7 Tage ohne Paroxat – Indianerherz, kennt keinen Schmerz

Hallo, Ihr Lieben!

Da bin ich wieder, wenn auch heute nur ganz kurz. 😀

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(Karneval `85)

Sieben Tage ist es her, dass ich über ein ganz besonders heikles Thema geschrieben habe und sieben Tage ist es auch her, dass ich die letzte Paroxat-Tablette eingenommen hatte.

Was den Teil meiner Lebensgeschichte und das Aushalten der Reaktionen betrifft: Ich bin inzwischen so relaxed und guter Dinge, dass diesbezüglich (im Moment jedenfalls) mich gar nichts belasten könnte. Es war so ein extremer Befreiungsschlag, dessen Wirkung (innen und außen) ich selbst vollkommen unterschätzt habe.

Natürlich habe ich diese Thema auch schon mit meiner Therapeutin durchgekaut. Aber ich habe es eben nur einer Therapeutin erzählt, die analysiert und mir sodann mit diesem neuen Wissen Fragen beantworten konnte, deren Antworten ich selbst schon lange gesucht habe: Warum habe ich so ein großes Problem damit, Hilfe anzunehmen? Warum fühle ich mich immer klein, unfähig und schlecht, wenn mir jemand hilft? Warum kann ich Liebe nicht annehmen und halte immer emotionalen Sicherheitsabstand?  u.s.w.
Ja, es ist echt unglaublich wie viele Antworten gefunden werden können, wenn man sich einfach mancher Dinge bewusst wird und auch damit anfängt, sich Fragen über das eigene Selbst zu stellen. 😉

Ja, das Gespräch mit meiner Therapeutin war schon gut, aber ich fühlte mich eben nicht befreit. Die Befreiung erlebte ich erst am Sonntag mit dem Abschluss von „Reden wir (endlich) über sexuellen Missbrauch – Teil 2„. Ich war damit (angstfrei) raus geplatzt und es war mir tatsächlich egal, was passieren würde. Das tat so unendlich gut … auch wenn ich weiß, dass ich dem einen oder anderen eine schlaflose Nacht beschert habe. 🙂 Und auch mein Mann, der eigentlich alles von mir weiß, schlich in der letzten Woche so auffällig achtsam um mich herum als sei ich ein rohes Ei.

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(1981)

Das bin ich aber nicht. 🙂

Ich bin inzwischen sogar tatsächlich bereit darüber zu sprechen … so richtig mit reden und Mund aufmachen … was bei mir tatsächlich noch eine andere Hausnummer ist als über Missbrauch zu schreiben. Und die wenigen, die mich angesprochen haben, waren selbst überrascht, wie offen ich darüber sprechen kann. Ja, ich habe sogar mit meiner Schwiegermutter – Aug in Aug – gesprochen und ich danke ihr sogar für dieses Gespräch. She ´s the best! <3

Ehrlich gesagt, bin ich sogar froh, wenn mich jemand anspricht oder mir Fragen zum Thema stellt, denn von mir aus werde ich wohl nicht davon anfangen. 🙂

Ich hab übrigens in alten Fotoalben gestöbert, um ein adäquates „Jungsfoto“ von mir zu offenbaren, aber irgendwie fand ich nichts, außer die, in den letzten Zügen. Siehe unten … da war ich fast schon wieder Mädchen. Leider in schlechter Qualität, da abfotografiert. Mein Scanner hat den Geist aufgegeben.

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( ca. 1991, da war ich zwölf)

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(ca. 1986 – als Junge, hätte ich jede haben können 😀 )

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(Ach Du Scheiße … 1992)

Soviel dazu …

Was das Absetzen der Tabletten betrifft:

Ja, ich bin tatsächlich wieder ich. Mit allem, was mich glücklich macht und leider auch mit allem, was mich belastet, stresst und in die Knie zwingen will. Ich weiß, dass ich viele Dinge, Denkweisen und auch Gewohnheiten in meinem Leben ändern muss, damit das Glücksgefühl mehr Platz in meinem Alltag findet als Angst und Überforderung. Dafür muss ich eine Menge in Angriff nehmen, in erster Linie mein Chaos in meinem Büro und in meinem Job wieder in halbwegs geordnete  Bahnen bringen. Ja, das Arbeiten funktioniert wieder, in vollem Umfang. Letzte Woche habe ich Texte über Arbeitsschutzkleidung, Bio-Tiefkühlkost, Autofolierungen und Schmuck geschrieben, ohne Probleme. Wenn ich jetzt noch Buchhaltung, Organisation und Zeitmanagement optimiert kriege, dann kann es auch hier nur besser werden. 😀

Was den restlichen Alltagsstress betrifft …

Alle möglichen Entspannungstechniken müssen her. Neben dem klassischen autogenem Training, der PROGRESSIVEN MUSKELENTSPANNUNG NACH JACOBSON (von meinem Hausarzt bei Ängsten empfohlen), habe ich jetzt auch einen Kontakt für Hynotische Tiefenentspannung (Hypnose zur Entspannung), da weiß ich aber noch nicht, ob ich das wirklich möchte.

Da hab ich irgendwie Angst vor … 😮

Aber eine ganz besonders faszinierende Entspannungsmöglichkeit habe ich vor einigen Tagen ganz unverhofft entdeckt – die sogenannte Aromatherapie. Das Lustige: Ich habe schon unendlich Texte über genau das Thema geschrieben und dies immer etwas belächelt. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass mit bestimmten Gerüchen ein Entspannungszustand herbeigeführt werden kann. Und eigentlich hätte ich es besser wissen müssen, denn ich reagiere sehr stark auf Düfte und Gerüche. Hier wird tatsächlich jede Geruchswahrnehmung in ein Gefühl umgewandelt. Bei einem guten Aftershave oder Parfum, gehen sogar meine Hormone mit mir durch – Le Male Jean Paul Gaultier, Cool Water von Davidoff, HUGO von Hugo Boss und Roma Uomo von Laura Biagiotti. Ja, bei solchen Herrendüften bin ich wie betäubt und kann gar nicht mehr richtig denken.  😀

Egal, wo ich hingehe oder wo ich mich gerade befinde, ich nehme die unterschiedlichsten Gerüche wahr und verarbeite sie auf Gefühlsebene. Ich kann sogar „riechen“, wenn meine Kinder krank werden und Fieber haben. Mein Mann ist immer fassungslos und findet das immer höchst merkwürdig, wenn ich wieder sage: „Ronja ist krank, ich rieche das“, und dann sehr bald das Fieber einsetzt. Ich dachte auch immer, das können nur Tiere. Daher an dieser Stelle eine Frage an die Mütter: Könnt ihr das auch riechen? Oder bin ich der einzige Geruchsfreak hier?  😮

Also vor einigen Tagen betrat ich, gemeinsam mit meinem Syrischen Schützling, eine Frauenarztpraxis in Linz. Genau genommen, war das die Praxis von Frau Dr. Stefanie Hufschlag – tolle, kompetente und warmherzige Frau!  <3  Wir setzten uns ins Wartezimmer und warteten. Die Stimmung war etwas gedrückt, denn einen Tag zuvor ist der Schwager von Fethe in einem Gefecht in Damaskus ums Leben gekommen. Die beklemmende Trauerstimmung erreichte mich bereits auf der Fahrt nach Linz und verfolgte mich bis in das Wartezimmer der Frauenarztpraxis. Ich hatte zwar mit meiner Therapeutin eine Übung einstudiert, die ich in solchen Situationen anwenden sollte, aber irgendwie habe ich das noch nicht so ganz kapiert, wie ich mir ein imaginäres Schutzschild um mein Herz und meine Seele legen soll, damit die Gefühle von anderen Menschen, nicht zu meinen werden … ?!  😮

Ernsthaft: WIE GEHT DIESES „IMAGINÄR“?

Als wir uns setzten, nahm auch das bedrückende Schweigen neben uns Platz. Im Hintergrund lief seichte Musik. Instrumentale Klänge, die an Meditationsmusik erinnerten. Das war irgendwie gut und lenkte mich von dem unguten Gefühl, das ich wegen Fethes Schicksal in mir trug ab. Und dann nahm ich noch etwas wahr. Da war dieser mir vollkommen fremde, aber doch vertraute Duft. Er kam von einem kleinen Gefäß, in dem sich eine Flüssigkeit befand, die von einem Teelicht erhitzt wurde. Der Duft irritierte mich. Mehr als das, er warf mich komplett in ein Chaos aus Gedanken und Gefühlen. Unruhe machte sich in mir breit, denn der Duft „berührte“ mich, das machte mir zunächst Angst. Doch dann wurde es wie von Geisterhand still in mir. Und während Duft und Musik weiterhin ihre ungeahnte Wirkung in mir entfalteten, spürte ich wieder diese Wärme im Bauch und Herzbereich, dicht gefolgt von den Schmetterlingen. Eben dieses Gefühl, was mich seit meinem Zusammenbruch 1999 stärkt, leitet, führt und am Leben hält und welches durch die Tabletten komplett ausgelöscht wurde … dieser Zustand ist meine Waffe gegen den Schatten. <3

Ausgelöst durch einen Duft …?

Das war echt unglaublich …

Ich muss jetzt nur noch herausfinden, welche Düfte mich „touchen“ und welche nicht, dann kann auch hier zu Hause so ein Schälchen stehen …

Aromatherapie … Sachen gibt´s?! 😮

So, zum Schluss möchte ich nochmal den Versuch vom 13.November 2015 aufgreifen – das war der Blogeintrag „Über Freitag den 13., Jim Beam und … ach watt weiß ich, keine Ahnung!„, in dem ich das „Schreiben“ ohne nachzudenken erzwingen wollte. Eben, dieses Schreiben, aus dem meine Geschichten entstehen …

Zu Erinnerung:

Es fing damals so an:

3

2

1

GO!

„Das Zeug schmeckt so scheiße, dass ich nicht einen Schluck nehmen kann ohne mich wie bei einem Krampfanfall zu schütteln“, stöhnte sie und schob das Glas Bourbon weit von sich.

„Und warum trinkst du es dann?“, fragte er und lächelte.

„Ich hege den tiefen Wunsch nach Betäubung …!“

„Betäubung von was?“

„Du stellst zu viele Fragen … !“

„Geh ins Bett!“

„Wir haben erst 22.25 Uhr …!“

„Geh!“

„Aber … „

– CUT –

Und so würde ich ihn jetzt schreiben …

“Das Zeug schmeckt so scheiße, dass ich nicht einen Schluck nehmen kann ohne mich wie bei einem Krampfanfall zu schütteln”, stöhnte sie und schob das Glas Bourbon weit von sich. Trinken war einfach nicht ihr Ding, obwohl es ihr damals oft über dieses unerträgliche Gefühl hinweg geholfen hatte. Doch heute fühlte sich das Nippen an diesem Getränk, was einem die Speiseröhre wegätzte und den Reflux begünstigte, mehr nach dem peinlichen Versuch an, sich in gute Laune zu versetzen. Eben diese Form der guten Laune, die immer dann aufkommt, wenn man vertuschen wollte, dass man auch mit Ende dreißig das Leben noch immer nicht im Griff hatte.

“Und warum trinkst du dann?”, fragte er und lächelte.

“Ich hege den tiefen Wunsch nach Betäubung.”

“Betäubung von was?”

Betäubung von was? Sie sah ihn aufmerksam an. Sie war auf diese Frage nicht vorbereitet. Sie war auf diese ganze Situation nicht vorbereitet gewesen. Noch nie hatte sie in einem Hotel übernachtet und auch noch nie mit einem Mann an einer Hotelbar gesessen und Whiskey getrunken. Ob sie es ihm wirklich sagen sollte? Wie würde er reagieren? Was würde er denken?

„Du willst es wirklich wissen?“

Er nickte interessiert.

Ob er derjenige, vielleicht sogar der einzige war, der sie verstehen konnte? Hoffnung keimte in ihr auf. Sie gab ihm ein Zeichen näher zu kommen. Das, was sie ihm zu sagen hatte, war nicht für den Rest der Menschen, die sich in dieser Bar bestimmt. Nein, es war ein wohlbehütetes Geheimnis und sie war bereit es ihm zu sagen.

„Noch näher!“, sagte sie leise.

Er rutschte näher, legte seinen Kopf zur Seite und war bereit in dieses Geheimnis eingeweiht zu werden. Jetzt war er so nahe, dass sie sein betörendes Aftershave riechen konnte und für einen kurzen Augenblick alles vergaß, weshalb sie überhaupt hier waren.

„Heute Nacht … „, hauchte sie in sein Ohr. „Heute Nacht stand ein Grizzlybär vor meinem Schlafzimmerfenster.“

Okay, jetzt wirds doof … und sollte auch nur ein kleiner Test sein …  😆

Tabuthema: Reden wir (endlich) über sexuellen Missbrauch – Teil 1

Mir ist schlecht … 😮

„Erinnerungen sind wie eine Zeitbombe.“

(Prof. Dr. Barbara Kavemann)

Ja, ich weiß, da bleibt bei dem einen oder anderen die Spucke weg – das freut mich sogar! 😀

Doch kurz vorweg noch etwas zum Thema Paroxat:

Nach Tag 4 und 5 geht es soweit gut. Keine nennenswerten Absetzerscheinungen, aber dafür die stetiger Rückkehr meiner Emotionen (Angst ist leider auch dabei), meiner Konzentration und auch die Rückkehr meiner Persönlichkeit. Es ist wie das Aufwachen, nach einem sedierten Zustand. Ich denke, ich muss mir noch etwas auf die Wangen klatschen, bis ich ganz wieder da bin. Am Montag nehme ich die letzte halbe Dosis ein, dann ist es mit den Medikamenten ganz vorbei.

Doch eines ist sicher: Egal, wie viel Stress, Chaos und Angstattacken in Zukunft noch auf mich warten und es ist mir auch egal, wie viele Menschen diesbezüglich auf mich einreden werden, weil ich unbequem und zu „laut“ werde – z. B. mit Texten über meine Vergangenheit – ich werde nie wieder diese Tabletten nehmen!  ❗

Ganz egal, was die Angst auch mit mir macht …

Ich werde in Zukunft nur noch schreiben …

Schreiben ist in meinem Fall wohl der einzig wahre Weg zur Heilung. Ja, ich werde die Angst, den Schmerz und die Sehnsucht mit Worten bekämpfen. Quasi, von der Angststörung direkt in eine Zwangsneurose, weil die Verbindung zwischen mir und dem Schreibwerkzeug, mir das Gefühl von Sicherheit und Freiheit gibt. Sicherheit, Freiheit und die Macht alles gut werden zu lassen oder in Romanform auch mal das Gegenteil heraufbeschwören. Wenn ich schreibe, bin ich Herrscherin über Licht und Schatten, kann aus dem Monster unter meinem Bett ein Kuscheltier machen oder umgekehrt. Und ich kann während des Schreibens in die Seele meiner Protagonisten sehen, mich einfühlen und vielleicht hier Antworten auf all meine Warum-Fragen finden …

Klingt verrückt, aber ich bin es nicht … nur anders, einzigartig und dabei auch noch durchaus talentiert … hab ich in in der Therapiestunde gelernt.  😀

So, Themenwechsel …

Und es folgt auch gleich wieder der Hinweis, dass das, was jetzt heute und morgen folgen wird vielleicht schwer erträglich ist, für Menschen die mich mögen / lieben oder die mich lieber ohne meine Geschichte zu kennen, in Erinnerung behalten wollen. Steigt an dieser Stelle bitte wieder aus – es wird (nach meinem Empfinden) noch schlimmer als die Geschichte „Der Psychopath und ich„…

Shit happens – willkommen in meinem Leben!   🙂

Auch wenn ich weiß, dass meine Eltern, mein Vater und meine Mutter diesen Blog nicht lesen. Sie haben zwar ihre Informanten, die zwischendurch petzen, meiden persönlich aber meine Texte, weil die Inhalte nicht in das gewünschte Weltbild vom Eltern passen – dafür habe ich durchaus Verständnis, werde aber auch weiterhin keine Rücksicht darauf nehmen. Ja, man könnte tatsächlich meinen,  dass ich besonders mit meinem heutigen Thema sehr rücksichtslos gegenüber meiner Familie und möglichen Beteiligten bin – aber dazu kann ich nur sagen:

Liebe Leute!

Es gibt einen Punkt im Leben, an dem Entscheidungen gefällt werden müssen – sogar Entscheidungen fürs Leben. Und ich habe inzwischen durch meine Therapeutin gelernt, dass auch falsche Rücksichtnahme den schleichenden Tod der Seele bedeuten. Mein Leben lang habe ich ständig nur Rücksicht genommen, geschwiegen, ertragen und die ganze Scheiße als gegeben hingenommen – damit muss Schluss sein. Sonst ist der schleichende Seelentod, dem ich bisher immer irgendwie entkommen bin, wieder zum greifen nahe. Diese Angststörung war / ist eine deutliche Warnung und der Hinweis auch endlich einmal Rücksicht auf mich zu nehmen …

Wer bis hier hin nicht ausgestiegen ist – danke, für Dein Interesse … <3

Viele werden sich sicherlich die Frage gestellt haben, wie man nur so dämlich sein kann, sich auf so einen Typen wie „Thomas“ („Der Psychopath und ich“Teil 1-4) einzulassen, sich jahrelang misshandeln und verarschen zu lassen und der selbst nach knapp 8 Jahre nach der Trennung immer noch eine unterschwellige Macht ausüben kann, obwohl er nicht mehr da ist.

Ich weiß es …

Und ich weiß auch, warum der „Rebecca“ Tatort mich so beschäftigt hat …

Zum Einstieg in den wohl schwierigsten und prägensten Teil meines Lebens, möchte ich jetzt eine kleine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die ich vor vielen Jahre aufgeschrieben habe und zwar wieder mit veränderter Perspektive.

Der Mann der sich Charlie nannte

Der Mann, der sich Charlie nennt, schaut sie eindringlich an. Und als sie seinen Blick erwidert sieht er direkt  in das wunderschöne Blau ihrer Augen, in die er sich einst so verliebt hatte. Und er war sich so sicher gewesen, das sich daran nie etwas ändern würde. Aber dennoch versetzt ihm ihr Blick plötzlich einen schmerzlichen Stich und er wendet sich abrupt von ihr ab. Wo war nur ihr herzliches Strahlen geblieben?  Er hatte so gehofft, dass dieses bedrückende Gefühl, diese Ahnung, die ihn schon seit Wochen heimgesucht hat, ihn täuschen würde. Und er hatte auch gehofft, dass diese Sicherheit, so wie er sie jetzt empfand, niemals eintreffen würde. Aber jetzt ist war sie da, das Ungewisse hatte den Schleier abgelegt und ließ sich auch nicht wieder verdrängen. Er ist sich sicher, sie will ihn verlassen und allein der Gedanke bringt ihn um dem Verstand. Was zum Teufel hat er nur falsch gemacht?

Sie war ohne Zweifel seine große Liebe und das wusste er schon in dem Augenblick, als er sie zum ersten mal sah. Sie war ein strahlender Engel, dem Gott ihm geschickt hatte, in einer seiner dunkelsten Stunden, um ihn vor sich selbst zu schützen. Und er war sich sicher, er wäre heute nicht mehr hier, wenn sie nicht gewesen wäre. Sie war so einfühlsam und liebevoll gewesen. Sie hatte ihn aus dieser quälenden Einsamkeit gerissen und ihm ein neues, viel besseres Leben geschenkt. Und er erinnert sich noch genau an dem Tag, als er ihr zum ersten mal begegnete. Dieser Tag war ein sehr schlimmer Tag, viel schlimmer als all die anderen Tage die er je zuvor erlebt hatte. Er war sogar noch schlimmer als der Tag, an dem er seine Mutter zu Grabe getragen hatte. Natürlich war er über ihren plötzlichen tot traurig gewesen, aber es war erträglich.  Sogar wesentlich erträglicher als das, was man ihm an diesem Tag angetan hatte. Er hatte an diesem Montag Nachmittag nicht nur den letzten Rest seiner Würde, sondern auch in aller Öffentlichkeit die Fassung verloren. Er hatte geheult wie ein kleines Kind und sie hatten ihn dafür nur noch mehr ausgelacht. Sie hatten ihn ausgelacht.

Früher waren es seine Klassenkameraden gewesen, die ihm ständig nach der Schule oder in den Pausen aufgelauert hatten, um ihn mit allen Mitteln zu demütigen. Asoziale Drecksau, Vierauge, Schwanzlutscher, Versager, Schwuchtel, Missgeburt, Freak, Psycho. Unzählige zerbrochene Brillengläser, unzählige blaue Flecken, unzählig Schürfwunden. Und all das nur, weil er anders war? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass sie es immer auf ihn abgesehen hatten und das es nichts auf der Welt gab, dass sie davon abbringen konnte. Sie hatten ihn sogar mehrmals bis auf die Unterhosen ausgezogen und seine Kleidung überall in der ganzen Schule verteilt. Und wenn er sich dann heulend in die Toilettenräume eingesperrt hatte, spuckten sie ihn von oben an oder bewarfen ihn mit Klopapier. Aber er hatte es ertragen, immer und immer wieder. Und er hatte auch diese ständigen Beschimpfungen ertragen, er hatte es sogar ertragen, dass sie ihm ständig im Sportunterricht die Hose hinunter zogen und sich über sein kleines Glied amüsierten. Aber wenn sie ihn auslachten, weil er wegen all diesen Schikanen weinen musste, dann war es unerträglich. Echte Jungs weinen nicht! Er aber hatte oft geweint.

Und dann Jahre später, als er es endlich schaffte einen Job zu kriegen, waren es seine Arbeitskollegen, die diesen Alptraum wieder anfingen und ihn scheinbar bis ins unendliche weiter führen wollten. So viele Jobs, so viel Schikanen und genau so viel Demütigung. Besonders die Frauen hatten sich noch nicht einmal die Mühe gegeben es hinter seinem Rücken zu tun. Sie sagten ihm direkt ins Gesicht, was sie von ihm hielten und sie lachten dabei. Einmal hatte er dem Mädchen aus dem Verwaltungsbüro eine Blume geschenkt. Sie war sehr hübsch und er dachte auch, dass sie sehr nett wäre, denn immerhin hatte sie ihm einmal aus dem Fenster zugewunken. Es hatte ihn große Überwindung gekostet das zu tun, denn er kannte sich nicht besonders gut aus mit Frauen. Sie machten ihm irgendwie Angst. Besonders dann, wenn sie ihr schrillstes Kichern kicherten und dabei ihre Köpfe in den Nacken warfen. Zu oft hatten genau diese im Anschluss mit dem Finger auf ihn gezeigt. Und auch an dem Tag, als er der Frau aus dem Verwaltungsbüro die Rose überreicht hatte, war genau dies passiert. Sie hatte ihn ausgelacht und er lachte in diesem Augenblick mit ihr. Was hätte er auch anderes tun sollen? Dieses verfluchte Weibsvolk trampelte ständig auf ihm herum, raubten ihm seine letzte Würde und er konnte nichts anderes tun, als es mit einem Lachen hinzunehmen und später heimlich darüber zu weinen.

Aber an jenem schlimmen Tag, als irgendwer ihm eine ganze Flasche Parfüm über seine Arbeitskleidung gekippt hatte, war es vorbei mit ertragen, hinnehmen und heimlichen weinen. Und derjenige, der dies getan hatte, untermalte seine Handlung auch noch mit einer schriftlichen Botschaft, wie folgt: Nimm diese Geste als ein Geschenk der ganzen Belegschaft. Wir sind alle der Meinung, dass dies deinen üblen Körpergeruch überdeckt, denn dieser ist in Verbindung mit deinem ungepflegten Aussehen einfach keinem mehr zumutbar. Im übrigen, waren deine Eltern eigentlich Geschwister?

Er hatte den Zettel aus seinem Spint gerissen und war mitsamt seinen versauten Sachen in Richtung Chefbüro gelaufen. Und offenbar hatten sie ihr übles Spiel selbst unterschätzt, als sie sich entschlossen hatten ihm eine ganze Flasche Kölnisch Wasser über Pullover und Kleidung zu schütten, denn der Gestank verbreitete sich in allen Fluren und er war beißend und nahezu atemberaubend. Und als er durch das Gebäude lief, hörte er wieder wie sie lachten, wie sie stöhnend die Fenster aufrissen und ihm verächtlich hinterher riefen, er solle endlich verschwinden und sich draußen weiter ausdünsten. Aber er schaffte es nicht mehr bis nach draußen und er schaffte es auch nicht mehr bis ins Chefbüro. Ihm wurde schon vorher übel. Und als ihn all diese schmerzlichen Erinnerungen übermannten, brach vor aller Augen zusammen und weinte.

4711, ein Wasser was Wunder bewirkt. Du musst es auch auftragen, wenn du wieder deine Kopfschmerzen hast, mein Junge. Mama, hatte es immer benutzt. Er erinnerte sich noch genau, wie sie jeden Morgen vor dem Spiegel stand und dieses übel riechende Zeug auf ihren Hals und Handgelenke schmierte, und wenn sie zu viel aufgetragen hatte benetzte sie seine Ohren und Schläfen damit. Und er erinnerte sich auch noch wie sie ihm danach immer die Haare kämmte und wie bei jeder ihrer Kammbewegung diese scheußliche Wolke in seine Nase stieg. Und wie sie ihm währenddessen einen Vortrag über das Für und Wie eines anständigen Kindes predigte. Mama, ich will keinen Seitenscheitel. Und das sie es furchtbar findet, was aus der heutigen Jugend geworden ist. Und ich brauche eine neue Brille. Sie mit einem Pflaster zu reparieren ist nicht gut. Und dass sie es nicht dulden würde, dass er ebenfalls zu solch schlecht gekleideten und respektlosen Teufeln werden würde. Und will auch nicht diese scheußlichen Buntfaltenhosen tragen. Zucht und Ordnung, Respekt und Achtung, der beste Grundstein, um ein anständiger erfolgreicher Mann zu werden. Mama, warum hörst du mir niemals zu? Ein gestandener Mann, wie sein Vater. Ich hasse ihn! Und wenn sie fertig war mit ihrer Rede, hatte sie immer ihre langen Arme auf seine Schulter gelegt und ihn angeschaut. Und immer dann, wenn er das Bedürfnis hatte sein Gesicht in ihrer Brust zu vergraben, zu weinen und zu sagen: Warum lässt du es zu, dass Papa mir immer weh tut? Sag ihm, dass er damit aufhören soll, hatte sie ihn weggeschickt.

Er wurde ständig und überall weggeschickt. Und an dem Tag, als er auf dem Boden des Foyers saß, wie ein Kind heulte und ihm dabei Tränen und Rotz über die Lippen liefen, war es wieder das Gelächter was ihn nicht nur weggeschickt, sondern gänzlich verstoßen hatte. Er war daraufhin gegangen. Er hatte seinen Peinigern den Rücken gekehrt, doch die Pein selbst blieb. Sie blieb an ihm haften, als er in den Bus stieg und hörte wie Kinder sich hinter seinem Rücken lustig über ihn machten und sie blieb auch, als er schließlich in die Straße einbog in der er lebte. Die Nachbarn in den Gärten grüßten ihn nicht, wandten sich ab, oder nahmen ihn erst gar nicht wahr. Und als er vor seiner Haustüre stand und feststellte, dass niemand da war, der auf ihn wartete, brach er erneut zusammen.

Er wusste nicht wie lange er auf seiner Treppe saß und weinte. Und er wollte sich in diesem Moment nicht ausmalen, was sein Vater gesagt oder wieder getan hätte, wenn er ihn jetzt, dreißig Jahre später so auf der Treppe hätte sitzen sehen. Seine Mutter wäre vielleicht noch zufrieden mit ihm gewesen, vielleicht sogar stolz. Er trug einen ordentlichen Seitenscheitel, Buntfaltenhosen, einen grünen Strickpullover und sogar noch die Brille wie vor dreißig Jahren, so wie Mama es immer wollte. Und jetzt umhüllte ihn auch noch eine Wolke Kölnisch Wasser. Siehst du mich Mama?, dachte er und blickte schluchzend in den Himmel. So wie du es immer wolltest, bist du jetzt stolz auf mich? Er hatte in diesem Augenblick auf eine Antwort gehofft und sie kam prompt und traf ihn mit voller Wucht. Sie dich an, ertönte plötzlich die Stimme seines Vaters. Was bist du nur für ein Schlappschwanz! Er zuckt zusammen, als der Kleiderbügel mit einem surrenden Geräusch auf seinen Rücken donnerte. Er wusste, das alles fand nur in seinem Kopf statt, aber es schmerzte mehr denn je. Hör auf zu flennen, echte Jungs weinen nicht! Aber er hatte immer geweint und er weinte auch jetzt. Nein, du bist kein richtiger Mann!

Nein, er war wahrhaftig kein richtiger Mann. Er war ein Vollidiot. Er war ein Schlappschwanz, ein Weichei, ein Freak, ein hässlicher Gnom, ein stinkendes Stück Scheiße. Er war einfach all das, was aus dem Mund seiner alten Schulkameraden, Kollegen, Nachbarn und seiner Eltern kam. Sie hatten alle Recht, er würde nie eine Frau finden. Frauen wollten Männer und er war einfach kein Mann … noch nie gewesen. Ich wünschte ich wäre tot, hatte er gedacht und malte sich gleichzeitig aus, wie er mit ausgebreiteten Armen auf dem Dach des Hochhauses am Ende der Straße stehen und wie er sich schließlich mit geschlossenen Augen dort hinunter stürzen würde. Er würde den Augenblick des freien Falles genießen, er würde sich frei fühlen wie ein Vogel, er würde alles hinter sich lassen. Nie wieder dieses schrille abfällige Kichern, nie wieder Beleidigungen, nie wieder diese Pein, keine Demütigungen mehr. Und er würde sich bei diesem Gedanken so gut fühlen, dass er die Wucht des Aufpralls gar nicht mehr spüren würde. Sein Entschluss stand in diesem Augenblick fest. Er war nicht willkommen in dieser Welt und er konnte nichts anderes tun, als sie zu verlassen. Niemand würde es merken, denn niemand war da, der ihn vermissen würde. Dieser Gedanke ließ ihn zusammenbrechen. Er weinte unaufhörlich und es war ihm gleich, wer von dieser Straße es hören würde, denn es interessierte sich ohnehin niemand für ihn.

Niemand außer…

Sie stand plötzlich vor ihm. Wie aus dem Nichts war sie aufgetaucht und er hatte sie erst gar nicht bemerkt, weil er sein Gesicht tief in den Händen, zwischen seinen Knien vergraben hatte. Sie stand da und sah ihn an. Hallo… warum weinst du?, hatte sie leise gefragt. Ohne auch nur einen Blick auf sie zu werfen, hatte er sie daraufhin angefahren, sie solle abhauen und ihn gefälligst in Ruhe lassen, denn er hätte genug Spott für heute ertragen müssen. Aber sie ging nicht. Sie blieb vor ihm stehen und schaute ihn an. Und als er seinen Kopf hob um sie gänzlich zum Teufel zu jagen, blickte er plötzlich in dieses wunderschöne Engelsgesicht und es traf ihn sofort wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Da war kein ausgestreckter Finger der auf ihn zeigte, kein schrilles Kichern und als er ihr in die Augen schaute sah er nicht diesen Guckt-Euch-Dieses-Jämmerliche-Weichei-An-Blick. Nein, ihr Blick hatte in diesem Augenblick etwas anderes gesagt. Etwas, was er zunächst nicht richtig deuten konnte. In ihren Augen spiegelte sich Bestürzung, Mitgefühl aber auch ein Hauch von Verzückung. Und er hatte gespürt, wie sie verzweifelt nach den richtigen Worten suchte, um… um ihn vielleicht zu trösten? Nein, das war zu schön um wahr zu sein! Sie war nur eine Illusion, eine Fata Morgana, ausgelöst durch seine Verzweiflung und dem immer stärker werdenden Wunsch seinem kläglichen Dasein ein Ende setzten zu können. Ein Engel mit weichem Herz, mit goldenen Haaren, einem lustigen Sommersprossen Gesicht, wunderschönen blauen Augen und einer Figur die nahezu perfekt war. Sie war nicht real.

Er hatte den Kopf wieder in seine Hände vergraben und hoffte einfach, das dieser Engel wieder gehen würde, denn er schämte sich furchtbar für seine Tränen. Aber sie blieb. Sie hatte einen Augenblick gezögert, das hatte er durch den Spalt zwischen seinen Fingern wahrgenommen, aber sie blieb. Und wenige schnelle Herzschläge später, geschah plötzlich das Unfassbare: sie setzte sich wie selbstverständlich neben ihn, legte behutsam ihren Arm auf seine Schulter und fragte vorsichtig: Warum bist du denn so traurig?

(Fuck the empathie!)

Es hatte etwas gedauert, bis er seine Fassung wieder gefunden hatte und zu einer Antwort fähig war, oder besser gesagt: bis er etwas herausbrachte, was als Antwort hätte ausreichen können. Ich bin eine Heulsuse, oder? und sie hatte daraufhin gesagt: Och, das macht nichts, ich auch! Und er hatte sie aus seinen verquollenen Augen ganz erstaunt angesehen und musste plötzlich lächeln. Er lächelte sie an und sie lächelte zurück. Hatte es das in seinen 40 Jahren überhaupt schon einmal gegeben?

Ich habe noch nie einen Mann weinen sehen, sagte sie schließlich und als er sie daraufhin fragte, ob sie das schlimm fände, hatte sie mit JA geantwortet. Ich finde es immer schlimm, wenn jemand weint. Egal, ob Junge, Mädchen, Mann oder Frau. Traurig zu sein ist immer schlimm …

Und während sie dasaßen, plauderten und sich anlächelten, konnte er ihre stumme Sprache plötzlich verstehen. Und das, was sie sagte war so wunderschön, dass er sie einfach nicht mehr vergessen konnte. Sie war so anders als all die anderen. Sie hatte sich nicht blenden lassen von all dem schlechten, das ihn in diesem Augenblick umgab. Es interessierte sie nicht einmal. Sie interessierte nur eines: Warum er so traurig war und was sie tun konnte, damit er genau das nicht mehr war. Ja, sie war die erste, die ihm wirklich zugehört hatte und dafür hatte er sie seit der ersten Minute ihrer Begegnung geliebt. Nein, mehr als das, er hatte sie vergöttert. Und der Thron auf dem er sie dann aus lauter Dankbarkeit gebettet hatte war der schönste, dem man einem Engel auf Erden geben konnte. Doch dieser Thron war hoch. Zu hoch, als das er ihr hätte näher kommen können und er wäre ihr so gerne näher gekommen. Aber er wagte es nicht. Er brauchte sie, aber er wusste, sie brauchte ihn nicht… jedenfalls noch nicht. Er wollte einfach nichts falsch machen. Er wollte nicht, dass irgendetwas passierte, was diese Freundschaft – so wie sie auf dieser Treppe entstanden war – gefährdete. Er wusste nicht, was sie von ihm erwartete. Und er wusste auch nicht, wie er mit dieser Liebe, die er für sie empfand umgehen sollte. Er wusste nur, dass er ihr nahe sein wollte. Dass er sie wiedersehen und vor allem Übel dieser Welt beschützen wollte und das am besten für immer.

Gott, was hatte ich damals eine Angst vor dir, denkt Charlie und lächelt besonnen, als er aus dem Fenster sieht. Wusstest du das eigentlich? Wusstest du, was du für eine unsagbare Macht du über mich hattest? Wusstest du, dass ich jede Nacht von ihr geträumt habe? Und dass ich, wenn du vor mir standest, vor Angst gezittert habe? Ein Wort, eine Geste von dir hätte mich vernichten können. Ich hatte schreckliche Angst davor, dass du mich am Ende doch wieder ablehnen könntest. Und ich hätte alles für dich getan, du hättest es nur sagen müssen. Ich hätte dir die Sterne vom Himmel geholt, ich hätte jede Bank ausgeraubt, ich hätte dir den Himmel auf Erden dafür gekauft und ich hätte sogar für dich getötet…das würde ich heute immer noch für dich tun. Du hattest mich damals vollkommen in der Hand, mein Engel, aber du hast nie etwas von mir verlangt, dafür bin ich dir heute immer noch sehr dankbar…ich bin dir für alles so unsagbar dankbar.

Er dreht sich um, sucht ihren Blick, aber findet ihn nicht. Er betrachtet sie aufmerksam und wieder steigen Erinnerungen hoch. So wie sie jetzt dasitzt, zusammengesunken und schweigend. Ihre Hände klemmen verkrampft zwischen ihren Beinen und sie wiegt ihren Körper nervös vor und zurück. Vor und zurück, vor und zurück. Immer wieder. So hatte er sie schon einmal gesehen, damals auf seiner Treppe, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten. Und in diesem Augenblick hatte er sich nur noch mehr in sie verliebt. So sehr, dass es ihn fast den Verstand geraubt hatte. Sie war extra gekommen, hatte tatsächlich auf ihn gewartet, um sich von ihm zu verabschieden. Und sie weinte bitterlich, als sie sagte, dass sie nicht willkommen in dieser Welt sei und dass sie nicht mehr leben wollte, weil niemand da wäre der sie liebt. Sie würde vom Hochhaus, am Ende der Straße springen und sie wäre nur noch mal gekommen, um sich von ihrem besten Freund zu verabschieden.

Du dachtest die ganze Zeit, das niemand da wäre, der dich liebt. Und der Moment, an dem ich dich eines besseren belehren durfte, war so schön. Meine Angst vor dir schwand in dem Augenblick, als du dich an mich geschmiegt hast und weintest. Du hattest damit die Angst-Barriere zwischen und gebrochen, denn Deine Augen sagten: bitte liebe mich. Und als ich dir sagte, dass ich es von ganzem Herzen tun würde, hast du gelächelt. Dann warst du bereitwillig von deinem Thron gestiegen, damit ich darauf Platz nehmen konnte. Du schenktest mir all dein vertrauen. Du gabst mir freiwillig die Zügel in die Hand und batest mich dich zu führen. Und in dem Augenblick als du demütig zu mir aufschautest und ich auf dich herabblickte, war es wie, als hättest du mir ein völlig neues Leben geschenkt. Ich war nun nicht mehr nur dein heimlicher Verehrer und dein Beschützer, ich war dein Held, dein Prinz und ich war so dankbar dafür, dass ich das für dich sein durfte. Ich der Vollidiot, der Schlappschwanz, der Freak und ein Mann, der kein richtiger Mann war. Du hast mich mit dieser wunderbaren Geste zum Mann gemacht und es fühlt sich immer noch so unsagbar gut an. Du hast damit meinem Leben wieder einen Sinn gegeben… weißt du das eigentlich? Und ich wollte alles dafür tun, damit ich diese großartige Rolle nicht wieder verliere. Ich wollte ein guter Mann sein und der einzige und beste für Dich. Und zum ersten mal seit 40 Jahren wusste ich, was ich zu tun hatte: die Zügel nehmen und dich führen, und zwar dort wo ich dich schon immer einmal hin wollte. Und ich nahm dich mit, weil du mir vertraut hast. Und ich zeigte dir die Sterne, aber auch wo der Hase lang läuft – das war es doch, was du von mir erwartet hast, oder?

Er seufzt und wendet sich wieder von ihr ab. In seiner dunkelsten Stunde traf er das Mädchen, die Frau seines Lebens und auch wenn er es nie für möglich gehalten hätte, jetzt gehörte sie ihm. Ein Engel mit weichem Herz, mit goldenen Haaren, einem lustigen Sommersprossen Gesicht, wunderschönen blauen Augen und einer Figur die nahezu perfekt war. Ihre ganze Erscheinung so unsagbar betörend, und doch so sinnlich und zart. Er liebte sie und sie liebte ihn. Und er war sich so sicher, dass sich niemals etwas daran geändert hätte, wenn sie nicht plötzlich ständig damit angefangen hätte seine Liebe in Frage zu stellen. Und er weiß, dass sie es auch jetzt wieder tut. Ihr schweigen sagt mehr als tausend Worte. Er kann es förmlich riechen und das schon, seit dem er sie vorhin mehr oder weniger zufällig auf der Straße getroffen hatte. Sie war nur widerwillig mit in seine Wohnung gekommen. Er musste sie geradezu zwingen und das, obwohl sie so viele schöne Stunden dort miteinander erlebt hatten. Was war nur ihr verdammtes Problem? Ich habe heute keine Zeit, hatte sie gesagt. Aber er wusste, das es nicht stimmte. Er wusste immer wenn sie ihn anlog. Sie war eine verdammt schlechte Lügnerin und das wusste er bereits schon damals, als er sie an dem Tag, als sie weinend auf der Treppe gesessen hatte und sie später in seinem Wohnzimmer fragte, ob ihr sein Kuss gefallen hätte.

Ja, hatte sie gesagt und das alles andere als glaubhaft. Und als er ihr schließlich die Wahrheit aus dem Körper kitzelte so dass ihr die Luft weg blieb – dass schien ihr immer besonders gut gefallen zu haben, so wie er dachte – hatte sie schließlich gesagt: Das ist irgendwie komisch, aber ich muss mich wohl noch daran gewöhnen. Und sie musste sich noch an vieles gewöhnen, denn immerhin war er der Mann und sie die Frau. Und eben weil er der Mann war, hatte er auch heute darauf bestanden, das sie mit ihm in die Wohnung kam, ob sie wollte, oder nicht.

Jetzt sitzt sie da, schweigt und zweifelt stumm seine Liebe an, und das alles nur weil er… ja, weil was? Was hatte er überhaupt getan? Mit welchem Recht stellte sie seine innige Liebe in Frage? Er denkt angestrengt nach und sucht nach Antworten. Und schließlich findet er eine und genau diese Antwort lässt ihn die reumütige Schamesröte ins Gesicht schießen. Nein, er hätte sie nicht so grob anfassen sollen, als er sie mit einem anderen erwischt hatte. Er hatte es selbst gesehen, als er ihr wieder gefolgt war. Er folgte ihr immer, wenn sie aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen nicht bei ihm sein konnte. Das war seine Aufgabe als Mann. Er musste sie beschützen und immer gleich zur Stelle sein, wenn sie ihn brauchte. Und manchmal war es auch gut, wenn sie da war, wenn er es brauchte und er brauchte es ziemlich oft. Aber an diesem Nachmittag, brauchte sie ihn offensichtlich nicht.

Er hatte gesehen, wie sie und dieser Mistkerl zusammen am See standen und stundenlang Steine hinein warfen. Und er hatte gesehen, wie sie miteinander gelacht haben und wie sie sich angesehen hatten. Und er hatte auch gesehen, wie er sie auffing, als sie stolperte. Aber vor allem hatte er gesehen, wie dieser kleine Hurensohn sie auf die Wange geküsst hatte. Und er war sich sicher, dass er noch mehr gesehen hätte, wenn ihm nicht plötzlich dieser blöde Köter in die Quere gekommen wäre. Der Hund eines Spaziergängers hatte angeschlagen, als er ihn im Gebüsch gewittert hatte.

Was wolltest du auch nur von diesem kleinem Scheißer? Er war kein Mann, nicht einmal annähernd! Er war noch ein Kind! Er war ein Vollidiot! Ein Weichei! Er wäre nicht in der Lage gewesen, dich so zu beschützen, wie ich es tue. Und Vögeln kann er mit Sicherheit auch noch nicht. Nein, der hätte mir niemals das Wasser reichen können und das musste ich dir doch irgendwie klar machen.

Was habt ihr beide dort unten am See getan?, hatte er sie noch am gleichen Tag gefragt und als sie ihm darauf eine verlogene Antwort gab, hatte er ihr ins Gesicht geschlagen. Es war nicht fest, nur eine Backpfeiffe, er wollte doch ihr hübsches Gesicht nicht verletzten. Aber einen Denkzettel, den wollte er ihr schon an diesem Tag mit auf den nach Hause weg geben.
Warum bist du nur so böse auf mich?, hatte sie daraufhin geheult und er hatte plötzlich das starke Bedürfnis gehabt sie für diese ungeheuerliche Frage noch einmal zu bestrafen. Sie wusste nicht, warum er so wütend war? Verstand diese kleine Hure denn gar nichts? Er trug sie auf Händen, er war ihr Mann und sie hatte nichts besseres zu tun, als gleich mit jedem daher gelaufenen herumzuknutschen?! Vielleicht machte sie sogar noch ganz andere Sachen? Alleine für diese Vorstellung, hätte sie noch eine Menge weitere Ohrfeige verdient gehabt.

Aber er hatte sie deswegen nicht noch einmal geschlagen. Er hatte sie vielleicht ein klein wenig grob angefasst, aber er hatte sie nicht geschlagen. Er hatte es ihr am Ende sogar verziehen. Sie hatte um Gnade gebettelt und weil er ein guter Mann war, hatte er ihr vergeben. Der Grund warum sie sich an diesem Tag dennoch weiteren Zorn von ihm einfing war ein anderer. Sie hatte sich schon wieder nicht an die Anweisung gehalten. Und er konnte ihre plötzlich Respektlosigkeit doch nicht einfach so tolerieren. Eine Frau hat die Wünsche ihres Mannes gefälligst zu respektieren. Es gab nun einmal Dinge, die er nicht mochte und dazu gehörte eben auch, dass sie ihn nicht anschauen sollte wenn er intim mit ihr wurde. Er wusste es selbst nicht warum er ihren Blick nicht ertragen konnte, wenn er die Hosen runter ließ. Vielleicht war es die Scham, vielleicht waren es auch das scheußliche Gelächter und Spott seiner Schulkameraden aus dem Sportunterricht, die er heute noch manchmal in seinem Kopf hörte. Sie könnte ihn auslachen, wenn sie ihm dabei zusah. Und er würde sie wahrscheinlich deswegen umbringen. Soweit wollte er es aber gar nicht erst kommen lassen. Und dann war da noch ihr ängstlicher Blick der in abturnte und ihm den Höhepunkt vermasseln würde, wenn er dabei in ihr Gesicht sehen würde. Warum musste sie sich auch immer so anstellen? Männer machen so etwas eben mit ihren Frauen, ob sie wollen oder nicht. Und das Tuch bleibt auf deinem Gesicht, hatte er gesagt. Und er hatte es ihr oft genug gesagt. Aber sie hatte es dennoch an diesem Nachmittag von ihrem Gesicht gerissen, weil sie angeblich keine Luft mehr bekam. Sie hatte gelogen und dafür hatte er ihr eine verpasst …

Das war vor einer Woche…

Nein, ich hätte sie nicht schlagen sollen!, denkt er und schaut sie reumütig an. Wie hilflos und klein sie doch ist. Er steht auf und geht zu ihr. Er setzt sich auf das Bett und lässt seine Hände zärtlich über ihre blonden langen Haare gleiten. Sie sind so weich und glänzen wie Goldschimmer. Und dieser Duft. Dieser unbeschreiblich betörende Duft eines geheimnisvollen Shampoos, dessen wundersame Wirkung nur er kennt. Er hatte es ihr gekauft. Himbeere…, denkt er und vergräbt sein Gesicht in ihrem Nacken. Sie riecht und schmeckt nach Himbeere. Er schließt die Augen und genießt den Augenblick. Und während er das tut überrollte ihn plötzlich eine Welle höchster Erregung.

„Du kannst mich nicht verlassen, Prinzessin“, sagt er und lässt seine Hände über ihre Schultern gleiten. Ein Träger ihres Kleides rutscht zur Seite, instinktiv schiebt sie ihn wieder hoch. „Und wenn du ehrlich bist, willst du mich auch gar nicht verlassen. Du brauchst mich doch, so wie ich dich brauche. Ich würde sterben ohne dich. Und du weißt, wenn ich sterbe, dann werde ich dich mitnehmen. Niemand liebt dich so wie ich und das weißt du. Natürlich weißt du das, sonst wärst du nicht hier und würdest nicht das Kleid tragen, dass ich an dir so liebe… ich mag Luftballons.“

Er steht auf und geht zur Kommode. Er zieht ein rotes Tuch heraus und lässt es durch seine Finger gleiten, dabei lässt er sie keinen Moment aus den Augen. Dann hält er inne, denkt kurz nach, schüttelt den Kopf und legt das Tuch wieder zurück. Heute nicht, denkt er und setzt sich wieder auf das Bett und betrachtet sie. „Ich habe eine Überraschung für dich“, flüstert er schließlich direkt in ihr Ohr und hofft damit gänzlich all ihre Gedanken ihn zu verlassen auszulöschen. Doch sie reagiert nicht. Sie sitzt vor ihm. Immer noch zusammengesunken und schweigend. Ihre Hände klemmen immer noch verkrampft zwischen ihren Beinen und sie schaukelt ihren Körper. Vor und zurück, vor und zurück.

„Weil ich dich so sehr liebe…“, beginnt er feierlich. „Werde ich dir nicht die Augen verbinden. Heute darfst du mich auch dabei ansehen. Es tut heute auch gar nicht weh.“

Sie erstarrt unter seinen Berührungen und als er sie küsst schmeckt er das Salz ihrer Tränen auf ihren Lippen. Nein, ich hätte sie nicht schlagen dürfen, denkt Charlie und kämpft plötzlich mit den Tränen. Dass war furchtbar feige und falsch von mir, sie ist doch erst acht Jahre alt.

ENDE

Diese Geschichte ist (in leicht abgeänderter Form) meine Geschichte. Ob Charlie (Name wurde geändert) wirklich so dachte und fühlte, weiß ich nicht. Ich kannte nicht mehr als seinen Vornamen … aber ich weiß noch sehr genau, was ICH damals dachte und fühlte.

Ich habe Charlie verziehen, der Mann lebt heute nicht mehr. Seine „Liebe“ und das Spiel mit der Macht hat mich geprägt, und sie wirkt noch heute.

Die Charlie-Geschichte widme ich allen Überlebenden: Denn es können nur Betroffene wirklich nachempfinden, wie es sich seelisch anfühlt Missbrauchsopfer zu sein und wie man immer wieder erneut gegen diesen drohenden Tod ankämpft. Das macht einsam, ich weiß. Man kann nie vergessen und wahrscheinlich auch nie verzeihen – aber es hilft, wenn man irgendwann versucht es zu verstehen …

FORTSETZUNG FOLGT – Ja, da kommt noch mehr …

13.01.2016 - 006-neu-Text

Über emotionale Anfälle


Da bin ich wieder …

Dieser Freitag Abend (Ja,Mann, ich hab das gestern geschrieben) ist eine gute Zeit, um mich in meinen Blog zu verziehen und ich habe schon seit Tagen, das Bedürfnis mich zu verziehen… 😮

Im Moment gehen mir die Menschen wieder so schrecklich auf die Nerven und ich hab mich auch wieder daran erinnert, warum ich eine Sozialphobie hatte (habe). Die Geschehnisse zu Silvester in Köln bringen wieder so viele widerliche Charaktere zu Tage, dass ich wieder diese tiefe Sehnsucht verspüre mich an einen Ort zu verziehen, wo es eben solche Menschen nicht gibt. Menschen, die pauschalisieren, sich auf Halbwahrheiten stürzen, nur um ihre rassistischen Argumente mit Bullshit zu untermauern, „Ausländer raus“ brüllen oder leise sagen, dass sie nichts gegen Ausländer haben ABER und sich benehmen als wären sie das Unum des Universums, aber Karneval oder auf der Dorfkirmes selbst begrapschen und über die Stränge schlagen. Nein, ich will die einfach nicht in meinem Leben haben! Darunter waren Nachbarn, alte Arbeitskollegen, Schulkameraden und auch Fans meines Blogs und meines Buches. Und falls einer dieser rund 20 Menschen, denen ich in den letzten drei Tagen den Rücken gekehrt habe, diese Zeilen liest, dann schreib dir hinter die Ohren:

„Nein, Ausländerfeindlichkeit und rechte Hetze ist keine Meinung, sondern eine ganz ekelhafte und widerwärtige Charaktereigenschaft! Arschlöcher bedrängen Frauen, nicht Ausländer!“

Echt, solche Menschen machen mich krank …

Sie machen mich krank, weil ich mich intensivst mit der deutschen Geschichte beschäftigt und mir dabei immer die Frage gestellt habe, wie dieses kranke Hitler-Regime funktionieren und auch der Holocaust passieren konnte. Jetzt erlebe ich diese Entwicklung hautnah und es stimmt: es passiert wirklich in den Köpfen der Menschen.

Gestern haben irgendwelche Irren in München Judensterne an die Hauswände von jüdischen Bewohnern geschmiert. 😮

Das macht mich wütend, nein das macht mich sogar aggressiv …

Sommer 2015 263

Und ich weiß, wenn ich meine speziellen Tabletten nicht nehmen würde, dann würde ich ununterbrochen verbal Amok laufen. 👿

Durch meine Großeltern bin ich tief mit diesem Thema verbunden. Meine Oma (väterlicherseits) wurde im polnischen Łódź geboren und hat nach dem Überfall 1939 durch deutsche Truppen als junges Mädchen Schreckliches erlebt. Meine andere Oma hat die Folgen des Krieges und die widerwärtigen Machenschaften der Nazis nie überwunden und ist quasi daran zugrunde gegangen. Davon, wie es meinem Opa und unendlich vielen anderen Menschen in dieser Zeit ergangen ist, ganz zu schweigen.

Das Thema erschüttert mich zutiefst auch wenn ich zu der Generation gehöre, die eigentlich behaupten kann: Was haben wir denn damit zu tun?

Was wir damit zu tun haben? Wir haben gefälligst dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte sich nicht wiederholt! ❗

Ich werde nie vergessen, was ich damals bei dem Besuch des Konzentrationslagers gefühlt habe… ganz besonders der Moment als ich in dieser Baracke stand. Ich weiß, über dieses Trauma wollte ich schon länger mal schreiben… ich weiß nicht, ob heute der richtige Zeitpunkt ist.

Irgendwie schon …

Aber eigentlich auch nicht, weil dieses Erlebnis tiefer geht als bei manchen die Vorstellungskraft (meine eigene mit einbezogen) reicht.

Moment, ich sage Bescheid, wenn ich mich entschieden habe …

😐

😐

Okay, in Kurzform:

Es war die Abschlussfahrt der 10.Klasse 1994 nach München. Es war schön und wir hatten viel Spaß. Bis zu dem Tag als wir das Konzentrationslager in Dachau besuchten. Ich hatte schon seit dem betreten des Geländes Beklemmungen und fühlte mich extrem unwohl. Ich schob es auf meine allgemeine Bestürzung rund um das Thema, zumal wir ein paar Tage zuvor den Film „Schindlers Liste“ im Kino als schulisches Pflichtprogramm angeschaut hatten. Der Film hat mich sehr erschüttert und berührt.

Dieses Lager war einfach nur schrecklich …

Eine Bildergalerie, mit original Fotoaufnahmen des Lagers, inklusive ärztlicher Dokumentationen von bestialischen Versuchen trieb mir die Tränen in die Augen. Diese abscheulichen Menschen haben den Insassen bei vollem Bewusstsein und ohne Betäubung die Schädel aufgesägt… 😮

Die Bilder habe ich heute noch im Kopf und werde sie auch nie vergessen, obwohl ich hoffte, dass ich durch die kurze Thematisierung mit Altznazi Hinkebein in meinem Buch „Sonst wird dich der Jäger holen“ meinen Frieden damit finden würde. Finde ich aber nicht.

Egal …

Der Besuch hat mich sehr aufgewühlt und ich hatte wieder das Bedürfnis mich zu übergeben. Ich habe im Laufe meines Lebens schon oft festgestellt, dass mein Körper sich in Schocksituationen immer mit Kotzen wehrt. Ich riss mich zusammen. Ich weiß noch, wie ich und meine Freundin Sabine schweigend und betroffen über den Hof schlichen, um uns den Gaskammern, dem Krematorium und den Baracken zu nähern. Ich war wie betäubt und gelähmt. Meine Verarbeitungskapazität nahm sowohl in den Gaskammern und auch beim Anblick des Krematoriums nur das auf, was es noch für erträglich hielt … einen Raum mit augenscheinlichen Duschen … einen großer Ofen … ENDE.

Als wir diese Bereich wieder verließen, dachte ich, ich hätte das Schlimmste überstanden …

Dann betraten wir die Baracken. Es waren eigentlich nur Räume mit unzähligen Hochbetten aus Holz … hier und da stand ein Holztisch, ein Hocker, eigentlich nichts Dramatisches. Ich atmete auf. Irgendwann ging ich in eine Ecke des Raumes, um besser sehen zu können und um mich von einigen scherzenden Mitschülern zu entfernen.

Dann passierte es …

Unerwartet, unbeschreiblich, unerträglich und unabwendbar traf mich dieses „Ding“ mit voller Breitseite. Es schlüpfte in mich hinein und wütete auf meiner Seele und in meinem Herzen. Noch nie gefühlte Emotionen explodierten und lähmten meinen ganzen Körper. Tiefe Trauer, seelischer Schmerz, Angst vor dem Tod, entfesselte Wut und der starke Drang in irgendeiner Form auszubrechen, zu eskalieren, die Kontrolle zu verlieren …

Was war hier los? 😮

Hilfesuchend sah ich einige meiner Mitschüler an, die das taten, was die meisten Jugendlichen taten: Darauf warten, das dieser Ausflug bald ein Ende nehmen und wir endlich zum Oktoberfest gehen würden. Gelangweilt verließen die ersten die Baracke wieder. Keiner hatte etwas von meinem Zustand gemerkt und es bekamen am Ende auch nicht viele mit, wie ich zusammenbrach und hemmungslos heulte. Ich wusste echt nicht, wie mir geschah und ich kapierte auch nicht, warum ich mich die ersten Minuten auch nicht wieder einkriegte. Die begleitenden Lehrer waren schockiert und hilflos, fühlten sich am Ende schuldig, da sie nicht wussten, wie sehr dieser Besuch den einen oder anderen mitnahm.

Klar, hat mich dieses Konzentrationslager schockiert…

Aber das war es nicht …

Es war nur eines von vielen Erlebnissen dieser Art, die ich mir bis zu Beginn meiner Therapie nicht erklären konnte und die mir im Hinterkopf auch immer wieder das Gefühl gaben, in irgendeiner Form „gestört“ zu sein. Denn immer dann, wenn mich diese unerklärlichen „Anfälle“ heimsuchten, war ich mir sicher, dass ich von Emotionen heimgesucht werde, die nicht meine eigenen waren …

Vollkommen irre …

Als ich mich irgendwann auf Recherche begab und mit wenigen Menschen darüber sprach, gab man mir den Tipp, mich damit mal auf die paranormale Ebene zu begeben, immerhin gab es in meiner Familie bereits schon die Begabung mit Toten zu kommunizieren …

Ich ein Medium? 😮

Dieses Thema, ist kein gutes Thema, mit dem ich mich auch nicht gerne auseinandersetze – es sei denn, man kann es wissenschaftlich belegen. Alles andere dulde ich nicht … 😀

Ob ich an eine Form der Kommunikation mit Geistern glaube, fragte mich auch meine Therapeutin, als ich ihr von den Vorkommnissen erzählte, die sich vor knapp zwei Jahren auf einem Rhöndorfer Friedhof abgespielt haben …

Ja, auch dieses Geheimnis lüfte ich nun heute … hier gab es auch einen unfreiwilligen Zeugen, der dieses „Drama“ in mir live miterlebt hat – mein Mann. 😀

Vielleicht sollte ich hier noch dazu sagen, dass ich grundsätzlich ein unglaubliches Problem mit Friedhöfen habe, die ich bis dato auch nur zwecks Beerdigung betreten habe. Und jedes Mal, wenn ich dort war, bin ich immer emotional eskaliert, auch wenn mir die verstorbenen Menschen nicht ganz so nahe standen. Ich habe gefühlt am schlimmsten geheult von allen und war beim Leichenschmaus auch am fertigsten – warum?

Hardcore-Empathie, oder was?

Nein!

Tja, der Besuch des besagten Rhöndorfer Friedhofes war im Rahmen einer Geocaching-Tour. Ich schwöre, es war ein schöner, spannender und sorgenfreier Tag, niemand war gestorben und ich war guter Dinge, dass wir das Rätsel an Konrad Adenauers letzter Ruhestätte lösen würden. Mit Zettel und Stift bewaffnet betrat ich mit größtem Respekt diesen Ort der Ruhe und des Friedens…

Alles war gut, bis ich in diesen Weg bog, an dem sich eigentlich recht alte Gräber befanden. Ich bewunderte gerade die alte Kunst, Grabsteine aus Steinen zu meißeln, als es wieder passierte.

Ich habe es „emotionale Anfälle“ getauft …

Und auch jetzt geschah es wieder unerwartet, unbeschreiblich, unerträglich und unabwendbar. Ich spürte wieder, wie dieses „Etwas“ mich festhielt und sich dann seinen Weg in mein Herz und meine Seele bahnte, um zuzuschlagen. Wieder explodierten meine Emotionen, ich fühlte tiefe Trauer, ich war wie gelähmt. Zu diesen Emotionen gesellte sich dann auch schnell meine eigene Angst vor dieser unerklärlichen Scheiße und der Gewissheit, dass mein Mann es dieses Mal mitbekommen würde. Wie sollte ich ihm das erklären? Was würde er denken? Ich hab ihm ja nicht alles von mir erzählt. 😀

Und es kam, wie es kommen musste, ich fing an zu heulen. Die Emotionen schmetterten mich nieder und ich versuchte mit alle Macht dagegen anzukämpfen, schaffte es aber nicht, was mich wiederum wütend machte. Irgendwann merkte auch mein Mann, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte und fragte bestürzt, was los wäre.

„Nichts! Es ist alles in Ordnung!“

Er ließ sich aber nicht von mir abwimmeln und zog mich vom Gelände. Als wir den Friedhof verließen, fühlte ich mich wieder frei und wie, als wenn nie etwas gewesen wäre. Nur mein Tränen nasses Gesicht verriet, was zuvor geschehen war.

Das machte mich plötzlich unsagbar wütend …

„Was ist los mit dir?“, fragte mein Mann wieder. Es ihm zu erklären erschien mir in diesem Augenblick nicht möglich.

„Was los ist? Das kann ich dir leider nicht erklären. Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung. Ich lass mich doch nicht von so einer Kacke verarschen! Lass uns dieses verdammte Jahreszahl suchen, wird müssen das Rätsel lösen!“

Irritiert ließ er mich gewähren. Frohen Mutes und mit der Gewissheit, dass dieser „Anfall“ wieder nur irgendein Ausrutscher meiner persönlichen Spinnereien war – immerhin hatte ich fast drei Jahre Ruhe – stapfte ich durch das Tor zurück auf das Friedhofsgelände und suchte wütend nach einer bescheuerten Jahreszahl für eine Koordinatenberechnung.

Wieder musste ich auf den Weg mit den drei alten Gräbern und wieder überfiel mich dort dieses unerträgliche Gefühl der Trauer. Ich heulte wie ein Schlosshund, schämte mich dafür, hatte Angst, wurde aufgrund dieser Situation noch wütender und begann laut zu fluchen. Das war auch der Punkt an dem mein Mann einsehen musste, dass die Frau, die er da an der Backe hatte „irgendwie komisch“ ist. Er flehte mich regelrecht an, ihm eine Erklärung abzugeben und bat mich mit ihm den Friedhof zu verlassen … Sorry Andi, für diese (meine) Umstände!! <3

„Komm, das hat doch keinen Zweck. Wir müssen diesen Cache nicht machen, wenn dich Friedhöfe so fertig machen.“

Ich antwortete ihm mit meinem gesamten Situationsfrust:

„Dieser Friedhof macht mich nicht fertig, denn es ist nicht die Erinnerung daran, dass meine Oma gestorben ist und nein, es überfällt mich auch keine allgemeine Traurigkeit oder Mitgefühl beim Anblick von Grabsteinen. Irgendeine andere Scheiße fällt mich hier emotional an und das geht mir gerade tierisch auf den Sack! Ich möchte gar nicht wissen, was du jetzt von mir denkst …?!“

Was er denkt hat er mir zwar gesagt und ich kann damit leben, aber so ganz, ganz ehrlich möchte ich glaube ich auch gar nicht wissen was er gedacht hat … 😀

Ich gab im Anschluss tatsächlich auf und wir fuhren nach Hause, weil ich fix und fertig war. Dieser Cache ist somit immer noch dort und wartet noch auf des Rätsels Lösung. Ich will da ja nochmal hin, doch mein Mann möchte das nicht nochmal miterleben.

Ja, diese Angelegenheit, hat ihn ziemlich erschrocken, vor allem, weil ich ihm das damals nicht so richtig erklären konnte (oder wollte).

Ich hatte mir zwar meine eigene Erklärung zusammen gezimmert, aber die war nicht gesellschaftstauglich. Um so glücklicher war er, als ich vor einigen Wochen jubelnd von einer Therapiestunde nach Hause kam und ihm, von einer Therapeutin bestätigte Erklärung präsentierte:

„Was glauben Sie Frau Lahr? Was ist das, was ihnen da widerfährt? Wessen Emotionen nehmen sie wahr, sind es die Emotionen von Geistern?“

Und ich antwortete ihr:

„Nein! Ich glaube, es sind Emotionen von lebenden Menschen … eine Energieform, die an dem Ort, wo die Emotionen ausgebrochen sind. zurückbleiben. Sagen Sie, kann das sein oder habe ich schlicht weg nicht mehr alle Tassen im Schrank?“

„Wenn Sie mir jetzt die Geisterantwort gegeben hätten, wäre es mit den Tassen schwierig geworden. Frau Lahr, das ist erstaunlich zu was Sie fähig sind! Wissen Sie, Emotionen sind eine gewaltige Energieform, die tatsächlich an einem Ort bleiben können und diese Energie können manche Menschen tatsächlich spüren und in extremer Form auch sprichwörtlich nachempfinden.“

Plötzlich ergab alles einen Sinn …

Das traumatische Erlebnis in Dachau – ich möchte gar nicht wissen, wie viel emotionale Energie bis in alle Ewigkeit an diesem Ort fest verankert ist. Ich erinnerte mich plötzlich an Situationen aus dem Nachtdienst, in dem ich in der Nacht Räume betrat, in denen Stunden zuvor eine Massenschlägerei stattgefunden hatte. Wut und Aggression ist eine besonders intensive Energieform, die scheinbar in mir Unbehagen und ein Gefühlschaos ausgelöst hatte. Dann mein ständiges Unwohlsein, diese chaotischen Gefühle, die ich verspüre, wenn ich in Krankenhäusern und Kliniken bin, obwohl mir selber nichts fehlt und auch der Besuchte nicht zum Sterben hier eingeliefert wurde. Krankenhäuser sind voll von starken (oft negativen) Emotionen … Angst, Trauer…

Ich kann kaum glauben, dass ich das hier schreibe … das sind die Tabletten, die sorgen dafür, dass ich eine große Klappe habe. 😀

Apropos große Klappe …

Zehn Tage ist es her, als ich den letzten Teil zu meinem Schwank aus dem Leben „Ich und der Psychopath“ hier veröffentlicht habe. Ich war nach Teil 1 wie betäubt und konnte nicht glauben, dass ich das echt geschrieben und auch noch „allen gezeigt“ habe.

Aber es war wie ein Befreiungsschlag …

Dann kamen die ersten Reaktionen …

Was mich noch mehr lähmte …

Soweit hatte ich nämlich gar nicht gedacht. Also das diese (meine) Geschichte jemand liest … vielleicht aus Neugierde … vielleicht, aber auch weil es jemanden ernsthaft interessieren könnte? 🙂

Nein, mit den Reaktionen habe ich tatsächlich nicht gerechnet, erst recht nicht, dass auch welche von männlicher Seite kamen. Ja, ich bekam neben Nachrichten von Frauen, auch Nachrichten von Männern, die mein Text in irgendeiner Weise emotional erreicht hat. Es gab sogar jemanden, der in diesen Texten Antworten zu seinen eigenen Fragen fand … <3

Jetzt hab ich gerade vollkommen den Faden verloren …

Ich bin aber auch sowas von Off-Topic heute. Ich wollte eigentlich etwas ganz anderes erzählen. Ich glaube, es ging um die letzten Erkenntnisse und meinen Termin beim Psychiater nächste Woche. Ich mache nämlich ernst und werde mit ihm über das Ende der Therapie via Medikamente sprechen.

Ich will das nicht mehr und ich denke, ich brauche das Zeug auch nicht mehr …

Ich habe keine Angst mehr vor meinen Gefühlen, auch wenn sie mir manchmal nicht in den Kram passen, oft auch mal außer Kontrolle geraten, mit mir durchgehen und mich damit in Schwierigkeiten bringen oder sogar verletzen. Ich will sie einfach nur im vollen Umfang wieder haben, mit allen Konsequenzen. <3

Ich werde sobald es losgeht Tagebuch über das langsame Absetzen schreiben, denn das wird bestimmt lustig, wenn meine Gefühlswelt wieder komplett auf mich hereinbricht … ich freue mich darauf. 😀

Und zum Schluss noch dieses:

Also die, die sich zu Unrecht von mir bei Facebook geblockt oder beim Einkaufen ignoriert fühlen:

„Ich möchte mit euch scheinheiligen Aufrechtdeutschen nichts zu tun haben, denn ich mag euch empathieloses Pack nicht! Ihr nehmt euch so unglaublich wichtig, obwohl ihr nichts weiter seid, als lächerliche Schreihälse, die den Sinn des Lebens noch nicht verstanden haben – leben und leben lassen! Und seid euch sicher: Alles kommt zurück!“

Der Psychopath und ich Teil IV

So, nun kommen wir zum vorerst letzten Teil meiner – zugegeben etwas unfreiwilligen – Serie. Aber wie ich schon zu Beginn erwähnte: Was raus muss, muss raus. Ich will mich nicht mehr länger verstecken. Und ich will auch nicht länger mit dieser Zeit von damals leben, die mich zudem gemacht hat, was ich heute bin, aber von der niemand etwas wusste oder erahnen konnte. Keiner, auch nicht Freunde oder Familie, wussten die ganze Wahrheit. Und ich kann auch nur „in aller Ehrlichkeit“ darüber schreiben, denn darüber reden fällt mir heute noch unglaublich schwer.

Folgender Part handelt von der 24-Stunden-Schock-Therapie in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrischen Klinik. Es darf hier gerne gelacht werden, denn irgendwie ist das Ganze auch zu komisch. Ich musste selbst lachen, als ich diesen ganzen alten Kram las, den ich vor 15 Jahren aufgeschrieben und erst jetzt auch wieder ausgebuddelt habe. Das war der pure Horror, ein Trauma der Spitzenklasse und es war die Schocktherapie, die ich tatsächlich gebraucht habe, um wieder klar im Kopf zu werden.

Unglaublich, was ich da erlebt habe. Aber dieses Unglaubliche und auch alles andere, was ich in meinem Leben erlebt habe, ist tatsächlich die Quelle, aus denen ich heute meine Ideen schöpfe.

Mal sehen, wem hier ein entscheidendes Detail auffällt, dass ich in „Sonst wird dich der Jäger holen“ tatsächlich vollkommen unbewusst eingeflochten habe. Das ist mir selbst auch erst heute beim Lesen aufgefallen … 😀

Wieder wechselt der Erzählstil zwischen Storymodus und Berichterstattung und ist nicht wirklich der schriftstellerische Burner … um ehrlich zu sein, sogar ganz schlecht … sorry. 😮

Der Psychopath und ich Teil IV

Schocktherapie

Gegen 22. 00 Uhr des 30. Augusts, war ich nichts weiter als ein autistisches Wesen, das auf einer Rückbank eines Wagens lag und eine Hand umklammerte, die sie nie wieder loslassen wollte. Das letzte was Ilona noch zu mir sagte, als wir vor der Türe einer psychiatrischen Klinik standen: “Du hast nicht getrunken und auch keine Drogen genommen – das ist dein Vorteil. Ich zwinge dich nun, dich selbst freiwillig einzuweisen, okay? Kannst du mich hören?”

Ich nickte müde…

Und das Letzte was Ilona noch zu mir sagte, als ich von zwei Männern gestützt “abgeführt” wurde: “Du schaffst das, das weiß ich! Wir kennen uns erst ein paar Stunden, aber ich bin wie du und ich hab dich lieb!”

Am nächsten Morgen …

Ich wurde plötzlich wach. Es war dunkel und roch fremd. Meine Kehle war trocken und ich hätte fast gehustet, traute mich aber nicht. Langsam versuchte ich meine Augen zu öffnen. Sie schmerzten und waren verklebt. Geräusche drangen an mein Ohr, die ich nie zuvor gehört hatte. Jedenfalls nicht in meiner Wohnung oder im Schlafzimmer oder in meinem Bett.

Mein Bett? Das war nicht mein Bett indem ich da lag.

Ich wurde nervös und wagte mich nicht zu rühren. Mein Herz begann heftig zu schlagen. Ich tastete neben mich, griff jedoch mit meiner Hand ins Leere. Mein Arm schmerzte. Alles schmerzte.

Wo war ich? Was war passiert?

Ich versuchte nachzudenken und zu verstehen. Es musste doch für alles eine plausible Erklärung geben?! Aber mein Kopf ließ keinen klaren Gedanken zu. Ich sah immer nur Fetzen von Bildern die ich nicht einordnen konnte. Bilder von Thomas, wie er mich böse und vorwurfsvoll anschaute. Bilder in denen ich mich selber sah. Wütend, schreiend und weinend.

Vielleicht war ich gerade nur aus einem bösen Traum erwacht und hatte deshalb solch einen Müll in meinem Kopf? Es wäre in diesem Augenblick meine Wunscherklärung gewesen.

Plötzlich ein Ticken, dann ein seltsames Rascheln.

Was war das? War da jemand im Zimmer?

Jemand atmete. Ein leises, schweres aber regelmäßiges Ein- und Ausatmen. Ich hielt die Luft an, um besser diesen Geräuschen lauschen zu können.

Gott verdammt, wer war das?

Mit großer Mühe und unter Schmerzen versuchte ich mich aufzusetzen. Das Bett knarrte mahnend. Mit aufgerissenen Augen versuchte ich etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Aber ich konnte nichts sehen. Schließlich begann ich vorsichtig meine Umgebung abzutasten. Irgendwo musste es doch Licht geben? Einen Schalter oder irgendetwas anderes?

Suchend glitt meine Hand an einer kalten, glatten Wand entlang. Aber nichts war zu finden. Schließlich stieß ich doch gegen etwas, was sich direkt über meinen Kopf befand. Ich ertastete etwas Rundes und etwas das sich wie einen Schalter anfühlte. Ich versuchte so leise wie möglich zu sein, denn aufwecken wollte ich denjenigen nicht, der sich hier in diesem Zimmer befand und seelenruhig vor sich hin atmete. Jedenfalls nicht solange ich nicht wusste, um wen es sich handelte und wo ich gelandet war.

Zitternd drückte ich diesen Schalter und wie ich es geahnt hatte erleuchtete ein kleines Licht direkt über mir. Fast erschrocken über diese plötzliche Helligkeit versuchte sich meine Augen blinzelnd daran zu gewöhnen.

[Achtung, gläubige Menschen, dürfen den nächsten Part gerne überspringen … quasi weit ab „Weiter im Geschehen“]

Das Erste was ich sah, war dieses kleine Kruzifix, das direkt neben mir an einer gelblich schimmernden Wand hing. Der Anblick machte mich nur noch nervöser. Ich hasste es, immer wieder dieses brutale Bild sehen zu müssen, von einem Mann, dem Nägel durch Hände und Füße geschlagen und der an ein Kreuz gehängt wurde. Warum musste dieses Symbol für Unmenschlichkeit, Trauer, Wut und Hass ständig irgendwo rumhängen oder herumstehen? Dieses grässliche Ding erinnerte mich unsanft daran, wie unchristlich ich doch war und wie sehr mich dieses Kirchenthema schon von meiner Kindheit an nur stresste. Ich fand schon damals keinen Zugang zu diesem gruseligen Gott (ich bin evangelisch getauft), der alles sah, was man tat und auch immer gleich alles schlechte bestrafte, auch Nichtigkeiten. Vor dem Essen beten, vor dem Schlafengehen beten und wehe man tat es nur halbherzig – Gott sieht und merkt alles. Einmal im Jahr schickte er sogar den Nikolaus und Knecht Ruprecht vorbei, die mir dann unter die Nase rieben, dass ich mein Zimmer nicht gerne aufräumte, in der Schule faul und manchmal sogar frech war. Hatte dieser Gott keine anderen Sünder, um die er sich kümmern musste? Ich war verwirrt, fassungslos und teilweise auch echt erschrocken, wie gottlos die Welt um mich herum war, obwohl sie doch alle Gott dienten. Es wurde gelogen, gestohlen, verletzt, missbraucht, hintergangen und gesündigt und doch taten alle so fromm und heilig, dass ich mir irgendwann sicher war, alles was mit Gott zu tun hat, konnte nur eine Lüge sein. Dieser Gott brachte scheinbar nur Böses über die Menschheit und immer dann, wenn ich scharf nachfragte oder auch hinterfragte, wurde ich zurechtgewiesen oder daran erinnert, dass es Gott missfallen wird, dass ich so über ihn denke. Schon mit zehn kam ich zu dem Entschluss, dass ich bei diesem Schauspiel nicht mitmachen würde. Als ich dann aus heiterem Himmel plötzlich meine Periode bekam, muss ich zugeben, das sich für einen kurzen Augenblick (meiner unaufgeklärten Unwissenheit) gedacht habe, dass dies tatsächlich die Strafe Gottes wäre und ich nun in wenigen Stunden sterben würde.

Heute habe eine ganz eigene Ansicht von Gott, die nichts, aber auch rein gar nichts mit der Kirche zu tun hat … <3

Weiter im Geschehen …

Ich sah dieses brutale und verhöhnende Kruzifix und ich hätte es gern von der Wand geschlagen, wenn ich nicht plötzlich von dem Rest des Raumes so erschrocken gewesen wäre. Da war ein weiteres Bett. Es war mit einem Gitter umspannt. Inmitten dieses Gitterbettes lag eine sehr alte Frau. So wie sie aussah, musste sie schon Hunderte von Jahren alt gewesen sein. Ihr Mund stand weit offen und irgendwie sah sie so leblos aus.

Ich starrte sie erschrocken an …

War sie vielleicht tot?

Nein, war sie nicht, denn ihre geschlossenen Augen bewegten sich noch. Und dann war dieses Zucken in ihren Muskeln. Ihre Hände und ihre Füße waren mit breiten grauen Bandagen gefesselt. Die weiße Bettdecke war von ihrem dicklichen Körper gerutscht und gab freie Sicht auf ein geblümtes Nachthemd. Es war ebenfalls ein wenig hoch gerutscht. Ein langer Schlauch ragte zwischen ihren weißen fleckigen Beinen hervor und endete in einem Plastikbehälter. Es war nicht schwer zu erraten, dass dies ihr Urin war. Mit einem Gefühl von steigender Panik wendete ich mich ab. Doch ich hatte noch nicht genug gesehen, um gänzlich in Panik auszubrechen …

Ich hörte plötzlich ein leises Wimmern. Es kam aus dem dritten Bett, das direkt an der Tür stand. Darin lag eine Frau mit langen schwarzen Haaren. Sie hatte mir den Rücken zugekehrt. Sie wälzte sich unruhig hin und her. Immer wieder stieß sie diese schrecklichen Töne aus. Sie schien gerade etwas Unangenehmes zu träumen. Plötzlich schreckte sie hoch, und starrte mich mit großen glasigen Augen an. Sie war ebenfalls bekleidet mit einem geblümten Nachthemd. Wütend drehte sie sich von mir weg und zog die Decke über ihren Kopf.

Wo war ich nur? Wer waren diese Leute?

Die ganze merkwürdige Einrichtung, die Betten, diese Frauen…

Vielleicht ein Krankenhaus? Es war ein Krankenhaus! Hatte ich mich irgendwie verletzt, dass ich in ein Krankenhaus gebracht wurde? Aber verletzt wobei? Warum? Weshalb? Wo war Thomas?

Plötzlich spürte wie sich unaufhaltsam meine Blase meldete. Ich musste wirklich dringend auf die Toilette. Ich setzte mich auf. Und fühlte mich dabei wie eine alte Frau, die mit Sicherheit nur noch wenige Monate zu leben hatte. Vielleicht wie diese alte Frau dort im Bett? Meine Gelenke, jeder einzelne Muskel in meinem Körper schien sich gegen jede Bewegung zu wehren. Ich erschrak, als ich plötzlich an mir herunter sah und feststellte, dass ich ebenfalls ein geblümtes Nachthemd trug.

Wer hatte mich in dieses grauenhafte Teil gesteckt? Wo waren meine eigene Kleidung? Hatte ich überhaupt welche?

Noch bevor ich mir weiter darüber Gedanken machen konnte, hörte ich plötzlich Stimmen und Schritte. Sie kamen von außerhalb dieses Zimmers. Fast panisch knipste ich das Licht aus und verkroch mich wieder unter der Decke. Keine Ahnung warum ich das tat. Aber ich hatte bei dieser ganzen Krankenhausgeschichte ein schlechtes Gefühl. Ich beschloss mich erst einmal schlafend zu stellen und einfach abzuwarten was geschah. Schließlich flog die Tür des Zimmers auf.

„Guten Morgen die Damen“, rief eine freundliche aber bestimmende männliche Stimme. Dann wurden unerwartet und fast brutal die Jalousien des Fensters hochgezogen. Das laute Geräusch dröhnte in meinen Ohren. Ich wagte immer noch nicht eine Bewegung von mir zu geben. Grelles Licht strahlte plötzlich durch das ganze Zimmer. Alles war so schrecklich hell und blendete mich. Ich kniff die Augen zusammen.

Plötzlich spürte ich, dass eine Person unmittelbar neben meinem Bett stand und sich über mich beugte. Erschrocken sah ich auf. Vor mir stand ein junger Mann, der ganz in weiß gekleidet war. Er lächelte freundlich und sagte: „Guten Morgen Frau Lahr, wie geht es ihnen haben sie gut geschlafen?“

Seine Stimme kam mir bekannt vor. Ich setzte mich auf. Und schnell bereute ich, dass ich das getan hatte. Und ich konnte in letzter Sekunde einen lauten Schrei unterdrücken. Mein ganzer Körper schmerzte. Es fühlte sich an als sei ich mit einem Güterzug kollidiert. Und schließlich entwich mir doch ein leises Stöhnen. Später erklärte man mir, dass diese Schmerzen, eine Art Muskelkater, von der extremen Anspannung des ganzen Körpers am Vorabend kamen, ein Nervenzusammenbruch ist somit auch wörtlich zu nehmen.

„Wie fühlen sie sich?“, fragte er wieder.

„Ich weiß nicht“, stotterte ich. „Aber ich glaube ganz gut!“

„Na, das ist doch die Hauptsache. Es gibt gleich Frühstück, machen sie sich ein wenig frisch. Wenn sie etwas brauchen rufen sie.“

Ich hörte seine Worte kaum. Ich war zu sehr damit beschäftigt meine wirren Gedanken zu ordnen. Woher kannte ich ihn? Wo war ich und was war passiert? Die Schmerzen überall. Der Mann drehte sich um und ging.

„Halt, Moment bitte!?“, rief ich fast panisch.

„Ja, Frau Lahr?“

„Was ist denn überhaupt mit mir passiert? Ich kann mich nicht erinnern…“

Er sah mich plötzlich mit einem sehr ernsten und fast mitleidigen Blick an. Er zögerte mir zu antworten. Doch dann legte er seine Hand auf meine Schulter und sagte:

„Machen sie sich keine Sorgen, das liegt an den Tabletten, die sie von uns bekommen haben. Sie waren gestern sehr aufgewühlt. Aber sie werden sich schon bald wieder erinnern. Aber jetzt wird erst einmal gefrühstückt, danach wird jemand mit ihnen darüber reden.“

Er lächelte und verschwand so plötzlich, wie er aufgetaucht war.

Ich war gestern sehr aufgewühlt…? Tabletten? Hilfe, wo war ich denn nur gelandet? Und wo zum Teufel war hier die verdammte Toilette?!

Meine Füße glitten auf den grauen, kalten Linoleum Fußboden. Ich schwankte und mir wurde ein wenig schwindelig. Aus weiter Ferne hörte ich Stimmen. Sie waren fremd und ich verstand nicht was sie sagten. Erst jetzt nahm ich wieder wahr, dass ich nicht alleine im Zimmer war. Die alte Frau lag immer noch wie tot in ihrem Bett. In ihrem Gefängnis. Langsam und behutsam, immer darauf bedacht, keinen unnötigen Lärm zu machen, schlich ich an ihrem Bett vorbei. Doch plötzlich Drang mir dieser unangenehme Geruch in die Nase. Es war ein unbeschreiblicher Gestank und er nahm mir den Atem. Ich kannte diesen Gestank. Nur woher?

Ich dachte nach. Dann fiel mir Mario ein. Mario war ein Junge aus der Nachbarschaft gewesen. Warum um alles in der Welt, konnte ich mich an ihn erinnern? Aber nicht an das, was gestern erst war? Mario jedenfalls hatte einen Hund. Der Schäferhundmischling hieß Timmi. Er war blind und hatte ein altersbedingtes Hüftleiden. Und als es dann mit Timmi langsam zu Ende ging, roch er genau so. Mario sagte immer, es läge an den vielen Medikamenten und schmerzstillenden Präparaten, die er in sein Futter mischen musste. Ich aber dachte immer insgeheim, dass dies der Gestank des Todes sein musste. Und dieser Geruch umhüllte diese alte Frau. Sie stank nach Tod.

Wie gebannt starrte ich auf diese Frau und sie machte mir Angst. Wieso wurde sie durch den Lärm und das Licht nicht wach? Jeder hätte eigentlich bei diesem Jalousienszenario wach werden müssen! Mir lief ein Schauer über den Rücken und ich beschloss in diesem Moment niemals alt zu werden.

Schnell hatte ich diese kleine Nische mit einer Toilette und einem Waschtisch entdeckt. Es gab keine Tür, nur ein Plastikvorhang, der eigentlich normalerweise an Duschen oder Badewannen zu finden war. Ich war mir aber sicher, dass ich in diesem Moment keinerlei Zuschauer hatte und benutzte hektisch die Toilette. Es war ein seltsamer Raum. An den Wänden waren verschiedene Haken, an denen Namen standen. An den Haken hingen Waschlappen. Über dem Waschbecken war ein kleiner Spiegel mit einem Regal. Auf dem Regal standen Zahnbürsten und Becher, die ebenfalls mit den jeweiligen Namen versehen waren. Nur mein Name stand noch nirgendwo, das beruhigte mich ein wenig. Hier auf dem Zimmer lagen wohl Patienten, die längere Zeit schon krank waren, wenn sie schon ihren eigenen Haken besaßen.

Nur flüchtig schaute ich in den Spiegel, denn ich wollte mich nicht sehen. Ich wusste, ich sah schrecklich aus. Dunkle Ränder unter den Augen kleine Kratzspuren im Gesicht und schuppige Haut an den Wangen. Diese Flechten bekam ich doch nur, wenn ich viel geweint hatte?

Hatte ich viel geweint? Aber warum?

Ich drehte den kleinen Wasserhahn auf und wusch mir kurz das Gesicht und die Hände. Das Wasser war eiskalt und es gab auch keine Möglichkeit dies zu ändern. Es gab keinen Temperaturregler. Aber trotzdem tat es gut.

Plötzlich spürte ich, wie jemand den Raum betrat. Es war wie ein Schatten, der sich hinter diesem Vorhang aufbäumte und dort stehen blieb. Ich schluckte und wagte einen Blick durch den Schlitz und erschrak. Das stand dieses Mädchen, die Haare im Gesicht kleben, mit ihrem Blümchennachthemd und starrte mich stumm durch den Vorhang an. Heute, fast 15 Jahre später kann ich diese Erscheinung mit dem schwarzhaarigen Mädchen aus „The Ring“ beschreiben …

Ja, genau so sah sie aus …

the ring

Ja, ich kam mir in der Tat vor, wie in einem Horrorfilm. Damals wusste ich auch noch nicht, dass es „echte“ Menschen gibt, die mir allein mit ihrem Anblick das Blut in den Adern gefrieren lassen. Zudem hörte ich plötzlich auch noch das immer lauter werdende Atmen von dieser alten gefesselten Frau im Hintergrund. Und wieder lief mir ein Schauer über den Rücken.

Ich musste raus hier raus aus diesem Zimmer, ich musste nach Hause!

Energisch riss ich den Vorhang zurück, in der Hoffnung, dass die schwarzhaarige Psychofrau sich in Luft auflöste – tat sie auch, sie lief erschrocken aus dem Zimmer. Ich ging hastig zurück an das Bett, indem ich die Nacht… vielleicht sogar Nächte … verbracht hatte und suchte nach meiner Kleidung.

Schnell raus aus diesem bescheuerten Irren-Nachthemd.

Auf diesem fahrbaren, kleinen Schränkchen fand ich tatsächlich die Hose, das T-Shirt und meine Schuhe die ich … ja, wann genau trug? Ich wusste es nicht. Ich zog sie hastig an und wollte nur noch schnell dieses Zimmer verlassen.

Vielleicht gab es ja irgendwo ein Telefon?

Wieder musste ich an diesem unheimlichen Bett vorbei. Ich fühlte mich fast, wie in einem dieser Schockmomente im Film, in denen plötzlich Tote ihre Augen öffneten und ihre Hände nach einem ausstreckten.

Es war so unheimlich, gruselig…

Und obwohl ich es mir vornahm es nicht zu tun, starrte ich die alte Frau wieder an. Es war wie ein Zwang, von dem ich mich nicht lösen konnte.

Warum war sie gefesselt?

Ich starrte …

Und starrte …

Und …

Plötzlich riss sie ihre Augen auf. Ihre gelblichen toten Augen fixierten mich. Ich stieß einen leisen Ton aus, der schließlich von einem lauten Kreischen übertönt wurde. Aber das Kreischen kam nicht aus meiner Kehle. Sie war es. Sie schrie.

Immer lauter, immer schriller.

Mein Schockzustand, der sich langsam in ein Gefühl der Panik wandelte wurde jäh unterbrochen als plötzlich die Türe des Zimmers aufflog und zwei dieser weiß bekleideten Männer herein platzten.

„Frau Wiehold! Was ist denn los! Wieder geträumt?“

Ich nutzte diesen Augenblick und lief schnell aus dem Zimmer. Ich stand plötzlich in einem schmalen Flur, in dem verschiedene Zimmer angrenzten. Zimmer, in denen die Türen offen standen und ungeahnte Einblicke preisgaben.  Darin waren Menschen, sie saßen regungslos auf Betten, kauerten in Ecken, liefen umher und sie starrten mich mit leeren, lieblosen Augen an. Bis auf einer. Dieser junger Mann tänzelte fröhlich durch den Flur als würde er ein Lied hören, was nur er hören konnte …

Am Ende des Ganges stand die Schwarzhaarige wieder, auch ihre Augen fixierten mich als würde sie nur darauf warten, mich endlich mit ihrem Irrsinn anstecken zu können. Irgendwo hörte ich die alte Frau wieder schreien.

„BRINGT SIE WEG! ICH WILL SIE NICHT MEHR SEHEN! HOFFENTLICH KOMMT SIE DA NIE WIEDER RAUS!“

Diese Worte schossen mir plötzlich durch den Kopf und brannten sich in mein Hirn. Hatte Thomas das wirklich gesagt? Aber warum hatte er das gesagt? Und plötzlich trafen mich alle Erinnerungen wie ein Schlag.

„DICH HABE ICH NIE RICHTIG GELIEBT!“

„WO SIND MEINE ZIGARETTEN?“

„DIE IST TOTAL DURCHGEKNALLT!“

„DIE IST IRRE!“

Verzweifelt, ließ ich mich auf eine der kleinen Holzbänke in dem kahlen, grauen Flur fallen. Ich hatte es wirklich getan! Ich war wirklich nach Lahnstein gefahren, um mich an den beiden für ihre verlogene Scheiße  zu rächen!

Gott was war nur in mich gefahren?! Und jetzt war ich hier! In einer Irrenanstalt?! In einer Klapsmühle?! Wegen einem manipulativen, hirnlosen und empathielosen Arschloch?

Ich konnte meine Tränen nicht mehr verbergen. Ich drückte meine Hände vor das Gesicht und begann leise vor mich hin zu weinen. Die Gewissheit, dass ich hier nun bis in alle Ewigkeit versauern würde, ließ mich innerlich wieder in Panik ausbrechen. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich erschrak und blickte in das nette Gesicht des Mannes, dessen Gesicht ich heute Morgen als erstes sah und wohl gestern Abend als letztes. War er es nicht gewesen, der mir diese blaue Pille gab und sagte: Sie werden sich bald besser fühlen?

„Geht es ihnen nicht gut, Frau Lahr?“

Was sollte ich ihm jetzt darauf antworten? Er dachte doch bestimmt auch ich wäre eine Irre. Dachten das nicht alle hier? Ich war aber nicht irre! Ich war einfach nur OVERLOAD gewesen! Ich musste ihm das sagen! Er musste mir glauben! Doch bevor ich einen Ton über die Lippen bekam, verschlang ein heftiges Schluchzen meine Worte.

Verdammt, reiß dich zusammen! Du darfst jetzt nicht mehr heulen! Erklär ihm, dass es dir gut geht!

„Frau Lahr? Was ist los? Fühlen sie sich nicht gut?“

„Doch, … es ist nur…“, stammelte ich. Er setzte sich behutsam neben mich. In seiner Hand trug er ein kleines Tablett, auf dem kleine Becher standen. Ich erschrak, als ich die vielen Pillen und Tabletten darin liegen sah. Und ich ahnte bereits, dass einer dieser Becher wohl für mich bestimmt war. Irgendwie schien er zu bemerken, dass mich der Anblick dieses Tabletts nervös machte, denn er sagte plötzlich beruhigend:

„Keine Angst, die sind nicht für sie!“

„Sie müssen mir glauben, ich bin nicht so gestört, wie die anderen hier!“

In dem Augenblick als ich mich selbst reden hörte, wurde mir klar, dass wahrscheinlich jeder der hier drinnen war, genau das von sich behaupten würde. Wie also konnte ich ihn davon überzeugen, dass das gestern ein einmaliger Ausrutscher war? Würde er mir glauben, dass ich wieder die liebe und immer friedliche Nicole war? Ganz normal? War ich doch, oder?

„Das in den letzten Monaten war alles zu viel für mich. Ich habe einfach die Kontrolle verloren! Ich bin nicht verrückt.“

„Das glaube ich ihnen, Frau Lahr. Und ich denke, dass sich alles für sie klären wird.“

Seine Worte waren wie ein himmlischer Sonnenaufgang für mich. Nur konnte ich ihm glauben? Schließlich arbeitete er hier und was war, wenn es einer dieser Standartantworten für Geisteskranke war?

„Ich kann mir vorstellen, dass dies alles für sie sehr befremdlich wirken muss und das sie die Menschen hier beunruhigen. Wissen sie, die Patienten, die hier in diesem Bereich sind, haben tatsächlich schwere psychische Probleme. Wir haben hier Menschen mit einer starken Persönlichkeitsstörung, Menschen mit suizidale Gedanken, psychische Schäden, die neurologisch bedingt sind aber auch Schwierigkeiten durch Drogen und Alkohol verursacht.“

Er wusste, dass ich das nicht hören wollte, sah mich dennoch freundlich an  und sagte schließlich:

„Ich frage mal gerade nach wann Herr Drechsler heute Sprechstunde hat. Ich komme gleich wieder.“

Er stand auf und ging schnellen Schrittes den Gang hinunter. Dann verschwand er hinter einer Ecke. Am liebsten wäre ich aufgestanden und ihm hinterher gelaufen. Ich hätte mich an sein Bein geklammert und ihn angefleht mich nicht mit diesen Irren alleine zu lassen. Wie sie durch diesen Flur schlichen … wie sie mich anstarrten … sie machten mit Angst!

Nach unendlich langen Minuten kam er tatsächlich wieder.

„Herr Drechsler kommt heute leider erst gegen 15.00 Uhr. So lange müssen Sie warten. Gehen sie doch erst einmal etwas frühstücken. Das wird ihnen gut tun.“

Ich schüttelte wild den Kopf. Essen? Ich konnte doch jetzt nichts essen! Nicht hier!

„Nein. Ich möchte nur irgendwohin, wo ich nur ein kleines bisschen Ruhe habe. Essen kann ich beim besten Willen nichts. Sagen sie mir bitte wie viel Uhr haben wir?!“

„Viertel nach neun.“

„Ich brauche eine Zigarette! Verdammt, ich habe keine Zigaretten!“

„Wir haben hier einen Kiosk im Haus, wenn sie möchten, dann kann jemand für sie Zigaretten holen.“

„Aber ich habe kein Geld bei mir! Ich habe alles vergessen … verloren!“

Vergessen? Wie hättest du denn auch daran denken sollen, du blöde Kuh! Schließlich war das ja nicht geplant, dass du hier landest.

Er lächelte, dann schaute er sich etwas scheu um. Plötzlich legte er das Tablett ab und kramte in seiner Tasche. Und zum Vorschein kam eine Schachtel Zigaretten. Fast gierig verfolgte ich den Weg den sie in meine Richtung machte.

„Nehmen sie diese, ich hole mir nachher neue. Aber bitte nicht verraten, sonst bekomme ich echt Ärger!“

Wieder lächelte er und am liebsten hätte ich ihn in diesem Augenblick gefragt ob er mich heiraten wollte!

„Normaler Weise haben wir es nicht gerne, wenn der Frühstückstisch nicht vollständig ist. Aber bei ihnen machen wir eine Ausnahme.“

„Warum tun sie das? Warum sind sie so nett zu mir? Glauben sie mir etwa, dass ich nicht Geisteskrank bin?

„Frau Lahr, ich darf mir keine Meinung über sie bilden, ich bin kein Arzt. Aber ihr Pluspunkt ist, dass sie einsichtig waren und freiwillig zu uns gekommen sind. Das war mutig und vernünftig. Ich sage mir immer, wenn man noch in der Lage ist eine vernünftige Entscheidung zu treffen, dann ist nicht alles verloren. Ich habe bei Ihnen ein positives Bauchgefühl. “

Freiwillig? Ich war mit Sicherheit nicht freiwillig hier! Wie kam er denn darauf!?

Ich schaute ihn fragend an, ohne dass ich es eigentlich wollte. Doch dann konnte ich auch das in mein Gedächtnis zurückrufen. Ein Arzt, der mich untersuchte und mir tausende Fragen stellte. Haben sie Drogen genommen? Haben sie getrunken? Nehmen sie Medikamente? Und dann war da doch dieser Zettel. Auf dem stand, dass ich mich freiwillig unter eine temporär psychische Beobachtung stellte … Ilona.

„Frau Lahr, ich muss weiter arbeiten. Dort drüben ist das Raucherzimmer, derzeit sitzen alle beim Frühstück, dann werden sie dort einige ruhige Minuten finden. Und es wird sich alles irgendwie klären, glauben sie mir!“

Dann stand er auf und ging.

Und auch ich verschwand schnell in diesen Raum, auf den er gezeigt hatte. Ein paar Stühle und Tische standen wahllos herum. Irgendwelche Bilder mit sinnlosem Gebilden von Malern die ich nicht kannte, hingen an der Wand.

In einer kleinen Ecke an der Fensterbank stand ein Tischchen auf dem Gesellschaftsspiele und Zeitschriften lagen. Wenn jetzt dort noch ein paar Bauklötze und Spielsachen gelegen hätten, könnte man sagen, es sah in diesem Zimmer so aus wie in einem klassischen Wartezimmer eines Hausarztes. Aber ich war nicht bei meinem Hausarzt …

Ich schleppte mich zu einem Stuhl, der direkt am Fenster stand. Als ich mich setzte, schien plötzlich ein Sonnenstrahl durch die schwarzen daumendicken Gitter und warf einen seltsamen Schatten auf meine Arme und meinen Körper. Schnell erwärmte der Strahl die Stellen, die nicht vom Schatten erwischt wurden. Lange schaute ich mir dieses Spiel an. Ich konnte die kleinen Staubpartikel sehen, die wild umher tanzten. Noch nie habe ich bewusst einen Sonnenstrahl bewundert. Noch nie habe ich hinter Gittern gesessen …

Viertel nach neun?! Dieser Herr Drechsler kam erst gegen drei?

Nervös zündete ich mir eine Zigarette an und starrte wieder aus dem Fenster. Dort draußen, jenseits der Gitter, schien die Sonne und versprach einen wundervollen Sommertag … mir war es gar nicht aufgefallen, dass wir überhaupt Sommer hatten.

Ich zuckte erschrocken zusammen, als plötzlich die Tür des Zimmers aufflog.

„Hallo, junge Frau!“

Und wieder stand ein sehr junger Mann vor mir und lächelte dieses allgemeine, offenbar für Klapsen übliche Lächeln. Er war klein und hatte lange blonde Haare, die mit zu einem Zopf zusammengebunden waren.

„Es ist Zeit einmal ihren Blutdruck zu messen. Aber bitte machen sie die Zigarette aus, sonst stimmt die Anzeige nicht.“

Irgendwie fühlte ich mich durch sein Auftauchen gestört. Aber ich tat wie mir befohlen und drückte die Zigarette wieder aus. Er schien zu merken, das mich seine Prozedur die er vorhatte nicht wirklich erfreute. Hingebungsvoll streckte ich meinen rechten Arm aus.

„Wenn es denn sein muss“, stöhnte ich und wartete auf sein Handeln. Dieser Junge machte wohl gerade eine Ausbildung hier. Denn er wirkte etwas unsicher, als er mir dieses Blutdruckmessgerät um den Arm legte. Erst war er fast zärtlich und dann klemmte er mir eine Hautfalte ein. Aber er versuchte es mit einem Lächeln zu vertuschen. Dann schließlich begann er zu pumpen und drückte seine Finger an mein Handgelenk um den Puls letztendlich festzustellen. Er machte ein ernstes Gesicht. Zu ernst, wenn man die Harmlosigkeit des Blutdruckmessens bedachte. Und irgendwie wirkte er in dieser Position und den dazugehörigen auftreten schon wie ein kleiner Möchtegern-Arzt, der gleich eine niederschmetternde Diagnose aussprechen musste. Herr Hard stand auf einem kleinen Ansteckschild an seiner Brust. Als fertig war, erlöste er mich von diesem doch recht unangenehmen Geschnüre an meinem Arm und lachte.

„Na super, sieht doch sehr gut aus. Besser kann es doch gar nicht sein!“

Er klang fast feierlich, so als ob ich gerade eine Urkunde in irgendwas verliehen bekam. Dann klatschte er jubelnd in die Hände – hatte der Typ nicht mehr alle Tassen im Schrank, oder was sollte dieses Theater?

Nein, DU hast nicht mehr alle Tassen im Schrank und so geht man eben hier mit Verrückten um.

Ich schenkte ihm ein müdes Lächeln. Irritiert wünschte er mir noch einen schönen Tag und verließ das Zimmer.

„Der nächste bitte! Herr Frey! Kommen sie doch einmal zu mir!“ ,hörte ich ihn noch sagen, dann war es wieder still. Und ich saß wieder allein, in diesem kleinen muffigen Zimmer.

Stunden vergingen. Oder waren es Minuten? Zeit, bekam in einer Irrenanstalt tatsächlich eine völlig neue Bedeutung. Warum musste es bis 15.00 Uhr auch so lange dauern? Ich war froh, dass ich alleine in diesem Zimmer war und mich nicht mit diesen Verrückten auseinander setzten musste. Ich schaute wieder zum Fenster hinaus.

Vielleicht würde ich dort eher etwas Interessantes entdecken, was mir half weitere Minuten zu überbrücken? Aber es war vergeblich. Das Zimmer lag mindestens im Zweiten Stock des Gebäudes und außer Sonne, Himmel und dichte Baumkronen in denen ein paar Vögel saßen, war nichts zu erkennen. Schließlich nahm ich mit dem Federvieh vorlieb und schaute an wie sie pickten und tänzelten. Ich hatte noch nie Vögel beim Tänzeln und Picken beobachtet. Und irgendwie schienen sie mich aufmuntern zu wollen. Immer wieder schauten sie zum Fenster hinein und musterten mich und ich glaube sogar, dass sie lächelten. Es war irgendwie schön.

Wieder öffnete sich die Türe und eine alte Frau wurde mit ihrem Rollstuhl hinein geschoben. Ich ahnte, dass mein Wunsch nach Alleinsein nun ein jähes Ende gefunden hatte. Die alte Frau lächelte mich unentwegt an – Lächeln scheint hier an der Tagesordnung zu sein – und begann sich mit zittrigen Händen eine Zigarette anzuzünden. Ich fand es seltsam so alte Leute beim rauchen zu sehen. Irgendwie passten Zigaretten nicht in das Bild von netten Omis. Wenn sie denn überhaupt nett war. Immerhin war sie ebenfalls hier, warum auch immer. Gern hätte ich sie danach gefragt, aber ich traute mich nicht.

„Haben sie bitte einmal Feuer für mich“, fragte sie mich plötzlich mit sanfter Stimme.

„Oh Entschuldigung, natürlich“, sagte ich. Schnell zog ich das Feuerzeug aus meiner Hose und zündete ihr die Zigarette an. Sie lächelte wieder dankbar und schien ihren ersten Zug zu genießen. Ich musterte sie. Sie war gepflegt und ihre schneeweißen Haare waren säuberlich zu einem Dutt zusammengesteckt. Selbst ihre Kleidung wirkte edel. Und ich konnte mir immer noch kein Bild darüber machen, warum sie letztendlich hier war. Sie passte nicht hier hin. Vielleicht war sie einer der Fälle, die ständig ihren verstorbenen Mann sah oder so irgendwas.

„Ist es nicht wunderschön draußen“, fragte sie mich plötzlich. Verwirrt suchte ich nach einer Antwort, denn ich war nicht darauf gefasst, das ich ein Gespräch mit dieser Frau führen musste.

„Ja, sehr schön“, sagte ich scheu.

„Ich heiße Rosa und sie?“

„Äh, Nicole.“

„Nicole, ein schöner Name. Und draußen ist es so schön. Die Vögel, die Sonne…“

Sie wirkte so verträumt und so liebevoll und warm. Ich mochte sie irgendwie.

„Ja, ein wirklich schöner Tag“, erwiderte ich und tat sehr interessiert an einer Weiterführung des Gespräches. Und ich musste zugeben, das ich mich eigentlich noch nie so ausgiebig mit jemanden über das Schönsein eines Tages so ausgelassen hatte. Ich hätte ebenfalls auch nicht gedacht, das ich dies einmal tun würde.

„Ein wunderschöner Tag“, wiederholte Rosa.

„Finden sie nicht auch, Nicole?“

Und ohne darüber nachzudenken, das diese Frau vielleicht wirklich etwas verwirrt sein könnte, hob ich den Daumen und wiederholte:

„Ja, ein toller Tag!“

„Ich wünschte ich wäre tot!“, sagte die alte Frau plötzlich und ihre Miene verfinsterte sich. Ich starrte sie erschrocken an.

„Sagen sie doch so etwas nicht“, sagte ich behutsam, musste aber dann selbst feststellen, dass ich vor gar nicht langer Zeit auch einmal so gedacht hatte. Wenn diese Frau an einem solch schönen Tag unbedingt tot sein wollte, dann hatte sie wohl ihre Gründe.

„Ein wunderschöner Tag heute, nicht wahr? Wie heißen sie eigentlich?“

Dann plötzlich ging wieder die Tür auf und eine weitere alte Dame kam mit langsamen Schritten und mit gesenktem Kopf herein. Als sie sich setzte und mich schließlich mit bösen Augen ansah, fühlt eich mich schlagartig unwohl. Sie  war das Gegenteil von Rosa, die immer noch wie in einem goldenen Sofa in ihrem Rollstuhl saß und inzwischen wieder lächelnd zu Fenster hinaus sah. Diese andere alte Dame jedoch, wirkte boshaft und hasserfüllt. In ihrer rechten Hand trug sie eine Handtasche, die sie fast bis zur Unkenntlichkeit zusammengerollt hatte. Fast wie eine Zeitung. Und sie trug einen Mantel. Einen Mantel in diesem warmen Zimmer? Sie begann irgendetwas vor sich hin zu zischen. Ich verstand jedoch nicht was sie sagte.

„Hallo, du Alte Ziege“, begrüßte Rosa sie strahlend.

„Wer sagt hier Alte Ziege“, fauchte die Frau Rosa an und ich befürchtete, das hier gleich die Hölle losbrechen würde.

„Ist doch ein schöner Tag heute! Klara, warum bist du denn so böse?“

„Die haben mir wieder alles geklaut, dieses widerliche Judenpack. Umbringen sollte man sie! ALLE! UMBRINGEN!“

Und plötzlich warf sie mir einen bösen Blick zu. Am liebsten hätte ich mich ganz weit weg verdrückt, doch dieses Zimmer war zu klein um sich zu verstecken  und außerhalb diese Zimmers wollte ich mich erst recht nicht aufhalten. Ich war zutiefst erschrocken.

„Oh, schon wieder beklaut?“, fragte Rosa mit großer mitfühlender Empörung.

„Ja, alles weg! Mein Geld, meine Möbel und mein Haus!“

Sie begann ihre alte zerfledderte Handtasche aufzurollen und kramte murmelnd darin herum. Es war nicht schwer zu erahnen, das auch sie rauchen wollte. Wer sonst würde sich wohl freiwillig in ein Raucherzimmer setzten?

„Diese bösen Juden! Mein Feuerzeug! Mein Feuerzeug ist auch weg!“

„Klara, ich habe Feuer, Moment.“ Rosa begann ebenfalls in ihrem kleinen Beutel zu kramen. Wusste sie denn tatsächlich auch nicht mehr, dass sie kein Feuer besaß?

Du bist hier in einer Irrenanstalt, vergiss das bitte nicht!

Rosa lächelte mich an und sagte:

„Die Dame, wie heißen sie bitte? Sie haben doch Feuer!?“

Rosa sah mich erwartungsvoll an und ich wusste nicht was ich zuerst tun sollte. Meinen Namen ihr zum dritten mal nennen oder einfach nur das Feuerzeug herausgeben. Ich tat beides.

„So ein Feuerzeug hatte ich auch! Sind sie Jüdin?!“

Langsam wurde die Sache wirklich unangenehm und ich war froh das die Situation durch ein weiteres öffnen der Tür entschärft wurde. Dort stand ein weiterer Pfleger, den ich noch nicht kannte und sagte:

„Frau Hornbach, habe ich ihnen nicht gesagt sie sollen in ihr Zimmer gehen? Dort warten noch ihre Medikamente auf sie!“

„Nein! Ich werde nicht wieder in mein Zimmer gehen! Diebe alles Diebe!“

„Wer hat sie denn schon wieder bestohlen, Frau Hornbach!“

„Die Juden, haben sie die denn nicht gesehen? Was tun sie eigentlich den ganzen Tag? Sind sie Jude?“

Gespannt lauschte ich auf den weiteren Verlauf des Gespräches in der Hoffnung, das Frau Hornbach dem Pfleger gehorchte und das Zimmer verließ.

„Alles weg! Mein Haus, mein Geld und jetzt auch noch meine Tasche!“

„Aber Frau Hornbach, ihre Tasche haben sie doch in der Hand.“

Frau Hornbach hatte jedoch nicht mehr die Möglichkeit sich dazu zu äußern, denn in diesem Moment hörte ich plötzlich laute Musik. Es war verzerrt und klang schrecklich. Wie bei einem Radio, bei dem der Sender gestört wurde. Ich konnte mir nicht erklären, wie dieses Geräusch plötzlich zustande kam. Aber keinem außer mir schien dies zu verwirren. Rosa saß in ihrem Rollstuhl und starrte zum Fenster hinaus. Der Pfleger redete immer noch behutsam auf Klara ein. Doch er musste seine Stimme erheben, da man fast sein eigenes Wort kaum verstand, so laut war das Geschreie von Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir“. Und plötzlich zwängte sich hinter dem Pfleger die Quelle der Störung hindurch. Und im Raum stand dieser glatzköpfige Riese. Auf seiner Schulter ein rosarotes Radio aus dem die Musik heraus dröhnte. Ich war wie versteinert vor Schreck.

Scheiße, wo bin ich hier gelandet?!

Bitte hol mich doch jemand hier raus…

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Ein weiterer Pfleger kam, riss dem Glatzkopf das Radio von der Schulter. Und ich befürchtete schon, das dieser mit einem gezielten Schlag für diesen Raub rächen würde. Doch als der Pfleger das Radio abstellte und damit verschwand, begann er einfach zu weinen.

Er weinte, wie ein kleines Kind …

So wie ich gestern Abend …

KARINA? MEINE PUPPE IST WEG! IHR MÜSST SIE SUCHEN?!

Nachdem diese durchgeknallte Klara den Raum verlassen hatte und auch der Glatzköpfige auf die Suche nach seinem Radio gemacht hatte, dachte ich eigentlich es wäre überstanden. Aber meine Hoffnung keimte nur wenige Sekunden. Es betraten zwei weitere Personen das Zimmer. Die Männer waren wesentlich jünger und ich schätze sie so um die dreißig. Beide setzten sich wie selbstverständlich an einen Tisch und schenkten Rosa und mir keine Beachtung. Und ich war sehr froh darüber. Erst jetzt bemerkte ich , das ich unbewusst mich immer weiter in die hinterste Ecke mit meinem Stuhl verzogen hatte. Sie unterhielten sich eigentlich ganz normal wie zwei Freunde, die sich einiges zu erzählen hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt, wo ich gezwungen war ihnen zu zuhören.

„Wo warst du denn die letzten zwei Tage? Ich hab dich gar nicht gesehen?“, sagte einer der beiden. Er hatte blondes kurzes Haar und trug einen kleinen Schnauzbart. Er war ziemlich dürr und durch sein eng anliegendes T-Shirt konnte man fast die Rippen zählen. Der andere ließ mit der Antwort auf sich warten. Er wirkte unendlich müde und gähnte unentwegt. Und es schien, als ob er gerade erst aus dem Bett gefallen sei, denn seine braunen Haare standen in alle Himmelsrichtungen zu Berge. Er hatte für seine restliche Statur einen ungewöhnlich dicken Bauch.

Schließlich antwortete er träge:

„Ich war mal wieder ein böser Junge! Die haben mich doch wieder gekriegt!“

„Wie hast du es denn wieder geschafft, diese geile Spritze bekommen, du Penner?!“

„Ja“, gähnte der Braunhaarige und versuchte dabei zu lächeln. Die Fratze die er dadurch machte war fast filmreif.

„Hey, ich glaub ich muss auch mal wieder Terror machen, ich will auch wieder so ein Ding haben. Dann haste jedenfalls deine Ruhe. Wieso haben die dich denn wieder zum schlafen gebracht?“

„Die blöde Fotze von Ärztin war der Meinung ich hätte Alk in meinem Zimmer versteckt. Da haben die wieder in meinen Sachen rumgewühlt. Da war ich echt sauer drüber. Da hab ich dem Schwanzlutscher von Karenbach eine gezogen!“

Beide lachten.

„Geile Sache! Und haste Alk?“

„Ja aber jetzt nicht mehr, die haben den gefunden!“

Beide begannen sich aus Papier und Tabak Zigaretten zu drehen. Und sie schienen dabei eine Art Wettkampf zu veranstalten. Ich sah ihnen fast dankbar für diese Abwechslung dabei zu. Doch plötzlich war da dieses kratzen im Hals. Und es wurde immer schlimmer. Alle Versuche ein Husten zu unterdrücken scheiterten und ich hustete los.

„Hey, Frischfleisch“, raunte plötzlich der blonde Mann und sah mich lächelnd an. Daraufhin schlug ihn der Dickbäuchige unsanft auf den Arm und sagte mahnend:

„Hey, du Hirni, spricht man so mit einer Dame?!“

Doch ich brachte kein Wort heraus, so erschrocken war ich. In meiner Verzweiflung lächelte ich nur scheu. Es war ganz offensichtlich, dass auch diese beiden Herren sie nicht alle an der Schüssel hatten. Wie sie tickten? Keine Ahnung! Ich saß in der Falle! Ich wusste eine weitere Judenbeschimpfung oder Ähnliches würde ich nicht überleben…

„Warum bist du hier?“

Ich war nicht wirklich vorbereitet gewesen auf diese Frage und ich hatte keine Ahnung wie ich meine Anwesenheit erklären sollte. Aber eigentlich war die Antwort doch ganz einfach. Ich sagte es einfach wie es war.

„Ich hab gestern Nacht ein klein wenig die Nerven verloren!“

„Wie meinst du das, die Nerven verloren. Hast du jemand Matsche gemacht?!“

Er sah mich an und in seinem Blick war etwas, das mir ein äußerst ungutes Gefühl gab. Seine Augen waren so gelblich und glubschten mich wie ein toter Fisch an. Und dieser Blick gab mir zu verstehen, dass er Details hören wollte. Grausame und blutige Details?

„Nein, es ist zum Glück niemandem etwas passiert“, sagte ich fast eingeschüchtert. Dann herrschte ein kurzes, fast enttäuschtes Schweigen.

„Wie langweilig!“, sagte der Schläfrige, der sich mir anschließend als Eduard vorstellte.

„Da musst du dir Mal anhören, was unser Stevie sich schon alles gelappt hat! Der ist echt bekloppt!“

Der blonde, also Stevie, begann ein seltsamen Kichern von sich zu geben, das fast in einer Art Hysterie zu enden schien. Er begann plötzlich auf seinem Stuhl nervös hin und her zu rutschen. Ich wagte die Frage nicht auszusprechen, die plötzlich in diesem Raum stand. Ich wollte nicht wissen, warum er hier war, denn ich ahnte irgendwie, das es etwas wirklich krankes gewesen sein musste.

„Ja, Mann, besser als dein lächerliche Versuch sich totzufressen, Eddie, gell? Wer frisst freiwillig so viel, dass der Magen platzt?“

„Du sollst erzählen, was DU gemacht hast, Stevie!“, mahnte Eduard.

„Ja, okay! Ich wollte meine Mutter um die Ecke bringen! Aber ich habe es nicht richtig gemacht! Immerhin atmet sie noch, diese alte Hure!“

Sie atmet noch!? 😮

„Aber irgendwann! Irgendwann haue ich wieder ab, und dann mache ich es richtig! Und dann schneide ich ihr die Kehle durch! Dann kann ich wenigstens sicher sein, das sie endlich verreckt!“ Er lachte, laut und schrill und schien immer nervöser zu werden.

Ich stieß einen stummen, endlos langen Schrei aus und betete, dass ich das hier alles überleben werde.

„Komm spiel mit“, rief Stevie plötzlich und begann wieder mit diesem nervösen Gezappel. Er lachte und forderte mich erneut mit einer Handbewegung auf.

Nein! Das konnte er doch nicht wirklich von mir verlangen? Ich konnte doch jetzt nicht mit diesen Irren ein Brettspiel spielen, dass auch noch „Mensch Ärgere Dich Nicht“ hieß!? Was war, wenn sie verlieren würden?

„Spiel mit! Los doch“, sagte Eduard langsam und ruhig. Ich wagte es nicht, ihre Aufforderung zu verneinen aus Angst, gleich mit einem Messer oder Ähnlichem attackiert zu werden, wenn ich ihnen nicht gehorchte? Aber hier gab es doch keine Messer oder? Ich hatte einfach keine andere Wahl.

Wir spielten …

Und ich hatte am Ende diese Tages eine Menge neuer Freunde … 😀

CUT

Ja, wer kann von sich behaupten, dass er schon mal in einer Irrenanstalt mit Irren „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt hat?  😀

Und es geschah noch eine ganze Menge in den vielen Stunden, bis ich schließlich mit dem Psychiater über meine Entlassung sprach. Aber darüber muss ich eventuell doch mal ein Buch schreiben, das war so viel verrücktes Input. Das Mittagessen war beispielsweise sehr unterhaltsam … es flogen erst Erbsen, danach die Fäuste. 😀

Was noch wichtig wäre – so lief das Gespräch mit dem Psychiater ab:

„Uh, da sind aber die Pferde mit ihnen durchgegangen, was?“, sagte der Arzt halblaut, als er sich meinen Einlieferungsbeleg anschaute. Ich starrte ihn erst verwirrt und dann mit Schamröte im Gesicht an. Es dauerte einen kurzen Augenblick, bis mir einfiel, das Ilona gestern Abend mit den Herren sprach, weil ich zum Reden nicht ganz in der Lage gewesen war.

„Wie fühlen sie sich?“

„Gut“, sagte ich, aber dass alles andere als glaubhaft.

Er lächelte wissend und ich fühlte mich ertappt.

„Was möchten sie jetzt von mir hören?“, fragte ich vorsichtig. Denn ich war mir sicher, egal, was ich jetzt sagen würde, er würde mir das Wort im Mund herumdrehen und dafür sorgen, dass ich hier nie wieder herauskam.

„Was ich hören möchte? Wie wäre es mit der Wahrheit?“

„Die Wahrheit…?“ Ich überlegte kurz und sagte dann: „Die Wahrheit ist, dass ich es wohl kapiert habe.“

„Was haben sie kapiert?“

„Ich weiß jetzt, wenn ich mein Leben nicht ändere, dann wird das hier bald mein zu Hause werden und das, Herr Dr. Drechsler, wäre die Hölle! Ich will hier nicht sein und ich will hier nie wieder hin!“

„Das war wohl die ehrlichste Antwort, die ich seit langem gehört habe“, sagte Herr Dr. Drechsler. „Sie können gehen.“

Er klärte mich noch über sämtliche Therapiemöglichkeiten in dieser großen Klinik auf und bot mir einen Platz in der „offenen“ Therapieeinrichtung an, was ich jedoch ablehnte. Ich wollte einfach nur weit weg von dieser „Wahrheit“, die tatsächlich meine komplette Lebenseinstellung und somit auch mein Leben grundlegend veränderte.

Nachdem ich dieses Gebäude verlassen hatte, fühlte ich mich nicht nur befreit, sondern wirklich frei. Der Druck, diese Beklemmungen waren weg. Zwar war ich noch deutlich angeschlagen und vom Geschehen traumatisiert, aber ich spürte wieder etwas. Die Angst vor dem verrückt werden, sorgte dafür, dass ich mich selbst wieder wahrnahm und auch meine innere Stimme erhörte.

Und ich spürte noch etwas. Etwas, was mir der ein oder andere damals als Gottesbegegnung unterjubeln wollte, aber ich sehe es eher als eine Begegnung mit mir selbst. Ja, ich bin mir in jener Nacht selbst begegnet und habe ein ernstes Wörtchen mit mir geredet. Ich habe mich selbst daran erinnert, wer ich wirklich bin, was ich brauche und wohin ich will … weit weg von der Finsternis … wieder ins Licht! <3

Das hat mir Energie gegeben …

Eine unbeschreibliche innere Wärme, die bis heute anhält …

Liebe und Hoffnung …

Hoffnung … weil ich nie mehr in diesem Leben die Hoffnung aufgeben werde, ganz egal, um was es geht.

Liebe … weil es so schön ist, warm zu sein.

Diese Bedeutung habe ich mir mit chinesischen Zeichen habe in den Nacken tätowieren lassen (die anderen vier Zeichen am Rücken sind übrigens die Namen meiner 1. Tochter und des Mädchens, für dass ich damals, nach dem Tod ihrer Mutter da war … siehe unten).

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Nicht zu verwechseln mit der heimtückischen und oft auch falsch verstandenen zwischenmenschlichen Liebe, mit der ich tatsächlich nie wieder etwas zu tun haben wollte. Für mich war klar, dass ich mich nie wieder auf einen Mann einlassen werde, weil ich eben nicht für so etwas wie Liebe gemacht bin.

Diagnose: Beziehungsunfähig!

Daran habe ich mich auch ziemlich lang gehalten … 😀

Über 8 Jahre habe ich sogar enthaltsam gelebt …

Ich wäre somit prädestiniert für das Leben in einem Kloster. 😀

Bis mein Mann mir 2010 ein Strich durch die Rechnung gemacht hat! <3

Wie der es geschafft hat, mich zu überzeugen, dass er nicht so ist, wie die anderen … ?

Lange und lustige Geschichte … 😀

Bei Liebesfilmen, krieg ich trotzdem noch heute Würgereiz … sorry!  😀

Aber wie ging es genau weiter damals?

Nach diesem Besuch in der Klapsmühle spielte ich nicht mehr. Ich hatte auch nicht mehr das Bedürfnis danach. Seither habe ich sogar (fast) nie wieder gespielt. Es gab mal einen kleinen Ausrutscher im Jahre 2008 auf lotto.de, aber das war nur ein einziges Mal.

Ich fing ein neues Leben an. Zog in eine neue Wohnung um und arbeitete in einem Baumarkt, in dem ich recht schnell auch Verantwortung für eine Abteilung übernehmen durfte. Das gab mir Selbstvertrauen  … was man von Vertrauen zu anderen Menschen gerade nicht sagen kann. Und damit klar wird, dass ich zwar die Liebe zu mir und meinem Leben wieder entdeckt habe, aber dennoch nicht alles wieder im Lot war, erzähle ich auch nochmal kurz von diesem Carsten, dessen Name in der Geschichte ja oft vorkam:

Einige Wochen später stand der nämlich vor meiner Türe und lud mich zu einem Eis ein. Ich freute mich. Ich mochte Carsten schon immer. Wir waren Kumpels. Er war lieb, humorvoll, einfühlsam, vernünftig und sah verdammt gut aus. Ich wusste, er hätte jede haben können …

Wir unterhielten uns und hatten eine Menge Freude, bis Carsten auf einmal Folgendes zu mir sagte:

„Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich gerne an die Zukunft denken möchte. Die Frau fürs Leben finden Kinder, du weißt schon … ich möchte dich gerne zum Essen einladen.“

Wie bitte? 😮

Er konnte jede haben, JEDE!

Was wollte er also mit mir?

Das war doch ganz klar eine Falle – TSCHÖ! 😮

Heute bin ich mir sicher, er hatte es ernst gemeint … sorry Carsten! <3

Und so war sie geboren, die Zeit des Lichts und der Liebe, die leider nur im Einklang mit Misstrauen und Distanz zu anderen Menschen einher ging. Ich traute einfach niemanden. Die Sozialphobie war geboren, aber das war mir egal, ich war glücklich alleine.

… und was war mit diesem Thomas?

Falsche Frage! 😀

Der stand plötzlich eines Nachts vor meiner Tür stand und bat mich unter Tränen um Hilfe …

Ja, Mann …

Ich hab ihn rein gelassen…

Ein fataler Fehler …

Fuck Empathy!

Ja, ich gebe zu, ich bin einfach so zum kotzen gutmütig, dass selbst meine Therapeutin an dieser Geschichte graue Haare gekriegt hat.

„Warum haben sie ihn reingelassen?! Wenn sie nicht gläubig sind und nicht in den Himmel wollen, was versprechen sie sich von solch übertrieben guten Taten für Arschlöcher, mit denen sie sich selbst ins Unglück reißen?“

Ja, ich weiß …

Nun ja, diese Hilfe hat mich tatsächlich leider weitere 8 Jahre meines Lebens gekostet, auf die ich zum Schutz aller Beteiligten aber nicht großartige eingehen möchte. Es sei nur so viel zu meiner Verteidigung gesagt: Ein Kind, dessen Mutter auf tragische Weise ums Leben gekommen war, brauchte gefühlt  meine Hilfe, weshalb ich mich auf eine Zweckgemeinschaft, inkl. Scheinehe einließ und auch auf die schwierige Aufgabe, Mutter einer 8-jährigen zu sein. Wir lebten unter dem Motto „gemeinsam einsam“ und waren aber kein Paar. Im gleichen Jahr wurde durch EINEN EINZIGEN (!) Moment der Schwäche (wieder ein Trick) wie durch ein Wunder von einem sterilisierten Mann schwanger (der – ach sag bloß – aber nie sterilisiert war).

Fuck Empathy, kann ich auch an dieser Stelle nur sagen …

Es war eine schwierige Zeit, die ich aber mit deutlich geringeren Blessuren meisterte, denn zum Schutz aller Beteiligten kam mein Rottweiler Ben in die Familie. Nein, ihn musste ich nicht abrichten, er handelte aus Liebe. Es gab Menschen, die beschimpften ihn als lächerlichsten Rottweiler aller Zeiten, weil er so ein Weichei war. Aber er war immer an meiner Seite und hat mich und die Kinder vor allem Übel beschützt:

Leider ist er im Sommer 2012 gestorben … 🙁

So, nun komme ich zum Ende dieser Serie …

Und falls die Frage aufkommen sollte:

Nein, ich bereue nichts, denn ich scheue den Butterfly-Effect! <3

„Als Schmetterlingseffekt (englisch butterfly effect) bezeichnet man den Effekt, dass in komplexen, nichtlinearen dynamischen, deterministischen Systemen eine große Empfindlichkeit auf kleine Abweichungen in den Anfangsbedingungen besteht. Geringfügig veränderte Anfangsbedingungen können im langfristigen Verlauf zu einer völlig anderen Entwicklung führen. Es gibt hierzu eine bildhafte Veranschaulichung dieses Effekts am Beispiel des Wetters, welche namensgebend für den Schmetterlingseffekt ist: „Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“ (Quelle Wikipedia)

Ich sehe aber ein, dass sich meine Wege, durch manche Entscheidungen deutlich schwieriger für mich wurden, während sich andere darüber ins Fäustchen lachten …

Ich danke Dir, für das Lesen dieser ganzen Geschichte! <3

P.S.: Seit 2008 rauche ich auch nicht mehr … 😉

Der Psychopath und ich Teil II


Ihr Lieben, ich bin ganz geflashed von den Reaktionen auf meinen letzten Eintrag. Mit soviel Zuspruch habe ich nicht gerechnet … danke! <3 Das stärkt mich, macht mich mutig und ich fühle mich weniger fehl am Platz ... Eine kleine Fortsetzung kann ich heute schon liefern, denn diese habe ich schon damals für mich selbst aufgeschrieben und sie handelt vom Abrutschen in die Spielsucht nach dem Ereignis, das ich in Teil I beschrieb. Aus meiner Sicht geschrieben ... 😀 Ist auch gar nicht so tragisch heute, versprochen ... <3 Allerdings schriftstellerisch keine Meisterleistung, da der Text schon etwas älterer ist, sorry dafür ... Auf geht`s: Mein Suizidversuch hatte etwas in Gang gesetzt, was ich nicht mehr bremsen konnte. Wie eine Gehirnamputierte hatte ich mich verhalten und ich hatte keinerlei Erklärung dafür, warum das so war. Ich hatte Angst vor mir selbst. Nie wieder wollte ich, das mein Kopf mir Dinge befahl, die ich eigentlich nicht tun wollte. Aber irgendetwas war da in mir, das mich versuchte zu beherrschen. Ich musste es loswerden, sonst würde es noch mehr zerstören. Bei der ganzen Scheiße, die ich in der letzten Zeit fabriziert habe, hatte Thomas allen Grund sauer auf mich zu sein. Daher war ich den ganzen Tag nur darauf bedacht, dafür zu sorgen, dass es ihm gut ging. Ich las ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Ich fragte nach seinem Wohlergehen, behelligte ihn nicht mit irgendwelchem Scheiß von mir und ich sagt ihm auch seit langem mal wieder, dass ich ihn liebte. Vielleicht lag es einfach an meiner immer größer werdenden Angst, wieder etwas zu tun, das ihn böse machen könnte? Vielleicht lag es daran, dass ich einfach nichts mehr falsch machen wollte? Aber irgendwie machte ich alles nur noch falsch. Selbst die einfachsten Dinge, wie Kaffeekochen funktionierten nicht mehr. Für Thomas war es nur ein umgekippter Kaffeefilter, aber für mich war es ein kleiner Weltuntergang gewesen, als die ganze Brühe sich über den Fußboden verteilte. Dann war da noch dieser dumme Auffahrunfall, die Sache mit der leeren Batterie, weil ich Morgens nach dem Dienst vergaß das Licht aus zuschalten und noch weitere Kleinigkeiten, die immer mehr das Gefühl von Unfähigkeit in mir entfachten. Verdammt, ich war aber auch für alles zu blöd ... Eines Nachts, saß ich wieder im Vorraum des EXTRAs und zerbrach mir die den Kopf darüber wie ich das alles wieder in den Griff bekommen sollte und vor allem, wie ich mich wieder in den Griff bekommen sollte. Thomas hatte Recht, ich war nicht ganz dicht. "Ich wünsche ihnen eine ruhige Nacht", sagte Frau Poch und verschwand schließlich durch die Türe. Sie war die letzte Mitarbeiterin der Diskothek und mit ihrem Verschwinden, kam auch diese unheimliche Stille wieder zurück. Ich war alleine. Allein mit meinen wirren Gedanken und undefinierbaren Gefühlen, die mir seit Wochen solche Angst bereiteten. Und auch heute Nacht fiel es mir immer schwerer überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu können. Es war als ob mein Hirn völlig außer Kontrolle geraten war. Ständig fing es an mir diese ungewollten Erinnerungen aufzurufen. Erinnerungen an damals, als ich noch ein Kind war und auch das Geschehene der vergangenen Wochen nagte unbarmherzig an meiner Seele. Es schmerzte irgendwo tief in mir. Es war niederschmetternd und raubte mir meine letzten Nerven. Aber jetzt war es mitten in der Nacht, ich war alleine, hatte meine Ruhe und einfach kein Bock mir Gedanken darüber zu machen, was alles in meiner Kindheit schief gelaufen sein könnte, dass ich mich jetzt und hier so herum quälen musste. Aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte mich einfach nicht dazu zwingen etwas anderes zu denken, als ich gerade wieder anfing zu denken. Plötzlich wurde mir klar, ich musste etwas tun. Mich bewegen, umherlaufen, damit diese schlechten Gedanken nicht schon wieder überhand nahmen und mich weiter zu Dingen trieben die einfach nicht gut waren. Entschlossen griff ich nach meiner Taschenlampe und beschloss, das zu tun, wofür ich bezahlt wurde und zwar diesen 6000 qm großen Komplex vor Einbrechern und anderen bösen Dingen zu schützen (vielleicht sogar vor mir selbst). Gelangweilt schlenderte ich durch die dunklen Hallen der Diskotheken und dachte darüber nach wie schön es doch sein würde, wenn dieses ganze Gebäude einfach plötzlich in die Luft flöge. Egal aus welchem Grund, Hauptsache mit mir und meinen Gedanken. Irgendwann führte mich der erster großer Kontrollgang wieder in den großen, düsteren Hauptgang. Fast belustigt musste ich daran denken, wie oft ich mir damals fast vor Angst in die Hosen machte, wenn sich die Kühlungen der Eiswürfelmaschinen mit einem lauten Getöse einschalteten oder es einfach nur irgendwo in den Ecken raschelte. Wie von Sinnen war ich dann immer in die schützende Umgebung des Foyers gelaufen und hatte mich irgendwo versteckt. Jedenfalls so lange, bis ich mich selbst für meine Feigheit schämte und dann doch der Sache auf den Grund ging. Immerhin arbeitete ich in einem Sicherheitsdienst und da war für Hasenfüße kein Platz. Ich war aber ein Hasenfuß, aber immerhin ein Hasenfuß mit einer übergroßen Taschenlampe, die man unter Umständen auch als wirksame Waffe einsetzten konnte ... Aber an diesem Abend war meine Taschenlampe nur noch unnützer Ballast und eigentlich nur dafür da um Unfug damit zu treiben. Es konnte manchmal richtig Spaß machen, so zu tun, als ob man die Kunst des Morsens beherrschte oder einfach nur die Hohen Decken der Hallen anzuleuchten, um sich über die unzureichende Sauberkeit auszulassen. Seltsamen Geräusche aus der Ferne ließen mich plötzlich erschrocken zusammenzucken. Es waren Laute, die noch nie gehört hatte. Jedenfalls nicht so, wie sie mir in diesem Augenblick ans Ohr drangen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich das Geklimper einordnen konnte. Die Spielhalle! Frau Poch hatte einfach nur vergessen, den Strom für diesen Bereich abzuschalten. Eigentlich gehörte es ebenfalls zu meinen Aufgaben, solche Vergesslichkeiten zu korrigieren. Und ich war in diesem Moment froh darüber, etwas sinnloses tun zu dürfen, wie einen Schalter zu finden um den ganzen Bereich wieder ins Dunkle zu versetzen. Fun Center nannte sich das Ganze und beinhaltete zwei Billardtische, ein paar Arkade Spiele, elektronische Dartscheiben und einige dieser kompliziert aussehenden Geldspielautomaten. Ohne jegliches Interesse lief ich zwischen den Gerätschaften umher und suchte halbherzig nach dem Hauptschalter, denn ich fand diesen Ort schon immer albern und unnütz. Er war doch nur noch ein weiterer lästiger Platz, wo Menschen sinnlos ihr Geld verschwendeten. Es dudelte, es piepte und überall waren diese bunten Lichter. Wie konnten manche Menschen das freiwillig und auch manchmal sogar stundenlang aushalten? Weil es glücklich macht!, schoss es mir plötzlich durch den Kopf und ich war selbst überrascht von meinem eigenen Gedanken. Weil es glücklich macht? Ich blieb stehen und schaute mich ungläubig um und plötzlich verstand ich. All diese Geräte schienen nur so wild zu klimpern um Aufmerksamkeit zu erwecken. Sie waren unglücklich, weil sie alleine waren. Niemand interessierte sich für sie, sie waren einsam ... wie ich? Ich lauschte gespannt und plötzlich schien ich ihre Sprache zu verstehen. "Komm spiel mit mir!"?, ertönte es irgendwo her und lockte mit einer schönen Melodie. "Nein hier her! Spiel mit mir!", kam es plötzlich aus der anderen Ecke. Fast klang es wie ein Streitgespräch, aber in einer sehr animierenden Form. Es war beruhigend und fast schon unterhaltsam und es lenkte mich sogar für einen kurzen Augenblick von meinen Gedanken ab. Das war gut. Dieser ganze Ort war irgendwie gut. Vielleicht war dies sogar ein Ort, an dem schlechte Gefühle und Gedanken keinen Zutritt hatten, ein Fun Center eben? Plötzlich fühlte ich mich ganz seltsam. Ich war ruhig und doch irgendwie nervös. "Bist du auch so alleine?", hörte ich dicht hinter mir. Verwirrt drehte ich mich um und starrte in das hellerleuchtete Gesicht einer Sonne. "Und auch so unerwünscht?" "Ich kann dir helfen!" "Ich bin für dich da!", "Komm her!" "SPIEL mit MIR!", sagte die Sonne schließlich und zwinkerte mir zu. Ein kribbeln ging plötzlich durch meinen Körper und ich konnte nicht einordnen, warum ich mich so fühlte, aber der Anblick dieser lachenden Sonne überflutete mich plötzlich mit einer seltsamen Wärme. Wärme, die ich lange nicht mehr empfand und die doch etwas Vertrautes hatte. Dann holte mich die Realität wieder ein. Ich war echt nicht ganz bei Trost. Vor mir stand nichts weiter, als ein Geldspielautomat. Ein dummer Geldspielautomat mit einem dummen Sonnengesicht. War es schon so weit gekommen, dass ich jetzt schon Stimmen hörte? "SPIEL mit MIR! Ich bringe dir Glück!" "Mir kannst du vertrauen!" "Knack den Jackpott!" War es das Geld in seinem Körper, was mich lockte? War es die Herausforderung zu einem Duell? Ich hatte keine Ahnung. Ich wusste nur, das mein ganzer Ärger urplötzlich wie aus dem Gedächtnis gefegt war. Ich hatte nur noch dieses eine Bedürfnis. Ich wollte dieses verlockende Angebot annehmen. Und ich tat es. Ich konnte mich dem Rufen dieses Kastens einfach nicht widersetzten. Es war wie eine unsichtbare Kraft, die mich sanft an der Hand führte und mich schließlich dazu brachte mich auf diesen Hocker zu setzten. Und da saß ich dann und hatte überhaupt keine Ahnung, wie das alles funktionieren sollte. Ich hatte noch nie mit so einem Teil gespielt. Irgendwann begann ich aber dann das große Display auf das Genaueste zu untersuchen, in der Hoffnung irgendwo eine Art Anleitung zu finden. Die gab es natürlich nicht, nur wo und wie viel Geld man einwerfen musste, war genauestes dargestellt. Das reichte zunächst aus. Ich warf einige Münzen ein und wartete ab. Das tat ich auch Minuten später. Irgendwann wagte ich mich wahllos auf den Knöpfen herum zu drücken. Aber ich hatte immer noch keinen Schimmer was ich da tat. Ich wusste nicht, wann und wo ich welche Taste und welchen Knopf drücken musste. Das einzige was ich begriffen hatte war, dass mindestens drei gleiche Bilder in fünf verschiedene Felder erscheinen mussten. Wenn das der Fall war, dann gab der Kasten wilde Töne von sich und dann musste man an den Seiten auf eine Taste drücken, dann sollte man eigentlich etwas gewinnen. So schwer konnte das also doch gar nicht sein! Aber irgendwie funktionierte es trotzdem nicht. Immer wieder hörte ich diesen Ton, der mir sagte, dass ich gerade eben wieder achtzig Pfennig verloren hatte. Ich schaute mich scheu um und erst als mir wieder einfiel, das ich alleine in diesem Gebäude war packte mich wieder der Reiz. Wieder dieser nervtötende Ton und wieder achtzig Pfennig futsch. Aber es war mir egal. Es war einfach nur schön hier zu sitzen und das zu tun, was ich gerade tat. Ich spielte und der Kasten spielte mit mir. Ich hatte eine Art Gesprächspartner gefunden, der mich für kurze Augenblicke glücklich machte. Und vielleicht sogar etwas mehr, wenn ich den Jackpot knacken würde? Irgendwann musste ich ja mal wieder Glück haben. Ich schaute in meine Hand um weitere Münzen einzuwerfen. Und ich war verwirrt. Das konnte doch nicht wahr sein, ich hatte doch gerade eben noch zehn Mark in Kleingeld gehabt, und jetzt waren da nur noch zwei Münzen?! Mein Ärger und die Enttäuschung wurden immer Größer. Ich begann heftiger und unkontrolliert auf die Tasten zu schlagen. Immer wieder dudelte und piepte der Kasten und am Ende hatte ich doch immer nur verloren. Dann war auch meine letzte Mark im Schlitz des Spielautomaten verschwunden. Das schlimmste war noch nicht einmal, das ich dann auch diese verlor, viel schlimmer war die Tatsache, das eine Revanche nicht mehr möglich war, denn ich war pleite. Das Geld was ich jetzt noch in der Tasche hatte, langte gerade noch für ein Päckchen Zigaretten. Es war hoffnungslos. "Bitte Münzen einwerfen", stand in kleiner roter Leuchtschrift auf einem schmalen Streifen in einem Meer von blinkenden Lichtern. Es leuchte auf und lief penetrant und unübersehbar immer von links nach rechts. "Los werf’ eine Münze rein, dann bin ich weiter für dich da!" "Ich hab aber keine Münzen mehr, du Scheißteil", zischte ich wütend und ertappte mich dabei, wie ich den Kasten mit einem Schlag attackierte. Beschämt über meinen kleinen Ausbruch rutschte ich vom Hocker und es war Wehmut dabei, das ich diesen Platz verlassen musste, aber dennoch rächte ich mich schließlich an meinen unfairen Spielgefährten, indem ich doch endlich den Hauptschalter fand und ihm einfach das Licht ausknipste. Das war die erste Nacht mit mir und meinem "neuen Freund" und es folgten weitere, ...leider. Wochen später... Gerda Richter war meine neue Nachbarin. Sie beglückte mich neuerdings schon fast täglich, denn sie war offenbar einsam. Ihr Mann war wieder einmal beruflich nach Italien gereist und irgendwie brauchte sie auch heute wieder seelischen Beistand. Beistand, den ich ihr aber nicht geben konnte oder aber auch wollte. Aber das schien sie nicht im geringsten zu interessieren. Seit unendlich langen Minuten, lief sie mir wie ein Dackel hinterher und erzählte mir von dieser ungeheuerlichen Entdeckung, die sie beim aufräumen im Schlafzimmer gemacht hatte. "Der kann was erleben! Der kann sich doch nicht solche widerlichen Hefte ansehen! Reiche ich ihm denn nicht mehr?" Ich hörte ihr nicht wirklich zu, denn ich suchte mit aller Verzweiflung nach meinem Portemonnaie. Ich hatte es gerade eben noch gehabt und fand es einfach nicht mehr. Ich hatte bereits überall gesucht. Sogar an Stellen wo es eigentlich eher unwahrscheinlich war es zu finden. Wie zum Beispiel im Kühlschrank oder unter dem Bett. Aber ich war in den letzten Tagen so durcheinander gewesen, dass ich nichts mehr für unmöglich hielt. Langsam wurde ich nervös, denn ich hatte wichtiges vor. Jürgen, mein Chef, hatte mich beurlaubt. Er sagte, ich sähe in der letzten Zeit etwas mitgenommen aus und er bestand auf ein paar Tage Urlaub. Das hatte ich ihm sehr übel genommen. Er hatte ja keine Ahnung, was er mir damit antat. Meine neue Beschäftigungs- und Gutfühltherapie konnte nur Nachts im EXTRA stattfinden, das dachte ich jedenfalls. Aber ich hatte mich informiert und hatte schließlich im Telefonbuch die Adresse einer neuen Spielhalle, ganz in der Nähe herausgefunden. Da wollte ich heute hin. Und deshalb freute mich auch wie ein Teenager und hatte seit langer Zeit mal wieder gute Laune. Ich schaffte es sogar eine kleine Schnitte zu essen, ohne das mir übel wurde. Und eine Wohltat war es auch, das Gerda mich besuchte, denn sonst hätte ich die Zeit bis es soweit war vor Aufregung wohl kaum überlebt. Es war einfach ein schöner Tag und somit ertrug ich auch die Problemchen von ihr. Auch wenn ich der Meinung war, das es eine Lappalie war und eigentlich kein wirklicher Grund zur Aufregung. Und doch war wegen einer kleinen Ansammlung unanständiger Heftchen eine Welt für sie zusammen gebrochen. Sie fühlte sich betrogen und hatte das Gefühl, das sie ihrem Mann sexuell nicht mehr reichte. Und während sie sich aufregte und schimpfte suchte ich weiter und versuchte meine immer stärker werdende Nervosität wieder in den Griff zu bekommen. Irgendwann später hatte ich das Portemonnaie schließlich irgendwo in den tiefen Sphären meiner Couch entdeckt und vergewisserte mich, wie mein Reichtum heute ausfiel. Das Geld langte gerade eben noch für eine viertel Tankfüllung, aber für einen Besuch in einer Spielhalle? Viel zu wenig! Es war einfach zum verzweifeln! Wie konnte ich denn jemals wieder hochkommen, wenn ich durch so kleine Probleme immer wieder niedergeschmettert wurde und wenn es doch so eine große Kleinigkeit war wie Geld! "Verdammte scheiße", fluchte ich und vergaß dabei, das Gerda mit ihrer Oh-Gott-Mein-Mann-Holt-Sich-Selber-Einen-Runter-Passage immer noch nicht fertig war. Sie schaute mich nur verwundert über meinen Ausbruch an. "Was ist los?", rief sie schließlich. "So schlimm ist die Sache für dich nun auch wieder nicht!" "Ich bin fast Pleite", erklärte ich. "Und von Jürgen gibt es erst in ein paar Tagen wieder Geld." Plötzlich war ich im Begriff fürchterlich in Tränen auszubrechen, als Gerda plötzlich mitleidig sagte: "Ich leih dir was, kannst du mir ja nächste Woche zurückgeben." Normalerweise fand ich es nicht gut, mir Geld zu leihen und schon gar nicht von so einer durchgeknallten Nachbarin wie Gerda. Aber dies war ein schrecklicher Notfall. Ich konnte nicht anders. Ich musste es annehmen, so sehr mir die ganze Sache missfiel. Aber es ging um meine Zukunft. Um mein Leben! "Hier ich habe es nicht kleiner", sagte Gerda und streckte mir einen Hundertmarkschein entgegen. Widerstrebend nahm ich den Schein an mich, aber innerlich schien der Triumph kein Ende nehmen zu wollen. Ich war gerettet. Ich war also doch bereit, meinen Nachmittag mit "meinen neuen Freunden" zu verbringen und mit diesem Schein sogar länger als ich mir erhofft hatte. Der Tag konnte nur super werden! Langsam wurde ich wieder etwas ruhiger. Und ich war auf einmal sogar in der Lage Gerda ein paar tröstende Worte zu sagen. Ob ich sie letztendlich davon überzeugen konnte, dass schmutzige Heftchen das normalste von der Welt und keinerlei Grund zur Aufregung waren, wusste ich nicht. Sie ging irgendwann und das sogar in plötzlicher Eile. Etwa eine viertel Stunde später stand ich schließlich vor der mit Sichtschutzfolie beklebten Eingangstüte. Ich hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch. Was würde mich dort drinnen wohl erwarten? Vielleicht eine Atmosphäre wie in Las Vegas? Oder eher doch die eines billigen Puffs?! Ich Ich trat ein. Sofort umhüllte mich der Geruch von Zigaretten und abgestandenen Bier. Es war sehr dunkel. Obwohl, die vielen, verschiedenen Vergnügungskästen doch grelles Lichte ausstrahlten. Ich musste zugeben, ich war überwältigt. Dort waren mindestens Zwanzig von diesen herrlich piependen Dingern, aber auch andere spaßige Sachen, wie Flippertische und Computerspiele. Die Tür fiel mit einem lauten Knall hinter mir zu und ich wusste, was dies zur Folge hatte. Und wie ich es geahnt hatte, starrten mich alle Besucher dieses Etablissement gleichzeitig an. Am liebsten wäre ich sofort wieder hinaus gerannt, aber der Anblick der vielen Spielautomaten hielt mich zurück. Kein Glück im Leben und Liebe, aber dafür Glück im Spiel, das war alles an was ich in diesem Augenblick dachte. Ich war hier um Geld zu gewinnen und nicht um zu kneifen. Aber es kostete mich trotzdem Überwindung den starrenden Figuren auf den Stühlen selbstbewusst entgegen zu treten. Wahrscheinlich war es das übliche, Frauen waren hier mit Sicherheit eher selten. Plötzlich begrüßte mich jemand mit einem freundlichen: "Guten Tag, die Dame." Der etwas väterlich wirkende Mann schien wohl der Besitzer zu sein. Er stand direkt hinter die einzige Theke in diesem Raum und schaute mich freundlich und erwartungsvoll an. "Guten Tag", erwiderte ich leise und verschämt. Es dauerte nur wenige Sekunden und die anderen Kerle widmeten sich wieder ihren Spielen zu. Ich hatte keine Ahnung, was ich jetzt tun sollte. Wo sollte ich anfangen? Sollte ich überhaupt etwas anfangen? Oder sollte ich besser ganz scheinheilig nach dem Weg fragen und mich dann schnell wieder aus dem Staub machen?! Ich hatte keine Ahnung. "Kann ich ihnen weiter helfen", fragte der Mann und ich wusste, dass er sich sicher war, das ich mich nur verlaufen hatte. "Ich schaue mich erst ein wenig um", stammelte ich und es hörte sich an als ob ich in einem Schuhladen eine lästige Verkäuferin abwehren wollte. "Gern, wenn sie Hilfe brauchen, ich bin da!" Ich nickte und begann mich umzusehnen. Aber eigentlich hatte ich meinen Platz bereits gefunden. Das Gerät was mich bereits aus der ferne schon begrüßte, stand dort alleine und verlassen an der Wand. Unbeachtet von all den anderen Spielern in diesem Raum. Es war der gleiche Spielautomat, mit dem ich mich auch im EXTRA so angefreundet hatte. Es war als ob er den ganzen weiten Weg für mich zurückgelegt hatte um mich wieder zu erfreuen. Oder aber auch nicht! Immerhin hatte er in den letzten Nächten meine ganze Kohle verschluckt. Aber dies war eine gute Möglichkeit, die Revanche nachzuholen, die dann immer wegen - mangelnden Geldes - nicht mehr möglich war. Aber jetzt? Hundertdreißig Mark! Zu schön um Wahr zu sein! "Komm Spiel mit mir!" und ich fühlte mich so verdammt gut, als die ersten Münzen klackernd in sein Inneres fiel. Irgendwann später... "Los! drück jetzt!", rief plötzlich eine Stimme. "Wie! Wo! Da?!", schrie ich aufgeregt. Freddie, so hieß der Typ, saß irgendwann plötzlich neben mir und bot mir sein Wissen über Spielautomaten an. Er wollte mir ein wenig Nachhilfe im Spiel geben und ich war ihm dankbar dafür. Denn offenbar hatte ich bisher alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Jetzt redete er ununterbrochen auf mich ein und gab er mir Tipps und er hatte mich schon so weit geschult, dass ich sogar ein paar mal gewann. Es war nicht viel, aber immerhin ein Anfang. "Und was mache ich jetzt?", fragte ich irgendwann, als plötzlich der Kasten wieder diese Hoffnung erweckenden Töne von sich gab. "Du hast Sonderspiele gewonnen. Erst wenn du diese hast kannst du Geld gewinnen.", sagte Freddie ruhig und lächelte. "Wow! Ich hab etwas gewonnen?", rief ich aufgeregt und riss die Arme hoch. Freddie lachte "Noch nicht! Du musst schon noch weitere Münzen einwerfen. Sonst bringen dir die Sonderspiele auch nichts!". "Oh danke für die Info! Sag mal, kann man da viel gewinnen?" Freddie zuckte mit den Achseln und setzte ein geheimnisvolles Lächeln auf. "Finde es heraus!" Natürlich wollte ich es herausfinden. Aber ich hatte zu wenig Münzen in der Hand. Ich schaute Freddie verzweifelt und Hilfe suchend an. Er reagierte sofort und deutete mit dem Finger auf den Mann hinter der Theke. "Geh zu Werner, dafür ist er doch da. Er wechselt dir dein Geld." Kaum hatte er es ausgesprochen, stand ich bereits schon an der Theke. "Bitte diesen Schein wechseln", sagte ich voller Eifer und knallte diesem Werner den Hundert Mark Schein auf die Theke. "Bist du dir da sicher?", fragte der Mann. "Ja", sagte ich vergnügt und drehte mich fast sehnsüchtig zu meinen Sonderspielen um. Freddie saß daneben und überwachte die wenigen Münzen, die ich dort noch auf einem Ablagebrett deponiert hatte. Er winkte mir zu und ich winkte zurück. Ich bewunderte ihn für sein Wissen. Von ihm konnte man noch etwas lernen, denn er war bestimmt sehr oft hier. "Wirklich sicher?!", fragte Werner wieder und schaute mich plötzlich mit einem seltsamen belehrenden Blick an. "Spar dein Geld lieber", flüsterte er und schob mir den Schein wieder entgegen. "Wieso das denn?", fragte ich erstaunt und wunderte mich innerlich über seine seltsame Geschäftspolitik. Immerhin lebte er doch von dem Geld was die Menschen in die Automaten warfen. Plötzlich winkte er mich zu sich. Offensichtlich wollte er mir etwas sagen, was niemand mitbekommen sollte. Ich trat näher an den Tresen heran und lauschte interessiert. "Ich sag dir was, diese Automaten sind Gift für den Geldbeutel. Du musst mindestens dreimal verlieren, bist du einmal gewinnst. Und wenn die Automaten gerade geleert worden sind, dann ist deine Chance etwas zu gewinnen noch geringer und sie sind gerade erst gestern geleert worden." Ich runzelte die Stirn und sah ihn ungläubig an. "Warum erzählen sie mir das? Ich denke sie wollen Geld verdienen", fragte ich unsicher, versuchte aber unbeeindruckt von seiner Aussage zu klingen. "Warum ich dir das erzähle? Ich bin jeden Tag hier, von morgens bis abends. Ich sehe viele Menschen und ich kenne viele Menschen. Schau dir Freddie an. Der schafft den ganzen Tag nichts und gibt seine Sozialhilfe für diese Scheißdinger und für Bier aus. Der Idiot ist eigentlich ständig pleite. Weil er es einfach nicht begreift, das es sinnlos ist." Ich verschränkte die Arme und schaute Werner finster an. "Es ist doch gar nicht so sinnlos. Ich hab gehört, daß jemand zweihundert Mark aus dem Kasten geholt hat." Ich hoffte, dass Werner mir die Zweihundertmark-Geschichte, die ich soeben erfunden, hatte glaubte. Er hatte einfach unrecht! Das wußte ich. "Ja gut, dann hatte derjenige Glück, oder er hat mindestens Dreihundert hinein geworfen", sagte Werner und lachte und sein lachen beleidigte mich. Das was er sagte, klang eigentlich logisch. Aber ich wollte es nicht hören. Ich wollte einfach nur gewinnen. Egal wieviel. Hauptsache gewinnen und das mußte heute passieren! Hier und jetzt. "Egal! Bitte wechseln sie mir diesen Hunderter", sagte ich bestimmend. "Du scheinst ein nettes Mädchen zu sein. Ich sag dir ganz ehrlich, normalerweise kommen keine Frauen hier her, weißt du auch wieso?" "Nein", sagte ich und hörte gespannt zu. Denn das war eine Frage, die wollte ich doch schon immer beantwortet haben. "Weil Frauen intelligenter sind als Männer." Ich wusste nicht genau, ob er mich jetzt beleidigen wollte oder nicht. "Du bist doch intelligent, also nimm das Geld und fahr nach Hause. Ich gebe dir auch eine Cola aus. Was sollte das? Ich war weit über achtzehn, so wie es vorne an der Scheibe stand. Ich konnte doch selbst entscheiden was ich tat und was nicht. Also was quatschte er mich voll? Wortlos deutete ich nochmals auf den Schein. Er sollte ihn mir Gott verdammt endlich wechseln! "Probleme kann man auch nicht mit Spielen lösen. Lass dir das von einem Fachmann gesagt sein." Dann zählte er mir die Unmengen an Kleingeld ordnungsgemäß vor. Das versprochene Glas Cola, stellte er mir anschließend mit einem ernsten Gesichtsausdruck vor die Nase und wandte sich schließlich wieder seiner Arbeit zu. Ich nahm ärgerlich das Geld, ließ das Getränk unbeachtet stehen und ging zurück zu Freddie und dem Spielautomat. Aber dennoch musste ich an Werners Worte denken. Wieso hatte er das gesagt? Woher wusste er, dass ich Probleme hatte? Oder schloss er einfach von andere auf mich. Schön, ich hatte Probleme. Aber das hatte nichts mit dem Spielen zu tun. Das spielen machte einfach nur Spaß und Spaß war das wenigste, was ich im Moment hatte. Ich steckte eine weitere Münze in den Automaten. "Na, wollte dich Werner etwa bekehren", fragte Freddie vergnügt und schien sich über den Reichtum an Münzen in meiner Tasche zu freuen. "Keine Ahnung, ist mir auch egal. Was muss ich jetzt noch mal tun?", fragte ich aufgeregt und freute mich auf meinen Gewinn. "Gar nichts! Abwarten und Geld einschmeißen. Ich sag dir schon wenn es soweit ist." Noch später... Plötzlich bemerkte ich, dass das Ganze doch nicht mehr so viel Spaß machte. Aber lag nicht nur daran, das ich wieder immer nur verlor. Es lag an dem Gesülze von Freddie, der sich plötzlich aufgefordert fühlte, MEIN Geld als SEIN Geld anzusehen. Aber am meisten störte mich dieser verdammte Besserwisser von Werner. Er durchbohrte mich mit seinen Blicken. Ich sah es nicht, aber ich spürte es. Und ich spürte auch, dass hier ebenfalls kein geeigneter Ort war mein Glück zu finden. Freddie machte mich krank, Werner machte mich krank und das ewige Verlierergedudel des Automaten ebenfalls. Mit noch etwa fünfzig Mark im Portemonnaie verließ ich irgendwann Werners Spielhalle. VORLÄUFIGES ENDE FORTSETZUNG FOLGT Obwohl, ein ENDE war da noch lange, lange, sehr lange nicht. Leider konnte mich auch der Kluge Hinweis von Werner ( weiß leider nicht wie der gute Mann wirklich hieß) auch nicht bekehren. Niemand konnte mich bekehren und das Monate lang und als ich dann auch noch den Weg ins nahegelegene Spielkasino fand, geriet irgendwann einfach alles außer Kontrolle. Pathologisches Glücksspiel - auch Spielsucht genannt - Da hatte der Wahnsinn plötzlich einen Namen und es hat lange gedauert, bis ich mir dessen bewusst war. Diese Art der Suchterkrankung ist noch eher unerforscht und somit konnte mir bisher noch niemand so genau sagen, warum ich zum "Spieler" geworden bin. Das Geld spielt dabei - irrsinniger Weise - eine weniger große Rolle. Es ist der Reiz, der Kick, Risikofreude und letztendlich durch den Gewinn eine Art Selbstbestätigung zu erlangen.

Der Psychopath und ich

 

Sorry, heute gibt es hier eine therapeutisch wertvolle Maßnahme – nennen wir es Traumabewältigung vom Feinsten – nichts für schwache Nerven und auch nichts für Menschen, die mich lieben / mögen oder nicht alles von mir wissen wollen.

Tut Euch den Gefallen und steigt spätestens ab der Definition von „Psychopathie“ aus …  sorry.  <3


Oh, da bin ich schon wieder …

Die Abstände meine Einträge werden kürzer …

Liegt vielleicht an Weihnachten …

Dieses Fest ist nämlich so gar nicht mein Fall …

Der Grinch und ich könnten ein tolles Team werden … 😀

STOP! Natürlich freue ich mich für meine Kinder beim Geschenkeauspacken und auch auf das Zusammensein mit lieben Menschen. <3

Dennoch steht Weihnachten definitiv nicht auf meiner Favoritenliste. Meine Therapeutin meinte, das läge an schlechten Erfahrungen aus der Kindheit. Da hat sie wohl nicht ganz Unrecht. Ich empfand es immer als sehr anstrengend, dass Weihnachten immer alles so perfekt sein musste, inkl. Familienfrieden. Einmal kam der Weihnachtsmann nicht zu mir, weil ich frech war … 😀 Meine Schwester hat Geschenke bekommen, obwohl die auch gezankt hat!  🙁

Und heute? Heute finde ich, dieses alljährliche Ereignis stresst, raubt Energie, macht pleite und unnötig sentimental und emotional. Ich merke dieses Übermaß derzeit ganz besonders, denn dagegen können meine Tabletten nichts mehr ausrichten. Gestern bin ich in Tränen ausgebrochen, als ich folgende Meldung von Media Markt bekam:

„Bei der Lieferung Ihres bestellten Artikels „Das Einzige große Weihnachtsgeschenk für meine Tochter“ kommt es bedauerlicherweise zu einem Lieferverzug seitens des Herstellers. Die Lieferung erfolgt voraussichtlich in der Kalenderwoche 03.“  😯

Ernsthaft? 😯

Das könnt ihr mir nicht antun!?  😥

Diese Meldung musste ich erst mal verarbeiten. Allerdings erschien diese beim Anblick eines Bettlers in der Nähe eines Linzer Bankautomatens als lächerliches Luxusproblem. Ich habe diesen Mann schon oft gesehen. Er kniet immer mit einem Becher in der Hand auf einem Kissen, schaut immer traurig und demütig, begrüßt jeden Vorbeilaufenden mit einem freundlichen „Guten Tag“ und … bettelt. Ja, ich glaube, so nennt man diese schreckliche Form des Bittens. Ich ignorierte ihn meistens, mit der Vermutung im Hinterkopf, dass er ohnehin gleich in seinen aus Spenden finanzierten Mercedes steigt … Asche auf mein Haupt! 😳

Zwei  Mal lief ich gestern an diesem knienden Mann vorbei und merkte bei jedem Blick, wie sehr mich dieser Mensch emotional berührte, warum wusste ich nicht. Es war kein Mitleid, sondern eine Form von Verständnis. Verständnis für Situationen im Leben, die einen an die Grenzen und oftmals auch darüber hinaus bringen…

Beim dritten Mal passieren blieb ich stehen und gab ihm mein Kleingeld.

Dieser Blick …

„Ich danke ihnen, Madame!“

Ich wünschte ihm frohe Weihnachten und suchte das Weite …

Warum habe ich das jetzt eigentlich erzählt? Keine Ahnung, wahrscheinlich, um mir den Einstieg in ein ganz besonders schwieriges Thema zu erleichtern.

Ja, ich habe heute Großes vor …

Es ist nämlich so:

Da mein Leben ja derzeit Kopf steht, ich mich ständig dabei im Kreis drehe und deshalb gerade auch gar nicht weiß, wo oben und unten ist, muss ich mich der Situation entsprechend anpassen, und das, möglichst ohne mich zu verbiegen. Manchmal reicht hierbei auch nur ein kleiner Perspektivenwechsel, bzw. ein veränderter Blickwinkel, um Dinge aus einer völlig neuen Sicht zu betrachten.

Das habe ich bei einem meiner Themen getan …

Ich habe seit langem mal wieder etwas geschrieben und habe erstaunt festgestellt, dass, auch wenn mein Talent Geschichten aus der Seele zu schreiben durch die Medikamente ausgeschaltet ist, ich zumindest auf Erinnerung basierende Geschichten verfassen kann. Das funktioniert sogar erschreckend gut und das Ergebnis habe ich Euch heute mit in diesem Blog gebracht. 🙂

Letzte Woche schrieb ich über die existenzielle Wichtigkeit der Liebe in meinem Leben. Heute kommt meine Schattenseite, die zwischenmenschliche Liebe, zu diesem Thema auf den Tisch.

Liebe ist die stärkste Macht der Welt, und doch ist sie die demütigste, die man sich vorstellen kann.“ (Mahatma Gandhi)

Und die Gefährlichste, wenn sie falsch ist, nicht auf Liebe basierend …

Abhängigkeit, Macht, Demut, Angst, Gewalt …

Nachstehend folgt eine Geschichte, die ich mich bisher nie gewagt habe so auf diese Weise aufzuschreiben, da ich nie wieder in diese abartige Opferrolle schlüpfen wollte, denn die habe ich 2008, hoch erhobenem Hauptes verlassen. Nein, Opfer sein will ich nicht mehr und ist auch heute nicht mehr das Problem. Mein Problem ist vielmehr die abgrundtiefe Fassungslosigkeit in meinem Herzen, mich derart so aus den Augen verloren zu haben.

Ich schreibe aus der Sicht eines Täters. Und es hat mich wirklich Energie und Tränen der Verzweiflung gekostet, die Geschichte so umzusetzen, dass ich mich dennoch mit ihr identifizieren kann – allerdings als kopfschüttelnder Außenstehender, der sich immer wieder an den Kopf fasst und denkt: Wie kann ein Mensch sich selbst nur so wenig wert sein?

Und jedem Leser ist es freigestellt, wie viel Wahrheit er in meinen Zeilen sehen will und wie viel er der Fiktion überlässt …

Und …

Ich erwarte von niemand, dass er die folgende Geschichte liest, bzw. den Schritt zur Veröffentlichung und den tieferen Sinn dieser Geschichte versteht. Für mich ist es ein sehr wichtiger Schritt. Es muss raus aus meinem Herzen.

Und wenn es nur einen dort draußen gibt, den ich damit erreichen kann, weil er vielleicht auch Opfer von physischer oder psychischer Gewalt geworden ist, dann habe ich ein kleines Ziel erreicht. Denn, wenn es nur einen dort draußen gibt, der weiß, was Gewalt, Demütigung und ständige Todesangst, auch Jahrzehnte später, mit einem macht, dann fühle ich mich einfach weniger alleine. Und ich finde, manchmal sollte man einfach mit gewissen Dingen nicht alleine sein. Ich weiß, jeder kämpft am Ende seine Schlacht alleine, aber man kann sich gegenseitig stärken… 😉

Das habe ich gestern auch meiner Therapeutin erzählt, die mich fragte, was dieser Blog für mich bedeutet.

An dieser Stelle, bedanke ich mich bei jedem einzelnen Leser! <3

Und nochmal an alle, die mich so in Erinnerung behalten wollen, wie ich heute bin und nicht wissen wollen, wie ich einmal war:

NICHT WEITER LESEN! <3

In diesem Sinne:

Auf geht´s:

Ich lass dich nicht gehen, mein Schatz

Erzählungen eines Psychopathen

Kurz vorweg:

Definition von Psychopathie:

„Psychopathie bezeichnet eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht. Psychopathen sind auf den ersten Blick mitunter charmant, sie verstehen es, oberflächliche Beziehungen herzustellen. Dabei sind sie mitunter sehr manipulativ, um ihre Ziele zu erreichen. Oft mangelt es Psychopathen an langfristigen Zielen, sie sind impulsiv und verantwortungslos. Psychopathie geht mit antisozialen Verhaltensweisen einher, so dass oft die Diagnose einer dissozialen/antisozialen Persönlichkeitsstörung gestellt werden kann.“

(Quelle Wikipedia)

Mein Name ist Thomas – natürlich heiße ich nicht wirklich so -, dieser Name ist nur ausgedacht, um meine wahre Identität zu verbergen. Nicht, dass ich Dreck am Stecken hätte – Nein! Ich habe eine reine Weste, ich habe nie etwas Böses getan. Mir wurde Böses angetan und dafür hasse ich die Menschen. Ja, ich hasse sie. Ich hasse sie so sehr, dass ich auch nichts mit ihnen zu tun haben will. Mit keinem! Ich traue niemand, außer mir selbst. Ich bin heute 50 Jahre alt, gehe einem gut bezahlten Job nach und eigentlich könnte alles in bester Ordnung sein. Die Sache hat nur einen Haken, der mich allerdings nicht weiter stört: Ich bin alleine. Meiner Exfrau habe ich vor kurzem noch gesagt: Nichts kann mich mehr verletzten, denn ich bin schon tot – und sie war es, die mir den Todesstoß verpasst hat. Sie ist Schuld an allem und Schuld, dass ich heute immer noch alleine bin.

11 verdammte lange Jahre verplempert ..

Ich möchte Ihnen heute von dieser Frau erzählen, die es wirklich drauf hat einen in den Wahnsinn zu treiben. Nehmen Sie sich vor ihr in Acht – sie ist der Untergang eines jeden Mannes!

Ich lernte sie vor knapp zwanzig Jahren kennen …

Ich hatte es als Berufssoldat damals wirklich nicht leicht. Das Kasernenleben war öde, ich war ständig von meiner Familie und meinem trauten Eigenheim getrennt. Ich hatte vor wenigen Wochen ein Haus gekauft. Um Geld für die Sanierung zu verdienen, nutzte ich den Feierabend sinnvoll und suchte mir eine Nebenbeschäftigung. Mit einer Bundeswehr Einzelkämpferausbildung im Gepäck und mit jahrzehntelanger Kickboxerfahrung, fand ich schnell einen Job im Sicherheitsdienst. Im Wachdienst war ich gut aufgehoben und hatte meine Ruhe, besonders vor lästigen Weibern. Frauen waren die Pest, der Ursprung allen Übels, sie hatten mich dahin gebracht, wo ich nie hin wollte, im Abgrund meiner Würde. Und doch hatte ich vor zwei Wochen wieder ein solches Wesen geheiratet.

Warum?

Fragen Sie nicht!

Dann sah ich SIE. Sie war eigentlich überhaupt nicht mein Typ. Kurze Haare, nicht die Schlankeste, watschelte wie eine Ente und mir war klar, dass diese Füße noch nie Highheels getragen hatten. Ich beobachtete sie eine Weile. Sie wirkte schüchtern, in sich gekehrt und vollkommen fehl am Platz. Von Selbstbewusstsein keine Spur. Viel zu emotional und ängstlich für diesen Job. Ich konnte mir nicht erklären, warum der Chef sich immer mehr solcher Weiber an den Eingang stellte. Ich fragte jemanden, der sich mit ihr auskannte und bekam die Antwort, dass sie über die Kampfsportschule kam, gerade ihre Ausbildung beendet, Fachabitur begonnen hatte und zum Überleben jobbte. Sie machte ihren Job, trotz anfänglicher Unsicherheit sehr gut, denn mit ihrem ausgeprägten Einfühlungsvermögen und Spürsinn konnte sie Menschen an der Nasenspitze ansehen, wenn sie etwas ausgefressen hatten. Ihre Drogen- und Waffenfundrate war erstaunlich hoch, das imponierte mir. Dennoch hatte sie es wohl bis dahin nicht leicht im Leben. Das in dem Fall nicht ganz so klassische Scheidungskind, geriet viel zu früh in die Fänge von falschen (kranken) Menschen, flog mit 15 wegen Unzumutbarkeit zu Hause raus und kämpfte seither einen unfairen Kampf mit dem Schicksal – Sie sehnten sich eigentlich nur nach Ruhe und Frieden in ihrem Leben. Kenne ich! Aber ich muss zu meiner Schande gestehen, dass mich ihre Geschichte nicht interessierte – das waren in meinen Augen psychologische Luxusprobleme. Sollte sie doch mal in meine Fußstapfen treten, dann hätte sie einen wirklichen Grund sich zu beschweren. Wie konnte man mit 18 psychisch so im Arsch sein? Lächerliches Weichei …

Sie passte nicht in mein übliches Beuteschema, aber sie hatte einen ansehnlichen Hintern und dicke Titten, darauf ließ sich aufbauen. Ich weiß nicht genau, was der Auslöser war, warum ich sie auf Anhieb mehr mochte als mir lieb war. Sie war so anders. Sie lachte über schmutzige Männerwitze, kam scheinbar grundsätzlich besser mit Männern klar, ließ sich allerdings partout nicht von ihnen anbaggern. Sie hörte ihnen zu, gab ihnen Tipps bei Liebeskummer und anderen Problemen und wurde somit zur Männerversteherin gekürt. Nur mich verstand sie nicht und scheinbar hatte sie auch kein großes Interesse daran mich zu verstehen. Für sie war ich nur der ständig schlecht gelaunte, unfreundliche und plumpe Frauenhasser – sie hatte Recht. Irgendwann ging sie auf mich zu und fragte mich – und das mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht – , warum ich eigentlich immer so finster gucke und zu allem und jedem unfreundlich bin.

Warum?

Ich erklärte es ihr. Mein finsterer Blick kam von der Migräne und den Rückenschmerzen, ich musste ständig Tabletten nehmen, richtig schmerzfrei war ich nie. Aber was dich nicht umbringt macht dich nur noch härter – Nachwehen von einem Fallschirmunfall. Irgendwie brachte sie mich auch dazu, ihr von der Operation Desert Storm im zweiten Golfkrieg zu erzählen und auch, dass ich seither einen irreparablen psychischen Schaden habe. Ich bin enttäuscht von der Welt, enttäuscht vom Leben und enttäuscht von der Liebe. Auch erzählte ich ihr bei dieser Gelegenheit, dass ich meine erste Ehefrau vor Jahren Inflagranti erwischt hatte und somit auf Frauen generell gar nicht gut zu sprechen war. Dass ich kürzlich wieder geheiratet und Kinder hatte, verschwieg ich und würde es auch für die nächsten zwei Jahre verschweigen, denn das ging sie gar nichts an. Und Ihre Reaktion auf meine Geschichte war tatsächlich Verständnis und ein Freundschaftsangebot – so von psychologischem Pflegefall zu Pflegefall. Ich war irritiert, ihre Reaktion passte nicht in mein Grundschema.

Tja …

Es dauerte ungefähr drei Monate, bis ich sie überzeugen konnte, dass sich Gegensätze anziehen und ich ohnehin der einzige auf der Welt war, der sie verstand und sich ernsthaft für sie interessierte. Außerdem irrte sie schutzlos und orientierungslos durch ihr Leben, war unfähig und brauchte dringend jemanden, der sie führte. Ich war ein guter Führer. Ich hatte alles im Griff, das zumindest gab ich ihr vor. Der Altersunterschied von knapp 12 Jahren war auch kein Problem, im Gegenteil. Sie bevorzugte die Reife und umfangreiche Lebenserfahrung, dennoch ließ sie sich nur zögerlich auf mich ein. Offenbar traute sie dem weichen Kern hinter der harten Schale nicht so recht: Sie sagte, sie hätte immer so ein komisches Gefühl, wenn wir zusammen wären und sie würde spüren, dass irgendetwas mit mir nicht stimmen würde. Ich hätte etwas Unheimliches an mir, eine negative Aura …

Sie hatte Recht …

Und auch ihre Freunde und ihre Familie hatte Recht …

Ich war tatsächlich eventuell nicht gut für sie …

Ja, ich gebe stolz zu. Ich bin der perfekte Lügner, vielleicht schon krankhaft perfekt und wenn ich etwas verbergen will, dann kommt dies auch niemals ans Licht. Ich behaupte sogar, ich bin imstande den perfekten Mord zu begehen und offenbar spürte sie, dass ich eine Menge zu verbergen hatte. Aber dennoch wollte ich sie von mir überzeugen und wusste, bei dieser Frau war es an der Zeit, Gefühle sprechen zu lassen. Es war also an der Zeit ihr zu sagen, dass ich sie liebe. Emotionaler Scheiß halt. Ich hatte die Hoffnung, dass somit ihr Eis brechen würde. Tja, und dann war es passiert. Sie fiel drauf rein. Sie sah von jetzt auf gleich in mir – trotz aller Gegensätze – den neuen Partner, dass sie nur eine Affäre sein sollte, wusste sie nicht.

Als ich wieder zu meiner Frau und meinem Kind (weit weg) an die holländische Grenze fuhr, erklärte ich ihr, dass ich in einem Sondereinsatzkommando der Bundeswehr arbeitete und eben immer mal wieder plötzlich für eine Zeit lang weg müsste. Sie dürfe keine Fragen stellen, denn das wäre streng geheim. Und wenn sie unsere Liebe nicht gefährden wollte, dann müsse sie das akzeptieren.

Sie akzeptierte es …

Und sie akzeptierte auch, dass ich es sehr gut fände, wenn sie sich von ihren verlogenen Freunden und ihrer Familie distanzieren würde. Sie taten unserer Beziehung nicht gut.

Es hätte alles so gut werden können …

Doch nach ein paar Monaten musste ich mir plötzlich immer mehr Ausreden einfallen lassen. Ich wusste nicht, was auf einmal ihr gottverdammtes Problem war. Dieses Weib stellte immer mehr Fragen! Und das, obwohl wir vereinbart hatten, dass sie keine Fragen stellen sollte. Sie fing an an meiner Liebe zu zweifeln, quatsche mich voll von wegen, sie würde es merken, dass ich nicht ehrlich zu ihr war. Immer wieder musste ich mir neue Ausreden einfallen lassen, um ihr Fragen zufriedenstellend zu beantworten. Das musste aufhören! Es reichte schon, wenn meine Frau mir mit ihrem Gejammer auf den Sack ging. Warum müssen Frauen immer so kompliziert sein?

Irgendwann ließ ich sie mit meinem Wagen fahren – ein BMW war eine andere Hausnummer als ein Twingo – und anstatt mir dankbar für diese Form von Vertrauen zu sein, hatte sie nichts Besseres zu tun, als in meinem Kofferraum herumzuwühlen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihre Einkäufe im Kofferraum platzieren würde, sonst hätte ich die Babynahrung und einen Karton verräterische Papiere schon vorher verschwinden lassen.

Es kamen Fragen auf …

Und ich gab ihr prompt die Antwort.

Als ich mit der Antwort fertig war, saß sie heulend in einem Meer aus zertrümmerten Möbelstücken. Nein, ich habe sie nicht angerührt. Ja, das mit den Möbeln tat mir später leid. Ich hab mich eben manchmal nicht im Griff und es kam öfters vor. SORRY!

Aber irgendwie machte sie mich ständig wütend …

Es machte mich wütend, dass ich etwas für sie empfand …

Ja, ich glaube, ich begann sie wirklich zu lieben …

… und ich war verheiratet!

Als Entschädigung und zum Beweis meiner grenzenlosen Liebe, zog ich mit ihr in eine neue, gemeinsame Wohnung. Es war eine Entscheidung fürs Leben, denn mit diesem Tag, trennte ich mich von meiner Frau und meinem Kind, allerdings ohne das Wissen aller Beteiligten. Für meine Ex war ich einfach untergetaucht, nicht mehr auffindbar und erreichbar, dass sie mich suchen würde, ahnte ich ja nicht. Vermisstenanzeige, Melderegister, plötzliche Briefe an die neue Adresse … ich hatte in Sachen Perfektion noch viel zu lernen.

Die ersten Wochen in der neuen Wohnung liefen ganz gut, bis wieder ungünstige Umstände und Indizien dazu führten, dass sie misstrauisch wurde und Fragen stellte. Wenn dieses undankbare Miststück wüsste, was ich alles für sie aufgegeben habe?! Konnte sie sich nicht einfach damit zufrieden geben, dass ich bei ihr war?

Ich verlor wieder die Geduld und dann die Beherrschung. Diesmal war es anders. Sie schien unbeeindruckt von meinem Wutanfall, den ich auf das Mobiliar im Schlafzimmer richtete, außer dass sie sagte: „Auwaia, mach mal eine Therapie!“

Das hätte sie nicht sagen dürfen, nicht in dieser Situation. Ich hatte schon genug Therapien hinter mich gebracht, die zu nichts führten, weil die ganzen Psychiater keine Ahnung vom Leben hatten…

Fresse halten, Schätzchen, wenn man keine Ahnung hat …

Nachdem ich mit ihr fertig war, konnte sie zwei Wochen nicht vor die Türe. Sie sah schlimm aus und dabei hatte ich extra aufgepasst ihr nicht ins Gesicht zu schlagen. Wegen der Spuren, wissen sie? Dennoch waren ihre Augen so blau, wie nie zuvor …

Es tat es weh sie so zu sehen. Ich hasste sie dafür, dass das passiert ist und ich hasse sie noch mehr dafür, dass sie mich zum Weinen gebracht hat. Ich hatte seit Desert Storm nicht mehr geweint. Meine Tränen haben sie scheinbar mehr schockiert als mein Gewaltausbruch. Sie sagte nichts. Machte mir auch keine Vorwürfe. Das hätte sie sich wagen sollen. Sie war doch selbst schuld?

Sie nahm mich einfach in den Arm. Ich kann solche Zärtlichkeiten nicht ertragen …

„Ich kann es fühlen, dass es dir aufrichtig leid tut.“

„Halt`s Maul und fass mich nicht an!“

„Okay, ich werde mich einfach trennen!“

„Wenn du das tust, lege ich dich um!“

Sorry, war nur ein Scherz …

Denke ich …

Irgendwie war danach der Wurm drin. Sie war misstrauisch und merkwürdig still geworden.  Sie lief wie ein scheues Reh um mich herum, immer auf der Hut, vor einem weiteren Ausbruch. Allerdings lauerte sie aus dem Hinterhalt. Sie wartete auf einen Fehler. Ich wusste, sie würde keine Ruhe geben, bis sie die Wahrheit über mich heraus fand und sie war nahe dran. Ich hatte sie unterschätzt, sie war nicht so dumm, wie ich anfangs dachte. Und ich war mir sicher, wenn sie die Wahrheit herausfinden würde, dann würde sie mich verlassen. Der Gedanke war unerträglich. Das durfte ich nicht zulassen.

Ja, ihre Gefühlsscheiße ging mir auf den Sack und irgendwie waren wir in allem inkompatibel, selbst im Bett. Es machte ihr nie Spaß. Immer wieder beschwerte sie sich, dass ich zu grob sei. Sie stellte sich auch immer an.

Ich brauchte sie.

War das diese Liebe?

Liebte sie mich eigentlich?

Sie hatte es lange nicht mehr gesagt …

[Ich muss an dieser Stelle mal die Erzählform ändern … ]

1999

März

Ich habe gestern Abend vollkommen die Kontrolle verloren. Ich hasse mich selber dafür. Warum hat sie es auch wieder so auf die Spitze getrieben? Wir saßen im Wagen und waren auf dem Heimweg als sie plötzlich dieses Papier aus dem Handschuhfach zog und mich fragend ansah. Sie hatte diese verdammte schriftliche Vereinbarung von mir und meiner Frau, wegen unseres Sohnes gefunden. Sie hatte schon wieder geschnüffelt und ich keine passende Antwort parat. Sie wusste alles! Sie würde mich jetzt verlassen, das wusste ich. Auch wenn sie ruhig war und mich bat ihr endlich die ganze Wahrheit zu sagen, denn sie würde langsam die Geduld verlieren. Ehrlichkeit in der Beziehung sei wichtig… BLA BLA!

BLA!

Die Geduld verlieren?

Ihr Gerede machte mich plötzlich unsagbar wütend. Ich hatte damals meine ganze Familie für sie aufgegeben, bedeutete das denn gar nichts für sie? Ich riss ihr das Papier aus der Hand brüllte sie an. Unsere Blicke trafen sich …

„Beruhige dich bitte. Halt an und wir reden in Ruhe!“

Ich sah, wie ihre Hände zitterten. Sie ahnte scheinbar schon, was kam. Anhalten? Wofür anhalten!? Ich schlug ihr ohne Vorwarnung ins Gesicht. Unendlich lange Sekunden des Schocks und des Schweigens vergingen als sie plötzlich mit blutender Lippe schrie, ich sollte anhalten, sie wolle aussteigen. Ich hielt nicht an. Eine Entscheidung, die sie dazu veranlasste die Türe aufzureißen, um noch während der Fahrt, mitten im finsteren Nirgendwo auszusteigen.

Ich gab Gas und fuhr ihr über den Bürgersteig hinterher. Ich wollte ihr doch nur Angst einjagen. Ich wollte, dass sie einsichtig war und dass sie wieder einstieg und vor allem wieder vernünftig wurde. Doch offenbar glaubte sie tatsächlich, dass ich sie über den Haufen fahren wollte: Sie schrie mich durch das geöffnete Fenster an, ob ich jetzt vollkommen den Verstand verloren hätte, sie umbringen wollte:

„Du bist krank, Thomas!“

Ich mag es nicht, wenn sie so etwas sagt. Ich gab wieder Gas, drängte sie mit dem Wagen an eine Mauer. In ihrer Verzweiflung trat Sie mit aller kraft gegen den Kühler und schließlich auch gegen den Scheinwerfer, der zerbarst. Erschrocken blickte sie mich an und ich wusste, was sie sagen wollte. „Oh, das tut mir leid, dass ich dein Auto kaputt gemacht habe, das wollte ich nicht!“ Ihre Angst, Ihre stumme Entschuldigung, Ihre Tränen machten mich rasend. Konnte dieses Miststück nicht einmal Würde zeigen und sich gegen mich wehren?

Wieder gab ich Gas, doch sie wich aus, flüchtete über die Straße und kletterte über die Leitplanke. Ich wusste, sie würde nicht weit kommen, hinter der Leitplanke war ein relativ steiler Abhang, das Wiedtal eben. Ich stellte den Wagen ab und beschloss ihr hinterher zu rennen. Sie würde ihre Abreibung bekommen und sie würde es nie wieder wagen, mir hinterherzuschnüffeln oder meine Unwahrheiten anzweifeln.

Sie schrie mich aus der Ferne an, dass ich sie in Ruhe lassen sollte und dass es ihr Leid täte, dass sie misstrauisch war. Nein, es tat ihr nicht leid. Dass sagte sie nur, weil sie Angst hatte. Sie begann den Abhang hinunter zu klettern, hielt sich an Bäumen, Sträuchern und Felsen fest.

„Bleib stehen, du blöde Schlampe!“

„Geh weg, lass mich in Ruhe! Du bist Irre!“

Sie hatte wohl vergessen, das ich Bundeswehrsoldat bin, was? Ich habe 5 Menschen erschossen und dieses hysterische Weib im Dunkeln einzufangen war für mich ein Klacks. Außerdem trug sie eine gelbe Trekkingjacke, die leuchtete sogar im Dunkeln. Sie war nicht zu übersehen. Ich holte auf, hatte sie fast eingeholt. Sie stürzte und blieb heulend liegen. Ich hörte ihr panisches Atmen und ihr Flehen, sie einfach in Ruhe zu lassen. Aber ich wollte sie nicht in Ruhe lassen. In dem Augenblick, in dem ich sie an den Haaren packte und mein Gesicht über ihres beugte, passierte etwas Seltsames in mir. Es kam irgendwo aus meinem tiefsten Inneren und entlud sich mit jeder weiteren Sekunde gefangen in diesem magischen Moment, meines Hasses, meiner Verletzungen und meines Schmerzes. Sie allein war Schuld an meinem verkorksten Leben.

Sind das die Momente in denen Menschen andere Menschen im Affekt töten?

Sie kannte die Antwort, genau, wie ich sie kannte…

Sie legte ihre vor Angst zitternden Hände auf meine Wangen und sagte:

„Ich weiß, dass du das hier nicht willst. Ich weiß, irgendwo tief in dir wird das Gute siegen. Lass mich gehen!“

„Halt`s Maul!“

Ich schleuderte sie zu Boden und trat zu. Ich wollte, dass sie ihre dumme Fresse hielt und mich nie wieder mit ihrem emotionalem Scheiß vollaberte und nie wieder das Gute in einem Menschen … in mir … suchte.

Ich schlug auf sie ein, sagte, dass ich sie liebe und spürte, wie ich dabei immer mehr die Kontrolle verlor. In der Dunkelheit sah ich sie nur schemenhaft. Ich spürte nur ihren Körper und etwas Feuchtes auf meinen Händen. Vielleicht Tränen und Rotz, vielleicht auch Blut. Es war mir egal. Irgendwann hörte ich ihr leises Flehen, dass ich sie doch einfach umbringen sollte, dann hätte diese ganze Scheiße ein Ende. Für einen kurzen Augenblick wollte ich ihr den Gefallen tun. Es wäre das Beste für uns beide. Ich umklammerte ihren Hals und drückte zu. Ich drückte zu und konnte nicht mehr aufhören. Verdammt, ich konnte nicht mehr aufhören …

… und sie wehrte sich immer noch nicht!

Unendlich lange, kampflose Sekunden vergingen …

Plötzlich brach die Hölle los. Martinshorn kreischte durch die Nacht, Reifen quietschten, Blaulicht erhellte das Waldstück, mahnend, eindringlich. Ich ließ sie erschrocken los. Türen knallen. Männerstimmen. Taschenlampen, deren Kegel sich ihren Weg durch das Dickicht bahnten und plötzlich auf mich herunter leuchteten. Erst jetzt konnte ich sehen, wie weit unten wir am Hang gelandet waren. Meine Augen suchten nach ihr, doch sie lag nicht mehr da, wo ich sie zuletzt vermutete. Sie hatte die Flucht ergriffen.

Braves Mädchen.

Lauf! Ich glaube, es wäre schlecht, für mich, wenn dich jemand so sieht.

„Hallo? Was ist hier los? Alles in Ordnung mit ihnen?“, rief ein Polizist von der Straße.

Ob mit mir alles in Ordnung war? Natürlich!

Ich stieg ruhig und entspannt hinauf.

„Da hinten ist doch noch jemand! HALT STEHEN BLEIBEN!“

Ein zweiter Beamter kletterte den Hang hinunter und nahm die Verfolgung auf.

Oben angekommen starrte mich ein weiterer Polizist fragend an: „Was ist hier los? Jemand hat uns gerufen, da hier jemand mutwillig von einem Auto angefahren wurde?“

Ich lachte und erklärte ihm, dass dieser Anrufer sicherlich da etwas falsch verstanden hätte. Meine Freundin wäre nur mal wieder etwas „schwierig“, wenn er verstehen würde, was ich meinte. Er verstand es offensichtlich nicht und hielt mich mit ernster Mine fest.

Der andere Polizist hatte aufgehört zu rufen und kam wenig später mit ihr im Schlepptau zurück. Ich stand auf der anderen Straßenseite und erstarrte als ich im Scheinwerfer Licht des Streifenwagens ihr Gesicht sah. Sie sah schlimm aus. Ihr ganzes Gesicht war Blut verschmiert, auch die gelbe Jacke: Es war meine Jacke. Die Flecken werden niemals rausgehen.

Ich rufe den RTW, rief der Beamte meinem Aufpasser über die Straße, woraufhin sie ein schrilles aber entschlossenes „NEIN“ kreischte.

„Ich brauche keinen Krankenwagen, ich brauche eine Knarre!“

Dann rastete sie plötzlich vor den Augen der Polizisten völlig aus.

„Du blödes Arschloch! Ich hasse dich! Ich mache dich fertig! Ich bringe dich um!“

Halbherzig griff sie nach der Polizeiwaffe, wurde aber rasch davon abgehalten, es weiter zu versuchen. Ich wusste gar nicht, dass sie zu derartigen Wutausbrüchen fähig war und das auch noch im Beisein solcher Respektspersonen?

Immer wieder versuchte sie von der anderen Straßenseite zu mir zu gelangen und gab ein lächerliches Schauspiel ab, die nach mehrmaliger Ermahnung durch den Polizeibeamten, fast in Handschellen geendet hätte. Ich verstand nicht, was sie da veranstaltete, aber es gefiel mir. Es war mein Alibi. Ich hatte nichts getan, sie war hier diejenige, die gerade die Beherrschung verloren hatte. Irgendwann verschwand der Beamte mit ihr aus meinem Sichtfeld und sie kamen lange nicht wieder. Das machte mich nervös. Nicht, dass sie am Ende doch noch auspackte … tat sie aber nicht, auch wenn der Polizist lange auf sie einredete und ihr sogar seine Telefonnummer gab – blödes Arschloch! Er wollte sie wohl ficken, was?

Apropos…

Ich wollte mich in dieser Nacht aufrichtig bei ihr entschuldigen. Wollte ein einziges Mal versuchen zärtlich zu sein. Doch sie saß stumm im Wohnzimmer und starrte ins Leere. Das war irgendwie gespenstisch. Sie sah durch mich hindurch und reagierte auf nichts. Nur wenn ich sie berührte, dann zuckte sie zusammen und wurde wie auf Knopfdruck aggressiv.

Ich glaube, ich habe es dieses Mal übertrieben … aus Angst vor ihrer Rache, schlief ich in dieser Nacht mit meinem Schlagstock unter dem Kissen.

Am nächsten Tag habe ich mich selbst angezeigt, in der Hoffnung, dass sie mir glaubt, dass es mir wirklich Leid tut und das sie irgendwie wieder normal wurde. Ihre Antwort als ich sie bat, ihre Aussage gegen mich zu tätigen war:

„FICK DICH!“

Ich finde es toll, wie unglaublich erwachsen und sachlich sie sein kann, wenn es drauf ankommt, dafür hätte ich ihr glatt wieder eine reinhauen können.

Aber ich tat es nicht …

APRIL

Seit diesem Geschehen, war nichts, wie es mal war…

Sie hat einfach nicht mehr alle Tassen im Schrank. Es scheint als hätte sie bei dieser letzten Eskalation ihr Gehirn im Wald verloren. Sie macht nur noch scheiße. Redet wirres Zeug und benimmt sich wie eine Gehirnamputierte. Sie ist ständig am Heulen, ständig besoffen und hat mich allen Ernstes gefragt ob ich eine Dealer kenne. Heute hat sie sich mit einer Schnapsflasche im Schlafzimmer eingeschlossen, hörte ohrenbetäubend laute Musik und sang wie eine Irre mit. Ich höre nie Musik. Ich hasse Musik.Was zum Teufel bringt ihr das?

Mittlerweile lässt sie sich bei jeder Gelegenheit volllaufen, rastet immer wieder verbal aus, verletzt sich selbst. Außerdem lässt sie mich schon lange nicht mehr ran. Sie sagt, sie könne es nicht mehr ertragen von mir oder von überhaupt jemand angefasst zu werden. War mir ohnehin zu anstrengend. Sex kann mit Weibern sowieso nie so gut sein, wie ich ihn mir beim W**en vorstelle.

Und dann schmeißt sie auch noch ständig das Geld zum Fenster raus. Wenn ich sie noch einmal mit einem Geldspielautomat oder im Casino erwische, dann ist sie fällig …

MAI

Das werde ich ihr nie verzeihen!

Diese blöde Kuh hat es wirklich getan!

Sie hat versucht sich umzubringen. Ich fand sie im Wohnzimmer. Sie lag auf dem Boden und war kaum ansprechbar. Im Hintergrund lief Falco. Diese CD lief schon seit Tagen ununterbrochen.

Schlaftabletten…

Auf einem Zettel stand:

Hab mich ergeben …

Muss ich denn sterben …

… um zu leben?

Ich schrie sie immer wieder an und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Fragte sie, ob sie wüsste, was sie da getan hätte und warum sie mich so hassen würde, dass sie mir das antat …

„Lass mich sterben…“

Ich wollte einen Krankenwagen rufen, aber habe es nicht getan. Sie hätten zu viele Fragen gestellt und sie hätten sie in eine Psychiatrie eingewiesen. Dort hätten sie noch viel mehr Fragen gestellt… und sie von mir weggerissen.

Das konnte ich nicht zulassen …

Ich musste sie zum Kotzen bringen …

Ich schüttete so viel Milch in sie rein, bis ihr Magen leer war. Dann legte ich sie ins Bett und hoffte, dass sie irgendwann wieder aufwachte und mir auf ewig dankbar sein würde.

War sie aber nicht …

VORLÄUFIGES ENDE

Wer es bis hier hin geschafft hat, dem danke ich von ganzen Herzen.

Die Fortsetzung aus einer anderen – dann aus meiner –  Perspektive folgt. Und glaubt mir, es wird filmreif und es wird sehr spannend …

In diesem Sinne:

„Wenn man einmal in die Finsternis gesehen hat, vergisst man diesen Anblick nie wieder“,

(Aus dem Film „An american Haunting – der Fluch der Betsy Bell)

Und …

Die Zwischenmenschliche Liebe ist meine größte Angst und tatsächlich Auslöser für meine Angsstörung. Ich weiß bis heute nicht, was Liebe ist und wie es sich anfühlt angstfrei zu lieben, und das tut mir (besonders für meinen Mann) manchmal sehr, sehr leid.  <3

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Wenn die Geister der Vergangenheit spuken

Da bin ich mal wieder und irgendwie weiß ich gar nicht so recht, wie ich nach „Freitag dem 13.“ einen passenden Einstieg finden soll. In meinem letzten Beitrag schrieb ich nämlich über Freitag den 13. und dessen positiver Bedeutung für mich. Allerdings war ich letzten Freitag auch irgendwie schlecht drauf und beschwerte mich über meine anhaltende Schreibblockade und den abartigen Geschmack von Jim Beam Cola. Allerdings hatte ich nicht einmal annähernd daran gedacht, dass mir dieser Text an nächsten Morgen, regelrecht im Hals stecken bleibt. Die volle Breitseite der Realität traf mich mit der Meldung über die Anschlagsserie in Paris, in der Nacht zuvor. Soll heißen, während ich diesen stumpfsinnigen Müll schrieb (und diesen auch in Alkoholform in mich hinein kippte), wurden in knapp 550 Kilometer Entfernung Menschen von geisteskranken Islamisten getötet. :'(

Erschütternd …

Unbegreiflich …

Traurig …

Krank…

Und eigentlich wollte ich den Blogeintrag löschen. Ich lasse ihn aber stehen, um mich selbst immer wieder daran erinnern zu können, was ich am Freitag den 13.11.2015 gegen 22.30 Uhr gemacht habe. Erst diese Tatsache hat mir so richtig vor Augen gehalten, dass es jeden Menschen und in jeder Situation treffen kann … eben dann, wenn man selbst am wenigsten damit rechnet. 🙁

Und ich merke gerade, wie schwer es mir fällt, nach diesem Thema zur Tagesordnung überzugehen, um meinen ganzen angestauten Luxusproblemen freien Lauf zu lassen …

Vielleicht beginne ich damit, dass ich mir gestern Abend, wie jedes Jahr, ein Theaterstück im Nachbarort angeschaut habe. Ja, ich finde Theater ist eine ganz bemerkenswerte Form der Kunst. Allerdings, habe ich es bei den Besuchen in den vergangenen Jahren immer als hochgradig unangenehm empfunden, fast 3 Stunden lang mit so vielen Menschen auf engem Raum zusammen sein zu müssen. Die Stühle sind immer so eng gestellt, dass man regelrecht von Körpern eingekesselt wird und man sich zwangsläufig berühren musste. Meine Intimdistanz wurde somit immer wieder von Fremden durchbrochen, was mich natürlich in Alarmbereitschaft gesetzt hat. Es hatte etwas Bedrohliches, somit war ich bei dieser Veranstaltung immer sehr angespannt.

Zur Erklärung: Die Intimdistanz ist ein Abstand bis 50 Zentimeter oder auch darunter. In diesem Bereich dürfen sich bei mir nur ganz wenige Menschen aufhalten, enge Freunde, Familie, sehr vertraute Personen. Berührungen, Geruchs- und Atemwahrnehmung inklusive. Ja, meine persönliche Distanzzone ist ziemlich hart zu knacken. Wer also von mir freiwillig umarmt oder berührt wird, kann sich darauf etwas einbilden. 😀

Diese eingeschränkte Distanzzone war bei diesen Theaterbesuchen immer eine ganz besondere Herausforderung, die ich aber stets umging. Denn das Einzige, was diesen alljährlichen Horror erträglich machte, waren die durchaus ansehnlichen und humorvollen Aufführungen, inklusive genialer Schauspieler und die Tatsache, dass ich stets in Begleitung dort war. Ich saß also nur neben Menschen, die ich kannte und mit denen ich gemeinsam vor Ort war – es war quasi eine Vermeidungshaltung. Dieser Vermeidungstaktik wollte ich dieses Mal aber einen Strich durch die Rechnung machen und beschloss kurzerhand, mir diesen Horror der geringen Distanz ganz bewusst anzutun. Ich wollte zudem, das Verlorensein testen, es allein in einer Menschenmenge auszuhalten, bzw. Blickkontakt ertragen und ggf. diesen erwidern und mich eventuell auch dem Smalltalkzwang hingeben, wenn ich in den Aktpausen alleine herumstehe. 😯

Ich prüfte so gegen 19.30 Uhr nochmal ganz genau nach, ob ich meine Tabletten genommen hatte … 😀

Ja, und so trug es sich zu, dass ich mich gestern Abend, – nach langem Suchen nach fadenscheinigen Ausreden – sichtlich nervös, auf den Weg machte und „es einfach geschehen ließ“.

Ich betrat mit klopfendem Herzen das mit vielen Menschen gefüllte Foyer und spürte wie sich die anfängliche Anspannung in Unwohlsein änderte. Das Präsentierteller-Feeling stellte sich prompt mit den neugierigen Blicken der wartenden Menschen ein und tat seine quälende Wirkung. Instinktiv reagierte ich mit einem freundlichen Lächeln und einem Kopfnicken, suchte mir schnellstmöglich meinen Weg zur Garderobe, lief dabei an weiteren Menschen vorbei, lächelte, hielt Blickkontakt – verdammt, das Leben kann so einfach sein. 😀

Dann kam die nächste Hürde. Die Suche nach meinem Sitzplatz. Mein Stuhl stand tatsächlich genau in der Mitte des Saals und ich hatte zunächst Schwierigkeiten Reihe und Sitzplatznummer auszumachen. Ich irrte kurz durch die Reihen und hatte das Gefühl, als würden die Stühle in dieses Mal noch enger zusammenstehen, als in den letzten Jahren. Und in der Tat setzte ich mich auf den letzten freien Stuhl mit der Nummer 100 in der 5. Reihe. Links ein Paar, schätzungsweise Mitte 40, rechts von mir eine Gruppe kichernder Frauen mittleren Alters, vermutlich ein Verein. Vor mir ebenfalls ältere Herrschaften, die sich alle kannten. Mein Plan war geglückt, ich war mutterseelenallein unter vielen. 002

Für diesen Fall hatte ich mich mit meinem Notizbuch bewaffnet, um die Eindrücke und Empfindungen aufzuschreiben. Allerdings war das Ergebnis etwas dürftig. Zum einen, weil meine Emotionen sich ja ohnehin derzeit wegen der Medikamente verstecken, zum anderen saß ich mit meinen Sitznachbarn so eng aneinander, dass  sie mir ständig in mein Buch guckten. 😀

Irgendwann ging das Licht aus.  Ich fühlte mich ausgeblendet, ungesehen und plötzlich fühlte ich mich richtig wohl.

Doch dann…

Plötzlich ein lauter Knall, rötliches Licht, wie bei einer Explosion, dann stieg Rauch von der Bühne auf. Aber scheinbar war ich die Einzige, die für einen Bruchteil einer Sekunde dachte, das der Terror nun auch nach St. Katharinen gekommen war. Aber es war nur die visuelle und akustische Darstellung von Teufels Großmutter, die aus der Hölle nach oben gekommen war. 😈

Ja, und dann, nach knapp drei Stunden und einigen Smalltalk-Begegnungen war es dann vorbei. Jedenfalls war dieses Erlebnis eine weitere Erfahrung in meinem Kampf gegen meine Angst vor allem und jeden. 🙂

Ja, ich denke, dieser Bericht von gestern Abend war ein guter Einstieg, für die Tagesordnung, die jetzt folgen wird.

Apropos Tagesordnung …

Ich glaube, es gab in meinem Leben noch keinen Tag, an dem Ordnung geherrscht hat. 😀 Nein, Ordnung ist etwas für die anderen … in meiner Welt regiert das Chaos. Und deshalb waren die letzten Wochen auch wieder die Basis von Verwirrung, Höhenflügen und tiefen Fällen.

Diese Woche hatte ich wieder einen Termin bei meiner Therapeutin und irgendwie dachte ich am Abend vorher darüber nach, dass wir die Hälfte der Gesprächstherapie ja bestimmt bald schon durch hätte und ich sicherlich keine Verlängerung brauchte. Nee, wozu auch?  Die meisten Geister der Vergangenheit hatte ich doch auch schon vorher – und ohne professionelle Hilfe – verjagt!? 😎

Hatte ich doch, oder?

Am Abend vorher lag ich im Bett und suchte nach Schlaf, fand ihn aber nicht. Das war komisch, denn ich konnte in den letzten Wochen, durch die Tabletten eigentlich relativ schnell einschlafen. Dann lag ich da und stellte mir vor, wie das morgige Gespräch vonstatten gehen würde. In der Regel läuft es dort so ab: Wir plaudern ein wenig, ich erzähle ihr, was so in den letzten zwei Wochen gewesen ist und zu welchen Erkenntnissen ich so gelangt bin. Was sollte ich ihr dieses Mal erzählen? Von meinem Empfindungen rund um das Thema Terror? Von meinen syrischen Flüchtlingen (Moslems), die sowohl den St. Martinszug besuchten als auch sich alle wahnsinnig auf Weihnachten, inklusive Kirchgang(!) freuen? Sollte ich ihr von den Eindrücken der Lesung erzählen? Mit ihr über das Phänomen Zähneklappern, vor Angst sprechen? Oder doch über die irritierende Definition von Karma reden?

Was immer ich auch zurecht legte, ich hatte das Gefühl als würde dieser Termin morgen nicht so ablaufen, wie üblich, doch warum? Ich kannte die Antwort und mir kamen die Tränen. Ein ganz bestimmter Geist der Vergangenheit spukt seit einigen Tagen wieder ganz gewaltig und er bringt meine Gegenwart und meine Gefühlswelt vollkommen durcheinander. Ich habe versucht ihn zu ignorieren, doch er setze sich einfach neben mich, läuft mir hinterher, verfolgt mich im Schlaf. 😮

Und ich weiß, die Geister der Vergangenheit, wenn sie wieder spuken, dann muss man sie zum schweigen bringen, sonst beeinflussen sie das ganze Leben. Sie beeinflussen Denken, Handeln und Empfinden. Und ich habe in den letzten Tagen ständig komische Gedanken und Gefühle. Ich reagiere falsch, handle irrational und habe das Gefühl, wie fremdgesteuert zu sein … und daran sind ausnahmsweise nicht die Tabletten schuld. 😀

Er ist wieder da! 😮

Ich muss ihn loswerden …

Nur weiß ich nicht wie.

Vielleicht sollte ich noch dazu sagen, dass dieser spezielle Geist mit Auslöser der Angststörung im August war. Damals gab es ein knapp einstündiges Telefonat mit einem Menschen aus meiner Vergangenheit und ich war reif für die Klapse und dass, obwohl er nur Folgendes sagte: „Ich hole Dich ab und wir fahren zum Media Markt. Ich kaufe Dir den besten PC, den die haben. Ich glaube an Dich und möchte, dass Du in Zukunft vernünftig arbeiten kannst.“  😮

Dieses Angebot habe ich abgelehnt.

Dann kam die Lesung …

Und dieses Foto …

That´s me!

Was siehst Du?

20151108-MG-68

Einen Dank nochmal an den großartigen Fotografen! <3

Noch nie hat ein Bild von mir so viele gemischte Gefühle aufgerufen, wie dieses. Es sagt genau das aus, was ich heute bin, aber auch irgendwie das, was ich mal war.

Und damit dieser Geist der Vergangenheit wieder dort verschwindet, wo er hergekommen ist, werde ich Folgendes tun:

Es wird Zeit, zu seinen Narben zu stehen… ich will sie nicht mehr länger ignorieren und leugnen … will nicht länger ein Geheimnis daraus machen, weil ich mich schäme.

Schämen soll sich ein anderer!

Das ist für Dich, Geist der Vergangenheit!

Siehst Du das Bild dort oben? Das bin ich! Ich bin gar nicht so hässlich, wie Du es mir immer einzureden versucht hast. Und siehst Du das Mikrofon? Ich habe aus meinem Buch vorgelesen und es gab Menschen, die mir zugehört haben. Nur ein Beweis dafür, dass du unrecht hattest, als Du mir all die Jahre versucht hast einzureden, dass ich unfähig bin, nichts könnte und nichts richtig mache. Jedes Wort, welches ich schrieb hast Du als Zeitverschwendung betitelt und hast alles dafür getan, dass ich es jahrelang aufgab. Heute verdiene ich sogar Geld damit! 

Du hast es damals mit Deinem manipulativen Gelaber sogar geschafft, dass ich mich komplett aus dem sozialen Leben zurückzog, mich versteckte und mich nicht mehr unter Menschen traute. Freunde und Familie gab es nicht mehr in meinem Leben. So hattest Du mich für Dich allein. Und Du hast mir auch deutlich zu verstehen gegeben, dass es niemanden auf der Welt gibt, der es gut mir mir meinte, außer Dir.  Und ja, Du hast es immer gut mit mir gemeint, besser als mir lieb war. Du warst der Mächtige, der sich herabgelassen hatte, sich so lange mit einem Miststück, wie mir abzugeben. Du warst der Große, dem ich dankbar sein musste für all die Zeit, die Du mit mir verschwendet hast und dem ich dankbar sein musste, dass ich überhaupt noch atmete.

Du hattest nie ein Recht dazu, mich auf diese Art und Weise an dich zu binden. Leider habe ich Dir freiwillig dieses Recht eingeräumt, weil ich schwach war. MEA CULPA – MEA MAXIMA CULPA! Meine Schwäche hat Dich feierlich eingeladen, mit mir zu spielen, mich zu verachten, mich herumzuschubsen, mich anzuspucken, mich immer wieder zu schlagen und zu treten. Wie oft hab ich mich in all diesen Jahren von Dir zusammenschlagen lassen? Prellungen, Platzwunden, Gehirnerschütterungen und eine gebrochene Nase. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Ich habe mich nie gewehrt, obwohl Du weißt, dass ich es gekonnt hätte. Warum? Weil ich ein absolut friedfertiger Mensch bin und Dich nicht verletzen wollte!

Klingt ziemlich lächerlich, oder?

Ja, so bin ich eben und es ist gut so, wie ich bin. Ich weiß, ich hätte Dich damals in den Knast bringen sollen, als ich es noch konnte – weiter einstecken, resignieren, ignorieren, ausharren und warten, dass es besser werden würde, war eindeutig der falsche Lösungsweg.

Du bist klein geworden. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, war ich sogar größer als Du – das hat dich irritiert, was? 

Dein Bankkonto macht Dich übrigens auch nicht größer …

Die Sache mit dem PC … ein netter Versuch mich wieder in die verpflichtende Dankbarkeit zu stürzen … ich hab inzwischen einen Rechner!

Und überhaupt lebe ich heute sehr gut ohne Dich! Und ja, ich gehe wieder unter Menschen und Du kannst mich nicht davon abhalten. Kannst mich nicht mehr einsperren, manipulieren und verunsichern.

Heute bist Du nur noch der Geist der Vergangenheit. Manchmal kommst Du in der Nacht und willst mich wieder jagen, mir Angst machen, mich beherrschen … aber auch das wird irgendwann aufhören.

Sieh Dir nochmal dieses Bild und mein Gesicht an – nein, ich bin nicht hässlich nur weil Du mich gezeichnet hast – ich liebe jede einzelne Narbe!

Nein, ich hasse Dich nicht. Ich weiß, dass es Dir im Grunde Deines Herzens leid tut. Du bist bloß ein armer, psychisch kranker Mensch, der seine Therapie lieber nicht abgebrochen hätte. 

Aber eines weiß ich jetzt ganz sicher: What Goes Around, Comes Around – alles kommt zurück.

Du bist heute alleine.

Ich nicht. <3

 

Über Freitag den 13., Jim Beam und … ach watt weiß ich, keine Ahnung!

Heute ist ja Freitag der 13. – ein besonders schrecklicher Tag für Menschen, die abergläubisch sind. Ich hab heute im Radio gehört, dass es in Flugzeugen sogar keine Reihe 13 gibt und auch Hotels die Zimmernummer 13 oft überspringen. Das kann ich so gar nicht verstehen, denn für mich bedeutet die Zahl 13 „Glück“. Ich selbst bin an einem 13. geboren, meine Tochter Hanna ebenfalls. Die kleine Ronja ist an einem 31., was ja auch irgendwie fast eine 13 ist.

Das nur mal so als Einstieg und am Rande… 🙂

Ich flüchte mich heute in diesen Blog, weil heute – trotz des Glückstages Freitag der 13. – ein komischer Tag ist. Ich fühle mich heute irgendwie verloren und frustriert. Vielleicht, weil ich derzeit, mehr als sonst, das Schreiben vermisse. Und damit meine ich das Schreiben von meinen Geschichten. Es ist so viel in meinem Kopf das raus will, aber nicht kann. Diese durch die Medikamente ausgelöste Schreibblockade macht mich fertig und das nicht nur, weil ich immer wieder gefragt werde, wie es mit dem zweiten Buch aussieht. Das war auch einer der meist gestellten Fragen am Sonntag, auf dem Lesefest.

Apropos Lesefest…

Ja, ich habe es überlebt. Ich weiß nicht wie, aber ich habe es geschafft. Und mir ist an diesem Tag eine Menge klar geworden … mehr als mir lieb ist und mehr als ich wahrhaben will … unter anderem übrigens auch, dass man tatsächlich vor Angst und Aufregung mit den Zähnen klappern kann.  😯

Für einen kurzen Augenblick hatte ich sogar das Bedürfnis eine Zigarette zu rauchen… und das hatte ich seit 2008 nicht mehr. Ja, am 18. Oktober 2008 habe ich meine letzte Zigarette geraucht. 🙄 Unfassbar, was Aufregung und Angst (und die waren noch durch die Medikamente abgedämpft!) mit Körper und Geist anrichten können. Ich werde es wieder tun – also das Lesen – , aber eine Rampensau werde ich wohl nie …  😀

Mein zweites Buch sieht derzeit übrigens so aus …

TExtausschnittMeine arme allein gelassene Protagonistin hängt da schon seit Monaten rum und kann sich nicht entscheiden, ob sie es sich jetzt selbst besorgen soll oder doch nur Smetanas Moldau hört … oder beides? 😀  Beide Möglichkeiten existieren bereits. Die erste unsittliche Version wurde ohne Nachdenken verfasst, die andere Version nach reiflicher Überlegung gezielt hinterhergeschrieben – gut, schlecht, richtig oder falsch … ?!  Ich kenne die Antwort… 😳

Ich trinke gerade Jim Beam mit Cola, das ist so ekelhaft! 😀

Ja, ich dachte, Jim Beam mit Cola würde das Tor zu meinen anderen Welten wieder öffnen … ich weiß Alkohol ist grundsätzlich keine Lösung … aber was das Lösen einer Schreibblockade betrifft offenbar schon … 😀

Nach Nachfrage bei meinem Arzt, was passiert, wenn ich trotz Pillen „ein bisschen“ Alkohol trinke, war seine Antwort: „Ich kann Ihnen nicht sagen, ob Sie anfangen nackt auf den Tischen zu tanzen … versuchen Sie es doch mal!“ 😀

Das tue ich gerade … es ist aber wirklich nur eine Ausnahme … eine Art Selbstversuch … ich bin nämlich so gar nicht der Typ, der Alkohol trinkt … wenn ich also plötzlich mitten im Satz aufhöre zu schreiben, dann war es das wohl für heute …

Mal sehen, was dabei herauskommt, wenn ich jetzt mal schreibe ohne nachzudenken … einfach irgendetwas … wie bei den Esoterikern, die nennen so was glaube ich Channeling, diese komischen Botschaften aus dem Universum … ich versuche allerdings nur meine Inspirationsquelle aus meinem tiefsten Inneren zu empfangen …

3

2

1

GO!

„Das Zeug schmeckt so scheiße, dass ich nicht einen Schluck nehmen kann ohne mich wie bei einem Krampfanfall zu schütteln“, stöhnte sie und schob das Glas Bourbon weit von sich.

„Und warum trinkst du es dann?“, fragte er und lächelte.

„Ich hege den tiefen Wunsch nach Betäubung …!“

„Betäubung von was?“

„Du stellst zu viele Fragen … !“

„Geh ins Bett!“

„Wir haben erst 22.25 Uhr …!“

„Geh!“

„Aber … „

Scheiße, … es funktioniert nicht! 😥 😥 😥

Ich geh ins Bett , tschö! 🙁

 

In meinem Kopf ist es lustig …


Das dort auf dem Bild ist übrigens ein Glühwürmchen … 😀

Nun ja, Außenstehende würden das wahrscheinlich sehr lustig finden. 🙂 Manchmal wünschte ich, ich wäre auch mal Außenstehende meiner selbst, dann würde ich über diese Kacke, die hier gerade läuft wahrscheinlich selbst herzlich lachen. 🙁

Diese Headline da oben entstand übrigens, in Verbindung mit allen Facebookposts und Blogeinträgen, an denen ich in den letzten Tagen so verbissen herum gedoktort habe. Es waren Zeilen und ganze Texte, die dann aber doch nie das Licht der Welt erblickt haben. Schreiben, löschen, schreiben, löschen – das scheint mein neues Hobby zu werden. Es ist ganz komisch im Moment. Das Schreiben hilft mir sehr. Ich spüre wieder diese vertraute, innige Verbindung, die hier in diesem Blog eine andere ist, als wenn ich meine Geschichten schreibe. Es tut mir gut, es lindert diese beschissene Verkrampfung in einem Brustkorb und dieses unendliche Durcheinander in meinem Körper. Ich scheue es Angststörung zu nennen. Das klingt so unglaublich dumm … genau genommen ist es eine permanente unangemessene und unbegründete Ausschüttung von Adrenalin, das falsche Signal an das Gehirn sich auf eine Flucht einzustellen … dumm eben. 😮

Und, wie ich festgestellt habe, ist darüber schreiben eindeutig die bessere Medizin als alle paar Stunden irgendwelche Medikamente einzuwerfen. Unfassbar, was Schreiben für mich in all den Jahren für eine Bedeutung bekommen hat. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen, ist aber auch gar nicht so wichtig, Hauptsache diese aneinandergereihten Buchstaben ziehen mich irgendwie wieder aus der Scheiße.

Wenn da nicht noch diese eine kleine aber nicht unbedeutende Hürde wäre …

Ich mache ich mir doch mehr Gedanken darüber, wer, was, wie von mir wie interpretieren könnte als mir lieb ist. Was mir ja grundsätzlich eigentlich egal sein sollte, aber bei einer handvoll Menschen eben nicht. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen um mich machen, denn ich bin ja nicht todkrank, sondern nur etwas (extrem) „aus dem Ruder“.

Aber erklär mal jemanden, was „aus dem Ruder“ bedeutet … :mrgreen:

Ich versuche es mal mit diesem Songtext von „P!ink – Fun House „irgendwie sind im Moment (bildlich gesprochen) zu viele böse Clowns in meinem Oberstübchen … 😀

This used to be a funhouse
But now it’s full of evil clowns
It’s time to start the countdown
I’m gonna burn it down, down, down
I’m gonna burn it down

9, 8, 7, 6-5-4, 3, 2, 1, fun!

Bis bald!


P.S:

Ich liebe P!nk! Und die Frisur erst … 😀

Bevor es Krebs wird …

„Bevor es Krebs wird, muss es raus!“ (Daniel Wirtz, Musiker)

Oh Mann, mein erster „richtiger“ Blogeintrag seit … auwaia, … es sind mindestens 5 Jahre vergangen. Ich bin ganz aufgeregt. Und ich könnte jetzt auch ganz viele Zeilen damit verschwenden, die darüber berichten, was alles in den letzten 5 Jahren passiert ist, doch dann wird es ein (vielleicht sogar etwas langweiliger) Roman. Nur so viel: Das Schreiben über mein Leben hat mir sehr gefehlt!

Sogar sehr, sehr, sehr …

Ich weiß gar nicht, ob ich das noch kann … 😀

Kurze Erklärung, für alle, die es nicht wissen:

Ich habe bis vor 5 Jahren ein Onlinetagebuch betrieben. Das war von 2004-2010. Ein Blog, der meinen alltäglichen Wahnsinn beinhaltete und der mir kurioser Weise eine ganz besondere Form von Sicherheit gab. Ich hatte keine Ahnung, wer mir damals alles folgte und Teil an meinem Leben haben wollte, aber mir reichte der Gedanke, dass es mindestens einer tat (und den ich auch leider dann enttäuschte als ich damit aufhörte).

Ich hatte mir damals gezielt eine virtuelle Plattform geschaffen, um regelmäßig Dampf abzulassen, schriftlich Amok zu laufen – sprechen ist halt nicht so mein Ding. Es hat geholfen und mir (als Ausgleich zum beruflichen Schreiben) sogar sehr viel Spaß bereitet.

Aber das war eben damals …

Damals war ich mit mir und meinem Leben alleine. Niemand wusste von meiner heimlichen Leidenschaft des Schreibens und selbst wenn es jemand gewusst hätte, es interessierte niemanden, dass irgendwo, in einer kleinen Wohnung in Windhagen / Frohnen eine durchgeknallte rothaarige wohnte, die ihre komplette Gedanken – und Gefühlswelt, inkl. Alltagsstress und hochgradiger Eheprobleme in das World Wide Web hinaus posaunte. Ich glaube, so etwas nennt man heute „Seelenstriptease“. Aber das war und ist mir egal. Sich seelisch „naggisch“ machen, gehört wohl zum Leben eines Künstlers irgendwie mit dazu. Mitbekommen hat es ohnehin kaum jemand. 🙂

Irgendwie war ich sogar froh darum, dass alle Menschen um mich herum, zum Teil sogar meine Familie, absolut keinen Schimmer hatten, was jede Woche auf meinem Blog abging. Ich war unbeobachtet, hatte Narrenfreiheit und ich musste auf niemanden groß Rücksicht nehmen. Und mir war es tatsächlich vollkommen egal, was die Menschen auf der Straße von mir dachten.

Aber dieses „egal“ änderte sich plötzlich schlagartig …

Nun ja, vor fünf Jahren hat sich mein Leben komplett verändert. Auch wenn ich damals überzeugter Single war und überhaupt nie wieder mit irgendwem, irgendeine Beziehung führen wollte – ich war damals echt bedient – trat ein neuer Mann in mein Leben und brachte auch all das mit, was ich vorher nicht hatte und auch nicht kannte: Liebe, Respekt, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Gespräche, Kommunikation, Hobbys, seine Musik und auch eine große, tolle und herzliche Familie. Das war anfangs ziemlich schwierig für mich, all das zu realisieren und auch damit umgehen zu können. Jahrzehnte lang war ich quasi immer alleine, stumm und irgendwie unsichtbar und jetzt plötzlich hatte ich rund um die Uhr vollste Aufmerksamkeit.

Ich habe mich diesem neuen Leben nach bestem Wissen und Gewissen versucht anzupassen, wollte versuchen in diesem neuen Fokus, trotz meiner Vergangenheit, mit aller Gewalt „normal“ zu wirken … geordnet, bodenständig, seriös, vorzeige – und alltagstauglich eben. 😀

Allerdings tat ich das nicht, weil man es von mir verlangte, sondern weil ich es wollte. Ich fand mich so, wie ich war, irgendwie wie eine Zumutung und versuchte daher auf schnellstem Wege zumutbar zu werden.

Tja, hat nicht geklappt …

Mein Leben hat sich zwar tatsächlich komplett (ins Positive) verändert, doch tief in meinem Inneren bin ich ICH geblieben… und wer bin ich?

Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Nicole, mein Zweitname ist Dramaqueen und ich kann grundsätzlich alles alleine, brauche nie Hilfe und was nicht passt, wird passend gemacht. Eine Schublade gibt es nicht für mich. Ich bin verdreht, verpeilt, exzentrisch, ängstlich, misstrauisch, chaotisch, hochsensibel (eben die Hardcore Version von emotional), von Natur aus sehr introvertiert, bin in vielen Dingen ziemlich extrem, obendrein auch noch empathisch veranlagt und habe ein sehr ausgeprägtes Innenleben und eine so blühende Fantasie, dass ich Bücher damit füllen kann. Ich glaube an keinen Gott, habe noch nie Drogen genommen, hasse Streit und finde Menschen kacke, die ständig nach Gründen zum Streiten suchen (an dieser Stelle: viele Grüße an meine intrigante Lieblingsterrortante aus Bonn). 😀

Ich bin, zugegeben, nervtötend harmoniesüchtig und wünsche mir ständig Frieden auf Erden. Dann stehe ich noch auf das Individuelle, ich mag Tattoos, schöne Fotos, schräge Haarfarben, jede Art von Musik und mag Menschen, die zu ihrem Knall und ihren Schwächen stehen und, und, und … 😉

… eine Zumutung eben! 😀

Ja, es ist tatsächlich nicht leicht ICH zu sein und ich dachte eben damals, wenn ich zu sehr ICH bin, könnten die vielen „neuen“ lieben Menschen in meinem Umfeld merken, dass ich eben anders bin und das doof finden. Daher verwaiste der Blog von einen auf den anderen Tag und wurde schließlich irgendwann unwiderruflich aus dem Netz gelöscht…

Ein paar wichtige Einträge konnte ich aber retten, die auch nachträglich eingepflegt werden. 🙂

Kurioser Weise habe ich dabei entdeckt, dass ich vor ziemlich genau 7 Jahren folgenden Tagebucheintrag schrieb:

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Eintrag vom 13.06.2008

I´m going under…

Es kommt mir zumindest gerade so vor und deshalb bin ich im Moment auch so selten hier bei Euch. Irgendwie waren die letzten Monate, bzw. Jahre dann doch etwas zu viel für mich – ich bin vollkommen im Arsch. Die Einsamkeit, inklusive aller plötzlichen Selbsterkenntnisse, treiben mich zwar auf beruflicher Ebene derzeit zu Höchstleistungen aber alles andere in mir bettelt nur noch um Gnade.

Es geht einfach nichts mehr bei mir und das alles nur, weil mir erst jetzt so richtig bewusst geworden ist, was es bedeutet „allein“ zu sein. Niemanden an sich ran lassen zu wollen, selbst wenn sie es noch so gut mit einem meinen. Gezwungen zu sein jeglichen Augenkontakt zu vermeiden, um nicht Gefahr zu laufen, ihnen mein tiefstes Inneres zu offenbaren. Immer unter Zeitdruck zu stehen, die Sekunden und Minuten zu zählen, um den richtigen Zeitpunkt abzupassen, um sich aus dem Staub zu machen. Dringend weg zu müssen, nur damit sie erst gar nicht auf die Idee kommen, mir Fragen zu stellen, die ich nicht beantworten kann, bzw. nicht beantworten will. Jede einzelne „Wie geht es dir?“ Frage fühlt sich wie ein Messerstich an, der mich jedes Mal am liebsten laut aufschreien lassen würde.

„Wenn du etwas brauchst, sag Bescheid!“
„Wenn ich dir irgendwie helfen kann, lass es mich wissen!“

Wie es mir geht… was ich brauche… wie man mir helfen kann?

All diese Fragen bringen mich um…

Nein, falsch! Die Antworten darauf einfach nicht aussprechen zu können, das ist es, was mich wirklich umbringt! Ich fühle mich im Moment wie, als wäre ich ein Taubstummer, der ohne die Gebärdensprache zu beherrschen versucht, sich irgendwie mitzuteilen und gleichzeitig aber auch darauf bedacht ist, nicht zu viel zu sagen, denn er weiß nicht, ob seinem Gegenüber auch wirklich vertrauen kann.

Und das ist der Punkt…

Allein zu sein bedeutet für mich niemanden vertrauen zu können, so sehr ich es mir auch wünsche. Und ich wünsche mir im Moment nichts sehnlicher als einfach nur die Augen zu schließen, mich blind fallen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass ich aufgefangen werde.

Die Dinge plötzlich so zu sehen wie sie wirklich sind tut weh!

I´m going under…

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Ja, so klang ich vor 7 Jahren …

Heute würde der gleiche Text so aussehen:

27.06.2015

Bevor es Krebs wird …

… habe ich mich entschlossen wieder zum Onlinetagebuch zurückzukehren. Irgendwie waren die letzten 30 Jahre dann doch etwas zu viel für mich – ich bin vollkommen im Arsch. Ich habe zwar klare Ziele vor Augen, die mich bis zuletzt auf beruflicher Ebene zu Höchstleistungen trieben, aber ich habe es ignoriert, dass alles andere in mir immer noch um Gnade bettelt.

Jetzt geht einfach nichts mehr (keine Sorge, Bücher schreiben geht immer! 😀 ) und das alles nur, weil mir erst jetzt so richtig bewusst geworden ist, was es bedeutet „schwach“ zu sein. Der Dauerstress der seit knapp 30 Jahren in mir tobt und regelmäßig dafür sorgt, dass ich meine tägliche Dosis Adrenalin bekomme hat nicht nur deutliche Spuren hinterlassen, sondern mich auch vor drei Wochen komplett ausgeknockt. Wahrscheinlich war es dieses Mal eine Überdosis Adrenalin, die dafür gesorgt hat, dass mein Körper seither auf Hochtouren läuft und Krieg gegen eine Gefahr führt, die schlicht weg nicht vorhanden ist. Es ist ein körperliches, schwer zu beschreibendes Dauersymptom, ähnlich einer Panikattacke, nur mit dem Unterschied, dass es keinen Grund zur Panik gibt. Dennoch hat sich dieses Angstgefühl in Form einer Verkrampfung im Brustbereich festgesetzt. Wenn es nicht so unangenehm wäre, ist es fast schon interessant, welch faszinierende Selbstschutzmaßnahmen der Körper so auffährt, wenn das Fass übergelaufen ist. Das Problem ist nur, dass er damit nicht wieder aufhören will. Ich bin im Moment quasi eine wandelnde Panikattacke (Ha, neue Buchidee!). 😀 Doch noch schlimmer ist: Mein Nervenkostüm, meine wichtigste Rüstung, ist nicht mehr das, was sie mal war. Sie ist quasi nicht mehr vorhanden. Und das geht mir – mit Verlaub – extrem auf den Sack … bzw. auf die Eierstöcke! 🙁

Ich will gefälligst meine Stahlnerven wieder haben und keine filmreifen Comedy-Szenen abliefern, in denen ich, – von plötzlicher Unfähigkeit gebeutelt – heulend zusammenbreche, weil ich plötzlich nicht mehr imstande bin, das Auto aus einer 20 Quadratmeter Parklücke auf die Straße zu rangieren. Im Nachhinein lache ich selbst darüber, aber es ist schon eine massive Behinderung im Alltag, die nicht nur zum Schmunzeln anregt.

Mein armer tapferer Mann … 😀

Aber Spaß beiseite. Mir eingestehen zu müssen, dass ich, die immer starke Nicole, die grundsätzlich alles, aber auch wirklich alles alleine kann, niemanden braucht und alleine durchaus überlebensfähig ist, plötzlich schwach ist, das war mit Abstand der größte Tiefschlag meines Lebens. Ein Schock, den es erst mal zu überwinden gilt … wenn ich ehrlich bin, hat mich diese Tatsache regelrecht traumatisiert.

Hat ein paar Tage gedauert …

Scheiße finde ich es immer noch, aber da muss ich eben durch …

Inzwischen habe ich beschlossen, aus diesem Tiefschlag neue Kraft zu schöpfen und daraus eine Menge Positives zu ziehen. Natürlich komme ich um Medikamente und entsprechende Therapien nicht drum herum, aber auch dem sehe ich mit Freude entgegen. Das ganze nennt sich posttraumatischer Wachstum und ich bin mir sicher, diese Krise wird das Beste sein, was mir in diesem Jahr passiert ist. Noch nie war die Inspiration größer … vielleicht fehlte mir sogar dieser „Kick“ in die richtige Richtung.

Denn … natürlich ist es eine Form von Schwäche niemanden an sich ran lassen zu wollen, selbst wenn sie es noch so gut mit einem meinen. Gezwungen zu sein jeglichen Augenkontakt zu vermeiden, um nicht Gefahr zu laufen, ihnen mein tiefstes Inneres zu offenbaren. Immer unter Zeitdruck zu stehen, die Sekunden und Minuten zu zählen, um den richtigen Zeitpunkt abzupassen, um sich aus dem Staub zu machen. Dringend weg zu müssen, nur damit sie erst gar nicht auf die Idee kommen, mir Fragen zu stellen, die ich nicht beantworten kann, bzw. nicht beantworten will, weil sie es ohnehin nicht verstehen würden.

Und ja, es ist auch eine Form von Schwäche sich zu fühlen, wie ein Taubstummer, der ohne die Gebärdensprache zu beherrschen versucht, sich irgendwie mitzuteilen und gleichzeitig aber auch darauf bedacht ist, nicht zu viel zu sagen, denn er weiß nicht, ob seinem Gegenüber auch wirklich vertrauen kann.

Und das ist der Punkt…

Einem Menschen wieder vertrauen …

… daran muss ich dringend arbeiten!

Die Dinge plötzlich so zu sehen wie sie wirklich sind, ist tatsächlich eine Bereicherung! 😀

ENDE

Ich hab´s echt wieder getan und es fühlt sich so gut an!

Danke fürs Lesen! 🙂

Bis bald … (mindestens einmal die Woche, versprochen) !

Ach ja, anbei meine aktuelle „Wachstums-Hymne“, ich glaube, der Johannes kennt das, was ich gerade durchmache. 😀