Stress lass (bitte) nach …

Hallo Ihr Lieben,

wieder sind einige Tage, bzw. Wochen ins Land gezogen. Und ja, ich weiß, ich hatte mal versprochen in kürzeren Abständen zu schreiben. Und ich weiß auch, dass ich (psychologisch gesehen) auch täglich über das schreiben müsste, was hier los ist. Aber ganz ehrlich, es käme am Ende eines jeden Textes doch immer das gleiche heraus: Chaos, Angst, Stress, Wahnsinn und mein schleichender körperliche Zerfall.

Zusammenfassend heißt das: Ich krieche eigentlich nur noch japsend durch den Tag. Hoffnung (dass bald alles besser wird) ist die einzig brauchbare Energiequelle im Augenblick. Hätte ich diese Energiequelle nicht, würde ich mich wahrscheinlich auf die Couch legen und nie mehr aufstehen. 🙁

Nur noch knapp 5 Wochen, dann fährt der Umzugswagen vor. Die Zeit rennt, das Inventar schwindet immer weiter und der Berg an Umzugskartons wächst. Mit diesem Berg an persönlichen Dingen, die mit in mein neues Leben müssen, erhöhen sich auch die Kurzschlüsse und „Störungen“ in all meinen für Emotionen verantwortlichen Systemen. Ich finde das fast schon interessant, was diese Aufbruchstimmung psychologisch und auch physiologisch mit mir macht und was es für neue Baustellen zutage bringt. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass der Unterschied zwischen einer mehrteiligen Couchgarnitur und einer Rundecke zu  einem ernsthaften Problem für mich wird, nur weil hier ein gefühlter Sicherheitsabstand fehlt … die Unverträglichkeit von menschlicher Nähe bekommt auf einer Rundecke eine völlig neue Dimension. Klingt bescheuert, ist es vielleicht auch, aber ich kann es im Moment nicht ändern. Aber dazu irgendwann mehr.  Heute will ich nur kurz den Istzustand beschreiben. Und der Istzustand ist ein körperliches und psychisches Desaster.

Abgesehen von meiner Cortisol bedingten enormen Gewichtszunahme, dem Tinnitus, weiteren Ohrgeräuschen und meinem geschädigten Magen, bin ich körperlich gesehen tatsächlich ein wandelnder Schrotthaufen. Ich  bin vollkommen im Arsch. Jeder Schritt, jede Bewegung sind mit Schmerzen verbunden. Chronische Verspannungen auf allen Ebenen, Muskelschmerzen, das ganze Paket.

Und das ist der Grund:

„In Stresssituationen schüttet der Körper Adrenalin aus und spannt die Muskeln an, um sich für eine Flucht oder einen Kampf zu rüsten. (…) Da wir in heutigen Stresssituationen weder fliehen noch körperlich kämpfen müssen, wird das ausgeschüttete Adrenalin nicht abgebaut. Die Muskeln stehen unter Daueranspannung, die sich in Muskelschmerzen äußert. “ (Quelle: http://www.onmeda.de/special/gelenkschmerzen/muskelschmerzen-ursachen-15842-3.html)

Es ist echt zum Kotzen. Ich bin so nervös, echt, das reinste Nervenbündel. Ich befinde mich stetig auf einem Anspannungslevel 10+ und dieser Zustand setzt sofort nach dem Aufwachen ein. Schlafen kann ich glücklicherweise gut. Ich schlafe sogar so tief und fest, dass ich teilweise den Wecker nicht höre und auch meine Tochter nicht wahrnehme,  wenn Sie mich aus 3 Meter Entfernung ruft. Das ist besonders ungewöhnlich.

Letzte Woche habe ich sogar zum ersten Mal seit 20 Jahren verschlafen. ICH HABE VERSCHLAFEN! 😮  Für andere eine Lappalie.  Für mich eine echte KATASTROPHE. Verschlafen ist für mich eine Form von Kontrollverlust. Und ich empfinde es auch als eine Art Kontrollverlust, dass, sobald ich aufwache (und das kann dann auch mal nachts um zwei sein), mein Gehirn ein Eigenleben führt. Als würden die kleinen Stresslinge in meinem Kopf nur darauf warten, dass ich die  stressfreie Zone „Schlaf“ verlasse, damit sie mich gefangen nehmen und foltern können. Sobald der erste Stressling sein Plappermaul aufreißt und mich mit so existenziellen Fragen bombardiert wie …

„Es sind nur noch wenige Wochen! Hast du wirklich an alles gedacht? Was musst du noch alles packen? Passt alles in den Umzugswagen? Bist du dir sicher, dass deine Planung keine Lücken hat? Du behauptest, du hast alles im Griff? Hast du nicht! Es gibt noch viel zu tun und  ich sage dir jetzt mal alles, was du noch zu tun hast und über was du dir Sorgen machen musst! Bla! Bla! Bla!“

… dann ist die Nacht gelaufen. Mit jedem Gedanken schießt auch schon das Adrenalin durch meinen Körper und das hat in der Nacht in etwa die Wirkung wie Koffein.

Ja, ich kann es nicht leugnen, ich verspüre wieder enorme Angststörungstendenzen. Diese extreme Anspannung, die  unterschwellige Angst sorgt dafür,  dass ich ständig wegen Nichtigkeiten in Panik gerate. Menschen mit Phobien kennen diesen Kampf zwischen Logik und Panik. Denn es ist logisch, dass die Brücke nicht in dem Moment einkrachen wird, wenn der Akrophobiker darüber läuft. Und die Spinne an der Wand wird den Arachnophoiker auch nicht umbringen, wenn er sie berühren würde … dennoch ist gegen alle Logik die Angst oder eben die Panik da. 🙁

Und ich brauche im Moment keine spezielle Phobie um plötzlich und unerwartet Panik zu empfinden. Und wie ich am Donnerstag festgestellt habe, brauche hierzu nur ein Dauerstresslevel 10+, den Kopf voll mit Ideen und Vorhaben, gepaart mit genau so vielen Sorgen, Zweifeln und Ängsten, Alltagsstress einer Ehefrau und Mutter und das Trauma, mein Portemonnaie auf dem Autodach liegen zu lassen. Wobei diese Angst nicht ganz unberechtigt ist. Zur Info: Ich habe schon eine Menge Portemonnaies und auch andere Dinge (eine Schüssel Kartoffelsalat!) auf meinem Autodach durch die Gegend gefahren und entsprechend auch verloren. So, und wenn ich (unter all diesen Faktoren) dann noch auf einem großen Discounter-Parkplatz stehe und ein Hubschrauber auftaucht, ist das Drama (in meinem Kopf) perfekt.  😀

Hier ein Einblick in meine Panik-Gedankengänge auf dem Parkplatz eines Discounters am Donnerstag:

Püh! Einkauf erledigt und überlebt! Hoffentlich habe ich nichts  vergessen … und ich vergesse immer irgendetwas. Mann, wat´n Stress! Hatte ich mein Auto abgeschlossen oder nicht? Eigentlich schließe ich immer ab, selbst daran kann ich mich nicht erinnern. Hoffentlich habe ich nicht abgeschlossen, die Einkaufstasche ist schwer.  Oh, ich habe abgeschlossen! Wo hab ich den Schlüssel? Mist keine Hand frei! Moment, ich stelle die Einkaufstasche auf den Boden. Stop, der Boden ist dreckig. Okay, dann Tasche in die Armbeuge und so den Schlüssel suchen. Was ist das für ein Lärm? Ach ein Hubschrauber. Schätzungsweise Militär. Vielleicht auch Polizei. Ui, der fliegt aber tief. Mann, wo ist denn der Schlüssel? Muss ich die Tasche doch abstellen!  Der Hubschrauber kommt direkt auf mich zu. Aber der ist so langsam. Er ist jetzt fast über mir. Bleibt stehen. Hö?! Schwebt über mir in der Luft?! 😮

Vielleicht suchen die jemanden. Einen Bankräuber oder so. Ich muss mich rasch umsehen, vielleicht ist derjenige, den sie suchen, auf genau diesem Parkplatz? Was ist, wenn derjenige, den sie suchen, sogar gewalttätig ist? Vielleicht sogar aus dem Gebüsch springt, mir ein Messer an die Kehle hält, um mit meinem Auto abzuhauen … mit einem Ford Focus kann man bestimmt gut abhauen! 😀 Das wäre dann ein Thriller.

Aber was ist, wenn es doch eher ein Drama wird? Vielleicht hat dieser Hubschrauber auch ein technisches Problem und wird gleich abstürzen?! 😮 Ja, er wird abstürzen und genau auf mich drauf krachen, weil ich genau hier unter diesem Hubschrauber geparkt habe. Okay, dieser Gedanke ist nicht witzig. Ich bekomme ein komisches Gefühl. Ich habe Angst. Ich will noch nicht sterben. Nicht hier, nicht so! Vielleicht überlebe ich ja, wenn ich ins Auto steige? Würde ich auch sofort machen, wenn ich den blöden Schlüssel hätte!  Oder soll ich einfach weg rennen? Was für ein Schwachsinn denke ich da eigentlich?!

Hubschrauber flieg doch bitte einfach weiter, dann wäre das definitiv weniger stressig für mich.

Er fliegt weiter.

DANKE!

Mann, hab ich einen an der Waffel! Ja, ich weiß das. Und es wird besser… irgendwann… der Stress muss nur endlich nachlassen… ich muss „runter“ kommen. Ich brauche die Nordsee … und etwas Ruhe … und ein Entspannungsbad …  und vielleicht Cannabis …  auf Rezept wäre es vielleicht ein Versuch wert, soll ja gegen Schmerzen helfen. 😀 

Nein, Scherz, ich versuche es ohne Drogen. Aber es steht fest: Das Erste was ich tun werde, wenn wir umgezogen sind, ist diese Badewanne als  Entspannungsmöglichkeit zu testen. 🙂

Sorry, aber es geht noch weiter. Nach dieser Nummer schließe ich in Gedanken versunken das Auto auf, lade meine Einkäufe ein, setze mich hinter das Steuer und fahre los. Der Startschuss für meine inzwischen zur Tagesordnung gewordenen Zwangshandlung – kein Scheiss! 😀

So, aber jetzt erst mal nach Hause und kochen. Wo ist mein Portemonnaie? Ich klopfe (wie immer) panisch meine Taschen ab. Da ist nichts.

WO IST MEIN PORTEMONNAIE?!

Panik! 😮 Vollbremsung! Ich  muss rechts ranfahren, aussteigen, auf dem Dach nachsehen! Da liegt es nicht! Verdammt, WO IST DIESES SCHEISS PORTEMONNAIE?!

Ich schätze, es liegt im Auto auf dem Sitz. Liegt es aber nicht. Herz rasen, Panik! ich weiß, dass es im Kofferraum in der Einkaufstasche liegt, denn dort habe ich es vor wenigen Minuten reingelegt. Ich weiß es ganz sicher. Ich könnte eigentlich beruhigt weiterfahren. Aber was ist, wenn ich mich irre? Ich weiß, dass ich mich NICHT irre! Aber da ist dieser innere Zwang, der mich dazu treibt auszusteigen, zum Kofferraum zu gehen und nachzusehen. 

HALLO? PORTEMONNAIE?! BIST DU IM KOFFERRAUM?

Ja, hier! 

Und das erlebe ich inzwischen täglich…

Mann, Stress lass bitte nach…

Es ist so unglaublich anstrengend. Die gezielte Bewusstmachung, dass meine Angst (z.B. vor Hubschrauberabstürzen oder verlorenen Geldbörsen) übertrieben ist, hilft mir dabei, die Situation besser zu handhaben. Sie ändert jedoch nichts daran, dass mir jede, solcher Situationen zusätzlich eine Überdosis Cortisol verpasst. Und ich weiß auch, dass es mit jedem weiteren Tag, an dem der Umzug heranrückt schlimmer wird und auch davor habe ich Angst. Es wird nicht leichter, im Gegenteil…

Vielleicht ist es an dieser Stelle wichtig anzumerken, dass ich mich bemühe, mir von all dem nichts anmerken zu lassen und dass mein Mann und die Kinder total gechillt sind und sich sehr auf den Umzug freuen. 🙂

Letzte Woche gab es die ersten Verabschiedungen …

Mann, ich bin so ein unfassbar schreckliches Weichei! 🙁

Ich werde darüber berichten, wie es weiter geht… 🙂

Bis bald!

P.S.: Mein derzeitiger Hoffnungssong! 🙂

Über Smalltalk, meinen Rückfall und das innere Kind, welches in jedem von uns steckt

Hi Ihr Lieben,

da bin ich wieder. Hab lange nichts mehr von mir hören lassen … ich weiß, sorry. Ich will jetzt auch gar nicht lange nach einer Ausrede suchen, warum ich es so lange nicht geschafft habe, über mein Leben zu schreiben. Ich sag, wie es ist: Ich habe mich einfach nicht getraut. Ich schäme mich, dass nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, so wie ich es mir nach inzwischen 10 Monaten Therapie einreden wollte …

Ich bin deswegen auch ziemlich frustriert …

Ich wollte einfach nichts mehr von dem wissen, was da aus meinem Kopf heraus will, denn es wäre ein Eingeständnis. Das Eingeständnis, dass ich wieder Meisterin im Stressen bin und aus diesem Grund auch scheinbar gerade einen Rückfall meiner Angsstörung erlebe. Noch ist es nicht dauerhaft, aber es geht bereits über Tage. Eine Überdosis Cortisol und Adrenalin. Seit sechs Tagen spüre ich wieder diesen Druck. Die Eisenketten haben sich wieder um meinen Oberkörper gelegt und nehmen mir die Luft zum atmen. Heute war es wieder so schlimm, dass der Tag tränenreich und ziemlich anstrengend war. Ich habe nämlich Angst. Angst, dass diese ganze Kacke wieder von vorne losgeht, nur weil ich nicht imstande bin, meinen Stresspegel zu senken. Zu viel Stress, zu viel Druck, zu viele Baustellen. Ich habe das Gefühl, ich versinke immer mehr in einem Chaos aus unbewältigter Psycho- und Alltagsscheiße – geschäftlich, wie auch privat …

Es ist überall so unaufgeräumt bei mir …

… vom Haushalt mal ganz zu schweigen. 😀

Mein Kopf läuft heiß … ich muss so viel erledigen … muss plötzlich so viel Ordnung schaffen … muss mich mit Themen beschäftigen von denen ich nichts verstehe …. bin oft überfordert …  bin ständig müde und gereizt ….  fühle wieder diese Angst in allem zu versagen, was ich tue und plane zu tun … die Folge: Fluchtinstinkt, inklusive körperlicher Angst – und Fluchtsymptome. Aber ich kann nicht flüchten… ich könnte mich höchstens wieder auf Medikamente einstellen lassen. Ganz ehrlich: Es würde mein Empfinden betäuben, aber nichts an meiner Situation ändern – im Gegenteil, es würde alles nur noch schlimmer machen. 🙁

Ich werde andere Mittel und Wege finden …

Um wieder runter zu kommen, bin ich derzeit viel draußen an der frischen Luft, also fernab von Schreibtisch und Arbeit. Draußen in der Natur schaffe ich es zumindest, mich zeitweise von meinem Kopfchaos zu befreien. Das allerdings ändert nichts an dem Chaos, was zu Hause auf mich wartet. Neben der Arbeit habe ich wieder Unmengen an Papierkram angehäuft, der in den nächsten zwei Wochen geordnet und in vorzeige taugliche Ordner gepackt werden muss. Ziel soll sein, dass der Baufinanzierungsberater mir nicht gleich die Tür vor der Nase zuknallt, auch wenn ich eine von diesen (nicht gern gesehenen) Freiberuflerin bin.

Zudem muss der Keller entrümpelt werden, mein Büro dort neu eingerichtet und so gestaltet werden, dass ich mich dort wohl fühle (was ich im Moment definitiv nicht tue).

Und die Fenster im ganzen Haus habe ich auch schon seit einem Jahr nicht mehr geputzt … 😀

Meine Nachbarin macht das JEDE WOCHE! 😮

Ja, und dann hab ich seit Freitag auch noch mächtig Holz vor der Hütte …

Genau genommen vor der Garage, was entsprechend zersägt und gespaltet werden muss.

Apropos …

An dieser Stelle einen herzlichen Dank an unseren geduldigen Kettensägen-Coach, der sich die Zeit genommen hat, um uns (absolut Ahnungslosen) den Umgang mit Kettensägen und Co. nahezubringen. Zur Erklärung: Ich hatte panische Angst vor Kettensägen und habe mich fast 3 Jahre um die Nutzung gedrückt. Jetzt ist unser Holzlager leer und ich muss für Nachschub sorgen. D-A-N-K-E, Martin! 🙂

Ja, vor Sägen habe ich echt großen Respekt …

Apropos, kennt Ihr die Filmreihe Saw? 😀

Ich fand übrigens nur den ersten Teil so richtig gut. Ein genialer Psychothriller. Aber die folgenden Teile?! Hallo? Was ist denn da passiert? Nach Teil drei bin ich sogar komplett aus der Serie ausgestiegen, weil es immer bescheuerter, unlogischer und kranker wurde. Was viele wahrscheinlich gar nicht gedacht haben: Splatter ist nämlich überhaupt nicht mein Ding … Zombies übrigens auch nicht … ja, Zombies und Vampire finde ich sogar richtig Scheiße.

Ups, abgeschweift…

Sorry…

Egal…

Meine Nachbarin hat mir gestern eine Tischkreissäge zur Holzverarbeitung angeboten  … 😮

Ich habe abgelehnt …

Nein,  ich bleib bei der Mädchenkettensäge (Elektro) …

Wie gesagt, ich habe im Moment viel um die Ohren, somit auch viel Stress, deshalb spielen Angst und Flucht auch wieder eine große Rolle in meinem Leben, aber in kämpfe weiter … ohne Tabletten!  Soll heißen: Selbst wenn ich den ganzen Tag unter Atemnot leide, nervös bin, nah am Wasser gebaut und wie ein verschrecktes Reh herumlaufe – ich werde einfach weitermachen, mich an jeden Strohhalm krallen, den ich finden kann und irgendwie auf Besserung hinarbeiten.

Und manchmal erlebe ich Linderung und Besserung durch verstehen und das hatte ich letzte Woche gleich zweimal …

Stichwort: Smalltalk!

Ich kann kein Smalltalk. Nein, ich bin absolut nicht fähig bei spontanen Begegnungen artgerecht zu kommunizieren und finde daher zufällige Begegnungen (unabhängig meinen sozialphobischen Zügen) immer sehr schwierig. Steht plötzlich jemand Unerwartetes vor mir, erschrecke ich mich zunächst, schaffe es vielleicht gerade noch zu einem „Aaah! Hallo! Wie geht´s!“, dann herrscht in meinem Kopf auch schon Smalltalk-Panik. Nein, das habe ich abgeklärt, das ist nichts, was therapeutisch weiter behandelt werden müsste. Ich bin einfach ein Mensch, der für Oberflächlichkeiten, wie Smalltalk, nicht gemacht ist. 🙂

Herrscht Smalltalk-Alarm, wird in meiner Erinnerungsbibliothek hektisch nach dem Buch „Wie geht Smalltalk“ gewühlt. Ich versuche innerhalb von Sekunden die richtigen Worte zu finden, entdecke dort oft aber nur so unglaublich bescheuerte Sätze wie „Schönes Wetter heute!“ oder „Lang nicht mehr gesehen!“ oder „Wo wohnst du jetzt eigentlich?“

Ja, das sind so meine Standards. Bin ich mit den Sätzen durch, folgt die Sprachblockade. Die finde ich am Schlimmsten. Peinlich berührtes Anschweigen, was bei meinem Gegenüber oder bei mir dann meist den Satz „Ich muss dann mal weiter, bin spät dran!“ auslöst.

Ich entziehe mich weitgehend solchen Begegnungen, in dem ich mich beim Einkaufen verstecke oder manchmal auch einfach so tue, als ob ich jemanden nicht sehe oder einfach vorgebe, keine Zeit zu haben … sorry, Ivonne (der ich heute morgen davon gelaufen bin) … ich war aber auch echt Scheiße drauf heute morgen.  😀

Die Smalltalk-Antworten sind (mit entsprechendem Dialekt) sogar noch bescheuerter …

„Nä, nä, da mähste nix!“

„Joah, joah dat!“

„Muss! Muss!“

„Immer wigger!“

Oder wie Ivonne heute Morgen verlauten ließ: „Schlechten Menschen geht es immer gut!“ 😀

Letzten Freitag hatte ich aber ein Smalltalk-Erlebnis, der ganz besonderen Art …

Ja, der Thomas hat mir am Freitag Abend das Gegenteil von Smalltalk gezeigt und nicht nur mich, sondern auch mein Empfinden damit vollkommen überrascht.

Ich kam gerade vom Holzholen und sah aus wie ein Schwein. Lehm verschmierte Kleidung und Schuhe, dreckige Finger etc., aber ich dachte: Scheiß drauf! Ich zieh mich jetzt nicht noch um für Autowaschen und Einkaufen. Sieht mich ja eh keiner.

An der Tankstelle begann ich dann fieberhaft den Kampf mit dem Staubsauger – und wer diese dämlichen Saugschläuche kennt, weiß sicher, wie dieser Kampf aussah. Ich steckte gerade noch im Kofferraum, als der Sauger plötzlich ausging und ich vollkommen genervt beschloss aufzugeben, als mich plötzlich jemand ansprach:

„Hey, ich dachte, du schreibst gerade einen Bestseller? Da hast du noch Zeit, um dein Auto zu saugen?!“

Ich zuckte erschrocken zusammen, drehte mich um und sah Thomas – aber ein Thomas von der netten Sorte. 😀

Mein erstes Empfinden, hatte etwas von erwischt werden, mein erster Gedanke:  FUCK! SMALLTALK ALARM!

Und prompt überforderte mich diese Begegnung mit Thomas schon in den ersten 5 Sekunden und löste auch ein Angstgefühl aus. Hilfe, was soll ich sagen? Oh Gott, wie ich aussehe? Der meint jetzt auch ich hätte keine Waschmaschine und Handseife. Ich werde mich blamieren! Kann er nicht einfach wieder gehen? BITTE! 

Höflich, wie ich bin, stammelte ich irgendetwas von: „Ja voll Scheiße, Auto saugen, voll doof, ist aber irgendwie dreckig geworden, joa, joah dat, schönes Wetter heute … bla, bla, bla!“

Gott, war das peinlich …

Doch ich spürte an seinem Blick, dass ihn mein klägliches Smalltalk-Getue genau so wenig interessierte, wie mich es interessiert hätte, wenn ich es von ihm hören täte. Das irritierte mich noch mehr und ich bekam auch keinen weiteren Ton heraus. Doch dann passierte plötzlich etwas Unglaubliches: Er trat näher, so als wolle er mir etwas sagen, was für den Rest der Tankstelle nicht bestimmt war und sagte:

„Hör mal, dein Blog … hast du das echt alles so erlebt? Mann, das ist so krass und ist so Hammer geschrieben… ich hab das so gefeiert … bla, bla, bla … so psychische Probleme kenne ich ja auch … bla,bla,bla!“

Mann, Alta! Wie von Wunderhand löste sich bei dieser daraus erfolgenden ungezwungenen, tiefsinnigen und ehrlichen Unterhaltung all meine Anspannung. Ich hätte mich stundenlang weiter an diesem Staubsauger unterhalten können, ohne mich unwohl zu fühlen (wenn mein Mann nicht deswegen fast eine Suchanzeige aufgegeben hätte). 😀  Ich war voll in meinem Kommunikationselement – was jetzt nicht heißt, dass ich ständig über psychische Probleme reden will/muss. Mich über Kindererziehung, Geocaching oder den letzten Tatort zu unterhalten finde ich auch klasse. Ich muss nur spüren, dass mein Gesprächspartner Interesse an diesem Gespräch hat  … es muss ungezwungen, freiwillig und nicht aus irgendeiner veralteten Höflichkeitsform erfolgen.

Nach dieser Begegnung mit Thomas habe ich wieder etwas Neues gelernt: Wenn du nicht gesehen werden möchtest, wirst du erst recht gesehen und meine Art des Smalltalks muss einfach unter die Oberfläche gehen (nur ein bisschen), dann habe ich auch keine Probleme mit zufälligen Begegnungen.

Mit anderen Worten:

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Nächstes Thema …

Das habe ich als Zweites gelernt …

Es ist ein ganz wichtiges Thema und brennt derzeit wie Feuer auf meiner Seele …

Ich glaube, ich hatte das Thema, in Verbindung mit einem (kindlichen) Angstverhalten meinem Onkel (väterlicherseits) gegenüber mal angeschnitten … aber das Thema zieht bei mir weitere Kreise.

Es zieht wahrscheinlich bei jedem weite Kreise…

Es steckt nämlich in jedem von uns …

Das innere Kind …

Kaum wahr und erst recht nicht ernst genommen …

Seine unsagbare Wirkung auf unser erwachsenes Sein wird vollkommen unterschätzt. In der letzten Therapiestunde wurde ich schmerzlich wieder an seine Existenz erinnert …

Es gibt Situationen im Leben, die von der einen auf die anderen Sekunde eine unkontrollierte Flut an Emotionen in mir auslösen. Nein, ich rede in diesem Fall nicht von Empathieerlebnissen oder Empfindungen andere Menschen. Es geht um Situationen, die ganz allein mich betreffen. Situationen, die mich lähmen und die in mir Gedanken, Reaktionen und Handlungen hervorrufen, die ich nicht mit meinem Verstand kontrollieren kann. Meist entstehen diese Situationen in Verbindung mit Menschen, zu denen ich eine enge Beziehung (egal in welcher Form) hege. In manchen Situationen bin ich stumm, wie gelähmt, bin nicht imstande klare Stellung zu beziehen, obwohl ich eine klare Stellung habe. Oder ich bin von der Macht eines Menschen (über mich) eingeschüchtert und kann gar nicht mehr klar denken. In wieder einer anderen Situationen habe ich dann das Gefühl, klein zu sein, zu klein, um eine Entscheidungen zu treffen, ich habe Angst etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Dann gibt es Situationen in denen ich nichts weiter tun kann als ununterbrochen zu heulen und eben jene Situationen, in denen ich plötzlich explodiere. Ich  benehme mich wie ein aggressiver, bockiger Teenager, raste verbal vollkommen aus, sage Dinge, die ich bei klarem Verstand nie sagen würde, verletze Menschen mit bösen Worten … es gibt noch viele weitere komischen Verhaltensweisen, aber die zähle ich nicht alle auf. 😀
Jedoch fällt eines auf…
Alle situationsbedingten Verhaltensweisen haben etwas gemeinsam: Ich bin dieser Situation hilflos ausgeliefert, weil das, was in mir passiert scheinbar nicht in der Macht meines Bewusstseins und meines Verstandes liegt. Es ist wie, als würde etwas von mir Besitz ergreifen, was diese Reaktionen von innen nach außen trägt …
Meine Therapeutin (so doof ich sie auch manchmal finde) hat mir dann die Antwort gegeben und mich ziemlich schmerzhaft daran erinnert, dass da noch jemand in mir wohnt …
Sie sagte:
„Sie können in diesen Situationen nicht erwachsen reagieren, weil das ihr inneres Kind ist, was verletzt ist und in diesen Momenten aus ihnen herausbricht. Sie müssen sich ihrem inneren kleinen Mädchen zuwenden. Es läuft immer noch, orientierungslos, verletzt, verlassen, ungeliebt, abgelehnt und verloren in ihnen herum. Es braucht sie, Frau Lahr. Nehmen Sie es in den Arm. Sagen die ihm, dass es keine Angst mehr haben muss und dass Sie jetzt da sind und aufpassen. Sie werden es nie wieder loslassen. Sagen sie ihm, dass sie stolz sind, was für ein tapferes und kluges Mädchen aus ihr geworden ist, trotz was sie alles durchgemacht hat …“
Nachdem sie das sagte, war ich zunächst sprachlos. Ich dachte über ihre Worte nach und setzte schließlich zum Widerspruch an, fühlte aber, dass mir zum Widersprechen die Worte fehlten …
Das innere Kind in mir hoffte…
Das Mädchen auf dem Bild flehte mich an und rief: „Hier bin ich, geh nicht weg!“
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Dann fing ich an zu heulen …
Jetzt rede ich mit diesem kleinen Mädchen …  🙂
Ich habe mich sogar bei ihr entschuldigt, dass ich sie erst jetzt wahrnehme …
Und ich erfahre wieder so unglaublich viel über sie …
Sie mag immer noch keinen Streit, egal mit wem. Sie liebt Schokolade. Sie mag auch immer noch Fußball und sagt, dass sie sich auf den Sommer, die EM und Fußball im Garten mit Ronja freut. Und sie liebt es, wenn ich draußen im Wald bin und auf Entdeckungsreisen gehe … es fühlt sich dann an wie früher, sagt sie, losgelöst, ohne Sorgen, spannend … frei!
Jetzt weiß ich auch, warum ich nicht auf Süßigkeiten verzichten kann…   😀
Ihr Lieben …
(Artist: Alexander Milov)

(Artist: Alexander Milov)

Vielleicht hat der eine oder andere auch schon Reaktionen und Verhaltensweise an sich entdeckt, die irgendwie komisch und das Gegenteil von Erwachsen sind?
Dann braucht Euer inneres Kind vielleicht auch Eure Liebe und Zuwendung …?
Ich weiß, das alles klingt alles total crazy, aber es stimmt. Unsere Kindheit ist tief ins uns verankert. Manche Denk- und Verhaltensweisen rühren von dem Kind, welches wir einst waren, ob wir es wollen oder nicht. Und es ist immer noch da. Es macht mit Erinnerungen auf sich aufmerksam, manchmal mit guten, oft auch mit schlechten. Je mehr wir es missachten, desto lauter und heftiger rebelliert und kämpft es. Es fühlt sich allein gelassen … doch wenn wir unseren Frieden mit ihm finden und es glücklich ist, lässt es uns verrückt, abenteuerlich und spielerisch sein.

Und wer es in sich findet, ernst nimmt und als Teil seines Seins annimmt, wird viele Antworten auf Fragen finden…

Bis bald!