Stress lass (bitte) nach …

Hallo Ihr Lieben,

wieder sind einige Tage, bzw. Wochen ins Land gezogen. Und ja, ich weiß, ich hatte mal versprochen in kürzeren Abständen zu schreiben. Und ich weiß auch, dass ich (psychologisch gesehen) auch täglich über das schreiben müsste, was hier los ist. Aber ganz ehrlich, es käme am Ende eines jeden Textes doch immer das gleiche heraus: Chaos, Angst, Stress, Wahnsinn und mein schleichender körperliche Zerfall.

Zusammenfassend heißt das: Ich krieche eigentlich nur noch japsend durch den Tag. Hoffnung (dass bald alles besser wird) ist die einzig brauchbare Energiequelle im Augenblick. Hätte ich diese Energiequelle nicht, würde ich mich wahrscheinlich auf die Couch legen und nie mehr aufstehen. 🙁

Nur noch knapp 5 Wochen, dann fährt der Umzugswagen vor. Die Zeit rennt, das Inventar schwindet immer weiter und der Berg an Umzugskartons wächst. Mit diesem Berg an persönlichen Dingen, die mit in mein neues Leben müssen, erhöhen sich auch die Kurzschlüsse und „Störungen“ in all meinen für Emotionen verantwortlichen Systemen. Ich finde das fast schon interessant, was diese Aufbruchstimmung psychologisch und auch physiologisch mit mir macht und was es für neue Baustellen zutage bringt. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass der Unterschied zwischen einer mehrteiligen Couchgarnitur und einer Rundecke zu  einem ernsthaften Problem für mich wird, nur weil hier ein gefühlter Sicherheitsabstand fehlt … die Unverträglichkeit von menschlicher Nähe bekommt auf einer Rundecke eine völlig neue Dimension. Klingt bescheuert, ist es vielleicht auch, aber ich kann es im Moment nicht ändern. Aber dazu irgendwann mehr.  Heute will ich nur kurz den Istzustand beschreiben. Und der Istzustand ist ein körperliches und psychisches Desaster.

Abgesehen von meiner Cortisol bedingten enormen Gewichtszunahme, dem Tinnitus, weiteren Ohrgeräuschen und meinem geschädigten Magen, bin ich körperlich gesehen tatsächlich ein wandelnder Schrotthaufen. Ich  bin vollkommen im Arsch. Jeder Schritt, jede Bewegung sind mit Schmerzen verbunden. Chronische Verspannungen auf allen Ebenen, Muskelschmerzen, das ganze Paket.

Und das ist der Grund:

„In Stresssituationen schüttet der Körper Adrenalin aus und spannt die Muskeln an, um sich für eine Flucht oder einen Kampf zu rüsten. (…) Da wir in heutigen Stresssituationen weder fliehen noch körperlich kämpfen müssen, wird das ausgeschüttete Adrenalin nicht abgebaut. Die Muskeln stehen unter Daueranspannung, die sich in Muskelschmerzen äußert. “ (Quelle: http://www.onmeda.de/special/gelenkschmerzen/muskelschmerzen-ursachen-15842-3.html)

Es ist echt zum Kotzen. Ich bin so nervös, echt, das reinste Nervenbündel. Ich befinde mich stetig auf einem Anspannungslevel 10+ und dieser Zustand setzt sofort nach dem Aufwachen ein. Schlafen kann ich glücklicherweise gut. Ich schlafe sogar so tief und fest, dass ich teilweise den Wecker nicht höre und auch meine Tochter nicht wahrnehme,  wenn Sie mich aus 3 Meter Entfernung ruft. Das ist besonders ungewöhnlich.

Letzte Woche habe ich sogar zum ersten Mal seit 20 Jahren verschlafen. ICH HABE VERSCHLAFEN! 😮  Für andere eine Lappalie.  Für mich eine echte KATASTROPHE. Verschlafen ist für mich eine Form von Kontrollverlust. Und ich empfinde es auch als eine Art Kontrollverlust, dass, sobald ich aufwache (und das kann dann auch mal nachts um zwei sein), mein Gehirn ein Eigenleben führt. Als würden die kleinen Stresslinge in meinem Kopf nur darauf warten, dass ich die  stressfreie Zone „Schlaf“ verlasse, damit sie mich gefangen nehmen und foltern können. Sobald der erste Stressling sein Plappermaul aufreißt und mich mit so existenziellen Fragen bombardiert wie …

„Es sind nur noch wenige Wochen! Hast du wirklich an alles gedacht? Was musst du noch alles packen? Passt alles in den Umzugswagen? Bist du dir sicher, dass deine Planung keine Lücken hat? Du behauptest, du hast alles im Griff? Hast du nicht! Es gibt noch viel zu tun und  ich sage dir jetzt mal alles, was du noch zu tun hast und über was du dir Sorgen machen musst! Bla! Bla! Bla!“

… dann ist die Nacht gelaufen. Mit jedem Gedanken schießt auch schon das Adrenalin durch meinen Körper und das hat in der Nacht in etwa die Wirkung wie Koffein.

Ja, ich kann es nicht leugnen, ich verspüre wieder enorme Angststörungstendenzen. Diese extreme Anspannung, die  unterschwellige Angst sorgt dafür,  dass ich ständig wegen Nichtigkeiten in Panik gerate. Menschen mit Phobien kennen diesen Kampf zwischen Logik und Panik. Denn es ist logisch, dass die Brücke nicht in dem Moment einkrachen wird, wenn der Akrophobiker darüber läuft. Und die Spinne an der Wand wird den Arachnophoiker auch nicht umbringen, wenn er sie berühren würde … dennoch ist gegen alle Logik die Angst oder eben die Panik da. 🙁

Und ich brauche im Moment keine spezielle Phobie um plötzlich und unerwartet Panik zu empfinden. Und wie ich am Donnerstag festgestellt habe, brauche hierzu nur ein Dauerstresslevel 10+, den Kopf voll mit Ideen und Vorhaben, gepaart mit genau so vielen Sorgen, Zweifeln und Ängsten, Alltagsstress einer Ehefrau und Mutter und das Trauma, mein Portemonnaie auf dem Autodach liegen zu lassen. Wobei diese Angst nicht ganz unberechtigt ist. Zur Info: Ich habe schon eine Menge Portemonnaies und auch andere Dinge (eine Schüssel Kartoffelsalat!) auf meinem Autodach durch die Gegend gefahren und entsprechend auch verloren. So, und wenn ich (unter all diesen Faktoren) dann noch auf einem großen Discounter-Parkplatz stehe und ein Hubschrauber auftaucht, ist das Drama (in meinem Kopf) perfekt.  😀

Hier ein Einblick in meine Panik-Gedankengänge auf dem Parkplatz eines Discounters am Donnerstag:

Püh! Einkauf erledigt und überlebt! Hoffentlich habe ich nichts  vergessen … und ich vergesse immer irgendetwas. Mann, wat´n Stress! Hatte ich mein Auto abgeschlossen oder nicht? Eigentlich schließe ich immer ab, selbst daran kann ich mich nicht erinnern. Hoffentlich habe ich nicht abgeschlossen, die Einkaufstasche ist schwer.  Oh, ich habe abgeschlossen! Wo hab ich den Schlüssel? Mist keine Hand frei! Moment, ich stelle die Einkaufstasche auf den Boden. Stop, der Boden ist dreckig. Okay, dann Tasche in die Armbeuge und so den Schlüssel suchen. Was ist das für ein Lärm? Ach ein Hubschrauber. Schätzungsweise Militär. Vielleicht auch Polizei. Ui, der fliegt aber tief. Mann, wo ist denn der Schlüssel? Muss ich die Tasche doch abstellen!  Der Hubschrauber kommt direkt auf mich zu. Aber der ist so langsam. Er ist jetzt fast über mir. Bleibt stehen. Hö?! Schwebt über mir in der Luft?! 😮

Vielleicht suchen die jemanden. Einen Bankräuber oder so. Ich muss mich rasch umsehen, vielleicht ist derjenige, den sie suchen, auf genau diesem Parkplatz? Was ist, wenn derjenige, den sie suchen, sogar gewalttätig ist? Vielleicht sogar aus dem Gebüsch springt, mir ein Messer an die Kehle hält, um mit meinem Auto abzuhauen … mit einem Ford Focus kann man bestimmt gut abhauen! 😀 Das wäre dann ein Thriller.

Aber was ist, wenn es doch eher ein Drama wird? Vielleicht hat dieser Hubschrauber auch ein technisches Problem und wird gleich abstürzen?! 😮 Ja, er wird abstürzen und genau auf mich drauf krachen, weil ich genau hier unter diesem Hubschrauber geparkt habe. Okay, dieser Gedanke ist nicht witzig. Ich bekomme ein komisches Gefühl. Ich habe Angst. Ich will noch nicht sterben. Nicht hier, nicht so! Vielleicht überlebe ich ja, wenn ich ins Auto steige? Würde ich auch sofort machen, wenn ich den blöden Schlüssel hätte!  Oder soll ich einfach weg rennen? Was für ein Schwachsinn denke ich da eigentlich?!

Hubschrauber flieg doch bitte einfach weiter, dann wäre das definitiv weniger stressig für mich.

Er fliegt weiter.

DANKE!

Mann, hab ich einen an der Waffel! Ja, ich weiß das. Und es wird besser… irgendwann… der Stress muss nur endlich nachlassen… ich muss „runter“ kommen. Ich brauche die Nordsee … und etwas Ruhe … und ein Entspannungsbad …  und vielleicht Cannabis …  auf Rezept wäre es vielleicht ein Versuch wert, soll ja gegen Schmerzen helfen. 😀 

Nein, Scherz, ich versuche es ohne Drogen. Aber es steht fest: Das Erste was ich tun werde, wenn wir umgezogen sind, ist diese Badewanne als  Entspannungsmöglichkeit zu testen. 🙂

Sorry, aber es geht noch weiter. Nach dieser Nummer schließe ich in Gedanken versunken das Auto auf, lade meine Einkäufe ein, setze mich hinter das Steuer und fahre los. Der Startschuss für meine inzwischen zur Tagesordnung gewordenen Zwangshandlung – kein Scheiss! 😀

So, aber jetzt erst mal nach Hause und kochen. Wo ist mein Portemonnaie? Ich klopfe (wie immer) panisch meine Taschen ab. Da ist nichts.

WO IST MEIN PORTEMONNAIE?!

Panik! 😮 Vollbremsung! Ich  muss rechts ranfahren, aussteigen, auf dem Dach nachsehen! Da liegt es nicht! Verdammt, WO IST DIESES SCHEISS PORTEMONNAIE?!

Ich schätze, es liegt im Auto auf dem Sitz. Liegt es aber nicht. Herz rasen, Panik! ich weiß, dass es im Kofferraum in der Einkaufstasche liegt, denn dort habe ich es vor wenigen Minuten reingelegt. Ich weiß es ganz sicher. Ich könnte eigentlich beruhigt weiterfahren. Aber was ist, wenn ich mich irre? Ich weiß, dass ich mich NICHT irre! Aber da ist dieser innere Zwang, der mich dazu treibt auszusteigen, zum Kofferraum zu gehen und nachzusehen. 

HALLO? PORTEMONNAIE?! BIST DU IM KOFFERRAUM?

Ja, hier! 

Und das erlebe ich inzwischen täglich…

Mann, Stress lass bitte nach…

Es ist so unglaublich anstrengend. Die gezielte Bewusstmachung, dass meine Angst (z.B. vor Hubschrauberabstürzen oder verlorenen Geldbörsen) übertrieben ist, hilft mir dabei, die Situation besser zu handhaben. Sie ändert jedoch nichts daran, dass mir jede, solcher Situationen zusätzlich eine Überdosis Cortisol verpasst. Und ich weiß auch, dass es mit jedem weiteren Tag, an dem der Umzug heranrückt schlimmer wird und auch davor habe ich Angst. Es wird nicht leichter, im Gegenteil…

Vielleicht ist es an dieser Stelle wichtig anzumerken, dass ich mich bemühe, mir von all dem nichts anmerken zu lassen und dass mein Mann und die Kinder total gechillt sind und sich sehr auf den Umzug freuen. 🙂

Letzte Woche gab es die ersten Verabschiedungen …

Mann, ich bin so ein unfassbar schreckliches Weichei! 🙁

Ich werde darüber berichten, wie es weiter geht… 🙂

Bis bald!

P.S.: Mein derzeitiger Hoffnungssong! 🙂

Durchdrehen leicht gemacht

Ich will heute gar nicht lange um den heißen Brei reden. Es ist, wie es ist, – diese verfluchte Krankheit hat mich wieder fest im Griff. Ich kann es nicht ändern, ich kann nur darüber schreiben.

Mann, Mann, Mann, was für eine Riesenscheiße hab ich mir da schon wieder eingebrockt! 🙁

Zur Erinnerung: Mein Körper ist ununterbrochen auf Angst und Flucht eingestellt. Schwer zu erklären und auch zu verstehen, ich weiß. Erinnere Dich einfach mal an einen Moment, an dem Du richtig Angst hattest. Versuche Dich auch daran zu erinnern, was Du körperlich gefühlt hast … schon, weiß Du, wie ich mich seit einigen Tagen ununterbrochen fühle und das, ohne einen tatsächlichen Grund.

Das macht mich echt fertig …

Im Moment bin ich einfach nur Tag und Nacht damit beschäftigt nicht durchzudrehen und das ist leider nicht übertrieben. Gestern Abend war es so schlimm, dass ich raus in den Wald musste, um mir die Anspannung aus dem Körper zu laufen und raus zu heulen. Ohne Scheiß, Heulen, Laufen (schnell gehen) und Musik sind im Moment die einzige Hilfe neben den No-Go-Alternativen, wie Alkohol und Beruhigungstabletten (Tavor).

Ich bin gestern dann noch extra früh ins Bett gegangen, um genug Schlaf zu haben, damit wenigstens dieser Stressfaktor weg fällt. Um mich zu entspannen habe ich noch vier Seiten eines Buches gelesen, aber ich konnte mich nicht auf den Inhalt konzentrieren. Die Gedanken kreisen ununterbrochen. Bei dem Versuch einzuschlafen habe ich festgestellt, dass ich so verkrampft war, dass sich meine Fingernägel in die Handballen bohrten, das mache ich ständig. Die Hände offen und flach abzulegen, war fast unmöglich. Das Schlafen selbst klappt zum Glück problemlos. Ich schlafe tief und fest, traum – und aufschlussreich. Ich darf nur nicht wach werden. Werde ich wach und mein Gehirn kriegt das mit, dann legt es auch nachts um drei mit dem Gedankenwirrwarr los… und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie gesprächig mein Gehirn um diese Uhrzeit ist.  😀

Wenn ich morgens aufwache, spüre ich schon mit dem ersten Augenaufschlag, wieder diese scheiß Brustenge. Als läge ein schwerer Eisenklotz auf meinem Oberkörper, ich kann nur flach atmen. Alles tut mir weh. Jeder Muskel schmerzt, mein Körper erlebt hormonellen Hochleistungssport, was die Muskeln übersäuert – ununterbrochen. Aber natürlich habe ich auch Muskelkater von meinem ständigen Bewegungsdrang und der Nervosität – neben Appetitlosigkeit (durch die Beklemmungen) ein positiver Nebeneffekt. 😀

Nichts desto trotz ist die Anspannung von einer Skala von 1-10, schon kurz nach dem Aufwachen bei 8. Wenn ich meine Tochter in den Kindergarten bringe steigt sie auf 9, wenn ich einkaufen gehe, sind wir an der Kasse schon bei 10 – und PENG OVERLOAD!

Ich schaffe es meist noch bis zum Auto, dann lasse ich meinen Gefühlen freien Lauf … denn wenn ich heule, sinkt die Anspannung wieder auf 9. Wenn ich mein morgendliches Körnerbrötchen esse und Musik höre, komme ich langsam wieder runter auf die 8.

Dann kommt plötzlich ein technisches Problem beim Onlinekauf eine DHL-Marke und prompt geht die Anspannung wieder rauf auf 9 … lässt sich das Problem nicht lösen bringt auch dieser Tropfen das Fass auch gleich wieder zum überlaufen.

Ich verliere wegen jedem Mist die Nerven…

Heule in diesen Situationen wie ein kleines Kind …

Schäme mich deswegen…

Ja, ich schäme mich …

Das ist der derzeitige Istzustand …

Wie es dazu kommen konnte, kann ich mir inzwischen erklären…

Ich habe einfach die Dimensionen gewisser Dinge, die in mir arbeiten unterschätzt. Es gab in den letzten Wochen und Tagen wieder einige Situationen, die mich emotional sehr getroffen haben. Mehr als ich es mir eingestehen wollte und mehr als mir lieb war. Ich habe den Schmerz verdrängt, ihn nicht zugelassen, ihn mir zum Teil schön geredet oder auch aus meinem Bewusstsein geflucht. Mich nicht ausreichend damit auseinandergesetzt. Aus diesen Situationen wurden eine Menge neuer Selbstzweifel und Ängste geboren … und die, die schon in mir waren, wurden wieder neu belebt … das dicke Fell, was ich einst hatte ist einfach nicht mehr vorhanden und es wir auch nie mehr nachwachsen.

Fuck, ich bin deswegen so was von am Arsch…

Ich fühle mich schutzlos, hilflos und irgendwie idiotisch, dumm … und das, obwohl ich doch stark sein will und auch stark sein muss … ich habe Kinder, die mich brauchen … und ich will auch kein Idiot oder dumm sein. Aber wie soll ich mich sonst fühlen, wenn mich die volle Breitseite der Unfähigkeit trifft, weil ich durch diese Scheiße, die hier gerade läuft, vergesse, den Backofen auszuschalten… was ja noch nicht so schlimm wäre, wenn ich diesen nicht noch hätte offenstehen lassen … im Keller … bei 220 C° … 2 Stunden lang … weil das Pizzablech so heiß war und ich bei der Anspannungsskala schon wieder bei 9 lag, weil gerade ein Brief vom Finanzamt kam mit der Erinnerung an die USt-Voranmeldung …

Alle Anwesenden haben gelacht … es mit Humor genommen … wie schön, dass ihr lacht, obwohl ich fast das ganze Haus abgefackelt hätte …

Sorry, im Moment ist mir das Lachen vergangen…

Ich habe Angst, dass ich diesen Kampf nicht gewinnen werde…

Also verziehe ich mich in diesen Blog und versuche dieses „Scheiß Ding“ in mir mit der Waffe zu besiegen, die ich halbwegs beherrsche: mit Schreiben!

Jemand (der sich damit auskennt) hat mir den Tipp gegeben, ich sollte diesem quälenden Gefühl einen Namen und eine Persönlichkeit geben … ich werde demnächst darüber berichten.

Sorry, ich muss ins Bett …

Über hochsensible Verarbeitungssysteme, angehende Essstörungen und mein Dasein als Empath

Folgendes muss ich kurz vorweg erzählen, sonst vergesse ich diesen Traum wieder, ich bin nämlich gerade erst aufgestanden. Dieser Traum ist wieder ein bestes Beispiel dafür, wie mein hochsensibles Verarbeitungssystem bei mir so arbeitet – auch so entstehen Romane, bzw. Romanideen.

Also …

Ich gehe durch einen herbstlichen Wald. Ich muss nachdenken. Fühle mich gestresst. Will mich in die Ruhe flüchten. In der Nähe ist eine stark befahrene Landstraße. Ich erinnere mich, dass ich dort neben einem verlassenen Gebäude geparkt habe. Es ist kühl. Blätter rieseln von den Bäumen. Eigentlich schön, doch ich habe ein komisches, ein ungutes Gefühl, dicht gefolgt von einer unterschwelligen Angst. Als ob ich wüsste, was hier, gleich dort unten an der Böschung passiert ist. Aber ich weiß von nichts. Ahne nicht einmal etwas.

Plötzlich höre ich leises Schluchzen. Ich bin vor Schreck wie gelähmt. Ich bin immer erschrocken, wenn jemand weint. Ich bin mir sicher, irgendetwas Schlimmes muss passiert sein. Das Schluchzen kommt von rechts, dort ist ein Abhang. Ich schaue die Böschung hinunter, sehe aber nur den kleinen Bachlauf. Entschlossen klettere ich den Hang hinunter und sehe schließlich eine Frau. Zusammengesunken sitzt sie da und weint. Bitterlich. Herzzerreißend. Beängstigend. Ich habe Angst zu ihr zu gehen, will ihren Schmerz nicht fühlen müssen. Ich spreche sie aus der Ferne vorsichtig an und frage, ob ich ihr helfen kann. Als sie mich sieht, springt sie erschrocken auf. Weicht zurück, fühlt sich bei irgendetwas ertappt. Ich frage sie, was passiert sei. Doch sie antwortet nicht und deutet schweigend in Richtung des Bachlaufes. Dort an einem kleinen Wasserfall steht ein Kreuz, davor eine Grableuchte. An  dem Kreuz hängt das Foto eines jungen Mannes, der gut aussehend und glücklich in die Kamera lächelt.

„Er ist tot!“, ruft die Frau mir zu, die vom Alter her vielleicht seine Mutter war, vielleicht aber auch nicht. „Ich suche nach einer Botschaft! Er muss doch hier irgendwo eine Botschaft zurück gelassen haben.“

Ich bin irritiert. Stehe irgendwie unter Schock. Weiß nicht, was ich tun oder besser lassen sollte. Hier an dieser Stelle ist ein Mensch zu Tode gekommen? Der Gedanke ist unerträglich. Angst kommt in mir hoch. Angst hier irgendetwas wahrnehmen oder spüren zu können, was ich nicht spüren und wahrnehmen will. Die Frau vor mir fängt an hektisch von einer Richtung in die andere zu rennen. Mit bloßen Händen wühlt sie im Erdboden und sucht nach einer Botschaft. Sie macht mir Angst.

„Der neue Weg… irgendwas mit einem Weg … neue Wege müssen begangen werden … verdammt er soll mir sagen, was für einen Weg er meint!“

Ich bin nicht imstande, das Richtige zu sagen oder zu tun, sondern fange tatsächlich damit an, der Frau bei der Suche zu helfen. Im Traum weiß ich, dass das Schwachsinn ist. Doch dann finde ich auf einmal diese alte Steintafel unter dem Laub und habe ein noch schlechteres Gefühl als zuvor. Ich spüre, dass ich etwas Böses in den Händen halte. Ich versuche zu entziffern was auf der Steintafel steht, verstehe den Sinn nicht. Die Frau kreischt, als sie sieht, was ich in meinen Händen halte. Sie reißt mir die Steintafel aus der Hand, beginnt wirres Zeug zu reden, was sich wie ein Gebet … nein, eher wie aneinandergereihte dämonische Formeln in irgendeiner einer teuflischen Sprache anhört. Das war dann auch der Punkt, an dem ich beschließe aus der Situation auszubrechen. Ich habe Angst vor so außer Kontrolle geratenen (irren) Menschen und auch vor kranken Religionen oder Sekten.

Ich steige die Böschung hinauf und beschließe zu meinem Wagen zu gehen, muss aber dazu an diesem verlassenen Haus vorbei. Mein Auto ist nicht mehr da. Ich bin verzweifelt, schleiche um dieses seltsame Gebäude und hier fängt das (zugegeben, doch sehr spannende) Drama erst richtig an.

Zusammengefasst wurde in meinem Traum der junge Mann tatsächlich von satanistischen Sektenangehörigen getötet. Sie hatten im Keller dieses Hauses ihre geheime, okkulte Stätte eingerichtet. Ich fand doch tatsächlich das böseste Buch aller Zeiten, das „Necronomicon“ und fühlte mich berufen, es zu vernichten.  😮

Ob mir das gelang? Genaue Einzelheiten jetzt aufzuzählen, würde schon in Richtung Roman gehen … 😀

Es gelang mir leider nicht. In dem Augenblick, als ich es mit Streichhölzern in Brand stecken wollte, bekam ich die ungebremste Liebe (und Brutalität) meiner kleiner Tochter zu spüren.

„Mama, bissu endlich aufgewacht! Du musst aufstehen. Ich hab Riesenhunger!“

Ja, und diese filmreife Vorstellung lieferte mir in der Nacht mein schlafendes Gehirn, weil ich gestern folgende Meldung las, die mich wieder mehr als mir bewusst war beschäftigte …

Blog Bachlauf

Ja, ich gebe zu, mich beschäftigen solche „Randnotizmeldungen“ besonders … 19 Jähriger aus dem Kreis Germersheim tot im Bachlauf gefunden …

Kreis Germersheim? Kenne ich nicht! Nächste Meldung! 

Bei mir löst diese Meldung alles andere als geografische Fragen aus. Allerdings habe ich diesen Anflug von unguten Gedanken und Gefühlen zu diesem Fall bewusst verdrängt, und prompt hat er mich im Schlaf verfolgt.

Ja, so läuft das bei mir …

Sobald ich etwas verdränge, verfolgt es mich …

Mein altbekanntes Schicksal einer ausgeprägten Gefühls- und Gedankenwelt, die mir ziemlich oft einiges abverlangt, aber die ich um keinen Preis mehr missen möchte … auch wenn ich es noch nicht 100 % drauf habe, damit umzugehen. 🙂

Ups, ich merke gerade…

Ich bin aber heute ganz schön mit der Türe ins Haus gefallen und hab noch nicht einmal ordentlich „HALLO!“ gesagt.

Also nochmal ganz von vorne:

HALLO! 😀

Da bin ich wieder …

Hab lange nichts mehr von mir hören lassen …

Bin seit einer Woche sogar komplett gesund …

Allerdings mit vier Kilo mehr auf den Rippen. 🙁

Das waren genau 4 von 7 Kilo, die ich mir mit Low Carb in den letzten Wochen weg gehungert habe. Eine echte Herausforderung, denn ich esse soooo gerne Brot und Brötchen! 🙁

Und jetzt, wo ich heute auf der Waage war und mich diese verfluchte Unzahl wieder in tiefe Depressionen stürzt, stelle ich mir gerade die Frage: Warum mache ich mir schon wieder diesen Stress? Für wen? Für was? Was ist das Ziel?

Antwort: Gute Frage.Damit der Sommer kommen und ich mit meiner kleinen Tochter endlich schwimmen gehen kann!?

Soll ich Euch mal was sagen?

Das ist mir jetzt echt scheiß egal! 😀

Ja, ich höre auf mit dem ganzen Diätscheiß, mit dem ich mich schon seit fast einem Jahr herumärgere! Der macht mir nur wieder unnötigen Stress und beschert mir schlechte Laune und noch viel Schlimmeres. Vielleicht ist genau das auch der Grund, warum ich in der letzten Zeit ständig krank war?

Und auch, wenn ich nicht so aussehe: Ich bin nicht unsportlich, ich bin sogar erstaunlich fit, sehe nur nicht so elegant dabei aus, wenn ich über Felsspalten springe, auf Bäume klettere oder Berggipfel erklimme. 😀

Ich weiß ja, warum ich diese Pfunde habe …

Bevor ich 2008 mit dem Rauchen aufgehört habe, sah ich noch so aus. Mein persönliches Idealgewicht 75 Kilo, bei einer Kleidergröße von 40/42. Weniger wollte ich nie.

2008.05.23 Standesamtliche Hochzeit (33)

Ja, in dieser Gewichtsklasse wäre ich NATÜRLICH heute gerne wieder. Ich bin es aber nicht und das ist verdammt nochmal seit heute auch okay für mich. Ich werde jetzt tapfer sein und höre auf mit diesem esstörungsgrenzwertigen Denken und Handeln. Denn ich denke in der Tat von morgens bis abends nur an mein Gewicht und ans nicht Essen, mit dem Resultat, dass ich es (meist abends) doch tue. Ja, ich würde mein Essverhalten abends, nach einem ganzen Tag Diät schieben sogar als Fressattacke betiteln. Und ich denke, wenn im Anschluss dieser Fressattacke der Gedanke aufkeimt, sich einfach heimlich den Finger in den Hals zu stecken, dann befürchte ich, da ist eine gefährliche Grenze erreicht. Manchmal wache ich nachts auf, gehe zur Toilette und wiege mich. Und wenn es nur 100 Gramm weniger sind, dann schlafe ich zufrieden weiter. Wenn nicht, dann ist die Nacht gelaufen. Ich wiege mich ohnehin gefühlte 100 x am Tag. Und je nachdem, was sie zeigt, sehe ich in den Spiegel und sehe mich oder aber die dickste Frau der Welt. 😮

Wenn ich so weiter mache, nimmt das kein gutes Ende … das ist mir heute morgen (auf der Waage) bewusst geworden.

Ja, ich kann echt nachvollziehen, wie heimtückisch sich so eine Essstörung entwickelt. Aber ich möchte es lieber bei meinen hauseigenen Ängsten belassen und mir nicht noch obendrein eine Magersucht einfangen – für was? Um mir einzureden, dass ich mit 20 Kilo weniger auf den Rippen ein perfekterer Mensch bin?

Nein, das ist krank!

Ich bin aber nicht (mehr) krank!

Ich bin nur eine Frau, die sich hin und wieder im Leben nach ein kleines bisschen Seelenfrieden, Ruhe und Sonne sehnt… und die ihre Finger nicht von Süßigkeiten lassen kann. 😀

Apropos Sonne …

Dann gehe ich lieber im Sommer mit einem „Form-Badeanzug“ ins Meer und streiche die Idee mit dem Bikini einfach aus meinem Kopf. BASTA! 😀

So, dann hätten wir dieses blöde Thema für heute auch geklärt …

Was wollte ich noch erzählen?

Ach ja…

Ich hab ja jetzt einige Tage in diesem Blog nichts Nennenswertes geschrieben …

Das hatte einen Grund …

Ich war (mal wieder) komplett schreibblockiert. Ich war nicht nur von den ständigen Erkältungen angeschlagen, sondern auch irgendwie durcheinander und auch mit meiner Gesamtsituation überfordert. Ja, ich wollte irgendwie nichts von all dem Scheiß wissen, der ständig in mir drin und um mich herum spukt. Und damit meine ich mein ganzes Universum an tief gehenden Gefühlen und quirligen Gedanken. Mein Universum wächst und gedeiht täglich. Damit es blüht und hell bleibt, gieße ich es täglich mit Liebe, Musik, Kunst und Fotografie. Ich muss halt ständig nur aufpassen, dass mir mein eigenes Universum nicht über den Kopf wächst und ich nicht darin verloren gehe… 😀

Was den Kampf gegen meine Sozialphobie betrifft …

Die Therapie läuft zwar, sie bringt mich jedoch nicht wirklich weiter. Hat wohl damit zu tun, dass das biochemisch und  therapeutisch greifbare Problem, die Angststörung selbst erfolgreich behandelt und geheilt wurde, alles andere – auch meine immer noch bestehenden sozialphobischen Züge -, von mir selbst „erledigt“ werden müssen. Was die Vertrauensprobleme betrifft, das ist in der Tat ein Problem, an dem ich aktiv derzeit nichts machen kann. Entweder ich vertraue einem Menschen oder ich tue es eben nicht. Punkt.

Aber das ist ja nicht der Hauptgrund der Sozialphobie. Menschen überfordern mich aus einem ganz anderen Grund. Ich glaube, darüber hatte ich auch schon irgendwo mal geschrieben.

Aber ich erkläre es gerne nochmal kurz:

Ich bin ein sogenannter „Empath“. Ich erfasse einen Menschen hauptsächlich über Emotionen und über all seine für Emotionen verantwortlichen Systeme – ob ich will oder nicht. Das funktioniert bei mir, wie das atmen. Ich tue es unbewusst, also ohne darüber nachzudenken.

Nicht zu verwechseln mit einem empathischen Menschen. Empathische Menschen haben die Fähigkeit sich bewusst in einen anderen Menschen einzufühlen, um ihn, seine Gedanken und Gefühle zu verstehen. Sie können Körpersprache lesen und richtig deuten, spüren, wie sein Gegenüber sich fühlt, können auf ihn eingehen. Sie sind in der Lage, ehrliches Mitgefühl zu empfinden und auch zu zeigen. Klar, ich bin auch (gerne) ein empathischer Mensch. Aber als Empath erfolgt dieses Mitfühlen größtenteils unbewusst und bei mir leider vollkommen unkontrolliert. Ich nehme die Gefühle des anderen wahr und mache sie (oft ohne es zu merken) zu meinen eigenen. Das ist echt ein ganz großes Problem, dass mich schon oft an meine Grenzen gebracht hat.

Und hier kann mir kein „normaldenkender“ Mensch helfen. Diese Erkenntnis erlangte ich in dem Augenblick, als ich die Antwort meiner Therapeutin auf folgende Frage erhielt:

„Bitte sagen Sie es mir! Ich bin dankbar für jeden Tipp! Wie soll ich mich denn von den Emotionen der anderen schützen und sie nicht zu meinen eigenen machen, wenn es unbewusst und unkontrolliert passiert?“

Ihre Antwort: „Sie als Empath müssen sich ganz dringend einen imaginären Schutzring um sich aufbauen! Das ist ganz wichtig! Ohne diesen Ring,  sind Sie den Emotionen anderer schutzlos ausgeliefert.“

Ähm… ja!

Ich habe ein aktuelles Beispiel…

Vor einigen Tagen, es war glaube ich ein Sonntag, schien eigentlich alles, so wie immer bei uns zu Hause. Bis auf einmal gegen Mittag sich ein merkwürdiges Gefühl in mir ausbreitete. Ich war irgendwie komisch drauf, eine Mischung aus bedrückt, traurig und genervt sein. Es gab aber überhaupt keinen Grund dafür mich so zu fühlen. Eine Situation, die mich nicht nur irritiert, sondern auch nervös machte, weil ich eigentlich immer weiß, was mit mir nicht stimmt, wenn etwas mit mir nicht stimmt. Prompt gesellte sich zu dem „fremden“ Gefühl, welches ich in mir trug auch mein eigenes. Ich wurde nervös, genervt, hektisch und aufbrausend, weil ich fieberhaft nach einer Antwort suchte. Irgendwann ging mein Mann an mir vorbei und fragte mich, wann es etwas zu essen gäbe. Ich starrte ihn an, hörte einen nicht passenden Unterton in seiner Frage und war mir plötzlich sicher, hier in diesem Raum stimmte etwas nicht. Mit meiner Stimmung stimmte etwas nicht? Oder stimmte etwas mit ihm nicht? Ich frage ihn prompt: „Ist etwas nicht in Ordnung mit dir?!“

Antwort: „Ja, alles in Ordnung?! Ich wollte doch nur wissen, wann es essen gibt?“

Meine Antwort (peinlich berührt, scherzend): „Ich frag ja nur. Irgendwie nehme ich hier gerade eine negative Schwingung auf und weiß einfach nicht, wo die herkommt.“

Mein Mann sah mich schief von der Seite an. Das tut er immer, wenn er denkt, ich hätte mal wieder nicht alle Tassen im Schrank, dann verließ er das Zimmer. Und kam plötzlich ganz entgeistert wieder zurück und sagte: „Du machst mir schon wieder Angst! Das kann echt nicht wahr sein! Ja, scheiße, ich bin schlecht drauf! Eine alte Bekannte ist heute an Krebs gestorben, das beschäftigt mich schon den ganzen Tag. Ich wollte das nur nicht so an die große Glocke hängen.“

Mir fiel im wahrsten Sinne des Wortes ein Stein vom Herzen. In dem Augenblick, wo er mir seinen momentanen Gefühlszustand bestätigte, fühlte ich, wie sich auch meine Gefühlswelt wieder ordnete und das fremde Gefühl sich von mir abkapselte.

Wo bitte, liebe Therapeutin, war jetzt die Stelle, wo ich ganz schnell meinen imaginären Schutzring hätte heraufbeschwören können? Es kam unangemeldet und plötzlich! Mit Verlaub, Ihre Methode ist für Empathen absolut nicht alltagstauglich!

Imaginär …

Imaginär ist voll unrealistisch!

Ja toll …

Und da war sie wieder …

Meine Ratlosigkeit und das Gefühl, sie als einzige auf der Welt nicht mehr alle an der Schüssel zu haben …

Bis mich vor einigen Tagen jemand wissen ließ, dass ich NICHT alleine bin…

„Krieg ich jetzt gerade deine Angst ab oder ist es meine eigene? Fuck! Irgendwas hat mich hier gerade überschwemmt und ich konnte es nicht einordnen.“

Noch nie habe ich so dumm aus der Wäsche geguckt. 😀

Das war echt eine Meldung, die mich so umgehauen hat, dass ich heute noch ganz von den Socken bin. Dieser Mensch, den ich schon lange kenne, gab sich aus heiterem Himmel als Empath zu erkennen und ich habe es nicht im geringsten geahnt. Und prompt hat er meine Gefühle richtig gedeutet, auch jene, bei unserer letzten Begegnung.

„Ich habe dich gesehen und an dir und deiner Körperhaltung abgelesen, dass es besser wäre, dich nicht zu überfahren. Man muss ja nicht immer unbedingt reden, um in Kontakt zu bleiben. Zwinker!“

DANKE! <3

Und Dank dieses hilfreichen Erfahrungsaustausches mit jemanden, der wirklich weiß, wovon er spricht, weiß ich nun, was zu tun ist!

Scheiß auf irgendwelche imaginären Schutzringe, die sind für´n Arsch!

Kommunikation ist hier wohl die einzig wahre Antwort…

Nachfragen! Die Menschen, die undefinierbare Gefühle in mir auslösen ansprechen. Ich muss die Gefühle anderer in mir greifbar machen, um sie dann quasi outsourcen zu können.

Das wird schwer …

Noch nie habe ich komische Gefühlsregungen angesprochen außer bei meiner Tochter und meinem Mann …

Und jetzt soll ich das bei anderen machen?

Oha … 😮

Ich erinnere mich gerade an eine Situation, in der ich offenbar im stummen emotionalen Gefecht eines Paares hing und vor lauter negativem Gefühlschaos starke Kopfschmerzen bekam. Ich weiß nicht, welcher Vorwurf da im Raum lag, Unehrlichkeit oder Untreue, aber es herrschte so eine Anspannung am Tisch, ich hätte am liebsten schreiend den Raum verlassen. Spätere Gespräche (und die Scheidung) gaben mir dann Sicherheit, dass ich mit meinem Gefühl nicht ganz falsch lag.

Doch sollte man als Außenstehende so etwas ansprechen?

Ich weiß nicht …

Ach was …

Ja, ich schaffe das!

Ich werde eine Möglichkeit finden …

Vielleicht kriege ich es ja auch irgendwann mal hin, als Empath etwas Positives zu bewirken?

Zuhören…

Hilfe leisten…

Vielleicht zwei Liebende zusammenbringen, weil sie es selber nicht checken? 🙂

Oh ja, ich merke, wenn es zwischen zwei Menschen funkt… da hab ich schon mal jemanden in Verlegenheit gebracht, der mir etwas anders weismachen wollte … heute sind sie ein Paar. 😀

Mal sehen …

Und ich werde über meine ersten Erfolgserlebnisse sprechen …

So, hätten wir das auch für heute geklärt…

Eigentlich wollte ich auch noch über Einkaufsstalking berichten, aber das mache ich beim nächsten Mal…

Übrigens schreibblockiert war ich auch letzte Woche bei der Romanarbeit. Nein, nicht, weil mir nichts einfällt. Im Gegenteil. Mein Kopf ist so voll von Dingen, die raus müssen, dass ich gar nicht weiß wohin mit all dem Kram. Leider ist dieser „Kram“ teilweise so komplex, so durcheinander, auch sehr persönlich und dabei auch so unterschiedlich, dass er nicht in eine Geschichte gepackt werden kann. Daher habe ich es schlichtweg aufgegeben, mich auf ein Projekt zu konzentrieren, sondern arbeite (je nach Stimmung und Inspirationsfluss) an inzwischen drei Romanen. Und das ist gar nicht so einfach, hier den Überblick über die Einzelheiten zu wahren… meine ganz persönlichen Luxusprobleme. 🙂

Wenn ich ein geübter Empath geworden bin, schreibe ich vielleicht mal einen Ratgeber zu diesem Thema…

Tabuthema: Reden wir (endlich) über sexuellen Missbrauch – Teil 1

Mir ist schlecht … 😮

„Erinnerungen sind wie eine Zeitbombe.“

(Prof. Dr. Barbara Kavemann)

Ja, ich weiß, da bleibt bei dem einen oder anderen die Spucke weg – das freut mich sogar! 😀

Doch kurz vorweg noch etwas zum Thema Paroxat:

Nach Tag 4 und 5 geht es soweit gut. Keine nennenswerten Absetzerscheinungen, aber dafür die stetiger Rückkehr meiner Emotionen (Angst ist leider auch dabei), meiner Konzentration und auch die Rückkehr meiner Persönlichkeit. Es ist wie das Aufwachen, nach einem sedierten Zustand. Ich denke, ich muss mir noch etwas auf die Wangen klatschen, bis ich ganz wieder da bin. Am Montag nehme ich die letzte halbe Dosis ein, dann ist es mit den Medikamenten ganz vorbei.

Doch eines ist sicher: Egal, wie viel Stress, Chaos und Angstattacken in Zukunft noch auf mich warten und es ist mir auch egal, wie viele Menschen diesbezüglich auf mich einreden werden, weil ich unbequem und zu „laut“ werde – z. B. mit Texten über meine Vergangenheit – ich werde nie wieder diese Tabletten nehmen!  ❗

Ganz egal, was die Angst auch mit mir macht …

Ich werde in Zukunft nur noch schreiben …

Schreiben ist in meinem Fall wohl der einzig wahre Weg zur Heilung. Ja, ich werde die Angst, den Schmerz und die Sehnsucht mit Worten bekämpfen. Quasi, von der Angststörung direkt in eine Zwangsneurose, weil die Verbindung zwischen mir und dem Schreibwerkzeug, mir das Gefühl von Sicherheit und Freiheit gibt. Sicherheit, Freiheit und die Macht alles gut werden zu lassen oder in Romanform auch mal das Gegenteil heraufbeschwören. Wenn ich schreibe, bin ich Herrscherin über Licht und Schatten, kann aus dem Monster unter meinem Bett ein Kuscheltier machen oder umgekehrt. Und ich kann während des Schreibens in die Seele meiner Protagonisten sehen, mich einfühlen und vielleicht hier Antworten auf all meine Warum-Fragen finden …

Klingt verrückt, aber ich bin es nicht … nur anders, einzigartig und dabei auch noch durchaus talentiert … hab ich in in der Therapiestunde gelernt.  😀

So, Themenwechsel …

Und es folgt auch gleich wieder der Hinweis, dass das, was jetzt heute und morgen folgen wird vielleicht schwer erträglich ist, für Menschen die mich mögen / lieben oder die mich lieber ohne meine Geschichte zu kennen, in Erinnerung behalten wollen. Steigt an dieser Stelle bitte wieder aus – es wird (nach meinem Empfinden) noch schlimmer als die Geschichte „Der Psychopath und ich„…

Shit happens – willkommen in meinem Leben!   🙂

Auch wenn ich weiß, dass meine Eltern, mein Vater und meine Mutter diesen Blog nicht lesen. Sie haben zwar ihre Informanten, die zwischendurch petzen, meiden persönlich aber meine Texte, weil die Inhalte nicht in das gewünschte Weltbild vom Eltern passen – dafür habe ich durchaus Verständnis, werde aber auch weiterhin keine Rücksicht darauf nehmen. Ja, man könnte tatsächlich meinen,  dass ich besonders mit meinem heutigen Thema sehr rücksichtslos gegenüber meiner Familie und möglichen Beteiligten bin – aber dazu kann ich nur sagen:

Liebe Leute!

Es gibt einen Punkt im Leben, an dem Entscheidungen gefällt werden müssen – sogar Entscheidungen fürs Leben. Und ich habe inzwischen durch meine Therapeutin gelernt, dass auch falsche Rücksichtnahme den schleichenden Tod der Seele bedeuten. Mein Leben lang habe ich ständig nur Rücksicht genommen, geschwiegen, ertragen und die ganze Scheiße als gegeben hingenommen – damit muss Schluss sein. Sonst ist der schleichende Seelentod, dem ich bisher immer irgendwie entkommen bin, wieder zum greifen nahe. Diese Angststörung war / ist eine deutliche Warnung und der Hinweis auch endlich einmal Rücksicht auf mich zu nehmen …

Wer bis hier hin nicht ausgestiegen ist – danke, für Dein Interesse … <3

Viele werden sich sicherlich die Frage gestellt haben, wie man nur so dämlich sein kann, sich auf so einen Typen wie „Thomas“ („Der Psychopath und ich“Teil 1-4) einzulassen, sich jahrelang misshandeln und verarschen zu lassen und der selbst nach knapp 8 Jahre nach der Trennung immer noch eine unterschwellige Macht ausüben kann, obwohl er nicht mehr da ist.

Ich weiß es …

Und ich weiß auch, warum der „Rebecca“ Tatort mich so beschäftigt hat …

Zum Einstieg in den wohl schwierigsten und prägensten Teil meines Lebens, möchte ich jetzt eine kleine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die ich vor vielen Jahre aufgeschrieben habe und zwar wieder mit veränderter Perspektive.

Der Mann der sich Charlie nannte

Der Mann, der sich Charlie nennt, schaut sie eindringlich an. Und als sie seinen Blick erwidert sieht er direkt  in das wunderschöne Blau ihrer Augen, in die er sich einst so verliebt hatte. Und er war sich so sicher gewesen, das sich daran nie etwas ändern würde. Aber dennoch versetzt ihm ihr Blick plötzlich einen schmerzlichen Stich und er wendet sich abrupt von ihr ab. Wo war nur ihr herzliches Strahlen geblieben?  Er hatte so gehofft, dass dieses bedrückende Gefühl, diese Ahnung, die ihn schon seit Wochen heimgesucht hat, ihn täuschen würde. Und er hatte auch gehofft, dass diese Sicherheit, so wie er sie jetzt empfand, niemals eintreffen würde. Aber jetzt ist war sie da, das Ungewisse hatte den Schleier abgelegt und ließ sich auch nicht wieder verdrängen. Er ist sich sicher, sie will ihn verlassen und allein der Gedanke bringt ihn um dem Verstand. Was zum Teufel hat er nur falsch gemacht?

Sie war ohne Zweifel seine große Liebe und das wusste er schon in dem Augenblick, als er sie zum ersten mal sah. Sie war ein strahlender Engel, dem Gott ihm geschickt hatte, in einer seiner dunkelsten Stunden, um ihn vor sich selbst zu schützen. Und er war sich sicher, er wäre heute nicht mehr hier, wenn sie nicht gewesen wäre. Sie war so einfühlsam und liebevoll gewesen. Sie hatte ihn aus dieser quälenden Einsamkeit gerissen und ihm ein neues, viel besseres Leben geschenkt. Und er erinnert sich noch genau an dem Tag, als er ihr zum ersten mal begegnete. Dieser Tag war ein sehr schlimmer Tag, viel schlimmer als all die anderen Tage die er je zuvor erlebt hatte. Er war sogar noch schlimmer als der Tag, an dem er seine Mutter zu Grabe getragen hatte. Natürlich war er über ihren plötzlichen tot traurig gewesen, aber es war erträglich.  Sogar wesentlich erträglicher als das, was man ihm an diesem Tag angetan hatte. Er hatte an diesem Montag Nachmittag nicht nur den letzten Rest seiner Würde, sondern auch in aller Öffentlichkeit die Fassung verloren. Er hatte geheult wie ein kleines Kind und sie hatten ihn dafür nur noch mehr ausgelacht. Sie hatten ihn ausgelacht.

Früher waren es seine Klassenkameraden gewesen, die ihm ständig nach der Schule oder in den Pausen aufgelauert hatten, um ihn mit allen Mitteln zu demütigen. Asoziale Drecksau, Vierauge, Schwanzlutscher, Versager, Schwuchtel, Missgeburt, Freak, Psycho. Unzählige zerbrochene Brillengläser, unzählige blaue Flecken, unzählig Schürfwunden. Und all das nur, weil er anders war? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass sie es immer auf ihn abgesehen hatten und das es nichts auf der Welt gab, dass sie davon abbringen konnte. Sie hatten ihn sogar mehrmals bis auf die Unterhosen ausgezogen und seine Kleidung überall in der ganzen Schule verteilt. Und wenn er sich dann heulend in die Toilettenräume eingesperrt hatte, spuckten sie ihn von oben an oder bewarfen ihn mit Klopapier. Aber er hatte es ertragen, immer und immer wieder. Und er hatte auch diese ständigen Beschimpfungen ertragen, er hatte es sogar ertragen, dass sie ihm ständig im Sportunterricht die Hose hinunter zogen und sich über sein kleines Glied amüsierten. Aber wenn sie ihn auslachten, weil er wegen all diesen Schikanen weinen musste, dann war es unerträglich. Echte Jungs weinen nicht! Er aber hatte oft geweint.

Und dann Jahre später, als er es endlich schaffte einen Job zu kriegen, waren es seine Arbeitskollegen, die diesen Alptraum wieder anfingen und ihn scheinbar bis ins unendliche weiter führen wollten. So viele Jobs, so viel Schikanen und genau so viel Demütigung. Besonders die Frauen hatten sich noch nicht einmal die Mühe gegeben es hinter seinem Rücken zu tun. Sie sagten ihm direkt ins Gesicht, was sie von ihm hielten und sie lachten dabei. Einmal hatte er dem Mädchen aus dem Verwaltungsbüro eine Blume geschenkt. Sie war sehr hübsch und er dachte auch, dass sie sehr nett wäre, denn immerhin hatte sie ihm einmal aus dem Fenster zugewunken. Es hatte ihn große Überwindung gekostet das zu tun, denn er kannte sich nicht besonders gut aus mit Frauen. Sie machten ihm irgendwie Angst. Besonders dann, wenn sie ihr schrillstes Kichern kicherten und dabei ihre Köpfe in den Nacken warfen. Zu oft hatten genau diese im Anschluss mit dem Finger auf ihn gezeigt. Und auch an dem Tag, als er der Frau aus dem Verwaltungsbüro die Rose überreicht hatte, war genau dies passiert. Sie hatte ihn ausgelacht und er lachte in diesem Augenblick mit ihr. Was hätte er auch anderes tun sollen? Dieses verfluchte Weibsvolk trampelte ständig auf ihm herum, raubten ihm seine letzte Würde und er konnte nichts anderes tun, als es mit einem Lachen hinzunehmen und später heimlich darüber zu weinen.

Aber an jenem schlimmen Tag, als irgendwer ihm eine ganze Flasche Parfüm über seine Arbeitskleidung gekippt hatte, war es vorbei mit ertragen, hinnehmen und heimlichen weinen. Und derjenige, der dies getan hatte, untermalte seine Handlung auch noch mit einer schriftlichen Botschaft, wie folgt: Nimm diese Geste als ein Geschenk der ganzen Belegschaft. Wir sind alle der Meinung, dass dies deinen üblen Körpergeruch überdeckt, denn dieser ist in Verbindung mit deinem ungepflegten Aussehen einfach keinem mehr zumutbar. Im übrigen, waren deine Eltern eigentlich Geschwister?

Er hatte den Zettel aus seinem Spint gerissen und war mitsamt seinen versauten Sachen in Richtung Chefbüro gelaufen. Und offenbar hatten sie ihr übles Spiel selbst unterschätzt, als sie sich entschlossen hatten ihm eine ganze Flasche Kölnisch Wasser über Pullover und Kleidung zu schütten, denn der Gestank verbreitete sich in allen Fluren und er war beißend und nahezu atemberaubend. Und als er durch das Gebäude lief, hörte er wieder wie sie lachten, wie sie stöhnend die Fenster aufrissen und ihm verächtlich hinterher riefen, er solle endlich verschwinden und sich draußen weiter ausdünsten. Aber er schaffte es nicht mehr bis nach draußen und er schaffte es auch nicht mehr bis ins Chefbüro. Ihm wurde schon vorher übel. Und als ihn all diese schmerzlichen Erinnerungen übermannten, brach vor aller Augen zusammen und weinte.

4711, ein Wasser was Wunder bewirkt. Du musst es auch auftragen, wenn du wieder deine Kopfschmerzen hast, mein Junge. Mama, hatte es immer benutzt. Er erinnerte sich noch genau, wie sie jeden Morgen vor dem Spiegel stand und dieses übel riechende Zeug auf ihren Hals und Handgelenke schmierte, und wenn sie zu viel aufgetragen hatte benetzte sie seine Ohren und Schläfen damit. Und er erinnerte sich auch noch wie sie ihm danach immer die Haare kämmte und wie bei jeder ihrer Kammbewegung diese scheußliche Wolke in seine Nase stieg. Und wie sie ihm währenddessen einen Vortrag über das Für und Wie eines anständigen Kindes predigte. Mama, ich will keinen Seitenscheitel. Und das sie es furchtbar findet, was aus der heutigen Jugend geworden ist. Und ich brauche eine neue Brille. Sie mit einem Pflaster zu reparieren ist nicht gut. Und dass sie es nicht dulden würde, dass er ebenfalls zu solch schlecht gekleideten und respektlosen Teufeln werden würde. Und will auch nicht diese scheußlichen Buntfaltenhosen tragen. Zucht und Ordnung, Respekt und Achtung, der beste Grundstein, um ein anständiger erfolgreicher Mann zu werden. Mama, warum hörst du mir niemals zu? Ein gestandener Mann, wie sein Vater. Ich hasse ihn! Und wenn sie fertig war mit ihrer Rede, hatte sie immer ihre langen Arme auf seine Schulter gelegt und ihn angeschaut. Und immer dann, wenn er das Bedürfnis hatte sein Gesicht in ihrer Brust zu vergraben, zu weinen und zu sagen: Warum lässt du es zu, dass Papa mir immer weh tut? Sag ihm, dass er damit aufhören soll, hatte sie ihn weggeschickt.

Er wurde ständig und überall weggeschickt. Und an dem Tag, als er auf dem Boden des Foyers saß, wie ein Kind heulte und ihm dabei Tränen und Rotz über die Lippen liefen, war es wieder das Gelächter was ihn nicht nur weggeschickt, sondern gänzlich verstoßen hatte. Er war daraufhin gegangen. Er hatte seinen Peinigern den Rücken gekehrt, doch die Pein selbst blieb. Sie blieb an ihm haften, als er in den Bus stieg und hörte wie Kinder sich hinter seinem Rücken lustig über ihn machten und sie blieb auch, als er schließlich in die Straße einbog in der er lebte. Die Nachbarn in den Gärten grüßten ihn nicht, wandten sich ab, oder nahmen ihn erst gar nicht wahr. Und als er vor seiner Haustüre stand und feststellte, dass niemand da war, der auf ihn wartete, brach er erneut zusammen.

Er wusste nicht wie lange er auf seiner Treppe saß und weinte. Und er wollte sich in diesem Moment nicht ausmalen, was sein Vater gesagt oder wieder getan hätte, wenn er ihn jetzt, dreißig Jahre später so auf der Treppe hätte sitzen sehen. Seine Mutter wäre vielleicht noch zufrieden mit ihm gewesen, vielleicht sogar stolz. Er trug einen ordentlichen Seitenscheitel, Buntfaltenhosen, einen grünen Strickpullover und sogar noch die Brille wie vor dreißig Jahren, so wie Mama es immer wollte. Und jetzt umhüllte ihn auch noch eine Wolke Kölnisch Wasser. Siehst du mich Mama?, dachte er und blickte schluchzend in den Himmel. So wie du es immer wolltest, bist du jetzt stolz auf mich? Er hatte in diesem Augenblick auf eine Antwort gehofft und sie kam prompt und traf ihn mit voller Wucht. Sie dich an, ertönte plötzlich die Stimme seines Vaters. Was bist du nur für ein Schlappschwanz! Er zuckt zusammen, als der Kleiderbügel mit einem surrenden Geräusch auf seinen Rücken donnerte. Er wusste, das alles fand nur in seinem Kopf statt, aber es schmerzte mehr denn je. Hör auf zu flennen, echte Jungs weinen nicht! Aber er hatte immer geweint und er weinte auch jetzt. Nein, du bist kein richtiger Mann!

Nein, er war wahrhaftig kein richtiger Mann. Er war ein Vollidiot. Er war ein Schlappschwanz, ein Weichei, ein Freak, ein hässlicher Gnom, ein stinkendes Stück Scheiße. Er war einfach all das, was aus dem Mund seiner alten Schulkameraden, Kollegen, Nachbarn und seiner Eltern kam. Sie hatten alle Recht, er würde nie eine Frau finden. Frauen wollten Männer und er war einfach kein Mann … noch nie gewesen. Ich wünschte ich wäre tot, hatte er gedacht und malte sich gleichzeitig aus, wie er mit ausgebreiteten Armen auf dem Dach des Hochhauses am Ende der Straße stehen und wie er sich schließlich mit geschlossenen Augen dort hinunter stürzen würde. Er würde den Augenblick des freien Falles genießen, er würde sich frei fühlen wie ein Vogel, er würde alles hinter sich lassen. Nie wieder dieses schrille abfällige Kichern, nie wieder Beleidigungen, nie wieder diese Pein, keine Demütigungen mehr. Und er würde sich bei diesem Gedanken so gut fühlen, dass er die Wucht des Aufpralls gar nicht mehr spüren würde. Sein Entschluss stand in diesem Augenblick fest. Er war nicht willkommen in dieser Welt und er konnte nichts anderes tun, als sie zu verlassen. Niemand würde es merken, denn niemand war da, der ihn vermissen würde. Dieser Gedanke ließ ihn zusammenbrechen. Er weinte unaufhörlich und es war ihm gleich, wer von dieser Straße es hören würde, denn es interessierte sich ohnehin niemand für ihn.

Niemand außer…

Sie stand plötzlich vor ihm. Wie aus dem Nichts war sie aufgetaucht und er hatte sie erst gar nicht bemerkt, weil er sein Gesicht tief in den Händen, zwischen seinen Knien vergraben hatte. Sie stand da und sah ihn an. Hallo… warum weinst du?, hatte sie leise gefragt. Ohne auch nur einen Blick auf sie zu werfen, hatte er sie daraufhin angefahren, sie solle abhauen und ihn gefälligst in Ruhe lassen, denn er hätte genug Spott für heute ertragen müssen. Aber sie ging nicht. Sie blieb vor ihm stehen und schaute ihn an. Und als er seinen Kopf hob um sie gänzlich zum Teufel zu jagen, blickte er plötzlich in dieses wunderschöne Engelsgesicht und es traf ihn sofort wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Da war kein ausgestreckter Finger der auf ihn zeigte, kein schrilles Kichern und als er ihr in die Augen schaute sah er nicht diesen Guckt-Euch-Dieses-Jämmerliche-Weichei-An-Blick. Nein, ihr Blick hatte in diesem Augenblick etwas anderes gesagt. Etwas, was er zunächst nicht richtig deuten konnte. In ihren Augen spiegelte sich Bestürzung, Mitgefühl aber auch ein Hauch von Verzückung. Und er hatte gespürt, wie sie verzweifelt nach den richtigen Worten suchte, um… um ihn vielleicht zu trösten? Nein, das war zu schön um wahr zu sein! Sie war nur eine Illusion, eine Fata Morgana, ausgelöst durch seine Verzweiflung und dem immer stärker werdenden Wunsch seinem kläglichen Dasein ein Ende setzten zu können. Ein Engel mit weichem Herz, mit goldenen Haaren, einem lustigen Sommersprossen Gesicht, wunderschönen blauen Augen und einer Figur die nahezu perfekt war. Sie war nicht real.

Er hatte den Kopf wieder in seine Hände vergraben und hoffte einfach, das dieser Engel wieder gehen würde, denn er schämte sich furchtbar für seine Tränen. Aber sie blieb. Sie hatte einen Augenblick gezögert, das hatte er durch den Spalt zwischen seinen Fingern wahrgenommen, aber sie blieb. Und wenige schnelle Herzschläge später, geschah plötzlich das Unfassbare: sie setzte sich wie selbstverständlich neben ihn, legte behutsam ihren Arm auf seine Schulter und fragte vorsichtig: Warum bist du denn so traurig?

(Fuck the empathie!)

Es hatte etwas gedauert, bis er seine Fassung wieder gefunden hatte und zu einer Antwort fähig war, oder besser gesagt: bis er etwas herausbrachte, was als Antwort hätte ausreichen können. Ich bin eine Heulsuse, oder? und sie hatte daraufhin gesagt: Och, das macht nichts, ich auch! Und er hatte sie aus seinen verquollenen Augen ganz erstaunt angesehen und musste plötzlich lächeln. Er lächelte sie an und sie lächelte zurück. Hatte es das in seinen 40 Jahren überhaupt schon einmal gegeben?

Ich habe noch nie einen Mann weinen sehen, sagte sie schließlich und als er sie daraufhin fragte, ob sie das schlimm fände, hatte sie mit JA geantwortet. Ich finde es immer schlimm, wenn jemand weint. Egal, ob Junge, Mädchen, Mann oder Frau. Traurig zu sein ist immer schlimm …

Und während sie dasaßen, plauderten und sich anlächelten, konnte er ihre stumme Sprache plötzlich verstehen. Und das, was sie sagte war so wunderschön, dass er sie einfach nicht mehr vergessen konnte. Sie war so anders als all die anderen. Sie hatte sich nicht blenden lassen von all dem schlechten, das ihn in diesem Augenblick umgab. Es interessierte sie nicht einmal. Sie interessierte nur eines: Warum er so traurig war und was sie tun konnte, damit er genau das nicht mehr war. Ja, sie war die erste, die ihm wirklich zugehört hatte und dafür hatte er sie seit der ersten Minute ihrer Begegnung geliebt. Nein, mehr als das, er hatte sie vergöttert. Und der Thron auf dem er sie dann aus lauter Dankbarkeit gebettet hatte war der schönste, dem man einem Engel auf Erden geben konnte. Doch dieser Thron war hoch. Zu hoch, als das er ihr hätte näher kommen können und er wäre ihr so gerne näher gekommen. Aber er wagte es nicht. Er brauchte sie, aber er wusste, sie brauchte ihn nicht… jedenfalls noch nicht. Er wollte einfach nichts falsch machen. Er wollte nicht, dass irgendetwas passierte, was diese Freundschaft – so wie sie auf dieser Treppe entstanden war – gefährdete. Er wusste nicht, was sie von ihm erwartete. Und er wusste auch nicht, wie er mit dieser Liebe, die er für sie empfand umgehen sollte. Er wusste nur, dass er ihr nahe sein wollte. Dass er sie wiedersehen und vor allem Übel dieser Welt beschützen wollte und das am besten für immer.

Gott, was hatte ich damals eine Angst vor dir, denkt Charlie und lächelt besonnen, als er aus dem Fenster sieht. Wusstest du das eigentlich? Wusstest du, was du für eine unsagbare Macht du über mich hattest? Wusstest du, dass ich jede Nacht von ihr geträumt habe? Und dass ich, wenn du vor mir standest, vor Angst gezittert habe? Ein Wort, eine Geste von dir hätte mich vernichten können. Ich hatte schreckliche Angst davor, dass du mich am Ende doch wieder ablehnen könntest. Und ich hätte alles für dich getan, du hättest es nur sagen müssen. Ich hätte dir die Sterne vom Himmel geholt, ich hätte jede Bank ausgeraubt, ich hätte dir den Himmel auf Erden dafür gekauft und ich hätte sogar für dich getötet…das würde ich heute immer noch für dich tun. Du hattest mich damals vollkommen in der Hand, mein Engel, aber du hast nie etwas von mir verlangt, dafür bin ich dir heute immer noch sehr dankbar…ich bin dir für alles so unsagbar dankbar.

Er dreht sich um, sucht ihren Blick, aber findet ihn nicht. Er betrachtet sie aufmerksam und wieder steigen Erinnerungen hoch. So wie sie jetzt dasitzt, zusammengesunken und schweigend. Ihre Hände klemmen verkrampft zwischen ihren Beinen und sie wiegt ihren Körper nervös vor und zurück. Vor und zurück, vor und zurück. Immer wieder. So hatte er sie schon einmal gesehen, damals auf seiner Treppe, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten. Und in diesem Augenblick hatte er sich nur noch mehr in sie verliebt. So sehr, dass es ihn fast den Verstand geraubt hatte. Sie war extra gekommen, hatte tatsächlich auf ihn gewartet, um sich von ihm zu verabschieden. Und sie weinte bitterlich, als sie sagte, dass sie nicht willkommen in dieser Welt sei und dass sie nicht mehr leben wollte, weil niemand da wäre der sie liebt. Sie würde vom Hochhaus, am Ende der Straße springen und sie wäre nur noch mal gekommen, um sich von ihrem besten Freund zu verabschieden.

Du dachtest die ganze Zeit, das niemand da wäre, der dich liebt. Und der Moment, an dem ich dich eines besseren belehren durfte, war so schön. Meine Angst vor dir schwand in dem Augenblick, als du dich an mich geschmiegt hast und weintest. Du hattest damit die Angst-Barriere zwischen und gebrochen, denn Deine Augen sagten: bitte liebe mich. Und als ich dir sagte, dass ich es von ganzem Herzen tun würde, hast du gelächelt. Dann warst du bereitwillig von deinem Thron gestiegen, damit ich darauf Platz nehmen konnte. Du schenktest mir all dein vertrauen. Du gabst mir freiwillig die Zügel in die Hand und batest mich dich zu führen. Und in dem Augenblick als du demütig zu mir aufschautest und ich auf dich herabblickte, war es wie, als hättest du mir ein völlig neues Leben geschenkt. Ich war nun nicht mehr nur dein heimlicher Verehrer und dein Beschützer, ich war dein Held, dein Prinz und ich war so dankbar dafür, dass ich das für dich sein durfte. Ich der Vollidiot, der Schlappschwanz, der Freak und ein Mann, der kein richtiger Mann war. Du hast mich mit dieser wunderbaren Geste zum Mann gemacht und es fühlt sich immer noch so unsagbar gut an. Du hast damit meinem Leben wieder einen Sinn gegeben… weißt du das eigentlich? Und ich wollte alles dafür tun, damit ich diese großartige Rolle nicht wieder verliere. Ich wollte ein guter Mann sein und der einzige und beste für Dich. Und zum ersten mal seit 40 Jahren wusste ich, was ich zu tun hatte: die Zügel nehmen und dich führen, und zwar dort wo ich dich schon immer einmal hin wollte. Und ich nahm dich mit, weil du mir vertraut hast. Und ich zeigte dir die Sterne, aber auch wo der Hase lang läuft – das war es doch, was du von mir erwartet hast, oder?

Er seufzt und wendet sich wieder von ihr ab. In seiner dunkelsten Stunde traf er das Mädchen, die Frau seines Lebens und auch wenn er es nie für möglich gehalten hätte, jetzt gehörte sie ihm. Ein Engel mit weichem Herz, mit goldenen Haaren, einem lustigen Sommersprossen Gesicht, wunderschönen blauen Augen und einer Figur die nahezu perfekt war. Ihre ganze Erscheinung so unsagbar betörend, und doch so sinnlich und zart. Er liebte sie und sie liebte ihn. Und er war sich so sicher, dass sich niemals etwas daran geändert hätte, wenn sie nicht plötzlich ständig damit angefangen hätte seine Liebe in Frage zu stellen. Und er weiß, dass sie es auch jetzt wieder tut. Ihr schweigen sagt mehr als tausend Worte. Er kann es förmlich riechen und das schon, seit dem er sie vorhin mehr oder weniger zufällig auf der Straße getroffen hatte. Sie war nur widerwillig mit in seine Wohnung gekommen. Er musste sie geradezu zwingen und das, obwohl sie so viele schöne Stunden dort miteinander erlebt hatten. Was war nur ihr verdammtes Problem? Ich habe heute keine Zeit, hatte sie gesagt. Aber er wusste, das es nicht stimmte. Er wusste immer wenn sie ihn anlog. Sie war eine verdammt schlechte Lügnerin und das wusste er bereits schon damals, als er sie an dem Tag, als sie weinend auf der Treppe gesessen hatte und sie später in seinem Wohnzimmer fragte, ob ihr sein Kuss gefallen hätte.

Ja, hatte sie gesagt und das alles andere als glaubhaft. Und als er ihr schließlich die Wahrheit aus dem Körper kitzelte so dass ihr die Luft weg blieb – dass schien ihr immer besonders gut gefallen zu haben, so wie er dachte – hatte sie schließlich gesagt: Das ist irgendwie komisch, aber ich muss mich wohl noch daran gewöhnen. Und sie musste sich noch an vieles gewöhnen, denn immerhin war er der Mann und sie die Frau. Und eben weil er der Mann war, hatte er auch heute darauf bestanden, das sie mit ihm in die Wohnung kam, ob sie wollte, oder nicht.

Jetzt sitzt sie da, schweigt und zweifelt stumm seine Liebe an, und das alles nur weil er… ja, weil was? Was hatte er überhaupt getan? Mit welchem Recht stellte sie seine innige Liebe in Frage? Er denkt angestrengt nach und sucht nach Antworten. Und schließlich findet er eine und genau diese Antwort lässt ihn die reumütige Schamesröte ins Gesicht schießen. Nein, er hätte sie nicht so grob anfassen sollen, als er sie mit einem anderen erwischt hatte. Er hatte es selbst gesehen, als er ihr wieder gefolgt war. Er folgte ihr immer, wenn sie aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen nicht bei ihm sein konnte. Das war seine Aufgabe als Mann. Er musste sie beschützen und immer gleich zur Stelle sein, wenn sie ihn brauchte. Und manchmal war es auch gut, wenn sie da war, wenn er es brauchte und er brauchte es ziemlich oft. Aber an diesem Nachmittag, brauchte sie ihn offensichtlich nicht.

Er hatte gesehen, wie sie und dieser Mistkerl zusammen am See standen und stundenlang Steine hinein warfen. Und er hatte gesehen, wie sie miteinander gelacht haben und wie sie sich angesehen hatten. Und er hatte auch gesehen, wie er sie auffing, als sie stolperte. Aber vor allem hatte er gesehen, wie dieser kleine Hurensohn sie auf die Wange geküsst hatte. Und er war sich sicher, dass er noch mehr gesehen hätte, wenn ihm nicht plötzlich dieser blöde Köter in die Quere gekommen wäre. Der Hund eines Spaziergängers hatte angeschlagen, als er ihn im Gebüsch gewittert hatte.

Was wolltest du auch nur von diesem kleinem Scheißer? Er war kein Mann, nicht einmal annähernd! Er war noch ein Kind! Er war ein Vollidiot! Ein Weichei! Er wäre nicht in der Lage gewesen, dich so zu beschützen, wie ich es tue. Und Vögeln kann er mit Sicherheit auch noch nicht. Nein, der hätte mir niemals das Wasser reichen können und das musste ich dir doch irgendwie klar machen.

Was habt ihr beide dort unten am See getan?, hatte er sie noch am gleichen Tag gefragt und als sie ihm darauf eine verlogene Antwort gab, hatte er ihr ins Gesicht geschlagen. Es war nicht fest, nur eine Backpfeiffe, er wollte doch ihr hübsches Gesicht nicht verletzten. Aber einen Denkzettel, den wollte er ihr schon an diesem Tag mit auf den nach Hause weg geben.
Warum bist du nur so böse auf mich?, hatte sie daraufhin geheult und er hatte plötzlich das starke Bedürfnis gehabt sie für diese ungeheuerliche Frage noch einmal zu bestrafen. Sie wusste nicht, warum er so wütend war? Verstand diese kleine Hure denn gar nichts? Er trug sie auf Händen, er war ihr Mann und sie hatte nichts besseres zu tun, als gleich mit jedem daher gelaufenen herumzuknutschen?! Vielleicht machte sie sogar noch ganz andere Sachen? Alleine für diese Vorstellung, hätte sie noch eine Menge weitere Ohrfeige verdient gehabt.

Aber er hatte sie deswegen nicht noch einmal geschlagen. Er hatte sie vielleicht ein klein wenig grob angefasst, aber er hatte sie nicht geschlagen. Er hatte es ihr am Ende sogar verziehen. Sie hatte um Gnade gebettelt und weil er ein guter Mann war, hatte er ihr vergeben. Der Grund warum sie sich an diesem Tag dennoch weiteren Zorn von ihm einfing war ein anderer. Sie hatte sich schon wieder nicht an die Anweisung gehalten. Und er konnte ihre plötzlich Respektlosigkeit doch nicht einfach so tolerieren. Eine Frau hat die Wünsche ihres Mannes gefälligst zu respektieren. Es gab nun einmal Dinge, die er nicht mochte und dazu gehörte eben auch, dass sie ihn nicht anschauen sollte wenn er intim mit ihr wurde. Er wusste es selbst nicht warum er ihren Blick nicht ertragen konnte, wenn er die Hosen runter ließ. Vielleicht war es die Scham, vielleicht waren es auch das scheußliche Gelächter und Spott seiner Schulkameraden aus dem Sportunterricht, die er heute noch manchmal in seinem Kopf hörte. Sie könnte ihn auslachen, wenn sie ihm dabei zusah. Und er würde sie wahrscheinlich deswegen umbringen. Soweit wollte er es aber gar nicht erst kommen lassen. Und dann war da noch ihr ängstlicher Blick der in abturnte und ihm den Höhepunkt vermasseln würde, wenn er dabei in ihr Gesicht sehen würde. Warum musste sie sich auch immer so anstellen? Männer machen so etwas eben mit ihren Frauen, ob sie wollen oder nicht. Und das Tuch bleibt auf deinem Gesicht, hatte er gesagt. Und er hatte es ihr oft genug gesagt. Aber sie hatte es dennoch an diesem Nachmittag von ihrem Gesicht gerissen, weil sie angeblich keine Luft mehr bekam. Sie hatte gelogen und dafür hatte er ihr eine verpasst …

Das war vor einer Woche…

Nein, ich hätte sie nicht schlagen sollen!, denkt er und schaut sie reumütig an. Wie hilflos und klein sie doch ist. Er steht auf und geht zu ihr. Er setzt sich auf das Bett und lässt seine Hände zärtlich über ihre blonden langen Haare gleiten. Sie sind so weich und glänzen wie Goldschimmer. Und dieser Duft. Dieser unbeschreiblich betörende Duft eines geheimnisvollen Shampoos, dessen wundersame Wirkung nur er kennt. Er hatte es ihr gekauft. Himbeere…, denkt er und vergräbt sein Gesicht in ihrem Nacken. Sie riecht und schmeckt nach Himbeere. Er schließt die Augen und genießt den Augenblick. Und während er das tut überrollte ihn plötzlich eine Welle höchster Erregung.

„Du kannst mich nicht verlassen, Prinzessin“, sagt er und lässt seine Hände über ihre Schultern gleiten. Ein Träger ihres Kleides rutscht zur Seite, instinktiv schiebt sie ihn wieder hoch. „Und wenn du ehrlich bist, willst du mich auch gar nicht verlassen. Du brauchst mich doch, so wie ich dich brauche. Ich würde sterben ohne dich. Und du weißt, wenn ich sterbe, dann werde ich dich mitnehmen. Niemand liebt dich so wie ich und das weißt du. Natürlich weißt du das, sonst wärst du nicht hier und würdest nicht das Kleid tragen, dass ich an dir so liebe… ich mag Luftballons.“

Er steht auf und geht zur Kommode. Er zieht ein rotes Tuch heraus und lässt es durch seine Finger gleiten, dabei lässt er sie keinen Moment aus den Augen. Dann hält er inne, denkt kurz nach, schüttelt den Kopf und legt das Tuch wieder zurück. Heute nicht, denkt er und setzt sich wieder auf das Bett und betrachtet sie. „Ich habe eine Überraschung für dich“, flüstert er schließlich direkt in ihr Ohr und hofft damit gänzlich all ihre Gedanken ihn zu verlassen auszulöschen. Doch sie reagiert nicht. Sie sitzt vor ihm. Immer noch zusammengesunken und schweigend. Ihre Hände klemmen immer noch verkrampft zwischen ihren Beinen und sie schaukelt ihren Körper. Vor und zurück, vor und zurück.

„Weil ich dich so sehr liebe…“, beginnt er feierlich. „Werde ich dir nicht die Augen verbinden. Heute darfst du mich auch dabei ansehen. Es tut heute auch gar nicht weh.“

Sie erstarrt unter seinen Berührungen und als er sie küsst schmeckt er das Salz ihrer Tränen auf ihren Lippen. Nein, ich hätte sie nicht schlagen dürfen, denkt Charlie und kämpft plötzlich mit den Tränen. Dass war furchtbar feige und falsch von mir, sie ist doch erst acht Jahre alt.

ENDE

Diese Geschichte ist (in leicht abgeänderter Form) meine Geschichte. Ob Charlie (Name wurde geändert) wirklich so dachte und fühlte, weiß ich nicht. Ich kannte nicht mehr als seinen Vornamen … aber ich weiß noch sehr genau, was ICH damals dachte und fühlte.

Ich habe Charlie verziehen, der Mann lebt heute nicht mehr. Seine „Liebe“ und das Spiel mit der Macht hat mich geprägt, und sie wirkt noch heute.

Die Charlie-Geschichte widme ich allen Überlebenden: Denn es können nur Betroffene wirklich nachempfinden, wie es sich seelisch anfühlt Missbrauchsopfer zu sein und wie man immer wieder erneut gegen diesen drohenden Tod ankämpft. Das macht einsam, ich weiß. Man kann nie vergessen und wahrscheinlich auch nie verzeihen – aber es hilft, wenn man irgendwann versucht es zu verstehen …

FORTSETZUNG FOLGT – Ja, da kommt noch mehr …

13.01.2016 - 006-neu-Text

Der Psychopath und ich Teil III


(Foto: Lisa Spreckelmeyer / pixelio.de)

Ich kann es gerade selber nicht fassen, dass ich tatsächlich die ganze Geschichte hier erzähle. Aber ich glaube, dass genau diese Offenbarung ein wichtiger Schlüssel ist. Daher kommt die Fortsetzung dieser unglaublichen Geschichte (die zugegebener Maßen kaum zu glauben ist) noch vor Weihnachten … ein letzter Teil „Nach Tag X“ wird aber auch noch kommen. 🙂

Das Ganze, was jetzt kommt, ist weniger schlimm für mich, eher unglaublich peinlich, wie blind ich war. Zudem finde ich es äußerst faszinierend, wie sehr die eigenen Seele darum kämpft, nicht vollkommen in der Finsternis zu landen.

Oh Gott, ich bin ganz aufgeregt. Wir nähern uns dem 30. August 1999 – der Tag, der mein Leben grundlegend veränderte …

Kurz Vorweg: Ich muss in diesem folgendem Text ein bisschen zwischen Berichterstattung und Storymodus hin und her schwenken – dieses Erlebnis ist wirklich schwer in Worte zu fassen und ich möchte auch nicht mehr so tief in das Geschehen rein – das ist echt unerträglich.

Heute kann ich tatsächlich darüber schmunzeln. Erst recht, nachdem mir ein Psychiater mitfühlend auf die Schulter klopfte und sagte: „Frau Lahr, selbst der friedlichste Mensch auf Erden, kann ausrasten, wenn er dazu getrieben wird. Machen Sie sich keine Sorgen, alles wird gut.“

Es folgt jetzt:

(Auch hier bitte ich wieder um Nachsicht bezüglich des Schreibstils, vieles habe ich im Jahr 2000 geschrieben)

Der Psychopath und ich Teil III

Chronologie des Überschnappens

Ich bin`s wieder, der Thomas. Ich bin unterbrochen worden. Ich hasse es, wenn man mich unterbricht. Das ist respektlos.

Wo war ich stehen geblieben?

Ach ja …

Sie hat Tabletten geschluckt. Selbst dafür ist sie zu dumm.

„Lass mich sterben…“, hat sie gesagt.

Ich wollte einen Krankenwagen rufen, aber habe es nicht getan. Sie hätten zu viele Fragen gestellt und sie hätten sie in eine Psychiatrie eingewiesen. Dort hätten sie noch viel mehr Fragen gestellt… und sie von mir weggerissen.

Das konnte ich nicht zulassen …

Ich musste sie irgendwie zum Kotzen bringen …

Ich schüttete so viel Milch in sie rein, bis ihr Magen leer war. Dann legte ich sie ins Bett und hoffte, dass sie irgendwann wieder aufwachte und mir auf ewig dankbar sein würde.

War sie aber nicht …

Im Gegenteil …

Als sie am nächsten Tag wieder aufwachte, heulte sie sofort los und jammerte unentwegt, weil sie immer noch lebte. Sie schämte sich so sehr, dass sie lieber tot gewesen wäre. Sie konnte mir nicht mehr in die Augen sehen. Das passte gut, somit hatte ich einen triftigen Grund und auch die richtige Situation, um ihr mitzuteilen, dass ich mich von ihr trennen werde. Ich hatte schon vor Wochen jemand anderes kennen gelernt – nennen wir sie an dieser Stelle mal Saskia – sie war jung, blond, nicht besonders klug, schlank und trug gerne hochhackige Stiefel und Miniröcke. Ja, Saskia war eine Frau, die weiß, was Mann wünscht und sie himmelte mich an, im Bett war sie allerdings keine Leuchte.

„Das, was du getan hast, verzeihe ich dir nie, es ist Schluss!“, habe ich ihr gesagt.

Sie war reumütig wie noch nie. Sie hätte in diesem Moment alles für mich getan und flehte mich auf Knien an, dass ich sie nicht verlassen und nicht allein lassen sollte … nicht jetzt.

Nicht jetzt?

Wann dann?

Wenn sie noch mehr Mist baute und ich mit in die Verantwortung gezogen wurde?

Nein, das war mir zu heiß …

Ich erklärte ihr, dass ich auf so Psychotanten, wie sie, kein Bock mehr hatte und begann auch am gleichen Abend meine Sachen zu packen. Sie verfolgte mich dabei mit Blicken, die mich an einen getretenen Hund erinnerten. Zu verletzt, um dem Geschehen keine Bedeutung zu zuschustern, zu scheu um sich aufzulehnen. Dann griff ich nach dieser Tasche …

Es war eine Polizei Einsatztasche, mit Halter für Taschenlampe, Schlagstock und anderem Zubehör. Sie hatte sie sich extra für den Nachtdienst für viel Geld gekauft, interessierte mich aber in dem Fall nicht. Saskia würde es bestimmt imponieren, wenn ich mit dem Ding heute Nacht vor Ihrer Türe stehen würde.

„Das ist meine Tasche, die bleibt hier“, zischte sie und riss mir die Tasche aus der Hand. Dann kippte die gerade darin platzierten Klamotten wieder aus.

Mutig …

Sehr mutig …

Ich verstand nicht warum sie plötzlich diese Tasche zum Unum des Universums machte, statt mich weiterhin vom Gehen zu hindern. Aber sie verteidigte diese Tasche, ohne scheinbar die Konsequenzen zu fürchten. Das war sehr respektlos. Allerdings war ich mir ihrer Labilität schon bewusst, sodass ich es vermeiden wollte handgreiflich zu werden. Ein Entschluss, denn sie offenbar ausnutzen und überspannen wollte. Immer wieder entriss sie mir die Tasche und mir blieb irgendwann gar nichts anders übrig als ihr einen kurzen Schlag auf den Solarplexus zu verpassen. Sie wusste, wie man einen solchen Angriff abwehrte. Sie hatte es oft genug beim Wing Tsun Training geübt – selbst Schuld.

Der Schlag hatte gesessen. Japsend saß sie auf dem Boden und ließ mich gewähren. Das dachte ich zumindest. Nach dem ich die Tasche fertig gepackt hatte und in den Flur trat, erwartete sie mich bereist mit finsterer Mine. Ich war beeindruckt, so wütend, fast schon hasserfüllt hatte sie mich noch nie angesehen. Und das alles wegen dieser dämlichen Tasche?

„Vergiss es! Du kommst hier nicht raus, nicht mit dieser Tasche, das ist meine!“

Für einen kurzen Augenblick schaffte sie es echt mich sprachlos zu machen. Sie stand dort vor mir bewachte die Haustüre, in ihren Händen die große Maglite Taschenlampe. War das ihr kläglicher Versuch mich zu bedrohen?

„Wen willst du denn damit beeindrucken?!“ Ich lachte laut.

Irritiert und ängstlich verfolgte sie jeden meiner Schritte und zuckte zurück als ich einen Schritt auf sie zu trat.

„Na los, schlag zu!“, sagte ich lächelnd. „Na komm schon, ich tu dir auch nichts. Zieh mir dieses Ding über den Schädel und du wirst sehen, wie gut das manchmal tut.“

Ich sah ihr tief in die Augen. Sie füllten sich mit Tränen. Sie füllten sich mit jämmerlichen Feigheitstränen. Ich wusste, sie würde mich niemals mit diesem Ding schlagen, sie würde überhaupt niemals jemanden schlagen.

„Du bist so eine feige Sau und dumm wie zwei Meter Feldweg. Du kannst nichts, du bist nichts und ich bin froh, dass ich dich los bin.“

Ich schob sie unsanft beiseite, trat durch die Türe und verließ (mit der Tasche!) die Wohnung. Aus der Ferne hörte ich noch ein lautes Krachen. Die teure Maglite schien gegen die Wand geflogen zu sein. Die hat echt nicht mehr alle Latten am Zaun.

Zwei Tage später bekam ich einen Anruf von diesem Carsten. Er war ganz aufgeregt.

„Ich war heute bei ihr. Sie hat mir erzählt, dass du sie wegen der Sache mit den Tabletten verlassen hast. Thomas, ernsthaft?! Du hättest sofort den Krankenwagen rufen müssen!? Wie kann man nur so verantwortungslos sein? Was wäre, wenn sie drauf gegangen wäre? Sie braucht Hilfe, siehst du das denn nicht?! Ich hab ihr gesagt, dass wenn sie meine gewesen wäre, dann hätte ich sie sofort einweisen lassen!“

„Ja, mach doch?! Wenn du dich so um sie sorgst … Arschloch!“

Ich wunderte mich, dass Carsten sie besuchte. Und ich wunderte mich noch mehr, dass sie Carsten die Sache mit den Tabletten erzählt hatte. Es sollte doch niemand erfahren?

Knapp 4 Wochen vergingen.

Ich lebte bei Saskia und ich dachte, ich hätte bei ihr endlich meine Ruhe. Aber sie war auch nicht besser. Sie ging mir besonders mit ihrem Schönheitsgetue auf den Sack. Immer wieder wollte sie eine Bestätigung von mir, dass ich sie toll und sexy fand. Zum kotzen diese Weiber!

Meine Ex sah ich hin und wieder auf der Arbeit. Sie hatte in den letzten Wochen fast 10 Kilo abgenommen und sah echt schlecht und fertig aus. Sie erklärte, die Gewichtsabnahme käme vom Absetzen der Anti-Babypille. Sie sagte, ohne Freund könnte sie sich das Geld ja sparen. Später erfuhr ich allerdings, dass sie ihr ganze Geld, inklusive Miete verzockte, und oft kein Geld für Essen hatte. Sie ist so eine Hohlbirne! Allerdings ließ sie mich auch bei jeder Begegnung wissen, dass es ihr ohne mich deutlich besser ginge.
Was bildete sie sich eigentlich ein? Außer mir wird es keinen Mann geben, der es länger als vier Wochen mit ihr aushält. Ich war mir sicher, sie trauerte mir insgeheim noch immer noch hinterher. Was mich aber am meisten störte: es scharwenzelte ständig dieser Carsten um sie herum.

Ich musste mir hier dringend etwas einfallen lassen …

Was ich dann auch tat …

Ich habe sie heute getroffen und ihr von meiner Operation erzählt, die mich in ein paar Tagen erwartet, damit mein Rücken wieder in Ordnung kommt: die Ärzte im BWZK sagten, die Migräne sollte mit diesem kleinen Eingriff der Vergangenheit angehören – das stimmte. Allerdings habe ich ihr dann auch erzählt, dass die Ärzte bei der Voruntersuchung, Auffälligkeiten im Blut gefunden hätten. Metastasen. Der Blutkrebs der mich auch in meiner Kindheit verfolgt hat, ist wieder zurückgekehrt – das stimmte nicht.

„Ich habe nur noch knapp sechs Monate … sorry, dass du es so, zwischen Tür und Angel erfahren musst“, sagte ich und sah ihr direkt in die Augen. Sie hätten sie mal sehen sollen. Ihr ist die Farbe aus dem Gesicht gewichen.

„Du verarschst mich doch schon wieder …?!“, legte sie hoffnungsvoll hinterher.

„Spinnst du? Mit so etwas macht man keine Witze …!“

In diesem Augenblick konnte ich genau sehen, wie diese Nachricht sie wieder komplett aus der Bahn warf und sie wieder voll auf mich konzentriert war. Ich erklärte ihr, dass ich jetzt keinen Stress und keinen Ärger gebrauchen konnte und nur noch Frieden. Sie war bereit alles zu tun, was mir irgendwie helfen konnte. Und mir konnte so vieles Helfen. Insbesondere, dass sie wieder nach meiner Pfeife tanzte.

Mann, bin ich gut!

Und als ich irgendwann wieder mit meinen Klamotten – und IHRER Tasche vor ihrer Tür stand, und ihr sagte, wie sehr ich sie doch liebe und wie sehr sie mir gefehlt hat, war ich mir sicher, dass für sie der Himmel auf Erden gekommen war. Doch ihre Begeisterung hielt sich bei ihr in Grenzen. Sie stammelte rum, dass sie alles, was passiert war noch überhaupt nicht verarbeitet hatte. Sie fühle sich seit dem Geschehen im Wald so seltsam und zu wissen, dass ich bald sterben würde, machte sie nur noch fertiger.

Irgendwie süß, wie naiv sie ist …

Aber ich glaube, in Wahrheit wollte sie nur verbergen, was sie sich in den letzten Wochen für unglaubliche Fehltritte geleistet hatte. Für die sie eigentlich täglich eine Tracht Prügel verdient hätte. So viel Geld verspielt. Aber sie hatte inzwischen dazu gelernt. Sie schaffte es immer wieder rechtzeitig durch die Haustüre in den angrenzenden Wald zu fliehen und kam auch erst dann wieder, wenn ich mich beruhigt hatte. Manchmal fuhr ich ihr mit dem Geländewagen hinterher, meistens aber nicht.

Ich änderte meine Taktik. Als mir einmal Vorwürfe wegen Saskia machte, kettete ich sie mit meinen Handschellen – mit Doppelkette Chrom, stabile Ausführung – an einen Stuhl fest und wartete so lange, bis sie mich anflehte sie loszumachen. Sie hätten sie sehen müssen, als ich mit den Schlüsseln in der Tasche die Wohnung verließ und erst 30 Minuten später wieder kam. Ich fand`s lustig – sie nicht.

Ach, hatte ich erwähnt, dass Saskia und ich aber immer noch ein Paar waren? Ich erzählte ihr, dass ich meine Ex im Moment nicht alleine lassen könnte, aber dennoch ihr kleiner Liebesgott bleiben würde. Ein Doppelleben zu führen ist eine Herausforderung, aber machbar und ich hatte immerhin dazugelernt. Saskia ließ mich immer ran wann ich wollte, allerdings ist ein völlig neues, sexuelles, Problem mit der Anderen aufgetaucht. SIE hätte mich wohl wieder ran gelassen, aber sie hatte die Pille abgesetzt und weigerte sich, diese auch wieder zu nehmen, mit der Begründung: „Wozu? Du bist doch sterilisiert.“ Nun ja, das ist jetzt blöd gelaufen. Wir sprachen vor vielen Monaten einmal über Kinder. Sie sagte, dass sie irgendwann gerne Kinder haben möchte, ich sagte ihr, dass ich bereits zwei Kinder hätte und in diese schlechte Welt keine Kinder mehr setzen möchte und aus diesem Grund eine Vasektomie vorgenommen hätte, was allerdings gelogen war. Manchmal wundere ich mich echt selbst über die Scheiße, die da manchmal aus meinem Mund kommt …

Tja, dumm gelaufen …

Egal …

Um eine Schwangerschaft zu vermeiden, wurde ich ganz plötzlich impotent und gab sowohl ihr Verhalten als auch den Medikamenten gegen Krebs die Schuld dafür. „Bei dir kriegt man ja keinen hoch“, sie hat das sehr persönlich genommen. Wieder fein raus.

Und ich kann auch ein wenig Gott spielen … ich entscheide, ob sie schwanger wird von mir.

[Perspektivenwechsel – So, jetzt rede ICH ]

Der Countdown läuft …

28.08.1999, irgendwann Nachmittags

„Was laberst du mich jetzt hier voll? Meine Blutwerte haben sich halt ganz plötzlich wieder verbessert! Was ist dein Problem? Sei doch froh! Und mit Saskia habe ich definitiv nicht telefoniert! Wir haben keinen Kontakt mehr! Du bist so bescheuert, sei froh, dass wir hier in einem Einkaufscenter sind, sonst würde ich dir eine rein hauen!“

Wie von einer unsichtbaren Macht gesteuert erhob sich reflexartig meine rechte Hand und zeigte ihm den ausgestreckten Mittelfinger. Ich hatte alles gesagt und sah keinen weiteren Grund noch länger hier zu bleiben. Ich drehte mich um und ging.

Ich habe mich umgedreht und bin gegangen? Das hatte ich doch noch nie geschafft?

Wie in Trance lief ich durch das Einkaufscenter, ohne zu wissen wohin und warum. Leukämie, nur noch 6 Monate zu leben und jetzt plötzlich Wunderheilung? Und das mit Saskia würde ich mir nur einbilden? Ich hab die Liebesschnulzen SMS zwischen den beiden doch gelesen? Der verarscht dich doch! Saskia und er verarschten dich! Alle verarschen dich! Du verarschst dich selbst!

Ich musste weg! Ganz weit weg! Irgendwohin! In wenigen Tagen würde ich um zwanzig tausend Mark reicher sein. Ein schufafreier Sofortkredit – das müsste genügen um sehr, sehr weit weg zu kommen und zwar ohne ihn.

Ich fuhr nach Hause.

Das erste was ich tat, den Inhalt des Briefkastens zu überprüfen. Und irgendwo inmitten der weiteren Mahnungen, Drohbriefen und der Kündigung für meine Wohnung, steckte wirklich ein Brief der viel versprechend aussah. War es die Benachrichtigung , auf die ich die ganze Zeit wartete? War es endlich doch soweit? Nervös und fast brutal, riss ich den Umschlag auf und zerstörte dabei fast dessen Inhalt. Als ich die wenigen Zeilen las und mir anschließen noch ein weiteres Schriftstück in die Hände fiel, bereute ich es fast, dass ich es nicht getan hatte.

Sehr geehrte Frau Lahr,
gern würden wir ihren Kreditantrag schnellstmöglich weiterbearbeiten, doch es fehlen uns noch einige Angaben. Bitte füllen sie die beiliegenden Unterlagen vollständig aus und senden sie diese an uns zurück.

Mit freundlichen Grüssen bla, bla, bla!

Meinen Kreditantrag schnellstmöglich bearbeiten?!

Mit einer immer größer werdenden Wut im Bauch, überflog ich die Fragen, die sie noch für ihre schnelle Bearbeitung brauchten.

Verfügen über Kapitalversicherungen? Verfügen sie über Wertgegenstände? Sparanlagen? Haben sie sonstiges Vermögen?

„Natürlich nicht ihr Idioten, sonst bräuchte ich doch nicht die scheiß Kohle“, brüllte ich und hatte plötzlich diese schrecklich Befürchtung.

Wenn sie die Nachweise über die erforderlichen Sicherheiten beigefügt haben, wird es nicht mehr lange dauern, bis sie sich ihre Wünsche erfüllen können.

Es wird nicht mehr lange dauern?

Es wird nicht mehr lange dauern, bis ich sehr, sehr böse werde!

Ob ich wirklich geglaubt habe, nachdem ich 100 € Bearbeitungsgebühr bezahlt hatte, von einem Kredithai 20.000 Euro zu bekommen? Nein, aber, was wäre, wenn doch?

Mein letzter Funken Hoffnung starb. Ohne Geld, kein Entkommen vor dem was sich hier seit Tagen zusammenbraute. Und es würde sich etwas zusammenbrauen, wenn Thomas mir in den nächsten Stunden in die Quere kam. Ich hatte Nachtdienst, die Chance stand gut, dass ich ihm nicht begegnete.

29.08.1999
01.23 Uhr, Foyer Extra Koblenz

Es war still. Nur das stetige Rauschen der Fahrzeuge, die über die B9 fegten war zu hören. Ich stand an der Hintertüre und starrte hinaus in die Dunkelheit. Die zwei Penner waren inzwischen verschwunden, diesmal ging es ohne Polizei. Der Mann und die junge Frau, die sich noch vor wenigen Minuten auf der Motorhaube des Porsches vergnügten, hatten sich inzwischen wieder in den Wagen zurückgezogen. Nein, ich hatte sie diesmal nicht verjagt… ich war zu müde… vielleicht war ich auch zu sehr um das Wohlergehen dieser kleinen Nutte besorgt, denn ich kannte und mochte sie…außerdem: Sollten sie es doch miteinander treiben, wo sie wollten? Hauptsache er bezahlte sie gut, denn sie hatte sich diesmal viel Mühe gegeben, fand ich zumindest.

Sie hat sich viel Mühe gegeben…

Wofür?

Für Geld!

Und wofür hast du dir immer so viel Mühe gegeben?

…etwa dafür, das man dir danach sagt, das es schön war?

…etwa dafür, das man dich danach anschaut und DANKE sagt?

…etwa dafür, das man dir nachher einen Orden dafür verleiht?

Ich kenne die Antwort…

… und du kennst sie auch!

Die Taschenlampe flog gegen die Wand, dicht gefolgt von meinem Schlüsselbund und ich verspürte plötzlich den starken Drang noch viele weitere Gegenstände an Wände zu schmeißen, nur um dieser verfluchten Stimme… meinen Gedanken… nicht mehr zuhören zu müssen. Sie waren neuerdings so penetrant, provozierend, verwirrend und gaben mir immer mehr das Gefühl sie nicht mehr alle an der Schüssel zu haben. Reichte es nicht, dass mich Thomas mit seiner kranken Scheiße in den Wahnsinn trieb?

Ich bekam Angst. Ich bekam wieder diese schreckliche Angst vor mir selbst, vor dem Übel an und in mir, was mich zu Handlungen trieb, die ich nicht wollte und was mich Dinge sagen ließ, die ich nicht sagen wollte und was mich denken ließ, was ich nicht denken wollte. Ich hatte einfach keine Kontrolle mehr über mich… über mein Handeln …über mein Denken. Und in dieser Nacht geriet ich regelrecht in Panik, denn neben dieser fehlenden Selbstkontrolle, wusste ich wahrhaftig, dass sich in dieser Nacht etwas großes Ungutes in mir zusammenbraute. Etwas Ungutes, das mich fast dazu trieb, einen der unzähligen Kühlschränke der schlafenden Diskothek zu plündern, um mich noch während der Arbeitszeit mit Miller und Sol ins Koma zu saufen, damit es nicht noch schlimmer und unguter wurde.

Aber dazu kam es nicht mehr…

Denn ich saß dort im Foyer und kämpfte plötzlich mit Atembeschwerden, Herzrasen und Schweißausbrüchen – die klassische Panikattacke, die ich jedoch vorher noch nie so erlebt hatte und deshalb auch nicht einmal annähernd wusste, dass es eine Panikattacke war. Bilder und Gedanken schossen mir durch den Kopf, wirr zusammenhangslos, unverständlich und über allem das Gefühl daran ersticken zu müssen und dann noch diese unsagbare Wut.

Wie konntest du dich nur so verarschen lassen?

Angst, Wut und Verzweiflung… keine besonders gesunde Mischung … nicht für mich. Ich weiß nicht mehr wie lange ich mit diesem schrecklichen Gefühl kämpfte und wie viel Dinge ich versuchte, um dagegen anzukämpfen. Ich weiß nur noch wo dieser Kampf schließlich endete – und das unglaublicher Weise an einem Schreibtisch, quasi zwar auf Papier.

Ich fing einfach an zu schreiben…

Ich hatte seit drei Jahren nichts mehr geschrieben…

Ich schrieb stundenlang. Gedankenlos, zusammenhanglos und ohne überhaupt nur annähernd zu wissen was ich da schrieb. Ich wusste nur, dass ich damit nicht mehr aufhören konnte, bzw. nicht mehr aufhören wollte. Denn ich spürte, dass zwischen mir, diesem Stift und den Blättern plötzlich eine seltsam vertraute Verbindung bestand. Eine Verbindung, die ich noch nie zuvor erlebt hatte und die mit jedem weiteren Wort das ich schrieb, noch vertrauter und noch inniger wurde. Etwas in mir hatte die Herrschaft über mich und meine Hand gewonnen und es bombardierte dieses Blatt mit all den Dingen, die ich nie gewagt hätte zu schreiben und von denen ich auch nicht wusste, das ich jemals in der Lage sein würde, überhaupt solche Dinge zu schreiben und ich fühlte mich plötzlich so gut dabei. Und immer dann, wenn ich aufhörte zu schreiben und den Stift weglegte, dann kam die Angst zurück und deshalb schrieb ich immer weiter. Ich fügte mich dieser „Gewalt“, die ich auf diesem Papier in allen Variationen und Formen zum Ausdruck brachte, ohne scheinbaren Sinn und Verstand. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: ich schrieb einen Brief. Ich schrieb einen Brief an mich selbst, in dem ich mir auch zum ersten Mal in diesem Leben die Wahrheit sagte…die ganze Wahrheit, inkl. Antwort auf die Fragen: Wer bin ich? Was bin ich? Und warum bin ich so geworden?

Erst als mein Dienst schließlich beendet war und ich zu Haus ankam, wagte ich es diese zehn Seiten zu lesen. Ich las sie. Ich las sie noch mal und noch mal und was danach passierte, ist eigentlich schnell gesagt. Ich verfiel in eine Art Schockzustand, denn auch wenn ich mir krampfhaft einzureden versuchte, dass ich nicht verstand, was auf diesen Seiten stand, kapierte ich dennoch genug, um zu begreifen, das mein ganzes Leben nur aus Lügen um mich herum bestand, dass ich selbst eine einzig große Lüge war und das alles, was ich jemals gesagt und getan habe, aufgrund Lügen anderer basierte. In Verbindung mit plötzlich wieder aufgetauchten traumatischen Kindheitserinnerungen und auch solche, die noch nicht lange zurücklagen – ich glaube, das war an diesem Tag ein klein wenig zu viel Input auf einmal.

Dieser Schockzustand zeichnete sich im Verlauf des Tages zunächst in eine Art Apathie aus und schwenkte dann gegen Nachmittag wieder urplötzlich in Panikattacken um. Panikattacken, die mich schließlich dazu trieben die falschen Leute zur falschen Zeit aufzusuchen, in der Hoffnung, dass sie mir halfen – was mir letztendlich aber noch mehr geschadet hatte. Denn auch wenn ich bereits „OVERLOAD“ zu diesem Zeitpunkt auf der Stirn stehen hatte, hielt es diese Menschen jedoch nicht davon ab mich weiterhin zu belügen und zu betrügen – dummerweise war es mir an diesem Tag bewusster denn je und es machte mich auch noch wütender.

Aus Angst, das ich plötzlich das tun würde, was sich in meinem Kopf abspielte – und das was sich da abspielte war nicht besonders schön – plünderte ich schließlich mein Bankkonto, besuchte ein Reisebüro und plante für den nächsten Tag meine Ausreise aus diesem Land. Ich wollte nur noch weg… ganz weit weg… hauptsächlich aber weg von mir selbst… und vor dieser Wahrheit… und diese unkontrollierbare Wut die dadurch entstanden war.

Ich musste mich beschäftigen, um nicht durchzudrehen. Ich war so außer mir, so wütend. Erst schaltete ich die Anlage auf volle Lautstärke. Musik brachte mich immer runter. Musik tat gut, Musik linderte manchmal den Schmerz. Es half nicht. Schließlich begann ich wie von Sinnen, die Wohnung aufzuräumen. Es war wie ein Zeichen, ein böses Omen, dass mir dabei immer wieder Briefe und Dinge von Thomas in die Hände fielen, die mir einmal etwas bedeuteten. Auch fand ich meinen Ordner mit allen Geschichten und Texten, die ich bis dahin in meinem Leben geschrieben habe. Ich verspürte diese Abneigung. Es war als ob ein böser Fluch auf all diesen Dingen lag. Und plötzlich hatte ich den Drang sie zu vernichten und zwar sofort! Ich musste nicht lange überlegen, bis ich einen geeigneten Ort und die geeigneten Mittel fand. Die Terrassentüre flog auf, die Briefe, kleinen Präsente und meine Geschichten direkt hinterher. Und es machte irgendwie Spaß, den Haufen mit einem Feuerzeug im Garten in Brand zu stecken.

Fasziniert blickte ich auf die Flammen, die diese ganzen schönen Erinnerungen verschlangen und sie zu dem machten, was mein Leben jetzt noch war. Ein großer Haufen verlogener Asche!

Irgendwie hatte nicht bemerkt, dass Thomas inzwischen nach Hause gekommen war. Und ich wusste auch nicht wie lange er schon in der Terrassentür stand und mich beobachtete. Ganz plötzlich stand er neben mir. Eine Situation, die mich normalerweise hätte erschrecken müssen, denn ich hatte nicht damit gerechnet, dass er genau in diesem Moment nach Hause kommen würde. Aber es war ganz seltsam. Ich zuckte noch nicht einmal zusammen. Es war, als würde ich ihn gar nicht richtig wahrnehmen.

„Ist dir kalt? Oder warum machst du ein Lagerfeuer?“, sagte Thomas plötzlich und er machte kein Geheimnis daraus, dass er diesen Anblick erheiternd fand. Das störte mich.

„Was ist jetzt schon wieder dein Problem?“, fragte er und begann in meiner Feuerstelle herum zu treten. Und das störte mich noch mehr, es machte mich sogar rasend. Nicht, dass er auf mir herumtrat, jetzt zerstörte er auch noch den einzigen Lichtblick, den ich für einen kurzem Moment hatte. Und wenn es sich dieser nur auf ein paar Fetzen Papier und verkokelten Plüschtieren handelte. Ich spürte wie er mich mit seinen Blicken fixierte und auf eine Erklärung von mir wartete. Als das Feuer unter seinen schwarzen Schuhen schließlich erstickte, wandte ich mich schweigend ab und ging ohne ihm weiter Beachtung zu schenken wieder zurück in die Wohnung. Ich drehte die Anlage ab und genoss für einen kurzen Moment die Ruhe.

Die Ruhe vor dem Sturm?

Vielleicht die letzte Ruhe die ich haben werde?

Ich hörte wie Thomas ebenfalls durch die Terrassentüre in die Wohnung kam und spürte, wie er mich mit seinen Blicken verfolgte.

„Hallo? Bekomme ich vielleicht eine Antwort? Du treibst mich echt noch in den Wahnsinn!“

Wahnsinn? Du blödes Arschloch, weißt du überhaupt was es bedeutet wahnsinnig zu werden? Wenn ganz langsam deine Sinne dich verlassen und dein Kopf nur noch Dinge denkt, die du nicht denken willst? Wenn dein Kopf dir befiehlt Dinge zu tun, die du nicht tun willst? Du hast doch keine Ahnung! Nichts weißt du und ich bin auch froh darüber, dass du nicht weißt was in mir vorgeht, sonst …

„Es ist besser, wenn du jetzt gehst!“, sagte ich kühl.

… sonst, mach ich dich kalt!, legte ich stumm hinterher.

Und er tat mir den Gefallen. Ich wusste, er hatte sich ohnehin mit seiner Saskia verabredet. Thomas schaute mich mit einem fast entschuldigenden Blick an und streifte seine Jacke über.

„Ich bin dann mal weg …“

Keine Antwort von mir.

Die Nacht vom 29. Auf den 30. August

Ich verfiel in einen unruhigen Schlaf. Ständig wurde ich von schrecklichen Träumen heimgesucht. Träume, in denen ich durch einen dunklen Wald irrte, weil mich irgendetwas… irgendjemand verfolgte. Vielleicht ein wildes Tier… ein tollwütiger Hund… ein aufgebrachtes Wildschwein… oder das Wesen mit den Klauenhänden? Thomas? Vielleicht war es auch die Leibgarde von Hinkebein, dem übelsten Zuhälter von der Rheinschiene… nachdem er eines Abends einem seiner Schäfchen…das Mädchen vom Parkplatz…das Gesicht verschönert hatte, träumte ich oft von ihm… von ihm und seinem widerlichen Gesicht und wie er gegrinst hatte, als das Schäfchen der Polizei erklärte, dass sie nur gestürzt sei und sie auf gar keinen Fall Anzeige erstatten wollte…Ich? Ihn Anzeigen? Um Gottes willen, NEIN! und wie er sie anschließend lächelnd an die Hand nahm und sie über den Parkplatz schubste und sie mir zum Abschied noch zuwinkte.

Vielleicht war es auch sie selbst gewesen, die mich durch den Wald jagte…du hast meine Angst gespürt und du wusstest, warum ich ihn nicht angezeigt habe…warum hast du mir nicht geholfen? Warum überlässt du mich meinem Schicksal? Warum lässt du es zu, dass er mir so etwas schreckliches antut? Ich wusste es nicht… natürlich wusste ich es… ich wollte es nur nicht wahrhaben. Ich wusste nur, dass ich schreckliche Angst vor meinem Verfolger hatte.

Irgendwann endete die Flucht… sie endete immer dort… nicht nur im Traum. Ich setzte mich auf diesen bemoosten Baumstumpf, auf dem ich schon oft gesessen hatte, wenn es mir schlecht ging. Ein Baumstumpf irgendwo inmitten des Westerwaldes, umgeben von Baumleichen, Zigarettenkippen, Angstschweiß, Tränen und Blut, aber mit einem Ausblick der einem den Atem rauben konnte, wenn man den Blick dafür hatte. Aber ich hatte keinen Blick für irgendetwas, wenn ich dort saß… oder sitzen musste… aus Angst dort gefunden zu werden. Dieser geheimer Ort… er durfte niemals entdeckt werden… denn er verbarg alle stummen Geschichten, die ich niemanden… nur diesem Ort… erzählen wollte. Es war so ruhig und so friedlich dort…Im Traum sagte ich nichts und starrte nur auf die Waffe, die sicher in meiner Hand lag. Ich wusste nicht woher ich sie hatte und ich wusste auch nicht, was ich damit wollte. Ich wusste nur, dass ich sie gebrauchen würde… früher oder später… ich musste nur noch warten, bis der Verfolger mich entdeckte.

Und er kam…

Nein, sie alle kamen…

Und ich hörte sie rufen:

Warum läufst du denn vor uns weg? Warum stellst du dich denn schon wieder so an? Das ist doch alles gar nicht so schlimm und das ist doch kein Grund zum weinen, oder um wegzulaufen!

Eine Horde die unaufhaltsam den Hang hinunter rollte und auf mich zu steuerte. Ihre Hände ausgestreckt wie hungrige Zombies… ihre Gesichter verzerrt zu grässlichen Fratzen… grässliche Fratzen in Form von einem falschen Lächeln, höhnischem Grinsen, kalten Augen. Und ich kannte sie alle. Sie waren mein Hass, meine Verletzungen, meine Abscheu und mein Verderben und sie alle gingen im Einklang mit meinem Vertrauen, mit meiner Liebe und meiner Freundschaft.

Du siehst müde aus Schätzchen, hast du Kummer?

…mir kannst du doch alles erzählen!

Hey Schnecke, machen wir heute abends einen drauf?

…du bist so süß!

Du brauchst doch keine Angst vor mir zu haben, ich tu dir nichts!

Sag, geht es dir nicht gut?

Ich schrie. Ich warf mit Steinen nach ihnen, ich flehte…

Haut ab! Lasst mich Ruhe!…und bettelte, aber sie kamen immer näher….

Ich liebe Dich!

Wir lieben Dich!

Ich hob die Waffe… ich zielte… und ich drückte ab… einmal, zweimal, dreimal…immer und immer wieder… die Schüsse, die sich lösten waren lautlos… die Schüsse die sich lösten waren wirkungslos… die Waffe in meiner Hand nicht geladen… vielleicht, weil ich nicht wollte, das sie geladen war?

Böses Mädchen!

Schlechtes Mädchen!

Dummes Mädchen!

Sag, wen willst du denn jetzt damit beeindrucken?

Ich hab Schokolade für dich, meine Kleine …

…kannst du eigentlich blasen?

Die Waffe in meiner Hand schnellte entschlossen in die Höhe. Das kalte Eisen berührte meine Schläfen…

Nein, tu das nicht!

Der Schuss der sich löste dröhnte in meinen Ohren…der Schuss der sich löste tat seine Wirkung….

…ich wachte auf.

30.08.1999, gegen 10.00 Uhr

Schon lange lag ich in dem immer kälter werdenden Wasser und starrte an die Decke des Badezimmers. Ich wurde dieses schreckliche Gefühl nicht los, das dieser Tag kein guter Tag war. Die Gedanken in meinem Kopf, das Gefühl in meiner Brust, dass mir die Luft zum atmen nahm. Ich wollte, dass sie Ruhe gaben und versuchte sie schließlich allesamt in der Badewanne zu ertränken. Doch sie lachte mich nur aus.

Es war ein Gefühl, als hätte sich ein dunkler Schatten über mich gelegt, der alles um mich herum verdunkelte. Die Sonne schien, aber ich konnte ihre Strahlen nicht mehr sehen.

Ich hatte kein Gefühlt mehr…

Leere…

Gegen 10.15 Uhr

Thomas betritt das Badezimmer und versucht mich in ein „ernstes“ Gespräch zu verwickeln. Die Worte die er sagte drangen kaum zu mir durch.

„Ich habe heute den ganzen Morgen Zeit gehabt um nachzudenken.“

Ich spürte plötzlich wie die Kälte des Wassers in meinen Körper zog und ich fröstelte. Er hatte Zeit zum nachdenken, ich konnte nicht mehr denken. Ich schaute ihn an. Sein Gesicht drückte eine merkwürdige Form von Verzweiflung aus, fast schon Angst und ich wusste, er wollte mir etwas sagen. Und ich wusste auch, das was er mir zu sagen hatte war genau so wie der Tag – einfach nicht gut.

„Naja, wenn ich dich störe, dann sag es, dann reden wir gleich.“

Ich legte die Arme schützend auf meine Brüste.Was sollte plötzlich diese Rücksicht? Warum war er so nett?

„Wie gesagt, ich habe echt lange darüber nachgedacht, wie ich es dir sagen soll. Zunächst möchte ich mich aufrichtig bei dir entschuldigen, für alles, was ich dir angetan habe. Das war nicht fair von mir. Ich habe einen großen Fehler gemacht, als ich zu dir zurückgekommen bin. Ich habe mir da selbst etwas vorgemacht.“

Pssst! Sei still! Ich will das nicht hören! Halt einfach den Mund und geh!

„Das tut mir leid, dass ich das jetzt so direkt sagen muss: Dich habe ich nie richtig geliebt. Saskia liebe ich eben … echt. Aber ich werde trotzdem immer für dich da sein! Immer.“

Ich stieß ein leises abfälliges Lachen aus. Dann fiel mir ein: Oh Gott! Ich muss mir doch noch die Haare waschen! Ich hatte vergessen mir die Haare zu waschen! Schnell tauchte ich meinen Kopf unter Wasser. Wie lange musste ich eigentlich Unterwasser bleiben, bis meine Haare Nass genug waren? Aber eigentlich war es doch egal, wie nass die Haare waren. Es war doch so schön hier unter Wasser.

So ruhig und so friedlich…

Verschwinde einfach aus meinen Leben, du Scheißkerl!

Ein leichtes Tippen auf meiner Schulter, brachte mich dazu wieder aufzutauchen. „Was machst du!?“, rief Thomas und er wirkte so beunruhigend.

„Ich muss mir noch die Haare waschen“, antwortete ich hektisch. Konnte er denn nicht sehen, wie dreckig sie waren?

„Ich dachte schon du wolltest dich ertränken.“

Thomas schaute mich verwirrt und abschätzend an.

„Bitte sag doch etwas dazu. Bitte!“

Ich drückte nervös und mit zittrigen Händen den letzten Rest Shampoo aus der Flasche und begann meine Haare einzuseifen. Oh ich musste dringend neues Shampoo kaufen. Es war fast leer.

„Hallo“, rief Thomas noch verwirrter, und setzte sich auf den Badewannenrand. Er wirkte, als wäre er gezwungen jeden meiner Bewegungen zu kontrollieren.

Ich musste unbedingt weiter meine Haare waschen. Wie von Sinnen rubbelte und schrubbte ich an meinen Haaren herum. Irgendwann stellte ich schließlich die Brause an und begann mir den Schaum aus den Haaren zu spülen. Und es war mir egal, dass er dabei nass wurde, es war mir egal, dass er dabei Ausblick auf meine Titten hatte und es war mir egal, was er sagte.

„Hallo, bist du überhaupt ansprechbar? Ich möchte bitte, das du etwas sagst, und wenn es Arschloch oder so was ist. Ich bin ein Arschloch! Ich bin ein Scheißkerl! Ich weiß!“

„Ich muss mir die Haare waschen“, entgegnete ich mit einer seltsam schrillen Stimme.

„Okay, dann will ich dich nicht weiter stören. Ich warte im Wohnzimmer auf dich.“

Nein, warte nicht! Geh!

Gegen 12.00 Uhr

Ich ließ mir das Wasser über den Kopf laufen und eigentlich dachte ich an gar nichts. Und es war erschreckend zu merken, das dies gut funktionierte. Nichts denken, nichts fühlen einfach leer… so musste es sich anfühlen, wenn man tot war!

Ich weiß nicht mehr wie viel zeit vergangen war, bis ich schließlich geföhnt und frisch bekleidet im Wohnzimmer stand. Thomas schien darauf gewartet zu haben.

„Und geht es jetzt besser?“

Wieder stieß ich nur ein lautes hysterisches lachen aus.
„Himmel, was ist denn los mit dir? Mehr fällt dir dazu nicht ein? “

Er stand von der Couch auf und ging in die Küche. Ich hörte wie er seelenruhig den letzten Rest Kaffee in eine Tasse schüttete.“Ich hoffe wir können trotzdem Freunde sein. So wie beim letzten mal.“

Nicht gut…

Kein guter Tag heute….

„Aber eigentlich wäre es mir doch lieber, wenn du mich ein wenig anschreist. Dann wüsste ich wenigstens wirklich, das alles in Ordnung ist.“

Alles Ordnung… alles Okay….?!

„Ich fahre auch gleich zu Saskia, damit du mich nicht länger ertragen musst. Das ist doch am besten. Meine Sachen hole ich dann später.“

Ich nickte. Nickte wieder und wieder. Und stellte mir dabei vor, wie es sich anfühlte, wenn man dies gegen eine harte Steinmauer tun würde. Hätte ich schmerzen? Oder würde ich dabei genau so wenig empfinden wie in diesem Moment.

Irgendwann kam Thomas mit der Tasse aus der Küche und setzte sich behutsam neben mich. Sanft stieß er mir gegen den Arm und sagte:

„Wirklich alles in Ordnung?“

„Tschüss“, sagte ich mit einer seltsamen klaren und gefassten Stimme. Wenige Minuten später verließ er die Wohnung.

Die Tür fiel ins Schloss. Ich hörte noch seine schnellen Schritte die Treppe hinauf. Etwas später, das laute Motorgeräusch seines Geländewagens. Dann war es still. Ich saß auf der Couch und starrte ins Leere.

13.00 Uhr
Ich saß immer noch auf der Couch und starrte ins Leere

14.00 Uhr
Dito

14.24 Uhr

Nein, ich bin nicht schlecht und ich bin auch nicht dumm

14.25 Uhr

Ich habe nie etwas Schlechtes getan…

14.26 Uhr

Ich habe mir immer sehr viel Mühe gegeben…

14.27 Uhr

Hat er wirklich gesagt, dass er mich nie richtig geliebt hätte?! Hat er das wirklich gesagt?!

Zugegeben, es hat eben etwas länger gebraucht, bis diese weitere Information in meinem Gehirn angekommen und begriffen wurde. Es war aber nicht der Satz oder die Bedeutung oder die Person die das zu mir gesagt hatte – es war vielmehr das, was dieser Satz in mir ausgelöst hatte und in welcher Verbindung er mit meinem verlogenem Leben stand – die Lüge, jemals ehrlich geliebt worden zu sein.

[Hier wieder die „Berichterstattung, um nicht tiefer gehen zu müssen, denn das ist echt schwierig]

14.28 Uhr
„Er hat mich nie richtig geliebt?“

Ja, und du hast es gewusst… du hast es immer gewusst… du wusstest es von ihm und du wusstest es von den anderen… Liebe kann man fühlen, Liebe kann man spüren, du hast diese Gegenliebe nie gefühlt.

„Ich habe es gewusst?“

Es musste also dann um 14.29 Uhr gewesen sein, als sich der Tropfen langsam in Bewegung setzte und in einem 60 Sekunden Fall sich zielsicher dem Fass näherte. Ein Zeitpunkt, in dem ich plötzlich eine Klarheit verspürte, wie wahrscheinlich noch nie zuvor in meinem Leben. Klarheit die mir eindringlich mitteilte zum Telefon zu gehen, eine Nummer zu wählen und zu sagen:

„Mein Name ist Nicole Lahr und ich habe da gerade ein klitzekleines Problem. Ich werde in weniger als einer Minute durchdrehen. Ich würde es gerne verhindern, aber dazu fehlt mir die Kraft. Bitte schicken sie einen Wagen vorbei – am besten gleich mit Zwangsjacke – denn ich werde gleich furchtbar wütend… quasi in drei, zwei, eins…“

Zu spät…

14.30 Uhr – ich weiß das noch so genau, weil ich vorher noch auf die Uhr geguckt hatte, so als wollte ich den Zeitpunkt des gänzlichen Überschnappens genau festhalten. Das Überschnappen, der Moment, als ich vor dem Spiegel stand mit selbst tief in dir Augen blickte und verlauten ließ: „JETZT REICHT ES!“

Und genau diese Aussage war der Startschuss für den wohl schlimmsten (und tatsächlich einzigen) Wutanfall meines Lebens. Und es begann wie in einem schlechten Film – das Zucken, dass durch ein Gesicht geht, wenn sich eine friedliche Persönlichkeit verabschiedet und nur noch das Böse zurück bleibt. Und plötzlich brach tatsächlich in mir die Hölle und der Teufel in mir los.

Das Telefon, mit dem ich gerade Hilfe rufen wollte, entglitt mir, dann stand ich auf und ging wie in Trance in die Küche. Und das wirklich erschreckende an dieser Situation war, dass ich das Gefühl hatte – im wahrsten Sinne des Wortes – neben mir zu stehen. Ich sah mich, und dass auch noch bei klarem Verstand, konnte aber nicht mehr über meinen Körper verfügen. Ich musste hilflos mit ansehen, wie ich anfing durchzudrehen. In der Küche angelangt, holte ich das größte Messer aus der Schublade und betrachtete es von allen Seiten.

Lass die Scheiße sein!

Ich weiß nicht, ob ich es nur laut ausgesprochen, gebrüllt, oder nur gedacht habe – aber diese Angst die ich in diesem Moment verspürte, war so ziemlich mit das Schlimmste, was ich je empfunden habe. Schlimmer noch als die Angst vor dem Tod durch Tabletten. Denn die Stimme in meinem Kopf befahl mir dieses Ding mir ins Herz zu rammen, damit es endlich aufhörte zu schmerzen.

Das Messer zitterte in der Hand und es hatte den Anschein, als ob wirklich zwei verschiedene Mächte anfingen, um die Vorherrschaft dieses Messers zu kämpfen. Das Böse … gegen das Gute.

Und das Gute in mir siegte irgendwann und ich schaffte es irgendwie, mich dazu zu bewegen das Messer quer durch die Küche zu schleudern. Vielleicht war es genau dieser Sieg, der diesen plötzlichen Selbsttötungswunsch in pure Zerstörungswut umwandelte, denn ich fing sodann damit an, meine Wohnung zu zerlegen. Gleich darauf flogen Tassen, Teller und alles was ich in die Hände bekam durch die Luft. Ich weiß nicht, wie lange ich durch die meine Wohnung tobte und alles was mir in die Finger kam demolierte und zerdepperte.

Zeitgleich – fast schon gelassen, ohne jeglichen Anflug von Panik – versuchte ich mich selbst zu beruhigen, ohne Erfolg. Und ich spürte wieder diese Panik in mir aufsteigen. Panik, die mich schließlich dazu trieb – ich erzähle es wirklich nicht gerne, aber es gehört nun mal zu dieser Geschichte – mir selbst so dermaßen auf die Fresse zu hauen, dass ich nicht nur eine Beule am Kopf, sondern auch gleich eine leichte Gehirnerschütterung hatte …nur um das Ausmaß dieser Panikattacke und dieses Kampfes mit mir selbst näher zu beschreiben.

Nach dieser Aktion, war ich für einen kurzen Augenblick wieder klar – aber auch nur für einen kurzen Augenblick. Allerdings reichte der Augenblick wieder nicht aus, um Hilfe zu holen, denn dummerweise fand ich meine Autoschlüssel schneller als die geeignete Telefonnummer … vielleicht von Carsten?

Mit einem Grinsen im Gesicht und dem Gefühl, als würde ich das einzig Richtige tun, verließ ich das Haus, stieg in den Wagen und fuhr los.

Wohin?

Ich hatte zunächst keine Ahnung!

Ich fuhr zu einer Freundin, die ich schon oft wegen Thomas hatte hängen lassen. Thomas hasste sie. Ich klingelte und starrte sie an. In dem Augenblick war der Kampf in mir ganz besonders schlimm, denn ich flehte sie förmlich stumm um Hilfe an, doch die Wut in meinem Herzen ließ mich nicht zu Wort kommen.

„Alles in Ordnung mit dir? Du siehst irgendwie… fertig aus!“

„Nein, mir geht es gut. Ich wollte nur…ich dachte…!“

„Ja?“

„Mist, ich muss schnell nach Hause, ich habe vergessen die Wäsche einzuschalten!“

Ich glaube, das war der „verrückteste“ Satz, den ich an diesem Tag herausbrachte.

„Wäsche?“

Ich nickte.

„Okay, dann fahr schnell und komm gleich wieder, irgendwie habe ich das Gefühl, als stimmt was nicht mir dir.“

Ich drehte mich wie in Trance um und setzte mich wieder in den Wagen. Was danach geschah, kann ich nicht mehr ganz so ausführlich wiedergeben, denn da war ich schon nicht mehr ganz da. Ursprünglich hatte ich wohl vorgehabt, jeden der auf meinen zehn geschriebenen Seiten auftauchte zur Rede zu stellen, Thomas sollte hierbei aber eine ganz besondere Rede von mir bekommen. Ich weiß noch, dass ich diese Saskia anrief, um ihr mitzuteilen, dass ich auf dem Weg zu ihr und Thomas sei. Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde. Und ich weiß, dass ich währenddessen laute Musik gehört habe, stets in der Hoffnung, wieder den Zugang zu mir zu finden. Hin und wieder verpasste ich mir selber noch einen Schlag in der Hoffnung wieder „normal“ zu werden, aber es war vergebens.

Bei dieser Prozedur hatte ich plötzlich die Vision, wie ich an einem Brückenpfeiler zerschellen würde und steuerte auch tatsächlich auf eine Felswand zu. Ich streifte sie. Diese leichte Kollision hinterließ eine unschöne Beule am Kotflügel. Ich hielt, betrachtete das Malheur fing innerlich wieder vor lauter Panik an zu heulen, doch das Böse, die ungezügelte Wut in mir, hatte nichts besseres zu tun, als wie von Sinnen auf den ohnehin schon lädierten Wagen einzutreten. Wenige Minuten später fuhr ich unbeirrt weiter.

Aber nach einer Stunde war ich am Ziel. Ich stand vor diesem Mehrfamilienhaus und klingelte. Als ich Saskias Stimme durch die Gegensprechanlage hörte, schaffte es die Vernunft wieder zu mir durchzudringen und redete beruhigend auf mich ein. Sie sagte, dass dies, was ich da vorhatte keine gute Idee war. Ich sollte mich wieder ins Auto setzten… nein, ich sollte noch besser jemanden anrufen… ich sollte die 112 wählen und ihnen sagen, das ich nicht mehr ganz zurechnungsfähig sei, mich auf einem Amoklauf befände und dringend Hilfe bräuchte. Und ich setzte mich tatsächlich sogar wieder ins Auto. Für einen kleinen Augenblick hatte mein Verstand wieder die Oberhand, aber auch nur für einen kleinen Augenblick. Ich stieg aus, mein Handy, zum Hilferufen, flog ins Auto, die Türe wurde mit einem Tritt verschlossen und ich stampfte wieder wütend zu diesem Mehrfamilienhaus.

Thomas und Saskia erwartete mich bereits schon am Eingang, denn man hatte mich kommen sehen. Die Gesichter waren verblüfft, teilweise sogar erfreut, eines jedoch ziemlich beunruhigt, Thomas spürte scheinbar, dass mir gerade die Sicherungen durchgegangen waren und er war auch der Einzige, der wissen konnte warum. Immer noch frisch geduscht und gut gekleidet – wenn auch etwas verschwitzt und mit Augenrändern – war auch ich in diesem Augenblick höflich und zuvorkommend, als man mich in die Wohnung bat. Und ich bin mir sicher, dass wenn ich ein umfangreiches Waffenarsenal gehabt hätte, dann hätte ich diesen „ganz normalen Tag“ oder diese erste Begegnung mit „Menschen die ich kalt machen wollte““ wahrscheinlich wie in dem Film „Falling Down“ (mit Michael Douglas) begonnen – ich wäre also ganz ruhig und gelassen und mit einem Lächeln im Gesicht Amok gelaufen… niveauvoll eben.

Ganze 5 Minuten hatte mein Verstand die Situation im Griff und versuchte auf Thomas und Saskia einzureden, dass man mit Menschen nicht so umgehen durfte und dass eine tödliche Krankheit vorzutäuschen gar nicht ginge. Auch fragte ich Saskia, ob Thomas ich auch schon die Fresse poliert hätte, beim Sex auf Vergewaltigungsspielchen stand oder ob das auch nur mir persönlich gegolten hat … so als Zeichen seiner verlogenen Liebe?!

Thomas fauchte mich deswegen an und fing an, meine Zurechnungsfähigkeit in Frage zu stellen. Interessierte mich nicht. Im Gegenteil, es prallte ab. Und während mein Verstand immer kleiner wurde, wuchs die Wut und das Bedürfnis nach Rache. Ich wollte diesem Scheißkerl an die Gurgel, ihm meine Faust ins Gesicht schlagen, ihm in die Eier treten … whatever.

Doch wie sollte das gehen?

Ich konnte doch nie und nimmer einer Fliege etwas zu leide tun? Ich war ja noch nicht einmal imstande mich gegen Schläge zu wehren, obwohl ich es gekonnt hätte. Ich erinnerte mich schließlich auch daran, dass ich trotz Kampfsport und Selbstverteidigungskurs und Monatelanges Sparring, zwar technisch gesehen in der Lage war einen Menschen in Grund und Boden zu prügeln, aber es einfach nicht konnte. FUCK!

Du erträgst immer alles und wehrst dich nicht, weil du gar nicht imstande bist jemanden ernsthaft zu verletzten… du hast sogar Angst davor deinen schlimmsten Feind zu verletzen! Gib auf, du kannst nicht Amoklaufen!

Kann ich wohl!

Hm…

Was dann passierte blende ich jetzt kurz mal aus… das ist mir zu peinlich. Da will man schon Amoklaufen, aber mehr als eine Ohrfeige und ein lächerliches Handgemenge und ein paar zerbrochene Gläser waren leider nicht drin: Aber mein Geschrei und mein Fluchsalven, die waren so mächtig, wie noch nie in meinem Leben. Und es endete damit, dass Thomas mich packte und mich in ein Nebenzimmer schleppte. Dort umklammerte er mich und starrte mich fassungslos an. Ich stieß einen Schrei aus und versuchte mich mit aller Kraft gegen seine Hände und Arme zu wehren, die sich wie eine Krake um meine Glieder legten und mich fesselten. Ich suchte halt an einem Regal. Ein Regal, auf dem eine Pastellfarbene Vase stand und ein Bild zweier Kinder, die eng umschlungen unter einem Herz standen. Ein … <3 , Liebe ... das Bild verhöhnte mich! Die Kinder lachten über mich! Nahmen mich nicht ernst. Ich riss das Regal um, lenkte ihn ab und setzte zu Flucht an. Saskia hatte sich währenddessen Hilfe im Treppenhaus gesucht - und dummerweise wimmelte es in diesem Haus von beruflichen "Türstehern", die dann auch gleich in voller Montur (Handschellen, Schlagstöcke, Pfefferspray) die Wohnung stürmten. Schon aus der Ferne hörte ich sie poltern und ich hörte auch was sie sagten, und das gefiel mir nicht. Nach dem ersten Sondieren der Lage, amüsierten sich nämlich über die Tatsache, das dort hinter dem Zimmer eine "gefährliche "Frau lauern sollte, die so etwas wie Tollwut hat. "Warum ruft ihr nicht einfach die Bullen?" Fakt war, das ich durch diese geballte Präsenz Muskelmänner und "Bullen" sich plötzlich mein Fluchtinstinkt einschaltete. Ich öffnete das einzige Fenster in diesem Raum und stieg ohne Beachtung der beachtlichen Tiefe (dritter Stock) auf das Fensterbrett. Es war nur noch ein einziger Schritt.... Aber dann... Schreie, Rufen, ein fester Griff... Tausend Hände die mich anfassten, herumrissen zu Boden drückten, Knie die sich in meinen Rücken bohrten und das obwohl ich doch ganz ruhig war. Ich hatte das Gefühl... nein, ich war in diesem Moment davon überzeugt....jede Berührung brannte wie Feuer auf meiner Haut. Nicht anfassen… Nein, lasst das … Nicht anfassen! NEHMT EURE DRECKIGEN HÄNDE VON MIR! KEINER FASST MICH AN OHNE ERLAUBNIS! Und dann ging alles ganz schnell. Ich saß da. Die Hände in Handschellen, an eine Heizung gekettet. Ich war schweißgebadet, meine Haare klebten mir im Gesicht. Mein weißes T-Shirt voll mit Blut. Es war mein eigenes, denn ich hatte mir irgendwo beim Randalieren eine Scherbe in den Finger gerammt und begann ganz komische Töne von mir zu geben. Und während mein ICH versuchte einzuordnen, was für dieses seltsame Geräusche aus meinen Lungen verantwortlich sein könnte, fing ich auch noch an zu knurren. Heute weiß ich, dass ich in diesem Moment eine Überdosis Adrenalin im Körper hatte und durch unregelmäßiges Atmen kurz vor einem Kreislaufkollaps stand. Allerdings hatte ich während dieses langsam beginnenden körperlichen Ausfalls die Vision, als ob die Menschen im Raum alles Menschen waren, die mich verletzten wollte. Tausende Stimmen sprachen durcheinander... Und ich musste sie doch irgendwie von mir Fern halten. Sie standen vor mir beobachteten mich, als sei ich ein wildes Tier, was nun zwar gefangen, aber noch nicht gefahrlos war. Irgendwann versuchte einer der Kerle einen Schritt auf mich zuzugehen und ich fauchte ihn prompt an. Es fing an mit den übelsten Beleidigungen, die so noch nie aus meinem Mund gekommen sind. Und die ich jetzt hier auch nicht wiedergeben kann - das ist mir zu peinlich. Zwischendurch zischte ich immer wieder, dass mich niemand anfassen sollte. Denjenigen, der mich anfasste, dem würde ich den Hals umdrehen. Ich will das ganze jetzt nicht ins Lächerliche ziehen, auch wenn es mir in den Fingern juckt, aber in Verbindung mit meiner lädierten Stimme, ich war von der Brüllerei im Auto nämlich heiser, inklusive meines Anblicks, den Wahnsinn in den Augen: Einer der Männer klopfte mir später auf die Schulter und sagte, dass sie kurzzeitig darüber nachgedacht hatten einen Exorzisten zu rufen oder mir aus der Bibel vorzulesen. Und ich bin mir sicher, hätten sie mir aus der Bibel vorgelesen, dann wäre es wahrscheinlich noch schlimmer geendet. Ich saß also da, röchelte, fluchte und jedes Mal wenn mir einer zu nah kam, brachte ich die größten Kräfte auf, um mir diesen vom Leib zu halten. Doch irgendwann wurde mir plötzlich schwarz vor Augen. Ich hörte mich noch röcheln und diese komischen Töne ausstoßen und ich hörte mich noch mindestens 100 mal sagen, KEINER FASST MICH MEHR AN! Ich wurde wohl ohnmächtig. Es waren vielleicht nur Sekunden, in denen ich in diese seelische Dunkelheit fiel, die ich einst „Blick in die Finsternis“ getauft habe. Aber das, was ich dort sah, war die Hölle! Ich kann es auch nicht wiedergeben, was ich dort gesehen habe, es ist mit Worten nicht zu beschreiben. Es fing an mit einem Gefühl. Es war das schrecklichste Gefühl, was ich je in meinem Leben empfunden habe. Es war, als ob mit einem Male alle schrecklichen Emotionen auf einmal auf mich herein prasselten. Alle Ängste alle Schmerzen, einfach alles brach in diesen Sekunden auf mich ein ...und irgendwann sah ich die Bilder....ich hörte die Stimmen....ich sah das Übel in mir, es manifestierte sich in Form von Erinnerungen, die sich bis zu meinem vierten Lebensjahr zurück gingen. Schrecklichen Erinnerungen, längst vergessenen Erinnerungen, Erinnerungen an Dinge die ich nicht verstand... die schlimmste Erinnerung...so lächerlich es auch klingt...der Schmerz den ich empfand, als mir das einzige Wesen geraubt wurde, zu dem ich jemals Vertrauen hatte, dem ich nachts immer alles erzählte, was mich bedrückte. Das Wesen, meine Puppe Karina, die niemand berühren durfte außer mir - der Tag an dem sie an einem Flughafen verloren ging. Ich trauerte wie einst das kleine Kind von damals um diese Puppe. Der Schmerz auf meiner Seele unerträglich... und ich wusste, das ist das Ende. Du wirst jetzt dein Leben lang hier in dieser Finsternis bleiben und nie wieder zurückkehren. Der Moment an dem ich aufgab und beschloss mich für immer zu ergeben. Lost in the Darkness... halt. Ich legte mich einfach nur noch hin, umklammerte meine Beine schloss die Augen und wartete darauf, das die dunklen Wesen... ich hörte sie nach mir rufen... mich holen und das mit mir taten, was sie halt tun wollten. Dann kam dieser Engel ... Ich spürte, das sich mir jemand langsam näherte. Ich hatte keine Kraft mehr um aufzustehen und zu flüchten, ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich hörte eine weibliche Stimme die rief: "Sag mal, hab ihr sie eigentlich noch alle?" Die Stimme klang bestürzt, fast schon besorgt: Aber ich wusste, das sie nie und niemals mir gegolten hatte. Als ich die Augen öffnete, war es immer noch dunkel und ich ich sah die Schatten der finsteren Wesen... "Bleib weg von ihr, die ist gefährlich! Hat eigentlich jemand schon die Bullen gerufen?", kreischte Saskia. "Seht ihr denn nicht, das sie keine Luft mehr kriegt?" "Die Röchelt schon die ganze Zeit so, die ist total durchgedreht!" "Die dreht nicht durch, sondern hyperventiliert! Also halt`s Maul und lass mich vorbei, ich bin Krankenschwester!" "Das können die Bullen machen!" "Keine Bullen! Sie braucht etwas ganz anderes glaub mir!" Wieder so viele Stimmen die durcheinander sprachen, wieder so viel Palaver und wieder diese Hände die mich anfassten... Hört doch einfach auf damit?! FASST MICH NICHT AN! Ich spürte wie ein Ruck durch meinen Körper ging, ein stechender Schmerz an den Handgelenken...wies konnte ich meine Hände nicht bewegen? "Beruhige dich bitte! Ich will dir helfen!", sagte wieder diese Stimme. Helfen?! Eine Falle! Immer wenn jemand nett zu mir war oder mir helfen wollte, war es eine Falle! Ich versuchte mich wieder zu wehren, als mir irgendjemand eine übel riechendes Ding vor den Mund hielt in das ich atmen sollte. Ich wollte aber nicht atmen... ich wollte... hier in der Finsternis auf mein Ende warten. Und plötzlich brüllte mich diese Stimme an, aber es war kein boshaftes, kein angstmachendes Brüllen - es war... ich weiß auch nicht... es war der flehende Ruf eines Engels mich zu ihm zulassen, damit er mir helfen konnte. Und er half mir.... Er umschlang mich mit beiden Armen und hielt mich einfach nur fest. Er hielt mich liebevoll im Arm, wiegte mich und streichelte mir über mein Gesicht. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch ich konnte nichts sehen. Ich konnte ihn nicht sehen... diesen Engel, der Ilona hieß. Ich konnte ihn nur hören... wie er gegen diese schrecklichen Wesen aus der Finsternis wetterte, wie er sie zurückstieß und wie sie mich fragte wie ich hieß. Ich wollte es ihr sagen, doch ich brachte keinen Ton über die Lippen. Ich weiß nicht wie lange ich da in ihrem Schoß lag und mir die Seele aus dem Leib heulte - ich wusste bis zu diesem Tag noch nicht einmal, dass es so etwas wie Heulfieber gibt. Ich hatte hohes Fieber, war nass geschwitzt, fror mir gleichzeitig den Arsch ab und war eigentlich nur noch im Eimer - heute weiß ich, ich hatte einen Nervenzusammenbruch, der sich echt gewaschen hat. An dieser Stelle möchte ich langsam schließen - obwohl es danach noch knappe 4 Stunden weiter ging. Gegen 22. 00 Uhr des 30. Augusts, war ich nichts weiter als ein autistisches Wesen, das auf einer Rückbank eines Wagens lag und eine Hand umklammerte, die sie nie wieder loslassen wollte. Das letzte was Ilona noch zu mir sagte, als wir vor der Türe einer psychiatrischen Klinik standen: "Du hast nicht getrunken und auch keine Drogen genommen - das ist dein Vorteil. Ich zwinge dich nun, dich selbst freiwillig einzuweisen, okay? Kannst du mich hören?" Ich nickte müde... Und das Letzte was Ilona noch zu mir sagte, als ich von zwei Männern gestützt "abgeführt" wurde: "Du schaffst das, das weiß ich! Wir kennen uns erst ein paar Stunden, aber ich bin wie du und ich hab dich lieb!" DER LETZTE TEIL FOLGT IN KÜRZE Ich bin Ilona noch heute so dankbar und bin glücklich, sie nicht aus den Augen verloren zu haben. <3 Auch danke ich meiner Freundin Britta, die von diesem Drama nicht verschont blieb! <3

Der Psychopath und ich

 

Sorry, heute gibt es hier eine therapeutisch wertvolle Maßnahme – nennen wir es Traumabewältigung vom Feinsten – nichts für schwache Nerven und auch nichts für Menschen, die mich lieben / mögen oder nicht alles von mir wissen wollen.

Tut Euch den Gefallen und steigt spätestens ab der Definition von „Psychopathie“ aus …  sorry.  <3


Oh, da bin ich schon wieder …

Die Abstände meine Einträge werden kürzer …

Liegt vielleicht an Weihnachten …

Dieses Fest ist nämlich so gar nicht mein Fall …

Der Grinch und ich könnten ein tolles Team werden … 😀

STOP! Natürlich freue ich mich für meine Kinder beim Geschenkeauspacken und auch auf das Zusammensein mit lieben Menschen. <3

Dennoch steht Weihnachten definitiv nicht auf meiner Favoritenliste. Meine Therapeutin meinte, das läge an schlechten Erfahrungen aus der Kindheit. Da hat sie wohl nicht ganz Unrecht. Ich empfand es immer als sehr anstrengend, dass Weihnachten immer alles so perfekt sein musste, inkl. Familienfrieden. Einmal kam der Weihnachtsmann nicht zu mir, weil ich frech war … 😀 Meine Schwester hat Geschenke bekommen, obwohl die auch gezankt hat!  🙁

Und heute? Heute finde ich, dieses alljährliche Ereignis stresst, raubt Energie, macht pleite und unnötig sentimental und emotional. Ich merke dieses Übermaß derzeit ganz besonders, denn dagegen können meine Tabletten nichts mehr ausrichten. Gestern bin ich in Tränen ausgebrochen, als ich folgende Meldung von Media Markt bekam:

„Bei der Lieferung Ihres bestellten Artikels „Das Einzige große Weihnachtsgeschenk für meine Tochter“ kommt es bedauerlicherweise zu einem Lieferverzug seitens des Herstellers. Die Lieferung erfolgt voraussichtlich in der Kalenderwoche 03.“  😯

Ernsthaft? 😯

Das könnt ihr mir nicht antun!?  😥

Diese Meldung musste ich erst mal verarbeiten. Allerdings erschien diese beim Anblick eines Bettlers in der Nähe eines Linzer Bankautomatens als lächerliches Luxusproblem. Ich habe diesen Mann schon oft gesehen. Er kniet immer mit einem Becher in der Hand auf einem Kissen, schaut immer traurig und demütig, begrüßt jeden Vorbeilaufenden mit einem freundlichen „Guten Tag“ und … bettelt. Ja, ich glaube, so nennt man diese schreckliche Form des Bittens. Ich ignorierte ihn meistens, mit der Vermutung im Hinterkopf, dass er ohnehin gleich in seinen aus Spenden finanzierten Mercedes steigt … Asche auf mein Haupt! 😳

Zwei  Mal lief ich gestern an diesem knienden Mann vorbei und merkte bei jedem Blick, wie sehr mich dieser Mensch emotional berührte, warum wusste ich nicht. Es war kein Mitleid, sondern eine Form von Verständnis. Verständnis für Situationen im Leben, die einen an die Grenzen und oftmals auch darüber hinaus bringen…

Beim dritten Mal passieren blieb ich stehen und gab ihm mein Kleingeld.

Dieser Blick …

„Ich danke ihnen, Madame!“

Ich wünschte ihm frohe Weihnachten und suchte das Weite …

Warum habe ich das jetzt eigentlich erzählt? Keine Ahnung, wahrscheinlich, um mir den Einstieg in ein ganz besonders schwieriges Thema zu erleichtern.

Ja, ich habe heute Großes vor …

Es ist nämlich so:

Da mein Leben ja derzeit Kopf steht, ich mich ständig dabei im Kreis drehe und deshalb gerade auch gar nicht weiß, wo oben und unten ist, muss ich mich der Situation entsprechend anpassen, und das, möglichst ohne mich zu verbiegen. Manchmal reicht hierbei auch nur ein kleiner Perspektivenwechsel, bzw. ein veränderter Blickwinkel, um Dinge aus einer völlig neuen Sicht zu betrachten.

Das habe ich bei einem meiner Themen getan …

Ich habe seit langem mal wieder etwas geschrieben und habe erstaunt festgestellt, dass, auch wenn mein Talent Geschichten aus der Seele zu schreiben durch die Medikamente ausgeschaltet ist, ich zumindest auf Erinnerung basierende Geschichten verfassen kann. Das funktioniert sogar erschreckend gut und das Ergebnis habe ich Euch heute mit in diesem Blog gebracht. 🙂

Letzte Woche schrieb ich über die existenzielle Wichtigkeit der Liebe in meinem Leben. Heute kommt meine Schattenseite, die zwischenmenschliche Liebe, zu diesem Thema auf den Tisch.

Liebe ist die stärkste Macht der Welt, und doch ist sie die demütigste, die man sich vorstellen kann.“ (Mahatma Gandhi)

Und die Gefährlichste, wenn sie falsch ist, nicht auf Liebe basierend …

Abhängigkeit, Macht, Demut, Angst, Gewalt …

Nachstehend folgt eine Geschichte, die ich mich bisher nie gewagt habe so auf diese Weise aufzuschreiben, da ich nie wieder in diese abartige Opferrolle schlüpfen wollte, denn die habe ich 2008, hoch erhobenem Hauptes verlassen. Nein, Opfer sein will ich nicht mehr und ist auch heute nicht mehr das Problem. Mein Problem ist vielmehr die abgrundtiefe Fassungslosigkeit in meinem Herzen, mich derart so aus den Augen verloren zu haben.

Ich schreibe aus der Sicht eines Täters. Und es hat mich wirklich Energie und Tränen der Verzweiflung gekostet, die Geschichte so umzusetzen, dass ich mich dennoch mit ihr identifizieren kann – allerdings als kopfschüttelnder Außenstehender, der sich immer wieder an den Kopf fasst und denkt: Wie kann ein Mensch sich selbst nur so wenig wert sein?

Und jedem Leser ist es freigestellt, wie viel Wahrheit er in meinen Zeilen sehen will und wie viel er der Fiktion überlässt …

Und …

Ich erwarte von niemand, dass er die folgende Geschichte liest, bzw. den Schritt zur Veröffentlichung und den tieferen Sinn dieser Geschichte versteht. Für mich ist es ein sehr wichtiger Schritt. Es muss raus aus meinem Herzen.

Und wenn es nur einen dort draußen gibt, den ich damit erreichen kann, weil er vielleicht auch Opfer von physischer oder psychischer Gewalt geworden ist, dann habe ich ein kleines Ziel erreicht. Denn, wenn es nur einen dort draußen gibt, der weiß, was Gewalt, Demütigung und ständige Todesangst, auch Jahrzehnte später, mit einem macht, dann fühle ich mich einfach weniger alleine. Und ich finde, manchmal sollte man einfach mit gewissen Dingen nicht alleine sein. Ich weiß, jeder kämpft am Ende seine Schlacht alleine, aber man kann sich gegenseitig stärken… 😉

Das habe ich gestern auch meiner Therapeutin erzählt, die mich fragte, was dieser Blog für mich bedeutet.

An dieser Stelle, bedanke ich mich bei jedem einzelnen Leser! <3

Und nochmal an alle, die mich so in Erinnerung behalten wollen, wie ich heute bin und nicht wissen wollen, wie ich einmal war:

NICHT WEITER LESEN! <3

In diesem Sinne:

Auf geht´s:

Ich lass dich nicht gehen, mein Schatz

Erzählungen eines Psychopathen

Kurz vorweg:

Definition von Psychopathie:

„Psychopathie bezeichnet eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht. Psychopathen sind auf den ersten Blick mitunter charmant, sie verstehen es, oberflächliche Beziehungen herzustellen. Dabei sind sie mitunter sehr manipulativ, um ihre Ziele zu erreichen. Oft mangelt es Psychopathen an langfristigen Zielen, sie sind impulsiv und verantwortungslos. Psychopathie geht mit antisozialen Verhaltensweisen einher, so dass oft die Diagnose einer dissozialen/antisozialen Persönlichkeitsstörung gestellt werden kann.“

(Quelle Wikipedia)

Mein Name ist Thomas – natürlich heiße ich nicht wirklich so -, dieser Name ist nur ausgedacht, um meine wahre Identität zu verbergen. Nicht, dass ich Dreck am Stecken hätte – Nein! Ich habe eine reine Weste, ich habe nie etwas Böses getan. Mir wurde Böses angetan und dafür hasse ich die Menschen. Ja, ich hasse sie. Ich hasse sie so sehr, dass ich auch nichts mit ihnen zu tun haben will. Mit keinem! Ich traue niemand, außer mir selbst. Ich bin heute 50 Jahre alt, gehe einem gut bezahlten Job nach und eigentlich könnte alles in bester Ordnung sein. Die Sache hat nur einen Haken, der mich allerdings nicht weiter stört: Ich bin alleine. Meiner Exfrau habe ich vor kurzem noch gesagt: Nichts kann mich mehr verletzten, denn ich bin schon tot – und sie war es, die mir den Todesstoß verpasst hat. Sie ist Schuld an allem und Schuld, dass ich heute immer noch alleine bin.

11 verdammte lange Jahre verplempert ..

Ich möchte Ihnen heute von dieser Frau erzählen, die es wirklich drauf hat einen in den Wahnsinn zu treiben. Nehmen Sie sich vor ihr in Acht – sie ist der Untergang eines jeden Mannes!

Ich lernte sie vor knapp zwanzig Jahren kennen …

Ich hatte es als Berufssoldat damals wirklich nicht leicht. Das Kasernenleben war öde, ich war ständig von meiner Familie und meinem trauten Eigenheim getrennt. Ich hatte vor wenigen Wochen ein Haus gekauft. Um Geld für die Sanierung zu verdienen, nutzte ich den Feierabend sinnvoll und suchte mir eine Nebenbeschäftigung. Mit einer Bundeswehr Einzelkämpferausbildung im Gepäck und mit jahrzehntelanger Kickboxerfahrung, fand ich schnell einen Job im Sicherheitsdienst. Im Wachdienst war ich gut aufgehoben und hatte meine Ruhe, besonders vor lästigen Weibern. Frauen waren die Pest, der Ursprung allen Übels, sie hatten mich dahin gebracht, wo ich nie hin wollte, im Abgrund meiner Würde. Und doch hatte ich vor zwei Wochen wieder ein solches Wesen geheiratet.

Warum?

Fragen Sie nicht!

Dann sah ich SIE. Sie war eigentlich überhaupt nicht mein Typ. Kurze Haare, nicht die Schlankeste, watschelte wie eine Ente und mir war klar, dass diese Füße noch nie Highheels getragen hatten. Ich beobachtete sie eine Weile. Sie wirkte schüchtern, in sich gekehrt und vollkommen fehl am Platz. Von Selbstbewusstsein keine Spur. Viel zu emotional und ängstlich für diesen Job. Ich konnte mir nicht erklären, warum der Chef sich immer mehr solcher Weiber an den Eingang stellte. Ich fragte jemanden, der sich mit ihr auskannte und bekam die Antwort, dass sie über die Kampfsportschule kam, gerade ihre Ausbildung beendet, Fachabitur begonnen hatte und zum Überleben jobbte. Sie machte ihren Job, trotz anfänglicher Unsicherheit sehr gut, denn mit ihrem ausgeprägten Einfühlungsvermögen und Spürsinn konnte sie Menschen an der Nasenspitze ansehen, wenn sie etwas ausgefressen hatten. Ihre Drogen- und Waffenfundrate war erstaunlich hoch, das imponierte mir. Dennoch hatte sie es wohl bis dahin nicht leicht im Leben. Das in dem Fall nicht ganz so klassische Scheidungskind, geriet viel zu früh in die Fänge von falschen (kranken) Menschen, flog mit 15 wegen Unzumutbarkeit zu Hause raus und kämpfte seither einen unfairen Kampf mit dem Schicksal – Sie sehnten sich eigentlich nur nach Ruhe und Frieden in ihrem Leben. Kenne ich! Aber ich muss zu meiner Schande gestehen, dass mich ihre Geschichte nicht interessierte – das waren in meinen Augen psychologische Luxusprobleme. Sollte sie doch mal in meine Fußstapfen treten, dann hätte sie einen wirklichen Grund sich zu beschweren. Wie konnte man mit 18 psychisch so im Arsch sein? Lächerliches Weichei …

Sie passte nicht in mein übliches Beuteschema, aber sie hatte einen ansehnlichen Hintern und dicke Titten, darauf ließ sich aufbauen. Ich weiß nicht genau, was der Auslöser war, warum ich sie auf Anhieb mehr mochte als mir lieb war. Sie war so anders. Sie lachte über schmutzige Männerwitze, kam scheinbar grundsätzlich besser mit Männern klar, ließ sich allerdings partout nicht von ihnen anbaggern. Sie hörte ihnen zu, gab ihnen Tipps bei Liebeskummer und anderen Problemen und wurde somit zur Männerversteherin gekürt. Nur mich verstand sie nicht und scheinbar hatte sie auch kein großes Interesse daran mich zu verstehen. Für sie war ich nur der ständig schlecht gelaunte, unfreundliche und plumpe Frauenhasser – sie hatte Recht. Irgendwann ging sie auf mich zu und fragte mich – und das mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht – , warum ich eigentlich immer so finster gucke und zu allem und jedem unfreundlich bin.

Warum?

Ich erklärte es ihr. Mein finsterer Blick kam von der Migräne und den Rückenschmerzen, ich musste ständig Tabletten nehmen, richtig schmerzfrei war ich nie. Aber was dich nicht umbringt macht dich nur noch härter – Nachwehen von einem Fallschirmunfall. Irgendwie brachte sie mich auch dazu, ihr von der Operation Desert Storm im zweiten Golfkrieg zu erzählen und auch, dass ich seither einen irreparablen psychischen Schaden habe. Ich bin enttäuscht von der Welt, enttäuscht vom Leben und enttäuscht von der Liebe. Auch erzählte ich ihr bei dieser Gelegenheit, dass ich meine erste Ehefrau vor Jahren Inflagranti erwischt hatte und somit auf Frauen generell gar nicht gut zu sprechen war. Dass ich kürzlich wieder geheiratet und Kinder hatte, verschwieg ich und würde es auch für die nächsten zwei Jahre verschweigen, denn das ging sie gar nichts an. Und Ihre Reaktion auf meine Geschichte war tatsächlich Verständnis und ein Freundschaftsangebot – so von psychologischem Pflegefall zu Pflegefall. Ich war irritiert, ihre Reaktion passte nicht in mein Grundschema.

Tja …

Es dauerte ungefähr drei Monate, bis ich sie überzeugen konnte, dass sich Gegensätze anziehen und ich ohnehin der einzige auf der Welt war, der sie verstand und sich ernsthaft für sie interessierte. Außerdem irrte sie schutzlos und orientierungslos durch ihr Leben, war unfähig und brauchte dringend jemanden, der sie führte. Ich war ein guter Führer. Ich hatte alles im Griff, das zumindest gab ich ihr vor. Der Altersunterschied von knapp 12 Jahren war auch kein Problem, im Gegenteil. Sie bevorzugte die Reife und umfangreiche Lebenserfahrung, dennoch ließ sie sich nur zögerlich auf mich ein. Offenbar traute sie dem weichen Kern hinter der harten Schale nicht so recht: Sie sagte, sie hätte immer so ein komisches Gefühl, wenn wir zusammen wären und sie würde spüren, dass irgendetwas mit mir nicht stimmen würde. Ich hätte etwas Unheimliches an mir, eine negative Aura …

Sie hatte Recht …

Und auch ihre Freunde und ihre Familie hatte Recht …

Ich war tatsächlich eventuell nicht gut für sie …

Ja, ich gebe stolz zu. Ich bin der perfekte Lügner, vielleicht schon krankhaft perfekt und wenn ich etwas verbergen will, dann kommt dies auch niemals ans Licht. Ich behaupte sogar, ich bin imstande den perfekten Mord zu begehen und offenbar spürte sie, dass ich eine Menge zu verbergen hatte. Aber dennoch wollte ich sie von mir überzeugen und wusste, bei dieser Frau war es an der Zeit, Gefühle sprechen zu lassen. Es war also an der Zeit ihr zu sagen, dass ich sie liebe. Emotionaler Scheiß halt. Ich hatte die Hoffnung, dass somit ihr Eis brechen würde. Tja, und dann war es passiert. Sie fiel drauf rein. Sie sah von jetzt auf gleich in mir – trotz aller Gegensätze – den neuen Partner, dass sie nur eine Affäre sein sollte, wusste sie nicht.

Als ich wieder zu meiner Frau und meinem Kind (weit weg) an die holländische Grenze fuhr, erklärte ich ihr, dass ich in einem Sondereinsatzkommando der Bundeswehr arbeitete und eben immer mal wieder plötzlich für eine Zeit lang weg müsste. Sie dürfe keine Fragen stellen, denn das wäre streng geheim. Und wenn sie unsere Liebe nicht gefährden wollte, dann müsse sie das akzeptieren.

Sie akzeptierte es …

Und sie akzeptierte auch, dass ich es sehr gut fände, wenn sie sich von ihren verlogenen Freunden und ihrer Familie distanzieren würde. Sie taten unserer Beziehung nicht gut.

Es hätte alles so gut werden können …

Doch nach ein paar Monaten musste ich mir plötzlich immer mehr Ausreden einfallen lassen. Ich wusste nicht, was auf einmal ihr gottverdammtes Problem war. Dieses Weib stellte immer mehr Fragen! Und das, obwohl wir vereinbart hatten, dass sie keine Fragen stellen sollte. Sie fing an an meiner Liebe zu zweifeln, quatsche mich voll von wegen, sie würde es merken, dass ich nicht ehrlich zu ihr war. Immer wieder musste ich mir neue Ausreden einfallen lassen, um ihr Fragen zufriedenstellend zu beantworten. Das musste aufhören! Es reichte schon, wenn meine Frau mir mit ihrem Gejammer auf den Sack ging. Warum müssen Frauen immer so kompliziert sein?

Irgendwann ließ ich sie mit meinem Wagen fahren – ein BMW war eine andere Hausnummer als ein Twingo – und anstatt mir dankbar für diese Form von Vertrauen zu sein, hatte sie nichts Besseres zu tun, als in meinem Kofferraum herumzuwühlen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihre Einkäufe im Kofferraum platzieren würde, sonst hätte ich die Babynahrung und einen Karton verräterische Papiere schon vorher verschwinden lassen.

Es kamen Fragen auf …

Und ich gab ihr prompt die Antwort.

Als ich mit der Antwort fertig war, saß sie heulend in einem Meer aus zertrümmerten Möbelstücken. Nein, ich habe sie nicht angerührt. Ja, das mit den Möbeln tat mir später leid. Ich hab mich eben manchmal nicht im Griff und es kam öfters vor. SORRY!

Aber irgendwie machte sie mich ständig wütend …

Es machte mich wütend, dass ich etwas für sie empfand …

Ja, ich glaube, ich begann sie wirklich zu lieben …

… und ich war verheiratet!

Als Entschädigung und zum Beweis meiner grenzenlosen Liebe, zog ich mit ihr in eine neue, gemeinsame Wohnung. Es war eine Entscheidung fürs Leben, denn mit diesem Tag, trennte ich mich von meiner Frau und meinem Kind, allerdings ohne das Wissen aller Beteiligten. Für meine Ex war ich einfach untergetaucht, nicht mehr auffindbar und erreichbar, dass sie mich suchen würde, ahnte ich ja nicht. Vermisstenanzeige, Melderegister, plötzliche Briefe an die neue Adresse … ich hatte in Sachen Perfektion noch viel zu lernen.

Die ersten Wochen in der neuen Wohnung liefen ganz gut, bis wieder ungünstige Umstände und Indizien dazu führten, dass sie misstrauisch wurde und Fragen stellte. Wenn dieses undankbare Miststück wüsste, was ich alles für sie aufgegeben habe?! Konnte sie sich nicht einfach damit zufrieden geben, dass ich bei ihr war?

Ich verlor wieder die Geduld und dann die Beherrschung. Diesmal war es anders. Sie schien unbeeindruckt von meinem Wutanfall, den ich auf das Mobiliar im Schlafzimmer richtete, außer dass sie sagte: „Auwaia, mach mal eine Therapie!“

Das hätte sie nicht sagen dürfen, nicht in dieser Situation. Ich hatte schon genug Therapien hinter mich gebracht, die zu nichts führten, weil die ganzen Psychiater keine Ahnung vom Leben hatten…

Fresse halten, Schätzchen, wenn man keine Ahnung hat …

Nachdem ich mit ihr fertig war, konnte sie zwei Wochen nicht vor die Türe. Sie sah schlimm aus und dabei hatte ich extra aufgepasst ihr nicht ins Gesicht zu schlagen. Wegen der Spuren, wissen sie? Dennoch waren ihre Augen so blau, wie nie zuvor …

Es tat es weh sie so zu sehen. Ich hasste sie dafür, dass das passiert ist und ich hasse sie noch mehr dafür, dass sie mich zum Weinen gebracht hat. Ich hatte seit Desert Storm nicht mehr geweint. Meine Tränen haben sie scheinbar mehr schockiert als mein Gewaltausbruch. Sie sagte nichts. Machte mir auch keine Vorwürfe. Das hätte sie sich wagen sollen. Sie war doch selbst schuld?

Sie nahm mich einfach in den Arm. Ich kann solche Zärtlichkeiten nicht ertragen …

„Ich kann es fühlen, dass es dir aufrichtig leid tut.“

„Halt`s Maul und fass mich nicht an!“

„Okay, ich werde mich einfach trennen!“

„Wenn du das tust, lege ich dich um!“

Sorry, war nur ein Scherz …

Denke ich …

Irgendwie war danach der Wurm drin. Sie war misstrauisch und merkwürdig still geworden.  Sie lief wie ein scheues Reh um mich herum, immer auf der Hut, vor einem weiteren Ausbruch. Allerdings lauerte sie aus dem Hinterhalt. Sie wartete auf einen Fehler. Ich wusste, sie würde keine Ruhe geben, bis sie die Wahrheit über mich heraus fand und sie war nahe dran. Ich hatte sie unterschätzt, sie war nicht so dumm, wie ich anfangs dachte. Und ich war mir sicher, wenn sie die Wahrheit herausfinden würde, dann würde sie mich verlassen. Der Gedanke war unerträglich. Das durfte ich nicht zulassen.

Ja, ihre Gefühlsscheiße ging mir auf den Sack und irgendwie waren wir in allem inkompatibel, selbst im Bett. Es machte ihr nie Spaß. Immer wieder beschwerte sie sich, dass ich zu grob sei. Sie stellte sich auch immer an.

Ich brauchte sie.

War das diese Liebe?

Liebte sie mich eigentlich?

Sie hatte es lange nicht mehr gesagt …

[Ich muss an dieser Stelle mal die Erzählform ändern … ]

1999

März

Ich habe gestern Abend vollkommen die Kontrolle verloren. Ich hasse mich selber dafür. Warum hat sie es auch wieder so auf die Spitze getrieben? Wir saßen im Wagen und waren auf dem Heimweg als sie plötzlich dieses Papier aus dem Handschuhfach zog und mich fragend ansah. Sie hatte diese verdammte schriftliche Vereinbarung von mir und meiner Frau, wegen unseres Sohnes gefunden. Sie hatte schon wieder geschnüffelt und ich keine passende Antwort parat. Sie wusste alles! Sie würde mich jetzt verlassen, das wusste ich. Auch wenn sie ruhig war und mich bat ihr endlich die ganze Wahrheit zu sagen, denn sie würde langsam die Geduld verlieren. Ehrlichkeit in der Beziehung sei wichtig… BLA BLA!

BLA!

Die Geduld verlieren?

Ihr Gerede machte mich plötzlich unsagbar wütend. Ich hatte damals meine ganze Familie für sie aufgegeben, bedeutete das denn gar nichts für sie? Ich riss ihr das Papier aus der Hand brüllte sie an. Unsere Blicke trafen sich …

„Beruhige dich bitte. Halt an und wir reden in Ruhe!“

Ich sah, wie ihre Hände zitterten. Sie ahnte scheinbar schon, was kam. Anhalten? Wofür anhalten!? Ich schlug ihr ohne Vorwarnung ins Gesicht. Unendlich lange Sekunden des Schocks und des Schweigens vergingen als sie plötzlich mit blutender Lippe schrie, ich sollte anhalten, sie wolle aussteigen. Ich hielt nicht an. Eine Entscheidung, die sie dazu veranlasste die Türe aufzureißen, um noch während der Fahrt, mitten im finsteren Nirgendwo auszusteigen.

Ich gab Gas und fuhr ihr über den Bürgersteig hinterher. Ich wollte ihr doch nur Angst einjagen. Ich wollte, dass sie einsichtig war und dass sie wieder einstieg und vor allem wieder vernünftig wurde. Doch offenbar glaubte sie tatsächlich, dass ich sie über den Haufen fahren wollte: Sie schrie mich durch das geöffnete Fenster an, ob ich jetzt vollkommen den Verstand verloren hätte, sie umbringen wollte:

„Du bist krank, Thomas!“

Ich mag es nicht, wenn sie so etwas sagt. Ich gab wieder Gas, drängte sie mit dem Wagen an eine Mauer. In ihrer Verzweiflung trat Sie mit aller kraft gegen den Kühler und schließlich auch gegen den Scheinwerfer, der zerbarst. Erschrocken blickte sie mich an und ich wusste, was sie sagen wollte. „Oh, das tut mir leid, dass ich dein Auto kaputt gemacht habe, das wollte ich nicht!“ Ihre Angst, Ihre stumme Entschuldigung, Ihre Tränen machten mich rasend. Konnte dieses Miststück nicht einmal Würde zeigen und sich gegen mich wehren?

Wieder gab ich Gas, doch sie wich aus, flüchtete über die Straße und kletterte über die Leitplanke. Ich wusste, sie würde nicht weit kommen, hinter der Leitplanke war ein relativ steiler Abhang, das Wiedtal eben. Ich stellte den Wagen ab und beschloss ihr hinterher zu rennen. Sie würde ihre Abreibung bekommen und sie würde es nie wieder wagen, mir hinterherzuschnüffeln oder meine Unwahrheiten anzweifeln.

Sie schrie mich aus der Ferne an, dass ich sie in Ruhe lassen sollte und dass es ihr Leid täte, dass sie misstrauisch war. Nein, es tat ihr nicht leid. Dass sagte sie nur, weil sie Angst hatte. Sie begann den Abhang hinunter zu klettern, hielt sich an Bäumen, Sträuchern und Felsen fest.

„Bleib stehen, du blöde Schlampe!“

„Geh weg, lass mich in Ruhe! Du bist Irre!“

Sie hatte wohl vergessen, das ich Bundeswehrsoldat bin, was? Ich habe 5 Menschen erschossen und dieses hysterische Weib im Dunkeln einzufangen war für mich ein Klacks. Außerdem trug sie eine gelbe Trekkingjacke, die leuchtete sogar im Dunkeln. Sie war nicht zu übersehen. Ich holte auf, hatte sie fast eingeholt. Sie stürzte und blieb heulend liegen. Ich hörte ihr panisches Atmen und ihr Flehen, sie einfach in Ruhe zu lassen. Aber ich wollte sie nicht in Ruhe lassen. In dem Augenblick, in dem ich sie an den Haaren packte und mein Gesicht über ihres beugte, passierte etwas Seltsames in mir. Es kam irgendwo aus meinem tiefsten Inneren und entlud sich mit jeder weiteren Sekunde gefangen in diesem magischen Moment, meines Hasses, meiner Verletzungen und meines Schmerzes. Sie allein war Schuld an meinem verkorksten Leben.

Sind das die Momente in denen Menschen andere Menschen im Affekt töten?

Sie kannte die Antwort, genau, wie ich sie kannte…

Sie legte ihre vor Angst zitternden Hände auf meine Wangen und sagte:

„Ich weiß, dass du das hier nicht willst. Ich weiß, irgendwo tief in dir wird das Gute siegen. Lass mich gehen!“

„Halt`s Maul!“

Ich schleuderte sie zu Boden und trat zu. Ich wollte, dass sie ihre dumme Fresse hielt und mich nie wieder mit ihrem emotionalem Scheiß vollaberte und nie wieder das Gute in einem Menschen … in mir … suchte.

Ich schlug auf sie ein, sagte, dass ich sie liebe und spürte, wie ich dabei immer mehr die Kontrolle verlor. In der Dunkelheit sah ich sie nur schemenhaft. Ich spürte nur ihren Körper und etwas Feuchtes auf meinen Händen. Vielleicht Tränen und Rotz, vielleicht auch Blut. Es war mir egal. Irgendwann hörte ich ihr leises Flehen, dass ich sie doch einfach umbringen sollte, dann hätte diese ganze Scheiße ein Ende. Für einen kurzen Augenblick wollte ich ihr den Gefallen tun. Es wäre das Beste für uns beide. Ich umklammerte ihren Hals und drückte zu. Ich drückte zu und konnte nicht mehr aufhören. Verdammt, ich konnte nicht mehr aufhören …

… und sie wehrte sich immer noch nicht!

Unendlich lange, kampflose Sekunden vergingen …

Plötzlich brach die Hölle los. Martinshorn kreischte durch die Nacht, Reifen quietschten, Blaulicht erhellte das Waldstück, mahnend, eindringlich. Ich ließ sie erschrocken los. Türen knallen. Männerstimmen. Taschenlampen, deren Kegel sich ihren Weg durch das Dickicht bahnten und plötzlich auf mich herunter leuchteten. Erst jetzt konnte ich sehen, wie weit unten wir am Hang gelandet waren. Meine Augen suchten nach ihr, doch sie lag nicht mehr da, wo ich sie zuletzt vermutete. Sie hatte die Flucht ergriffen.

Braves Mädchen.

Lauf! Ich glaube, es wäre schlecht, für mich, wenn dich jemand so sieht.

„Hallo? Was ist hier los? Alles in Ordnung mit ihnen?“, rief ein Polizist von der Straße.

Ob mit mir alles in Ordnung war? Natürlich!

Ich stieg ruhig und entspannt hinauf.

„Da hinten ist doch noch jemand! HALT STEHEN BLEIBEN!“

Ein zweiter Beamter kletterte den Hang hinunter und nahm die Verfolgung auf.

Oben angekommen starrte mich ein weiterer Polizist fragend an: „Was ist hier los? Jemand hat uns gerufen, da hier jemand mutwillig von einem Auto angefahren wurde?“

Ich lachte und erklärte ihm, dass dieser Anrufer sicherlich da etwas falsch verstanden hätte. Meine Freundin wäre nur mal wieder etwas „schwierig“, wenn er verstehen würde, was ich meinte. Er verstand es offensichtlich nicht und hielt mich mit ernster Mine fest.

Der andere Polizist hatte aufgehört zu rufen und kam wenig später mit ihr im Schlepptau zurück. Ich stand auf der anderen Straßenseite und erstarrte als ich im Scheinwerfer Licht des Streifenwagens ihr Gesicht sah. Sie sah schlimm aus. Ihr ganzes Gesicht war Blut verschmiert, auch die gelbe Jacke: Es war meine Jacke. Die Flecken werden niemals rausgehen.

Ich rufe den RTW, rief der Beamte meinem Aufpasser über die Straße, woraufhin sie ein schrilles aber entschlossenes „NEIN“ kreischte.

„Ich brauche keinen Krankenwagen, ich brauche eine Knarre!“

Dann rastete sie plötzlich vor den Augen der Polizisten völlig aus.

„Du blödes Arschloch! Ich hasse dich! Ich mache dich fertig! Ich bringe dich um!“

Halbherzig griff sie nach der Polizeiwaffe, wurde aber rasch davon abgehalten, es weiter zu versuchen. Ich wusste gar nicht, dass sie zu derartigen Wutausbrüchen fähig war und das auch noch im Beisein solcher Respektspersonen?

Immer wieder versuchte sie von der anderen Straßenseite zu mir zu gelangen und gab ein lächerliches Schauspiel ab, die nach mehrmaliger Ermahnung durch den Polizeibeamten, fast in Handschellen geendet hätte. Ich verstand nicht, was sie da veranstaltete, aber es gefiel mir. Es war mein Alibi. Ich hatte nichts getan, sie war hier diejenige, die gerade die Beherrschung verloren hatte. Irgendwann verschwand der Beamte mit ihr aus meinem Sichtfeld und sie kamen lange nicht wieder. Das machte mich nervös. Nicht, dass sie am Ende doch noch auspackte … tat sie aber nicht, auch wenn der Polizist lange auf sie einredete und ihr sogar seine Telefonnummer gab – blödes Arschloch! Er wollte sie wohl ficken, was?

Apropos…

Ich wollte mich in dieser Nacht aufrichtig bei ihr entschuldigen. Wollte ein einziges Mal versuchen zärtlich zu sein. Doch sie saß stumm im Wohnzimmer und starrte ins Leere. Das war irgendwie gespenstisch. Sie sah durch mich hindurch und reagierte auf nichts. Nur wenn ich sie berührte, dann zuckte sie zusammen und wurde wie auf Knopfdruck aggressiv.

Ich glaube, ich habe es dieses Mal übertrieben … aus Angst vor ihrer Rache, schlief ich in dieser Nacht mit meinem Schlagstock unter dem Kissen.

Am nächsten Tag habe ich mich selbst angezeigt, in der Hoffnung, dass sie mir glaubt, dass es mir wirklich Leid tut und das sie irgendwie wieder normal wurde. Ihre Antwort als ich sie bat, ihre Aussage gegen mich zu tätigen war:

„FICK DICH!“

Ich finde es toll, wie unglaublich erwachsen und sachlich sie sein kann, wenn es drauf ankommt, dafür hätte ich ihr glatt wieder eine reinhauen können.

Aber ich tat es nicht …

APRIL

Seit diesem Geschehen, war nichts, wie es mal war…

Sie hat einfach nicht mehr alle Tassen im Schrank. Es scheint als hätte sie bei dieser letzten Eskalation ihr Gehirn im Wald verloren. Sie macht nur noch scheiße. Redet wirres Zeug und benimmt sich wie eine Gehirnamputierte. Sie ist ständig am Heulen, ständig besoffen und hat mich allen Ernstes gefragt ob ich eine Dealer kenne. Heute hat sie sich mit einer Schnapsflasche im Schlafzimmer eingeschlossen, hörte ohrenbetäubend laute Musik und sang wie eine Irre mit. Ich höre nie Musik. Ich hasse Musik.Was zum Teufel bringt ihr das?

Mittlerweile lässt sie sich bei jeder Gelegenheit volllaufen, rastet immer wieder verbal aus, verletzt sich selbst. Außerdem lässt sie mich schon lange nicht mehr ran. Sie sagt, sie könne es nicht mehr ertragen von mir oder von überhaupt jemand angefasst zu werden. War mir ohnehin zu anstrengend. Sex kann mit Weibern sowieso nie so gut sein, wie ich ihn mir beim W**en vorstelle.

Und dann schmeißt sie auch noch ständig das Geld zum Fenster raus. Wenn ich sie noch einmal mit einem Geldspielautomat oder im Casino erwische, dann ist sie fällig …

MAI

Das werde ich ihr nie verzeihen!

Diese blöde Kuh hat es wirklich getan!

Sie hat versucht sich umzubringen. Ich fand sie im Wohnzimmer. Sie lag auf dem Boden und war kaum ansprechbar. Im Hintergrund lief Falco. Diese CD lief schon seit Tagen ununterbrochen.

Schlaftabletten…

Auf einem Zettel stand:

Hab mich ergeben …

Muss ich denn sterben …

… um zu leben?

Ich schrie sie immer wieder an und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Fragte sie, ob sie wüsste, was sie da getan hätte und warum sie mich so hassen würde, dass sie mir das antat …

„Lass mich sterben…“

Ich wollte einen Krankenwagen rufen, aber habe es nicht getan. Sie hätten zu viele Fragen gestellt und sie hätten sie in eine Psychiatrie eingewiesen. Dort hätten sie noch viel mehr Fragen gestellt… und sie von mir weggerissen.

Das konnte ich nicht zulassen …

Ich musste sie zum Kotzen bringen …

Ich schüttete so viel Milch in sie rein, bis ihr Magen leer war. Dann legte ich sie ins Bett und hoffte, dass sie irgendwann wieder aufwachte und mir auf ewig dankbar sein würde.

War sie aber nicht …

VORLÄUFIGES ENDE

Wer es bis hier hin geschafft hat, dem danke ich von ganzen Herzen.

Die Fortsetzung aus einer anderen – dann aus meiner –  Perspektive folgt. Und glaubt mir, es wird filmreif und es wird sehr spannend …

In diesem Sinne:

„Wenn man einmal in die Finsternis gesehen hat, vergisst man diesen Anblick nie wieder“,

(Aus dem Film „An american Haunting – der Fluch der Betsy Bell)

Und …

Die Zwischenmenschliche Liebe ist meine größte Angst und tatsächlich Auslöser für meine Angsstörung. Ich weiß bis heute nicht, was Liebe ist und wie es sich anfühlt angstfrei zu lieben, und das tut mir (besonders für meinen Mann) manchmal sehr, sehr leid.  <3

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Reden wir über Angst – wenn das Leben kurz aus den Fugen gerät

Ich hoffe, ihr habt etwas Zeit mitgebracht? 🙂

… könnte nämlich heute ein bisschen länger dauern, ich bin ziemlich mitteilungsbedürftig.

… und es könnte auch ein bisschen härter mit meiner Ausdrucksweise werden! 😀

Ich bin nämlich frustriert! Und meine Therapeutin hat gesagt, es sei vollkommen okay auch mal angepisst zu sein und das auch deutlich zum Ausdruck zu bringen.

… und eigentlich weiß ich nicht so recht, wie ich anfangen soll. 😮

Mein komischer Zustand hat nämlich inzwischen einen Namen bekommen …

Ursprünglich hatte ich für diesen Blogeintrag eine Art Bekenner-Video zu Thema „generalisierte Angststörung“ geplant. Ich hatte mir schon im Vorfeld einige Videos von Betroffenen bei Youtube angeschaut und dachte, es sei eine gute Idee, ein Rotz-und-Wassser-Heul-Outing-Video während einer dieser „Angstattacken“ von mir zu drehen, damit auch das psychologische Ausmaß dieser abgefuckten Krankheit verdeutlicht wird. Aber ich lasse es. Sollen die anderen auf youtube heulen, ich mach das lieber heimlich im Bett.

Dennoch ist es mir ein großes Anliegen und auch ein therapeutischer Schritt über diese Scheiße hier in diesem Blog zu schreiben, sonst ziehe ich mich möglicherweise nur noch mehr in mein Schneckenhaus zurück, von daher verzeiht mir bitte meine plötzliche Offenheit … 😉

Und wenn ich schon offen rede, dann erzähle ich an dieser Stelle auch ganz offen und ehrlich …

Ich hab gestern Nacht kurzzeitig meinen Verstand verloren, er ist mir irgendwo zwischen einem unnötigen Pillepallestreit mit meinem überforderten Mann, einer weiteren Panikattacke, inkl. anschließendem Solo-Komasaufen und Beruhigungstabletten abhanden gekommen. Wobei ich zugeben muss, dass sich dieses „Komasaufen“ auf eine Flasche Rotkäppchen Sekt mit Multivitaminsaft beschränkte – ich trinke nie Alkohol und vertrage diesen somit auch nicht. Es war eine reine Verzweiflungstat. Ich wollte diese endlosen Gedanken abstellen, meinen Verstand zum Schweigen bringen, meine Seele und meine Gefühle betäuben … sie sollten einfach mal allesamt die Fresse halten.

Hat prompt funktioniert – erst habe ich gekotzt, dann geschlafen.

Heute hätte ich große Lust das Ganze zu wiederholen … aber der Sekt ist leer. 🙁 Nein, Quatsch! Es war ein Ausrutscher. Immerhin hab ich noch meine Würde, eine große Verantwortung, besonders meinen Kindern gegenüber, die von meinen persönlichen Eskapaden absolut verschont bleiben sollten. Daher schreibe ich heute lieber darüber … werde ich wahrscheinlich morgen wieder bereuen … das, was ich hier mache, hat etwas von „die SMS von letzter Nacht“… aber da muss ich als Bauchmensch wohl jetzt durch … 😀

Ich habe übrigens gelesen, dass die meisten Betroffenen mit eine Angsterkrankung Alkohol- oder Drogenabhängig werden, weil sie selbst gar nicht verstehen, dass es eine Krankheit ist. Ich konnte diese Form der Selbstaufgabe und Kontrollverlust bis dahin nie nachvollziehen – mit dem heutigen wissen, der Symptomatik und dem dazugehörigen Empfinden, kann ich das absolut verstehen, dass Menschen kein Bock mehr auf Realität haben. Mit einer Angststörung ist der Alltag tatsächlich nüchtern (oder ohne Medikamente) einfach nicht zu ertragen.

Wo war ich stehen geblieben?

Ach ja, bei der Frage wo und wie fange ich an … oder besser gesagt, ich spule noch mal kurz zurück:

Es begann vor 8 Wochen. Zu viel Stress, zu viel Hektik, zu viel Arbeit und noch eine zusätzliche Situation, die mich innerlich komplett aus der Bahn geworfen hat. Ich dachte als erstes, dass mich nun doch das befürchtete Burnout befallen hat, denn ich bewege mich schon seit Monaten am Limit meiner Kräfte. Doch da war noch etwas anderes.

Ich hatte plötzlich das Gefühl, als hätte mich jemand in Eisenketten gelegt, ein Gefühl, das bis heute anhält. Mein ganzer Körper fährt auf Hochtouren, es fühlt sich wie Fieber an, ich bin ständig unter Strom, habe ständig das Gefühl durchzudrehen und es braucht meist auch nur einen Funken, und schon verliere ich die Nerven. Ich fange an zu heulen, implodiere, explodiere, werde hektisch und wütend … ich bin eigentlich die Ruhe und Friedfertigkeit in Person. Zudem kann ich kaum noch etwas essen, was mich nicht wirklich stört, ich bin eh zu fett.

Und dann sind da diese nervtötenden Beklemmungen im Brustbereich, je höher die Anspannung, desto stärker auch das Engegefühl. Es wandert bis zum Hals, drückt mir die Kehle zu. Es entsteht ein unerträglicher Druck, das Einatmen fällt schwer. Anfangs dachte ich noch, ich würde ersticken und bekam ständig deswegen Panik. Inzwischen bin ich so routiniert, dass ich mich flach auf den Boden lege und alle Viere von mir Strecke und ganz ruhig atme. Es ist tatsächlich ein rein körperliches Desaster, das hier vollkommen unterbewusst von der Psyche angezettelt wird – psychosomatisch eben. Und Fakt ist, dass ich nicht den ganzen Tag auf dem Wohnzimmerteppich liegen und mich von meiner kleinen Tochter mit Büchern und Spielsachen belegen lassen kann (so toll sie es auch findet). Diese ganze Situation nervt mich und beeinträchtigt mein Leben, was wiederum zu Frust und Streitereien mit meinem Mann führt, den das Ganze nämlich auch frustriert, nervt und beeinträchtigt.

Ja, ich bin in der Tat frustriert, nicht zu verwechseln mit depressiv. Ja, es frustriert mich, dass gerade ich, – obwohl ich zugegeben die personifizierte Angst bin, aber seit einem Zusammenbruch 1999 (der mich fast mein Leben gekostet hat) – mit viel Lebensfreude, positivem Denken, mit viel Liebe und stetiger Selbsthilfe und Selbsttherapie durch schreiben und psychologische Selbstbeobachtung – ja, dass mir heute trotzdem so ein psychologischer Bullshit passiert.

Die genaue Diagnose lautet übrigens „generalisierte Angststörung“. Und die geht mir gerade tierisch auf den Sack. Dass ich schon seit meiner Kindheit ununterbrochen Angst vor allem und jedem habe, wusste ich. Dass ich deutlich mehr Angst habe als andere Menschen, wusste ich auch, dass es eine Störung – also nicht normal ist – war mir nicht klar. Ich habe mich so daran gewöhnt, mich ständig unwohl und eingeschränkt zu fühlen, dass es für mich einfach Normalität ist. Und ich hätte bis an mein Lebensende damit Leben können, wenn meine Angstnormalität mit (Un)Sinn und Verstand einfach so (eben kontrolliert) geblieben wäre. Aber jetzt ist alles außer Kontrolle geraten. Meine Ängste führen ein Eigenleben ohne Sinn und Verstand. Es ist ein absolut grundloses körperliches Angstgefühl, was mich den ganzen Tag auf Trab hält und aus mir, der Kämpferin, ein hochexplosives und hysterisches Nervenbündel macht, dessen Handlungsfähigkeit und Artikulation plötzlich einer pubertären Sechstklässlerin gleicht.

Hätte es nicht einfach ein Burnout sein können? Ja, mit einem „Allerleuts-Burnout“ hätte ich noch leben können. Ja, mit einem Burnout kann man hausieren gehen. Man kann sogar damit angeben, ganz nach dem Motto: „Ätsch, ich hab mehr gearbeitet als du! Ich hab`n Burnout und du nicht!“

Ja, und ich gebe zu, ich habe eindeutig zu viel gearbeitet in den letzten Jahren. Ich arbeite auch heute noch Tag und Nacht. Ich habe sogar zwei Stunden vor und knapp fünf Stunden nach der Geburt meiner Tochter Ronja gearbeitet, nur um meine durchaus vorbildliche Arbeitsmoral mal auf den Punkt zu bringen. Wobei hier das Wort „Arbeitsmoral“ fairer Weise mit dem Begriff „Existenzangst“, ausgetauscht werden müsste. ⇒ Ha, wieder eine Angst!

Und weil sich diese extrem übertriebene Arbeitsmoral natürlich auch auf Körper und Geist niederschlägt, hätte ich grundsätzlich tatsächlich ein Anrecht auf so ein abgefucktes Burnout, inklusive Schlaf-und-Nichtstun-Therapie. Schön weit weg, mindesten 8 Wochen, beispielsweise in der Nordseeklinik Borkum, um dort innere Ruhe und Frieden finden, schlafen, entspannen lernen, irgendwelche Psychodinge aufarbeiten, die die Gründe für eine möglich bestehende Arbeitssucht rechtfertigen …

Tja, das wäre aber die falsche Therapie, denn meine Diagnose lautet nicht Ausgebrannt-sein, sondern Krank-vor-Angst-sein“.

Ja, die Angst hält mich tatsächlich gefangen, belastet mich, will mich runter ziehen. Vielleicht sogar an einen Ort, an dem ich schon einmal war (und wo ich nie wieder hin wollte). Ich kämpfe dagegen an. Ich kämpfe mit allen Mitteln, drehe zwischen drin auch mal durch, betäube mich mit Lorazepam oder besaufe mich, kämpfe weiter und sehe dabei in all die verständnislosen Gesichter in meinem Umfeld.

„Sag, was hast du gleich noch für Probleme? Was ist das denn da mit deiner Tsyche? Wer hat denn diese Diagnose gestellt? Was sagt die Therapeutin? Du hast es doch so gut hier mit deinem Mann und deinen Kindern, es gibt doch keinen Grund schlecht drauf zu sein. Wie lange dauert es denn, bist du wieder funktionierst?“

Ich fange an mich zu erklären. Die einen verstehen nur Bahnhof, die anderen noch viel weniger. Schnell wird in den Töpfen der Küchenpsychologie ein Gebräu aus Depressionen, allgemeiner Unzufriedenheit, genetischer Veranlagung und Suizidgedanken gekocht. Mein Mann hat dieses giftige Zeug auch probiert und hat sich damit seine nächtlichen Träume verdorben. Ihn konnte ich aber inzwischen davon überzeugen, dass ich weder depressiv, noch unzufrieden bin, geschweige denn vorhabe, mir das Leben zu nehmen. Hallo? Geht´s noch?! Ich hab die tollsten Kinder der Welt! Niemals würde ich sie alleine lassen, never ever!

Ja, und dann gibt es auch noch jene Idioten, die mir am liebsten den Mund beim Reden zu halten wollen, nur damit die Öffentlichkeit das Wort „Störung“ bloß nicht aufschnappt. Es schickt sich nicht so etwas zu haben, was sollen denn die Leute denken? An Burnout zu erkranken ist erlaubt – Psycho sein ist pfui!?

Empathieloses Pack! 😀

Aber es gibt auch Menschen, die mich verstehen. Sie sehen mir in die Augen und spüren, wie ich kämpfe. Sie schenken mir ein Lächeln, eine freundschaftliche Umarmung, einen Kuss, fragen mich, wie es mir geht, hören mir zu, lassen sich nicht von meiner Unruhe beirren und gehen dann ganz normal zur Tagesordnung über. DANKE! 🙂

Natürlich habe ich inzwischen mich in ärztliche und psychologische Behandlung begeben. Mein Hausarzt wollte mich stationär in eine Klinik einweisen, damit mir direkt und ohne Verzögerung geholfen wird. Ich zog es aber brav vor, auf einen Termin bei einem Psychologen, bzw. Psychotherapeuten zu warten – immerhin habe ich Kinder, die mich brauchen … mein Mann braucht mich im Moment vielleicht nicht ganz so … aber ich habe eine berufliche Existenz und (nicht zu verachten) eine ziemlich schlimme Krankenhausphobie. ⇒ Ha, noch eine Angst!

Eine Therapie habe ich inzwischen begonnen, auf meine Medikamente, die die Symptome eindämmen warte ich noch, der Neurologe ist gerade im Urlaub. Etwa ein halbes Jahr könnte die Genesung dauern, wenn die Therapie anschlägt. Es ist also ein Ende in Sicht … ich bleibe also nicht mein Leben lang so daneben! 😀

Eine Frage, die sich jetzt zwischen diesen ganzen Zeilen vielleicht viele stellen: Wovor hat `se denn jetzt überhaupt Angst?

Okay, reden wir über Angst!

Ja, sprechen wir über die Angst, die uns den Atem rauben kann, die unsere Sinne lähmt, und die uns manchmal auch an den Rand des Wahnsinns treibt – oft auch einen Schritt darüber hinaus. Jeder kennt sie, und jeder hat diese Angst auch in irgendeiner Form schon mal erlebt – der eine mehr, der andere weniger. Aber so verschieden unsere Ängste auch sind, sie haben alle etwas gemeinsam – die Furcht vor (körperlichen und seelischen) Verletzungen, und nicht zu vergessen die Furcht vor dem Tod.

Was sind denn so meine Ängste? Antwort: Es gibt eigentlich nichts, wovor ich nicht Angst habe!

Ich weiß, diese Aussage wird gerne belächelt. Aber das ist okay für mich, sie klingt ja auch so was von absurd. Aber auch wenn es absurd klingt, ist es dennoch das, was ich Tag täglich aufs neue erleben muss, denn auch wenn ich die kleinen unscheinbaren Ursachen vergöttere, es gibt aber auch genau so viele kleine unscheinbare Ursachen, die mir Angst machen. Wenn ich jetzt aber sage, dass ich Angst vor dem Tod, Angst vor schweren Verletzungen, Angst vor wilden Tieren, Angst vor gefährlichen Waffen, vor Krankheiten, Krieg u.s.w. habe, dann klingt das doch nicht mehr so absurd, oder?

…und warum klingt es nicht mehr so absurd?

Na, weil es die Form von Angst ist, die jeder kennt, jeder mit mir teilt und somit auch jeder verstehen kann. Leider Gottes ist diese „normale“ Angst aber nur ein Teil meiner Angst und nicht Hauptauslöser für diese ganze Kacke. Natürlich habe ich Angst vor dem Tod und noch mehr Angst, dass meinen Kindern und meiner Familie etwas Schlimmes passieren könnte. Auch muss ich zugeben, dass mich die Angst vor schweren Krankheiten auch ziemlich oft besucht. Vor zwei Jahren zum Beispiel war ich mir sicher an Lungenkrebs sterben zu müssen. Ich hatte ständigen Hustenreiz, ohne krank zu sein. Die Strafe für 20 Jahre lang Rauchen? Nein, es war „nur“ eine Speiseröhrenentzündung. Traumatisiert von meiner eigenen Befürchtung war ich trotzdem. Und nachdem ich letztes Jahr einen Knoten in meiner Brust ertastete, wollte ich noch vor dem Besuch beim Frauenarzt mein Testament machen. Der Knoten war ein absolut harmloser Tumor – ich wollte dennoch meine Brüste loswerden. Wer braucht schon so Dinger? 😀 Ich hab sie aber nach gutem Zureden meines Arztes dennoch behalten.

Meine Grundangst ist quasi die Angst vor der Angst. Meine größte Angst ist, dass ich in Situationen gerate, denen ich nicht gewachsen bin. Denn ich stecke in einem Körper, dessen Gehirn und sämtliche anderen für Emotionen Verantwortlichen Systeme auf die absurdesten Dinge reagieren – und zwar mit einer Flut an Emotionen, die teilweise meine Verarbeitungskapazitäten so deutlich überschreiten, dass die Gefahr besteht sich entweder ein weiteres Trauma, eine weitere Posttraumatische Belastungsstörung oder eine Psychose einzufangen – alles schon gehabt. 😀

Ich habe somit Angst vor einer ungeahnten und plötzlich auftauchenden Emotionsflut, die ich mit meinem Verstand nicht mehr bewältigen kann – hierzu langt schon meist ein Foto von einem glücklich lächelnden Kind, unter dem das Wort Vermisst! steht – eine Flut an Emotionen, die mir die Luft zum Atmen nimmt, mich entsetzt, lähmt und mich hilflos macht, und mich somit gefährlich nah an den Rand des Wahnsinns treibt – oder eben auch darüber hinaus … aber das werde ich zu verhindern wissen. 😀

So lange ich noch schreiben kann …

Ich schreibe, also bin ich …

Aber ich habe heute ziemlich viel geschrieben …

… und es fühlt sich tatsächlich besser an als Saufen. 😉

Und zum Abschluss mal einige Ängste von mir in der Übersicht, unabhängig von den natürlich bestehenden Ängsten vor dem Tod, schlimmen Krankheiten oder Unglücksfällen. Ihr werdet staunen, was für ein (für mich leider jedoch sehr ernsthafter) Schwachsinn dabei ist:

Angst vor tief gehenden Emotionen aller Art
Angst vor unkontrollierter Empathie (zu extrem mitfühlen und mitleiden)
Angst vor Menschen und ihren tiefen Abgründen
Angst vor deren Unehrlichkeit und falscher Liebe
Angst vor Freundschaften und sozialen Kontakten
Angst Missverstanden zu werden
Angst vor Zwischenmenschlichen Gefühlen, Angst vor der Liebe
Angst vor Streit
Angst vor Wut
Angst selbst wütend zu werden
Angst vor Aggression
Angst vor meinem Ex
Angst vor einer Überdosis Adrenalin
Angst vor Lügen – ich bin tatsächlich nicht fähig die Unwahrheit zu sagen
Angst zu Telefonieren – ich kann mein Gegenüber nicht sehen, das irritiert mich
Angst vor Reizüberflutung
Angst sich zu blamieren oder einfach nur dumm aufzufallen
Angst zu verblöden
Angst wichtige Termine zu vergessen – je wichtiger der Termin, desto größer die Gefahr diesen zu vergessen
Angst in irgendeiner Form die Kontrolle zu verlieren
Angst als Ersthelfer an einer Unfallstelle zu sein
Angst davor im Mittelpunkt zu stehen
Angst vor dem Wolf im Schafspelz – also vor Psychopathen
Angst, dass sich jemand sexuell an meinen Kindern vergreifen könnte
Angst vor Fahrten auf der Autobahn
Angst über Brücken zu laufen
Angst vor großer Höhe
Angst vor Autofahrten in größeren Städten
Angst genau dort die Orientierung zu verlieren
Angst zu verschlafen oder zu lange zu schlafen
Angst wieder Schlafzuwandeln
Angst, dass das Auto wieder nicht anspringt
Angst an der Kasse zu wenig Geld zu haben
Angst vor Abhängigkeit (finanziell, seelisch etc.)
Angst meine Aufträge nicht perfekt abzuliefern – zu versagen
Angst vorm Kochen – ich kann es einfach nicht
Angst vor Zahlen – sie machen mich irre
Angst vor plötzlich „logisch Denken zu müssen“ und es auf Anhieb nicht zu können
Angst vor Krankenhäusern (aus diesem Grund habe ich auch ambulant entbunden)
Angst vor nächtlichen Wäldern
Angst vor Käuzchen
Angst vor Friedhöfen – kein Scheiß! Es ist mir nicht möglich einen Friedhof (egal welchen) zu betreten ohne heulend zusammenzubrechen … warum ist bis heute ein Rätsel.
Und ich könnte jetzt noch unendlich lange damit weitermachen …

… aber ich hab Hunger! 😉

Und hier noch ein Lied, das ziemlich gut zu meiner Stimmung & Situation passt ….