große Kleinigkeit war wie Geld! "Verdammte scheiße", fluchte ich und vergaß dabei, das Gerda mit ihrer Oh-Gott-Mein-Mann-Holt-Sich-Selber-Einen-Runter-Passage immer noch nicht fertig war. Sie schaute mich nur verwundert über meinen Ausbruch an. "Was ist los?", rief sie schließlich. "So schlimm ist die Sache für dich nun auch wieder nicht!" "Ich bin fast Pleite", erklärte ich. "Und von Jürgen gibt es erst in ein paar Tagen wieder Geld." Plötzlich war ich im Begriff fürchterlich in Tränen auszubrechen, als Gerda plötzlich mitleidig sagte: "Ich leih dir was, kannst du mir ja nächste Woche zurückgeben." Normalerweise fand ich es nicht gut, mir Geld zu leihen und schon gar nicht von so einer durchgeknallten Nachbarin wie Gerda. Aber dies war ein schrecklicher Notfall. Ich konnte nicht anders. Ich musste es annehmen, so sehr mir die ganze Sache missfiel. Aber es ging um meine Zukunft. Um mein Leben! "Hier ich habe es nicht kleiner", sagte Gerda und streckte mir einen Hundertmarkschein entgegen. Widerstrebend nahm ich den Schein an mich, aber innerlich schien der Triumph kein Ende nehmen zu wollen. Ich war gerettet. Ich war also doch bereit, meinen Nachmittag mit "meinen neuen Freunden" zu verbringen und mit diesem Schein sogar länger als ich mir erhofft hatte. Der Tag konnte nur super werden! Langsam wurde ich wieder etwas ruhiger. Und ich war auf einmal sogar in der Lage Gerda ein paar tröstende Worte zu sagen. Ob ich sie letztendlich davon überzeugen konnte, dass schmutzige Heftchen das normalste von der Welt und keinerlei Grund zur Aufregung waren, wusste ich nicht. Sie ging irgendwann und das sogar in plötzlicher Eile. Etwa eine viertel Stunde später stand ich schließlich vor der mit Sichtschutzfolie beklebten Eingangstüte. Ich hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch. Was würde mich dort drinnen wohl erwarten? Vielleicht eine Atmosphäre wie in Las Vegas? Oder eher doch die eines billigen Puffs?! Ich Ich trat ein. Sofort umhüllte mich der Geruch von Zigaretten und abgestandenen Bier. Es war sehr dunkel. Obwohl, die vielen, verschiedenen Vergnügungskästen doch grelles Lichte ausstrahlten. Ich musste zugeben, ich war überwältigt. Dort waren mindestens Zwanzig von diesen herrlich piependen Dingern, aber auch andere spaßige Sachen, wie Flippertische und Computerspiele. Die Tür fiel mit einem lauten Knall hinter mir zu und ich wusste, was dies zur Folge hatte. Und wie ich es geahnt hatte, starrten mich alle Besucher dieses Etablissement gleichzeitig an. Am liebsten wäre ich sofort wieder hinaus gerannt, aber der Anblick der vielen Spielautomaten hielt mich zurück. Kein Glück im Leben und Liebe, aber dafür Glück im Spiel, das war alles an was ich in diesem Augenblick dachte. Ich war hier um Geld zu gewinnen und nicht um zu kneifen. Aber es kostete mich trotzdem Überwindung den starrenden Figuren auf den Stühlen selbstbewusst entgegen zu treten. Wahrscheinlich war es das übliche, Frauen waren hier mit Sicherheit eher selten. Plötzlich begrüßte mich jemand mit einem freundlichen: "Guten Tag, die Dame." Der etwas väterlich wirkende Mann schien wohl der Besitzer zu sein. Er stand direkt hinter die einzige Theke in diesem Raum und schaute mich freundlich und erwartungsvoll an. "Guten Tag", erwiderte ich leise und verschämt. Es dauerte nur wenige Sekunden und die anderen Kerle widmeten sich wieder ihren Spielen zu. Ich hatte keine Ahnung, was ich jetzt tun sollte. Wo sollte ich anfangen? Sollte ich überhaupt etwas anfangen? Oder sollte ich besser ganz scheinheilig nach dem Weg fragen und mich dann schnell wieder aus dem Staub machen?! Ich hatte keine Ahnung. "Kann ich ihnen weiter helfen", fragte der Mann und ich wusste, dass er sich sicher war, das ich mich nur verlaufen hatte. "Ich schaue mich erst ein wenig um", stammelte ich und es hörte sich an als ob ich in einem Schuhladen eine lästige Verkäuferin abwehren wollte. "Gern, wenn sie Hilfe brauchen, ich bin da!" Ich nickte und begann mich umzusehnen. Aber eigentlich hatte ich meinen Platz bereits gefunden. Das Gerät was mich bereits aus der ferne schon begrüßte, stand dort alleine und verlassen an der Wand. Unbeachtet von all den anderen Spielern in diesem Raum. Es war der gleiche Spielautomat, mit dem ich mich auch im EXTRA so angefreundet hatte. Es war als ob er den ganzen weiten Weg für mich zurückgelegt hatte um mich wieder zu erfreuen. Oder aber auch nicht! Immerhin hatte er in den letzten Nächten meine ganze Kohle verschluckt. Aber dies war eine gute Möglichkeit, die Revanche nachzuholen, die dann immer wegen - mangelnden Geldes - nicht mehr möglich war. Aber jetzt? Hundertdreißig Mark! Zu schön um Wahr zu sein! "Komm Spiel mit mir!" und ich fühlte mich so verdammt gut, als die ersten Münzen klackernd in sein Inneres fiel. Irgendwann später... "Los! drück jetzt!", rief plötzlich eine Stimme. "Wie! Wo! Da?!", schrie ich aufgeregt. Freddie, so hieß der Typ, saß irgendwann plötzlich neben mir und bot mir sein Wissen über Spielautomaten an. Er wollte mir ein wenig Nachhilfe im Spiel geben und ich war ihm dankbar dafür. Denn offenbar hatte ich bisher alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Jetzt redete er ununterbrochen auf mich ein und gab er mir Tipps und er hatte mich schon so weit geschult, dass ich sogar ein paar mal gewann. Es war nicht viel, aber immerhin ein Anfang. "Und was mache ich jetzt?", fragte ich irgendwann, als plötzlich der Kasten wieder diese Hoffnung erweckenden Töne von sich gab. "Du hast Sonderspiele gewonnen. Erst wenn du diese hast kannst du Geld gewinnen.", sagte Freddie ruhig und lächelte. "Wow! Ich hab etwas gewonnen?", rief ich aufgeregt und riss die Arme hoch. Freddie lachte "Noch nicht! Du musst schon noch weitere Münzen einwerfen. Sonst bringen dir die Sonderspiele auch nichts!". "Oh danke für die Info! Sag mal, kann man da viel gewinnen?" Freddie zuckte mit den Achseln und setzte ein geheimnisvolles Lächeln auf. "Finde es heraus!" Natürlich wollte ich es herausfinden. Aber ich hatte zu wenig Münzen in der Hand. Ich schaute Freddie verzweifelt und Hilfe suchend an. Er reagierte sofort und deutete mit dem Finger auf den Mann hinter der Theke. "Geh zu Werner, dafür ist er doch da. Er wechselt dir dein Geld." Kaum hatte er es ausgesprochen, stand ich bereits schon an der Theke. "Bitte diesen Schein wechseln", sagte ich voller Eifer und knallte diesem Werner den Hundert Mark Schein auf die Theke. "Bist du dir da sicher?", fragte der Mann. "Ja", sagte ich vergnügt und drehte mich fast sehnsüchtig zu meinen Sonderspielen um. Freddie saß daneben und überwachte die wenigen Münzen, die ich dort noch auf einem Ablagebrett deponiert hatte. Er winkte mir zu und ich winkte zurück. Ich bewunderte ihn für sein Wissen. Von ihm konnte man noch etwas lernen, denn er war bestimmt sehr oft hier. "Wirklich sicher?!", fragte Werner wieder und schaute mich plötzlich mit einem seltsamen belehrenden Blick an. "Spar dein Geld lieber", flüsterte er und schob mir den Schein wieder entgegen. "Wieso das denn?", fragte ich erstaunt und wunderte mich innerlich über seine seltsame Geschäftspolitik. Immerhin lebte er doch von dem Geld was die Menschen in die Automaten warfen. Plötzlich winkte er mich zu sich. Offensichtlich wollte er mir etwas sagen, was niemand mitbekommen sollte. Ich trat näher an den Tresen heran und lauschte interessiert. "Ich sag dir was, diese Automaten sind Gift für den Geldbeutel. Du musst mindestens dreimal verlieren, bist du einmal gewinnst. Und wenn die Automaten gerade geleert worden sind, dann ist deine Chance etwas zu gewinnen noch geringer und sie sind gerade erst gestern geleert worden." Ich runzelte die Stirn und sah ihn ungläubig an. "Warum erzählen sie mir das? Ich denke sie wollen Geld verdienen", fragte ich unsicher, versuchte aber unbeeindruckt von seiner Aussage zu klingen. "Warum ich dir das erzähle? Ich bin jeden Tag hier, von morgens bis abends. Ich sehe viele Menschen und ich kenne viele Menschen. Schau dir Freddie an. Der schafft den ganzen Tag nichts und gibt seine Sozialhilfe für diese Scheißdinger und für Bier aus. Der Idiot ist eigentlich ständig pleite. Weil er es einfach nicht begreift, das es sinnlos ist." Ich verschränkte die Arme und schaute Werner finster an. "Es ist doch gar nicht so sinnlos. Ich hab gehört, daß jemand zweihundert Mark aus dem Kasten geholt hat." Ich hoffte, dass Werner mir die Zweihundertmark-Geschichte, die ich soeben erfunden, hatte glaubte. Er hatte einfach unrecht! Das wußte ich. "Ja gut, dann hatte derjenige Glück, oder er hat mindestens Dreihundert hinein geworfen", sagte Werner und lachte und sein lachen beleidigte mich. Das was er sagte, klang eigentlich logisch. Aber ich wollte es nicht hören. Ich wollte einfach nur gewinnen. Egal wieviel. Hauptsache gewinnen und das mußte heute passieren! Hier und jetzt. "Egal! Bitte wechseln sie mir diesen Hunderter", sagte ich bestimmend. "Du scheinst ein nettes Mädchen zu sein. Ich sag dir ganz ehrlich, normalerweise kommen keine Frauen hier her, weißt du auch wieso?" "Nein", sagte ich und hörte gespannt zu. Denn das war eine Frage, die wollte ich doch schon immer beantwortet haben. "Weil Frauen intelligenter sind als Männer." Ich wusste nicht genau, ob er mich jetzt beleidigen wollte oder nicht. "Du bist doch intelligent, also nimm das Geld und fahr nach Hause. Ich gebe dir auch eine Cola aus. Was sollte das? Ich war weit über achtzehn, so wie es vorne an der Scheibe stand. Ich konnte doch selbst entscheiden was ich tat und was nicht. Also was quatschte er mich voll? Wortlos deutete ich nochmals auf den Schein. Er sollte ihn mir Gott verdammt endlich wechseln! "Probleme kann man auch nicht mit Spielen lösen. Lass dir das von einem Fachmann gesagt sein." Dann zählte er mir die Unmengen an Kleingeld ordnungsgemäß vor. Das versprochene Glas Cola, stellte er mir anschließend mit einem ernsten Gesichtsausdruck vor die Nase und wandte sich schließlich wieder seiner Arbeit zu. Ich nahm ärgerlich das Geld, ließ das Getränk unbeachtet stehen und ging zurück zu Freddie und dem Spielautomat. Aber dennoch musste ich an Werners Worte denken. Wieso hatte er das gesagt? Woher wusste er, dass ich Probleme hatte? Oder schloss er einfach von andere auf mich. Schön, ich hatte Probleme. Aber das hatte nichts mit dem Spielen zu tun. Das spielen machte einfach nur Spaß und Spaß war das wenigste, was ich im Moment hatte. Ich steckte eine weitere Münze in den Automaten. "Na, wollte dich Werner etwa bekehren", fragte Freddie vergnügt und schien sich über den Reichtum an Münzen in meiner Tasche zu freuen. "Keine Ahnung, ist mir auch egal. Was muss ich jetzt noch mal tun?", fragte ich aufgeregt und freute mich auf meinen Gewinn. "Gar nichts! Abwarten und Geld einschmeißen. Ich sag dir schon wenn es soweit ist." Noch später... Plötzlich bemerkte ich, dass das Ganze doch nicht mehr so viel Spaß machte. Aber lag nicht nur daran, das ich wieder immer nur verlor. Es lag an dem Gesülze von Freddie, der sich plötzlich aufgefordert fühlte, MEIN Geld als SEIN Geld anzusehen. Aber am meisten störte mich dieser verdammte Besserwisser von Werner. Er durchbohrte mich mit seinen Blicken. Ich sah es nicht, aber ich spürte es. Und ich spürte auch, dass hier ebenfalls kein geeigneter Ort war mein Glück zu finden. Freddie machte mich krank, Werner machte mich krank und das ewige Verlierergedudel des Automaten ebenfalls. Mit noch etwa fünfzig Mark im Portemonnaie verließ ich irgendwann Werners Spielhalle. VORLÄUFIGES ENDE FORTSETZUNG FOLGT Obwohl, ein ENDE war da noch lange, lange, sehr lange nicht. Leider konnte mich auch der Kluge Hinweis von Werner ( weiß leider nicht wie der gute Mann wirklich hieß) auch nicht bekehren. Niemand konnte mich bekehren und das Monate lang und als ich dann auch noch den Weg ins nahegelegene Spielkasino fand, geriet irgendwann einfach alles außer Kontrolle. Pathologisches Glücksspiel - auch Spielsucht genannt - Da hatte der Wahnsinn plötzlich einen Namen und es hat lange gedauert, bis ich mir dessen bewusst war. Diese Art der Suchterkrankung ist noch eher unerforscht und somit konnte mir bisher noch niemand so genau sagen, warum ich zum "Spieler" geworden bin. Das Geld spielt dabei - irrsinniger Weise - eine weniger große Rolle. Es ist der Reiz, der Kick, Risikofreude und letztendlich durch den Gewinn eine Art Selbstbestätigung zu erlangen.

Der Psychopath und ich

 

Sorry, heute gibt es hier eine therapeutisch wertvolle Maßnahme – nennen wir es Traumabewältigung vom Feinsten – nichts für schwache Nerven und auch nichts für Menschen, die mich lieben / mögen oder nicht alles von mir wissen wollen.

Tut Euch den Gefallen und steigt spätestens ab der Definition von „Psychopathie“ aus …  sorry.  <3


Oh, da bin ich schon wieder …

Die Abstände meine Einträge werden kürzer …

Liegt vielleicht an Weihnachten …

Dieses Fest ist nämlich so gar nicht mein Fall …

Der Grinch und ich könnten ein tolles Team werden … 😀

STOP! Natürlich freue ich mich für meine Kinder beim Geschenkeauspacken und auch auf das Zusammensein mit lieben Menschen. <3

Dennoch steht Weihnachten definitiv nicht auf meiner Favoritenliste. Meine Therapeutin meinte, das läge an schlechten Erfahrungen aus der Kindheit. Da hat sie wohl nicht ganz Unrecht. Ich empfand es immer als sehr anstrengend, dass Weihnachten immer alles so perfekt sein musste, inkl. Familienfrieden. Einmal kam der Weihnachtsmann nicht zu mir, weil ich frech war … 😀 Meine Schwester hat Geschenke bekommen, obwohl die auch gezankt hat!  🙁

Und heute? Heute finde ich, dieses alljährliche Ereignis stresst, raubt Energie, macht pleite und unnötig sentimental und emotional. Ich merke dieses Übermaß derzeit ganz besonders, denn dagegen können meine Tabletten nichts mehr ausrichten. Gestern bin ich in Tränen ausgebrochen, als ich folgende Meldung von Media Markt bekam:

„Bei der Lieferung Ihres bestellten Artikels „Das Einzige große Weihnachtsgeschenk für meine Tochter“ kommt es bedauerlicherweise zu einem Lieferverzug seitens des Herstellers. Die Lieferung erfolgt voraussichtlich in der Kalenderwoche 03.“  😯

Ernsthaft? 😯

Das könnt ihr mir nicht antun!?  😥

Diese Meldung musste ich erst mal verarbeiten. Allerdings erschien diese beim Anblick eines Bettlers in der Nähe eines Linzer Bankautomatens als lächerliches Luxusproblem. Ich habe diesen Mann schon oft gesehen. Er kniet immer mit einem Becher in der Hand auf einem Kissen, schaut immer traurig und demütig, begrüßt jeden Vorbeilaufenden mit einem freundlichen „Guten Tag“ und … bettelt. Ja, ich glaube, so nennt man diese schreckliche Form des Bittens. Ich ignorierte ihn meistens, mit der Vermutung im Hinterkopf, dass er ohnehin gleich in seinen aus Spenden finanzierten Mercedes steigt … Asche auf mein Haupt! 😳

Zwei  Mal lief ich gestern an diesem knienden Mann vorbei und merkte bei jedem Blick, wie sehr mich dieser Mensch emotional berührte, warum wusste ich nicht. Es war kein Mitleid, sondern eine Form von Verständnis. Verständnis für Situationen im Leben, die einen an die Grenzen und oftmals auch darüber hinaus bringen…

Beim dritten Mal passieren blieb ich stehen und gab ihm mein Kleingeld.

Dieser Blick …

„Ich danke ihnen, Madame!“

Ich wünschte ihm frohe Weihnachten und suchte das Weite …

Warum habe ich das jetzt eigentlich erzählt? Keine Ahnung, wahrscheinlich, um mir den Einstieg in ein ganz besonders schwieriges Thema zu erleichtern.

Ja, ich habe heute Großes vor …

Es ist nämlich so:

Da mein Leben ja derzeit Kopf steht, ich mich ständig dabei im Kreis drehe und deshalb gerade auch gar nicht weiß, wo oben und unten ist, muss ich mich der Situation entsprechend anpassen, und das, möglichst ohne mich zu verbiegen. Manchmal reicht hierbei auch nur ein kleiner Perspektivenwechsel, bzw. ein veränderter Blickwinkel, um Dinge aus einer völlig neuen Sicht zu betrachten.

Das habe ich bei einem meiner Themen getan …

Ich habe seit langem mal wieder etwas geschrieben und habe erstaunt festgestellt, dass, auch wenn mein Talent Geschichten aus der Seele zu schreiben durch die Medikamente ausgeschaltet ist, ich zumindest auf Erinnerung basierende Geschichten verfassen kann. Das funktioniert sogar erschreckend gut und das Ergebnis habe ich Euch heute mit in diesem Blog gebracht. 🙂

Letzte Woche schrieb ich über die existenzielle Wichtigkeit der Liebe in meinem Leben. Heute kommt meine Schattenseite, die zwischenmenschliche Liebe, zu diesem Thema auf den Tisch.

Liebe ist die stärkste Macht der Welt, und doch ist sie die demütigste, die man sich vorstellen kann.“ (Mahatma Gandhi)

Und die Gefährlichste, wenn sie falsch ist, nicht auf Liebe basierend …

Abhängigkeit, Macht, Demut, Angst, Gewalt …

Nachstehend folgt eine Geschichte, die ich mich bisher nie gewagt habe so auf diese Weise aufzuschreiben, da ich nie wieder in diese abartige Opferrolle schlüpfen wollte, denn die habe ich 2008, hoch erhobenem Hauptes verlassen. Nein, Opfer sein will ich nicht mehr und ist auch heute nicht mehr das Problem. Mein Problem ist vielmehr die abgrundtiefe Fassungslosigkeit in meinem Herzen, mich derart so aus den Augen verloren zu haben.

Ich schreibe aus der Sicht eines Täters. Und es hat mich wirklich Energie und Tränen der Verzweiflung gekostet, die Geschichte so umzusetzen, dass ich mich dennoch mit ihr identifizieren kann – allerdings als kopfschüttelnder Außenstehender, der sich immer wieder an den Kopf fasst und denkt: Wie kann ein Mensch sich selbst nur so wenig wert sein?

Und jedem Leser ist es freigestellt, wie viel Wahrheit er in meinen Zeilen sehen will und wie viel er der Fiktion überlässt …

Und …

Ich erwarte von niemand, dass er die folgende Geschichte liest, bzw. den Schritt zur Veröffentlichung und den tieferen Sinn dieser Geschichte versteht. Für mich ist es ein sehr wichtiger Schritt. Es muss raus aus meinem Herzen.

Und wenn es nur einen dort draußen gibt, den ich damit erreichen kann, weil er vielleicht auch Opfer von physischer oder psychischer Gewalt geworden ist, dann habe ich ein kleines Ziel erreicht. Denn, wenn es nur einen dort draußen gibt, der weiß, was Gewalt, Demütigung und ständige Todesangst, auch Jahrzehnte später, mit einem macht, dann fühle ich mich einfach weniger alleine. Und ich finde, manchmal sollte man einfach mit gewissen Dingen nicht alleine sein. Ich weiß, jeder kämpft am Ende seine Schlacht alleine, aber man kann sich gegenseitig stärken… 😉

Das habe ich gestern auch meiner Therapeutin erzählt, die mich fragte, was dieser Blog für mich bedeutet.

An dieser Stelle, bedanke ich mich bei jedem einzelnen Leser! <3

Und nochmal an alle, die mich so in Erinnerung behalten wollen, wie ich heute bin und nicht wissen wollen, wie ich einmal war:

NICHT WEITER LESEN! <3

In diesem Sinne:

Auf geht´s:

Ich lass dich nicht gehen, mein Schatz

Erzählungen eines Psychopathen

Kurz vorweg:

Definition von Psychopathie:

„Psychopathie bezeichnet eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht. Psychopathen sind auf den ersten Blick mitunter charmant, sie verstehen es, oberflächliche Beziehungen herzustellen. Dabei sind sie mitunter sehr manipulativ, um ihre Ziele zu erreichen. Oft mangelt es Psychopathen an langfristigen Zielen, sie sind impulsiv und verantwortungslos. Psychopathie geht mit antisozialen Verhaltensweisen einher, so dass oft die Diagnose einer dissozialen/antisozialen Persönlichkeitsstörung gestellt werden kann.“

(Quelle Wikipedia)

Mein Name ist Thomas – natürlich heiße ich nicht wirklich so -, dieser Name ist nur ausgedacht, um meine wahre Identität zu verbergen. Nicht, dass ich Dreck am Stecken hätte – Nein! Ich habe eine reine Weste, ich habe nie etwas Böses getan. Mir wurde Böses angetan und dafür hasse ich die Menschen. Ja, ich hasse sie. Ich hasse sie so sehr, dass ich auch nichts mit ihnen zu tun haben will. Mit keinem! Ich traue niemand, außer mir selbst. Ich bin heute 50 Jahre alt, gehe einem gut bezahlten Job nach und eigentlich könnte alles in bester Ordnung sein. Die Sache hat nur einen Haken, der mich allerdings nicht weiter stört: Ich bin alleine. Meiner Exfrau habe ich vor kurzem noch gesagt: Nichts kann mich mehr verletzten, denn ich bin schon tot – und sie war es, die mir den Todesstoß verpasst hat. Sie ist Schuld an allem und Schuld, dass ich heute immer noch alleine bin.

11 verdammte lange Jahre verplempert ..

Ich möchte Ihnen heute von dieser Frau erzählen, die es wirklich drauf hat einen in den Wahnsinn zu treiben. Nehmen Sie sich vor ihr in Acht – sie ist der Untergang eines jeden Mannes!

Ich lernte sie vor knapp zwanzig Jahren kennen …

Ich hatte es als Berufssoldat damals wirklich nicht leicht. Das Kasernenleben war öde, ich war ständig von meiner Familie und meinem trauten Eigenheim getrennt. Ich hatte vor wenigen Wochen ein Haus gekauft. Um Geld für die Sanierung zu verdienen, nutzte ich den Feierabend sinnvoll und suchte mir eine Nebenbeschäftigung. Mit einer Bundeswehr Einzelkämpferausbildung im Gepäck und mit jahrzehntelanger Kickboxerfahrung, fand ich schnell einen Job im Sicherheitsdienst. Im Wachdienst war ich gut aufgehoben und hatte meine Ruhe, besonders vor lästigen Weibern. Frauen waren die Pest, der Ursprung allen Übels, sie hatten mich dahin gebracht, wo ich nie hin wollte, im Abgrund meiner Würde. Und doch hatte ich vor zwei Wochen wieder ein solches Wesen geheiratet.

Warum?

Fragen Sie nicht!

Dann sah ich SIE. Sie war eigentlich überhaupt nicht mein Typ. Kurze Haare, nicht die Schlankeste, watschelte wie eine Ente und mir war klar, dass diese Füße noch nie Highheels getragen hatten. Ich beobachtete sie eine Weile. Sie wirkte schüchtern, in sich gekehrt und vollkommen fehl am Platz. Von Selbstbewusstsein keine Spur. Viel zu emotional und ängstlich für diesen Job. Ich konnte mir nicht erklären, warum der Chef sich immer mehr solcher Weiber an den Eingang stellte. Ich fragte jemanden, der sich mit ihr auskannte und bekam die Antwort, dass sie über die Kampfsportschule kam, gerade ihre Ausbildung beendet, Fachabitur begonnen hatte und zum Überleben jobbte. Sie machte ihren Job, trotz anfänglicher Unsicherheit sehr gut, denn mit ihrem ausgeprägten Einfühlungsvermögen und Spürsinn konnte sie Menschen an der Nasenspitze ansehen, wenn sie etwas ausgefressen hatten. Ihre Drogen- und Waffenfundrate war erstaunlich hoch, das imponierte mir. Dennoch hatte sie es wohl bis dahin nicht leicht im Leben. Das in dem Fall nicht ganz so klassische Scheidungskind, geriet viel zu früh in die Fänge von falschen (kranken) Menschen, flog mit 15 wegen Unzumutbarkeit zu Hause raus und kämpfte seither einen unfairen Kampf mit dem Schicksal – Sie sehnten sich eigentlich nur nach Ruhe und Frieden in ihrem Leben. Kenne ich! Aber ich muss zu meiner Schande gestehen, dass mich ihre Geschichte nicht interessierte – das waren in meinen Augen psychologische Luxusprobleme. Sollte sie doch mal in meine Fußstapfen treten, dann hätte sie einen wirklichen Grund sich zu beschweren. Wie konnte man mit 18 psychisch so im Arsch sein? Lächerliches Weichei …

Sie passte nicht in mein übliches Beuteschema, aber sie hatte einen ansehnlichen Hintern und dicke Titten, darauf ließ sich aufbauen. Ich weiß nicht genau, was der Auslöser war, warum ich sie auf Anhieb mehr mochte als mir lieb war. Sie war so anders. Sie lachte über schmutzige Männerwitze, kam scheinbar grundsätzlich besser mit Männern klar, ließ sich allerdings partout nicht von ihnen anbaggern. Sie hörte ihnen zu, gab ihnen Tipps bei Liebeskummer und anderen Problemen und wurde somit zur Männerversteherin gekürt. Nur mich verstand sie nicht und scheinbar hatte sie auch kein großes Interesse daran mich zu verstehen. Für sie war ich nur der ständig schlecht gelaunte, unfreundliche und plumpe Frauenhasser – sie hatte Recht. Irgendwann ging sie auf mich zu und fragte mich – und das mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht – , warum ich eigentlich immer so finster gucke und zu allem und jedem unfreundlich bin.

Warum?

Ich erklärte es ihr. Mein finsterer Blick kam von der Migräne und den Rückenschmerzen, ich musste ständig Tabletten nehmen, richtig schmerzfrei war ich nie. Aber was dich nicht umbringt macht dich nur noch härter – Nachwehen von einem Fallschirmunfall. Irgendwie brachte sie mich auch dazu, ihr von der Operation Desert Storm im zweiten Golfkrieg zu erzählen und auch, dass ich seither einen irreparablen psychischen Schaden habe. Ich bin enttäuscht von der Welt, enttäuscht vom Leben und enttäuscht von der Liebe. Auch erzählte ich ihr bei dieser Gelegenheit, dass ich meine erste Ehefrau vor Jahren Inflagranti erwischt hatte und somit auf Frauen generell gar nicht gut zu sprechen war. Dass ich kürzlich wieder geheiratet und Kinder hatte, verschwieg ich und würde es auch für die nächsten zwei Jahre verschweigen, denn das ging sie gar nichts an. Und Ihre Reaktion auf meine Geschichte war tatsächlich Verständnis und ein Freundschaftsangebot – so von psychologischem Pflegefall zu Pflegefall. Ich war irritiert, ihre Reaktion passte nicht in mein Grundschema.

Tja …

Es dauerte ungefähr drei Monate, bis ich sie überzeugen konnte, dass sich Gegensätze anziehen und ich ohnehin der einzige auf der Welt war, der sie verstand und sich ernsthaft für sie interessierte. Außerdem irrte sie schutzlos und orientierungslos durch ihr Leben, war unfähig und brauchte dringend jemanden, der sie führte. Ich war ein guter Führer. Ich hatte alles im Griff, das zumindest gab ich ihr vor. Der Altersunterschied von knapp 12 Jahren war auch kein Problem, im Gegenteil. Sie bevorzugte die Reife und umfangreiche Lebenserfahrung, dennoch ließ sie sich nur zögerlich auf mich ein. Offenbar traute sie dem weichen Kern hinter der harten Schale nicht so recht: Sie sagte, sie hätte immer so ein komisches Gefühl, wenn wir zusammen wären und sie würde spüren, dass irgendetwas mit mir nicht stimmen würde. Ich hätte etwas Unheimliches an mir, eine negative Aura …

Sie hatte Recht …

Und auch ihre Freunde und ihre Familie hatte Recht …

Ich war tatsächlich eventuell nicht gut für sie …

Ja, ich gebe stolz zu. Ich bin der perfekte Lügner, vielleicht schon krankhaft perfekt und wenn ich etwas verbergen will, dann kommt dies auch niemals ans Licht. Ich behaupte sogar, ich bin imstande den perfekten Mord zu begehen und offenbar spürte sie, dass ich eine Menge zu verbergen hatte. Aber dennoch wollte ich sie von mir überzeugen und wusste, bei dieser Frau war es an der Zeit, Gefühle sprechen zu lassen. Es war also an der Zeit ihr zu sagen, dass ich sie liebe. Emotionaler Scheiß halt. Ich hatte die Hoffnung, dass somit ihr Eis brechen würde. Tja, und dann war es passiert. Sie fiel drauf rein. Sie sah von jetzt auf gleich in mir – trotz aller Gegensätze – den neuen Partner, dass sie nur eine Affäre sein sollte, wusste sie nicht.

Als ich wieder zu meiner Frau und meinem Kind (weit weg) an die holländische Grenze fuhr, erklärte ich ihr, dass ich in einem Sondereinsatzkommando der Bundeswehr arbeitete und eben immer mal wieder plötzlich für eine Zeit lang weg müsste. Sie dürfe keine Fragen stellen, denn das wäre streng geheim. Und wenn sie unsere Liebe nicht gefährden wollte, dann müsse sie das akzeptieren.

Sie akzeptierte es …

Und sie akzeptierte auch, dass ich es sehr gut fände, wenn sie sich von ihren verlogenen Freunden und ihrer Familie distanzieren würde. Sie taten unserer Beziehung nicht gut.

Es hätte alles so gut werden können …

Doch nach ein paar Monaten musste ich mir plötzlich immer mehr Ausreden einfallen lassen. Ich wusste nicht, was auf einmal ihr gottverdammtes Problem war. Dieses Weib stellte immer mehr Fragen! Und das, obwohl wir vereinbart hatten, dass sie keine Fragen stellen sollte. Sie fing an an meiner Liebe zu zweifeln, quatsche mich voll von wegen, sie würde es merken, dass ich nicht ehrlich zu ihr war. Immer wieder musste ich mir neue Ausreden einfallen lassen, um ihr Fragen zufriedenstellend zu beantworten. Das musste aufhören! Es reichte schon, wenn meine Frau mir mit ihrem Gejammer auf den Sack ging. Warum müssen Frauen immer so kompliziert sein?

Irgendwann ließ ich sie mit meinem Wagen fahren – ein BMW war eine andere Hausnummer als ein Twingo – und anstatt mir dankbar für diese Form von Vertrauen zu sein, hatte sie nichts Besseres zu tun, als in meinem Kofferraum herumzuwühlen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihre Einkäufe im Kofferraum platzieren würde, sonst hätte ich die Babynahrung und einen Karton verräterische Papiere schon vorher verschwinden lassen.

Es kamen Fragen auf …

Und ich gab ihr prompt die Antwort.

Als ich mit der Antwort fertig war, saß sie heulend in einem Meer aus zertrümmerten Möbelstücken. Nein, ich habe sie nicht angerührt. Ja, das mit den Möbeln tat mir später leid. Ich hab mich eben manchmal nicht im Griff und es kam öfters vor. SORRY!

Aber irgendwie machte sie mich ständig wütend …

Es machte mich wütend, dass ich etwas für sie empfand …

Ja, ich glaube, ich begann sie wirklich zu lieben …

… und ich war verheiratet!

Als Entschädigung und zum Beweis meiner grenzenlosen Liebe, zog ich mit ihr in eine neue, gemeinsame Wohnung. Es war eine Entscheidung fürs Leben, denn mit diesem Tag, trennte ich mich von meiner Frau und meinem Kind, allerdings ohne das Wissen aller Beteiligten. Für meine Ex war ich einfach untergetaucht, nicht mehr auffindbar und erreichbar, dass sie mich suchen würde, ahnte ich ja nicht. Vermisstenanzeige, Melderegister, plötzliche Briefe an die neue Adresse … ich hatte in Sachen Perfektion noch viel zu lernen.

Die ersten Wochen in der neuen Wohnung liefen ganz gut, bis wieder ungünstige Umstände und Indizien dazu führten, dass sie misstrauisch wurde und Fragen stellte. Wenn dieses undankbare Miststück wüsste, was ich alles für sie aufgegeben habe?! Konnte sie sich nicht einfach damit zufrieden geben, dass ich bei ihr war?

Ich verlor wieder die Geduld und dann die Beherrschung. Diesmal war es anders. Sie schien unbeeindruckt von meinem Wutanfall, den ich auf das Mobiliar im Schlafzimmer richtete, außer dass sie sagte: „Auwaia, mach mal eine Therapie!“

Das hätte sie nicht sagen dürfen, nicht in dieser Situation. Ich hatte schon genug Therapien hinter mich gebracht, die zu nichts führten, weil die ganzen Psychiater keine Ahnung vom Leben hatten…

Fresse halten, Schätzchen, wenn man keine Ahnung hat …

Nachdem ich mit ihr fertig war, konnte sie zwei Wochen nicht vor die Türe. Sie sah schlimm aus und dabei hatte ich extra aufgepasst ihr nicht ins Gesicht zu schlagen. Wegen der Spuren, wissen sie? Dennoch waren ihre Augen so blau, wie nie zuvor …

Es tat es weh sie so zu sehen. Ich hasste sie dafür, dass das passiert ist und ich hasse sie noch mehr dafür, dass sie mich zum Weinen gebracht hat. Ich hatte seit Desert Storm nicht mehr geweint. Meine Tränen haben sie scheinbar mehr schockiert als mein Gewaltausbruch. Sie sagte nichts. Machte mir auch keine Vorwürfe. Das hätte sie sich wagen sollen. Sie war doch selbst schuld?

Sie nahm mich einfach in den Arm. Ich kann solche Zärtlichkeiten nicht ertragen …

„Ich kann es fühlen, dass es dir aufrichtig leid tut.“

„Halt`s Maul und fass mich nicht an!“

„Okay, ich werde mich einfach trennen!“

„Wenn du das tust, lege ich dich um!“

Sorry, war nur ein Scherz …

Denke ich …

Irgendwie war danach der Wurm drin. Sie war misstrauisch und merkwürdig still geworden.  Sie lief wie ein scheues Reh um mich herum, immer auf der Hut, vor einem weiteren Ausbruch. Allerdings lauerte sie aus dem Hinterhalt. Sie wartete auf einen Fehler. Ich wusste, sie würde keine Ruhe geben, bis sie die Wahrheit über mich heraus fand und sie war nahe dran. Ich hatte sie unterschätzt, sie war nicht so dumm, wie ich anfangs dachte. Und ich war mir sicher, wenn sie die Wahrheit herausfinden würde, dann würde sie mich verlassen. Der Gedanke war unerträglich. Das durfte ich nicht zulassen.

Ja, ihre Gefühlsscheiße ging mir auf den Sack und irgendwie waren wir in allem inkompatibel, selbst im Bett. Es machte ihr nie Spaß. Immer wieder beschwerte sie sich, dass ich zu grob sei. Sie stellte sich auch immer an.

Ich brauchte sie.

War das diese Liebe?

Liebte sie mich eigentlich?

Sie hatte es lange nicht mehr gesagt …

[Ich muss an dieser Stelle mal die Erzählform ändern … ]

1999

März

Ich habe gestern Abend vollkommen die Kontrolle verloren. Ich hasse mich selber dafür. Warum hat sie es auch wieder so auf die Spitze getrieben? Wir saßen im Wagen und waren auf dem Heimweg als sie plötzlich dieses Papier aus dem Handschuhfach zog und mich fragend ansah. Sie hatte diese verdammte schriftliche Vereinbarung von mir und meiner Frau, wegen unseres Sohnes gefunden. Sie hatte schon wieder geschnüffelt und ich keine passende Antwort parat. Sie wusste alles! Sie würde mich jetzt verlassen, das wusste ich. Auch wenn sie ruhig war und mich bat ihr endlich die ganze Wahrheit zu sagen, denn sie würde langsam die Geduld verlieren. Ehrlichkeit in der Beziehung sei wichtig… BLA BLA!

BLA!

Die Geduld verlieren?

Ihr Gerede machte mich plötzlich unsagbar wütend. Ich hatte damals meine ganze Familie für sie aufgegeben, bedeutete das denn gar nichts für sie? Ich riss ihr das Papier aus der Hand brüllte sie an. Unsere Blicke trafen sich …

„Beruhige dich bitte. Halt an und wir reden in Ruhe!“

Ich sah, wie ihre Hände zitterten. Sie ahnte scheinbar schon, was kam. Anhalten? Wofür anhalten!? Ich schlug ihr ohne Vorwarnung ins Gesicht. Unendlich lange Sekunden des Schocks und des Schweigens vergingen als sie plötzlich mit blutender Lippe schrie, ich sollte anhalten, sie wolle aussteigen. Ich hielt nicht an. Eine Entscheidung, die sie dazu veranlasste die Türe aufzureißen, um noch während der Fahrt, mitten im finsteren Nirgendwo auszusteigen.

Ich gab Gas und fuhr ihr über den Bürgersteig hinterher. Ich wollte ihr doch nur Angst einjagen. Ich wollte, dass sie einsichtig war und dass sie wieder einstieg und vor allem wieder vernünftig wurde. Doch offenbar glaubte sie tatsächlich, dass ich sie über den Haufen fahren wollte: Sie schrie mich durch das geöffnete Fenster an, ob ich jetzt vollkommen den Verstand verloren hätte, sie umbringen wollte:

„Du bist krank, Thomas!“

Ich mag es nicht, wenn sie so etwas sagt. Ich gab wieder Gas, drängte sie mit dem Wagen an eine Mauer. In ihrer Verzweiflung trat Sie mit aller kraft gegen den Kühler und schließlich auch gegen den Scheinwerfer, der zerbarst. Erschrocken blickte sie mich an und ich wusste, was sie sagen wollte. „Oh, das tut mir leid, dass ich dein Auto kaputt gemacht habe, das wollte ich nicht!“ Ihre Angst, Ihre stumme Entschuldigung, Ihre Tränen machten mich rasend. Konnte dieses Miststück nicht einmal Würde zeigen und sich gegen mich wehren?

Wieder gab ich Gas, doch sie wich aus, flüchtete über die Straße und kletterte über die Leitplanke. Ich wusste, sie würde nicht weit kommen, hinter der Leitplanke war ein relativ steiler Abhang, das Wiedtal eben. Ich stellte den Wagen ab und beschloss ihr hinterher zu rennen. Sie würde ihre Abreibung bekommen und sie würde es nie wieder wagen, mir hinterherzuschnüffeln oder meine Unwahrheiten anzweifeln.

Sie schrie mich aus der Ferne an, dass ich sie in Ruhe lassen sollte und dass es ihr Leid täte, dass sie misstrauisch war. Nein, es tat ihr nicht leid. Dass sagte sie nur, weil sie Angst hatte. Sie begann den Abhang hinunter zu klettern, hielt sich an Bäumen, Sträuchern und Felsen fest.

„Bleib stehen, du blöde Schlampe!“

„Geh weg, lass mich in Ruhe! Du bist Irre!“

Sie hatte wohl vergessen, das ich Bundeswehrsoldat bin, was? Ich habe 5 Menschen erschossen und dieses hysterische Weib im Dunkeln einzufangen war für mich ein Klacks. Außerdem trug sie eine gelbe Trekkingjacke, die leuchtete sogar im Dunkeln. Sie war nicht zu übersehen. Ich holte auf, hatte sie fast eingeholt. Sie stürzte und blieb heulend liegen. Ich hörte ihr panisches Atmen und ihr Flehen, sie einfach in Ruhe zu lassen. Aber ich wollte sie nicht in Ruhe lassen. In dem Augenblick, in dem ich sie an den Haaren packte und mein Gesicht über ihres beugte, passierte etwas Seltsames in mir. Es kam irgendwo aus meinem tiefsten Inneren und entlud sich mit jeder weiteren Sekunde gefangen in diesem magischen Moment, meines Hasses, meiner Verletzungen und meines Schmerzes. Sie allein war Schuld an meinem verkorksten Leben.

Sind das die Momente in denen Menschen andere Menschen im Affekt töten?

Sie kannte die Antwort, genau, wie ich sie kannte…

Sie legte ihre vor Angst zitternden Hände auf meine Wangen und sagte:

„Ich weiß, dass du das hier nicht willst. Ich weiß, irgendwo tief in dir wird das Gute siegen. Lass mich gehen!“

„Halt`s Maul!“

Ich schleuderte sie zu Boden und trat zu. Ich wollte, dass sie ihre dumme Fresse hielt und mich nie wieder mit ihrem emotionalem Scheiß vollaberte und nie wieder das Gute in einem Menschen … in mir … suchte.

Ich schlug auf sie ein, sagte, dass ich sie liebe und spürte, wie ich dabei immer mehr die Kontrolle verlor. In der Dunkelheit sah ich sie nur schemenhaft. Ich spürte nur ihren Körper und etwas Feuchtes auf meinen Händen. Vielleicht Tränen und Rotz, vielleicht auch Blut. Es war mir egal. Irgendwann hörte ich ihr leises Flehen, dass ich sie doch einfach umbringen sollte, dann hätte diese ganze Scheiße ein Ende. Für einen kurzen Augenblick wollte ich ihr den Gefallen tun. Es wäre das Beste für uns beide. Ich umklammerte ihren Hals und drückte zu. Ich drückte zu und konnte nicht mehr aufhören. Verdammt, ich konnte nicht mehr aufhören …

… und sie wehrte sich immer noch nicht!

Unendlich lange, kampflose Sekunden vergingen …

Plötzlich brach die Hölle los. Martinshorn kreischte durch die Nacht, Reifen quietschten, Blaulicht erhellte das Waldstück, mahnend, eindringlich. Ich ließ sie erschrocken los. Türen knallen. Männerstimmen. Taschenlampen, deren Kegel sich ihren Weg durch das Dickicht bahnten und plötzlich auf mich herunter leuchteten. Erst jetzt konnte ich sehen, wie weit unten wir am Hang gelandet waren. Meine Augen suchten nach ihr, doch sie lag nicht mehr da, wo ich sie zuletzt vermutete. Sie hatte die Flucht ergriffen.

Braves Mädchen.

Lauf! Ich glaube, es wäre schlecht, für mich, wenn dich jemand so sieht.

„Hallo? Was ist hier los? Alles in Ordnung mit ihnen?“, rief ein Polizist von der Straße.

Ob mit mir alles in Ordnung war? Natürlich!

Ich stieg ruhig und entspannt hinauf.

„Da hinten ist doch noch jemand! HALT STEHEN BLEIBEN!“

Ein zweiter Beamter kletterte den Hang hinunter und nahm die Verfolgung auf.

Oben angekommen starrte mich ein weiterer Polizist fragend an: „Was ist hier los? Jemand hat uns gerufen, da hier jemand mutwillig von einem Auto angefahren wurde?“

Ich lachte und erklärte ihm, dass dieser Anrufer sicherlich da etwas falsch verstanden hätte. Meine Freundin wäre nur mal wieder etwas „schwierig“, wenn er verstehen würde, was ich meinte. Er verstand es offensichtlich nicht und hielt mich mit ernster Mine fest.

Der andere Polizist hatte aufgehört zu rufen und kam wenig später mit ihr im Schlepptau zurück. Ich stand auf der anderen Straßenseite und erstarrte als ich im Scheinwerfer Licht des Streifenwagens ihr Gesicht sah. Sie sah schlimm aus. Ihr ganzes Gesicht war Blut verschmiert, auch die gelbe Jacke: Es war meine Jacke. Die Flecken werden niemals rausgehen.

Ich rufe den RTW, rief der Beamte meinem Aufpasser über die Straße, woraufhin sie ein schrilles aber entschlossenes „NEIN“ kreischte.

„Ich brauche keinen Krankenwagen, ich brauche eine Knarre!“

Dann rastete sie plötzlich vor den Augen der Polizisten völlig aus.

„Du blödes Arschloch! Ich hasse dich! Ich mache dich fertig! Ich bringe dich um!“

Halbherzig griff sie nach der Polizeiwaffe, wurde aber rasch davon abgehalten, es weiter zu versuchen. Ich wusste gar nicht, dass sie zu derartigen Wutausbrüchen fähig war und das auch noch im Beisein solcher Respektspersonen?

Immer wieder versuchte sie von der anderen Straßenseite zu mir zu gelangen und gab ein lächerliches Schauspiel ab, die nach mehrmaliger Ermahnung durch den Polizeibeamten, fast in Handschellen geendet hätte. Ich verstand nicht, was sie da veranstaltete, aber es gefiel mir. Es war mein Alibi. Ich hatte nichts getan, sie war hier diejenige, die gerade die Beherrschung verloren hatte. Irgendwann verschwand der Beamte mit ihr aus meinem Sichtfeld und sie kamen lange nicht wieder. Das machte mich nervös. Nicht, dass sie am Ende doch noch auspackte … tat sie aber nicht, auch wenn der Polizist lange auf sie einredete und ihr sogar seine Telefonnummer gab – blödes Arschloch! Er wollte sie wohl ficken, was?

Apropos…

Ich wollte mich in dieser Nacht aufrichtig bei ihr entschuldigen. Wollte ein einziges Mal versuchen zärtlich zu sein. Doch sie saß stumm im Wohnzimmer und starrte ins Leere. Das war irgendwie gespenstisch. Sie sah durch mich hindurch und reagierte auf nichts. Nur wenn ich sie berührte, dann zuckte sie zusammen und wurde wie auf Knopfdruck aggressiv.

Ich glaube, ich habe es dieses Mal übertrieben … aus Angst vor ihrer Rache, schlief ich in dieser Nacht mit meinem Schlagstock unter dem Kissen.

Am nächsten Tag habe ich mich selbst angezeigt, in der Hoffnung, dass sie mir glaubt, dass es mir wirklich Leid tut und das sie irgendwie wieder normal wurde. Ihre Antwort als ich sie bat, ihre Aussage gegen mich zu tätigen war:

„FICK DICH!“

Ich finde es toll, wie unglaublich erwachsen und sachlich sie sein kann, wenn es drauf ankommt, dafür hätte ich ihr glatt wieder eine reinhauen können.

Aber ich tat es nicht …

APRIL

Seit diesem Geschehen, war nichts, wie es mal war…

Sie hat einfach nicht mehr alle Tassen im Schrank. Es scheint als hätte sie bei dieser letzten Eskalation ihr Gehirn im Wald verloren. Sie macht nur noch scheiße. Redet wirres Zeug und benimmt sich wie eine Gehirnamputierte. Sie ist ständig am Heulen, ständig besoffen und hat mich allen Ernstes gefragt ob ich eine Dealer kenne. Heute hat sie sich mit einer Schnapsflasche im Schlafzimmer eingeschlossen, hörte ohrenbetäubend laute Musik und sang wie eine Irre mit. Ich höre nie Musik. Ich hasse Musik.Was zum Teufel bringt ihr das?

Mittlerweile lässt sie sich bei jeder Gelegenheit volllaufen, rastet immer wieder verbal aus, verletzt sich selbst. Außerdem lässt sie mich schon lange nicht mehr ran. Sie sagt, sie könne es nicht mehr ertragen von mir oder von überhaupt jemand angefasst zu werden. War mir ohnehin zu anstrengend. Sex kann mit Weibern sowieso nie so gut sein, wie ich ihn mir beim W**en vorstelle.

Und dann schmeißt sie auch noch ständig das Geld zum Fenster raus. Wenn ich sie noch einmal mit einem Geldspielautomat oder im Casino erwische, dann ist sie fällig …

MAI

Das werde ich ihr nie verzeihen!

Diese blöde Kuh hat es wirklich getan!

Sie hat versucht sich umzubringen. Ich fand sie im Wohnzimmer. Sie lag auf dem Boden und war kaum ansprechbar. Im Hintergrund lief Falco. Diese CD lief schon seit Tagen ununterbrochen.

Schlaftabletten…

Auf einem Zettel stand:

Hab mich ergeben …

Muss ich denn sterben …

… um zu leben?

Ich schrie sie immer wieder an und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Fragte sie, ob sie wüsste, was sie da getan hätte und warum sie mich so hassen würde, dass sie mir das antat …

„Lass mich sterben…“

Ich wollte einen Krankenwagen rufen, aber habe es nicht getan. Sie hätten zu viele Fragen gestellt und sie hätten sie in eine Psychiatrie eingewiesen. Dort hätten sie noch viel mehr Fragen gestellt… und sie von mir weggerissen.

Das konnte ich nicht zulassen …

Ich musste sie zum Kotzen bringen …

Ich schüttete so viel Milch in sie rein, bis ihr Magen leer war. Dann legte ich sie ins Bett und hoffte, dass sie irgendwann wieder aufwachte und mir auf ewig dankbar sein würde.

War sie aber nicht …

VORLÄUFIGES ENDE

Wer es bis hier hin geschafft hat, dem danke ich von ganzen Herzen.

Die Fortsetzung aus einer anderen – dann aus meiner –  Perspektive folgt. Und glaubt mir, es wird filmreif und es wird sehr spannend …

In diesem Sinne:

„Wenn man einmal in die Finsternis gesehen hat, vergisst man diesen Anblick nie wieder“,

(Aus dem Film „An american Haunting – der Fluch der Betsy Bell)

Und …

Die Zwischenmenschliche Liebe ist meine größte Angst und tatsächlich Auslöser für meine Angsstörung. Ich weiß bis heute nicht, was Liebe ist und wie es sich anfühlt angstfrei zu lieben, und das tut mir (besonders für meinen Mann) manchmal sehr, sehr leid.  <3

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Die Liebe – weil es so schön ist warm zu sein …

Mann, jetzt hab ich aber echt die Schnauze voll! 👿

Schon seit Tagen sitze ich hier vor diesem Bildschirm und spiele wieder dieses stupide Buchstaben schreiben, Buchstaben löschen Spiel. Egal, was ich hier auch versuche, ich finde weder die richtigen Worte, noch nicht einmal belangloses Blabla für einen simplen Einstieg. Und selbst wenn man diese ersten Sätze hier als Einstieg nehmen würde, wüsste ich jetzt gar nicht, welche Worte nach diesen folgen sollten. Nein, es ist nicht einfach bloß eine Schreibblockade, es ist mehr. Ich bin vollkommen durcheinander geraten, finde mich nicht mehr zurecht in meinem Innenleben, was mich erheblich beeinträchtigt. Mein Alltag besteht nur noch aus Chaos und Verwirrung. In meinem Kopf ist irgendwie nur noch Stroh, mein Verstand ist OUT OF ORDER, Bauch und Herz betteln um Gnade und über allem liegt die stumme Frage: Hallo? Wo wird das noch enden? 😮

Ich bin so unfähig im Moment … 😡

Beruflich eine Katastrophe …

Arbeiten ist derzeit eine ganz besonders große Herausforderung, besonders wenn die Aufgabenstellung aussieht, wie folgt:


Bericht Nr.1
In diesem Bericht geht es um den Bereich MSI und Safety. Was passiert in diesen Bereichen in den nächsten 10/20 Jahren? Auf was müssen wir uns gefasst machen?


Hallo? Woher soll ich das wissen?! 😯

Auch eine 25 Minuten Rede zur Weihnachtsfeier eines großen Unternehmens für rund 1000 Mitarbeiter fiel mir in den letzten Tagen extrem schwer. Um eine Rede schreiben zu können, braucht es eben einen klaren Kopf und einen ungestörten Zugang zu meinen Emotionen.

Womit wir auch wieder bei meinem derzeitigen Hauptthema wären …

Langsam nimmt mein Zustand echt ungeahnte Ausmaße an. Es fühlt sich gerade so an, als würde ich mich in meinem Oberstübchen ständig in der Türe irren und dabei ständig versehentlich in  geschlossene Gesellschaften biochemischer Geheimtreffen platzen. Ein fieser, emotionsloser Haufen, der sich gegen mich verschworen hat. Unzählige Neurotransmitter starren mich finster an, bevor sie mich unsanft rausschmeißen und entrüstet rufen: „Raus! Du hast hier nichts zu suchen! Für Dich und Deinen Gefühlskram haben wir hier keinen Platz!“  😥

Fuck you! 👿

Ja, und so vegetiere ich weiter mit einem augenscheinlich „normal“ für Emotionen verantwortlichem System durch das Leben und fühle mich täglich immer mehr fehl am Platz … fremd … verloren … durcheinander … whatever! 😮

Meine Therapeutin geht mir inzwischen auch auf den Sack …

Nebenbei bemerkt, falls jemand das Gefühl nicht los wird, dass dieser Blogeintrag heute außergewöhnlich emotionsgeladen ist – stimmt! 😀

Ich verstoße heute bewusst gegen die Regeln, ich rebelliere, lehne mich auf, breche aus diesem Albtraum aus – ja, ich habe heute meine Tabletten nicht genommen. Ja, ich brauche heute verdammt nochmal diesen Rausch, meine Droge, nach der ich süchtig bin. Das Fühlen ist mein Lebenselixier, ohne meine extremen Emotionen gehe ich kaputt. Ja, das hätte ich bis zuletzt auch nicht gedacht, denn es gibt genügend Situationen in denen extreme Emotionen kontraproduktiv sind. 😀

Ich erinnere mich da gerade an eine Situation die mir vor vielen Jahren mal passiert ist und in der mich die Willkür eines dorfbekannten Ordnungsbeamten (in zivil) emotional so auf die Palme gebracht hat, dass ich nur knapp einer Klage wegen Beamtenbeleidigung und Bedrohung entgangen bin. Ich sehe ein, dass so Äußerungen, wie „Witzfigur“ oder  „Ihre Frau hat Sie wohl lange nicht mehr rangelassen“ vielleicht nicht so klug sind, aber genau das ist das Problem. Wenn ich wütend werde – und das dauert in der Regel sehr, sehr, extrem  lange, – dann gehen auch mal die Pferde mit mir durch.

Ich habe damals übrigens nur vor einer Telefonzelle mein Auto abgestellt und auf jemanden gewartet – mehr nicht. Das Ende vom Lied: Weil ich ihm nicht meinem Personalausweis aushändigen wollte, rief er die Polizei. Ich habe ihm daraufhin angeboten, ihm eine reinzuhauen, damit sich die Anzeige auch lohnen würde, was er wiederum als Bedrohung auffasste. Es ging aber alles gut, ich musste mich nur einen Tag später aufrichtig bei ihm entschuldigen … was ich auch zähneknirschend getan habe. 😳

Trotzdem war er ein Arschloch … 😀

An meine emotionsbedingte, unkontrollierte Unsachlichkeit musste sich Andi (mein Mann) auch gewöhnen … die Nicki ist dann eben mal wieder „schwierig“ … er findet es in der Regel amüsant … ich äußerst problematisch. 😀

Aber jetzt … ?

Jetzt ist gerade gar nichts problematisch …

Wahnsinn! <3

Ich fühle wieder diese Wärme… Wärme im Bauch, im Herzen und im ganzen Körper. Ich genieße jede Sekunde, in der das Leben wieder durch meine Adern fließt. Egal, was da auch gerade in mir aufsteigt, ich heiße es willkommen, mit allen Konsequenzen. Von mir aus auch mit Tränen oder mit einem gigantischen (allerdings verräterischen) Lachanfall.

Mit diesem Video habe ich mich heute verraten … ich hab mich so Schrott gelacht … und tue es immer noch. 😀

Zack!

Verraten … 😀

Wenn ich lache, merkt mein Mann sofort, dass ich meine Tabletten nicht genommen habe. Er meint, ich würde dann bescheuert werden … als wenn ich Drogen genommen hätte. Meine große Tochter hingegen merkt sofort, wenn ich unter Medikamenten stehe, denn sie vermisst ihre bescheuerte Mutter. 😀  <3

Bald mein Kind …

Wie früher …

Hier der Beweis – that`s me and my doughter Hanna im Jahre 2010!

Achtung, emotionsgeladen und extrem bescheuert! 😀

Ja, und im Moment fehlt mir „auf Tabletten“ irgendwie die Fähigkeit zum bescheuert sein. 🙁 Ich mutiere zu einer langweiligen, talentlosen Spießerin. Ich habe nach wie vor ein ernsthaftes Problem mit dieser Entwicklung, die eben ein wichtiger Bestandteil des Heilungsprozesses ist. Womit wir dann auch wieder bei meiner Aussage von oben wären:

Meine Therapeutin geht mir auch auf die Nerven!  😀

Natürlich habe ich ihr von dieser unendlichen Leere in mir erzählt. Für sie scheine ich allerdings nur ein faszinierendes Versuchsobjekt zu sein, was man nicht alle Tage auf der Couch sitzen hat. Sie ist jedes Mal vollkommen von den Socken, mit was für neuen Erkenntnissen und Selbstversuchen ich daherkomme. Aber am meisten ist sie begeistert, wie ein hochsensibler und somit extrem emotionaler Mensch reagiert, wenn ihm genau diese Sensibilität und Emotionalität auf ein Mindestmaß reduziert, bzw. teilweise ganz genommen wird. Sie findet es „interessant“, wie ich innerlich durchdrehe.

Interessant … so so …

Aber gut, ich verzeihe ihr das … ansonsten macht sie ihren Job ziemlich gut und es gibt tatsächlich nichts, was ich nicht erzählen würde … selbst dass ich manchmal die Tablette vergesse … was sie übrigens auch „interessant“ findet. 😀

Apropos interessant …

Was wollte ich eigentlich mit diesem Eintrag heute sagen? 😮

Keine Ahnung …

Vielleicht wie es sich anfühlt ein biochemischer Rebell zu sein …

In diesem Moment, ist es tatsächlich der Himmel auf Erden …

Ich fühle wieder etwas …

Ich fühle sogar eine ganze Menge …

Mir kommen die Tränen…

Ja, ich fühle wieder das, was zu meinem Lebensmotto geworden ist – ähnlich wie das Karma-Ding, – und was Osho einst so ausdrückte:


„Das Richtige in den Händen des Falschen wird falsch, und das Falsche in den Händen des Richtigen wird richtig.

Macht euch also keine Gedanken darüber, was ihr tut. Bedenkt nur eines: Was ihr SEID. Dies ist eine entscheidende Frage-Tun oder Sein. Alle Religionen befassen sich mit dem Tun. Ich befasse mich mit dem Sein. Wenn dein Sein richtig ist, und mit „richtig“ meine ich: selig, still, friedlich, liebevoll-, dann ist alles, was du tust, richtig. Dann gibt es keine anderen Gebote mehr für dich außer einem: SEI einfach.

Sei so total, dass in deiner Totalität kein Schatten mehr möglich ist. Dann kannst du überhaupt nichts falsch machen. Die ganze Welt kann sagen, dass es falsch ist, aber das ist egal. Was zählt, ist dein eigenes Sein. Auf dein Sein kommt es an, einzig und allein auf dein Sein.

Liebe dich selbst, respektiere dich selbst, respektiere deine eigene Stimme. Höre ihr zu und befolge, was sie sagt!

Die Existenz ist unser Spiegel, sie ist unser Echo. Alles, was wir tun, wird uns zurückgegeben. Wenn wir sie anschreien, schreit sie uns zurück an. Wenn wir ihr ein Lied singen, wird uns das Lied zurückgegeben. Die Existenz sagt nie „Nein“. Sie sagt immer „Ja“. Weil sie uns liebt.

Aber wir stehen der Existenz gegenüber gleichgültig, wir sind zu ihr nicht liebevoll. Wenn du einmal anfängst, alles, was ist, zu lieben – die Flüsse, die Berge, die Sterne, die Menschen, die Tiere – wenn du einmal anfängst, dich mit tiefer Liebe auf das Leben einzulassen, wenn du dich einmal erwärmst, dann erwärmt sich die ganze Existenz für dich…

Die Liebe…

Eine grundlose Wärme – einfach weil es so schön ist, warm zu sein.

(Osho)


Ja, es ist wunderschön …

Ich trage nicht ohne Grund das Zeichen der Liebe in meinem Nacken -ich werde die paar Monate auch durchhalten!

<3

Bis bald mal wieder

P.S.:

Ja, ich werde meine Tabletten morgen wieder nehmen …

Wenn die Geister der Vergangenheit spuken

Da bin ich mal wieder und irgendwie weiß ich gar nicht so recht, wie ich nach „Freitag dem 13.“ einen passenden Einstieg finden soll. In meinem letzten Beitrag schrieb ich nämlich über Freitag den 13. und dessen positiver Bedeutung für mich. Allerdings war ich letzten Freitag auch irgendwie schlecht drauf und beschwerte mich über meine anhaltende Schreibblockade und den abartigen Geschmack von Jim Beam Cola. Allerdings hatte ich nicht einmal annähernd daran gedacht, dass mir dieser Text an nächsten Morgen, regelrecht im Hals stecken bleibt. Die volle Breitseite der Realität traf mich mit der Meldung über die Anschlagsserie in Paris, in der Nacht zuvor. Soll heißen, während ich diesen stumpfsinnigen Müll schrieb (und diesen auch in Alkoholform in mich hinein kippte), wurden in knapp 550 Kilometer Entfernung Menschen von geisteskranken Islamisten getötet. :'(

Erschütternd …

Unbegreiflich …

Traurig …

Krank…

Und eigentlich wollte ich den Blogeintrag löschen. Ich lasse ihn aber stehen, um mich selbst immer wieder daran erinnern zu können, was ich am Freitag den 13.11.2015 gegen 22.30 Uhr gemacht habe. Erst diese Tatsache hat mir so richtig vor Augen gehalten, dass es jeden Menschen und in jeder Situation treffen kann … eben dann, wenn man selbst am wenigsten damit rechnet. 🙁

Und ich merke gerade, wie schwer es mir fällt, nach diesem Thema zur Tagesordnung überzugehen, um meinen ganzen angestauten Luxusproblemen freien Lauf zu lassen …

Vielleicht beginne ich damit, dass ich mir gestern Abend, wie jedes Jahr, ein Theaterstück im Nachbarort angeschaut habe. Ja, ich finde Theater ist eine ganz bemerkenswerte Form der Kunst. Allerdings, habe ich es bei den Besuchen in den vergangenen Jahren immer als hochgradig unangenehm empfunden, fast 3 Stunden lang mit so vielen Menschen auf engem Raum zusammen sein zu müssen. Die Stühle sind immer so eng gestellt, dass man regelrecht von Körpern eingekesselt wird und man sich zwangsläufig berühren musste. Meine Intimdistanz wurde somit immer wieder von Fremden durchbrochen, was mich natürlich in Alarmbereitschaft gesetzt hat. Es hatte etwas Bedrohliches, somit war ich bei dieser Veranstaltung immer sehr angespannt.

Zur Erklärung: Die Intimdistanz ist ein Abstand bis 50 Zentimeter oder auch darunter. In diesem Bereich dürfen sich bei mir nur ganz wenige Menschen aufhalten, enge Freunde, Familie, sehr vertraute Personen. Berührungen, Geruchs- und Atemwahrnehmung inklusive. Ja, meine persönliche Distanzzone ist ziemlich hart zu knacken. Wer also von mir freiwillig umarmt oder berührt wird, kann sich darauf etwas einbilden. 😀

Diese eingeschränkte Distanzzone war bei diesen Theaterbesuchen immer eine ganz besondere Herausforderung, die ich aber stets umging. Denn das Einzige, was diesen alljährlichen Horror erträglich machte, waren die durchaus ansehnlichen und humorvollen Aufführungen, inklusive genialer Schauspieler und die Tatsache, dass ich stets in Begleitung dort war. Ich saß also nur neben Menschen, die ich kannte und mit denen ich gemeinsam vor Ort war – es war quasi eine Vermeidungshaltung. Dieser Vermeidungstaktik wollte ich dieses Mal aber einen Strich durch die Rechnung machen und beschloss kurzerhand, mir diesen Horror der geringen Distanz ganz bewusst anzutun. Ich wollte zudem, das Verlorensein testen, es allein in einer Menschenmenge auszuhalten, bzw. Blickkontakt ertragen und ggf. diesen erwidern und mich eventuell auch dem Smalltalkzwang hingeben, wenn ich in den Aktpausen alleine herumstehe. 😯

Ich prüfte so gegen 19.30 Uhr nochmal ganz genau nach, ob ich meine Tabletten genommen hatte … 😀

Ja, und so trug es sich zu, dass ich mich gestern Abend, – nach langem Suchen nach fadenscheinigen Ausreden – sichtlich nervös, auf den Weg machte und „es einfach geschehen ließ“.

Ich betrat mit klopfendem Herzen das mit vielen Menschen gefüllte Foyer und spürte wie sich die anfängliche Anspannung in Unwohlsein änderte. Das Präsentierteller-Feeling stellte sich prompt mit den neugierigen Blicken der wartenden Menschen ein und tat seine quälende Wirkung. Instinktiv reagierte ich mit einem freundlichen Lächeln und einem Kopfnicken, suchte mir schnellstmöglich meinen Weg zur Garderobe, lief dabei an weiteren Menschen vorbei, lächelte, hielt Blickkontakt – verdammt, das Leben kann so einfach sein. 😀

Dann kam die nächste Hürde. Die Suche nach meinem Sitzplatz. Mein Stuhl stand tatsächlich genau in der Mitte des Saals und ich hatte zunächst Schwierigkeiten Reihe und Sitzplatznummer auszumachen. Ich irrte kurz durch die Reihen und hatte das Gefühl, als würden die Stühle in dieses Mal noch enger zusammenstehen, als in den letzten Jahren. Und in der Tat setzte ich mich auf den letzten freien Stuhl mit der Nummer 100 in der 5. Reihe. Links ein Paar, schätzungsweise Mitte 40, rechts von mir eine Gruppe kichernder Frauen mittleren Alters, vermutlich ein Verein. Vor mir ebenfalls ältere Herrschaften, die sich alle kannten. Mein Plan war geglückt, ich war mutterseelenallein unter vielen. 002

Für diesen Fall hatte ich mich mit meinem Notizbuch bewaffnet, um die Eindrücke und Empfindungen aufzuschreiben. Allerdings war das Ergebnis etwas dürftig. Zum einen, weil meine Emotionen sich ja ohnehin derzeit wegen der Medikamente verstecken, zum anderen saß ich mit meinen Sitznachbarn so eng aneinander, dass  sie mir ständig in mein Buch guckten. 😀

Irgendwann ging das Licht aus.  Ich fühlte mich ausgeblendet, ungesehen und plötzlich fühlte ich mich richtig wohl.

Doch dann…

Plötzlich ein lauter Knall, rötliches Licht, wie bei einer Explosion, dann stieg Rauch von der Bühne auf. Aber scheinbar war ich die Einzige, die für einen Bruchteil einer Sekunde dachte, das der Terror nun auch nach St. Katharinen gekommen war. Aber es war nur die visuelle und akustische Darstellung von Teufels Großmutter, die aus der Hölle nach oben gekommen war. 😈

Ja, und dann, nach knapp drei Stunden und einigen Smalltalk-Begegnungen war es dann vorbei. Jedenfalls war dieses Erlebnis eine weitere Erfahrung in meinem Kampf gegen meine Angst vor allem und jeden. 🙂

Ja, ich denke, dieser Bericht von gestern Abend war ein guter Einstieg, für die Tagesordnung, die jetzt folgen wird.

Apropos Tagesordnung …

Ich glaube, es gab in meinem Leben noch keinen Tag, an dem Ordnung geherrscht hat. 😀 Nein, Ordnung ist etwas für die anderen … in meiner Welt regiert das Chaos. Und deshalb waren die letzten Wochen auch wieder die Basis von Verwirrung, Höhenflügen und tiefen Fällen.

Diese Woche hatte ich wieder einen Termin bei meiner Therapeutin und irgendwie dachte ich am Abend vorher darüber nach, dass wir die Hälfte der Gesprächstherapie ja bestimmt bald schon durch hätte und ich sicherlich keine Verlängerung brauchte. Nee, wozu auch?  Die meisten Geister der Vergangenheit hatte ich doch auch schon vorher – und ohne professionelle Hilfe – verjagt!? 😎

Hatte ich doch, oder?

Am Abend vorher lag ich im Bett und suchte nach Schlaf, fand ihn aber nicht. Das war komisch, denn ich konnte in den letzten Wochen, durch die Tabletten eigentlich relativ schnell einschlafen. Dann lag ich da und stellte mir vor, wie das morgige Gespräch vonstatten gehen würde. In der Regel läuft es dort so ab: Wir plaudern ein wenig, ich erzähle ihr, was so in den letzten zwei Wochen gewesen ist und zu welchen Erkenntnissen ich so gelangt bin. Was sollte ich ihr dieses Mal erzählen? Von meinem Empfindungen rund um das Thema Terror? Von meinen syrischen Flüchtlingen (Moslems), die sowohl den St. Martinszug besuchten als auch sich alle wahnsinnig auf Weihnachten, inklusive Kirchgang(!) freuen? Sollte ich ihr von den Eindrücken der Lesung erzählen? Mit ihr über das Phänomen Zähneklappern, vor Angst sprechen? Oder doch über die irritierende Definition von Karma reden?

Was immer ich auch zurecht legte, ich hatte das Gefühl als würde dieser Termin morgen nicht so ablaufen, wie üblich, doch warum? Ich kannte die Antwort und mir kamen die Tränen. Ein ganz bestimmter Geist der Vergangenheit spukt seit einigen Tagen wieder ganz gewaltig und er bringt meine Gegenwart und meine Gefühlswelt vollkommen durcheinander. Ich habe versucht ihn zu ignorieren, doch er setze sich einfach neben mich, läuft mir hinterher, verfolgt mich im Schlaf. 😮

Und ich weiß, die Geister der Vergangenheit, wenn sie wieder spuken, dann muss man sie zum schweigen bringen, sonst beeinflussen sie das ganze Leben. Sie beeinflussen Denken, Handeln und Empfinden. Und ich habe in den letzten Tagen ständig komische Gedanken und Gefühle. Ich reagiere falsch, handle irrational und habe das Gefühl, wie fremdgesteuert zu sein … und daran sind ausnahmsweise nicht die Tabletten schuld. 😀

Er ist wieder da! 😮

Ich muss ihn loswerden …

Nur weiß ich nicht wie.

Vielleicht sollte ich noch dazu sagen, dass dieser spezielle Geist mit Auslöser der Angststörung im August war. Damals gab es ein knapp einstündiges Telefonat mit einem Menschen aus meiner Vergangenheit und ich war reif für die Klapse und dass, obwohl er nur Folgendes sagte: „Ich hole Dich ab und wir fahren zum Media Markt. Ich kaufe Dir den besten PC, den die haben. Ich glaube an Dich und möchte, dass Du in Zukunft vernünftig arbeiten kannst.“  😮

Dieses Angebot habe ich abgelehnt.

Dann kam die Lesung …

Und dieses Foto …

That´s me!

Was siehst Du?

20151108-MG-68

Einen Dank nochmal an den großartigen Fotografen! <3

Noch nie hat ein Bild von mir so viele gemischte Gefühle aufgerufen, wie dieses. Es sagt genau das aus, was ich heute bin, aber auch irgendwie das, was ich mal war.

Und damit dieser Geist der Vergangenheit wieder dort verschwindet, wo er hergekommen ist, werde ich Folgendes tun:

Es wird Zeit, zu seinen Narben zu stehen… ich will sie nicht mehr länger ignorieren und leugnen … will nicht länger ein Geheimnis daraus machen, weil ich mich schäme.

Schämen soll sich ein anderer!

Das ist für Dich, Geist der Vergangenheit!

Siehst Du das Bild dort oben? Das bin ich! Ich bin gar nicht so hässlich, wie Du es mir immer einzureden versucht hast. Und siehst Du das Mikrofon? Ich habe aus meinem Buch vorgelesen und es gab Menschen, die mir zugehört haben. Nur ein Beweis dafür, dass du unrecht hattest, als Du mir all die Jahre versucht hast einzureden, dass ich unfähig bin, nichts könnte und nichts richtig mache. Jedes Wort, welches ich schrieb hast Du als Zeitverschwendung betitelt und hast alles dafür getan, dass ich es jahrelang aufgab. Heute verdiene ich sogar Geld damit! 

Du hast es damals mit Deinem manipulativen Gelaber sogar geschafft, dass ich mich komplett aus dem sozialen Leben zurückzog, mich versteckte und mich nicht mehr unter Menschen traute. Freunde und Familie gab es nicht mehr in meinem Leben. So hattest Du mich für Dich allein. Und Du hast mir auch deutlich zu verstehen gegeben, dass es niemanden auf der Welt gibt, der es gut mir mir meinte, außer Dir.  Und ja, Du hast es immer gut mit mir gemeint, besser als mir lieb war. Du warst der Mächtige, der sich herabgelassen hatte, sich so lange mit einem Miststück, wie mir abzugeben. Du warst der Große, dem ich dankbar sein musste für all die Zeit, die Du mit mir verschwendet hast und dem ich dankbar sein musste, dass ich überhaupt noch atmete.

Du hattest nie ein Recht dazu, mich auf diese Art und Weise an dich zu binden. Leider habe ich Dir freiwillig dieses Recht eingeräumt, weil ich schwach war. MEA CULPA – MEA MAXIMA CULPA! Meine Schwäche hat Dich feierlich eingeladen, mit mir zu spielen, mich zu verachten, mich herumzuschubsen, mich anzuspucken, mich immer wieder zu schlagen und zu treten. Wie oft hab ich mich in all diesen Jahren von Dir zusammenschlagen lassen? Prellungen, Platzwunden, Gehirnerschütterungen und eine gebrochene Nase. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Ich habe mich nie gewehrt, obwohl Du weißt, dass ich es gekonnt hätte. Warum? Weil ich ein absolut friedfertiger Mensch bin und Dich nicht verletzen wollte!

Klingt ziemlich lächerlich, oder?

Ja, so bin ich eben und es ist gut so, wie ich bin. Ich weiß, ich hätte Dich damals in den Knast bringen sollen, als ich es noch konnte – weiter einstecken, resignieren, ignorieren, ausharren und warten, dass es besser werden würde, war eindeutig der falsche Lösungsweg.

Du bist klein geworden. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, war ich sogar größer als Du – das hat dich irritiert, was? 

Dein Bankkonto macht Dich übrigens auch nicht größer …

Die Sache mit dem PC … ein netter Versuch mich wieder in die verpflichtende Dankbarkeit zu stürzen … ich hab inzwischen einen Rechner!

Und überhaupt lebe ich heute sehr gut ohne Dich! Und ja, ich gehe wieder unter Menschen und Du kannst mich nicht davon abhalten. Kannst mich nicht mehr einsperren, manipulieren und verunsichern.

Heute bist Du nur noch der Geist der Vergangenheit. Manchmal kommst Du in der Nacht und willst mich wieder jagen, mir Angst machen, mich beherrschen … aber auch das wird irgendwann aufhören.

Sieh Dir nochmal dieses Bild und mein Gesicht an – nein, ich bin nicht hässlich nur weil Du mich gezeichnet hast – ich liebe jede einzelne Narbe!

Nein, ich hasse Dich nicht. Ich weiß, dass es Dir im Grunde Deines Herzens leid tut. Du bist bloß ein armer, psychisch kranker Mensch, der seine Therapie lieber nicht abgebrochen hätte. 

Aber eines weiß ich jetzt ganz sicher: What Goes Around, Comes Around – alles kommt zurück.

Du bist heute alleine.

Ich nicht. <3

 

Über Freitag den 13., Jim Beam und … ach watt weiß ich, keine Ahnung!

Heute ist ja Freitag der 13. – ein besonders schrecklicher Tag für Menschen, die abergläubisch sind. Ich hab heute im Radio gehört, dass es in Flugzeugen sogar keine Reihe 13 gibt und auch Hotels die Zimmernummer 13 oft überspringen. Das kann ich so gar nicht verstehen, denn für mich bedeutet die Zahl 13 „Glück“. Ich selbst bin an einem 13. geboren, meine Tochter Hanna ebenfalls. Die kleine Ronja ist an einem 31., was ja auch irgendwie fast eine 13 ist.

Das nur mal so als Einstieg und am Rande… 🙂

Ich flüchte mich heute in diesen Blog, weil heute – trotz des Glückstages Freitag der 13. – ein komischer Tag ist. Ich fühle mich heute irgendwie verloren und frustriert. Vielleicht, weil ich derzeit, mehr als sonst, das Schreiben vermisse. Und damit meine ich das Schreiben von meinen Geschichten. Es ist so viel in meinem Kopf das raus will, aber nicht kann. Diese durch die Medikamente ausgelöste Schreibblockade macht mich fertig und das nicht nur, weil ich immer wieder gefragt werde, wie es mit dem zweiten Buch aussieht. Das war auch einer der meist gestellten Fragen am Sonntag, auf dem Lesefest.

Apropos Lesefest…

Ja, ich habe es überlebt. Ich weiß nicht wie, aber ich habe es geschafft. Und mir ist an diesem Tag eine Menge klar geworden … mehr als mir lieb ist und mehr als ich wahrhaben will … unter anderem übrigens auch, dass man tatsächlich vor Angst und Aufregung mit den Zähnen klappern kann.  😯

Für einen kurzen Augenblick hatte ich sogar das Bedürfnis eine Zigarette zu rauchen… und das hatte ich seit 2008 nicht mehr. Ja, am 18. Oktober 2008 habe ich meine letzte Zigarette geraucht. 🙄 Unfassbar, was Aufregung und Angst (und die waren noch durch die Medikamente abgedämpft!) mit Körper und Geist anrichten können. Ich werde es wieder tun – also das Lesen – , aber eine Rampensau werde ich wohl nie …  😀

Mein zweites Buch sieht derzeit übrigens so aus …

TExtausschnittMeine arme allein gelassene Protagonistin hängt da schon seit Monaten rum und kann sich nicht entscheiden, ob sie es sich jetzt selbst besorgen soll oder doch nur Smetanas Moldau hört … oder beides? 😀  Beide Möglichkeiten existieren bereits. Die erste unsittliche Version wurde ohne Nachdenken verfasst, die andere Version nach reiflicher Überlegung gezielt hinterhergeschrieben – gut, schlecht, richtig oder falsch … ?!  Ich kenne die Antwort… 😳

Ich trinke gerade Jim Beam mit Cola, das ist so ekelhaft! 😀

Ja, ich dachte, Jim Beam mit Cola würde das Tor zu meinen anderen Welten wieder öffnen … ich weiß Alkohol ist grundsätzlich keine Lösung … aber was das Lösen einer Schreibblockade betrifft offenbar schon … 😀

Nach Nachfrage bei meinem Arzt, was passiert, wenn ich trotz Pillen „ein bisschen“ Alkohol trinke, war seine Antwort: „Ich kann Ihnen nicht sagen, ob Sie anfangen nackt auf den Tischen zu tanzen … versuchen Sie es doch mal!“ 😀

Das tue ich gerade … es ist aber wirklich nur eine Ausnahme … eine Art Selbstversuch … ich bin nämlich so gar nicht der Typ, der Alkohol trinkt … wenn ich also plötzlich mitten im Satz aufhöre zu schreiben, dann war es das wohl für heute …

Mal sehen, was dabei herauskommt, wenn ich jetzt mal schreibe ohne nachzudenken … einfach irgendetwas … wie bei den Esoterikern, die nennen so was glaube ich Channeling, diese komischen Botschaften aus dem Universum … ich versuche allerdings nur meine Inspirationsquelle aus meinem tiefsten Inneren zu empfangen …

3

2

1

GO!

„Das Zeug schmeckt so scheiße, dass ich nicht einen Schluck nehmen kann ohne mich wie bei einem Krampfanfall zu schütteln“, stöhnte sie und schob das Glas Bourbon weit von sich.

„Und warum trinkst du es dann?“, fragte er und lächelte.

„Ich hege den tiefen Wunsch nach Betäubung …!“

„Betäubung von was?“

„Du stellst zu viele Fragen … !“

„Geh ins Bett!“

„Wir haben erst 22.25 Uhr …!“

„Geh!“

„Aber … „

Scheiße, … es funktioniert nicht! 😥 😥 😥

Ich geh ins Bett , tschö! 🙁

 

Hätte, hätte, Fahrradkette … und über den Besuch der Frankfurter Buchmesse

Ungelogen, seit Wochen dümple ich hier in diesem Block herum und spiele dieses Schreiben-Löschen-Schreiben-Löschen-Spiel. Ich kann mich im Moment so schlecht entscheiden, was für die Niederschrift wichtig ist und was nicht. Ich bin so verwirrt und so … verdammt, mir fällt noch nicht einmal das richtige Wort ein … vielleicht gibt es auch kein Wort dafür. Vor zwei Wochen noch hätte ich fast einen halben Roman zum Thema „Die Rubbellose beim Penny Markt“ schreiben können, weil ich es als wichtig empfand, mir selbst einzugestehen, dass auch so beknackte Aktionsrubbellose nichts in meinen Händen zu suchen haben.

Ich hatte sie aber in meinen Händen und es geriet fast wieder außer Kontrolle. Ich werde die Tage eventuell doch nochmal ausführlicher auf das Thema „Spielsucht“ eingehen, da es hierzu auch eine Kurzgeschichte gibt, die ich vor Jahren mal geschrieben habe.

Demnächst hier … 😀

Inzwischen gibt es keine Rubbellose mehr beim Penny … was jetzt aber nichts mit mir zu tu hat. 😀

Nächstes Thema!

Ja, eigentlich wollte ich heute von meiner spektakulären Reise zur Frankfurter Buchmesse letzten Samstag berichten … was mir sehr wichtig erscheint, aber ich glaube, auch das wird schwierig … es sei denn, ich schreibe die Wahrheit. Eine Wahrheit, die etwas anders klingen täte als die, die ich letzte Woche jedem erzählt habe, der mich fragte, wie es denn so auf der dramatisch spektakulären Messe gewesen war. Ja, im Moment ist es schwer das alles zu reflektieren und ein klares Statement dazu abzugeben. Zur Erinnerung, ich nehme gerade so komische Medikamente, die nicht nur Ängste, sondern auch gleich alle anderen Emotionen eindämmen, zum Teil ganz ausschalten (siehe letztes Posting). Eine Tatsache, die mich irgendwie mehr aus der Bahn wirft, als die Angststörung selbst, denn ich verliere mich selbst immer mehr aus den Augen. Selbst das Schreiben an meinem Roman funktioniert nicht, weil die Verbindung zu mir und meiner unterbewussten Inspirationsquelle unterbrochen ist. Ich lebe im Moment nur im Schlaf. Denn nur, wenn ich träume, bin ich ich. Klingt komisch, ist aber so.

Diesbezüglich habe ich mich am Donnerstag auch bei meiner Therapeutin ausgeheult, die nur lächelte und tatsächlich meinte: „Tja, Frau Lahr, so fühlt es sich an, wenn man normal ist.“

Hö? 😮

Meine prompte Antwort: „Wenn das normal ist, dann will ich aber ganz sicher nicht normal sein.“ NEVER EVER!!

Ich erklärte ihr, dass ich diese emotionalen Breitseiten, wie extreme Begeisterung, das Berührtsein, meine Freude über Kleinigkeiten, tiefe Liebe und vielleicht auch meine Übertreibungen brauche, wie die Luft zum atmen. Okay, wenn Traurigkeit, Panik, extremes Mitfühlen und der ganze andere Mist als Begleiterscheinung dabei ist – trotzdem gekauft! Ich erzählte ihr auch, dass selbst die Zugvögel die mich jedes Jahr zu Tränen rühren, jetzt eben „nur“ noch kreischende Vögel am Himmel sind.

Anderes Beispiel: Ich bekomme ungeahnt etwas Wertvolles geschenkt. Etwas, was ich dringend benötigte. Ich möchte diesem jemanden meine tiefe Dankbarkeit zeigen, doch so tief, wie ich diese Dankbarkeit ausdrücken möchte, komme ich derzeit einfach nicht. Das finde ich schlimm. Sehr, sehr schlimm.

Das hole ich nach, wenn ich wieder „normal“ bin … 🙂 <3

Noch ein Beispiel: Dieser nachstehende Song berührt mich sehr. Ich habe mit diesem Lied im Ohr sogar einige emotionsgeballte und dramatische Romanseiten schreiben können, währenddessen ich Rotz und Wasser geheult habe, weil dieses Lied mich mit jedem Ton komplett seelisch und körperlich berührt und erfüllt. Jetzt läuft dieses Lied und ich denke, wie wahrscheinlich (fast) jeder: „Oh, ein Lied.“ ENDE

Das ist doch totale Scheiße?! 😮

Das nur mal so am Rande …

Was wollte ich vorhin noch erzählen?

Ach ja, über die Buchmesse und die Antwort auf die Frage, wie es denn dort wirklich war. Ja, und da stoße ich dann jetzt auch schon gleich an meine Grenzen, denn ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es war. Mein derzeitiges Empfinden suggeriert mir, dass die Buchmesse eben eine Buchmesse war … eine Messeveranstaltung, wo Menschen (in Massen) hingehen, wenn sie was mit Büchern zu tun haben … oder einen Preis in einem Schreibwettbewerb gewonnen haben … Danke für den Bücherscheck … unspektakulär … kein Grund zur Aufregung … mit unterschwelliger Grenze zur Langeweile.

In Kurzform: „Da ist Nele Neuhaus … ja, genau Selfpublish-Tante die jetzt Bestsellerautorin ist … Nein! ich will kein Foto mit ihr. Sehe ich aus wie ein Groupie oder was? Oh, Sebastian Fitzeks Signierstunde ist eine halbe Stunde früher … ich gehe nochmal aufs Klo und dann gucken wir mal … so wichtig ist der jetzt auch nicht.“

Ja, so oder so ähnlich war es.

Das Dumme an der Sache ist, ich weiß, wie es gewesen wäre, wenn ich für meine Verhältnisse ein „normales“ Gefühlskostüm angehabt hätte – eben das Extreme, Unkontrollierte, ja, vielleicht auch etwas Übertriebene.

Soll ich Euch das erzählen? 😀

Also gut:

Unabhängig davon, dass ich wahrscheinlich Tage vorher vor Aufregung und Angst gestorben wäre und somit gar nicht „transportfähig“ gewesen wäre, hätte ich mich aber auch mit gleicher Dramatik gefreut. Ich hätte meine Tochter am Morgen des Messetages bei meiner Lieblingsschwägerin

Ich wäre sodann mit stetig wachsender Panik über die A3 bis nach Frankfurt gefahren, hätte dabei meinen Mann mit meiner Nervosität in den Wahnsinn getrieben. Denn wir waren nicht nur spät dran, sondern ich war auch überzeugt, mit Frankfurt eine Stadt in der Größe von New York anzufahren. Frankfurt Buchmesse 130Kurz vor Frankfurt sah ich nicht nur das Empire State Building, sondern hätte möglicherweise bei dem ersten Sichtkontakt mit einer Boing im Landeanflug (ich konnte den Piloten sehen!) „WIR WERDEN ALLE STERBEN!!“, geschrien. Huch, ich merke gerade beim Schreiben, dass hier gerade eine Parallele entstanden ist, die so nicht geplant und gewollt war. Streichen wir den New York Vergleich.

Ich berichte so weiter:

Wer den Frankfurter Flughafen nicht kennt: die Landebahn verläuft parallel zur Autobahn und das Rollfeld befindet sich sogar über der Straße. Die Flugzeuge werden dort tatsächlich mittels einer großen Brücke über die Autobahn gefahren. Daher nochmals: Wenn ich also mit meinem für mich „normalen“ Dachschaden Sichtkontakt mit einer Boing im Landeanflug (ich konnte den Piloten sehen!) in Richtung Autobahn gehabt hätte … ja, es hätte auf jeden Fall dramatische Szenen im Auto gegeben.

Die kurze Irrfahrt von der Autobahn zum Messegelände, in der sowohl technisches Navi als auch die Richtungsweisung meines Mannes versagte, hätte sicherlich zu einem Streit geführt, denn ich musste (wie immer in Stresssituationen) aufs Klo. Und wenn ich aufs Klo muss, dann bin ich sehr … sehr … unentspannt. 😀 Hier kann ich sagen, dass die Medikation eine positive Seite hat, denn ich war die Ruhe selbst, auch wenn die Zeit drängte, dennoch kein Angstpipi. Aber selbst wenn eine Diskussion über falsche Abfahrten in eine heiße Runde gegangen wäre, erst mal angekommen, hätte die Vorfreude auf das bevorstehende Abenteuer und die Ehrfurcht solch ein heiliges Gelände betreten zu dürfen, allen Ärger hinweggefegt. <3

In der Messehalle 3.0:

Die ungeahnte Menschenmenge hätte mich sicherlich gestresst, inklusive Zeitdruck – wir hatten nur noch 10 Minuten – und dann auch noch die ungeahnte Frage, wo ist nur dieser Messestand F19. So viele Menschen, so viele Gesichter, so viele Eindrücke und ja, auch genau so viele Facetten empathischer Empfindungen. Es wäre mir schwer gefallen, mich auf überhaupt etwas zu konzentrieren, geschweige denn auf die Suche nach einem Messestand, wo eine Preisverleihung auf mich wartete.

Apropos Preisverleihung …

Ich hätte mit nervöser Erwartung die Ankündigung zur Preisverleihung gelesen und hätte nicht fassen können, dass ich mit „Frida“, dieser Kurzgeschichte, die ohne Korrektur, in letzter Minute eingereicht wurde, unter die besten 20 von 1000 gekommen wäre. Frankfurt Buchmesse 067Diese abgedrehte Geschichte sollte eigentlich ursprünglich ein Roman werden und lag jahrelang in einer Schublade. Jetzt war dieser gefühlte Fehlversuch, der Grund, dass ich die Frankfurter Buchmesse besuchte und die Nähe der ganz Großen spüren durfte… Nele Neuhaus … Sebastian Fitzek … natürlich waren noch Größere da, aber die beiden deutschen Autoren haben es mir angetan.

Ich wiederhole nochmal, wie es wirklich war: „Da ist Nele Neuhaus … ja, genau Selfpublish-Tante die jetzt Bestsellerautorin ist … Nein! ich will kein Foto mit ihr. Sehe ich aus wie ein Groupie oder was? Oh, Sebastian Fitzeks Signierstunde ist eine halbe Stunde früher … ich gehe nochmal aufs Klo und dann gucken wir mal … so wichtig ist der jetzt auch nicht.“

Tja …

Okay, ich höre auf damit … das aus dieser Sicht zu verfassen frustriert ja nur noch mehr! 😀

Der Rest wäre in meiner „hätte“ Ausführung ebenso spektakulär gewesen … war es aber nicht. 🙁

Hätte, hätte, Fahrradkette, eben …

So, und wer es bis zum Schluss geschafft hat, der bekommt einen „Frida“ Teil zu lesen, die aufgrund der vorgegebenen Zeichenzahl nicht in der Kurzgeschichte enthalten war, aber den ich doch als sehr wichtig empfinde. 😀

Hier nochmal die eingereichte und auf Buchjournal.de veröffentliche Fassung:

http://www.buchjournal.de/1020985/

Ohne Angst, ist alles doof …

Nein, ich habe mich bei der Überschrift nicht vertippt – das ist mein Ernst!

Achtung! Es folgt jetzt möglicherweise so etwas wie Jammern auf hohem Niveau… aber das muss auch mal sein. 😀

Ja, nach einer weiteren traumreichen und nicht sonderlich erholsamen Nacht, habe ich mich daran erinnert, dass es mal wieder Zeit ist, inne zuhalten. Einfach mal bremsen, in mich rein hören, versuchen zu verstehen, was da los ist und darüber schreiben. Ich sehe gerade, es sind ja auch inzwischen schon ganze 4 Wochen vergangen als ich das letzte Mal etwas geschrieben habe. Und wer ist es Schuld? Ja, genau … das Medikament Paroxetin 20 mg. Ein Wundermittel gegen generalisierte Angststörung und es hat nach inzwischen 4 Wochen Eingewöhnung (auf eine relativ geringe Dosis) seine komplette Wirkung entfaltet. Aber dazu später mehr, ich muss anders anfangen. 🙂

Es war (untertrieben gesagt) ein bisschen viel los in den letzten Wochen. Mein Leben steht wieder vollkommen auf den Kopf – ja, noch mehr als vorher – und fordert mich ganz schön heraus. Ein Grund hierfür ist meine ehrenamtliche Tätigkeit als Patin für eine 5-köpfige Flüchtlingsfamilie, die derzeit meinen Tagesablauf voll bestimmt und mir ein Abenteuer der ganz besonderen Art beschert. Gerne werde ich diesem Thema einen gesonderten Blogeintrag widmen, denn das ist wirklich eine Herzensangelegenheit, aus der ich auch eine Menge positive Erfahrungen (auch aus therapeutischer Sicht) ziehe. Gebt mir hiermit noch ein bisschen Zeit, bis sich das alles eingependelt hat und ich die ganzen ersten Eindrücke selbst fassen kann. 🙂

Und wenn ich ehrlich bin, kann ich im Moment irgendwie so gar nichts richtig fassen …

Zum Beispiel, dass ich inzwischen Herausforderungen meistere, bei denen ich vor zwei Monaten noch kläglich gescheitert wäre. Ich durfte (auch aufgrund der ehrenamtlichen Tätigkeit) viele neue Kontakte knüpfen, große Verantwortung übernehmen, existenzielle Gespräche und unzählige Telefonate führen. Das soziale Leben hat mich wieder. Ich streite mich mit rechtsextremen und empathiebehinderten Menschen, nehme in Kauf, dass sie mich beschimpfen und bedrohen (oder den Anrufbeantworter vollrülpsen). Und ich freue mich jedes Mal, wenn ein weiterer verbaler Tiefschlag sein Ziel meilenweit verfehlt, weil ich imaginär ausweiche. Und das funktioniert perfekt, weil ich keine Angst mehr habe oder besser gesagt, das Gefühl von Angst nicht mehr spüre. Ja, so wie ich mein neues Lebensgefühl im letzten Beitrag so euphorisch beschrieb, ist es auch nach wie vor, meine Grundangst ist weg und jeder noch so kleine aufkommende Zweifel wird mit „Coolness“ ins Aus gekickt. Ich funktioniere, dank optimaler Einstellung der Medikamente und das ist auch eigentlich gut so…

Eigentlich …

Ja, ich gebe zu, so euphorisch, wie vor 4 Wochen bin ich dann doch nicht mehr…

Warum?

Das ist gar nicht so leicht zur erklären…

Ich versuche es mal so:

Letzte Woche kam ich in die Bedrängnis, mir etwas Ruhe zu verordnen. Es war eine Gastroenteritis, ein Magen-Darm-Infekt, den ich mir von meiner kleinen Tochter eingefangen hatte. Diese Krankheit hatte ich seit 25 Jahren nicht mehr und sie traf mich so heftig, dass ich mir ernsthaft Gedanken um mein nicht vorhandenes Testament machte. Und während ich da so auf der Couch lag und darauf hoffte, dass es schnell mit mir zu Ende gehen würde, fiel mir auf, dass ich mir kaum Gedanken, um mein verwaistes E-Mailpostfach machte. Ich sorgte mich weder um Nachrichten, noch über unerledigte Aufträge und ich sorgte mich auch nicht – wie einst üblich – um meine berufliche Existenz. Ja, die Existenzangst ist tatsächlich die größte Angst, die mich vor Wochen noch fest im Griff hatte. Als Freiberufler weiß man eben nie, was der Monat bringt und zudem ist die zu erledigende Arbeit vollkommen abhängig von mir und meinem Gemütszustand. Schreibblockaden und Einfallslosigkeit lauern an jeder Ecke und wehe, irgendetwas beschäftigt mich unbewusst, dann wird jeder Text zu einer Zumutung. Krank werden war für mich übrigens ein absolutes No-Go!

Jetzt lag ich schon seit zwei Tagen auf der Couch, arbeitete dementsprechend nicht, ohne mir über die Folgen von drei Tagen E-Mails ignorieren und echt krank zu sein Sorgen zu machen (ich bin wahrscheinlich für immer ruiniert). Überhaupt hatte ich mir seit Tagen nicht mehr Sorgen um irgendetwas gemacht. Selbst mein selbst fabriziertes Chaos wegen meiner Unwissenheit über die Pflichtabgabe einer Umsatzsteuererklärung (nicht zu verwechseln mit einer Einkommenssteuererklärung) und den dazugehörigen Telefonaten mit dem Finanzamt, inklusive Versäumniszuschlägen, brachten mich nicht einmal annähernd in Unruhe. Ich fand`s halt „nur nicht so gut“ auf einen Schlag so viel Geld loszuwerden.

Wahnsinn, was solche Pillen alles bewirken können … 😮

Und während ich da so regungslos auf der Couch lag und gegen das Kotzen ankämpfte, dachte ich darüber nach, wie ich auf so eine Finanzamtnachricht noch vor Wochen reagiert hätte.

Tja ..

Ich hätte damals den Brief gelesen und währenddessen gespürt, wie mein Herz schneller zu schlagen beginnt. Hitze wäre mir in den Kopf gestiegen, dicht gefolgt von einem leichten Zittern in den Händen. Panik würde sich breit machen. Sicherlich wäre mir recht schnell ein „Fuck!“, über die Lippen gerutscht. Ich hätte mich hingesetzt, mir nervös die Haare gerauft und versucht zu verstehen, was ich da schon wieder nicht kapiert habe, dass man mir 250 € Versäumniszuschlag aufbrummt, obwohl ich meine Steuererklärung doch schon längst abgegeben habe. Was zum Teufel ist eine Umsatzsteuererklärung? Ich hätte das Finanzamt angerufen und ihnen mitgeteilt, dass es mir leid tut und dass ich manchmal etwas schwer von Begriff bin (besonders, wenn es um Zahlen geht). Wahrscheinlich hätte die Frau vom Finanzamt meine Verzweiflung durch das Telefon gehört und mir geglaubt. Dann hätte ich aufgelegt und wahrscheinlich ein bisschen geheult, weil ich nämlich grundsätzlich immer heule, wenn ich sauer (auf mich selbst) bin. Mein Mann würde sicher fragen, was los ist. Ich würde es ihm erklären, doch da er mit Buchhaltung und Steuern vollkommen überfordert ist, wird er eventuell so Dinge sagen wie:

„Vielleicht solltest du dir mal einen Steuerberater suchen. „

„NEIN! Kann ich alleine!“

„Scheinbar nicht … siehste ja.“

„Scheidung!“

Der Haussegen hätte tagelang schief gehangen, weil diese negative Emotionsflut, inkl. Angst, meine Verarbeitungskapazität überschritten hätte und es zu einer meiner berühmt berüchtigten Überreaktionen gekommen wäre. 😀

Tja… heute lese ich diesen Brief, lege ihn beiseite und beschäftige mich seelenruhig mit etwas anderem … hm … unfassbar. Es geht mir sprichwörtlich am Arsch vorbei … ? 😮

So etwas gibt es bei mir eigentlich nicht!

Eigentlich…

Irgendwann fragte ich meinen Mann, wie er denn so die neue Nicki findet und ob diese neuen Charaktereigenschaften ihn beeindrucken. Er erklärt, dass er die Veränderung gut findet. Ich wäre irgendwie so gelassen, ruhig, mutig, weit entfernt von Überreaktionen… ich wäre allerdings auch etwas angriffslustiger und manchmal auch merkwürdig reserviert … cool eben.

Hm … reserviert … quasi distanziert und zurückhaltend … cool … also unterkühlt … gleichgültig … emotionslos … ja, stimmt, so fühlte ich mich. 😮

Ich weiß nicht, wie oft ich mir in meinem Leben sehnlichst gewünscht habe nichts mehr fühlen zu müssen, meistens dann, wenn mich Gefühle verletzten und es irgendwo tief in mir drinnen wehtat. Und wie oft hatte ich mir auch vorgestellt, keine Angst mehr zu haben. Und jetzt, wo es so ist, wie ich es mir einst doch so gewünscht habe, stelle ich fest, dass ein Leben ohne, bzw. mit abgedämpften Gefühlen scheiße und unbefriedigend ist… ja, es ist unbefriedigend auf allen Ebenen! 🙁

Ich vermisse meine Gefühlswelt und den dazugehörigen Dachschaden. Ich vermisse die Intensität, das tägliche Abenteuer des Fühlens, meine überschwängliche Freude und Begeisterung über Kleinigkeiten, meine Ängste, meine Liebe, meine Leidenschaft, meine Fantasie, meine Übertreibungen, meine Überreaktionen, inklusive Kurzschlusshandlungen … ja, ich vermisse sogar meine (teilweise auch irrationalen) Ängste und Sorgen. All das war mein Antrieb … jetzt herrscht bei mir seelischer und emotionaler Stillstand. 😮

Dieser Stillstand ist eine eher seltene Nebenwirkung des Medikaments Paroxetin. Es nennt sich Depersonalisation und bedeutet den Verlust des Persönlichkeitsgefühls. Ja, ich bin in der Tat nicht mehr ich … etwas, wovor ich ziemlich Angst hatte, und jetzt ist es eingetroffen. Ich irritiere die Menschen in meinem Umfeld, weil ich selbst irritiert bin. Ich erkenne mich nicht wieder und handle teilweise gegen meine Natur.

Ich war und bin von meiner ersten Geburtsstunde an ein Gefühlsmensch gewesen. Mein Verstand steht an zweiter Stelle und hat selten die Oberhand. Ich beurteile Menschen, ich handle und ich treffe Entscheidungen aufgrund meiner Intuition, die ebenfalls auf Gefühlen basiert. Jetzt ist diese Fähigkeit ausgeschaltet. Meine Gefühle sind ausgeschaltet. Ich bin nicht mehr in der Lage Prioritäten zu setzen, weil ich die Priorität aufgrund mangelhafter Empfindungen nicht sehe. Freude, Begeisterung, Liebe – Fehlanzeige. In mir herrscht eine unterschwellige Gleichgültigkeit, die lt. Arzt zur Heilung beitragen soll. Es ist die Erholung von Körper und Geist von einem jahrzehntelangen Bombardement an Emotionen …

Nur nachts, in meinem Träumen, (die durch die Medikamente intensiver und realistischer sind), bekomme ich die komplette Breitseite meiner Emotionen zu spüren … zusammenhangslos, bescheuert, verletzend, irrational, schwachsinnig, verwirrend, erschreckend, falsch und irgendwie doch tiefsinnig.

Das gefällt mir nicht! 😮

Dieser Therapieteil nimmt mir gerade die Grundlage meines Seins und damit komme ich gerade nur schwer klar …

Ich will wieder ich sein!

Menno! 🙁

Danke, für´s Lesen, bis bald mal wieder … <3

Hier mal ein Video aus dem Jahre 2008 – so viel zum Thema Emotionen, Kurzschlussreaktionen und Anschreiben von Behörden… that`s me!!! 😀

Im Wartezimmer eines Psychiaters und über andere Schlüsselerlebnisse

Mann, fast drei Wochen nix mehr geschrieben …

Es ist so viel passiert in den letzten Tagen, dass ich gar nicht weiß, wo und wie ich anfangen soll. Vielleicht sollte ich in Zukunft einfach täglich Blog schreiben, dann staut sich nicht immer so viel auf. 😀

Ja, und eigentlich sollte nach meiner letzten Ankündigung, an dieser Stelle ein Bericht über meine bis dato unerklärlichen Erlebnisse auf einem Friedhof und bei einem Besuch in einem Konzentrationslager stehen, aber das muss warten. Es gibt heute Wichtigeres zu berichten, z.B. wie es im Wartezimmer, bzw. in der Praxis eines Psychiaters (nicht zu verwechseln mit einem Psychologen) zugeht und wie es überhaupt im Moment so um mich und meinen geistigen Zustand steht. Ja, ich darf darüber öffentlich reden, ich gehöre nämlich zu der Gattung „Künstler“ und diese Form der Selbstdarstellung dient der stetigen und künstlerischen Weiterentwicklung! 😀

Ja, und was meinen geistigen Zustand betrifft: Viele haben es schon gemerkt, die anderen werden es noch merken, nach den ganzen letzten Jahren „Schwächeln“, insbesondere diesem absoluten Mega-Abkacken vor 8 Wochen, erwacht ein (noch nie in dieser Form da gewesener) Kampfgeist in mir. Mit jedem weiteren Tag, den ich – dank Therapie und anderen wichtigen Faktoren – mit einer anderen Sichtweise und neuem Lebensgefühl bewältige, schwindet die Jahrzehntelang gezüchtete Grundangst und mein Mut wächst.

Be careful! 😎

2015-08-15-Rhein-Geocaching 142Aber erstmal eines nach dem anderen, denn zwischen dem letzten Post und dem Eintrag heute, liegen ja auch schon ein paar Tage. Und der letzte Stand der Dinge war, dass es mir allein schon durch die Therapiestunden besser ging und ich auch sonst einiges für meine Erholung getan habe und auch immer noch tue – hier Bilder des Besuches eines unheimlichen und spannenden Lost Places ganz hier in der Nähe. 🙂

Soll heißen, die Dauerbeklemmungen hatten sich eigentlich zurückgezogen, doch sobald auch nur ein Hauch einer Stresssituation aufgetaucht war, drehte ich innerlich wieder vollkommen am Rad.

Vorletzten Dienstag hatte ich diesbezüglich sogar ein wichtiges Schlüsselerlebnis. Eine Situation, die mir ziemlich heftig vor Augen gehalten hat, wie weit fortgeschritten meine Angststörung, inkl. Sozialphobie wirklich war und in welch hoffnungsloser Lage ich mich eigentlich in den letzten Jahrzehnten befand.

Und vorletzten Dienstag war das so …

2015-08-15-Rhein-Geocaching 129Seit über einem Jahr bin ich Mitglied im Literaturkreis Siebengebirge. Die Mitgliedschaft wurde mir im Rahmen meiner ersten Buchveröffentlichung von einer Buchhändlerin nahe gelegt. Ich war damals dankbar und nahm das Angebot an und trat (per E-Mail) dem Verein bei. Ich habe es aber tatsächlich innerhalb eines Jahres nicht ein einziges Mal geschafft, zu einem der zahlreichen Treffen zu erscheinen. Ich habe das Treiben bis dahin nur aus sicherer Entfernung beobachtet. Warum? Ich habe mich einfach nicht getraut. Einen triftigen Grund gibt es auch hier nicht. Die Angst vor Menschen, die Angst vor der Angst – allein bei dem Gedanken daran, ein Treffen zu besuchen, brachte mir wie immer Hunderte von Ausreden, nicht zu erscheinen.

Ende letzten Jahres hat der Verein einen offenen Bücherschrank im Bahnhof in Bad Honnef errichtet. Ich habe – nett und hilfsbereit wie ich grundsätzlich bin – sogar eine Kiste Bücher gespendet. Allerdings habe ich jemanden geschickt, der die Bücher für mich dorthin bringt. Persönlich aufzutauchen – never! Ja, was die Vermeidungshaltung in Sachen persönlicher Kontakte betrifft, bin ich inzwischen ein echter Profi geworden. 😀

Ja, jedenfalls wollte der Vereinsvorsitzende des Literaturkreises, trotz meiner ständigen Abwesenheit, mich gerne beim Lesefest im November als lesende Autorin mit dabei haben. Das hat mich vollkommen überrascht, mich unendlich gefreut, mir aber auch ein schlechtes Gewissen beschert. Schockiert war ich über diesen Vorschlag natürlich auch, denn allein der Gedanke daran, an diesem Tag lesen zu müssen, machte mich wahnsinnig. Übrigens O-Ton meiner Therapeutin zu diesem Thema: „Mit einer Sozialphobie eine Lesung halten, ist aber `ne Hausnummer, Frau Lahr! Aber das schaffen Sie!“

Ja klar sicher … irgendwie! 😮

Ich schaffe es ja noch nicht einmal, jemanden um Wechselgeld für einen Einkaufswagen zu fragen … kein scheiß! 😮

Jetzt erhielt ich vor zwei Wochen eine Einladung zu einem kurzfristigen Treffen des Literaturkreises. Eben ein weiterer wichtiger Termin, bei dem auch das Lesefest ein Thema sein würde. Und da ich keine Ahnung habe, was mich da erwartet, wusste ich, dass ich diesen Termin auf gar keinen Fall verpassen sollte. Mit anderen Worten: Ich musste da hin, ob ich wollte oder nicht. 😮

Und ich wollte, aber ich wollte auch nicht …

So ist das immer. Grundsätzlich möchte ich immer, aber es ist die Angst, die mir einen Strich durch sämtliche Rechnungen macht.

Und das sah dann so aus …

Dieser Termin stand und ich nahm mir fest vor, diesen auch sicher wahrzunehmen. Die Tage flogen ins Land und je näher der Termin rückte, desto nervöser wurde ich. Er hing wie ein Damoklesschwert über mir. Selbst am Wochenende davor, ließ das Angstgefühl mich nicht los und auch die Beklemmungen setzten wieder ein. Der Montag brachte diesen Termin plötzlich so nahe, dass sich die Angstzustände in aller Deutlichkeit, diesmal auch mit Übelkeit und Kopfschmerzen zurückmeldete. Ich lag quasi den ganzen Tag im Wohnzimmer auf dem Teppich und wartete auf bessere Zeiten. Die Nacht von Montag auf Dienstag war extrem unruhig und ich fühlte mich selbst nach 8 Stunden Schlaf wie gerädert. Als ich wach wurde, war mein erster Gedanke: „Oh Gott, heute Abend ist der Termin.“ Und dieser besagte Termin sollte am Abend um 19.30 Uhr in Bad Honnef, im Haus der Jugend stattfinden.

Ja, und dann konnte man eigentlich stündlich merken, wie meine Stimmung immer mehr kippte und ich so langsam anfing wieder durchzudrehen. Gegen Mittag hatte ich meinen ersten Heulanfall, in dem ich mir eingestehen musste, das ich in diesem Zustand nirgendwo hinfahren konnte, dicht gefolgt von der Entscheidung NICHT zu fahren. Mein Leben war, wie in den letzten Wochen auch, plötzlich nur noch ein Haufen „Versagung“. Dauerversagen wegen Ängsten, die einfach da sind, auch wenn es dafür keine logische Erklärung gibt.

Mein Mann redete behutsam auf mich ein und erinnerte mich daran, wie wichtig dieser Termin doch sei – ja, er liebt mich halt! 🙂 Woraufhin ich wieder feststellte, dass dieses „Angstproblem“ wirklich für kaum jemanden nachvollziehbar ist, der es nicht selbst erlebt hat. Aber er hatte Recht, ich musste diesen Termin wahrnehmen. Allerdings hatte ich ebenfalls recht, ich konnte so nicht fahren. Nicht mit verheulten Augen und dieser wachsenden Panik im Hirn und Körper … ich versuchte mich irgendwie „runter“ zu kriegen, schaffte es aber nicht. 🙁

Es folgten weitere unruhige Stunden, in denen ich mit mir kämpfte. Tja, gegen 16.00 Uhr entschloss ich mich dann einfach eine dieser verbotenen „Notfalltabletten“ zu nehmen. Eben diese Pillen, die ich schon seit vier Wochen nicht mehr brauchte, weil ich die körperlichen Angstattacken halbwegs im Griff hatte. Noch nie hatte ich diese Tablette genommen, um die Angst vor einer bevorstehenden Situation zu kontrollieren. Ob dies nun ein Notfall war, sei mal dahin gestellt – für mich war es eine Verzweiflungstat, mit sprichwörtlich großer Wirkung. Ich habe diese Tablette – die ich bis dato nur genommen hatte, wenn ich wegen körperlichen Symptomen kurz vorm Ersticken stand – heimlich geschluckt und spürte nach etwa fünfzehn Minuten, wie es wohltuend warm in meinem Oberstübchen wurde. Es war als käme eine gute Fee, die mit einem Zauberspruch, die alles böse, Angstmachende dort oben wegfegte – ein Beruhigungsmittel eben.

Ich könnte jetzt den kompletten Ablauf des restlichen Tages, bzw. Abends erzählen, aber das würde in einem Roman enden. Allumfassend kann ich sagen, dass ich an diesem Abend komplette „gechilled“ war und ohne Probleme …

… nach Bad Honnef gefunden habe.
… die fahrende Schnarchnase in Bruchhausen vor mir, ohne verbale Ausraster akzeptieren konnte, auch wenn ich spät dran war
… einen Parkplatz in der Nähe des „Haus der Jugend“ fand.
… ohne Angst einen Passanten nach dem Eingang gefragt habe.
… pünktlich das Mitgliedertreffen (und auch schamlos die Toilette) aufgesucht habe.
… mich unter all diesen Fremden erstaunlich wohl gefühlt habe.
… mich benehmen konnte.
… mich mit normaler Aufregung und erträglichem Lampenfieber vor allen geredet und mich vorgestellt habe.
… mich rege an Diskussionen beteiligt habe.

Als ich sodann am späten Abend durch das düstere Schmelztal zurück nach Hause fuhr, habe ich vor Freude gejubelt und danach geheult. Gejubelt, weil ich diese Aufgabe bewältigen konnte, ohne an den Folgen zu sterben und, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben spüren konnte, wie es ist, ein „normales“, angstfreies Empfinden zu haben. Das hat mich gleichzeitig aber auch in Tränen ausbrechen lassen. Ich wurde traurig, weil ich wusste, dass ich dieses unglaublich befreiende Lebensgefühl nur wegen dieser beknackten Pille hatte.

Ich will mehr davon!!! 😎

Diese besagte Notfalltablette ist das Medikament „Tavor“. Es ist ein Beruhigungsmittel, das bei starken Ängsten und Panikattacken eingesetzt wird. Es ist tatsächlich nur ein Medikament, das im „Notfall“ eingenommen werden sollte, da es schnell abhängig macht. Ja, an diesem besagten Dienstag deutlich verstanden, warum so viele Menschen, besonders in stressigen und emotionalen Berufen (Polizei, Ärzte, Politiker, Musiker, Künstler) von eben solchen angstnehmenden Beruhigungsmitteln abhängig sind. Ich verstehe diese Abhängigkeit und wenn ich nicht so eine starke Angst vor Abhängigkeiten irgendeiner Art hätte, wäre ich sicherlich ein geeigneter Kandidat für eine solche Suchtgeschichte – also Finger weg!

Dennoch hätte ich mir gewünscht, mich noch einmal so zu fühlen, als wäre es das Normalste von der Welt, ohne Angst zu sein …

Das alles erzählte ich auch meiner Therapeutin zwei Tage später. Und sie erklärte mir in aller Deutlichkeit, dass „Tavor“ definitiv nicht die Lösung sei, aber ich scheinbar verstanden habe, wie wichtig die Medikamentöse Begleitung dieser Therapie sei. Ich muss nämlich zugeben, ich habe bis mich dato gegen die Einnahme von zeitlich begrenzten Psychopharmaka gesträubt. Gesträubt deswegen, weil es für mich eben „Looserpillen“ sind. Looserpillen, die im schlimmsten Fall auch noch abhängig machen. Verarschungspillen, die einem die Realität verzerren, eine heile Welt vorspielen und setzt man diese wieder ab, dann ist die erneute Katastrophe nicht weit. Also, wat sull dä Quatsch!?

Antwort:

„Eine Angststörung ist eine Krankheit, die, wie andere Krankheiten auch, mit Medikamenten behandelt werden kann. Bei einer Angststörung herrscht ein biochemisches Ungleichgewicht in Ihrem Gehirn. Spezielle Botenstoffe sorgen dafür, dass dieses Gleichgewicht wieder hergestellt wird. Da wird ganz sicherlich keine Realität verzerrt. Im Gegenteil, die müssen sich der Realität und Ihren Ängsten nach wie vor stellen. Aber das wird Ihnen der Herr Doktor noch erklären. Er wird Ihnen etwas geeignetes gegen Ihre Ängste verschreiben. Machen Sie das und quälen Sie sich nicht länger.“

Äh?! 😮

Seit 8 Wochen warte ich nun auf diese Pillen von diesem Neurologen, bzw. des Psychiaters. Er hatte lange Urlaub und es dauerte eben bis ich diesen besagten Termin wahrnehmen musste / durfte und das war letzte Woche Montag. Hierzu musste ich tatsächlich die Praxis eines Psychiaters aufsuchen – ein weiteres Schlüsselerlebnis und für mich.

Ich hatte natürlich auch vor diesem Termin wieder Schiss ohne Ende, zumal ich nach diesem Arzt gegoogelt habe und mir anhand von Bewertungen einen ersten Eindruck verschafft habe. Demnach fanden ihn die meisten bewertenden Patienten scheiße. Aber ich wollte mir selbst ein Bild von diesem „unfreundlichen“ Kerl machen. Was das betrifft, habe ich mich noch nie von den Meinungen anderer blenden lassen, sondern habe stets selbst entschieden, wen ich doof, scheiße oder auch besonders gut finde.

So, nun folgt die Geschichte „Im Wartezimmer eines Psychiaters“ oder auch die „kranken“ Gedanken einer Thrillerautorin …

Das fing schon an, als ich mit dem Auto – etwa an 10 Minuten vor der Öffnungszeit und es vereinbarten Termins – an besagter Praxis vorbei fuhr und diese zwei merkwürdigen Gestalten dort an der Pforte stehen sah. Ein Mann und eine Frau. Sie sahen schon so aus, wie zwei Psychos und sie starrten mich, während ich einen Parkplatz suchte, ziemlich aufdringlich an. Ein mulmiges Gefühl machte sich in mir breit. Warum waren die schon so früh hier? Warum waren die überhaupt hier? Konnten sie es nicht erwarten, ihre Drogen, bzw. Beruhigungspillen zu kriegen? Und warum zum Teufel glotzen die mich so an? 😮

Ich fuhr auf den Parkplatz und beschloss auch prompt, so lange im Wagen sitzen zu bleiben, bis die komischen Menschen vor der Türe verschwanden oder die Praxis öffnete. Wieso war ich eigentlich so früh da?! Antwort: Weil ich mich in der Zeit geirrt habe … nein, gelogen! Weil ich Angst hatte zu spät zu kommen. 😀

Da saß ich nun, bei strömenden Regen im Wagen, beobachtete durch den Rückspiegel die mutmaßlichen „Geisteskranken“ und erschreckte mich zu Tode als plötzlich neben meinem Auto ein finsterer Kerl mit Hund auftauchte. Er starrte mich durch die Scheibe an, so als wäre es ein fataler Fehler gewesen, meinen Wagen hier vor der Praxis eines Psychiaters zu parken. Erst dachte ich, es sei der Arzt selber, dann vermutete ich einen weiteren Patienten mit Dachschaden … letztendlich war es wohl nur ein Anwohner, der sich wohl ohne Hund erst gar nicht in die Nähe dieser Praxis traute, weil er Angst vor Irren hatte. Ich nickte ihm, freundlich wie ich bin, zu und er nickte mit finsterer Miene zurück. Sein Gesicht verriet mir, was er gerade dachte: Ob die wohl auch zu dem unfreundlichen Seelenklempner, mitsamt seiner bekloppten Belegschaft und dem Wartezimmer voller Gestörten will? So verpeilt wie die wirkt, bestimmt?!

Ich wartete, bis der Kerl mit seinem Hund weiter durch den Regen trottete und stieg dann aus. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals und ich spürte, dass diese fiesen Eisenketten ihre Spannung um meinen Brustkorb erhöhten. Ich musste da jetzt rein, ob ich wollte oder nicht. 😮

Als ich die Praxis betrat, war ich irritiert. Im inneren sah es aus, wie in einer klassischen Arztpraxis, nur mir dem Unterschied, das sie nostalgisch und stilvoll eingerichtet war. Noch mehr irritierte mich dieser plötzliche Menschenverkehr in diesem Raum. Offenbar hatte ich so lange im Auto gewartet, dass sich die Praxis vollkommen unbemerkt nach dem Aufschließen mit einer Vielzahl an Menschen gefüllt hatte. Neben der Belegschaft, standen dort ganz viele merkwürdige Gestalten am Empfang. Ein altes händchenhaltendes Ehepaar, ein junger Mann, eine Frau in meinem Alter, ein gehbehinderter Greis, eine weitere Dame und alle hatten etwas gemeinsam: Sie wirkten alle irgendwie verloren, genervt, gestresst, unglücklich und irgendwie „komisch“. Ich lächelte jeden an, merkte aber, dass es keinen interessierte. Schlimmer noch! Ich glaube für sie war ich so etwas, wie ein Eindringling! Lächeln beim Psychiater? Wie irre muss man sein, um das hinzukriegen?! 😀

Ja, und noch bevor ich mich selbst anmelden konnte, begann mein Emapthie-Apparat schon auf Hochtouren zu arbeiten und jeden einzelnen abzutasten: Oh Gott, was ist denen denn über die Leber gelaufen?

Mein Verstand erinnerte mich daran, dass ich mich in der Praxis eines Psychiaters befinde – genau genommen, bei einem Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie und Facharzt für Psychosomatische Medizin & Psychotherapie. Die Menschen hier hatten somit keinen Schnupfen … so wie auch ich keinen Schnupfen hatte. Und während ich mich da so von den Problemen der anderen gekonnt von meinen eigenen ablenkte, meldete ich mich schließlich an und wurde sodann mit einem merkwürdigen Fragebogen ins Wartezimmer geschickt.

Das Wartezimmer war die Hölle …

Ich finde Wartezimmer sind eigentlich immer die Hölle. Ich kann mich da nicht hinsetzen und irgendwelche Zeitschriften lesen oder an meinem Handy spielen. Nein, ich bin die Person, die in einem Wartezimmer sitzt, so tut als ob sie dumm in der Gegend herum starrt, aber eigentlich jeden einzelnen dort befindlichen Menschen von oben bis unten mustert. Ich versuche diesen Menschen dann zu analysieren, mir vorzustellen, was für ein Charakter hinter ihm steckt und auch was er denken könnte und fühlt. Ja, jede Gestik und Mimik wird aufgesogen und in meinem Kopf und Herz verarbeitet.

Ja, und ich muss ehrlich zugeben, in einem Wartezimmer eines Facharztes für Psychiatrie ist das eine ganz besonders große Herausforderung. Herausforderung deswegen, weil ich mich echt zusammenreißen musste, nicht schreiend die Praxis zu verlassen. Neben mir saß ein junger Mann, der in sich versunken auf den Boden starrte und dabei unentwegt seinen Schlüsselbund über seinen Daumen rutschen ließ. Ein stetig, monotones und schrilles klingeln … klick klack klack!

Achtung! Die nächsten Zeilen sollen keine Menschen diskriminieren, die ein seelisches Problem haben – ich nehme diese Probleme sehr ernst -, allerdings muss ich an dieser Stelle (auch, um die Situation selbst besser zu verarbeiten) den Humor einschalten. 😀

Klick klack klack! 😮

Nach den ersten fünf Minuten Starren in all diese leeren, gequälten und finsteren Gesichter drängte sich plötzlich die Frage in mir auf, was ich zu tun gedenke, wenn einer der hier anwesenden plötzlich Amok läuft. Vielleicht weil die Wartezeit am Geduldsfaden nagt, vielleicht weil die Beruhigungspillen ausgegangen waren oder weil die ältere Generation diesen Smartphonewahn nicht mehr länger tolerieren wollte?

Vielleicht auch, weil der Typ neben mir gerade von seiner Freundin verlassen wurde, er diese daraufhin umlegte und sie vielleicht im Kofferraum seines Wagens … NEIN!

Klick klack klack! 😮 😮

Ja, was wäre, wenn hier jemand gleich wirklich komplett die Nerven verliert? Und wenn, wer würde es von diesen Personen sein?

Mir gegenüber saß eine Frau, die ich auf Mitte dreißig schätzte. Sie starrte abwechselnd auf ihr Handy und auf die offene Wartezimmertür, offenbar in Erwartungshaltung, dass sie die Nächste war. Sie rollte immer wieder genervt die Augen, stöhnte und schien sich über die Wartezeit zu ärgern. Ich spürte ihre steigende Wut und registrierte eine unterschwellige Aggression, die sich auch auf ihr Getippe am Handy auswirkte. Sie tippte nicht, sie hämmerte mit ihren Fingern auf das Display. Vielleicht war sie es? Eine potenzielle Amokläuferin? Oder doch der Greis mit der Gehhilfe? Vielleicht würde er mit seinem Gehstock seiner Stuhlnachbarin eins überziehen, weil sie ebenfalls die ganze Zeit mit ihrem Smartphone hantierte? Vielleicht war sogar ich selbst die Gefahr in diesem Raum, weil mich die unterdrückte Aggression der Frau gegenüber, die Traurigkeit des Mannes neben mir und die Hilflosigkeit der alten Menschen mich letztendlich wahnsinnig machten?

Klick klack klack! 😮 😮 😮

Okay, der Kerl mit dem Schlüsselbund hat gewonnen! Er machte mir am meisten Angst. Was würde ich tun, wenn dieser Amok laufen würde?

Ich sah mich nach möglichen Gegenständen in seinem Umfeld um, die gefährlich werde könnten. Aber er hatte nichts bei sich. Keine Tasche, in der er eine Kalaschnikow hätte verstecken können. Aber er könnte mit dem Schlüssel zustechen … direkt in meine Halsschlagader. 😮

Und im Zimmer stand ein eine Vitrine, die sicherlich bei einem Gerangel zu Bruch gehen würde und eine Vielzahl an gefährlichen Scherben für alle Beteiligten bieten würde.

Vielleicht laufen alle gleichzeitig Amok … 😮 😮 😮 😮

Diese Bilder in meinem Kopf und jetzt kenne ich schon den Titel meines Dritten Buches „Das Wartezimmer“ 😀

Was ich mich allerdings in diesem Moment noch fragte: Hätte ich die Courage und auch den Mut, mich dem Amokläufer in den Weg zu stellen?

Fuck! Ich will hier raus!

So, genug Klischees bedient … 😀

Gerne hätte ich diese „Geschichte“, die ja nun auch zu meiner Realität gehörte in dem Umfang weitererzählt, inklusive dem spektakulären Auftritt des Arztes, aber das lasse ich. Es dauert sonst noch weitere drei Wochen, bis dieser Eintrag fertig ist.

Aber so viel sei gesagt: Ich erwartete Mr. Jekyll, mit weißem Kittel und Stirnlampe, kennengelernt habe ich einen kompetenten Mann mittleren Alters, in Hemd und Jeans, der (in meinen Augen verständlicherweise) etwas reserviert war, was von Unwissenden durchaus mit Unfreundlichkeit verwechselt werden kann. Aber in diesem Beruf habe ich da vollstes Verständnis für sachliches Agieren und kann nur sagen, dass ich hinter dieser Reserviertheit und scheinbarer Gefühlskälte einen prima Kerl gesehen habe. (Solche Erkenntnisse habe ich öfters, wenn auch manchmal etwas verspätet… 😉 )

Aber immerhin war er mehr an meiner Arbeit als Redenschreiberin interessiert als an der Tatsache, dass ich Psychothriller schreibe. Ja, er fand das regelrecht spektakulär… er hat sogar gelächelt! 🙂 Neukundengewinnung in einer Psychiatrischen Praxis … wie geil ist das denn?! 😀 Zudem stellte er die richtigen (vielleicht auch etwas unangenehme) Fragen, inklusive Diagnose und wählte aus seinem unendlichen Pfuhl an Medikamenten genau das Richtige aus. Ein Medikament, das hilft, das nicht süchtig macht und einem nicht das Gehirn vernebelt und falsche Tatsachen vorspielt.

Lange Rede kurzer Sinn: Ich verließ im Anschluss die Praxis mit einem Grinsen im Gesicht und einer neuen Romanidee im Gepäck …

Die Medikamente nehme ich jetzt seit knapp zwei Wochen. Die Nebenwirkungen (Übelkeit) sind am Anfang noch etwas nervig, aber das geht bald weg – und das bewirken sie:

😀

2015-08-19-Köln 047Ich traue mich zum Müll, zum Briefkasten und rupfe sogar Unkraut im Vorgarten, unbehelligt ob ich den Nachbarn begegnen könnte, die eventuell dann auch mit mir reden wollen
Ich frage ohne Probleme, nach Wechselgeld für den Einkaufswagen
Halte Smalltalk beim Einkaufen und rede sogar gerne über mein Buch
Ich traue mich verbal zu meiner Meinung zu stehen, auch wenn diese auf Konfrontation trifft
Ich lege mich plötzlich mit Menschen an, die mir schon lange mit ihrem Getue auf die Nerven gehen, ohne mich schlecht zu fühlen
Ich traue mich wieder unter Menschen – ich war tatsächlich in Köln (siehe Bilder)
Ich spreche bei Versammlungen offen, traue mich fragen zu stellen
Ich spreche Menschen an, die eventuell Hilfe brauchen
Ich gehe freiwillig in einen Dialog
Ich gehe an die Türe wenn´s klingelt, ohne Panikattacken
Telefonieren tue ich immer noch nicht gerne aber das hat nichts mit Angst zu tun – aber ich kriege zumindest keinen Herzinfarkt mehr, wenn es klingelt 😀
Ich mische mich in politische Diskussionen ein
Ich möchte nicht mehr länger hilflos zusehen, ich will etwas bewegen, raus auf die Straße, demonstrieren, helfen … irgendwie!
u.s.w

2015-08-19-Köln 057Allumfassend spüre ich eine noch nie dagewesene Energie, die mich Dinge in Angriff nehmen lässt, die ich mich nie zu vor gewagt habe. Ich fühle mich stark, lerne wieder den aufrechten Gang, verstecke mich nicht mehr. Tja, und da könnte man jetzt sagen: „Ja, das ist ja nur wegen der Pillen!“ Stimmt nicht ganz. Ich war schon immer in der Lage und auch in den Startlöchern all das zu tun, was ich schon immer tun wollte, all die Dinge zu sagen, die ich schon immer sagen wollte … Moment, das erinnert mich an einen Spruch, den ich vor einigen Tage bei einem lieben Freund gelesen habe:

Einfach tun, was richtig ist.
Einfach lassen, was nichts bringt.
Einfach sagen, was man denkt.
Einfach leben, was man fühlt.
Einfach lieben, wen man mag.
Einfach ist nicht leicht …
Einfach … ist am schwersten!

Jetzt ist es plötzlich so leicht …

Die Tabletten haben meine Grundangst einfach ausgelöscht. Ein unerklärliches Angstgefühl, dass durch ein biochemisches Ungleichgewicht im Gehirn seit fast zwanzig Jahren mich beherrscht und mich in allem, was ich tue ausbremst. Diese Bremse wurde nun gelöst. Das ist so ein unglaublich geiles Gefühl, dass kann sich wirklich nur der vorstellen, der es selbst erlebt hat … ich liebe es und jetzt geht`s erst richtig los!

So, wie in diesem Song!

Damit das Gehirn dieses Gleichgewicht behält und auch eigenständig wieder die Ängste kontrolliert braucht es etwa 6 Monate, dann brauche ich die Tabletten nicht mehr.

Das Fazit und mein Aufruf an alle Betroffenen von Ängsten, Unwohlsein und vielleicht sogar Depressionen:

Ihr Lieben ,
ich weiß, wie schwer es ist, sich einzugestehen, dass man ein Problem hat. Besonders wenn es um die Psyche geht, ist es schwer das in Worte zu fassen. Die Angst, missverstanden, belächelt oder abgelehnt zu werden ist groß. Und es gibt einige, die hinter meinem Rücken abfällig mit dem Finger an ihre Schläfen tippen und sagen: “Die hat mächtig eine Schraube locker“. Das interessiert mich nicht!

Es (mit in welcher Weise auch immer) mit der „Tzyche“ zu haben ist scheinbar immer noch ein Tabu-Thema – das merke ich am eigenen Leib und das macht einsam. Aber ich kann jedem Betroffenen nur raten: Quält Euch nicht länger. Geht zu Eurem Arzt des Vertrauens und erzählt ihm davon. Ich hab den besten Hausarzt der Welt. Ich saß mit Tränen in den Augen vor ihm – ich, die eigentlich nie krank ist und nur alle paar Jahre mit einer Magengeschichte oder mit einem Hexenschuss erscheint – und wusste nicht, wie ich es in Worte fassen sollte. Und ich habe eigentlich immer die richtigen Worte parat. Ich suchte verzweifelt nach den Worten, die das beschreiben könnten, was da seit Jahren und Wochen in mir tobt und mich jetzt an den Rand eines tiefen Abgrunds trieb …

„HILFE!“ – Das war das einzig richtige Wort in diesem Moment. Ein Wort, dass ich so gut wie nie über meine Lippen kriege – ja, genau, weil ich grundsätzlich alles alleine kann und von niemanden Hilfe brauche.

„Herr Dr. Bohl, ich brauche Hilfe, ich komme da alleine nicht mehr raus!“

Noch nie habe ich mich so ernst genommen gefühlt, wie in diesem alles entscheidenden Moment. Und jetzt sitze ich hier, schreibe diese Zeilen und habe soeben eine Anmeldung für eine ehrenamtliche Tätigkeit als Flüchtlingspatin ausgefüllt! Ich werde in Kürze auch darüber mehr berichten. 😉

Das Leben ist angstfrei unglaublich schön! <3

Wer es bis hier hin geschafft hat zu lesen – RESPEKT! Sorry, Kurzfassen ist nicht so meine Stärke… 😀

DANKE! <3

Reden wir über Angst – Teil 2 – Albtraum Psychologin

… oder wie nach zwei Therapiestunden mein ganzes Leben plötzlich einen Sinn ergibt

Ja, da schrieb ich mir vor knapp zwei Wochen den Frust von der Seele und rechnete eigentlich mit fremdbeschämter Ignoranz oder gar einem kleinen Shitstorm, ganz nach dem Motto „Wie kann man nur so etwas in aller Öffentlichkeit schreiben!?“ Aber nä, es kam doch ganz anders.

Apropos Öffentlichkeit:

Ich warne jetzt schon vor: Dieser Blog wird in Zukunft überlebenswichtig für mich sein. Ja, dieses unspektakuläre WordPress-Ding wird meine Rüstung, meine Mauer, mein imaginärer Schutzring und meine Kampfansage an die Angst. Welche Angst genau hier den Garaus gemacht wird, folgt irgendwo in der folgenden Flut an Wörtern … ja, sorry, es fällt mir grundsätzlich schwer, mich kurz zu fassen. 😀

Wo war ich?

Ach ja …

Da schrieb ich mir vor knapp zwei Wochen den Frust von der Seele und rechnete eigentlich mit fremdbeschämter Ignoranz oder gar einem kleinen Shitstorm, stattdessen schossen unzählige Nachrichten auf mich ein, die mir teilweise echt die Kinnlade herunterklappen ließen. Es waren Nachrichten von Betroffenen aus meinem Bürg Olbrück 148Bekanntenkreis, die sich zum Teil schon seit Jahren mit Angststörungen herumschlagen aber auch von Menschen, die es geschafft haben, da wieder rauszukommen. Es war sogar eine Meldung von einem Mann dabei, dessen Ehe an der Angststörung seiner Frau kaputt gegangen ist, weil er das Problem nicht verstanden hat, bzw. nicht so recht damit umgehen konnte. Die letzte Nachricht zu diesem Thema erhielt ich am Mittwoch Abend, die hat mich sogar zu Tränen gerührt. Es waren somit komplett positive Reaktionen, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet habe. Dieses entgegengebrachte Vertrauen und diese ungeahnte Offenheit mir gegenüber, hat mich sehr berührt – vielen, vielen Dank!!!! 🙂

Und ich verspreche, dass ich auf die Einladungen zum Kaffee bestimmt zurückkommen werde …

… spätestens dann, wenn genau das für mich kein Problem mehr ist! 😀

Und derzeit ist es noch ein Problem …

Klingt komisch, ist aber so …

Womit wir auch fast schon bei meinem heutigen Thema und der Fortsetzung von „Reden wir über Angst“ wären. Auf meiner Überweisung von meinem Hausarzt für die Therapie steht u. a. das Wort „Sozialphobie“. Ja, es lässt sich inzwischen nicht mehr leugnen, ich bin nicht nur Menschenscheu, sondern inzwischen regelrecht sozialphobisch. Ein Problem, was meine Angststörung erheblich mit geprägt hat.

Apropos Angststörung …

Mein momentaner Istzustand

Ja, derzeit bin ich immer noch ohne Medikamente unterwegs, aber es geht mir dennoch deutlich besser als noch vorBürg Olbrück 220 einer Woche. Mittlerweile habe ich so halbwegs verstanden, in welchen Situationen die Symptome stärker auftreten und auch, wie ich die Beklemmungen abschwächen kann. Meinen letzten emotionalen Ausbruch hatte ich am Montag. Das war, als ich die Meldung von dem erweiterten Suizid eines Vaters aufschnappte, der sich und seine beiden Kinder die Rombachtalbrücke hinunter stürzte. Das war wieder so ein Moment wo sich meine Gedanken inkl. Emotionen unaufhaltsam verselbständigten. Ohne dass ich es will, sehe ich vor meinem inneren Auge das Drama, fühle mit dem Vater, mit den Kindern und auch mit den Hinterbliebenen. Hatte er sie wenigstens vorher betäubt? Ich versuche mich mit aller Gewalt von diesem Horror in meinem Kopf abzulenken, doch es funktioniert nicht. Ich spüre wie mir die Tränen kommen, werde deswegen wütend – Was soll dieser Scheiß schon wieder?! Ich werde wütend, weil wieder irgendeine kranke Seele auf dieser Welt Unglück über seine Mitmenschen bringt und mich gleich mit in den Abgrund reißt. Das kotzte mich an, das ging mir auf den Sack und es brachte mich an einem Montag morgen dazu, heulend und fluchend in der Küche zu stehen, die Spülmaschine auszuräumen und meinem Mann erneut die Frage zu stellen, ob er immer noch der Meinung war, dass es eine gute Idee war, mich zu heiraten … 😀

Bürg Olbrück 161Aber es ist, wie es ist – mein Fokus wird sich wohl bis ans Ende meiner Tage auf irgendwelche Einzelschicksale richten, die dann früher oder später in irgendeinem meiner Romane enden werden, damit sie „aus meinem Kopf und meinem Herzen“ sind. Der erweiterte Suizid ist zumindest ein Thema, über dass ich in meinem aktuellen Roman sicher das eine oder andere Wort verlieren werde.

Ja, ja … mitfühlen, mitleiden … wenn es nur das wäre … die Krönung kommt noch! 😉

Aber nochmal zurück zu meinem Ist-zustand: Um Stresssituationen optimal entgehen zu können hilft eigentlich nur die Flucht. Ich versuche daher mit „Rausgehen“ mich vom Alltagstrott und von dem dazu gehörigem Stress abzulenken. Sobald ich mich in der Natur, weit weg von Menschen, Lärm und Stress aufhalte, fühle ich mich wohl und bin so gut wie symptomfrei. Die Eifel hat es mir im Moment besonders angetan (siehe Bilder) … Laacher See, Burg Olbrück, Weitere Abenteuer folgen. 😎

2015-08-06-Laacher See 055Was tue ich noch? Ja, ich sorge für ausreichend Schlaf, vermeide weitgehend Koffein, versuche mein Arbeitspensum auf 2-3 Aufträge pro Tag zu beschränken und nicht am Wochenende zu arbeiten. So 100 % dran halten, funktioniert aber leider noch nicht. 😀

Doch um eine Angststörung dauerhaft in den Griff zu bekommen, sieht der Genesungsprozess neben Medikamenten, auch eine Gesprächstherapie vor. Für mich ein sehr befremdlicher Gedanke, denn ich beschäftige mich seit vielen Jahren selbst intensiv mit der Psychologie des Menschen, habe dazu viele (Fach-)Bücher gelesen und über diesen Weg auch eine Menge Wissen gezogen. Warum ich mich für Psychologie interessiere? Ich war auf der Suche nach Antworten oder vielmehr nach einer Möglichkeit, eine Lösung für mein „tatsächliches“ Problem zu finden … welches ich in diesem Text auch noch offenbaren werde.

Dass ich viel über Psychologie gelesen habe, soll heißen, dass ich durch jahrelange Selbstanalyse sehr wohl weiß, dass es in meinem Leben eine Menge hochproblematische Stationen gab, die mich sehr geprägt haben. Ich weiß aber auch, dass dieses ganze Vergangenheitstheater NICHT maßgeblich für meinen heutigen Zustand verantwortlich ist. Ich habe diese ganze Scheiße überlebt und ich bin froh, glücklich darüber und habe aus meinen Fehlern gelernt.

Was also sollte mir eine Psychologin oder ein Psychologe noch großartig erzählen? Dass das ganz schön scheiße war, was alles in meiner Kindheit schief gelaufen ist und daher auch die Laufbahn zum Teil etwas schief war? Wollen sie mir dann auch erzählen, dass es für mein Leben nicht gesund war, mich in viel zu frühen Jahren (und später dann auch prompt zum Zweiten Mal) in die seelische Abhängigkeit von geisteskranken Psychopathen zu begeben, die mit mir, als freiwillige Marionette, mächtig viel Freude hatten? Schöne Grüße! 😉

Dass mich diese Abhängigkeit später zu einem selbstzerstörerischen und suizidgefährdeten Zombie mit Persönlichkeitsstörung machte, der sich tatsächlich zur Krönung noch einbildete, diese Flut an Problemen mit sich selbst, mit Glücksspiel lösen zu können? Ganz nach dem Motto: Pech in der Liebe, Glück in Spiel! 😀 Auhaueha … pathologisches Spielen … auch Spielsucht genannt … nein, ich brauche tatsächlich keinen Therapeuten, der mich darauf hinweist, dass die Spielsucht eine teure und eine extrem dümmliche Angelegenheit war. Nebenbei bemerkt: Egal, ob Spielautomaten, Spielcasino, Rubbellose, Lotto etc. – Glücksspieler sind wie Alkoholiker: Einmal Spieler, immer Spieler – seit 16 Jahren habe ich nichts mehr in Richtung Glücksspiel angerührt und werde es auch nie wieder tun … nein, auch keine Lotto. 😀

Ja, und ich könnte die Liste an Fehltritten und Dramen, von denen ich den analytischen Kommentar eines Therapeuten nicht gebrauchen konnte, noch endlos weiterführen. Übrigens wurde in der weiteren Abfolge dieser Lebensgeschichte aus einem suizidgefährdeten Zombie, eine entschlossene Selbstmörderin, die meinte, sich während dem Song von Falco „Out of the dark into the light“ mit einer Packung Schlaftabletten ins Jenseits zu befördern. Kein Scheiß, das hab ich wirklich versucht … 😮 … ich bin heute noch traumatisiert von diesem eindeutigen Beweis, dass man sich mit einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer Psychose im Gepäck, absolut nicht mehr selbst trauen kann. 😮

Falco hat seither einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen …

Ich danke heute noch der Apothekerin, die mein Vorhaben erahnt, vielleicht sogar durchschaut hat und mir daher nur „leichte“ Schlaftabletten mitgegeben hat, weshalb mein Plan letztendlich auch gescheitert ist. Ja, heute weiß ich, dass dies keine besonders kluge Idee war, aber dennoch klug genug, dass ich aus dieser Erfahrung eine ganze Menge für mein weiteres Leben gelernt habe. Ich hänge sehr an meinem Leben.

Wozu brauchte ich also einen Therapeuten? Was will mir dieser mit auf meinen Lebensweg geben? Und dann auch noch zu einer Zeit, in dem so ein „garstiges“ Buch mit dem Titel „Sonst wird dich der Jäger holen“ unter meinem Namen auf dem Markt ist? 😮

Auwaia! 😮

Was würden diese Psychofuzzies wohl alles aus dieser „kranken“ Geschichte in mich hinein interpretieren? Was würden sie zwischen den Zeilen lesen? Welche Perversitäten, geheimen Sehnsüchte würden sie mir da ankreiden? Würden sie behaupten, dass in Wahrheit sogar ICH der Psychopath bin und nicht mein Protagonist?

Doch meine größte Befürchtung in dieser Sache war: Wäre ich überhaupt noch imstande Romane zu schreiben, wenn die mit mir fertig waren? 😮

Fragen, über Fragen …

Ich trat somit meinem ersten Pflichtbesuch bei einer Psychologin meiner Wahl extrem skeptisch entgegen – nein gelogen. Ich war nicht nur skeptisch, ich war regelrecht panisch. Bei dem ersten Vorgespräch hatte ich so eine Angst, dass ich schon auf dem Weg zu ihr, die ganze Zeit heulen musste. Dieser Termin hatte etwas von einer Hinrichtung … vielleicht sogar etwas von einer Hexenjagd. Doch ich hatte keine Wahl, ich habe es meinem Mann und meinem Hausarzt versprochen und eigentlich halte ich meine Versprechen. 🙂

Die Begrüßung war überraschend herzlich und mein Gefühl war zwischen Hinrichtungs – und Scheiterhaufengefühlen und Alles-Gar-Nicht-So-Schlimm hin und her gerissen. Die Psychologin gehörte zu der etwas älteren Generation, schien jedoch jung geblieben und sie strahlte etwas aus, was ich in diesem Moment noch nicht richtig deuten konnte, aber es war irgendwie positiv. Scherzend, wurde ich in einen Raum geführt, in dem ich kurz warten sollte.

Und als ich dann in ihrem „Gesprächsraum“ saß, kam aber doch die Angst zurück. Ich hatte wieder das Gefühl, kurz vor dem Ersticken zu stehen und suchte instinktiv Beruhigung in ihrer üppigen Bücherwand, in der es von Fachbüchern über Psychologie nur so wimmelte. Es gab aber kurioser Weise auch Krimis, Thriller und weitere Bücher über Gruseliges, Mord und Totschlag. Das Ganze dicht gefolgt von den grandiosen Werken von Michael Ende und Astrid Lindgren. Ich war irritiert – hatten wir in dieser Hinsicht tatsächlich etwas gemeinsam? 🙂

Dann kam sie, die „schreckliche“ Therapeutin, die nun die Macht hatte, mich als absoluten Psycho abzustempeln. Und sie begann auch ganz klassisch mit der Frage: „Was kann ich für Sie tun?“

Gerne hätte ich mit einem überzeugten Nichts, aber absolut rein gar nichts, können Sie für mich tun! geantwortet, aber ich sagte tatsächlich: „Es wäre schön, wenn sie es mir nicht übel nehmen, dass ich es super scheiße finde, hier zu sein und deswegen aus diesem Grund erst mal heulen muss!“

Und ich heulte auch prompt los. Sie hingegen fand diese Aussage auf eine merkwürdige einfühlsame Art und Weise sehr lustig. Ich eigentlich auch. Die ganze Situation war so unendlich bescheuert, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als mit dem Heulen aufzuhören und ihr von meinen Beklemmungen, dem fehlenden Nervenkostüm, inkl. Ausbrüche zu berichten. Ich erzählte ihr sowohl das aktuelle Problem, aber auch mein ganzes Leben in Kurzform und das in 50 Minuten. Und während ich mich so reden hörte, wunderte ich mich selbst, dass ich diese ganzen tief greifenden Geschehnisse seit meiner Kindheit bis heute so emotionslos herunter ratterte, wie einen auswendig gelernten Text. Wie gebannt hielt ich bei jeder weiteren Steigerung ihre Mimik und Gestik im Auge, um irgendwie daraus erkennen zu können, was sie über mich denkt und fühlt.

Na, komm schon! Was willst du Psychotante mir jetzt dazu sagen? Dass es bei dieser Lebensgeschichte kein Wunder ist, einen an der Klatsche zu haben?

Ich kam zu keinem befriedigenden Ergebnis, außer, dass sie offenbar schnell gemerkt hatte, dass ich in Sachen Selbsterkenntnis, Selbstreflexion und Selbstkritik schon zu den Fortgeschrittenen gehöre. Ich bereue nichts und würde alles noch einmal genau so, wie bisher machen – was ich ihr auch klar und deutlich sagte. Ich liebe mein Leben, so wie es heute ist! Keine Chance dem Butterflyeffect! 🙂

Sie schien es zu akzeptieren und ich spürte bei ihr eine gewisse Faszination und auch ein gesteigertes Interesse an meiner ganzen Geschichte. Und, – ob ich wollte oder nicht -, selbstverständlich auch die, in fiktiver Form…

„Sagen Sie mal, Frau Lahr, Sonst wird dich der Jäger holen – was ist das für eine Geschichte? Worum geht es denn da? Werden Sie selbst da von einem bösen Jäger verfolgt? Oder sind Sie der Jäger?“

Oh nein, bitte nicht! 😮

… zum Glück war die Zeit um. 😀

… und ich musste darauf keine Antwort geben. 😀

„Wollen Sie wiederkommen?“

„Ja!“

Dass ich überhaupt nicht wiederkommen wollte und nur wiederkommen würde, um meinen Mann nicht zu enttäuschen, sagte ich ihr nicht… 😉

Der zweite Besuch stand dann letzte Woche Donnerstag an. Ich wollte diesen Termin eigentlich absagen. Ich sah nach wie vor einfach keinen Sinn darin, die ganze alte Scheiße noch mal durchzukauen. Mein wahres Problem würde ich ihr ohnehin nicht erzählen, das würde ich niemanden erzählen, nicht einmal mir selbst, wenn ich mir selbst begegnen würde … das ist einfach zu crazy! 😮

Je näher der Termin rückte, desto schlimmer wurden auch wieder die Symptome. Stress, Angst, Anspannung – sollte man sich vor dem Besuch bei seinem Therapeuten so fühlen? Eigentlich ein Zeichen, dass man hier an der falschen Adresse war, oder?

Ich war mir nicht sicher und nahm den Termin wahr…

Wenig später saßen wir wieder in diesem Zimmer, mit Büchern mit den Titeln „Über das Morden“ und „Momo“. Es wurde zunächst über Formalitäten gesprochen, dann erzählte ich, wie es die letzten Tage war und über die Situationen, in denen ich gezwungen war, die Notfalltablette zu nehmen und über anderes unwichtiges Blabla. Dieses auf den ersten Blick unwichtige Blabla, entwickelte sich aber dann doch wieder in eine Richtung, die ich ohnehin dringendst zu vermeiden versuchte – das Thema „Schreiben“. Das nennt man Gesprächsmanipulation – hab ich auch schon einiges drüber gelesen und gelernt. Auch ich weiß, wie man Gespräche in gezielte Richtungen lenken kann, aber ich schaffte es nicht, mit Gegenmanipulation, dieses „wichtige“ Thema zu umgehen. Sie wollte es eben wissen. Offenbar wusste sie, dass hier die Antwort auf alles vergraben liegt. Und sie wollte wissen, welcher böse Jäger da die die Frau Lahr jagte … 😀 …oder wen die Frau Lahr da als böse Jägerin jagte … sie hatte ja sowas von keine Ahnung. 😀 Ich klärte sie auf.

Und so war es dann unwillkürlich doch wieder Thema: Mein Buch und auch der aktuelle Roman, an dem ich gerade schreibe. Ich verriet ihr auf Nachfragen den ziemlich durchgedrehten Inhalt, (den ich hier leider noch nicht verraten kann) und wir diskutierten sodann über meine Protagonisten und deren äußerst merkwürdigen Handlungen. Psychologisch wertvoll eben … 😀

„Schreiben ist also ihr Ding, ja? Sehr interessant!“

„Ja, das ist es in der Tat. Ich habe schon seit meiner Kindheit davon geträumt, Autorin zu werden.“

„Ach ja? Echt? Toll! Super! Und was haben sie als Kind so geschrieben?“

Ihre durchaus positive Wortwahl (Toll! Super!) und das entgegengebrachte Interesse – pure Manipulation! – brachte mich irgendwie dazu, tatsächlich vollkommen ungehemmt aus dem Nähkästchen zu plaudern. Ich plauderte echt alles aus, auch die Sache, dass ich damit solche Mitfühlerlebnisse wie die des erweiterten Suizids verarbeite. Ich erzählte ihr Näheres von meiner extremen Empfindsamkeit, inkl. unkontrollierten Mitfühlen bei den täglichen Nachrichten und noch von weiteren unscheinbaren Details, mit der Gewissheit, dass Sie mir neben meiner Angststörung auch gleich eine Menge weiterer Störungen diagnostizierte.

Und mein Gegenüber starrte mich währenddessen an, als müsse sie meine (in der kurzen Zeit) analysierte Persönlichkeit komplett neu definieren.

Zur Erinnerung:

Der Grund, warum ich schreibe…

„Die wichtigsten Dinge, lassen sich am schwersten sagen. Es sind Dinge, deren man sich schämt. Sie lassen sich so schwer sagen, weil Worte die Dinge, die dir in deinem Kopf grenzenlos vorkamen, zu ihrer wahren Bedeutung schrumpfen. Aber da ist noch etwas anderes, nicht?
Die wichtigsten Dinge, sind deinen geheimsten Wünschen zu nahe, wie Zeichen in der Landschaft, die deinen Feinden zeigen, wo dein Schatz vergraben liegt. Du machst vielleicht Enthüllungen die dir schwer fallen, doch der einzige Erfolg ist, dass die Leute sich erstaunt ansehen und gar nicht verstehen, was du gesagt hast, oder warum du es für so wichtig hieltest, dass du fast weintest, als du es sagtest.

Ich finde, das ist das Schlimmste… wenn man ein Geheimnis für sich behalten muss, nicht weil man es nicht erzählt, sondern weil niemand es versteht.“

(aus Stephen King`s „Jahreszeiten / Herbst – Stand By Me“)

So, und jetzt wird es komisch …

Ich habe ihr mein wahres „Geheimnis“ überhaupt nicht erzählt – und hätte es ihr auch nie erzählt -, aber sie hat es dennoch herausgefunden. Ich weiß nicht genau, wie ich mich verraten habe, aber sie hat es entdeckt. Denn nachdem ich meine Ausführungen beendet hatte und mich in Sicherheit wiegte, nur so viel gesagt zu haben, dass sie zumindest verstand, dass der Inhalt meiner Bücher nichts mit mir persönlich zu tun hatte, sondern eher mit Einzelschicksalen irgendwo in dieser Welt, starrte sie mich an und sagte schließlich mit tiefer Überzeugung:

„Frau Lahr, wissen Sie eigentlich, was für eine großartige Gabe sie da in sich tragen?“

„Äh!?“

„Ja, das ist ein Talent, das gibt es nur ganz selten!“

„Aber Sie haben doch nichts von mir gelesen?“ 😮

„Ich rede nicht vom Schreiben, sondern von ihrer hohen Sensibilität. Die Emotionen anderer werden zu ihren eigenen. Es wundert mich überhaupt nicht, dass sie solche Probleme und auch warum sie Angst vor Menschen haben. Sie nehmen ja jede Form von Emotionen in ihrem Umfeld auf. Emotionen sind Energie, ein großes, verwirrendes, energetisches Schwingungsdurcheinander und da kommen Sie vollkommen ahnungslos und schutzlos daher und laufen in jedes Gefühl in ihrem Umfeld hinein. Sie müssen sich ja ständig vollkommen überflutet und vollkommen verwirrt fühlen, wenn sie unter Menschen sind.“

Ich starrte sie fassungslos an. Fassungslos deswegen, da ich es nicht glauben konnte, was sie da sagte.

„Ja, und durch das Schreiben geben sie diese Emotionen anderen Personen – sie laden quasi Schutt ab – großartig!“

Es war eine Mischung aus Schock, Ungläubigkeit und Angst, dass dieser Augenblick irgendeine Falle war, das sie den Nagel so deutlich auf den Kopf traf. Sie war doch eine Psychologin mit Diplom?! Wieso bestätigte sie mir etwas, was ich schon seit vielen Jahrzehnten befürchtete?! Ich war ein verdammter Empath!

„Ist das ihr Ernst?“

Sie nickte.

„Sie glauben, dass es tatsächlich so etwas gibt?!“

„Natürlich!“

„Ich bilde mir das also nicht alles ein und habe keinen an der Klatsche?“

„Ganz und gar nicht! Sie haben nur nie gelernt, das zu kontrollieren, zu differenzieren und sich selbst zu schützen.“

Ich wäre ihr am liebten heulend in die Arme gefallen. Da schleppe ich seit vielen Jahrzehnten das Gefühl mit mir herum, dass mein emotionales Dasein aufgrund irgendwelcher psychischen Störungen immer mehr außer Kontrolle gerät, und dann sagt mir eine Fachfrau, dass dies eine wundervolle Gabe und etwas ganz Tolles, Seltenes und Ehrbares ist?! Für mich war meine extreme Sensibilität nur eine lästige „Disposition im Nervensystem“ und, dass da noch eine ganze Menge mehr hinter stecken könnte, wollte ich bis zu diesem Tag mit aller Gewalt verdrängen.

Ich bin also das personifizierte Mitgefühl, ein „Empath“ – das Wort ist übrigens scheiße, es gibt aber noch kein anderes adäquate Bezeichnung dafür. Ich hatte zwar in der Vergangenheit immer wieder im Internet nach dem Begriff „Empath“ gegoogelt, bin aber immer nur auf so einen esoterischen Kram gestoßen. Und da ich weitgehend ein realistisch denkender Mensch bin und es mir sehr schwer fällt, an etwas zu glauben, was ich nicht sehen kann, war ich umso überraschter, dass ich diese „Diagnose“ aus dem Mund von einer Fachfrau kam, inklusive realistischer Erläuterung hörte.

Zur Info:

Was ist ein Empath?

Empathen fühlen die Energie in einem Feld, fühlen die Energie der Konversation, fühlen Körpersprache, fühlen die verwendeten (oder nicht verwendeten) Worte ohne intellektuelle Interpretation. Sie wissen intuitiv, worum es bei einer Energie “tatsächlich” geht, egal was an der Oberfläche übermittelt wird. Sie verstehen auch, was ein Mensch wirklich sagt, egal welche Worte er dabei verwendet.

Wegen der Neigung der Menschen, die ganze Wahrheit zu verbergen oder die Situation kontrollieren zu wollen, empfindet ein Empath oft einen gewaltigen inneren Konflikt oder eine Unfähigkeit, das enorme Ausmaß der Betroffenheit verarbeiten zu können. Eines der größten Probleme für Empathen ist der Mangel an Transparenz und Ehrlichkeit in der Welt und die daraus resultierende Verstimmung darüber, all jene Energie verarbeiten zu müssen, die den Blicken verborgen ist. Natürlich kämpfen diese sensitiven Wesen auch mit Dingen, die offen dargelegt sind.“

(Quelle: http://wirsindeins.org/2014/01/04/wie-es-ist-ein-empath-zu-sein)

Ja, es stimmt! Emotionen, egal in welcher Form sind verdammte Energien und ich nehme diese Energien als eigenes Gefühl wahr. Und genau das ist die Grundlage meines ganzen Lebens und meiner Sozialphobie. Ich selbst bin nämlich grundsätzlich ein positiver, lustiger, alberner und liebevoller Mensch – treffe ich auf Menschen, die ebenfalls positiv und guter Laune sind, fühle ich mich doppelt so gut wie andere, weil mich Euphorie genauso spüre und aufnehme wie negative Emotionen. Treffe ich auf einen Menschen, der trotz seines Lächelns, in seinem tiefsten inneren unglücklich oder traurig ist, dann zieht mich das runter, ob ich will oder nicht. Dummerweise checkte ich das aber bisher nie so richtig, dass diese Gefühle nicht zu mir gehören, sodass ich einfach nur verwirrt war, warum ich mich aus heiterem Himmel „komisch“ fühlte. Ganz schlimm wird es, bei Trauer, Wut und Aggression. Diese negativen Energien, ziehen mir emotional den Boden unter den Füßen weg, das macht mich regelrecht verrückt.

Nur so als Beispiel: Ich war bisher in meinem Leben auf drei Beerdigungen und ich wäre jedes Mal vor Schmerz fast gestorben, obwohl mir zwei der Verstorbenen nicht besonders nahe standen. Ich hatte das Gefühl, als würde die Trauer von allen Trauergästen auf einmal auf mich eindreschen, dementsprechend habe ich mich dann dort auch so benommen … das war schlimm, traumatisierend, unbegreiflich und auch echt peinlich, wenn man sich dann auch einfach nicht mehr beruhigen kann! 😮

Es gab so viele weitere irrationale und merkwürdige Erlebnisse in Verbindung mit den Gefühlen anderer Menschen, in meinem Leben, die mich so verwirrt haben, dass ich tatsächlich eine Phobie entwickelt habe. Die Menschen sind so unehrlich manchmal und dummerweise merke ich sofort wenn jemand lügt oder mir etwas vorspielt – das nervt, macht mich traurig. Dennoch kann ich es verstehen, dass jemand, der vielleicht gerade Streit mit dem Partner hatte, natürlich gute Miene zum bösen Spiel macht und lächelt, weil er lächeln muss. Dennoch strahlt dieser Mensch eine negativ behaftete Energie aus … ich weiß, es klingt kompliziert. Ich habe es auch erst am Donnerstag so richtig verstanden. 😀

Mit der Zeit scheut man dann einfach dieses ständige Gefühlschaos, zieht sich zurück und distanziert sich vielleicht sogar von bestimmten Menschen. Durch die ständige Beschäftigung mit Körpersprache und psychologischen Merkmalen bildete ich mir ein, wenn ich den Menschen und seine Gefühlswelt, die nonverbale Kommunikation, die Körpersprache studiere, dann würde das meine Angst vor selbigen besänftigen … besonders Augen sagen mehr als Worte … ich dachte, ich würde dadurch eine Art Kontrolle erlangen … und nebenbei vielleicht auch Psychopathen schon im Vorfeld erkennen. 😀

Ja, ich bekenne, das ist mein Geheimnis:

Darf ich vorstellen, ich bin die, mit der empathischen Ader. Die, die dich ausschließlich über dein Gefühl kennenlernt, dich über deine emotionale Ausstrahlung definiert. Die, die spürt, ob ich dir sympathisch bin oder nicht. Die, die dir manchmal in die Augen sieht oder genau das gerade nicht tut, weil es ihr vielleicht unheimlich ist, was sie darin sieht. Ich bin die, die neben dir steht und sich wohl fühlt, wenn du dich wohl fühlst. Die, die sich nicht mehr ein kriegt, wenn du anfängst zu lachen – ganz egal warum. Die, die nervös wird, wenn du nervös bist. Die, die sich nicht mit dir streiten kann, weil deine Wut zu ihrer Wut wird. Die, die mit dir weint, wenn du weinst … u.s.w.

Nachdem nun auch die Therapeutin mein Geheimnis kennengelernt und aus meinem ursprünglichen Fluch, mit einem Satz eine „Gabe“, so eine Art siebten Sinn, gemacht hatte, habe ich allerdings allem noch eine Krone aufgesetzt… ich habe ihr von einem unerklärlichen Phänomen auf einem Friedhof und von meinem Erlebnis bei einem Besuch in einem Konzentrationslager (Dachau) erzählt …

Was da passiert ist, erzähle ich beim nächsten Mal … das ist wirklich soooo gruselig … und was sie dazu sagte, hat mich noch mehr geflashed …

Jetzt muss ich aufhören, es ist spät! 😉

Fazit dieses letzten Termins: Diese beknackte Angststörung brachte mir die unverhoffte Lösung für all meine Sinnfragen – das ist so ein befreiendes Gefühl!!!! 😀

Meine therapeutische Hausaufgabe ist übrigens Folgendes zu lernen:138-neu

Es ist eine Gabe, die ich auch unbedingt als solche akzeptieren muss! Akzeptanz ist der Schlüssel!

Und, wenn es wieder passiert, muss ich sagen:

“Ich will diese Energie nicht fühlen – sie gehört mir nicht!”

Leute, das ist alles so unfuckinfassbar abgedreht, dass ich es schon wieder spannend und inspirierend finde – sicherlich schreibe ich auch drüber mal ein Buch.

Oder aber, ich bewerbe mich bei Astro TV und mache eine Sendung: „Gib mir Deine Energie und ich sag dir, was du fühlst“ 😀

Ich liebe Euch!!!