Bevor es Krebs wird …

„Bevor es Krebs wird, muss es raus!“ (Daniel Wirtz, Musiker)

Oh Mann, mein erster „richtiger“ Blogeintrag seit … auwaia, … es sind mindestens 5 Jahre vergangen. Ich bin ganz aufgeregt. Und ich könnte jetzt auch ganz viele Zeilen damit verschwenden, die darüber berichten, was alles in den letzten 5 Jahren passiert ist, doch dann wird es ein (vielleicht sogar etwas langweiliger) Roman. Nur so viel: Das Schreiben über mein Leben hat mir sehr gefehlt!

Sogar sehr, sehr, sehr …

Ich weiß gar nicht, ob ich das noch kann … 😀

Kurze Erklärung, für alle, die es nicht wissen:

Ich habe bis vor 5 Jahren ein Onlinetagebuch betrieben. Das war von 2004-2010. Ein Blog, der meinen alltäglichen Wahnsinn beinhaltete und der mir kurioser Weise eine ganz besondere Form von Sicherheit gab. Ich hatte keine Ahnung, wer mir damals alles folgte und Teil an meinem Leben haben wollte, aber mir reichte der Gedanke, dass es mindestens einer tat (und den ich auch leider dann enttäuschte als ich damit aufhörte).

Ich hatte mir damals gezielt eine virtuelle Plattform geschaffen, um regelmäßig Dampf abzulassen, schriftlich Amok zu laufen – sprechen ist halt nicht so mein Ding. Es hat geholfen und mir (als Ausgleich zum beruflichen Schreiben) sogar sehr viel Spaß bereitet.

Aber das war eben damals …

Damals war ich mit mir und meinem Leben alleine. Niemand wusste von meiner heimlichen Leidenschaft des Schreibens und selbst wenn es jemand gewusst hätte, es interessierte niemanden, dass irgendwo, in einer kleinen Wohnung in Windhagen / Frohnen eine durchgeknallte rothaarige wohnte, die ihre komplette Gedanken – und Gefühlswelt, inkl. Alltagsstress und hochgradiger Eheprobleme in das World Wide Web hinaus posaunte. Ich glaube, so etwas nennt man heute „Seelenstriptease“. Aber das war und ist mir egal. Sich seelisch „naggisch“ machen, gehört wohl zum Leben eines Künstlers irgendwie mit dazu. Mitbekommen hat es ohnehin kaum jemand. 🙂

Irgendwie war ich sogar froh darum, dass alle Menschen um mich herum, zum Teil sogar meine Familie, absolut keinen Schimmer hatten, was jede Woche auf meinem Blog abging. Ich war unbeobachtet, hatte Narrenfreiheit und ich musste auf niemanden groß Rücksicht nehmen. Und mir war es tatsächlich vollkommen egal, was die Menschen auf der Straße von mir dachten.

Aber dieses „egal“ änderte sich plötzlich schlagartig …

Nun ja, vor fünf Jahren hat sich mein Leben komplett verändert. Auch wenn ich damals überzeugter Single war und überhaupt nie wieder mit irgendwem, irgendeine Beziehung führen wollte – ich war damals echt bedient – trat ein neuer Mann in mein Leben und brachte auch all das mit, was ich vorher nicht hatte und auch nicht kannte: Liebe, Respekt, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Gespräche, Kommunikation, Hobbys, seine Musik und auch eine große, tolle und herzliche Familie. Das war anfangs ziemlich schwierig für mich, all das zu realisieren und auch damit umgehen zu können. Jahrzehnte lang war ich quasi immer alleine, stumm und irgendwie unsichtbar und jetzt plötzlich hatte ich rund um die Uhr vollste Aufmerksamkeit.

Ich habe mich diesem neuen Leben nach bestem Wissen und Gewissen versucht anzupassen, wollte versuchen in diesem neuen Fokus, trotz meiner Vergangenheit, mit aller Gewalt „normal“ zu wirken … geordnet, bodenständig, seriös, vorzeige – und alltagstauglich eben. 😀

Allerdings tat ich das nicht, weil man es von mir verlangte, sondern weil ich es wollte. Ich fand mich so, wie ich war, irgendwie wie eine Zumutung und versuchte daher auf schnellstem Wege zumutbar zu werden.

Tja, hat nicht geklappt …

Mein Leben hat sich zwar tatsächlich komplett (ins Positive) verändert, doch tief in meinem Inneren bin ich ICH geblieben… und wer bin ich?

Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Nicole, mein Zweitname ist Dramaqueen und ich kann grundsätzlich alles alleine, brauche nie Hilfe und was nicht passt, wird passend gemacht. Eine Schublade gibt es nicht für mich. Ich bin verdreht, verpeilt, exzentrisch, ängstlich, misstrauisch, chaotisch, hochsensibel (eben die Hardcore Version von emotional), von Natur aus sehr introvertiert, bin in vielen Dingen ziemlich extrem, obendrein auch noch empathisch veranlagt und habe ein sehr ausgeprägtes Innenleben und eine so blühende Fantasie, dass ich Bücher damit füllen kann. Ich glaube an keinen Gott, habe noch nie Drogen genommen, hasse Streit und finde Menschen kacke, die ständig nach Gründen zum Streiten suchen (an dieser Stelle: viele Grüße an meine intrigante Lieblingsterrortante aus Bonn). 😀

Ich bin, zugegeben, nervtötend harmoniesüchtig und wünsche mir ständig Frieden auf Erden. Dann stehe ich noch auf das Individuelle, ich mag Tattoos, schöne Fotos, schräge Haarfarben, jede Art von Musik und mag Menschen, die zu ihrem Knall und ihren Schwächen stehen und, und, und … 😉

… eine Zumutung eben! 😀

Ja, es ist tatsächlich nicht leicht ICH zu sein und ich dachte eben damals, wenn ich zu sehr ICH bin, könnten die vielen „neuen“ lieben Menschen in meinem Umfeld merken, dass ich eben anders bin und das doof finden. Daher verwaiste der Blog von einen auf den anderen Tag und wurde schließlich irgendwann unwiderruflich aus dem Netz gelöscht…

Ein paar wichtige Einträge konnte ich aber retten, die auch nachträglich eingepflegt werden. 🙂

Kurioser Weise habe ich dabei entdeckt, dass ich vor ziemlich genau 7 Jahren folgenden Tagebucheintrag schrieb:

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Eintrag vom 13.06.2008

I´m going under…

Es kommt mir zumindest gerade so vor und deshalb bin ich im Moment auch so selten hier bei Euch. Irgendwie waren die letzten Monate, bzw. Jahre dann doch etwas zu viel für mich – ich bin vollkommen im Arsch. Die Einsamkeit, inklusive aller plötzlichen Selbsterkenntnisse, treiben mich zwar auf beruflicher Ebene derzeit zu Höchstleistungen aber alles andere in mir bettelt nur noch um Gnade.

Es geht einfach nichts mehr bei mir und das alles nur, weil mir erst jetzt so richtig bewusst geworden ist, was es bedeutet „allein“ zu sein. Niemanden an sich ran lassen zu wollen, selbst wenn sie es noch so gut mit einem meinen. Gezwungen zu sein jeglichen Augenkontakt zu vermeiden, um nicht Gefahr zu laufen, ihnen mein tiefstes Inneres zu offenbaren. Immer unter Zeitdruck zu stehen, die Sekunden und Minuten zu zählen, um den richtigen Zeitpunkt abzupassen, um sich aus dem Staub zu machen. Dringend weg zu müssen, nur damit sie erst gar nicht auf die Idee kommen, mir Fragen zu stellen, die ich nicht beantworten kann, bzw. nicht beantworten will. Jede einzelne „Wie geht es dir?“ Frage fühlt sich wie ein Messerstich an, der mich jedes Mal am liebsten laut aufschreien lassen würde.

„Wenn du etwas brauchst, sag Bescheid!“
„Wenn ich dir irgendwie helfen kann, lass es mich wissen!“

Wie es mir geht… was ich brauche… wie man mir helfen kann?

All diese Fragen bringen mich um…

Nein, falsch! Die Antworten darauf einfach nicht aussprechen zu können, das ist es, was mich wirklich umbringt! Ich fühle mich im Moment wie, als wäre ich ein Taubstummer, der ohne die Gebärdensprache zu beherrschen versucht, sich irgendwie mitzuteilen und gleichzeitig aber auch darauf bedacht ist, nicht zu viel zu sagen, denn er weiß nicht, ob seinem Gegenüber auch wirklich vertrauen kann.

Und das ist der Punkt…

Allein zu sein bedeutet für mich niemanden vertrauen zu können, so sehr ich es mir auch wünsche. Und ich wünsche mir im Moment nichts sehnlicher als einfach nur die Augen zu schließen, mich blind fallen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass ich aufgefangen werde.

Die Dinge plötzlich so zu sehen wie sie wirklich sind tut weh!

I´m going under…

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Ja, so klang ich vor 7 Jahren …

Heute würde der gleiche Text so aussehen:

27.06.2015

Bevor es Krebs wird …

… habe ich mich entschlossen wieder zum Onlinetagebuch zurückzukehren. Irgendwie waren die letzten 30 Jahre dann doch etwas zu viel für mich – ich bin vollkommen im Arsch. Ich habe zwar klare Ziele vor Augen, die mich bis zuletzt auf beruflicher Ebene zu Höchstleistungen trieben, aber ich habe es ignoriert, dass alles andere in mir immer noch um Gnade bettelt.

Jetzt geht einfach nichts mehr (keine Sorge, Bücher schreiben geht immer! 😀 ) und das alles nur, weil mir erst jetzt so richtig bewusst geworden ist, was es bedeutet „schwach“ zu sein. Der Dauerstress der seit knapp 30 Jahren in mir tobt und regelmäßig dafür sorgt, dass ich meine tägliche Dosis Adrenalin bekomme hat nicht nur deutliche Spuren hinterlassen, sondern mich auch vor drei Wochen komplett ausgeknockt. Wahrscheinlich war es dieses Mal eine Überdosis Adrenalin, die dafür gesorgt hat, dass mein Körper seither auf Hochtouren läuft und Krieg gegen eine Gefahr führt, die schlicht weg nicht vorhanden ist. Es ist ein körperliches, schwer zu beschreibendes Dauersymptom, ähnlich einer Panikattacke, nur mit dem Unterschied, dass es keinen Grund zur Panik gibt. Dennoch hat sich dieses Angstgefühl in Form einer Verkrampfung im Brustbereich festgesetzt. Wenn es nicht so unangenehm wäre, ist es fast schon interessant, welch faszinierende Selbstschutzmaßnahmen der Körper so auffährt, wenn das Fass übergelaufen ist. Das Problem ist nur, dass er damit nicht wieder aufhören will. Ich bin im Moment quasi eine wandelnde Panikattacke (Ha, neue Buchidee!). 😀 Doch noch schlimmer ist: Mein Nervenkostüm, meine wichtigste Rüstung, ist nicht mehr das, was sie mal war. Sie ist quasi nicht mehr vorhanden. Und das geht mir – mit Verlaub – extrem auf den Sack … bzw. auf die Eierstöcke! 🙁

Ich will gefälligst meine Stahlnerven wieder haben und keine filmreifen Comedy-Szenen abliefern, in denen ich, – von plötzlicher Unfähigkeit gebeutelt – heulend zusammenbreche, weil ich plötzlich nicht mehr imstande bin, das Auto aus einer 20 Quadratmeter Parklücke auf die Straße zu rangieren. Im Nachhinein lache ich selbst darüber, aber es ist schon eine massive Behinderung im Alltag, die nicht nur zum Schmunzeln anregt.

Mein armer tapferer Mann … 😀

Aber Spaß beiseite. Mir eingestehen zu müssen, dass ich, die immer starke Nicole, die grundsätzlich alles, aber auch wirklich alles alleine kann, niemanden braucht und alleine durchaus überlebensfähig ist, plötzlich schwach ist, das war mit Abstand der größte Tiefschlag meines Lebens. Ein Schock, den es erst mal zu überwinden gilt … wenn ich ehrlich bin, hat mich diese Tatsache regelrecht traumatisiert.

Hat ein paar Tage gedauert …

Scheiße finde ich es immer noch, aber da muss ich eben durch …

Inzwischen habe ich beschlossen, aus diesem Tiefschlag neue Kraft zu schöpfen und daraus eine Menge Positives zu ziehen. Natürlich komme ich um Medikamente und entsprechende Therapien nicht drum herum, aber auch dem sehe ich mit Freude entgegen. Das ganze nennt sich posttraumatischer Wachstum und ich bin mir sicher, diese Krise wird das Beste sein, was mir in diesem Jahr passiert ist. Noch nie war die Inspiration größer … vielleicht fehlte mir sogar dieser „Kick“ in die richtige Richtung.

Denn … natürlich ist es eine Form von Schwäche niemanden an sich ran lassen zu wollen, selbst wenn sie es noch so gut mit einem meinen. Gezwungen zu sein jeglichen Augenkontakt zu vermeiden, um nicht Gefahr zu laufen, ihnen mein tiefstes Inneres zu offenbaren. Immer unter Zeitdruck zu stehen, die Sekunden und Minuten zu zählen, um den richtigen Zeitpunkt abzupassen, um sich aus dem Staub zu machen. Dringend weg zu müssen, nur damit sie erst gar nicht auf die Idee kommen, mir Fragen zu stellen, die ich nicht beantworten kann, bzw. nicht beantworten will, weil sie es ohnehin nicht verstehen würden.

Und ja, es ist auch eine Form von Schwäche sich zu fühlen, wie ein Taubstummer, der ohne die Gebärdensprache zu beherrschen versucht, sich irgendwie mitzuteilen und gleichzeitig aber auch darauf bedacht ist, nicht zu viel zu sagen, denn er weiß nicht, ob seinem Gegenüber auch wirklich vertrauen kann.

Und das ist der Punkt…

Einem Menschen wieder vertrauen …

… daran muss ich dringend arbeiten!

Die Dinge plötzlich so zu sehen wie sie wirklich sind, ist tatsächlich eine Bereicherung! 😀

ENDE

Ich hab´s echt wieder getan und es fühlt sich so gut an!

Danke fürs Lesen! 🙂

Bis bald … (mindestens einmal die Woche, versprochen) !

Ach ja, anbei meine aktuelle „Wachstums-Hymne“, ich glaube, der Johannes kennt das, was ich gerade durchmache. 😀

Kindheitstrauma Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ – Oh Gott, ich war das Gewitter!

Ich erzähl Euch mal was …

(Ich bitte, diesen Schwank aus meinem Leben psychologisch nicht allzu sehr auf die Goldwaage zu legen – ich hab zwar mächtig einen an der Waffel, aber grundsätzlich geht es mir heute wieder gut!)

Es gibt Dinge, die sind irgendwo so tief im Inneren vergraben, dass sie eigentlich nie wieder zurück in die Erinnerung kommen sollten. Aus guten Gründen!

Ich habe vor einigen Tagen eine Classic-CD geschenkt bekommen, über die ich mich sehr gefreut habe. Allerdings war da auch unten genanntes Stück von Vivaldi „Vier Jahreszeiten Frühling- Allegro“ vertreten. Ein einprägsames Werk, welches ich so wohl nie wieder gefunden hätte (weil ich damals nicht wusste, wer oder was das überhaupt war).

Ich hörte diese lieblichen Klänge und bereits nach den ersten fünf Sekunden wurde ich brutal zurückgeschleudert in das Jahr 1986 (4. Klasse oder so). Es war ein schwüler Sommernachmittag (ich weiß sogar noch, was ich an hatte!) … in der (heute alten) Grundschule in Vettelschoß hatten viele Eltern gerade mit Stühlen einen Halbkreis um eine kleine provisorische Bühne gebildet und ließen sich lachend, unterhaltend und erwartungsvoll nieder. Meine Eltern ließen aus beruflichen Gründen noch auf sich warten, was irgendwie diese ganze Situation noch schlimmer machte, denn ich wollte eigentlich nicht alleine sterben. Und ich wusste, ich würde sterben, denn für mich hatte diese ganze Szenerie etwas von einer Hinrichtung.

In wenigen Minuten musste ich vor diese Menschen treten, bekleidet mit einem schwarzen Umhang auf den ein neongelber Blitz genäht war, und wie aus heiterem Himmel in wildes Tanzen ausbrechen. Und das alles nur, weil unsere Lehrerin Frau Kretz das für eine sehr gute, nahezu grandiose Idee hielt. Ich fand diese Idee sprichwörtlich zum Kotzen, denn mir war schon nach der Generalprobe am Morgen schlecht vor Angst. Das Lampenfieber (so wie ich es auch heute noch kenne) hatte mich gepackt und (wie sooft in diesem Leben) meine kindliche Verarbeitungskapazität deutlich überschritten.

Nachdem sich meine Mitschüler (kann sich von Euch noch jemand daran erinnern?) so langsam aufstellten und alle bester Laune und Vorfreude waren, merkte ich, dass mich diese Situation mit jeder weiteren Sekunde in diesem Raum so sehr beängstigte, dass ich den Tränen nah war. Aber heulen vor all diesen Menschen, ohne einen plausiblen Grund benennen zu können?

NEVER EVER!

Ich beschloss zunächst die Flucht zu ergreifen und erzählte der Lehrerein, dass ich dringend auf die Toilette müsste. Ich überhörte einfach ihr „Aber es geht gleich los, kannst du nicht später …
„Nein, kann ich nicht! Ich beeile mich auch!“
Ich rannte wie eine Irre los, die Treppe hinunter, schleuderte über den Flur, (achtete dabei penibel genau darauf nicht zu fallen) und schloss mich – also mit einem schwarzen Blitzumhang bekleidet – auf der Schultoilette ein. Dort angekommen, dachte ich darüber nach, wie ich am besten aus dieser schrecklichen Nummer raus kommen könnte. Das, was da von mir verlangt wurde ging einfach nicht. Nein, es ging nicht! Ich wollte nicht auf diesen dämlichen Präsentierteller, ich wollte nicht an diesen Pranger, ich wollte nicht, dass mich wieder alle im Visier hatten, um mich, die „Verdrehte“ wieder daran zu erinnern, dass ich eben so schrecklich anders war.
„Fuck!“

Oh, ich glaube, das hat man 1986 nicht gesagt oder gedacht … dann eben das:
„Bei der Macht von Greyskull – ach, menno Scheißdreck!“

Ich versteckte mich also auf dieser Schultoilette und wünschte mir eine Zeitmaschine und He-Man herbei, der für mich ins Jahr 1725 reisen und der Vivaldi frühzeitig den Garaus machen konnte, damit er die „Vier Jahreszeiten“ nicht mehr komponierte. Vielleicht wünschte ich mir auch einfach nur, nicht schon wieder so schrecklich kompliziert und ängstlich zu sein. Aber wie das am Ende immer so war (und ist) mit den Wünschen – auch Kinder können realistisch sein – musste ein Plan B her. Und der lautete an diesem Tag: Ich musste einen Unfall haben! Ja, ein vielleicht nicht ganz so schlimmen Unfall! Dann hätte ich wenigstens einen Grund zum Heulen und vielleicht würde „das Gewitter“ eben auf der Bühne einfach ausfallen.

Gesagt getan – BITTE NICHT NACHMACHEN!

Ich war alleine im unteren Teil des Schulgebäudes und überlegte, von welcher Treppenstufe ich mich denn nun stürzen sollte, damit es zumindest einen blauen Fleck gibt. Ich stolperte zum Testen von der ersten Treppenstufe auf den Boden und konnte mich aber dummerweise so geschickt abfangen, dass ich gar nicht stürzte. Das Gleiche versuchte ich, vom dritten und vierten Absatz. Aber wie durch ein Wunder landete ich immer wieder auf meinen Füßen und verletzte mich einfach nicht – wie kann das sein?!

Nachdem ich dann frustriert festgestellt habe, dass meine kindliche Intelligenz es offenbar nicht zulassen wollte, mich absichtlich zu verletzen – denn das tut ja (in echt!) weh – und ich spürte, dass man in wenigen Augenblicken nach mir suchen wird, fing ich einfach schon mal prophylaktisch an zu heulen. Aus der Ferne hörte ich dann, wie Frau Kretz meinen Namen rief. Und ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie die Treppe hinunter kam, um mich abzuführen … mit einem schwarzen Umhang über den Kopf … auf direktem Weg zu meiner Hinrichtung!

Oh, mein Gott, warum musste ich das Gewitter-Solo sein!? Warum keine dumme Blume, die in einer dummen Blumen-Gruppe Händchen haltend über die Bühne hüpfen durften … warum denkt man sich überhaupt so eine Scheiße aus???
Frau Kretz war also im Anmarsch, meine Eltern immer noch nicht da und so langsam aber sicher, schwankte mein Heulkrampf in blanke Panik um. Mit fieberhafter Aufmerksamkeit suchte ich weiter nach einer Möglichkeit, mir zumindest einfach mal kurz das Knie anzustoßen, damit ich einen Grund für meine Tränen liefern konnte.
Mit letzter Kraft stolperte ich über meine eigenen Füße und legte die wohl filmreifeste Schwalbe hin, die dieser alte Vettelschoßer Grundschulflur wohl je gesehen hatte. Und da ich eine kurze Hose trug, gab es sogar als Belohnung einen kleinen roten Fleck auf dem Knie.

Mit einem lauten „AUA! AUA!“ und lautem Schluchzen, begrüßte ich meine sichtlich erschrockene Klassenlehrerin, die sich sofort umgehend um mich kümmern wollte. Ich klagte ihr mein Leid und berichtete von meinem spektakulären Sturz und den unglücklichen Umständen – zu schnell, weil ich wollte ja wieder pünktlich oben sein, Kurve nicht gekriegt, ausgerutscht, doppelter Salto etc.

Nun ja …

Schlecht lügen konnte ich schon immer gut, und heute weiß ich, dass meine Lehrerin mich schon ein bisschen besser kannte, als ich damals gedacht habe. Sie sah sich mein Knie an, half mir auf, stützte mich auch selbstlos beim Gehen, aber gab mir auch ziemlich schnell zu verstehen, dass ich aus der Vivaldi-Nummer, mit DIESER Nummer nicht raus kommen werde. Da konnte ich so viel heulen, wie ich wollte. Und wenn ich bei meiner empfindlichen Haut einmal heule, sieht man das (auch heute noch) Tage lang.

Es kam, wie es kommen musste …

Von Minute 1,45 bis 2,11 – also ganze 26 Sekunden – musste ich das Gewitter tanzen!!!
Ohne wenn und aber …
… mit verheulten Augen …
… und einem kaum sichtbaren roten Fleck am Knie …
Meine Eltern haben meinen Auftritt übrigens doch noch gesehen, die kamen gerade als ich einsehen musste, dass ich auch ohne sie hingerichtet werde … (sie kennen diese Geschichte aber nicht)

Nä, was für ein Drama!

Das Leben ist eben ein Thriller!

Liebe Grüße

Eure Dramaqueen

Echt psycho – wenn der Wahnsinn vor der Türe lauert

Aggressive Menschen machen mir generell Angst. Ja, und auch wenn ich einst einige Jahre in einem Sicherheitsdienst tätig war (ich war jung und brauchte das Geld), hat sich bis heute nichts daran geändert, dass ich mit dieser schlimmen Form von emotionalen Ausbrüchen absolut nicht umgehen kann. Jegliche Form von Aggressivität anderer Menschen löst in mir eine Urangst aus, die sich unter Umständen sogar in Panik verwandeln kann. 😮

Folglich macht mir auch ein aggressiver, bulliger, herunter gekommen aussehender Mann Angst, der auf einem Parkplatz steht und extrem wütend und lautstark so Sachen schreit wie: „Ja, ich habe einen Fehler gemacht! Hast Du nie Fehler gemacht?! Jeder macht mal Fehler! Ich auch! Du auch! Hör auf mir Vorwürfe zu machen … etc.!“ Diese abgrundtiefe kochende Wut in seiner Stimme und die Gewissheit, dass nur noch ein Funke diesen Menschen zum eskalieren bringen würde (wie immer das auch ausgesehen hätte), das war schon irgendwie Freaky. Ich dachte: Mann, können die sich nicht zu Hause streiten? Und wenn nicht, warum muss der so laut …

ABER! Wisst ihr, was mir regelrecht den Atem stocken lässt? 😮

Wenn ich bei genauerem Hinsehen feststelle,dass dieser besagte extrem aggressive Mann da Mutterseelen alleine an seiner Autotür steht. Er hatte kein Handy am (oder im) Ohr, kein Insasse im Wagen, kein anderer Gesprächspartner weit und breit. Nur eine dumm guckende Nicole, (okay und ein sich über seine ängstliche Frau amüsierenden Mann) die sich gerade die Frage stellt, ob einer ihrer psychopatischen Romanfiguren irgendwie von ihrer Festplatte getürmt ist.

Mit wem hat er gesprochen? Etwa mit „Toni“?!

Das Letzte, was ich noch von ihm im Ohr hatte, als wir mit dem Fahrrad türmten …

„Ihr seid alles so feige Schweine!“

Das war so schlimm psycho, dass muss ich mir gleich für die nächsten Seiten notieren …

Teufelskreis Liebe



Die Angst zerreißt mich.

Die Angst lähmt mich.

Kann nicht mehr klar denken.

Wir drehen uns im Kreis – nein, ich alleine drehe mich im Kreis. Ich drehe mich im Kreis, den Blick fieberhaft auf den Moment gerichtet, an dem ich den Kreis für immer durchbrechen kann.

Du bist der stumme Begleiter in all meinen Träumen, meine Gedanken kreisen immer nur um dich. Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich dich, sehe dein Gesicht, dein Lächeln. Ich sehe in deine Augen, sehe in dich hinein, sehe hinter deine Fassade, sehe durch dich hindurch, verliebe mich erneut, versinke in dir, drohe zu ertrinken. Deine Macht, ist mein Untergang. Ich spüre die Gefahr, reiße mich los, laufe weg, fliehe. Immer und immer wieder.

Ich hatte die Hoffnung, dass es aufhören würde, irgendwann. Doch wann zum Teufel ist irgendwann?!

Ich will das alles nicht mehr! Ich kann das nicht mehr ertragen! Will dich nicht mehr in meinen Gedanken sehen, will nicht mehr von dir träumen, will dich nicht mehr spüren, will dich nur noch vergessen. Nein, ich kann diesen Ring der Unendlichkeit, diesen Teufelskreis, einfach nicht durchbrechen. Mit der Liebe kommt die Angst und sie wächst, … die Liebe und die Angst. Sie nährt sich von Misstrauen und meiner Machtlosigkeit. Ich habe die Kontrolle verloren.

Manchmal träume ich einen Traum…

Ich höre plötzlich auf mich zu drehen. Ich habe plötzlich keine Angst mehr vor dir. Es scheint, als sei der Kreis durchbrochen. Ich sehe plötzlich dich und ich sehe die Chance. Die Chance ein für alle mal diesem Teufelskreis zu entfliehen. Ich habe nach dir gerufen und du hast mich erhört. Ich habe dich zu mir gebeten und du bist gekommen. Ich bleibe stehen, bin bereit, mich dir zu stellen, laufe nicht mehr weg.

Ich wollte allein sein mit dir…

Aug in Aug…

Von Angesicht zu Angesicht…

Von Gefühl zu Gefühl…

Wie lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet? Allein sein mit dir, ohne Angst von dir vernichtet zu werden. Ich bin stark. All meine Ängste und Befürchtungen sind außerhalb dieser Türe, die ich soeben unbemerkt fest hinter dir verschlossen habe. Ich sehe dich an und du siehst mich an. Ich sehe, wie deine Lippen sich bewegen, verstehe aber nicht was du sagst. All meine Sinne kreisen jetzt nur noch um dich, um diesen Moment wo du vor mir stehst und scheinbar gar nicht weißt, in welcher Gefahr du dich befindest. Die Worte aus deinem Mund, belanglos, nicht von Bedeutung, sie prallen ab von der Stille die mich plötzlich umgibt. Stille, die mir Kraft gibt. Stille, die mich davor bewahrt gänzlich den Verstand zu verlieren. Stille, die mir sagt, wozu ich jetzt in der Lage wäre. Die Stille die mir zeigt, wie einfach es wäre…

Es ist nur noch ein kleiner Schritt…

In der Stille sehe ich, wie ich langsam auf dich zugehe. Ich bin erschrocken über meine eigene Entschlossenheit und will dieses Trugbild anhalten, versuche es stoppen. Ich als Beobachterin des Traums habe plötzlich Angst. Angst vor dem was passieren könnte, Angst vor deiner Reaktion, Angst vor der Wahrheit, Angst die Kontrolle zu verlieren – doch die Person die sich langsam auf dich zu bewegt ist vollkommen frei von Angst.

In der Stille sehe ich, wie meine Hand dich mit sanfter Gewalt an die Wand drückt. Du wehrst dich nicht, du kannst dich gar nicht wehren. Meine Augen fixieren die deinen, die Schlange in mir ist zum Leben erweckt. Wie eine Kobra richte ich mir vor dir auf, will dir mein Gift injizieren, will dich lähmen, dich gefügig machen, dich von meiner Wahrheit und meiner neuen Macht überzeugen. Ich umschlinge dich sanft, krieche um deinen Hals, um deine Schultern und merke wie alles in dir zu kochen beginnt.

Sag, ist es dein Herz was so laut schlägt, oder doch meines?

In der Stille sehe ich, wie ich mich langsam deinem Gesicht nähere, mein leises Flüstern durchbricht sanft die Stille und es erzählt dir von Dingen, von denen du bisher nur geträumt hast. Und du siehst mich an und in deinem Blick spiegelt sich das Feuer in der Flamme und du lässt es zu.

Nie wieder will ich diesen stillen Ort, diesen heimlichen Gedanken, verlassen…

Doch die Stille endet abrupt in dem Augenblick, wo du plötzlich still wirst. Du hast die Gefahr erkannt, hast mich in meinen Gedanken ertappt. Im Halbdunkel sehe ich dein Gesicht. Zweifel spiegelt sich plötzlich in deinen Augen und schwenkt in die Anfänge einer Panik um. Die Versuchung ist groß und die Angst vor dem was jetzt passieren könnte, ist gleich der Furcht vor dem, was nicht sein wird. Du weißt, dass ich dich will, aber du weißt nicht, was dieser Wille wirklich bedeutet.

Nein, das weißt du nicht…

Sag warum hast DU solche Angst vor mir?

Diese Angst lähmt dich…

Diese Angst zerreißt dich …

Doch deine Angst nährt auch die Schlange aus meinen Gedanken und sie erwacht erneut und mit doppelter Kraft zum Leben. Sie ist nun bereit dich im Hier und Jetzt mit ihrer gefährlichen Macht zu verführen. Macht, die mir sagt, wozu ich jetzt wirklich in der Lage wäre. Macht, die mir zeigt, wie einfach es wäre, sich das zu nehmen was man will.

„Los, tu es! Die Angst macht ihn schwach“, sagt die Schlange in mir und treibt mich mit ihrer Gier, ihrem Verlangen näher zu dir. Doch ich kämpfe dagegen an und frage mein Herz: „Ist es ihn jetzt und hier verführen zu wollen, nicht bloß der Wille zur Macht? Das Spiel mit der Angst, die Wehrlosigkeit des anderen?“

„Ja!“, sagt die Schlange. „Und es fühlt sich so gut an!“

„Nein, Macht ist nicht das, was ich wirklich will!“, sage ich stumm und bleibe stehen. Die Schlange in mir rebelliert, züngelt wütend durch meinen Kopf, versucht mich mit Machtparolen zu bekehren. Doch ich bleibe so lange standhaft, bis sie sich wieder im Dunkeln meiner Seele verkriecht. Ich bin erleichtert, fast schon dankbar. Ich weiß, Schlangen in der Hölle könnten die Vorboten eines unabwendbaren Unheils sein – aber ich bin keine Schlange. Ich bin nur eine Frau, die Angst vor der zerstörerischen Macht der Liebe hat. Ich spüre, wie mich der Mut wieder verlässt. Ich fühle, wie sich der Teufelskreis langsam wieder zu drehen beginnt. Ich sehe dich scheu an und sage: „Komm, lass uns gehen, die anderen warten bestimmt schon.“

Die Angst aus deinem Gesicht weicht plötzlich einem erleichterten Lächeln und mit einem Mal kehrt auch die Stille wieder ein. Aber es ist nicht meine Stille, nicht mein Gedanke – es ist deine Stille. Stille, die plötzlich Zweifel in mir aufkommen lassen.

Sag, was denkst du gerade?

Stille, die mir plötzlich Angst macht. Ich sehe, wie du langsam auf mich zukommst und ich spüre deine Hand die mich mit sanfter Gewalt an die Wand drückt.

Sag, ist es jetzt mein Herz was so laut schlägt oder doch deines?

Ich wehre mich nicht, ich kann mich gar nicht wehren. Deine Augen fixieren die meinen, die Schlange in dir ist zum Leben erweckt. Wie eine Kobra richtest du dich vor mir auf, du willst mir dein Gift injizieren, willst mich lähmen, mich gefügig machen. Du umschlingst mich sanft, kriechst um meinen Hals, um meine Schultern und ich merke wie es in mir zu kochen beginnt.

Sag, ist jetzt dein Wille mich jetzt zu wollen, bloß der Wille zur Macht? Das Spiel mit der Angst, die Wehrlosigkeit des anderen?

Keine Antwort…

In deiner Stille sehe ich, wie du dich langsam meinem Gesicht näherst, dein leises Flüstern durchbricht sanft die Stille und es erzählt mir von all den Dingen, von denen ich so lange geträumt habe. In mir brodelt das Feuer in der Flamme und ich lasse es zu.

Sag, ist das Liebe?

Keine Antwort…

 

Das letzte Hemd

Die Contenance zu bewahren, auch wenn die Karten schlecht stehen, das war nur eines der vielen Dinge, die Jack in den letzten Monaten gelernt hatte – und er hatte eine ganze Menge gelernt. Er hatte gelernt, dass ein Drink in der richtigen Bar, zum richtigen Zeitpunkt und mit den richtigen Leuten, einem das Tor in eine völlig neue Welt öffnen konnte. Er hatte gelernt, dass sich hinter solchen Toren nicht nur geheime Hinterzimmer mit Pokertischen verbargen, sondern auch ungeahnte Talente steckten. Talente, die scheinbar sein ganzes Leben nur darauf gewartet hatten, von ihm entdeckt zu werden. Er, der einst talentlose und ewig nach Glück Suchende – in einem Nachtklub hatte er gleich beides gefunden.

Die Regeln des Pokerspiels hatte er schnell begriffen, aber das Spiel selbst verstand er erst wenige Runden später, in dem Augenblick, als er seinen ersten Royal Flash hinblätterte. Nein, Poker war nicht nur ein einfaches Kartenspiel, es war mehr. Es machte aus ihm einen völlig anderen Menschen. Hier an diesem Tisch, mit diesen Leuten, war er nicht mehr länger der einsame und unerwünschte Mann, der nur durch ein Klingelschild an seiner Wohnungstüre existierte und der die Regeln des Lebens nicht verstand und immer wieder verlor. Das Leben – sein Leben, war ein unfaires Spiel. Die Regeln ändern sich ständig, willkürlich, manchmal scheinbar ohne Sinn und Verstand. Sie zu verstehen, um mit dem Gegner mithalten zu können, schier unmöglich. Die Chance das Spiel des Lebens zu gewinnen war zu gering, das Pokerspiel hingegen gab ihm mit jeder neuen Runde eine Chance.

Denn wenn er pokerte, dann war er Jack der Spieler, der das Risiko liebte und bereit war alles zu geben, wenn die Chancen gut standen. Ein Gewinnertyp, den man mit Namen kannte und der freudestrahlend mit Handschlag begrüßt wurde. Junge, wo hast du letzte Woche gesteckt? Wir haben dich vermisst! Ja, er hatte gelernt, dass er es viel zu lange vermisst hatte, von jemanden vermisst zu werden. Und er hatte auch gelernt, dass Glück doch nicht nur die verhöhnende Metapher seines ewigen Wunschtraums war, dem er bis zu diesem schicksalhaften Drink noch verzweifelt hinterher gehechtet war. Hier hatte er das Glück kennengelernt. Es war zwar nicht immer auf seiner Seite, aber es hatte ihm oft genug beistanden, um an diesem Glücksgefühl weiter festhalten zu wollen – koste es, was es wolle.

Koste es, was es wolle…

Und noch etwas hatte er in den letzten Monaten, insbesondere aber an diesem Abend gelernt: dass das letzte Hemd genau so strahlend weiß und gebügelt sein musste, wie die Übrigen die er einst noch in Hülle und Fülle besessen hatte. Und: Die Contenance zu bewahren und bereit zu sein, auch das letzte Hemd zu geben, wenn es sein musste. Das war der kleine, aber bedeutende Unterschied, was einen guten Spieler von einem Schlechten unterschied, und er war immer ein guter Spieler gewesen – bis jetzt. Denn jetzt saß er da und löste instinktiv den Knoten seiner Krawatte, weil die Contenance, die er verzweifelt zu bewahren versuchte, plötzlich unerträglich heiß wurde. Er verbarg das Zittern seiner gepflegten Hände und spürte, wie sich unaufhaltsam kleine Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. Er spürte die bohrenden Blicke und diese stumme Frage im Raum. Eine Frage, die er noch nie in seinem Leben so gefürchtet hatte, wie in diesem Augenblick: „Was gedenkst du nun zu tun, Jack?“

Was er zu tun gedachte? Mit Nichts in den Taschen und mit einer halbfertigen Straße auf der Hand? Ja, es hätte ein Straight werden können und die Chance, dass die verdeckte siebte Karte ihm das fehlende Stück lieferte war mehr als nur Glückssache – Nein, es brauchte schon ein Wunder. Er wusste, wenn er jetzt verlieren würde, hätte selbst das Klingelschild an seiner Wohnungstüre keine Bedeutung mehr. Die dritte überfällige Monatsmiete lag inmitten dieses Tisches, seinen Wagen hatte er bereits schon letzte Woche verloren und das letzte Hemd lag auf seinem schweißnassen Körper. Die grelle Aussteiger-Warnleuchte in seinem Kopf hatte sich schon lange eingeschaltet. Vielleicht sogar schon in dem Augenblick, als er vor knapp zwei Stunden zögernd die Bar betreten hatte. Du bist einsam, unerwünscht und hast bereits schon alles verloren. Sieh es endlich ein, du bist und bleibst ein ewiger Verlierer. War das nicht sein Gedanke gewesen? Und war es nicht schon seit Tagen sein Gedanke gewesen? Ja, aber da war eben noch dieser andere, dieser hoffnungsvolle und vielversprechende Gedanke, der sagte: Du bist ein Gewinnertyp, das sieht man dir an. Du liebst das Risiko und bist bereit alles zu geben!

„Männer wie du, machen mich an!“, hörte er plötzlich ihre Stimme irgendwo in seinem Kopf. Ihr rotes Kleid, die blasse makellose Haut, ihre Lippen verführerisch rot. Eine Frau, die er sich nur in seinen wildesten Träumen vorgestellt hatte. Eine Frau, die ihn immer wieder mit ihren wunderschönen Augen fixiert hatte und ihm irgendwo zwischen einem „Ich gehe mit“ und „Ich will sehen“ plötzlich und unverhofft ihre Hand auf sein Bein legte und ihm dabei ein Lächeln, nach dem anderen schenkte. Das tat sie so lange, bis sie ihn schließlich zwei Stunden später in seinem Wagen verführte. In jener Nacht konnte er sie haben, weil er ein Gewinnertyp war. Er hatte sie für sich gewonnen und der Einsatz war noch nicht einmal besonders hoch gewesen. Das war Wochen her, aber jetzt? Jetzt saß Vivian auf der anderen Seite des Tisches. Und er wusste, ihre Hand lag jetzt auf einem anderen Bein. Er sah sie nicht an, aber er spürte ihren eindringlichen Blick. Er wusste, was sie vorhatte. Sie wollte spielen… mit ihm. Sie wollte ihn aus dem Konzept bringen, damit er einen Fehler machte.

„Jack?!“

Er sah auf. Kalte und ausdruckslose Augen fixierten und durchbohrten ihn. Ungeduldig und irgendwo in einer Wolke aus Zigarettennebel sah er schließlich auch Vivians Blick. Und es bedarf keinerlei gesprochener Worte, um zu wissen, was sie in diesem Augenblick dachte. Er spürte, wie das Blut in seinen Adern zu pochen begann, als er sich plötzlich einbildete, ihre Stimme zu hören. Du bist einsam, unerwünscht und hast bereits schon alles verloren. Sieh es endlich ein, du bist und bleibst ein ewiger Verlierer.

Du kleines dreckiges Miststück!, fast hätte er die Worte laut ausgesprochen, aber es war die Contenance, die ihn davon abbrachte. Diese verfluchte Contenance. Sich nichts anmerken zu lassen, keine Schwäche zu zeigen, dem Gegner gar nichts zu zeigen, außer einem siegessicheren Lächeln, verziert mit einem trügerischen Zucken im Gesicht – das Zucken eines Gewinnertyps, der die Niederlage erwartet.

„Jack, was ist bloß los mir dir? Ich würde die Runde hier gerne noch diese Nacht zu Ende bringen!“ Die Stimme von Harry klang fordernd, mit einem Hauch von amüsiertem Bedauern und Jack hasste ihn in diesem Moment dafür. Immerhin war er es, der jetzt seinen Wagen fuhr und er war es auch, der ihn in den letzten Wochen um eine Menge Geld gebracht hatte. Harry war nicht nur ein guter Spieler, er war der Pokerking und er war so überzeugt gewesen, ihm diesen Titel irgendwann nehmen zu können. Doch jetzt hatte er nichts mehr. Nichts mehr, außer einen unvollständigen Straight auf der Hand und das letzte Hemd am Körper.

Das letzte Hemd… bereit zu sein, auch das letzte Hemd zu geben, wenn es sein musste. Der kleine, aber bedeutende Unterschied, was einen guten Spieler von einem Schlechten unterschied… du bist ein guter Spieler. Geh mit, du hast nichts zu verlieren, weil du kein Verlierer bist!

„Ich gehe mit“, sagte Jack schließlich und seine Stimme war noch nie so gefasst, noch nie so ausdruckslos, noch nie so kühl. Dann, begann er die Krawatte von seinem Hals zu lösen.

„Einsatz?“ Harry tippte fordernd mit dem Finger auf die Scheine zu seiner Rechten. Jack stand auf und hob die Hand, und bat um einen kurzen Augenblick der Geduld. Schließlich begann er langsam die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen.

„Was wird das jetzt?“ Harry runzelte die Stirn und auch alle anderen Anwesenden, Vivian inbegriffen, starrten ihn fragend an. Unbeeindruckt zog Jack das Hemd aus und warf es auf den Haufen Geldscheine. Fassungslos blickten alle Augen auf den strahlend weißen Stoff, durchtränkt vom Schweiß der Contenance.

„Ich gebe mein letztes Hemd. Es ist ein Erbstück meines Vaters – das Emblem am Kragen dürfte alles erklären.“

„Dein letztes Hemd?“ Harry lachte laut und schallend. „Wir hätten uns aber auch über einen Schuldschein unterhalten können, Jack. Wenn du Geldschwierigkeiten hast, hättest du das nur sagen müssen, das hier ist doch albern!“

„Spielschulden sind Ehrenschulden. Meiner Ehre möchte ich allerdings nichts schuldig bleiben, von daher, setze ich das Letzte, was meiner Ehre noch geblieben ist – das Hemd ist mindestens Dreihundert wert.“

„Du scheinst dir deiner Sache aber ziemlich sicher zu sein, wenn du dein letztes Hemd, und dazu auch noch ein Erbstück, opferst!“

Jack nickte und lächelte kühl.

„Okay, ich will sehen!“, sagte Harry entschlossen. Und mit zittrigen Fingern legte Jack sein Karten offen und als er das alles Entscheidende verdeckte siebte Blatt aufdeckte, blieb ihm vor Aufregung fast das Herz stehen. Das Wunder – auch wenn er nicht mehr daran geglaubt hatte – war geschehen. „Straight“, sagte Jack und sah seinem Gegner scharf in die Augen.

„Verdammter Hurensohn!“, rief Harry und schleuderte seine Karten ärgerlich von sich. Dann lachte er plötzlich. „Du kannst dich wieder anziehen Jack, die Runde geht an dich!“

Jack lächelte, als er die Scheine vom Tisch kratzte und er lächelte noch mehr, als er sein Hemd wieder anzog. Dann stand er auf.

„Willst du etwa schon gehen?“ Es war Vivian, die ihm diese Frage stellte und in ihrer Stimme lag ein Hauch von sehnsüchtiger Enttäuschung.

„Ja“, sagte Jack. „Denn ich habe heute etwas sehr Entscheidendes gelernt: Die Chance, alles zu verlieren was man hat, ist größer, als die Chance sein letztes Hemd wieder zu gewinnen. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend und Vivian: Für diesen geringen Einsatz von damals, warst du es wert!“

Dann ging er und kam nie wieder.

ENDE

Wie man den Tod begreift

(Foto:Pueppi_72 / Pixelio.de)

Es gibt Dinge über die man nicht schreiben sollte?

Sollte man nicht?

Nennt mich pietätlos, denn ich tue es trotzdem, denn das bin ich MIR nach diesen letzten fünf Tagen einfach schuldig!

Mit anderen Worten: Seelische Schadensbegrenzung durch „darüber Schreiben“… irgendwie muss ich ja damit klar kommen.

Ja, ich bin immer noch traurig…

…aber jetzt bin ich anders traurig.

Ich bin traurig weil es so ist, wie es ist… meine Oma ist tot… aber es ist nicht mehr die Traurigkeit, die mich noch vor drei Tagen beherrscht hat, als alles noch so war, wie es nicht hätte sein dürfen…ihre schreckliche Quälerei. Ich bezweifle ohnehin, dass ich diese grausamen Bilder…dieses furchtbare Empfinden…die Empathie…der letzten Woche…jemals wieder aus meinem Kopf und meinem Herzen bekomme werde.

Du sitzt da und musst mit ansehen, wie ein lieber Mensch in seinen Krämpfen liegt, mit fiebrigen Schweißperlen auf der Stirn, die Todesangst ins Gesicht geschrieben. Ihre Hände, die immer wieder nach Halt suchten, wenn sie das Gefühl hatte zu fallen. Ihre panischen Schreie, wenn das Pflegepersonal sie neu bettete. Ihr Stöhnen, das verzweifelte Ringen nach Luft, wenn die Atmung wieder aussetzte und das Kräfte raubende Husten danach…von ihrem schrecklichen Anblick ganz zu schweigen. Und dann ihre Augen…die einst strahlend blauen Augen…das Zeichen ihrer Lebendigkeit…Augen die mich vor vier Tagen plötzlich traurig und flehend ansahen…Augen die weinten…und schließlich nur noch trübe und grau durch mich hindurch blickten.

Ich befürchte, ich werde demnächst eine Geschichte darüber schreiben müssen, um das irgendwie verarbeiten zu
können… wenn ich das überhaupt jemals verarbeiten kann. Aber dass ich es verarbeiten muss, gab mir mein Verstand gestern deutlich zu verstehen, denn der ist in den letzten zwei Tagen bei mir ziemlich auf der Strecke geblieben. Ich habe es Trauerunzurechnungsfähigkeit genannt, denn irgendwie war ich mit der Situation hoffnungslos überfordert. Überfordert deswegen, weil ich nicht wusste wohin mit mir und meiner Trauer. Jeglicher Kontakt mit meiner Verwandtschaft war für mich unerträglich – warum das so war, weiß scheinbar nur ich selbst.

Jedenfalls konnte ich es nicht begreifen, warum man mich knappe fünf Stunden nach ihrem Tod zur Beerdigungsplanung herbei zitierte…

„Nicole, das gehört nun mal dazu!“

Ja schön… aber schon fünf Stunden später??? Hallo????

Vielleicht war hier wieder mein typisch sensibles Staatsdrama-Getue am Werk – was ich allerdings als tiefe Emotionen von Traurigkeit hoch zehn betitele – allerdings diesmal vermischt mit einem Hauch Eigenprotest gegen Jene, deren Emotionspotential scheinbar unter dem Soll-Wert liegt.

Nun ja, jedem das Seine… meines ist eben anders.

Ich war jedenfalls bei dieser Planung nicht dabei und es gab auch noch weitere familiäre Termine bei denen ich nicht erschien – ich hoffe Oma verzeiht mir das. Und auch hier zu Hause fand ich nicht das, was mir in irgendeiner Weise hätte helfen können – es war eben „nur“ meine Oma die gestorben war und Omas sterben halt. Der Tod gehört nun mal zum Leben dazu…bla…bla…bla…ENDE!

Ja, trauern macht noch einsamer, wie ich festgestellt habe. Aber wenigstens habe ich es auf diesen Weg geschafft, mal zwei Tag lang nicht dumm von der Seite angequatscht zu werden.

Aber wir waren bei Trauerunzurechnungsfähigkeit…

Denn hinzu kam noch, dass ich zum Zeitpunkt als Oma starb, auch plötzlich wieder diese körperlichen Beschwerden bekam, die schon einmal in Verbindung mit Oma und ihrer Krankheit auftauchten – undefinierbare Unterleibsschmerzen, inkl. undefinierbaren und nicht zeitgemäßen Blutungen. Ich war dieses mal deswegen regelrecht hysterisch und glaubte sogar an eine Art Zeichen… eine Botschaft… körperliche Empathie… als es dann aber immer schlimmer wurde, dachte ich plötzlich, dass ich die Nächste sei: Gebärmutterkrebs im Endstadium, ich werde sterben – ADE!

Ja, ich hab sie manchmal einfach nicht mehr alle…

Ich war traurig, hysterisch und deshalb auch nicht ganz bei Trost – was in diesem Fall wörtlich zu nehmen war – und habe somit auch keinen Gedanken daran verschwendet, dass mein Körper vielleicht einfach nur auf diesen extremen emotionalen Stress auf diese Weise reagiert. Heute weiß ich es besser, denn der Spuk verschwand so plötzlich, wie er angefangen hatte – ich würde sogar behaupten, auf die Minute genau und zwar in der Minute, in der ich Omas Tod wirklich „begriffen“ hatte und so etwas wie Erleichterung verspürte.

Denn gestern wurde ich vor eine Wahl gestellt, deren Entscheidung mir schwerer nicht fallen konnte: „Heute hast du zum letzten mal die Möglichkeit, dich von Oma zu verabschieden – morgen wird sie ins Krematorium gebracht. Es ist Deine Entscheidung.“

Meine Entscheidung?

Na, bravo!

Man blicke bitte mal kurz auf meine ausgesprochen ansehnliche Vielzahl an emotionalen Fehlentscheidungen zurück, die mich nicht nur fast in den Tod, sondern auch schon mal in den Wahnsinn getrieben haben! Mein Bauchgefühl schlug jedenfalls sofort Alarm und sagte mir, dass es in meinem labilen Zustand keine gute Idee sei, mir das auch noch anzutun.

„Du hast dich lange und innig von Oma verabschiedet, als sie noch lebte – lass es und behalte sie so in Erinnerung, wie sie war!“

Sie in Erinnerung behalten, so wie sie war?
… abgemagert?
… leidend?
… gequält?
… verängstigt?

Scheiße, ich kriege diese Bilder einfach nicht aus meinem Kopf!

Aber dann war da mein Verstand der sich einmischte und sagte: „Du musst es tun, sonst wirst du die letzten Tage
und vor allem ihren Tod niemals richtig begreifen und verarbeiten können – tu dir selber den Gefallen und mach es, auch wenn es noch so weh tun wird.“

Ich war wie benebelt… richtig oder falsch… gut, oder schlecht …beides wäre jeweils hoch zehn zu berechnen…

Oh mein Gott, was soll ich tun?

Bitte entscheiden sie in… drei, zwei, eins …jetzt!

An dieser Stelle möchte ich mal anmerken, dass ich mein Leben im Moment ziemlich hasse und mich frage, warum eigentlich alle Scheiße neuerdings auf einmal kommen muss!?! Kann jetzt nicht einfach auch mal was SCHÖNES passieren?

Nun ja…

Ich habe mich jedenfalls entschieden es zu tun und ich habe darauf bestanden allein mit ihr… und mit mir selbst …zu sein. Ich habe den Schlüssel in meinen Händen gehalten und unendlich lange Minuten gebraucht, um überhaupt das
Gebäude – ein Bestattungsinstitut – betreten zu können. Ich heulte mir die Augen aus und fürchtete mich gleichzeitig vor dem, was mich in diesem sogenannten „Abschiedsraum“ erwartete.

Abschiedsraum… obwohl ich mich doch schon verabschiedet habe… außerdem wollte ich mich doch gar nicht
verabschieden… weil Oma doch auf ewig in meinem Herzen bleiben wird… was wollt ich jetzt noch gleich hier?
Ach ja, verstehen… begreifen… Hühnerkacke!

„Sie sieht schön aus…wie als ob sie schläft…das haben die ganz toll gemacht!“, hatten sie alle gesagt.

Schön??? Toll??? Sagt mal, tickt ihr eigentlich alle noch ganz richtig???

„Verdammt, was tue ich hier eigentlich?“, heulte ich laut, als ich schließlich den Schlüssel ins Schloss steckte.

„Dir ein weiteres Trauma fürs Leben bescheren, denn du hast noch nie einen toten Menschen gesehen…und jetzt
ist es auch noch Oma.“, antwortete mein Bauchgefühl.

„Du willst Oma nochmal sehen, um es zu begreifen…um ihren Tod zu begreifen.“, antwortete mein Verstand.
Das erste was ich sagte, als ich den Raum betrat: „Oh mein Gott, Oh mein Gott, Oh mein Gott!!! Hilfe!“
Das zweite, als ich vor ihrem Sarg stand: „Fuck, was ist das hier für eine makabere Scheiße???“

Denn…

Da lag eine tote Frau…gut gekleidet und zurechtgemacht…die Hände über einen kleinen Teddybären gefaltet und
sie sah meiner Oma zum verwechseln ähnlich. Und laut der Inschrift auf dem Kreuz, war sie es auch…aber ich habe sie nicht als meine Oma erkannt. Und während ich dastand und gegen das ankämpfte, was sich plötzlich wieder seinen Weg in mein Herz bahnte, um dort großen Schaden anzurichten, in Form von: Meine geliebte Oma ist tot und liegt hier in einem Sarg und wird durch ein summendes Gerät an der Decke gekühlt, damit sie nicht… Scheisse! Ihre Augen und Mund sind mit Pattex zugeklebt…unschöne Leichenflecken mit irgendeiner Paste überdeckt…Oh, mein Gott!…und was haben die mit ihrem Oberkörper gemacht??? Verdammt, was haben die überhaupt mit meiner Oma gemacht??? Mann, und warum liegt sie hier einsam und verlassen in diesem Raum?…das ist doch alles vollkommen krank!

Für einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl durchdrehen zu müssen… wie das ausgesehen hätte weiß ich
nicht…ich möchte es auch ehrlich gesagt nicht mehr wissen… ich weiß nur, das ich wieder ziemlich knapp an der
Grenze des Wahnsinns stand.

Aber dann…

Wie durch eine fremde Macht gesteuert… Warst du das vielleicht sogar, Oma?… streckte ich meine Hand aus und
legte sie auf ihre….die Hand die ich tagelang gehalten hatte und durch deren Adern so viel Kampfgeist und
Wärme floss. Diese Hand…ihre Hand…war kalt, steif und tot.

Und in diesem Augenblick wurde mir etwas ganz Entscheidendes klar. Und diese Klarheit erschreckte mich. Es
ließ mir regelrecht das Blut in den Adern gefrieren und…erfüllte mich schließlich mit tiefer Erleichterung.
Erleichterung, die mich zwar erneut in Tränen ausbrechen ließ, aber es war wieder ICH die da weinte und keine
kurz vorm überschnappen stehende Psycho-Enkelin.

Ich ließ diese fremde Hand wieder los und sagte aus tiefster Überzeugung:

„Nein Oma, das bist nicht du…du bist wahrhaftig nicht mehr hier…Du bist jetzt an einem besseren Ort…und ich
weiß, dir geht es dort gut…wahrscheinlich amüsierst du Dich gerade mit einem Engel beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel. Das, was da vor mir liegt ist lediglich der Körper einer toten alten Frau. Es ist nur die Hülle von Dir, mehr nicht. Wo du bist weiß ich leider nicht…und wir werden uns wahrscheinlich auch nie wieder sehen, aber dennoch ist es schön zu wissen, das du nicht mehr leiden musst und das es dir gut geht. Ich bitte dich vielmals um Entschuldigung, dass ich auch nur annähernd gedacht habe, dich hier in diesem Schiet Raum, und in diesem Schiet Sarg anzutreffen…ick Tühnbüddel!“

Ich verabschiedete mich noch ausgiebig von Teddy, dann ging ich…und das auf schnellstem Wege!

Draußen ließ ich Oma noch wissen, dass sie beim Spielen gefälligst nicht mogeln soll und dass sie mir den
Norden Grüßen soll und: föl sonk för allet, Oma!

Ja, diese Schiet-Dinge schön reden scheint bei mir neuerdings in einer Art Zwangsneurose ausgeartet zu sein und
ich hoffe, das diese „Störung“ mich niemals mehr verlassen wird! Ob ich jemals wirklich mit Omas Tod klar kommen werde?

Ich als meine psychologische Selbstexpertin würde an dieser Stelle sagen: Mein ganzer Lebensinhalt, mein tägliches Leben, war schon seit dem ich denken kann dadurch bestimmt mit irgendwelchen Dingen klar zu kommen die passieren – das ist der typische Selbsterhaltungstrieb von solch emotionalen Staatsdramen-Spezies (Wracks), wie ich es nun mal bin. Mit anderen Worten: Ich denke schon… ich weiß nur noch nicht wann!

Aber eines ist jetzt schon klar: sobald ich diese ganze Scheiße, die hier zur Zeit läuft, hinter mich gebracht habe,
werde ich erst mal gepflegt auf all diese neuen Traumas anstoßen – sprich: MICH BESAUFEN!

Amen!

Meine erste Begegnung mit dem Tod

(Foto: NicoLeHe / pixelio.de)

Über den Tod meiner Oma vom 03. März 2008 – 06. April 2008

Scheiße…

Ich habe gestern Nacht einen sehr schlimmen Traum gehabt. Ein Traum den ich zuerst nicht richtig einordnen konnte, weil ich die Botschaft die er beinhalten sollte nicht verstand. Ich wusste nicht, ob er wieder nur aus irgendwelchen Ängsten und Befürchtungen von mir entstanden war, oder ob es einer von der Sorte Traum war, die ich am meisten fürchte: Träume, in denen ich den Gefühlszustand anderer Menschen sehe…erahnte…fühle…was auch immer!

Es ging diesmal um meine Oma…

Ich träumte, wie sie mit ihrem Teddy (den ich ihr vor knapp einem Jahr geschenkt habe) im Arm vor mir saß und wieder diese Dinge sagte, die ich nicht hören wollte. Aber noch schlimmer waren ihre Augen…denn ihre Augen gaben mir zu verstehen, das sie es diesmal sehr ernst meinte. Und nach diesem Traum, war ich nicht nur am Boden zerstört, sondern hatte auch plötzlich das schreckliche Gefühl:Irgendetwas stimmt mit Oma nicht!

Ich habe daraufhin telefoniert…und Scheiße…meine Befürchtung hat sich leider bestätigt. Sie isst schon seit Tagen nicht mehr…offenbar hat sie die Kekse am Montag nur mir zu liebe gegessen…und heute morgen wollte sie nicht einmal mehr aufstehen…sie hat ihr Bett nicht verlassen…und das hat es bei meiner Oma NOCH NIE gegeben.

„Ich mag nicht mehr!“, hat sie im Traum zu mir gesagt…

Morgen werde ich sie besuchen und dann werde ich sie verdammt nochmal fragen, was sie damit gemeint hat!

Mann, das kann sie mir doch jetzt nicht antun?!

Sorry… aber ich bin deswegen echt fertig… musste das jetzt einfach mal irgendwo loswerden. Und loswerden möchte ich an dieser Stelle auch, dass ich erst heute so richtig bemerkt habe, wie sehr mir ein einfühlsamer und liebevoller Partner fehlt, dem ich die Schulter vollheulen kann. Ich dachte bisher immer ich sei auch in solchen Dingen ein eingefleischter Einzelkämpfer… einmal Einzelkämpfer, immer Einzelkämpfer… aber heute?

Ja, heute habe ich es dann doch endlich begriffen, denn ich glaub ich habe mich in meinem Leben noch nie so verloren, so allein, so fehl am Platz und vor allem so dämlich gefühlt wie heute.

Montag, 10. März 2008

Omas Augen sagten alles…

Ich habe heute Oma im Pflegeheim besucht…

Gegen 14.30 Uhr klopfte ich an ihre Türe, aber sie sagte nicht: „Ja bitte?!“ Ich trat ein und zu meiner Befürchtung sah ich sie nicht auf ihrem Sessel sitzen. Auch der TV war nicht eingeschaltet und auf ihrem Tisch standen auch nicht wie üblich eine Teekanne und Kekse. Sie lag in ihrem Bett, ihr schmaler Körper zur Wand gedreht und sie trug ein Nachthemd. Es war still…zu still. Ich dachte, dass sie…dass sie schlief und ging leise zu ihr. Sie war wach, ihre Augen waren geöffnet und sie starrte die Wand an…jedenfalls dachte ich, dass sie es täte.

„Hallo Oma“, sagte ich leise. Sie zuckte erschrocken zusammen und drehte ihren Kopf zu mir. Sie lächelte und aus ihrem blassen Gesicht, strahlten mich plötzlich zwei hellblauen Augen an. Noch nie habe ich dieses blau ihrer Augen so wahrgenommen wie in diesem Augenblick.

„Hey“, sagte ich, setzte mich zu ihr und umfasste ihre Hand. Sie zuckte zusammen, als ich das tat. „Kalt!“, flüsterte sie. Und ich antwortete: „Entschuldige, Schiet-Wedder dort draußen.“ Ich wollte meine Hand wieder wegziehen, damit ich sie mit meinen Eisfingern nicht noch mehr erschreckte, aber sie hielt sie fest. Sie umklammerte meine Hand und lächelte. „Warum liegst du denn im Bett? Geht es dir nicht gut?“, fragte ich und hasste mich gleichzeitig dafür.

Oma wollte etwas sagen, ihre Lippen bewegten sich, aber es kam kein Ton heraus. Ich schaute sie fragend an und wie als, wenn es für das, was sie mir zu sagen hatte keine geeigneten Worte gäbe, griff sie schließlich neben sich. Meine Augen folgten ihrer Bewegung und erst jetzt sah ich ihn. Neben ihrem Kopfkissen, gleich in Augenhöhe lag „Teddy“. Liebevoll in eine kleine Decke gewickelt, die Ärmchen in ihre Richtung gedreht. Sie nahm ihn, strich ihm über sein weiches Fell. Dann drückte sie mir einen Kuss von ihm auf die Wange und legte ihn mir schließlich in den Arm.

„Oh, da ist ja Teddy!“, sagte ich und fixierte dieses Wesen in meinem Arm, als könnte nur er mich davon abhalten jetzt in Tränen auszubrechen. „Passt du schön auf Oma auf, ja?“

Ich ließ ihn nicken, gab ihm einen Kuss und legte ihn wieder auf das Kissen. Oma drehte sich zu ihm, sah ihn an und lächelte…. nein sie strahlte… ihre Augen strahlten. Omas Augen…sie waren so lebendig…so lebendig und strahlend wie noch nie… es erfüllte mich mit wärme…und machte mir schreckliche Angst. Ich stand abrupt auf und ging zum Fenster. Jetzt bloß nicht heulen! Nicht heulen!

„Guck mal Oma, da fahren ganz viele Schiffe auf dem Rhein. Und die Fähre kann man auch sehen. Hat das Eichhörnchen dich nochmal an deinem Fenster besucht? Magst du nicht deinen Joghurt essen? Soll ich dir den Fernseher anmachen? Nicht? Aber warum nicht? Da läuft doch bestimmt…Oma, ich bin sofort wieder da, ich muss mir mal deine spektakuläre Toilette angucken!“

Sie nickte und lächelte.

Ich weiß nicht wie lange ich in diesem verfluchten Bad heulend vor dem Spiegel stand und mir die Frage stellte, wie ich es schaffen kann mit dieser Situation fertig zu werden. Noch nie habe ich meine Oma so erlebt… noch nie war ein Mensch der mir nahe stand überhaupt so krank gewesen…noch nie war ein Mensch der mir nahe stand… Scheiße!

Als ich mich wieder halbwegs im Griff hatte, setzte mich wieder zu ihr, nahm ihre Hand und schaute sie an. Erschrocken stellte ich fest, dass es ihr schwer fiel, die Augen offen zu halten.

„Oma, bist du müde?“

Sie nickte.

„Schlafen ist gut, das heißt, dass du bald wieder gesund sein wirst!“

Sie lächelte und schloss die Augen. „Ich hab dich sehr lieb Oma“, sagte ich leise und drückte sie ganz fest. Dann wartete ich, bis sie mit Teddy an ihrer Seite einschlief. Dann versprach ich beiden, morgen wieder zu kommen.

Ich habe gelernt, dass es im Leben nicht zählt was du hast, sondern wen du hast… selbst wenn es nur ein kleiner Plüschteddy ist.

Ich habe gelernt, egal wie viel ich mich kümmere, manche Menschen kümmert es einfach nicht.

Ich habe gelernt, dass jeder sieht was Du zu sein scheinst, aber nur wenige fühlen können was Du wirklich bist… ich weiß wer meine Oma ist.

Ich habe gelernt, Leid zu ertragen, Schmerzen zu verbergen und mit Tränen in den Augen trotzdem zu lachen, obwohl es in diesem Moment für mich nichts zu Lachen gab nur um dem anderen zu zeigen, dass es mir „gut“ geht und um sie… um Oma… glücklich zu machen.

Ich habe gelernt, dass man noch lange weitermachen kann, selbst dann wenn man dachte es geht nicht mehr…83 Jahre lang.

Und ich könnte jetzt noch viele weitere Dinge aufzählen, die ich besonders in den letzten Tagen gelernt habe…aber damit auch fertig zu werden, das habe ich leider nicht gelernt.

Sorry!

Dienstag, 11. März 2008

Ich habe gelernt…

Heute habe ich gelernt… …dass es manchmal doch sehr schön ist einen an der Klatsche zu haben! 🙂

Ich hab mir nämlich gestern Nachmittag (als ich bei meiner Oma war) eingeredet, dass ich über übersinnliche Fähigkeiten verfüge. Das habe ich schon als Kind getan, meist dann, wenn mir eine Situation über den Kopf gewachsen war und ich keinen Ausweg mehr fand. In solchen Momenten, konnte ich dann immer schnell meine Flügel ausbreiten und einfach wegfliegen, oder geheime Beschwörungsformeln benutzen, die mir einen Wunsch erfüllten, oder mich so groß und stark machten, dass ich alle Gegner wegpusten konnte – also eine reine Verzweiflungstat aufgrund von seelischer Überforderung.

Wie es auch gestern bei mir der Fall war…

Gestern, als ich an Omas Bett saß und in ihre lebendigen Augen sah (was von ihrem restlichen Zustand allerdings nicht zu behaupten war), wünschte ich mir nämlich, dass ich die Fähigkeit besitze ihr etwas von meiner Lebensenergie abgeben zu können. Energie, die sie braucht, um wieder aufzustehen. Während sie eindöste, hielt ich ihre Hand und konzentrierte mich wie von Sinnen auf mein Inneres. Ich suchte nach meiner latenten Energie (Liebe), ließ sie in mir aufsteigen und gab sie durch meine Hand an sie weiter – jedenfalls bildetet ich mir ein, das ich das täte, bzw. das so machen könnte.

Und, ich habe meiner Oma und Teddy gestern versprochen, das ich heute wiederkomme…

Gegen 17.30 Uhr betrat ich das Pflegeheim bereits schon mit Tränen in den Augen – mal abgesehen davon, das ich einen scheiß Tag hatte, befürchtete ich, dass sich Omas Zustand von gestern auf heute noch mehr verschlimmert hätte.

Ich trat in den Flur und sah schon von weitem, dass ihre Türe offen stand. Mein Herz begann zu rasen, als ich vorsichtig durch den Spalt lugte und ein ordentlich gemachtes Bett sah. Und mein Herz schlug noch eine Ecke schneller, als mir eine Soap auf ARD entgegen dröhnte. Die Türe war auf… Omas Bett leer und ordentlich gemacht… der Fernseher lief???

Nein… nein, es kann nicht sein, das Oma jetzt hinter dieser Türe in ihrem Sessel sitzt und TV schaut… das wäre zu schön um wahr zu sein.

EIN WUNDER???!!!

Mit einem Gefühl im Bauch, als müsste ich mich noch an Ort und Stelle der ganzen angestauten Sorgen und Ängste der letzten Nacht entledigen (sprich: mich übergeben) stieß ich die Türe auf.

„Oma???!!!“ *jubel*

Ohne Scheiß, meine Oma saß mit gefalteten Händen und verschränkten Beinen in ihrem Sessel und wippte wie üblich mit den Füßen. Sie war ordentlich gekleidet, ihre Haare gekämmt und sie begrüßte mich mit offenen Armen und einem strahlendem Lächeln.

„Oommmaaaa“, sagte ich wieder und es war das erste mal seit langem, dass ich vollkommen sprachlos war.

„Na min Dern? Was sagst du? Hab ich das nicht alles schön hier?“

Für einen kurzen Augenblick dachte ich darüber nach ihr auf den Schoß zu springen, um sie zu drücken und zu knuddeln. Dann hatte ich plötzlich die Vision, wie ich meine Hände auf ihre Wangen lege, um zu testen, das es auch Omas Gesicht war und nicht die eines Oma-Dummys. Ich wollte ihre Arme und Beine prüfen, ob die nicht nur künstlich angeschraubt, oder gar ferngesteuert wurden. Diese Vision endete abrupt mit einer schallenden Ohrfeige meines Verstandes, der mit damit mitteilen wollte, dass ich mich gefälligst wieder einkriegen sollte!

Ich kriegte mich aber nicht mehr ein… und ich wollte mich in diesem Augenblick auch nicht mehr einkriegen! Ich fiel Oma um den Hals, teilte ihr mit das ich es so unglaublich klasse finde, dass sie wieder aufgestanden ist und das ich stolz auf sie bin. Und ob sie heute viele Schiffe gesehen hätte und ob das Eichhörnchen wieder da war und ob sie auch ihren Joghurt gegessen hätte und bla… bla… blaaaaaaa!

Aber Oma antwortete mir nicht – hätte ich mir allerdings auch nicht – sondern griff nur auf ihren Tisch und hob Teddy in die Höhe.

„Da, guck mal!“, sagte sie und gluckste dabei wie ein kleines Kind. Ich nahm Teddy an mich, küsste und knuddelte ihn und sagte: „Ey Teddy, du bist echt einmalig! Hast gut auf Oma aufgepasst!“

Sie nickte und zeigte plötzlich auf einen Stuhl in der Ecke. Dort saß Pübbie (eine Puppe noch aus ihrer Zeit).

„Hohl sie doch mal!“, sagte sie und gab schließlich damit den Startschuss für das sensationelle Spiel, was ich je (neben Mensch ärgere dich nicht) mit Oma gespielt habe.

Nä, was war dat schööööööön!

Ich zeigte Pübbie die Schiffe und zeigte Pübbie Omas Zimmer und dann sprach Pübbie noch mit Teddy, dann aß Pübbie noch einen Keks und dann setzte ich beide zusammen auf`s Bett.

„Schick, die beiden!“, sagte sie und klatschte verzückt in die Hände. Und in dem Augenblick sah ich Oma in die Augen… sie waren lebendig, leuchtend… und ich wusste, das Wunder an das ich gestern noch krampfhaft zu glauben versuchte, war geschehen…meiner Oma ging es wieder gut!

Ja, manchmal ist es wirklich schön einen an der Klatsche zu haben, oder über übersinnliche Fähigkeiten zu verfügen! 😀

Spaß beiseite…

Ich weiß nicht was es war, was meine Oma zwei Tage lang dahingerafft hatte und ich weiß auch nicht was es war, was ihr wieder Kraft gab…Teddy, oder Pübbie…oder einfach nur die richtige Medizin?

Ich weiß es nicht…

Ich weiß nur, dass die Hoffnung bei mir grundsätzlich immer erst zuletzt stirbt und allein der Glaube daran, hat mir Kraft gegeben! 🙂

So, und weil es meiner Oma jetzt auch wieder besser geht, kann ich auch endlich da wieder weitermachen, wo ich letzt (in diesem Blog) mit aufgehört habe… insofern ich die Stelle zum weitermachen überhaupt noch wiederfinde!?

03.April 2008

Brief an Oma…

Liebe Oma, vor knapp 48 Stunden war ich noch bei Dir, mit Hanna Deiner Urenkelin. Du warst müde und wolltest nicht viel reden, aber ich habe Deine Hand gehalten, Dir zu Trinken gegeben und Du hast gelächelt. Als ich mich später von Dir verabschiedet habe, hast Du etwas zu mir gesagt, was ich nicht hören wollte. Du hast es schon einmal zu mir gesagt, in einem Traum. In diesem Traum hast Du mit Teddy im Arm vor mir gesessen und gesagt: Ich will nicht mehr.

Und das war es auch, was Du mit Teddy im Arm vorgestern zu mir gesagt hast. Und ich habe geantwortet: Ich weiß. Und dann bin ich gegangen. Ich bin einfach gegangen, ohne zu wissen, das dies die letzten Worte sein werden, die ich von Dir hören würde.

Heute, bevor ich gekommen bin, erzählte man mir, dass Du jetzt kein Fernsehen mehr guckst, sondern einen CD-Player hast, aus dem leise Musik ertönt. Und man hat mir auch erzählt, das die Schwestern jetzt Duftkerzen für Dich aufgestellt und Dein Bett ans Fenster gerückt haben. Und ich dachte: Zur Hölle, warum tun die so etwas Bescheuertes? Ich weiß, wie sehr Du Deinen Fernsehen liebst. Du hast immer Fernsehen geguckt und niemals Musik gehört. Und der Standort Deines Bettes war doch auch in Ordnung. Und Duftkerzen? Was soll der Quatsch?!

Jetzt weiß ich warum Sie das getan haben… und bin Ihnen jetzt sogar sehr dankbar dafür… denn in dem Augenblick, als ich vorhin Dein Zimmer betrat und Dich sah, habe ich verstanden…verstehen müssen…vielleicht sogar zum ersten mal in diesem Leben. Einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben wird sterben… Du weißt es und ich weiß es jetzt auch.

Ich konnte es nicht glauben… wollte es nicht glauben… als ich zu Dir ans Bett gekommen bin, mein Gesicht über Deines gebeugt und „Hallo Oma, ich bin wieder da!“, geflüstert habe. Du hast mich nicht gehört und Du hast mich nicht gesehen. Du warst woanders und ich habe gespürt, das dieser Ort Dir große Angst bereitet hat. Deine Augen… das Strahlen in ihnen war erloschen… unruhig bewegten sie sich hin und her und ich wußte, in diesem Augenblick sahen sie etwas, was dir nicht gefiel. Ich habe daraufhin Deine Hand genommen…sie war ganz heiß…und ich habe gespürt wie schnell dein Puls schlug… ich habe gespürt wie alles in dir kämpft.

Es ist ein unfairer Kampf…

Und ich blöde Kuh sag auch noch: „Oma, du bist sehr tapfer und ich bin stolz auf Dich.“ Aber was hätte ich sonst sagen sollen? Hätte ich sagen sollen: „Oma mach kein Scheiß und wach wieder auf?“ Dann habe ich plötzlich gemerkt, wie du meine Hand umklammert hast und ich habe angefangen mit dir zu reden. Ich habe dir dabei in die Augen gesehen und Deinen Blick gesucht. Und ich fand ihn…du hast mich angesehen Oma. Aber ich weiß nicht, ob du mich auch gesehen hast.

Der Arzt sagt, das Du jetzt in eine Art Wachkoma gefallen bist und nur noch träumst. Die Folge der langsam Fortschreitenden Vergiftung durch Nierenversagen. Aber was interessiert es mich noch, was der Arzt sagt!?! Bitte entschuldige… ich wollte vorhin nicht so viel weinen… aber Dich so sehen zu müssen… das hat mir das Herz gebrochen.

Die Schwestern haben netterweise versucht mich zu beruhigen… auch jetzt versucht man mich zu beruhigen… Sie lebt doch noch… aber ich will mich nicht beruhigen. Ich will mich deshalb nicht beruhigen, weil kein Mensch dieser Welt wirklich weiß, was Du mir bedeutest und was ich dir zu verdanken habe…und wie schlimm es für mich ist, dich so leiden zu sehen.

Nein, das weiß kein Mensch dieser Welt! Selbst Du wusstest es nicht, weil ich es dir nie gesagt habe….bis heute. Drei Stunden habe ich heute an Deinem Bett gesessen und Deine Hand gehalten. Es war wie, als könne ich Dich damit festhalten. Ich habe sie nicht einmal losgelassen, aus Angst ich würde dich dadurch verlieren. Und bei jedem Zucken der durch Deinen Körper ging und jedes mal wenn du einfach aufgehört hast zu atmen, dachte ich, der Moment an dem Du mich verlässt sei jetzt gekommen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas Schlimmeres erlebt…

Und dann… dann habe ich es dir einfach gesagt. Ich habe dir alles gesagt, was ich dir schon immer sagen wollte, aber es aus einem völlig bescheuerten Grund nie getan habe – ich dachte, du würdest es nicht verstehen.

Aber dann…

Dann habe ich Dich gedrückt und dabei Dein Nachthemd vollgeheult. Ich habe Dich angesehen und Du hast mich angesehen… und dann hast du plötzlich gelächelt… Du hast gelächelt und für einen kurzen Augenblick haben deine Augen gestrahlt.

Ich weiß nicht, warum Du das getan hast. Ich weiß noch nicht einmal ob du mich überhaupt hören und verstehen konntest, aber die Hoffnung das dieses Lächeln mir und meinen Worten gegolten hat, die wird niemals sterben. Ich bin innerlich fast durchgedreht, als ich wieder gehen musste… und irgendwie habe ich das Gefühl, als müsste ich heute Nacht bei Dir sein…aber ich darf es nicht.

Ich hoffe Teddy passt gut auf dich auf…

Aber…

Wenn es einen Gott dort draußen gibt, dann flehe ich ihn spätestens jetzt an, dass er Dich nicht mehr länger leiden lässt…

Ich lasse Dich gehen, Oma.

Was immer heute Nacht auch passiert…

Ich liebe Dich!

Sonntag, 06.April 2008

Abschiedsbrief…

Liebe Oma, als sich gestern bei Dir war, wusste ich, dass es das letzte mal sein wird, an dem ich Deine Hand halten und Deine Wärme spüren würde. Du warst so schwach und Du hast so schrecklich gelitten. Und ich habe allen gesagt, wenn es eine Möglichkeit gäbe, Dir bei diesem schrecklichen Kampf zu helfen, dann wäre ich die erste, die den Stecker ziehen würde…selbst wenn ich dafür in der Hölle geschmort hätte. Ich war mir sicher, keine Hölle ist schlimmer, als das, was in Dir vorgehen muss. Aber es gab keinen Stecker, keine Geräte zum Abschalten. Es gab nur Dich und Deinen starken Willen zu kämpfen…etwas, was ich an dir schon immer so bewundert habe.

Damals, als die Krebsdiagnose gestellt wurde, waren alle erschüttert… ich am Boden zerstört… aber du hast gesagt: „Ach, min Dern, es ist mir Wurscht, was da in meinem Bauch drin ist. Hab ich das nicht alles schön hier?“

Und ich sagte: „Ja Oma, du hast alles sehr schön. Du machst das alles ganz toll und ich bin stolz auf Dich.“ Die ganze medizinischen Prozeduren, die Chemotheraphie und deren Folgen haben dir schwer zugesetzt. Du hattest Schmerzen. Ständig musstest Du zu irgendwelchen Untersuchungen, alle haben an Dir rumgemacht, Dich betüddelt und Dich somit in deiner Ruhe gestört. Auch ich hab Dich betüddelt… sogar schrecklich gerne betüddelt…vielleicht war ich sogar die schlimmste von allen. Immer wieder habe ich dich mit Eis und Mon Cherry bestochen und alles Mögliche versucht, um Dich zum Lachen zu bringen. Ich habe Dir Blumen geschenkt, die Weihnachtbeleuchtung angebracht und sie sogar mal bis Ostern hängen lassen. Und wenn ich bei dir geputzt habe, dann artete das immer in einem riesen Spaß aus. Du weißt doch noch…der arme Staubsauger, der bei Dir immer verhungert, weil du schon im Vorfeld jeden Krümel vom Boden aufliest…und der sich deshalb auch lieber an deinem Hosenbein vergriffen hat.

Du hast immer so schön gelacht…

Und ich trug auch immer Hüfthosen, weil Du es so lustig fandest, dass sie mir beim Bücken ständig über den Hintern rutschten und Ausblick auf meine bunte Unterwäsche boten. Manchmal bist du dann zu mir gekommen und hast mir in die Seite gepikst und mir befohlen, dass ich gefälligst Unterhemden tragen soll.Aber trotz allem warst Du im letzten Jahr nicht mehr dieselbe. Deine unbefangene Glückseligkeit verschwand mit jedem weiteren Tag an dem die Schmerzen schlimmer wurden, mit jeder weiteren Tablette die du dagegen schlucken musstest und mit jeder weiteren Sekunde, an der Du erkennen musstest, das Du nicht mehr für Dich alleine sorgen kannst.

Irgendwann hast du einfach gestreikt, wolltest das alles nicht mehr. Du wolltest nicht mehr Essen und nicht mehr Trinken, hast Dich gegen alles nur noch gewehrt. Ich wollte es damals nicht wahr haben und hab auf Dich eingeredet, dich nur noch mehr betüddelt… und Dir Teddy zur Unterstützung geschenkt. Aber auch damals hast Du Dich wieder gefangen, dich wieder aufgerappelt und weiter gemacht. Und manchmal dachte ich wirklich, dass es Teddy sei, der Dir diese Kraft gibt. Er war immer an Deiner Seite, eingewickelt in einen dünnen Schal. Er schlief mit Dir im Bett, er lag in Deinem Arm, wenn Du Fern gesehen hast und er saß auch am Tisch wenn Du gegessen hast.

Dein neues zu Hause hat Dir gefallen. Das Zimmer im Pflegeheim war sehr schön und der Ausblick gigantisch. Die Schiffe auf dem Rhein zu beobachten und der große Baum in dem ein Eichhörnchen lebte, ließen das Heimweh und die Erinnerungen an Deinen Garten schnell vergessen. Die Menschen waren gut zu Dir, das Essen war lecker und getüddelt wurde nur nach Notwendigkeit und nach deinen Wünschen. Du hattest endlich wieder Deine Ruhe…

Doch Deine Krankheit wollte von Ruhe nichts wissen. Jeden Tag nagte sie an Dir und Deinen Kräften, die Schmerzen verdarben Dir jegliches Gefühl von Freude. Ich habe es gesehen, ich habe es gespürt, jedes mal wenn ich bei Dir war. Selbst das betüddeln fiel mir plötzlich schwer, denn ich wusste, das selbst das nicht mehr helfen würde und das es sogar alles nur noch schlimmer machte. Du konntest das Essen, was ich Dir aufschwatze… die Kekse… nicht mehr schlucken, weil es schmerzte. Du konntest den Tee, den ich Dir einflößte nicht mehr aufnehmen, weil es schmerzte und ich konnte Dich nicht mehr zum lachen bringen, weil jede Bewegung, vielleicht sogar nur der Gedanke daran Dir weh tat. Das Morphium konnte Dir die Schmerzen nehmen, aber es nahm mir auch Dich und Dein Bewusstsein.

„Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr“, waren die letzten Worte die Du zu mir sagtest, bevor du in diesen schrecklichen Zustand gefallen bist, der für mich das grausame Abbild der Unmenschlichkeit war. Drei Tage lang habe ich an Deinem Bett gesessen, Deine Hand gehalten, in der Hoffnung Dir irgendwie helfen zu können. Und gestern habe ich Dich angefleht aufzugeben. Erinnerst Du Dich noch meine letzten Worte die ich sagte, bevor ich ging?

Ich sagte: „Hab keine Angst mehr Oma, ich und Teddy sind immer bei Dir. Wenn Du müde bist, dann mach die Augen zu und schlafe, wir passen auf Dich auf.“

Heute morgen um 3.48 Uhr kam der Anruf, das es Dir sehr schlecht geht und das es an der Zeit ist. Ich wollte noch zu Dir kommen, doch es war schon zu spät. Du wolltest schlafen und hast die Augen geschlossen…es tut mir leid, dass ich nicht bei Dir sein konnte. Jetzt sitze ich hier und weiß vor Trauer nicht mehr ein noch aus, aber bin gleichzeitig froh und dankbar dafür, dass Dein Leid endlich ein Ende gefunden hat.

Und da ist noch etwas, was mir hilft mit diesem Schmerz fertig zu werden. Du hilfst mir, Oma. Du und Deine wahren letzten Worte, die Du vor zwei Tagen unter größter Anstrengung noch herausgebracht hast. Ich habe sie bis heute vor lauter Kummer vergessen…verdrängt…sie aus meinem Gedächtnis ausgeblendet…vielleicht weil ich glaubte, sie mir nur eingebildet zu haben….vielleicht sollten deine letzten Worte auch erst heute zur Geltung kommen. Ich weiß es nicht…aber ich weiß, dass ich Dir instinktiv darauf geantwortet habe: Ich hab Dich auch lieb!

Liebe Oma, Du warst einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Du warst ein unentdeckter Engel auf Erden…

Du warst mein Engel…

Meine große Heldin..

Für mich bist und bleibst Du, Karla Jacobsen (geboren am 12.01.1925, gestorben am 06.04.2008), die tapferste Frau auf Erden und ich bin mächtig stolz auf Dich!

Ich vermisse Dich…

In ewiger Liebe und Dankbarkeit

Deine Nicole

Der Mann, der sich Charlie nennt

Der Mann, der sich Charlie nennt, schaut sie eindringlich an. Und als sie seinen Blick erwidert sieht er direkt  in das wunderschöne Blau ihrer Augen, in die er sich einst so verliebt hatte. Und er war sich so sicher gewesen, das sich daran nie etwas ändern würde. Aber dennoch versetzt ihm ihr Blick plötzlich einen schmerzlichen Stich und er wendet sich abrupt von ihr ab. Wo war nur ihr herzliches Strahlen geblieben? Er hatte so gehofft, dass dieses bedrückende Gefühl, diese Ahnung, die ihn schon seit Wochen heimgesucht hat, ihn täuschen würde. Und er hatte auch gehofft, dass diese Sicherheit, so wie er sie jetzt empfand, niemals eintreffen würde. Aber jetzt ist war sie da, das Ungewisse hatte den Schleier abgelegt und ließ sich auch nicht wieder verdrängen. Er ist sich sicher, sie will ihn verlassen und allein der Gedanke bringt ihn um dem Verstand. Was zum Teufel hat er nur falsch gemacht?

Sie war ohne Zweifel seine große Liebe und das wusste er schon in dem Augenblick, als er sie zum ersten mal sah. Sie war ein strahlender Engel, dem Gott ihm geschickt hatte, in einer seiner dunkelsten Stunden, um ihn vor sich selbst zu schützen. Und er war sich sicher, er wäre heute nicht mehr hier, wenn sie nicht gewesen wäre. Sie war so einfühlsam und liebevoll gewesen. Sie hatte ihn aus dieser quälenden Einsamkeit gerissen und ihm ein neues, viel besseres Leben geschenkt. Und er erinnert sich noch genau an dem Tag, als er ihr zum ersten mal begegnete. Dieser Tag war ein sehr schlimmer Tag, viel schlimmer als all die anderen Tage die er je zuvor erlebt hatte. Er war sogar noch schlimmer als der Tag, an dem er seine Mutter zu Grabe getragen hatte. Natürlich war er über ihren plötzlichen tot traurig gewesen, aber es war erträglich.  Sogar wesentlich erträglicher als das, was man ihm an diesem Tag angetan hatte. Er hatte an diesem Montag Nachmittag nicht nur den letzten Rest seiner Würde, sondern auch in aller Öffentlichkeit die Fassung verloren. Er hatte geheult wie ein kleines Kind und sie hatten ihn dafür nur noch mehr ausgelacht. Sie hatten ihn ausgelacht.

Früher waren es seine Klassenkameraden gewesen, die ihm ständig nach der Schule oder in den Pausen aufgelauert hatten, um ihn mit allen Mitteln zu demütigen. Asoziale Drecksau, Vierauge, Schwanzlutscher, Versager, Schwuchtel, Missgeburt, Freak, Psycho. Unzählige zerbrochene Brillengläser, unzählige blaue Flecken, unzählig Schürfwunden. Und all das nur, weil er anders war? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass sie es immer auf ihn abgesehen hatten und das es nichts auf der Welt gab, dass sie davon abbringen konnte. Sie hatten ihn sogar mehrmals bis auf die Unterhosen ausgezogen und seine Kleidung überall in der ganzen Schule verteilt. Und wenn er sich dann heulend in die Toilettenräume eingesperrt hatte, spuckten sie ihn von oben an oder bewarfen ihn mit Klopapier. Aber er hatte es ertragen, immer und immer wieder. Und er hatte auch diese ständigen Beschimpfungen ertragen, er hatte es sogar ertragen, dass sie ihm ständig im Sportunterricht die Hose hinunter zogen und sich über sein kleines Glied amüsierten. Aber wenn sie ihn auslachten, weil er wegen all diesen Schikanen weinen musste, dann war es unerträglich. Echte Jungs weinen nicht! Er aber hatte oft geweint.

Und dann Jahre später, als er es endlich schaffte einen Job zu kriegen, waren es seine Arbeitskollegen, die diesen Alptraum wieder anfingen und ihn scheinbar bis ins unendliche weiter führen wollten. So viele Jobs, so viel Schikanen und genau so viel Demütigung. Besonders die Frauen hatten sich noch nicht einmal die Mühe gegeben es hinter seinem Rücken zu tun. Sie sagten ihm direkt ins Gesicht, was sie von ihm hielten und sie lachten dabei. Einmal hatte er dem Mädchen aus dem Verwaltungsbüro eine Blume geschenkt. Sie war sehr hübsch und er dachte auch, dass sie sehr nett wäre, denn immerhin hatte sie ihm einmal aus dem Fenster zugewunken. Es hatte ihn große Überwindung gekostet das zu tun, denn er kannte sich nicht besonders gut aus mit Frauen. Sie machten ihm irgendwie Angst. Besonders dann, wenn sie ihr schrillstes Kichern kicherten und dabei ihre Köpfe in den Nacken warfen. Zu oft hatten genau diese im Anschluss mit dem Finger auf ihn gezeigt. Und auch an dem Tag, als er der Frau aus dem Verwaltungsbüro die Rose überreicht hatte, war genau dies passiert. Sie hatte ihn ausgelacht und er lachte in diesem Augenblick mit ihr. Was hätte er auch anderes tun sollen? Dieses verfluchte Weibsvolk trampelte ständig auf ihm herum, raubten ihm seine letzte Würde und er konnte nichts anderes tun, als es mit einem Lachen hinzunehmen und später heimlich darüber zu weinen.

Aber an jenem schlimmen Tag, als irgendwer ihm eine ganze Flasche Parfüm über seine Arbeitskleidung gekippt hatte, war es vorbei mit ertragen, hinnehmen und heimlichen weinen. Und derjenige, der dies getan hatte, untermalte seine Handlung auch noch mit einer schriftlichen Botschaft, wie folgt: Nimm diese Geste als ein Geschenk der ganzen Belegschaft. Wir sind alle der Meinung, dass dies deinen üblen Körpergeruch überdeckt, denn dieser ist in Verbindung mit deinem ungepflegten Aussehen einfach keinem mehr zumutbar. Im übrigen, waren deine Eltern eigentlich Geschwister?

Er hatte den Zettel aus seinem Spint gerissen und war mitsamt seinen versauten Sachen in Richtung Chefbüro gelaufen. Und offenbar hatten sie ihr übles Spiel selbst unterschätzt, als sie sich entschlossen hatten ihm eine ganze Flasche Kölnisch Wasser über Pullover und Kleidung zu schütten, denn der Gestank verbreitete sich in allen Fluren und er war beißend und nahezu atemberaubend. Und als er durch das Gebäude lief, hörte er wieder wie sie lachten, wie sie stöhnend die Fenster aufrissen und ihm verächtlich hinterher riefen, er solle endlich verschwinden und sich draußen weiter ausdünsten. Aber er schaffte es nicht mehr bis nach draußen und er schaffte es auch nicht mehr bis ins Chefbüro. Ihm wurde schon vorher übel. Und als ihn all diese schmerzlichen Erinnerungen übermannten, brach vor aller Augen zusammen und weinte.

4711, ein Wasser was Wunder bewirkt. Du musst es auch auftragen, wenn du wieder deine Kopfschmerzen hast, mein Junge. Mama, hatte es immer benutzt. Er erinnerte sich noch genau, wie sie jeden Morgen vor dem Spiegel stand und dieses übel riechende Zeug auf ihren Hals und Handgelenke schmierte, und wenn sie zu viel aufgetragen hatte benetzte sie seine Ohren und Schläfen damit. Und er erinnerte sich auch noch wie sie ihm danach immer die Haare kämmte und wie bei jeder ihrer Kammbewegung diese scheußliche Wolke in seine Nase stieg. Und wie sie ihm währenddessen einen Vortrag über das Für und Wie eines anständigen Kindes predigte. Mama, ich will keinen Seitenscheitel. Und das sie es furchtbar findet, was aus der heutigen Jugend geworden ist. Und ich brauche eine neue Brille. Sie mit einem Pflaster zu reparieren ist nicht gut. Und dass sie es nicht dulden würde, dass er ebenfalls zu solch schlecht gekleideten und respektlosen Teufeln werden würde. Und will auch nicht diese scheußlichen Buntfaltenhosen tragen. Zucht und Ordnung, Respekt und Achtung, der beste Grundstein, um ein anständiger erfolgreicher Mann zu werden. Mama, warum hörst du mir niemals zu? Ein gestandener Mann, wie sein Vater. Ich hasse ihn! Und wenn sie fertig war mit ihrer Rede, hatte sie immer ihre langen Arme auf seine Schulter gelegt und ihn angeschaut. Und immer dann, wenn er das Bedürfnis hatte sein Gesicht in ihrer Brust zu vergraben, zu weinen und zu sagen: Warum lässt du es zu, dass Papa mir immer weh tut? Sag ihm, dass er damit aufhören soll, hatte sie ihn weggeschickt.

Er wurde ständig und überall weggeschickt. Und an dem Tag, als er auf dem Boden des Foyers saß, wie ein Kind heulte und ihm dabei Tränen und Rotz über die Lippen liefen, war es wieder das Gelächter was ihn nicht nur weggeschickt, sondern gänzlich verstoßen hatte. Er war daraufhin gegangen. Er hatte seinen Peinigern den Rücken gekehrt, doch die Pein selbst blieb. Sie blieb an ihm haften, als er in den Bus stieg und hörte wie Kinder sich hinter seinem Rücken lustig über ihn machten und sie blieb auch, als er schließlich in die Straße einbog in der er lebte. Die Nachbarn in den Gärten grüßten ihn nicht, wandten sich ab, oder nahmen ihn erst gar nicht wahr. Und als er vor seiner Haustüre stand und feststellte, dass niemand da war, der auf ihn wartete, brach er erneut zusammen.

Er wusste nicht wie lange er auf seiner Treppe saß und weinte. Und er wollte sich in diesem Moment nicht ausmalen, was sein Vater gesagt oder wieder getan hätte, wenn er ihn jetzt, dreißig Jahre später so auf der Treppe hätte sitzen sehen. Seine Mutter wäre vielleicht noch zufrieden mit ihm gewesen, vielleicht sogar stolz. Er trug einen ordentlichen Seitenscheitel, Buntfaltenhosen, einen grünen Strickpullover und sogar noch die Brille wie vor dreißig Jahren, so wie Mama es immer wollte. Und jetzt umhüllte ihn auch noch eine Wolke Kölnisch Wasser. Siehst du mich Mama?, dachte er und blickte schluchzend in den Himmel. So wie du es immer wolltest, bist du jetzt stolz auf mich? Er hatte in diesem Augenblick auf eine Antwort gehofft und sie kam prompt und traf ihn mit voller Wucht. Sie dich an, ertönte plötzlich die Stimme seines Vaters. Was bist du nur für ein Schlappschwanz! Er zuckt zusammen, als der Kleiderbügel mit einem surrenden Geräusch auf seinen Rücken donnerte. Er wusste, das alles fand nur in seinem Kopf statt, aber es schmerzte mehr denn je. Hör auf zu flennen, echte Jungs weinen nicht! Aber er hatte immer geweint und er weinte auch jetzt. Nein, du bist kein richtiger Mann!

Nein, er war wahrhaftig kein richtiger Mann. Er war ein Vollidiot. Er war ein Schlappschwanz, ein Weichei, ein Freak, ein hässlicher Gnom, ein stinkendes Stück Scheiße. Er war einfach all das, was aus dem Mund seiner alten Schulkameraden, Kollegen, Nachbarn und seiner Eltern kam. Sie hatten alle Recht, er würde nie eine Frau finden. Frauen wollten Männer und er war einfach kein Mann … noch nie gewesen. Ich wünschte ich wäre tot, hatte er gedacht und malte sich gleichzeitig aus, wie er mit ausgebreiteten Armen auf dem Dach des Hochhauses am Ende der Straße stehen und wie er sich schließlich mit geschlossenen Augen dort hinunter stürzen würde. Er würde den Augenblick des freien Falles genießen, er würde sich frei fühlen wie ein Vogel, er würde alles hinter sich lassen. Nie wieder dieses schrille abfällige Kichern, nie wieder Beleidigungen, nie wieder diese Pein, keine Demütigungen mehr. Und er würde sich bei diesem Gedanken so gut fühlen, dass er die Wucht des Aufpralls gar nicht mehr spüren würde. Sein Entschluss stand in diesem Augenblick fest. Er war nicht willkommen in dieser Welt und er konnte nichts anderes tun, als sie zu verlassen. Niemand würde es merken, denn niemand war da, der ihn vermissen würde. Dieser Gedanke ließ ihn zusammenbrechen. Er weinte unaufhörlich und es war ihm gleich, wer von dieser Straße es hören würde, denn es interessierte sich ohnehin niemand für ihn.

Niemand außer…

Sie stand plötzlich vor ihm. Wie aus dem Nichts war sie aufgetaucht und er hatte sie erst gar nicht bemerkt, weil er sein Gesicht tief in den Händen, zwischen seinen Knien vergraben hatte. Sie stand da und sah ihn an. Hallo… warum weinst du?, hatte sie leise gefragt. Ohne auch nur einen Blick auf sie zu werfen, hatte er sie daraufhin angefahren, sie solle abhauen und ihn gefälligst in Ruhe lassen, denn er hätte genug Spott für heute ertragen müssen. Aber sie ging nicht. Sie blieb vor ihm stehen und schaute ihn an. Und als er seinen Kopf hob um sie gänzlich zum Teufel zu jagen, blickte er plötzlich in dieses wunderschöne Engelsgesicht und es traf ihn sofort wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Da war kein ausgestreckter Finger der auf ihn zeigte, kein schrilles Kichern und als er ihr in die Augen schaute sah er nicht diesen Guckt-Euch-Dieses-Jämmerliche-Weichei-An-Blick. Nein, ihr Blick hatte in diesem Augenblick etwas anderes gesagt. Etwas, was er zunächst nicht richtig deuten konnte. In ihren Augen spiegelte sich Bestürzung, Mitgefühl aber auch ein Hauch von Verzückung. Und er hatte gespürt, wie sie verzweifelt nach den richtigen Worten suchte, um… um ihn vielleicht zu trösten? Nein, das war zu schön um wahr zu sein! Sie war nur eine Illusion, eine Fata Morgana, ausgelöst durch seine Verzweiflung und dem immer stärker werdenden Wunsch seinem kläglichen Dasein ein Ende setzten zu können. Ein Engel mit weichem Herz, mit goldenen Haaren, einem lustigen Sommersprossen Gesicht, wunderschönen blauen Augen und einer Figur die nahezu perfekt war. Sie war nicht real.

Er hatte den Kopf wieder in seine Hände vergraben und hoffte einfach, das dieser Engel wieder gehen würde, denn er schämte sich furchtbar für seine Tränen. Aber sie blieb. Sie hatte einen Augenblick gezögert, das hatte er durch den Spalt zwischen seinen Fingern wahrgenommen, aber sie blieb. Und wenige schnelle Herzschläge später, geschah plötzlich das Unfassbare: sie setzte sich wie selbstverständlich neben ihn, legte behutsam ihren Arm auf seine Schulter und fragte vorsichtig: Warum bist du denn so traurig?

Es hatte etwas gedauert, bis er seine Fassung wieder gefunden hatte und zu einer Antwort fähig war, oder besser gesagt: bis er etwas herausbrachte, was als Antwort hätte ausreichen können. Ich bin eine Heulsuse, oder? und sie hatte daraufhin gesagt: Och, das macht nichts, ich auch! Und er hatte sie aus seinen verquollenen Augen ganz erstaunt angesehen und musste plötzlich lächeln. Er lächelte sie an und sie lächelte zurück. Hatte es das in seinen 40 Jahren überhaupt schon einmal gegeben?

Ich habe noch nie einen Mann weinen sehen, sagte sie schließlich und als er sie daraufhin fragte, ob sie das schlimm fände, hatte sie mit JA geantwortet. Ich finde es immer schlimm, wenn jemand weint. Egal, ob Junge, Mädchen, Mann oder Frau. Traurig zu sein ist immer schlimm …

Und während sie dasaßen, plauderten und sich anlächelten, konnte er ihre stumme Sprache plötzlich verstehen. Und das, was sie sagte war so wunderschön, dass er sie einfach nicht mehr vergessen konnte. Sie war so anders als all die anderen. Sie hatte sich nicht blenden lassen von all dem schlechten, das ihn in diesem Augenblick umgab. Es interessierte sie nicht einmal. Sie interessierte nur eines: Warum er so traurig war und was sie tun konnte, damit er genau das nicht mehr war. Ja, sie war die erste, die ihm wirklich zugehört hatte und dafür hatte er sie seit der ersten Minute ihrer Begegnung geliebt. Nein, mehr als das, er hatte sie vergöttert. Und der Thron auf dem er sie dann aus lauter Dankbarkeit gebettet hatte war der schönste, dem man einem Engel auf Erden geben konnte. Doch dieser Thron war hoch. Zu hoch, als das er ihr hätte näher kommen können und er wäre ihr so gerne näher gekommen. Aber er wagte es nicht. Er brauchte sie, aber er wusste, sie brauchte ihn nicht… jedenfalls noch nicht. Er wollte einfach nichts falsch machen. Er wollte nicht, dass irgendetwas passierte, was diese Freundschaft – so wie sie auf dieser Treppe entstanden war – gefährdete. Er wusste nicht, was sie von ihm erwartete. Und er wusste auch nicht, wie er mit dieser Liebe, die er für sie empfand umgehen sollte. Er wusste nur, dass er ihr nahe sein wollte. Dass er sie wiedersehen und vor allem Übel dieser Welt beschützen wollte und das am besten für immer.

Gott, was hatte ich damals eine Angst vor dir, denkt Charlie und lächelt besonnen, als er aus dem Fenster sieht. Wusstest du das eigentlich? Wusstest du, was du für eine unsagbare Macht du über mich hattest? Wusstest du, dass ich jede Nacht von ihr geträumt habe? Und dass ich, wenn du vor mir standest, vor Angst gezittert habe? Ein Wort, eine Geste von dir hätte mich vernichten können. Ich hatte schreckliche Angst davor, dass du mich am Ende doch wieder ablehnen könntest. Und ich hätte alles für dich getan, du hättest es nur sagen müssen. Ich hätte dir die Sterne vom Himmel geholt, ich hätte jede Bank ausgeraubt, ich hätte dir den Himmel auf Erden dafür gekauft und ich hätte sogar für dich getötet…das würde ich heute immer noch für dich tun. Du hattest mich damals vollkommen in der Hand, mein Engel, aber du hast nie etwas von mir verlangt, dafür bin ich dir heute immer noch sehr dankbar…ich bin dir für alles so unsagbar dankbar.

Er dreht sich um, sucht ihren Blick, aber findet ihn nicht. Er betrachtet sie aufmerksam und wieder steigen Erinnerungen hoch. So wie sie jetzt dasitzt, zusammengesunken und schweigend. Ihre Hände klemmen verkrampft zwischen ihren Beinen und sie wiegt ihren Körper nervös vor und zurück. Vor und zurück, vor und zurück. Immer wieder. So hatte er sie schon einmal gesehen, damals auf seiner Treppe, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten. Und in diesem Augenblick hatte er sich nur noch mehr in sie verliebt. So sehr, dass es ihn fast den Verstand geraubt hatte. Sie war extra gekommen, hatte tatsächlich auf ihn gewartet, um sich von ihm zu verabschieden. Und sie weinte bitterlich, als sie sagte, dass sie nicht willkommen in dieser Welt sei und dass sie nicht mehr leben wollte, weil niemand da wäre der sie liebt. Sie würde vom Hochhaus, am Ende der Straße springen und sie wäre nur noch mal gekommen, um sich von ihrem besten Freund zu verabschieden.

Du dachtest die ganze Zeit, das niemand da wäre, der dich liebt. Und der Moment, an dem ich dich eines besseren belehren durfte, war so schön. Meine Angst vor dir schwand in dem Augenblick, als du dich an mich geschmiegt hast und weintest. Du hattest damit die Angst-Barriere zwischen und gebrochen, denn Deine Augen sagten: bitte liebe mich. Und als ich dir sagte, dass ich es von ganzem Herzen tun würde, hast du gelächelt. Dann warst du bereitwillig von deinem Thron gestiegen, damit ich darauf Platz nehmen konnte. Du schenktest mir all dein vertrauen. Du gabst mir freiwillig die Zügel in die Hand und batest mich dich zu führen. Und in dem Augenblick als du demütig zu mir aufschautest und ich auf dich herabblickte, war es wie, als hättest du mir ein völlig neues Leben geschenkt. Ich war nun nicht mehr nur dein heimlicher Verehrer und dein Beschützer, ich war dein Held, dein Prinz und ich war so dankbar dafür, dass ich das für dich sein durfte. Ich der Vollidiot, der Schlappschwanz, der Freak und ein Mann, der kein richtiger Mann war. Du hast mich mit dieser wunderbaren Geste zum Mann gemacht und es fühlt sich immer noch so unsagbar gut an. Du hast damit meinem Leben wieder einen Sinn gegeben… weißt du das eigentlich? Und ich wollte alles dafür tun, damit ich diese großartige Rolle nicht wieder verliere. Ich wollte ein guter Mann sein und der einzige und beste für Dich. Und zum ersten mal seit 40 Jahren wusste ich, was ich zu tun hatte: die Zügel nehmen und dich führen, und zwar dort wo ich dich schon immer einmal hin wollte. Und ich nahm dich mit, weil du mir vertraut hast. Und ich zeigte dir die Sterne, aber auch wo der Hase lang läuft – das war es doch, was du von mir erwartet hast, oder?

Er seufzt und wendet sich wieder von ihr ab. In seiner dunkelsten Stunde traf er das Mädchen, die Frau seines Lebens und auch wenn er es nie für möglich gehalten hätte, jetzt gehörte sie ihm. Ein Engel mit weichem Herz, mit goldenen Haaren, einem lustigen Sommersprossen Gesicht, wunderschönen blauen Augen und einer Figur die nahezu perfekt war. Ihre ganze Erscheinung so unsagbar betörend, und doch so sinnlich und zart. Er liebte sie und sie liebte ihn. Und er war sich so sicher, dass sich niemals etwas daran geändert hätte, wenn sie nicht plötzlich ständig damit angefangen hätte seine Liebe in Frage zu stellen. Und er weiß, dass sie es auch jetzt wieder tut. Ihr schweigen sagt mehr als tausend Worte. Er kann es förmlich riechen und das schon, seit dem er sie vorhin mehr oder weniger zufällig auf der Straße getroffen hatte. Sie war nur widerwillig mit in seine Wohnung gekommen. Er musste sie geradezu zwingen und das, obwohl sie so viele schöne Stunden dort miteinander erlebt hatten. Was war nur ihr verdammtes Problem? Ich habe heute keine Zeit, hatte sie gesagt. Aber er wusste, das es nicht stimmte. Er wusste immer wenn sie ihn anlog. Sie war eine verdammt schlechte Lügnerin und das wusste er bereits schon damals, als er sie an dem Tag, als sie weinend auf der Treppe gesessen hatte und sie später in seinem Wohnzimmer fragte, ob ihr sein Kuss gefallen hätte.

Ja, hatte sie gesagt und das alles andere als glaubhaft. Und als er ihr schließlich die Wahrheit aus dem Körper kitzelte so dass ihr die Luft weg blieb – dass schien ihr immer besonders gut gefallen zu haben, so wie er dachte – hatte sie schließlich gesagt: Das ist irgendwie komisch, aber ich muss mich wohl noch daran gewöhnen. Und sie musste sich noch an vieles gewöhnen, denn immerhin war er der Mann und sie die Frau. Und eben weil er der Mann war, hatte er auch heute darauf bestanden, das sie mit ihm in die Wohnung kam, ob sie wollte, oder nicht.

Jetzt sitzt sie da, schweigt und zweifelt stumm seine Liebe an, und das alles nur weil er… ja, weil was? Was hatte er überhaupt getan? Mit welchem Recht stellte sie seine innige Liebe in Frage? Er denkt angestrengt nach und sucht nach Antworten. Und schließlich findet er eine und genau diese Antwort lässt ihn die reumütige Schamesröte ins Gesicht schießen. Nein, er hätte sie nicht so grob anfassen sollen, als er sie mit einem anderen erwischt hatte. Er hatte es selbst gesehen, als er ihr wieder gefolgt war. Er folgte ihr immer, wenn sie aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen nicht bei ihm sein konnte. Das war seine Aufgabe als Mann. Er musste sie beschützen und immer gleich zur Stelle sein, wenn sie ihn brauchte. Und manchmal war es auch gut, wenn sie da war, wenn er es brauchte und er brauchte es ziemlich oft. Aber an diesem Nachmittag, brauchte sie ihn offensichtlich nicht.

Er hatte gesehen, wie sie und dieser Mistkerl zusammen am See standen und stundenlang Steine hinein warfen. Und er hatte gesehen, wie sie miteinander gelacht haben und wie sie sich angesehen hatten. Und er hatte auch gesehen, wie er sie auffing, als sie stolperte. Aber vor allem hatte er gesehen, wie dieser kleine Hurensohn sie auf die Wange geküsst hatte. Und er war sich sicher, dass er noch mehr gesehen hätte, wenn ihm nicht plötzlich dieser blöde Köter in die Quere gekommen wäre. Der Hund eines Spaziergängers hatte angeschlagen, als er ihn im Gebüsch gewittert hatte.

Was wolltest du auch nur von diesem kleinem Scheißer? Er war kein Mann, nicht einmal annähernd! Er war noch ein Kind! Er war ein Vollidiot! Ein Weichei! Er wäre nicht in der Lage gewesen, dich so zu beschützen, wie ich es tue. Und Vögeln kann er mit Sicherheit auch noch nicht. Nein, der hätte mir niemals das Wasser reichen können und das musste ich dir doch irgendwie klar machen.

Was habt ihr beide dort unten am See getan?, hatte er sie noch am gleichen Tag gefragt und als sie ihm darauf eine verlogene Antwort gab, hatte er ihr ins Gesicht geschlagen. Es war nicht fest, nur eine Backpfeiffe, er wollte doch ihr hübsches Gesicht nicht verletzten. Aber einen Denkzettel, den wollte er ihr schon an diesem Tag mit auf den nach Hause weg geben.
Warum bist du nur so böse auf mich?, hatte sie daraufhin geheult und er hatte plötzlich das starke Bedürfnis gehabt sie für diese ungeheuerliche Frage noch einmal zu bestrafen. Sie wusste nicht, warum er so wütend war? Verstand diese kleine Hure denn gar nichts? Er trug sie auf Händen, er war ihr Mann und sie hatte nichts besseres zu tun, als gleich mit jedem daher gelaufenen herumzuknutschen?! Vielleicht machte sie sogar noch ganz andere Sachen? Alleine für diese Vorstellung, hätte sie noch eine Menge weitere Ohrfeige verdient gehabt.

Aber er hatte sie deswegen nicht noch einmal geschlagen. Er hatte sie vielleicht ein klein wenig grob angefasst, aber er hatte sie nicht geschlagen. Er hatte es ihr am Ende sogar verziehen. Sie hatte um Gnade gebettelt und weil er ein guter Mann war, hatte er ihr vergeben. Der Grund warum sie sich an diesem Tag dennoch weiteren Zorn von ihm einfing war ein anderer. Sie hatte sich schon wieder nicht an die Anweisung gehalten. Und er konnte ihre plötzlich Respektlosigkeit doch nicht einfach so tolerieren. Eine Frau hat die Wünsche ihres Mannes gefälligst zu respektieren. Es gab nun einmal Dinge, die er nicht mochte und dazu gehörte eben auch, dass sie ihn nicht anschauen sollte wenn er intim mit ihr wurde. Er wusste es selbst nicht warum er ihren Blick nicht ertragen konnte, wenn er die Hosen runter ließ. Vielleicht war es die Scham, vielleicht waren es auch das scheußliche Gelächter und Spott seiner Schulkameraden aus dem Sportunterricht, die er heute noch manchmal in seinem Kopf hörte. Sie könnte ihn auslachen, wenn sie ihm dabei zusah. Und er würde sie wahrscheinlich deswegen umbringen. Soweit wollte er es aber gar nicht erst kommen lassen. Und dann war da noch ihr ängstlicher Blick der in abturnte und ihm den Höhepunkt vermasseln würde, wenn er dabei in ihr Gesicht sehen würde. Warum musste sie sich auch immer so anstellen? Männer machen so etwas eben mit ihren Frauen, ob sie wollen oder nicht. Und das Tuch bleibt auf deinem Gesicht, hatte er gesagt. Und er hatte es ihr oft genug gesagt. Aber sie hatte es dennoch an diesem Nachmittag von ihrem Gesicht gerissen, weil sie angeblich keine Luft mehr bekam. Sie hatte gelogen und dafür hatte er ihr eine verpasst …

Das war vor einer Woche…

Nein, ich hätte sie nicht schlagen sollen!, denkt er und schaut sie reumütig an. Wie hilflos und klein sie doch ist. Er steht auf und geht zu ihr. Er setzt sich auf das Bett und lässt seine Hände zärtlich über ihre blonden langen Haare gleiten. Sie sind so weich und glänzen wie Goldschimmer. Und dieser Duft. Dieser unbeschreiblich betörende Duft eines geheimnisvollen Shampoos, dessen wundersame Wirkung nur er kennt. Er hatte es ihr gekauft. Himbeere…, denkt er und vergräbt sein Gesicht in ihrem Nacken. Sie riecht und schmeckt nach Himbeere. Er schließt die Augen und genießt den Augenblick. Und während er das tut überrollte ihn plötzlich eine Welle höchster Erregung.

„Du kannst mich nicht verlassen, Prinzessin“, sagt er und lässt seine Hände über ihre Schultern gleiten. Ein Träger ihres Kleides rutscht zur Seite, instinktiv schiebt sie ihn wieder hoch. „Und wenn du ehrlich bist, willst du mich auch gar nicht verlassen. Du brauchst mich doch, so wie ich dich brauche. Ich würde sterben ohne dich. Und du weißt, wenn ich sterbe, dann werde ich dich mitnehmen. Niemand liebt dich so wie ich und das weißt du. Natürlich weißt du das, sonst wärst du nicht hier und würdest nicht das Kleid tragen, dass ich an dir so liebe… ich mag Luftballons.“

Er steht auf und geht zur Kommode. Er zieht ein rotes Tuch heraus und lässt es durch seine Finger gleiten, dabei lässt er sie keinen Moment aus den Augen. Dann hält er inne, denkt kurz nach, schüttelt den Kopf und legt das Tuch wieder zurück. Heute nicht, denkt er und setzt sich wieder auf das Bett und betrachtet sie. „Ich habe eine Überraschung für dich“, flüstert er schließlich direkt in ihr Ohr und hofft damit gänzlich all ihre Gedanken ihn zu verlassen auszulöschen. Doch sie reagiert nicht. Sie sitzt vor ihm. Immer noch zusammengesunken und schweigend. Ihre Hände klemmen immer noch verkrampft zwischen ihren Beinen und sie schaukelt ihren Körper. Vor und zurück, vor und zurück.

„Weil ich dich so sehr liebe…“, beginnt er feierlich. „Werde ich dir nicht die Augen verbinden. Heute darfst du mich auch dabei ansehen. Es tut heute auch gar nicht weh.“

Sie erstarrt unter seinen Berührungen und als er sie küsst schmeckt er das Salz ihrer Tränen auf ihren Lippen. Nein, ich hätte sie nicht schlagen dürfen, denkt Charlie und kämpft plötzlich mit den Tränen. Dass war furchtbar feige und falsch von mir, sie ist doch erst acht Jahre alt.

ENDE