Ich brauche keine Pillen mehr – Tag 1


Tja …

Es ist soweit…

Ich habe es beim letzten Mal ja schon angekündigt: Ich mach Schluss mit PAROXAT!

Zur Erinnerung:

PAROXAT ist ein Medikament zur Behandlung von 😯

– Episoden einer Major Depression.

– Zwangsstörung.

– Panikstörung mit oder ohne Agoraphobie.

– Sozialer Angststörung/Sozialer Phobie.

– Generalisierter Angststörung.
– Posttraumatischer Belastungsstörung.

Und damit dies auch mit ärztlichem Segen passiert, saß ich gestern tatsächlich wieder im Wartezimmers eines Psychiaters und kämpfte mit den ersten deutlichen Gefühlsregungen, denn ich war wegen dem bevorstehenden Gespräch sehr aufgeregt.

Warum?

Ich war mir nicht sicher, ob er mit meinem Entschluss einverstanden sein würde, da ich gerade erst (mit einem Auge zudrücken) die minimale Einnahmedauer von 6 Monaten hinter mich gebracht habe. Ich habe gelesen, das die meisten Menschen diese Dinger über viele Jahre nehmen (müssen). Auch meine Therapeutin meinte, dass ich mich doch eine Zeit lang auf der Wirkung von Serotonin-Wiederaufnahmehemmer ausruhen sollte:

„Das Leben ist doch damit viel einfacher für Sie! Sie haben keine Angst mehr und alles ist gut.“

Nein, ist es nicht! 😕

Aber das habe ich schon so oft und lange mit ihr, mit meinem Mann und auch mit anderen in meinem Umfeld diskutiert und habe dabei festgestellt – es versteht niemand. 😕

Immerhin war ich doch mehr als erträglich in den letzten Monaten … keine „emotionalen Anfälle“, kein Streit, alles easy und gechillt …

Für die anderen, vielleicht!

Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Wochen die Tablette „aus Versehen“ vergessen habe, nur um mich selbst wieder in irgendeiner Form spüren zu können. Das letzte Mal habe ich sie am Sonntag nicht genommen … die Quittung kam abends beim Tatort. Ich musste die ganze Zeit heulen und bin prompt wieder bei meinem Mann aufgeflogen.

„Hast du wieder deine Tabletten nicht genommen?“ 😐

Mann, geht mir das auf den Sack! Alta, bin ich Psycho oda was? 😥

Apropos Psycho und Tatort …

Weil dieser Tatort mich komplett aus der Bahn geworfen und mir eine schlaflose Nacht beschert hat, habe ich Sonntag Nacht eine folgenschwere Entscheidung getroffen. Ich werde am Wochenende eine weitere Geschichte eines Psychopathen erzählen… eben die Geschichte von dem Menschen, der sicherlich schon große Angst davor hat, dass ich auch ihm ein Thema in diesem Blog widme … coming soon!

Sorry Off-Topic! 😀

Wir waren bei den blöden Tabletten und bei meinen Tricks, diese unerträgliche Wirkung der „Leere“ oder diesem Fremdsein im eigenen Körper und Geist irgendwie zu manipulieren. Gerne habe ich hierzu auch mal einen über den Durst getrunken, denn Alkohol schränkt die Wirkung der Tabletten deutlich spürbar ein. Und ich höre ununterbrochen Musik … ja, Musik berührt mich, lässt mich etwas spüren … wenn auch ganz weit weg …

Reicht mir nicht. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl ich gehe mit Hilfe dieser Tabletten unter … 😥

Ja, ich gebe zu: Ich habe es die ersten Tage, vielleicht auch drei, vier Wochen genossen, frei von dieser grundlosen Angst und diesem Druckgefühl aus Seele und Körper zu sein. Aber dann habe ich gemerkt, wie sich immer mein mein ICH verabschiedete, wie mein ganzes Sein zurückgedrängt und in Ketten gelegt wurde. Ich bin nicht in der Lage, klare Entscheidungen zu treffen, „murkste“ in allem irgendwie nur rum, dümple von einer Fehlentscheidung zu nächsten, weil mir mein Bauchgefühl fehlt, auf das ich mich immer verlassen konnte.

Meine Gefühlswelt ist komplett auf ein Minimum gesenkt. Meine Kreativität ist wie weggeblasen, mein Roman verstaubt, das Arbeiten fällt mir unendlich schwer – ich würde mich sogar als arbeitsunfähig betiteln. Meine Auftragstexte sind ständig scheiße, ich lasse Kunden durch meine unterschwellige Lethargie und Vergesslichkeit warten und verpasse ständig Abgabetermine oder auf Anfragen zu antworten. Mein vorbildlicher Kundenservice, meine erarbeitete Qualität und die Zuverlässigkeit wurde die letzten Monate echt übelst übel (!) auf die Probe gestellt …

Und wenn ich mir im Moment meine Buchhaltung ansehe, könnte ich endlos im Kreis kotzen, denn da befinde ich mich gerade auf dem Stand eines Anfängers mit Mathephobie. Ich habe komplett die Übersicht verloren, Chaos ohne Ende, verpasste Umsatzsteuervoranmeldungen, fehlende Steuerklärungen und Umsatzsteuererklärungen der letzten Jahre – alles ganz dringend. Allerdings kriege ich in diesem Zustand nichts auf die Kette … so sieht übrigens mein Bürochaos aus (und das ist noch der aufgeräumte Teil). 😀

13.01.2016 – 018

Ich glaube, diese Woche kassiere ich meine erste schlechte Bewertung bei Ebay, weil ich einen Kunden wegen dieser Paroxat-Kacke fast vier Wochen habe warten lassen. 😯

Ich werde es zwar überleben … allerdings bin ich nicht mehr bereit, diesen (meinen) Zustand länger hinzunehmen …

Also hatte ich gestern diesen Termin, um dem Herrn Psychiater meine Entscheidung mitzuteilen und von ihm Anweisungen bezüglich des Ausschleichens zu erhalten. Ich war aufgeregt, weil ich eben kein Ausreden seinerseits hätte dulden können. Aber zu meiner Freude wollte er mir nichts ausreden. Im Gegenteil, er fand meinen Willen, es alleine ohne Paroxat zu schaffen lobenswert, allerdings auch mutig. Er meinte eine Angststörung, inkl. sozialer Phobie innerhalb von 6 Monaten in komplette Heilung zu wandeln, sei eher unwahrscheinlich…

Unwahrscheinlich?!

Psst! Ich will das nicht hören! Der soll nicht labern, der soll dafür sorgen, dass dieses Teufelszeug wieder aus meinem Körper kommt und das idealerweise ohne Absetz – und Entzugserscheinungen. 😥

Das ist bestimmt schon wieder alles in Ordnung. Ich hab keine Angst mehr und mache auch (fast) alles, um Vermeidungshaltung im täglichen Umgang mit Menschen zu vermeiden. (Außer beim Telefonieren… 😀 …. ich hasse es!)

Seit heute halbe Dosis …

Ich werde morgen berichten, was sich (in mir) tut …

Ich gebe zu, ich hab ein bisschen Angst vor dem, was kommt …

Hab da auch so ein komisches Gefühl …

Oh, ein Gefühl!? 😮

Hallo, komisches Gefühl! Wie geht es Dir, lange nicht mehr gesehen … 😀

13.01.2016 – 025

Über emotionale Anfälle


Da bin ich wieder …

Dieser Freitag Abend (Ja,Mann, ich hab das gestern geschrieben) ist eine gute Zeit, um mich in meinen Blog zu verziehen und ich habe schon seit Tagen, das Bedürfnis mich zu verziehen… 😮

Im Moment gehen mir die Menschen wieder so schrecklich auf die Nerven und ich hab mich auch wieder daran erinnert, warum ich eine Sozialphobie hatte (habe). Die Geschehnisse zu Silvester in Köln bringen wieder so viele widerliche Charaktere zu Tage, dass ich wieder diese tiefe Sehnsucht verspüre mich an einen Ort zu verziehen, wo es eben solche Menschen nicht gibt. Menschen, die pauschalisieren, sich auf Halbwahrheiten stürzen, nur um ihre rassistischen Argumente mit Bullshit zu untermauern, „Ausländer raus“ brüllen oder leise sagen, dass sie nichts gegen Ausländer haben ABER und sich benehmen als wären sie das Unum des Universums, aber Karneval oder auf der Dorfkirmes selbst begrapschen und über die Stränge schlagen. Nein, ich will die einfach nicht in meinem Leben haben! Darunter waren Nachbarn, alte Arbeitskollegen, Schulkameraden und auch Fans meines Blogs und meines Buches. Und falls einer dieser rund 20 Menschen, denen ich in den letzten drei Tagen den Rücken gekehrt habe, diese Zeilen liest, dann schreib dir hinter die Ohren:

„Nein, Ausländerfeindlichkeit und rechte Hetze ist keine Meinung, sondern eine ganz ekelhafte und widerwärtige Charaktereigenschaft! Arschlöcher bedrängen Frauen, nicht Ausländer!“

Echt, solche Menschen machen mich krank …

Sie machen mich krank, weil ich mich intensivst mit der deutschen Geschichte beschäftigt und mir dabei immer die Frage gestellt habe, wie dieses kranke Hitler-Regime funktionieren und auch der Holocaust passieren konnte. Jetzt erlebe ich diese Entwicklung hautnah und es stimmt: es passiert wirklich in den Köpfen der Menschen.

Gestern haben irgendwelche Irren in München Judensterne an die Hauswände von jüdischen Bewohnern geschmiert. 😮

Das macht mich wütend, nein das macht mich sogar aggressiv …

Sommer 2015 263

Und ich weiß, wenn ich meine speziellen Tabletten nicht nehmen würde, dann würde ich ununterbrochen verbal Amok laufen. 👿

Durch meine Großeltern bin ich tief mit diesem Thema verbunden. Meine Oma (väterlicherseits) wurde im polnischen Łódź geboren und hat nach dem Überfall 1939 durch deutsche Truppen als junges Mädchen Schreckliches erlebt. Meine andere Oma hat die Folgen des Krieges und die widerwärtigen Machenschaften der Nazis nie überwunden und ist quasi daran zugrunde gegangen. Davon, wie es meinem Opa und unendlich vielen anderen Menschen in dieser Zeit ergangen ist, ganz zu schweigen.

Das Thema erschüttert mich zutiefst auch wenn ich zu der Generation gehöre, die eigentlich behaupten kann: Was haben wir denn damit zu tun?

Was wir damit zu tun haben? Wir haben gefälligst dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte sich nicht wiederholt! ❗

Ich werde nie vergessen, was ich damals bei dem Besuch des Konzentrationslagers gefühlt habe… ganz besonders der Moment als ich in dieser Baracke stand. Ich weiß, über dieses Trauma wollte ich schon länger mal schreiben… ich weiß nicht, ob heute der richtige Zeitpunkt ist.

Irgendwie schon …

Aber eigentlich auch nicht, weil dieses Erlebnis tiefer geht als bei manchen die Vorstellungskraft (meine eigene mit einbezogen) reicht.

Moment, ich sage Bescheid, wenn ich mich entschieden habe …

😐

😐

Okay, in Kurzform:

Es war die Abschlussfahrt der 10.Klasse 1994 nach München. Es war schön und wir hatten viel Spaß. Bis zu dem Tag als wir das Konzentrationslager in Dachau besuchten. Ich hatte schon seit dem betreten des Geländes Beklemmungen und fühlte mich extrem unwohl. Ich schob es auf meine allgemeine Bestürzung rund um das Thema, zumal wir ein paar Tage zuvor den Film „Schindlers Liste“ im Kino als schulisches Pflichtprogramm angeschaut hatten. Der Film hat mich sehr erschüttert und berührt.

Dieses Lager war einfach nur schrecklich …

Eine Bildergalerie, mit original Fotoaufnahmen des Lagers, inklusive ärztlicher Dokumentationen von bestialischen Versuchen trieb mir die Tränen in die Augen. Diese abscheulichen Menschen haben den Insassen bei vollem Bewusstsein und ohne Betäubung die Schädel aufgesägt… 😮

Die Bilder habe ich heute noch im Kopf und werde sie auch nie vergessen, obwohl ich hoffte, dass ich durch die kurze Thematisierung mit Altznazi Hinkebein in meinem Buch „Sonst wird dich der Jäger holen“ meinen Frieden damit finden würde. Finde ich aber nicht.

Egal …

Der Besuch hat mich sehr aufgewühlt und ich hatte wieder das Bedürfnis mich zu übergeben. Ich habe im Laufe meines Lebens schon oft festgestellt, dass mein Körper sich in Schocksituationen immer mit Kotzen wehrt. Ich riss mich zusammen. Ich weiß noch, wie ich und meine Freundin Sabine schweigend und betroffen über den Hof schlichen, um uns den Gaskammern, dem Krematorium und den Baracken zu nähern. Ich war wie betäubt und gelähmt. Meine Verarbeitungskapazität nahm sowohl in den Gaskammern und auch beim Anblick des Krematoriums nur das auf, was es noch für erträglich hielt … einen Raum mit augenscheinlichen Duschen … einen großer Ofen … ENDE.

Als wir diese Bereich wieder verließen, dachte ich, ich hätte das Schlimmste überstanden …

Dann betraten wir die Baracken. Es waren eigentlich nur Räume mit unzähligen Hochbetten aus Holz … hier und da stand ein Holztisch, ein Hocker, eigentlich nichts Dramatisches. Ich atmete auf. Irgendwann ging ich in eine Ecke des Raumes, um besser sehen zu können und um mich von einigen scherzenden Mitschülern zu entfernen.

Dann passierte es …

Unerwartet, unbeschreiblich, unerträglich und unabwendbar traf mich dieses „Ding“ mit voller Breitseite. Es schlüpfte in mich hinein und wütete auf meiner Seele und in meinem Herzen. Noch nie gefühlte Emotionen explodierten und lähmten meinen ganzen Körper. Tiefe Trauer, seelischer Schmerz, Angst vor dem Tod, entfesselte Wut und der starke Drang in irgendeiner Form auszubrechen, zu eskalieren, die Kontrolle zu verlieren …

Was war hier los? 😮

Hilfesuchend sah ich einige meiner Mitschüler an, die das taten, was die meisten Jugendlichen taten: Darauf warten, das dieser Ausflug bald ein Ende nehmen und wir endlich zum Oktoberfest gehen würden. Gelangweilt verließen die ersten die Baracke wieder. Keiner hatte etwas von meinem Zustand gemerkt und es bekamen am Ende auch nicht viele mit, wie ich zusammenbrach und hemmungslos heulte. Ich wusste echt nicht, wie mir geschah und ich kapierte auch nicht, warum ich mich die ersten Minuten auch nicht wieder einkriegte. Die begleitenden Lehrer waren schockiert und hilflos, fühlten sich am Ende schuldig, da sie nicht wussten, wie sehr dieser Besuch den einen oder anderen mitnahm.

Klar, hat mich dieses Konzentrationslager schockiert…

Aber das war es nicht …

Es war nur eines von vielen Erlebnissen dieser Art, die ich mir bis zu Beginn meiner Therapie nicht erklären konnte und die mir im Hinterkopf auch immer wieder das Gefühl gaben, in irgendeiner Form „gestört“ zu sein. Denn immer dann, wenn mich diese unerklärlichen „Anfälle“ heimsuchten, war ich mir sicher, dass ich von Emotionen heimgesucht werde, die nicht meine eigenen waren …

Vollkommen irre …

Als ich mich irgendwann auf Recherche begab und mit wenigen Menschen darüber sprach, gab man mir den Tipp, mich damit mal auf die paranormale Ebene zu begeben, immerhin gab es in meiner Familie bereits schon die Begabung mit Toten zu kommunizieren …

Ich ein Medium? 😮

Dieses Thema, ist kein gutes Thema, mit dem ich mich auch nicht gerne auseinandersetze – es sei denn, man kann es wissenschaftlich belegen. Alles andere dulde ich nicht … 😀

Ob ich an eine Form der Kommunikation mit Geistern glaube, fragte mich auch meine Therapeutin, als ich ihr von den Vorkommnissen erzählte, die sich vor knapp zwei Jahren auf einem Rhöndorfer Friedhof abgespielt haben …

Ja, auch dieses Geheimnis lüfte ich nun heute … hier gab es auch einen unfreiwilligen Zeugen, der dieses „Drama“ in mir live miterlebt hat – mein Mann. 😀

Vielleicht sollte ich hier noch dazu sagen, dass ich grundsätzlich ein unglaubliches Problem mit Friedhöfen habe, die ich bis dato auch nur zwecks Beerdigung betreten habe. Und jedes Mal, wenn ich dort war, bin ich immer emotional eskaliert, auch wenn mir die verstorbenen Menschen nicht ganz so nahe standen. Ich habe gefühlt am schlimmsten geheult von allen und war beim Leichenschmaus auch am fertigsten – warum?

Hardcore-Empathie, oder was?

Nein!

Tja, der Besuch des besagten Rhöndorfer Friedhofes war im Rahmen einer Geocaching-Tour. Ich schwöre, es war ein schöner, spannender und sorgenfreier Tag, niemand war gestorben und ich war guter Dinge, dass wir das Rätsel an Konrad Adenauers letzter Ruhestätte lösen würden. Mit Zettel und Stift bewaffnet betrat ich mit größtem Respekt diesen Ort der Ruhe und des Friedens…

Alles war gut, bis ich in diesen Weg bog, an dem sich eigentlich recht alte Gräber befanden. Ich bewunderte gerade die alte Kunst, Grabsteine aus Steinen zu meißeln, als es wieder passierte.

Ich habe es „emotionale Anfälle“ getauft …

Und auch jetzt geschah es wieder unerwartet, unbeschreiblich, unerträglich und unabwendbar. Ich spürte wieder, wie dieses „Etwas“ mich festhielt und sich dann seinen Weg in mein Herz und meine Seele bahnte, um zuzuschlagen. Wieder explodierten meine Emotionen, ich fühlte tiefe Trauer, ich war wie gelähmt. Zu diesen Emotionen gesellte sich dann auch schnell meine eigene Angst vor dieser unerklärlichen Scheiße und der Gewissheit, dass mein Mann es dieses Mal mitbekommen würde. Wie sollte ich ihm das erklären? Was würde er denken? Ich hab ihm ja nicht alles von mir erzählt. 😀

Und es kam, wie es kommen musste, ich fing an zu heulen. Die Emotionen schmetterten mich nieder und ich versuchte mit alle Macht dagegen anzukämpfen, schaffte es aber nicht, was mich wiederum wütend machte. Irgendwann merkte auch mein Mann, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte und fragte bestürzt, was los wäre.

„Nichts! Es ist alles in Ordnung!“

Er ließ sich aber nicht von mir abwimmeln und zog mich vom Gelände. Als wir den Friedhof verließen, fühlte ich mich wieder frei und wie, als wenn nie etwas gewesen wäre. Nur mein Tränen nasses Gesicht verriet, was zuvor geschehen war.

Das machte mich plötzlich unsagbar wütend …

„Was ist los mit dir?“, fragte mein Mann wieder. Es ihm zu erklären erschien mir in diesem Augenblick nicht möglich.

„Was los ist? Das kann ich dir leider nicht erklären. Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung. Ich lass mich doch nicht von so einer Kacke verarschen! Lass uns dieses verdammte Jahreszahl suchen, wird müssen das Rätsel lösen!“

Irritiert ließ er mich gewähren. Frohen Mutes und mit der Gewissheit, dass dieser „Anfall“ wieder nur irgendein Ausrutscher meiner persönlichen Spinnereien war – immerhin hatte ich fast drei Jahre Ruhe – stapfte ich durch das Tor zurück auf das Friedhofsgelände und suchte wütend nach einer bescheuerten Jahreszahl für eine Koordinatenberechnung.

Wieder musste ich auf den Weg mit den drei alten Gräbern und wieder überfiel mich dort dieses unerträgliche Gefühl der Trauer. Ich heulte wie ein Schlosshund, schämte mich dafür, hatte Angst, wurde aufgrund dieser Situation noch wütender und begann laut zu fluchen. Das war auch der Punkt an dem mein Mann einsehen musste, dass die Frau, die er da an der Backe hatte „irgendwie komisch“ ist. Er flehte mich regelrecht an, ihm eine Erklärung abzugeben und bat mich mit ihm den Friedhof zu verlassen … Sorry Andi, für diese (meine) Umstände!! <3

„Komm, das hat doch keinen Zweck. Wir müssen diesen Cache nicht machen, wenn dich Friedhöfe so fertig machen.“

Ich antwortete ihm mit meinem gesamten Situationsfrust:

„Dieser Friedhof macht mich nicht fertig, denn es ist nicht die Erinnerung daran, dass meine Oma gestorben ist und nein, es überfällt mich auch keine allgemeine Traurigkeit oder Mitgefühl beim Anblick von Grabsteinen. Irgendeine andere Scheiße fällt mich hier emotional an und das geht mir gerade tierisch auf den Sack! Ich möchte gar nicht wissen, was du jetzt von mir denkst …?!“

Was er denkt hat er mir zwar gesagt und ich kann damit leben, aber so ganz, ganz ehrlich möchte ich glaube ich auch gar nicht wissen was er gedacht hat … 😀

Ich gab im Anschluss tatsächlich auf und wir fuhren nach Hause, weil ich fix und fertig war. Dieser Cache ist somit immer noch dort und wartet noch auf des Rätsels Lösung. Ich will da ja nochmal hin, doch mein Mann möchte das nicht nochmal miterleben.

Ja, diese Angelegenheit, hat ihn ziemlich erschrocken, vor allem, weil ich ihm das damals nicht so richtig erklären konnte (oder wollte).

Ich hatte mir zwar meine eigene Erklärung zusammen gezimmert, aber die war nicht gesellschaftstauglich. Um so glücklicher war er, als ich vor einigen Wochen jubelnd von einer Therapiestunde nach Hause kam und ihm, von einer Therapeutin bestätigte Erklärung präsentierte:

„Was glauben Sie Frau Lahr? Was ist das, was ihnen da widerfährt? Wessen Emotionen nehmen sie wahr, sind es die Emotionen von Geistern?“

Und ich antwortete ihr:

„Nein! Ich glaube, es sind Emotionen von lebenden Menschen … eine Energieform, die an dem Ort, wo die Emotionen ausgebrochen sind. zurückbleiben. Sagen Sie, kann das sein oder habe ich schlicht weg nicht mehr alle Tassen im Schrank?“

„Wenn Sie mir jetzt die Geisterantwort gegeben hätten, wäre es mit den Tassen schwierig geworden. Frau Lahr, das ist erstaunlich zu was Sie fähig sind! Wissen Sie, Emotionen sind eine gewaltige Energieform, die tatsächlich an einem Ort bleiben können und diese Energie können manche Menschen tatsächlich spüren und in extremer Form auch sprichwörtlich nachempfinden.“

Plötzlich ergab alles einen Sinn …

Das traumatische Erlebnis in Dachau – ich möchte gar nicht wissen, wie viel emotionale Energie bis in alle Ewigkeit an diesem Ort fest verankert ist. Ich erinnerte mich plötzlich an Situationen aus dem Nachtdienst, in dem ich in der Nacht Räume betrat, in denen Stunden zuvor eine Massenschlägerei stattgefunden hatte. Wut und Aggression ist eine besonders intensive Energieform, die scheinbar in mir Unbehagen und ein Gefühlschaos ausgelöst hatte. Dann mein ständiges Unwohlsein, diese chaotischen Gefühle, die ich verspüre, wenn ich in Krankenhäusern und Kliniken bin, obwohl mir selber nichts fehlt und auch der Besuchte nicht zum Sterben hier eingeliefert wurde. Krankenhäuser sind voll von starken (oft negativen) Emotionen … Angst, Trauer…

Ich kann kaum glauben, dass ich das hier schreibe … das sind die Tabletten, die sorgen dafür, dass ich eine große Klappe habe. 😀

Apropos große Klappe …

Zehn Tage ist es her, als ich den letzten Teil zu meinem Schwank aus dem Leben „Ich und der Psychopath“ hier veröffentlicht habe. Ich war nach Teil 1 wie betäubt und konnte nicht glauben, dass ich das echt geschrieben und auch noch „allen gezeigt“ habe.

Aber es war wie ein Befreiungsschlag …

Dann kamen die ersten Reaktionen …

Was mich noch mehr lähmte …

Soweit hatte ich nämlich gar nicht gedacht. Also das diese (meine) Geschichte jemand liest … vielleicht aus Neugierde … vielleicht, aber auch weil es jemanden ernsthaft interessieren könnte? 🙂

Nein, mit den Reaktionen habe ich tatsächlich nicht gerechnet, erst recht nicht, dass auch welche von männlicher Seite kamen. Ja, ich bekam neben Nachrichten von Frauen, auch Nachrichten von Männern, die mein Text in irgendeiner Weise emotional erreicht hat. Es gab sogar jemanden, der in diesen Texten Antworten zu seinen eigenen Fragen fand … <3

Jetzt hab ich gerade vollkommen den Faden verloren …

Ich bin aber auch sowas von Off-Topic heute. Ich wollte eigentlich etwas ganz anderes erzählen. Ich glaube, es ging um die letzten Erkenntnisse und meinen Termin beim Psychiater nächste Woche. Ich mache nämlich ernst und werde mit ihm über das Ende der Therapie via Medikamente sprechen.

Ich will das nicht mehr und ich denke, ich brauche das Zeug auch nicht mehr …

Ich habe keine Angst mehr vor meinen Gefühlen, auch wenn sie mir manchmal nicht in den Kram passen, oft auch mal außer Kontrolle geraten, mit mir durchgehen und mich damit in Schwierigkeiten bringen oder sogar verletzen. Ich will sie einfach nur im vollen Umfang wieder haben, mit allen Konsequenzen. <3

Ich werde sobald es losgeht Tagebuch über das langsame Absetzen schreiben, denn das wird bestimmt lustig, wenn meine Gefühlswelt wieder komplett auf mich hereinbricht … ich freue mich darauf. 😀

Und zum Schluss noch dieses:

Also die, die sich zu Unrecht von mir bei Facebook geblockt oder beim Einkaufen ignoriert fühlen:

„Ich möchte mit euch scheinheiligen Aufrechtdeutschen nichts zu tun haben, denn ich mag euch empathieloses Pack nicht! Ihr nehmt euch so unglaublich wichtig, obwohl ihr nichts weiter seid, als lächerliche Schreihälse, die den Sinn des Lebens noch nicht verstanden haben – leben und leben lassen! Und seid euch sicher: Alles kommt zurück!“

Der Psychopath und ich Teil IV

So, nun kommen wir zum vorerst letzten Teil meiner – zugegeben etwas unfreiwilligen – Serie. Aber wie ich schon zu Beginn erwähnte: Was raus muss, muss raus. Ich will mich nicht mehr länger verstecken. Und ich will auch nicht länger mit dieser Zeit von damals leben, die mich zudem gemacht hat, was ich heute bin, aber von der niemand etwas wusste oder erahnen konnte. Keiner, auch nicht Freunde oder Familie, wussten die ganze Wahrheit. Und ich kann auch nur „in aller Ehrlichkeit“ darüber schreiben, denn darüber reden fällt mir heute noch unglaublich schwer.

Folgender Part handelt von der 24-Stunden-Schock-Therapie in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrischen Klinik. Es darf hier gerne gelacht werden, denn irgendwie ist das Ganze auch zu komisch. Ich musste selbst lachen, als ich diesen ganzen alten Kram las, den ich vor 15 Jahren aufgeschrieben und erst jetzt auch wieder ausgebuddelt habe. Das war der pure Horror, ein Trauma der Spitzenklasse und es war die Schocktherapie, die ich tatsächlich gebraucht habe, um wieder klar im Kopf zu werden.

Unglaublich, was ich da erlebt habe. Aber dieses Unglaubliche und auch alles andere, was ich in meinem Leben erlebt habe, ist tatsächlich die Quelle, aus denen ich heute meine Ideen schöpfe.

Mal sehen, wem hier ein entscheidendes Detail auffällt, dass ich in „Sonst wird dich der Jäger holen“ tatsächlich vollkommen unbewusst eingeflochten habe. Das ist mir selbst auch erst heute beim Lesen aufgefallen … 😀

Wieder wechselt der Erzählstil zwischen Storymodus und Berichterstattung und ist nicht wirklich der schriftstellerische Burner … um ehrlich zu sein, sogar ganz schlecht … sorry. 😮

Der Psychopath und ich Teil IV

Schocktherapie

Gegen 22. 00 Uhr des 30. Augusts, war ich nichts weiter als ein autistisches Wesen, das auf einer Rückbank eines Wagens lag und eine Hand umklammerte, die sie nie wieder loslassen wollte. Das letzte was Ilona noch zu mir sagte, als wir vor der Türe einer psychiatrischen Klinik standen: “Du hast nicht getrunken und auch keine Drogen genommen – das ist dein Vorteil. Ich zwinge dich nun, dich selbst freiwillig einzuweisen, okay? Kannst du mich hören?”

Ich nickte müde…

Und das Letzte was Ilona noch zu mir sagte, als ich von zwei Männern gestützt “abgeführt” wurde: “Du schaffst das, das weiß ich! Wir kennen uns erst ein paar Stunden, aber ich bin wie du und ich hab dich lieb!”

Am nächsten Morgen …

Ich wurde plötzlich wach. Es war dunkel und roch fremd. Meine Kehle war trocken und ich hätte fast gehustet, traute mich aber nicht. Langsam versuchte ich meine Augen zu öffnen. Sie schmerzten und waren verklebt. Geräusche drangen an mein Ohr, die ich nie zuvor gehört hatte. Jedenfalls nicht in meiner Wohnung oder im Schlafzimmer oder in meinem Bett.

Mein Bett? Das war nicht mein Bett indem ich da lag.

Ich wurde nervös und wagte mich nicht zu rühren. Mein Herz begann heftig zu schlagen. Ich tastete neben mich, griff jedoch mit meiner Hand ins Leere. Mein Arm schmerzte. Alles schmerzte.

Wo war ich? Was war passiert?

Ich versuchte nachzudenken und zu verstehen. Es musste doch für alles eine plausible Erklärung geben?! Aber mein Kopf ließ keinen klaren Gedanken zu. Ich sah immer nur Fetzen von Bildern die ich nicht einordnen konnte. Bilder von Thomas, wie er mich böse und vorwurfsvoll anschaute. Bilder in denen ich mich selber sah. Wütend, schreiend und weinend.

Vielleicht war ich gerade nur aus einem bösen Traum erwacht und hatte deshalb solch einen Müll in meinem Kopf? Es wäre in diesem Augenblick meine Wunscherklärung gewesen.

Plötzlich ein Ticken, dann ein seltsames Rascheln.

Was war das? War da jemand im Zimmer?

Jemand atmete. Ein leises, schweres aber regelmäßiges Ein- und Ausatmen. Ich hielt die Luft an, um besser diesen Geräuschen lauschen zu können.

Gott verdammt, wer war das?

Mit großer Mühe und unter Schmerzen versuchte ich mich aufzusetzen. Das Bett knarrte mahnend. Mit aufgerissenen Augen versuchte ich etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Aber ich konnte nichts sehen. Schließlich begann ich vorsichtig meine Umgebung abzutasten. Irgendwo musste es doch Licht geben? Einen Schalter oder irgendetwas anderes?

Suchend glitt meine Hand an einer kalten, glatten Wand entlang. Aber nichts war zu finden. Schließlich stieß ich doch gegen etwas, was sich direkt über meinen Kopf befand. Ich ertastete etwas Rundes und etwas das sich wie einen Schalter anfühlte. Ich versuchte so leise wie möglich zu sein, denn aufwecken wollte ich denjenigen nicht, der sich hier in diesem Zimmer befand und seelenruhig vor sich hin atmete. Jedenfalls nicht solange ich nicht wusste, um wen es sich handelte und wo ich gelandet war.

Zitternd drückte ich diesen Schalter und wie ich es geahnt hatte erleuchtete ein kleines Licht direkt über mir. Fast erschrocken über diese plötzliche Helligkeit versuchte sich meine Augen blinzelnd daran zu gewöhnen.

[Achtung, gläubige Menschen, dürfen den nächsten Part gerne überspringen … quasi weit ab „Weiter im Geschehen“]

Das Erste was ich sah, war dieses kleine Kruzifix, das direkt neben mir an einer gelblich schimmernden Wand hing. Der Anblick machte mich nur noch nervöser. Ich hasste es, immer wieder dieses brutale Bild sehen zu müssen, von einem Mann, dem Nägel durch Hände und Füße geschlagen und der an ein Kreuz gehängt wurde. Warum musste dieses Symbol für Unmenschlichkeit, Trauer, Wut und Hass ständig irgendwo rumhängen oder herumstehen? Dieses grässliche Ding erinnerte mich unsanft daran, wie unchristlich ich doch war und wie sehr mich dieses Kirchenthema schon von meiner Kindheit an nur stresste. Ich fand schon damals keinen Zugang zu diesem gruseligen Gott (ich bin evangelisch getauft), der alles sah, was man tat und auch immer gleich alles schlechte bestrafte, auch Nichtigkeiten. Vor dem Essen beten, vor dem Schlafengehen beten und wehe man tat es nur halbherzig – Gott sieht und merkt alles. Einmal im Jahr schickte er sogar den Nikolaus und Knecht Ruprecht vorbei, die mir dann unter die Nase rieben, dass ich mein Zimmer nicht gerne aufräumte, in der Schule faul und manchmal sogar frech war. Hatte dieser Gott keine anderen Sünder, um die er sich kümmern musste? Ich war verwirrt, fassungslos und teilweise auch echt erschrocken, wie gottlos die Welt um mich herum war, obwohl sie doch alle Gott dienten. Es wurde gelogen, gestohlen, verletzt, missbraucht, hintergangen und gesündigt und doch taten alle so fromm und heilig, dass ich mir irgendwann sicher war, alles was mit Gott zu tun hat, konnte nur eine Lüge sein. Dieser Gott brachte scheinbar nur Böses über die Menschheit und immer dann, wenn ich scharf nachfragte oder auch hinterfragte, wurde ich zurechtgewiesen oder daran erinnert, dass es Gott missfallen wird, dass ich so über ihn denke. Schon mit zehn kam ich zu dem Entschluss, dass ich bei diesem Schauspiel nicht mitmachen würde. Als ich dann aus heiterem Himmel plötzlich meine Periode bekam, muss ich zugeben, das sich für einen kurzen Augenblick (meiner unaufgeklärten Unwissenheit) gedacht habe, dass dies tatsächlich die Strafe Gottes wäre und ich nun in wenigen Stunden sterben würde.

Heute habe eine ganz eigene Ansicht von Gott, die nichts, aber auch rein gar nichts mit der Kirche zu tun hat … <3

Weiter im Geschehen …

Ich sah dieses brutale und verhöhnende Kruzifix und ich hätte es gern von der Wand geschlagen, wenn ich nicht plötzlich von dem Rest des Raumes so erschrocken gewesen wäre. Da war ein weiteres Bett. Es war mit einem Gitter umspannt. Inmitten dieses Gitterbettes lag eine sehr alte Frau. So wie sie aussah, musste sie schon Hunderte von Jahren alt gewesen sein. Ihr Mund stand weit offen und irgendwie sah sie so leblos aus.

Ich starrte sie erschrocken an …

War sie vielleicht tot?

Nein, war sie nicht, denn ihre geschlossenen Augen bewegten sich noch. Und dann war dieses Zucken in ihren Muskeln. Ihre Hände und ihre Füße waren mit breiten grauen Bandagen gefesselt. Die weiße Bettdecke war von ihrem dicklichen Körper gerutscht und gab freie Sicht auf ein geblümtes Nachthemd. Es war ebenfalls ein wenig hoch gerutscht. Ein langer Schlauch ragte zwischen ihren weißen fleckigen Beinen hervor und endete in einem Plastikbehälter. Es war nicht schwer zu erraten, dass dies ihr Urin war. Mit einem Gefühl von steigender Panik wendete ich mich ab. Doch ich hatte noch nicht genug gesehen, um gänzlich in Panik auszubrechen …

Ich hörte plötzlich ein leises Wimmern. Es kam aus dem dritten Bett, das direkt an der Tür stand. Darin lag eine Frau mit langen schwarzen Haaren. Sie hatte mir den Rücken zugekehrt. Sie wälzte sich unruhig hin und her. Immer wieder stieß sie diese schrecklichen Töne aus. Sie schien gerade etwas Unangenehmes zu träumen. Plötzlich schreckte sie hoch, und starrte mich mit großen glasigen Augen an. Sie war ebenfalls bekleidet mit einem geblümten Nachthemd. Wütend drehte sie sich von mir weg und zog die Decke über ihren Kopf.

Wo war ich nur? Wer waren diese Leute?

Die ganze merkwürdige Einrichtung, die Betten, diese Frauen…

Vielleicht ein Krankenhaus? Es war ein Krankenhaus! Hatte ich mich irgendwie verletzt, dass ich in ein Krankenhaus gebracht wurde? Aber verletzt wobei? Warum? Weshalb? Wo war Thomas?

Plötzlich spürte wie sich unaufhaltsam meine Blase meldete. Ich musste wirklich dringend auf die Toilette. Ich setzte mich auf. Und fühlte mich dabei wie eine alte Frau, die mit Sicherheit nur noch wenige Monate zu leben hatte. Vielleicht wie diese alte Frau dort im Bett? Meine Gelenke, jeder einzelne Muskel in meinem Körper schien sich gegen jede Bewegung zu wehren. Ich erschrak, als ich plötzlich an mir herunter sah und feststellte, dass ich ebenfalls ein geblümtes Nachthemd trug.

Wer hatte mich in dieses grauenhafte Teil gesteckt? Wo waren meine eigene Kleidung? Hatte ich überhaupt welche?

Noch bevor ich mir weiter darüber Gedanken machen konnte, hörte ich plötzlich Stimmen und Schritte. Sie kamen von außerhalb dieses Zimmers. Fast panisch knipste ich das Licht aus und verkroch mich wieder unter der Decke. Keine Ahnung warum ich das tat. Aber ich hatte bei dieser ganzen Krankenhausgeschichte ein schlechtes Gefühl. Ich beschloss mich erst einmal schlafend zu stellen und einfach abzuwarten was geschah. Schließlich flog die Tür des Zimmers auf.

„Guten Morgen die Damen“, rief eine freundliche aber bestimmende männliche Stimme. Dann wurden unerwartet und fast brutal die Jalousien des Fensters hochgezogen. Das laute Geräusch dröhnte in meinen Ohren. Ich wagte immer noch nicht eine Bewegung von mir zu geben. Grelles Licht strahlte plötzlich durch das ganze Zimmer. Alles war so schrecklich hell und blendete mich. Ich kniff die Augen zusammen.

Plötzlich spürte ich, dass eine Person unmittelbar neben meinem Bett stand und sich über mich beugte. Erschrocken sah ich auf. Vor mir stand ein junger Mann, der ganz in weiß gekleidet war. Er lächelte freundlich und sagte: „Guten Morgen Frau Lahr, wie geht es ihnen haben sie gut geschlafen?“

Seine Stimme kam mir bekannt vor. Ich setzte mich auf. Und schnell bereute ich, dass ich das getan hatte. Und ich konnte in letzter Sekunde einen lauten Schrei unterdrücken. Mein ganzer Körper schmerzte. Es fühlte sich an als sei ich mit einem Güterzug kollidiert. Und schließlich entwich mir doch ein leises Stöhnen. Später erklärte man mir, dass diese Schmerzen, eine Art Muskelkater, von der extremen Anspannung des ganzen Körpers am Vorabend kamen, ein Nervenzusammenbruch ist somit auch wörtlich zu nehmen.

„Wie fühlen sie sich?“, fragte er wieder.

„Ich weiß nicht“, stotterte ich. „Aber ich glaube ganz gut!“

„Na, das ist doch die Hauptsache. Es gibt gleich Frühstück, machen sie sich ein wenig frisch. Wenn sie etwas brauchen rufen sie.“

Ich hörte seine Worte kaum. Ich war zu sehr damit beschäftigt meine wirren Gedanken zu ordnen. Woher kannte ich ihn? Wo war ich und was war passiert? Die Schmerzen überall. Der Mann drehte sich um und ging.

„Halt, Moment bitte!?“, rief ich fast panisch.

„Ja, Frau Lahr?“

„Was ist denn überhaupt mit mir passiert? Ich kann mich nicht erinnern…“

Er sah mich plötzlich mit einem sehr ernsten und fast mitleidigen Blick an. Er zögerte mir zu antworten. Doch dann legte er seine Hand auf meine Schulter und sagte:

„Machen sie sich keine Sorgen, das liegt an den Tabletten, die sie von uns bekommen haben. Sie waren gestern sehr aufgewühlt. Aber sie werden sich schon bald wieder erinnern. Aber jetzt wird erst einmal gefrühstückt, danach wird jemand mit ihnen darüber reden.“

Er lächelte und verschwand so plötzlich, wie er aufgetaucht war.

Ich war gestern sehr aufgewühlt…? Tabletten? Hilfe, wo war ich denn nur gelandet? Und wo zum Teufel war hier die verdammte Toilette?!

Meine Füße glitten auf den grauen, kalten Linoleum Fußboden. Ich schwankte und mir wurde ein wenig schwindelig. Aus weiter Ferne hörte ich Stimmen. Sie waren fremd und ich verstand nicht was sie sagten. Erst jetzt nahm ich wieder wahr, dass ich nicht alleine im Zimmer war. Die alte Frau lag immer noch wie tot in ihrem Bett. In ihrem Gefängnis. Langsam und behutsam, immer darauf bedacht, keinen unnötigen Lärm zu machen, schlich ich an ihrem Bett vorbei. Doch plötzlich Drang mir dieser unangenehme Geruch in die Nase. Es war ein unbeschreiblicher Gestank und er nahm mir den Atem. Ich kannte diesen Gestank. Nur woher?

Ich dachte nach. Dann fiel mir Mario ein. Mario war ein Junge aus der Nachbarschaft gewesen. Warum um alles in der Welt, konnte ich mich an ihn erinnern? Aber nicht an das, was gestern erst war? Mario jedenfalls hatte einen Hund. Der Schäferhundmischling hieß Timmi. Er war blind und hatte ein altersbedingtes Hüftleiden. Und als es dann mit Timmi langsam zu Ende ging, roch er genau so. Mario sagte immer, es läge an den vielen Medikamenten und schmerzstillenden Präparaten, die er in sein Futter mischen musste. Ich aber dachte immer insgeheim, dass dies der Gestank des Todes sein musste. Und dieser Geruch umhüllte diese alte Frau. Sie stank nach Tod.

Wie gebannt starrte ich auf diese Frau und sie machte mir Angst. Wieso wurde sie durch den Lärm und das Licht nicht wach? Jeder hätte eigentlich bei diesem Jalousienszenario wach werden müssen! Mir lief ein Schauer über den Rücken und ich beschloss in diesem Moment niemals alt zu werden.

Schnell hatte ich diese kleine Nische mit einer Toilette und einem Waschtisch entdeckt. Es gab keine Tür, nur ein Plastikvorhang, der eigentlich normalerweise an Duschen oder Badewannen zu finden war. Ich war mir aber sicher, dass ich in diesem Moment keinerlei Zuschauer hatte und benutzte hektisch die Toilette. Es war ein seltsamer Raum. An den Wänden waren verschiedene Haken, an denen Namen standen. An den Haken hingen Waschlappen. Über dem Waschbecken war ein kleiner Spiegel mit einem Regal. Auf dem Regal standen Zahnbürsten und Becher, die ebenfalls mit den jeweiligen Namen versehen waren. Nur mein Name stand noch nirgendwo, das beruhigte mich ein wenig. Hier auf dem Zimmer lagen wohl Patienten, die längere Zeit schon krank waren, wenn sie schon ihren eigenen Haken besaßen.

Nur flüchtig schaute ich in den Spiegel, denn ich wollte mich nicht sehen. Ich wusste, ich sah schrecklich aus. Dunkle Ränder unter den Augen kleine Kratzspuren im Gesicht und schuppige Haut an den Wangen. Diese Flechten bekam ich doch nur, wenn ich viel geweint hatte?

Hatte ich viel geweint? Aber warum?

Ich drehte den kleinen Wasserhahn auf und wusch mir kurz das Gesicht und die Hände. Das Wasser war eiskalt und es gab auch keine Möglichkeit dies zu ändern. Es gab keinen Temperaturregler. Aber trotzdem tat es gut.

Plötzlich spürte ich, wie jemand den Raum betrat. Es war wie ein Schatten, der sich hinter diesem Vorhang aufbäumte und dort stehen blieb. Ich schluckte und wagte einen Blick durch den Schlitz und erschrak. Das stand dieses Mädchen, die Haare im Gesicht kleben, mit ihrem Blümchennachthemd und starrte mich stumm durch den Vorhang an. Heute, fast 15 Jahre später kann ich diese Erscheinung mit dem schwarzhaarigen Mädchen aus „The Ring“ beschreiben …

Ja, genau so sah sie aus …

the ring

Ja, ich kam mir in der Tat vor, wie in einem Horrorfilm. Damals wusste ich auch noch nicht, dass es „echte“ Menschen gibt, die mir allein mit ihrem Anblick das Blut in den Adern gefrieren lassen. Zudem hörte ich plötzlich auch noch das immer lauter werdende Atmen von dieser alten gefesselten Frau im Hintergrund. Und wieder lief mir ein Schauer über den Rücken.

Ich musste raus hier raus aus diesem Zimmer, ich musste nach Hause!

Energisch riss ich den Vorhang zurück, in der Hoffnung, dass die schwarzhaarige Psychofrau sich in Luft auflöste – tat sie auch, sie lief erschrocken aus dem Zimmer. Ich ging hastig zurück an das Bett, indem ich die Nacht… vielleicht sogar Nächte … verbracht hatte und suchte nach meiner Kleidung.

Schnell raus aus diesem bescheuerten Irren-Nachthemd.

Auf diesem fahrbaren, kleinen Schränkchen fand ich tatsächlich die Hose, das T-Shirt und meine Schuhe die ich … ja, wann genau trug? Ich wusste es nicht. Ich zog sie hastig an und wollte nur noch schnell dieses Zimmer verlassen.

Vielleicht gab es ja irgendwo ein Telefon?

Wieder musste ich an diesem unheimlichen Bett vorbei. Ich fühlte mich fast, wie in einem dieser Schockmomente im Film, in denen plötzlich Tote ihre Augen öffneten und ihre Hände nach einem ausstreckten.

Es war so unheimlich, gruselig…

Und obwohl ich es mir vornahm es nicht zu tun, starrte ich die alte Frau wieder an. Es war wie ein Zwang, von dem ich mich nicht lösen konnte.

Warum war sie gefesselt?

Ich starrte …

Und starrte …

Und …

Plötzlich riss sie ihre Augen auf. Ihre gelblichen toten Augen fixierten mich. Ich stieß einen leisen Ton aus, der schließlich von einem lauten Kreischen übertönt wurde. Aber das Kreischen kam nicht aus meiner Kehle. Sie war es. Sie schrie.

Immer lauter, immer schriller.

Mein Schockzustand, der sich langsam in ein Gefühl der Panik wandelte wurde jäh unterbrochen als plötzlich die Türe des Zimmers aufflog und zwei dieser weiß bekleideten Männer herein platzten.

„Frau Wiehold! Was ist denn los! Wieder geträumt?“

Ich nutzte diesen Augenblick und lief schnell aus dem Zimmer. Ich stand plötzlich in einem schmalen Flur, in dem verschiedene Zimmer angrenzten. Zimmer, in denen die Türen offen standen und ungeahnte Einblicke preisgaben.  Darin waren Menschen, sie saßen regungslos auf Betten, kauerten in Ecken, liefen umher und sie starrten mich mit leeren, lieblosen Augen an. Bis auf einer. Dieser junger Mann tänzelte fröhlich durch den Flur als würde er ein Lied hören, was nur er hören konnte …

Am Ende des Ganges stand die Schwarzhaarige wieder, auch ihre Augen fixierten mich als würde sie nur darauf warten, mich endlich mit ihrem Irrsinn anstecken zu können. Irgendwo hörte ich die alte Frau wieder schreien.

„BRINGT SIE WEG! ICH WILL SIE NICHT MEHR SEHEN! HOFFENTLICH KOMMT SIE DA NIE WIEDER RAUS!“

Diese Worte schossen mir plötzlich durch den Kopf und brannten sich in mein Hirn. Hatte Thomas das wirklich gesagt? Aber warum hatte er das gesagt? Und plötzlich trafen mich alle Erinnerungen wie ein Schlag.

„DICH HABE ICH NIE RICHTIG GELIEBT!“

„WO SIND MEINE ZIGARETTEN?“

„DIE IST TOTAL DURCHGEKNALLT!“

„DIE IST IRRE!“

Verzweifelt, ließ ich mich auf eine der kleinen Holzbänke in dem kahlen, grauen Flur fallen. Ich hatte es wirklich getan! Ich war wirklich nach Lahnstein gefahren, um mich an den beiden für ihre verlogene Scheiße  zu rächen!

Gott was war nur in mich gefahren?! Und jetzt war ich hier! In einer Irrenanstalt?! In einer Klapsmühle?! Wegen einem manipulativen, hirnlosen und empathielosen Arschloch?

Ich konnte meine Tränen nicht mehr verbergen. Ich drückte meine Hände vor das Gesicht und begann leise vor mich hin zu weinen. Die Gewissheit, dass ich hier nun bis in alle Ewigkeit versauern würde, ließ mich innerlich wieder in Panik ausbrechen. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich erschrak und blickte in das nette Gesicht des Mannes, dessen Gesicht ich heute Morgen als erstes sah und wohl gestern Abend als letztes. War er es nicht gewesen, der mir diese blaue Pille gab und sagte: Sie werden sich bald besser fühlen?

„Geht es ihnen nicht gut, Frau Lahr?“

Was sollte ich ihm jetzt darauf antworten? Er dachte doch bestimmt auch ich wäre eine Irre. Dachten das nicht alle hier? Ich war aber nicht irre! Ich war einfach nur OVERLOAD gewesen! Ich musste ihm das sagen! Er musste mir glauben! Doch bevor ich einen Ton über die Lippen bekam, verschlang ein heftiges Schluchzen meine Worte.

Verdammt, reiß dich zusammen! Du darfst jetzt nicht mehr heulen! Erklär ihm, dass es dir gut geht!

„Frau Lahr? Was ist los? Fühlen sie sich nicht gut?“

„Doch, … es ist nur…“, stammelte ich. Er setzte sich behutsam neben mich. In seiner Hand trug er ein kleines Tablett, auf dem kleine Becher standen. Ich erschrak, als ich die vielen Pillen und Tabletten darin liegen sah. Und ich ahnte bereits, dass einer dieser Becher wohl für mich bestimmt war. Irgendwie schien er zu bemerken, dass mich der Anblick dieses Tabletts nervös machte, denn er sagte plötzlich beruhigend:

„Keine Angst, die sind nicht für sie!“

„Sie müssen mir glauben, ich bin nicht so gestört, wie die anderen hier!“

In dem Augenblick als ich mich selbst reden hörte, wurde mir klar, dass wahrscheinlich jeder der hier drinnen war, genau das von sich behaupten würde. Wie also konnte ich ihn davon überzeugen, dass das gestern ein einmaliger Ausrutscher war? Würde er mir glauben, dass ich wieder die liebe und immer friedliche Nicole war? Ganz normal? War ich doch, oder?

„Das in den letzten Monaten war alles zu viel für mich. Ich habe einfach die Kontrolle verloren! Ich bin nicht verrückt.“

„Das glaube ich ihnen, Frau Lahr. Und ich denke, dass sich alles für sie klären wird.“

Seine Worte waren wie ein himmlischer Sonnenaufgang für mich. Nur konnte ich ihm glauben? Schließlich arbeitete er hier und was war, wenn es einer dieser Standartantworten für Geisteskranke war?

„Ich kann mir vorstellen, dass dies alles für sie sehr befremdlich wirken muss und das sie die Menschen hier beunruhigen. Wissen sie, die Patienten, die hier in diesem Bereich sind, haben tatsächlich schwere psychische Probleme. Wir haben hier Menschen mit einer starken Persönlichkeitsstörung, Menschen mit suizidale Gedanken, psychische Schäden, die neurologisch bedingt sind aber auch Schwierigkeiten durch Drogen und Alkohol verursacht.“

Er wusste, dass ich das nicht hören wollte, sah mich dennoch freundlich an  und sagte schließlich:

„Ich frage mal gerade nach wann Herr Drechsler heute Sprechstunde hat. Ich komme gleich wieder.“

Er stand auf und ging schnellen Schrittes den Gang hinunter. Dann verschwand er hinter einer Ecke. Am liebsten wäre ich aufgestanden und ihm hinterher gelaufen. Ich hätte mich an sein Bein geklammert und ihn angefleht mich nicht mit diesen Irren alleine zu lassen. Wie sie durch diesen Flur schlichen … wie sie mich anstarrten … sie machten mit Angst!

Nach unendlich langen Minuten kam er tatsächlich wieder.

„Herr Drechsler kommt heute leider erst gegen 15.00 Uhr. So lange müssen Sie warten. Gehen sie doch erst einmal etwas frühstücken. Das wird ihnen gut tun.“

Ich schüttelte wild den Kopf. Essen? Ich konnte doch jetzt nichts essen! Nicht hier!

„Nein. Ich möchte nur irgendwohin, wo ich nur ein kleines bisschen Ruhe habe. Essen kann ich beim besten Willen nichts. Sagen sie mir bitte wie viel Uhr haben wir?!“

„Viertel nach neun.“

„Ich brauche eine Zigarette! Verdammt, ich habe keine Zigaretten!“

„Wir haben hier einen Kiosk im Haus, wenn sie möchten, dann kann jemand für sie Zigaretten holen.“

„Aber ich habe kein Geld bei mir! Ich habe alles vergessen … verloren!“

Vergessen? Wie hättest du denn auch daran denken sollen, du blöde Kuh! Schließlich war das ja nicht geplant, dass du hier landest.

Er lächelte, dann schaute er sich etwas scheu um. Plötzlich legte er das Tablett ab und kramte in seiner Tasche. Und zum Vorschein kam eine Schachtel Zigaretten. Fast gierig verfolgte ich den Weg den sie in meine Richtung machte.

„Nehmen sie diese, ich hole mir nachher neue. Aber bitte nicht verraten, sonst bekomme ich echt Ärger!“

Wieder lächelte er und am liebsten hätte ich ihn in diesem Augenblick gefragt ob er mich heiraten wollte!

„Normaler Weise haben wir es nicht gerne, wenn der Frühstückstisch nicht vollständig ist. Aber bei ihnen machen wir eine Ausnahme.“

„Warum tun sie das? Warum sind sie so nett zu mir? Glauben sie mir etwa, dass ich nicht Geisteskrank bin?

„Frau Lahr, ich darf mir keine Meinung über sie bilden, ich bin kein Arzt. Aber ihr Pluspunkt ist, dass sie einsichtig waren und freiwillig zu uns gekommen sind. Das war mutig und vernünftig. Ich sage mir immer, wenn man noch in der Lage ist eine vernünftige Entscheidung zu treffen, dann ist nicht alles verloren. Ich habe bei Ihnen ein positives Bauchgefühl. “

Freiwillig? Ich war mit Sicherheit nicht freiwillig hier! Wie kam er denn darauf!?

Ich schaute ihn fragend an, ohne dass ich es eigentlich wollte. Doch dann konnte ich auch das in mein Gedächtnis zurückrufen. Ein Arzt, der mich untersuchte und mir tausende Fragen stellte. Haben sie Drogen genommen? Haben sie getrunken? Nehmen sie Medikamente? Und dann war da doch dieser Zettel. Auf dem stand, dass ich mich freiwillig unter eine temporär psychische Beobachtung stellte … Ilona.

„Frau Lahr, ich muss weiter arbeiten. Dort drüben ist das Raucherzimmer, derzeit sitzen alle beim Frühstück, dann werden sie dort einige ruhige Minuten finden. Und es wird sich alles irgendwie klären, glauben sie mir!“

Dann stand er auf und ging.

Und auch ich verschwand schnell in diesen Raum, auf den er gezeigt hatte. Ein paar Stühle und Tische standen wahllos herum. Irgendwelche Bilder mit sinnlosem Gebilden von Malern die ich nicht kannte, hingen an der Wand.

In einer kleinen Ecke an der Fensterbank stand ein Tischchen auf dem Gesellschaftsspiele und Zeitschriften lagen. Wenn jetzt dort noch ein paar Bauklötze und Spielsachen gelegen hätten, könnte man sagen, es sah in diesem Zimmer so aus wie in einem klassischen Wartezimmer eines Hausarztes. Aber ich war nicht bei meinem Hausarzt …

Ich schleppte mich zu einem Stuhl, der direkt am Fenster stand. Als ich mich setzte, schien plötzlich ein Sonnenstrahl durch die schwarzen daumendicken Gitter und warf einen seltsamen Schatten auf meine Arme und meinen Körper. Schnell erwärmte der Strahl die Stellen, die nicht vom Schatten erwischt wurden. Lange schaute ich mir dieses Spiel an. Ich konnte die kleinen Staubpartikel sehen, die wild umher tanzten. Noch nie habe ich bewusst einen Sonnenstrahl bewundert. Noch nie habe ich hinter Gittern gesessen …

Viertel nach neun?! Dieser Herr Drechsler kam erst gegen drei?

Nervös zündete ich mir eine Zigarette an und starrte wieder aus dem Fenster. Dort draußen, jenseits der Gitter, schien die Sonne und versprach einen wundervollen Sommertag … mir war es gar nicht aufgefallen, dass wir überhaupt Sommer hatten.

Ich zuckte erschrocken zusammen, als plötzlich die Tür des Zimmers aufflog.

„Hallo, junge Frau!“

Und wieder stand ein sehr junger Mann vor mir und lächelte dieses allgemeine, offenbar für Klapsen übliche Lächeln. Er war klein und hatte lange blonde Haare, die mit zu einem Zopf zusammengebunden waren.

„Es ist Zeit einmal ihren Blutdruck zu messen. Aber bitte machen sie die Zigarette aus, sonst stimmt die Anzeige nicht.“

Irgendwie fühlte ich mich durch sein Auftauchen gestört. Aber ich tat wie mir befohlen und drückte die Zigarette wieder aus. Er schien zu merken, das mich seine Prozedur die er vorhatte nicht wirklich erfreute. Hingebungsvoll streckte ich meinen rechten Arm aus.

„Wenn es denn sein muss“, stöhnte ich und wartete auf sein Handeln. Dieser Junge machte wohl gerade eine Ausbildung hier. Denn er wirkte etwas unsicher, als er mir dieses Blutdruckmessgerät um den Arm legte. Erst war er fast zärtlich und dann klemmte er mir eine Hautfalte ein. Aber er versuchte es mit einem Lächeln zu vertuschen. Dann schließlich begann er zu pumpen und drückte seine Finger an mein Handgelenk um den Puls letztendlich festzustellen. Er machte ein ernstes Gesicht. Zu ernst, wenn man die Harmlosigkeit des Blutdruckmessens bedachte. Und irgendwie wirkte er in dieser Position und den dazugehörigen auftreten schon wie ein kleiner Möchtegern-Arzt, der gleich eine niederschmetternde Diagnose aussprechen musste. Herr Hard stand auf einem kleinen Ansteckschild an seiner Brust. Als fertig war, erlöste er mich von diesem doch recht unangenehmen Geschnüre an meinem Arm und lachte.

„Na super, sieht doch sehr gut aus. Besser kann es doch gar nicht sein!“

Er klang fast feierlich, so als ob ich gerade eine Urkunde in irgendwas verliehen bekam. Dann klatschte er jubelnd in die Hände – hatte der Typ nicht mehr alle Tassen im Schrank, oder was sollte dieses Theater?

Nein, DU hast nicht mehr alle Tassen im Schrank und so geht man eben hier mit Verrückten um.

Ich schenkte ihm ein müdes Lächeln. Irritiert wünschte er mir noch einen schönen Tag und verließ das Zimmer.

„Der nächste bitte! Herr Frey! Kommen sie doch einmal zu mir!“ ,hörte ich ihn noch sagen, dann war es wieder still. Und ich saß wieder allein, in diesem kleinen muffigen Zimmer.

Stunden vergingen. Oder waren es Minuten? Zeit, bekam in einer Irrenanstalt tatsächlich eine völlig neue Bedeutung. Warum musste es bis 15.00 Uhr auch so lange dauern? Ich war froh, dass ich alleine in diesem Zimmer war und mich nicht mit diesen Verrückten auseinander setzten musste. Ich schaute wieder zum Fenster hinaus.

Vielleicht würde ich dort eher etwas Interessantes entdecken, was mir half weitere Minuten zu überbrücken? Aber es war vergeblich. Das Zimmer lag mindestens im Zweiten Stock des Gebäudes und außer Sonne, Himmel und dichte Baumkronen in denen ein paar Vögel saßen, war nichts zu erkennen. Schließlich nahm ich mit dem Federvieh vorlieb und schaute an wie sie pickten und tänzelten. Ich hatte noch nie Vögel beim Tänzeln und Picken beobachtet. Und irgendwie schienen sie mich aufmuntern zu wollen. Immer wieder schauten sie zum Fenster hinein und musterten mich und ich glaube sogar, dass sie lächelten. Es war irgendwie schön.

Wieder öffnete sich die Türe und eine alte Frau wurde mit ihrem Rollstuhl hinein geschoben. Ich ahnte, dass mein Wunsch nach Alleinsein nun ein jähes Ende gefunden hatte. Die alte Frau lächelte mich unentwegt an – Lächeln scheint hier an der Tagesordnung zu sein – und begann sich mit zittrigen Händen eine Zigarette anzuzünden. Ich fand es seltsam so alte Leute beim rauchen zu sehen. Irgendwie passten Zigaretten nicht in das Bild von netten Omis. Wenn sie denn überhaupt nett war. Immerhin war sie ebenfalls hier, warum auch immer. Gern hätte ich sie danach gefragt, aber ich traute mich nicht.

„Haben sie bitte einmal Feuer für mich“, fragte sie mich plötzlich mit sanfter Stimme.

„Oh Entschuldigung, natürlich“, sagte ich. Schnell zog ich das Feuerzeug aus meiner Hose und zündete ihr die Zigarette an. Sie lächelte wieder dankbar und schien ihren ersten Zug zu genießen. Ich musterte sie. Sie war gepflegt und ihre schneeweißen Haare waren säuberlich zu einem Dutt zusammengesteckt. Selbst ihre Kleidung wirkte edel. Und ich konnte mir immer noch kein Bild darüber machen, warum sie letztendlich hier war. Sie passte nicht hier hin. Vielleicht war sie einer der Fälle, die ständig ihren verstorbenen Mann sah oder so irgendwas.

„Ist es nicht wunderschön draußen“, fragte sie mich plötzlich. Verwirrt suchte ich nach einer Antwort, denn ich war nicht darauf gefasst, das ich ein Gespräch mit dieser Frau führen musste.

„Ja, sehr schön“, sagte ich scheu.

„Ich heiße Rosa und sie?“

„Äh, Nicole.“

„Nicole, ein schöner Name. Und draußen ist es so schön. Die Vögel, die Sonne…“

Sie wirkte so verträumt und so liebevoll und warm. Ich mochte sie irgendwie.

„Ja, ein wirklich schöner Tag“, erwiderte ich und tat sehr interessiert an einer Weiterführung des Gespräches. Und ich musste zugeben, das ich mich eigentlich noch nie so ausgiebig mit jemanden über das Schönsein eines Tages so ausgelassen hatte. Ich hätte ebenfalls auch nicht gedacht, das ich dies einmal tun würde.

„Ein wunderschöner Tag“, wiederholte Rosa.

„Finden sie nicht auch, Nicole?“

Und ohne darüber nachzudenken, das diese Frau vielleicht wirklich etwas verwirrt sein könnte, hob ich den Daumen und wiederholte:

„Ja, ein toller Tag!“

„Ich wünschte ich wäre tot!“, sagte die alte Frau plötzlich und ihre Miene verfinsterte sich. Ich starrte sie erschrocken an.

„Sagen sie doch so etwas nicht“, sagte ich behutsam, musste aber dann selbst feststellen, dass ich vor gar nicht langer Zeit auch einmal so gedacht hatte. Wenn diese Frau an einem solch schönen Tag unbedingt tot sein wollte, dann hatte sie wohl ihre Gründe.

„Ein wunderschöner Tag heute, nicht wahr? Wie heißen sie eigentlich?“

Dann plötzlich ging wieder die Tür auf und eine weitere alte Dame kam mit langsamen Schritten und mit gesenktem Kopf herein. Als sie sich setzte und mich schließlich mit bösen Augen ansah, fühlt eich mich schlagartig unwohl. Sie  war das Gegenteil von Rosa, die immer noch wie in einem goldenen Sofa in ihrem Rollstuhl saß und inzwischen wieder lächelnd zu Fenster hinaus sah. Diese andere alte Dame jedoch, wirkte boshaft und hasserfüllt. In ihrer rechten Hand trug sie eine Handtasche, die sie fast bis zur Unkenntlichkeit zusammengerollt hatte. Fast wie eine Zeitung. Und sie trug einen Mantel. Einen Mantel in diesem warmen Zimmer? Sie begann irgendetwas vor sich hin zu zischen. Ich verstand jedoch nicht was sie sagte.

„Hallo, du Alte Ziege“, begrüßte Rosa sie strahlend.

„Wer sagt hier Alte Ziege“, fauchte die Frau Rosa an und ich befürchtete, das hier gleich die Hölle losbrechen würde.

„Ist doch ein schöner Tag heute! Klara, warum bist du denn so böse?“

„Die haben mir wieder alles geklaut, dieses widerliche Judenpack. Umbringen sollte man sie! ALLE! UMBRINGEN!“

Und plötzlich warf sie mir einen bösen Blick zu. Am liebsten hätte ich mich ganz weit weg verdrückt, doch dieses Zimmer war zu klein um sich zu verstecken  und außerhalb diese Zimmers wollte ich mich erst recht nicht aufhalten. Ich war zutiefst erschrocken.

„Oh, schon wieder beklaut?“, fragte Rosa mit großer mitfühlender Empörung.

„Ja, alles weg! Mein Geld, meine Möbel und mein Haus!“

Sie begann ihre alte zerfledderte Handtasche aufzurollen und kramte murmelnd darin herum. Es war nicht schwer zu erahnen, das auch sie rauchen wollte. Wer sonst würde sich wohl freiwillig in ein Raucherzimmer setzten?

„Diese bösen Juden! Mein Feuerzeug! Mein Feuerzeug ist auch weg!“

„Klara, ich habe Feuer, Moment.“ Rosa begann ebenfalls in ihrem kleinen Beutel zu kramen. Wusste sie denn tatsächlich auch nicht mehr, dass sie kein Feuer besaß?

Du bist hier in einer Irrenanstalt, vergiss das bitte nicht!

Rosa lächelte mich an und sagte:

„Die Dame, wie heißen sie bitte? Sie haben doch Feuer!?“

Rosa sah mich erwartungsvoll an und ich wusste nicht was ich zuerst tun sollte. Meinen Namen ihr zum dritten mal nennen oder einfach nur das Feuerzeug herausgeben. Ich tat beides.

„So ein Feuerzeug hatte ich auch! Sind sie Jüdin?!“

Langsam wurde die Sache wirklich unangenehm und ich war froh das die Situation durch ein weiteres öffnen der Tür entschärft wurde. Dort stand ein weiterer Pfleger, den ich noch nicht kannte und sagte:

„Frau Hornbach, habe ich ihnen nicht gesagt sie sollen in ihr Zimmer gehen? Dort warten noch ihre Medikamente auf sie!“

„Nein! Ich werde nicht wieder in mein Zimmer gehen! Diebe alles Diebe!“

„Wer hat sie denn schon wieder bestohlen, Frau Hornbach!“

„Die Juden, haben sie die denn nicht gesehen? Was tun sie eigentlich den ganzen Tag? Sind sie Jude?“

Gespannt lauschte ich auf den weiteren Verlauf des Gespräches in der Hoffnung, das Frau Hornbach dem Pfleger gehorchte und das Zimmer verließ.

„Alles weg! Mein Haus, mein Geld und jetzt auch noch meine Tasche!“

„Aber Frau Hornbach, ihre Tasche haben sie doch in der Hand.“

Frau Hornbach hatte jedoch nicht mehr die Möglichkeit sich dazu zu äußern, denn in diesem Moment hörte ich plötzlich laute Musik. Es war verzerrt und klang schrecklich. Wie bei einem Radio, bei dem der Sender gestört wurde. Ich konnte mir nicht erklären, wie dieses Geräusch plötzlich zustande kam. Aber keinem außer mir schien dies zu verwirren. Rosa saß in ihrem Rollstuhl und starrte zum Fenster hinaus. Der Pfleger redete immer noch behutsam auf Klara ein. Doch er musste seine Stimme erheben, da man fast sein eigenes Wort kaum verstand, so laut war das Geschreie von Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir“. Und plötzlich zwängte sich hinter dem Pfleger die Quelle der Störung hindurch. Und im Raum stand dieser glatzköpfige Riese. Auf seiner Schulter ein rosarotes Radio aus dem die Musik heraus dröhnte. Ich war wie versteinert vor Schreck.

Scheiße, wo bin ich hier gelandet?!

Bitte hol mich doch jemand hier raus…

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Ein weiterer Pfleger kam, riss dem Glatzkopf das Radio von der Schulter. Und ich befürchtete schon, das dieser mit einem gezielten Schlag für diesen Raub rächen würde. Doch als der Pfleger das Radio abstellte und damit verschwand, begann er einfach zu weinen.

Er weinte, wie ein kleines Kind …

So wie ich gestern Abend …

KARINA? MEINE PUPPE IST WEG! IHR MÜSST SIE SUCHEN?!

Nachdem diese durchgeknallte Klara den Raum verlassen hatte und auch der Glatzköpfige auf die Suche nach seinem Radio gemacht hatte, dachte ich eigentlich es wäre überstanden. Aber meine Hoffnung keimte nur wenige Sekunden. Es betraten zwei weitere Personen das Zimmer. Die Männer waren wesentlich jünger und ich schätze sie so um die dreißig. Beide setzten sich wie selbstverständlich an einen Tisch und schenkten Rosa und mir keine Beachtung. Und ich war sehr froh darüber. Erst jetzt bemerkte ich , das ich unbewusst mich immer weiter in die hinterste Ecke mit meinem Stuhl verzogen hatte. Sie unterhielten sich eigentlich ganz normal wie zwei Freunde, die sich einiges zu erzählen hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt, wo ich gezwungen war ihnen zu zuhören.

„Wo warst du denn die letzten zwei Tage? Ich hab dich gar nicht gesehen?“, sagte einer der beiden. Er hatte blondes kurzes Haar und trug einen kleinen Schnauzbart. Er war ziemlich dürr und durch sein eng anliegendes T-Shirt konnte man fast die Rippen zählen. Der andere ließ mit der Antwort auf sich warten. Er wirkte unendlich müde und gähnte unentwegt. Und es schien, als ob er gerade erst aus dem Bett gefallen sei, denn seine braunen Haare standen in alle Himmelsrichtungen zu Berge. Er hatte für seine restliche Statur einen ungewöhnlich dicken Bauch.

Schließlich antwortete er träge:

„Ich war mal wieder ein böser Junge! Die haben mich doch wieder gekriegt!“

„Wie hast du es denn wieder geschafft, diese geile Spritze bekommen, du Penner?!“

„Ja“, gähnte der Braunhaarige und versuchte dabei zu lächeln. Die Fratze die er dadurch machte war fast filmreif.

„Hey, ich glaub ich muss auch mal wieder Terror machen, ich will auch wieder so ein Ding haben. Dann haste jedenfalls deine Ruhe. Wieso haben die dich denn wieder zum schlafen gebracht?“

„Die blöde Fotze von Ärztin war der Meinung ich hätte Alk in meinem Zimmer versteckt. Da haben die wieder in meinen Sachen rumgewühlt. Da war ich echt sauer drüber. Da hab ich dem Schwanzlutscher von Karenbach eine gezogen!“

Beide lachten.

„Geile Sache! Und haste Alk?“

„Ja aber jetzt nicht mehr, die haben den gefunden!“

Beide begannen sich aus Papier und Tabak Zigaretten zu drehen. Und sie schienen dabei eine Art Wettkampf zu veranstalten. Ich sah ihnen fast dankbar für diese Abwechslung dabei zu. Doch plötzlich war da dieses kratzen im Hals. Und es wurde immer schlimmer. Alle Versuche ein Husten zu unterdrücken scheiterten und ich hustete los.

„Hey, Frischfleisch“, raunte plötzlich der blonde Mann und sah mich lächelnd an. Daraufhin schlug ihn der Dickbäuchige unsanft auf den Arm und sagte mahnend:

„Hey, du Hirni, spricht man so mit einer Dame?!“

Doch ich brachte kein Wort heraus, so erschrocken war ich. In meiner Verzweiflung lächelte ich nur scheu. Es war ganz offensichtlich, dass auch diese beiden Herren sie nicht alle an der Schüssel hatten. Wie sie tickten? Keine Ahnung! Ich saß in der Falle! Ich wusste eine weitere Judenbeschimpfung oder Ähnliches würde ich nicht überleben…

„Warum bist du hier?“

Ich war nicht wirklich vorbereitet gewesen auf diese Frage und ich hatte keine Ahnung wie ich meine Anwesenheit erklären sollte. Aber eigentlich war die Antwort doch ganz einfach. Ich sagte es einfach wie es war.

„Ich hab gestern Nacht ein klein wenig die Nerven verloren!“

„Wie meinst du das, die Nerven verloren. Hast du jemand Matsche gemacht?!“

Er sah mich an und in seinem Blick war etwas, das mir ein äußerst ungutes Gefühl gab. Seine Augen waren so gelblich und glubschten mich wie ein toter Fisch an. Und dieser Blick gab mir zu verstehen, dass er Details hören wollte. Grausame und blutige Details?

„Nein, es ist zum Glück niemandem etwas passiert“, sagte ich fast eingeschüchtert. Dann herrschte ein kurzes, fast enttäuschtes Schweigen.

„Wie langweilig!“, sagte der Schläfrige, der sich mir anschließend als Eduard vorstellte.

„Da musst du dir Mal anhören, was unser Stevie sich schon alles gelappt hat! Der ist echt bekloppt!“

Der blonde, also Stevie, begann ein seltsamen Kichern von sich zu geben, das fast in einer Art Hysterie zu enden schien. Er begann plötzlich auf seinem Stuhl nervös hin und her zu rutschen. Ich wagte die Frage nicht auszusprechen, die plötzlich in diesem Raum stand. Ich wollte nicht wissen, warum er hier war, denn ich ahnte irgendwie, das es etwas wirklich krankes gewesen sein musste.

„Ja, Mann, besser als dein lächerliche Versuch sich totzufressen, Eddie, gell? Wer frisst freiwillig so viel, dass der Magen platzt?“

„Du sollst erzählen, was DU gemacht hast, Stevie!“, mahnte Eduard.

„Ja, okay! Ich wollte meine Mutter um die Ecke bringen! Aber ich habe es nicht richtig gemacht! Immerhin atmet sie noch, diese alte Hure!“

Sie atmet noch!? 😮

„Aber irgendwann! Irgendwann haue ich wieder ab, und dann mache ich es richtig! Und dann schneide ich ihr die Kehle durch! Dann kann ich wenigstens sicher sein, das sie endlich verreckt!“ Er lachte, laut und schrill und schien immer nervöser zu werden.

Ich stieß einen stummen, endlos langen Schrei aus und betete, dass ich das hier alles überleben werde.

„Komm spiel mit“, rief Stevie plötzlich und begann wieder mit diesem nervösen Gezappel. Er lachte und forderte mich erneut mit einer Handbewegung auf.

Nein! Das konnte er doch nicht wirklich von mir verlangen? Ich konnte doch jetzt nicht mit diesen Irren ein Brettspiel spielen, dass auch noch „Mensch Ärgere Dich Nicht“ hieß!? Was war, wenn sie verlieren würden?

„Spiel mit! Los doch“, sagte Eduard langsam und ruhig. Ich wagte es nicht, ihre Aufforderung zu verneinen aus Angst, gleich mit einem Messer oder Ähnlichem attackiert zu werden, wenn ich ihnen nicht gehorchte? Aber hier gab es doch keine Messer oder? Ich hatte einfach keine andere Wahl.

Wir spielten …

Und ich hatte am Ende diese Tages eine Menge neuer Freunde … 😀

CUT

Ja, wer kann von sich behaupten, dass er schon mal in einer Irrenanstalt mit Irren „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt hat?  😀

Und es geschah noch eine ganze Menge in den vielen Stunden, bis ich schließlich mit dem Psychiater über meine Entlassung sprach. Aber darüber muss ich eventuell doch mal ein Buch schreiben, das war so viel verrücktes Input. Das Mittagessen war beispielsweise sehr unterhaltsam … es flogen erst Erbsen, danach die Fäuste. 😀

Was noch wichtig wäre – so lief das Gespräch mit dem Psychiater ab:

„Uh, da sind aber die Pferde mit ihnen durchgegangen, was?“, sagte der Arzt halblaut, als er sich meinen Einlieferungsbeleg anschaute. Ich starrte ihn erst verwirrt und dann mit Schamröte im Gesicht an. Es dauerte einen kurzen Augenblick, bis mir einfiel, das Ilona gestern Abend mit den Herren sprach, weil ich zum Reden nicht ganz in der Lage gewesen war.

„Wie fühlen sie sich?“

„Gut“, sagte ich, aber dass alles andere als glaubhaft.

Er lächelte wissend und ich fühlte mich ertappt.

„Was möchten sie jetzt von mir hören?“, fragte ich vorsichtig. Denn ich war mir sicher, egal, was ich jetzt sagen würde, er würde mir das Wort im Mund herumdrehen und dafür sorgen, dass ich hier nie wieder herauskam.

„Was ich hören möchte? Wie wäre es mit der Wahrheit?“

„Die Wahrheit…?“ Ich überlegte kurz und sagte dann: „Die Wahrheit ist, dass ich es wohl kapiert habe.“

„Was haben sie kapiert?“

„Ich weiß jetzt, wenn ich mein Leben nicht ändere, dann wird das hier bald mein zu Hause werden und das, Herr Dr. Drechsler, wäre die Hölle! Ich will hier nicht sein und ich will hier nie wieder hin!“

„Das war wohl die ehrlichste Antwort, die ich seit langem gehört habe“, sagte Herr Dr. Drechsler. „Sie können gehen.“

Er klärte mich noch über sämtliche Therapiemöglichkeiten in dieser großen Klinik auf und bot mir einen Platz in der „offenen“ Therapieeinrichtung an, was ich jedoch ablehnte. Ich wollte einfach nur weit weg von dieser „Wahrheit“, die tatsächlich meine komplette Lebenseinstellung und somit auch mein Leben grundlegend veränderte.

Nachdem ich dieses Gebäude verlassen hatte, fühlte ich mich nicht nur befreit, sondern wirklich frei. Der Druck, diese Beklemmungen waren weg. Zwar war ich noch deutlich angeschlagen und vom Geschehen traumatisiert, aber ich spürte wieder etwas. Die Angst vor dem verrückt werden, sorgte dafür, dass ich mich selbst wieder wahrnahm und auch meine innere Stimme erhörte.

Und ich spürte noch etwas. Etwas, was mir der ein oder andere damals als Gottesbegegnung unterjubeln wollte, aber ich sehe es eher als eine Begegnung mit mir selbst. Ja, ich bin mir in jener Nacht selbst begegnet und habe ein ernstes Wörtchen mit mir geredet. Ich habe mich selbst daran erinnert, wer ich wirklich bin, was ich brauche und wohin ich will … weit weg von der Finsternis … wieder ins Licht! <3

Das hat mir Energie gegeben …

Eine unbeschreibliche innere Wärme, die bis heute anhält …

Liebe und Hoffnung …

Hoffnung … weil ich nie mehr in diesem Leben die Hoffnung aufgeben werde, ganz egal, um was es geht.

Liebe … weil es so schön ist, warm zu sein.

Diese Bedeutung habe ich mir mit chinesischen Zeichen habe in den Nacken tätowieren lassen (die anderen vier Zeichen am Rücken sind übrigens die Namen meiner 1. Tochter und des Mädchens, für dass ich damals, nach dem Tod ihrer Mutter da war … siehe unten).

20151108-MG-151

Nicht zu verwechseln mit der heimtückischen und oft auch falsch verstandenen zwischenmenschlichen Liebe, mit der ich tatsächlich nie wieder etwas zu tun haben wollte. Für mich war klar, dass ich mich nie wieder auf einen Mann einlassen werde, weil ich eben nicht für so etwas wie Liebe gemacht bin.

Diagnose: Beziehungsunfähig!

Daran habe ich mich auch ziemlich lang gehalten … 😀

Über 8 Jahre habe ich sogar enthaltsam gelebt …

Ich wäre somit prädestiniert für das Leben in einem Kloster. 😀

Bis mein Mann mir 2010 ein Strich durch die Rechnung gemacht hat! <3

Wie der es geschafft hat, mich zu überzeugen, dass er nicht so ist, wie die anderen … ?

Lange und lustige Geschichte … 😀

Bei Liebesfilmen, krieg ich trotzdem noch heute Würgereiz … sorry!  😀

Aber wie ging es genau weiter damals?

Nach diesem Besuch in der Klapsmühle spielte ich nicht mehr. Ich hatte auch nicht mehr das Bedürfnis danach. Seither habe ich sogar (fast) nie wieder gespielt. Es gab mal einen kleinen Ausrutscher im Jahre 2008 auf lotto.de, aber das war nur ein einziges Mal.

Ich fing ein neues Leben an. Zog in eine neue Wohnung um und arbeitete in einem Baumarkt, in dem ich recht schnell auch Verantwortung für eine Abteilung übernehmen durfte. Das gab mir Selbstvertrauen  … was man von Vertrauen zu anderen Menschen gerade nicht sagen kann. Und damit klar wird, dass ich zwar die Liebe zu mir und meinem Leben wieder entdeckt habe, aber dennoch nicht alles wieder im Lot war, erzähle ich auch nochmal kurz von diesem Carsten, dessen Name in der Geschichte ja oft vorkam:

Einige Wochen später stand der nämlich vor meiner Türe und lud mich zu einem Eis ein. Ich freute mich. Ich mochte Carsten schon immer. Wir waren Kumpels. Er war lieb, humorvoll, einfühlsam, vernünftig und sah verdammt gut aus. Ich wusste, er hätte jede haben können …

Wir unterhielten uns und hatten eine Menge Freude, bis Carsten auf einmal Folgendes zu mir sagte:

„Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich gerne an die Zukunft denken möchte. Die Frau fürs Leben finden Kinder, du weißt schon … ich möchte dich gerne zum Essen einladen.“

Wie bitte? 😮

Er konnte jede haben, JEDE!

Was wollte er also mit mir?

Das war doch ganz klar eine Falle – TSCHÖ! 😮

Heute bin ich mir sicher, er hatte es ernst gemeint … sorry Carsten! <3

Und so war sie geboren, die Zeit des Lichts und der Liebe, die leider nur im Einklang mit Misstrauen und Distanz zu anderen Menschen einher ging. Ich traute einfach niemanden. Die Sozialphobie war geboren, aber das war mir egal, ich war glücklich alleine.

… und was war mit diesem Thomas?

Falsche Frage! 😀

Der stand plötzlich eines Nachts vor meiner Tür stand und bat mich unter Tränen um Hilfe …

Ja, Mann …

Ich hab ihn rein gelassen…

Ein fataler Fehler …

Fuck Empathy!

Ja, ich gebe zu, ich bin einfach so zum kotzen gutmütig, dass selbst meine Therapeutin an dieser Geschichte graue Haare gekriegt hat.

„Warum haben sie ihn reingelassen?! Wenn sie nicht gläubig sind und nicht in den Himmel wollen, was versprechen sie sich von solch übertrieben guten Taten für Arschlöcher, mit denen sie sich selbst ins Unglück reißen?“

Ja, ich weiß …

Nun ja, diese Hilfe hat mich tatsächlich leider weitere 8 Jahre meines Lebens gekostet, auf die ich zum Schutz aller Beteiligten aber nicht großartige eingehen möchte. Es sei nur so viel zu meiner Verteidigung gesagt: Ein Kind, dessen Mutter auf tragische Weise ums Leben gekommen war, brauchte gefühlt  meine Hilfe, weshalb ich mich auf eine Zweckgemeinschaft, inkl. Scheinehe einließ und auch auf die schwierige Aufgabe, Mutter einer 8-jährigen zu sein. Wir lebten unter dem Motto „gemeinsam einsam“ und waren aber kein Paar. Im gleichen Jahr wurde durch EINEN EINZIGEN (!) Moment der Schwäche (wieder ein Trick) wie durch ein Wunder von einem sterilisierten Mann schwanger (der – ach sag bloß – aber nie sterilisiert war).

Fuck Empathy, kann ich auch an dieser Stelle nur sagen …

Es war eine schwierige Zeit, die ich aber mit deutlich geringeren Blessuren meisterte, denn zum Schutz aller Beteiligten kam mein Rottweiler Ben in die Familie. Nein, ihn musste ich nicht abrichten, er handelte aus Liebe. Es gab Menschen, die beschimpften ihn als lächerlichsten Rottweiler aller Zeiten, weil er so ein Weichei war. Aber er war immer an meiner Seite und hat mich und die Kinder vor allem Übel beschützt:

Leider ist er im Sommer 2012 gestorben … 🙁

So, nun komme ich zum Ende dieser Serie …

Und falls die Frage aufkommen sollte:

Nein, ich bereue nichts, denn ich scheue den Butterfly-Effect! <3

„Als Schmetterlingseffekt (englisch butterfly effect) bezeichnet man den Effekt, dass in komplexen, nichtlinearen dynamischen, deterministischen Systemen eine große Empfindlichkeit auf kleine Abweichungen in den Anfangsbedingungen besteht. Geringfügig veränderte Anfangsbedingungen können im langfristigen Verlauf zu einer völlig anderen Entwicklung führen. Es gibt hierzu eine bildhafte Veranschaulichung dieses Effekts am Beispiel des Wetters, welche namensgebend für den Schmetterlingseffekt ist: „Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“ (Quelle Wikipedia)

Ich sehe aber ein, dass sich meine Wege, durch manche Entscheidungen deutlich schwieriger für mich wurden, während sich andere darüber ins Fäustchen lachten …

Ich danke Dir, für das Lesen dieser ganzen Geschichte! <3

P.S.: Seit 2008 rauche ich auch nicht mehr … 😉

Der Psychopath und ich

 

Sorry, heute gibt es hier eine therapeutisch wertvolle Maßnahme – nennen wir es Traumabewältigung vom Feinsten – nichts für schwache Nerven und auch nichts für Menschen, die mich lieben / mögen oder nicht alles von mir wissen wollen.

Tut Euch den Gefallen und steigt spätestens ab der Definition von „Psychopathie“ aus …  sorry.  <3


Oh, da bin ich schon wieder …

Die Abstände meine Einträge werden kürzer …

Liegt vielleicht an Weihnachten …

Dieses Fest ist nämlich so gar nicht mein Fall …

Der Grinch und ich könnten ein tolles Team werden … 😀

STOP! Natürlich freue ich mich für meine Kinder beim Geschenkeauspacken und auch auf das Zusammensein mit lieben Menschen. <3

Dennoch steht Weihnachten definitiv nicht auf meiner Favoritenliste. Meine Therapeutin meinte, das läge an schlechten Erfahrungen aus der Kindheit. Da hat sie wohl nicht ganz Unrecht. Ich empfand es immer als sehr anstrengend, dass Weihnachten immer alles so perfekt sein musste, inkl. Familienfrieden. Einmal kam der Weihnachtsmann nicht zu mir, weil ich frech war … 😀 Meine Schwester hat Geschenke bekommen, obwohl die auch gezankt hat!  🙁

Und heute? Heute finde ich, dieses alljährliche Ereignis stresst, raubt Energie, macht pleite und unnötig sentimental und emotional. Ich merke dieses Übermaß derzeit ganz besonders, denn dagegen können meine Tabletten nichts mehr ausrichten. Gestern bin ich in Tränen ausgebrochen, als ich folgende Meldung von Media Markt bekam:

„Bei der Lieferung Ihres bestellten Artikels „Das Einzige große Weihnachtsgeschenk für meine Tochter“ kommt es bedauerlicherweise zu einem Lieferverzug seitens des Herstellers. Die Lieferung erfolgt voraussichtlich in der Kalenderwoche 03.“  😯

Ernsthaft? 😯

Das könnt ihr mir nicht antun!?  😥

Diese Meldung musste ich erst mal verarbeiten. Allerdings erschien diese beim Anblick eines Bettlers in der Nähe eines Linzer Bankautomatens als lächerliches Luxusproblem. Ich habe diesen Mann schon oft gesehen. Er kniet immer mit einem Becher in der Hand auf einem Kissen, schaut immer traurig und demütig, begrüßt jeden Vorbeilaufenden mit einem freundlichen „Guten Tag“ und … bettelt. Ja, ich glaube, so nennt man diese schreckliche Form des Bittens. Ich ignorierte ihn meistens, mit der Vermutung im Hinterkopf, dass er ohnehin gleich in seinen aus Spenden finanzierten Mercedes steigt … Asche auf mein Haupt! 😳

Zwei  Mal lief ich gestern an diesem knienden Mann vorbei und merkte bei jedem Blick, wie sehr mich dieser Mensch emotional berührte, warum wusste ich nicht. Es war kein Mitleid, sondern eine Form von Verständnis. Verständnis für Situationen im Leben, die einen an die Grenzen und oftmals auch darüber hinaus bringen…

Beim dritten Mal passieren blieb ich stehen und gab ihm mein Kleingeld.

Dieser Blick …

„Ich danke ihnen, Madame!“

Ich wünschte ihm frohe Weihnachten und suchte das Weite …

Warum habe ich das jetzt eigentlich erzählt? Keine Ahnung, wahrscheinlich, um mir den Einstieg in ein ganz besonders schwieriges Thema zu erleichtern.

Ja, ich habe heute Großes vor …

Es ist nämlich so:

Da mein Leben ja derzeit Kopf steht, ich mich ständig dabei im Kreis drehe und deshalb gerade auch gar nicht weiß, wo oben und unten ist, muss ich mich der Situation entsprechend anpassen, und das, möglichst ohne mich zu verbiegen. Manchmal reicht hierbei auch nur ein kleiner Perspektivenwechsel, bzw. ein veränderter Blickwinkel, um Dinge aus einer völlig neuen Sicht zu betrachten.

Das habe ich bei einem meiner Themen getan …

Ich habe seit langem mal wieder etwas geschrieben und habe erstaunt festgestellt, dass, auch wenn mein Talent Geschichten aus der Seele zu schreiben durch die Medikamente ausgeschaltet ist, ich zumindest auf Erinnerung basierende Geschichten verfassen kann. Das funktioniert sogar erschreckend gut und das Ergebnis habe ich Euch heute mit in diesem Blog gebracht. 🙂

Letzte Woche schrieb ich über die existenzielle Wichtigkeit der Liebe in meinem Leben. Heute kommt meine Schattenseite, die zwischenmenschliche Liebe, zu diesem Thema auf den Tisch.

Liebe ist die stärkste Macht der Welt, und doch ist sie die demütigste, die man sich vorstellen kann.“ (Mahatma Gandhi)

Und die Gefährlichste, wenn sie falsch ist, nicht auf Liebe basierend …

Abhängigkeit, Macht, Demut, Angst, Gewalt …

Nachstehend folgt eine Geschichte, die ich mich bisher nie gewagt habe so auf diese Weise aufzuschreiben, da ich nie wieder in diese abartige Opferrolle schlüpfen wollte, denn die habe ich 2008, hoch erhobenem Hauptes verlassen. Nein, Opfer sein will ich nicht mehr und ist auch heute nicht mehr das Problem. Mein Problem ist vielmehr die abgrundtiefe Fassungslosigkeit in meinem Herzen, mich derart so aus den Augen verloren zu haben.

Ich schreibe aus der Sicht eines Täters. Und es hat mich wirklich Energie und Tränen der Verzweiflung gekostet, die Geschichte so umzusetzen, dass ich mich dennoch mit ihr identifizieren kann – allerdings als kopfschüttelnder Außenstehender, der sich immer wieder an den Kopf fasst und denkt: Wie kann ein Mensch sich selbst nur so wenig wert sein?

Und jedem Leser ist es freigestellt, wie viel Wahrheit er in meinen Zeilen sehen will und wie viel er der Fiktion überlässt …

Und …

Ich erwarte von niemand, dass er die folgende Geschichte liest, bzw. den Schritt zur Veröffentlichung und den tieferen Sinn dieser Geschichte versteht. Für mich ist es ein sehr wichtiger Schritt. Es muss raus aus meinem Herzen.

Und wenn es nur einen dort draußen gibt, den ich damit erreichen kann, weil er vielleicht auch Opfer von physischer oder psychischer Gewalt geworden ist, dann habe ich ein kleines Ziel erreicht. Denn, wenn es nur einen dort draußen gibt, der weiß, was Gewalt, Demütigung und ständige Todesangst, auch Jahrzehnte später, mit einem macht, dann fühle ich mich einfach weniger alleine. Und ich finde, manchmal sollte man einfach mit gewissen Dingen nicht alleine sein. Ich weiß, jeder kämpft am Ende seine Schlacht alleine, aber man kann sich gegenseitig stärken… 😉

Das habe ich gestern auch meiner Therapeutin erzählt, die mich fragte, was dieser Blog für mich bedeutet.

An dieser Stelle, bedanke ich mich bei jedem einzelnen Leser! <3

Und nochmal an alle, die mich so in Erinnerung behalten wollen, wie ich heute bin und nicht wissen wollen, wie ich einmal war:

NICHT WEITER LESEN! <3

In diesem Sinne:

Auf geht´s:

Ich lass dich nicht gehen, mein Schatz

Erzählungen eines Psychopathen

Kurz vorweg:

Definition von Psychopathie:

„Psychopathie bezeichnet eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht. Psychopathen sind auf den ersten Blick mitunter charmant, sie verstehen es, oberflächliche Beziehungen herzustellen. Dabei sind sie mitunter sehr manipulativ, um ihre Ziele zu erreichen. Oft mangelt es Psychopathen an langfristigen Zielen, sie sind impulsiv und verantwortungslos. Psychopathie geht mit antisozialen Verhaltensweisen einher, so dass oft die Diagnose einer dissozialen/antisozialen Persönlichkeitsstörung gestellt werden kann.“

(Quelle Wikipedia)

Mein Name ist Thomas – natürlich heiße ich nicht wirklich so -, dieser Name ist nur ausgedacht, um meine wahre Identität zu verbergen. Nicht, dass ich Dreck am Stecken hätte – Nein! Ich habe eine reine Weste, ich habe nie etwas Böses getan. Mir wurde Böses angetan und dafür hasse ich die Menschen. Ja, ich hasse sie. Ich hasse sie so sehr, dass ich auch nichts mit ihnen zu tun haben will. Mit keinem! Ich traue niemand, außer mir selbst. Ich bin heute 50 Jahre alt, gehe einem gut bezahlten Job nach und eigentlich könnte alles in bester Ordnung sein. Die Sache hat nur einen Haken, der mich allerdings nicht weiter stört: Ich bin alleine. Meiner Exfrau habe ich vor kurzem noch gesagt: Nichts kann mich mehr verletzten, denn ich bin schon tot – und sie war es, die mir den Todesstoß verpasst hat. Sie ist Schuld an allem und Schuld, dass ich heute immer noch alleine bin.

11 verdammte lange Jahre verplempert ..

Ich möchte Ihnen heute von dieser Frau erzählen, die es wirklich drauf hat einen in den Wahnsinn zu treiben. Nehmen Sie sich vor ihr in Acht – sie ist der Untergang eines jeden Mannes!

Ich lernte sie vor knapp zwanzig Jahren kennen …

Ich hatte es als Berufssoldat damals wirklich nicht leicht. Das Kasernenleben war öde, ich war ständig von meiner Familie und meinem trauten Eigenheim getrennt. Ich hatte vor wenigen Wochen ein Haus gekauft. Um Geld für die Sanierung zu verdienen, nutzte ich den Feierabend sinnvoll und suchte mir eine Nebenbeschäftigung. Mit einer Bundeswehr Einzelkämpferausbildung im Gepäck und mit jahrzehntelanger Kickboxerfahrung, fand ich schnell einen Job im Sicherheitsdienst. Im Wachdienst war ich gut aufgehoben und hatte meine Ruhe, besonders vor lästigen Weibern. Frauen waren die Pest, der Ursprung allen Übels, sie hatten mich dahin gebracht, wo ich nie hin wollte, im Abgrund meiner Würde. Und doch hatte ich vor zwei Wochen wieder ein solches Wesen geheiratet.

Warum?

Fragen Sie nicht!

Dann sah ich SIE. Sie war eigentlich überhaupt nicht mein Typ. Kurze Haare, nicht die Schlankeste, watschelte wie eine Ente und mir war klar, dass diese Füße noch nie Highheels getragen hatten. Ich beobachtete sie eine Weile. Sie wirkte schüchtern, in sich gekehrt und vollkommen fehl am Platz. Von Selbstbewusstsein keine Spur. Viel zu emotional und ängstlich für diesen Job. Ich konnte mir nicht erklären, warum der Chef sich immer mehr solcher Weiber an den Eingang stellte. Ich fragte jemanden, der sich mit ihr auskannte und bekam die Antwort, dass sie über die Kampfsportschule kam, gerade ihre Ausbildung beendet, Fachabitur begonnen hatte und zum Überleben jobbte. Sie machte ihren Job, trotz anfänglicher Unsicherheit sehr gut, denn mit ihrem ausgeprägten Einfühlungsvermögen und Spürsinn konnte sie Menschen an der Nasenspitze ansehen, wenn sie etwas ausgefressen hatten. Ihre Drogen- und Waffenfundrate war erstaunlich hoch, das imponierte mir. Dennoch hatte sie es wohl bis dahin nicht leicht im Leben. Das in dem Fall nicht ganz so klassische Scheidungskind, geriet viel zu früh in die Fänge von falschen (kranken) Menschen, flog mit 15 wegen Unzumutbarkeit zu Hause raus und kämpfte seither einen unfairen Kampf mit dem Schicksal – Sie sehnten sich eigentlich nur nach Ruhe und Frieden in ihrem Leben. Kenne ich! Aber ich muss zu meiner Schande gestehen, dass mich ihre Geschichte nicht interessierte – das waren in meinen Augen psychologische Luxusprobleme. Sollte sie doch mal in meine Fußstapfen treten, dann hätte sie einen wirklichen Grund sich zu beschweren. Wie konnte man mit 18 psychisch so im Arsch sein? Lächerliches Weichei …

Sie passte nicht in mein übliches Beuteschema, aber sie hatte einen ansehnlichen Hintern und dicke Titten, darauf ließ sich aufbauen. Ich weiß nicht genau, was der Auslöser war, warum ich sie auf Anhieb mehr mochte als mir lieb war. Sie war so anders. Sie lachte über schmutzige Männerwitze, kam scheinbar grundsätzlich besser mit Männern klar, ließ sich allerdings partout nicht von ihnen anbaggern. Sie hörte ihnen zu, gab ihnen Tipps bei Liebeskummer und anderen Problemen und wurde somit zur Männerversteherin gekürt. Nur mich verstand sie nicht und scheinbar hatte sie auch kein großes Interesse daran mich zu verstehen. Für sie war ich nur der ständig schlecht gelaunte, unfreundliche und plumpe Frauenhasser – sie hatte Recht. Irgendwann ging sie auf mich zu und fragte mich – und das mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht – , warum ich eigentlich immer so finster gucke und zu allem und jedem unfreundlich bin.

Warum?

Ich erklärte es ihr. Mein finsterer Blick kam von der Migräne und den Rückenschmerzen, ich musste ständig Tabletten nehmen, richtig schmerzfrei war ich nie. Aber was dich nicht umbringt macht dich nur noch härter – Nachwehen von einem Fallschirmunfall. Irgendwie brachte sie mich auch dazu, ihr von der Operation Desert Storm im zweiten Golfkrieg zu erzählen und auch, dass ich seither einen irreparablen psychischen Schaden habe. Ich bin enttäuscht von der Welt, enttäuscht vom Leben und enttäuscht von der Liebe. Auch erzählte ich ihr bei dieser Gelegenheit, dass ich meine erste Ehefrau vor Jahren Inflagranti erwischt hatte und somit auf Frauen generell gar nicht gut zu sprechen war. Dass ich kürzlich wieder geheiratet und Kinder hatte, verschwieg ich und würde es auch für die nächsten zwei Jahre verschweigen, denn das ging sie gar nichts an. Und Ihre Reaktion auf meine Geschichte war tatsächlich Verständnis und ein Freundschaftsangebot – so von psychologischem Pflegefall zu Pflegefall. Ich war irritiert, ihre Reaktion passte nicht in mein Grundschema.

Tja …

Es dauerte ungefähr drei Monate, bis ich sie überzeugen konnte, dass sich Gegensätze anziehen und ich ohnehin der einzige auf der Welt war, der sie verstand und sich ernsthaft für sie interessierte. Außerdem irrte sie schutzlos und orientierungslos durch ihr Leben, war unfähig und brauchte dringend jemanden, der sie führte. Ich war ein guter Führer. Ich hatte alles im Griff, das zumindest gab ich ihr vor. Der Altersunterschied von knapp 12 Jahren war auch kein Problem, im Gegenteil. Sie bevorzugte die Reife und umfangreiche Lebenserfahrung, dennoch ließ sie sich nur zögerlich auf mich ein. Offenbar traute sie dem weichen Kern hinter der harten Schale nicht so recht: Sie sagte, sie hätte immer so ein komisches Gefühl, wenn wir zusammen wären und sie würde spüren, dass irgendetwas mit mir nicht stimmen würde. Ich hätte etwas Unheimliches an mir, eine negative Aura …

Sie hatte Recht …

Und auch ihre Freunde und ihre Familie hatte Recht …

Ich war tatsächlich eventuell nicht gut für sie …

Ja, ich gebe stolz zu. Ich bin der perfekte Lügner, vielleicht schon krankhaft perfekt und wenn ich etwas verbergen will, dann kommt dies auch niemals ans Licht. Ich behaupte sogar, ich bin imstande den perfekten Mord zu begehen und offenbar spürte sie, dass ich eine Menge zu verbergen hatte. Aber dennoch wollte ich sie von mir überzeugen und wusste, bei dieser Frau war es an der Zeit, Gefühle sprechen zu lassen. Es war also an der Zeit ihr zu sagen, dass ich sie liebe. Emotionaler Scheiß halt. Ich hatte die Hoffnung, dass somit ihr Eis brechen würde. Tja, und dann war es passiert. Sie fiel drauf rein. Sie sah von jetzt auf gleich in mir – trotz aller Gegensätze – den neuen Partner, dass sie nur eine Affäre sein sollte, wusste sie nicht.

Als ich wieder zu meiner Frau und meinem Kind (weit weg) an die holländische Grenze fuhr, erklärte ich ihr, dass ich in einem Sondereinsatzkommando der Bundeswehr arbeitete und eben immer mal wieder plötzlich für eine Zeit lang weg müsste. Sie dürfe keine Fragen stellen, denn das wäre streng geheim. Und wenn sie unsere Liebe nicht gefährden wollte, dann müsse sie das akzeptieren.

Sie akzeptierte es …

Und sie akzeptierte auch, dass ich es sehr gut fände, wenn sie sich von ihren verlogenen Freunden und ihrer Familie distanzieren würde. Sie taten unserer Beziehung nicht gut.

Es hätte alles so gut werden können …

Doch nach ein paar Monaten musste ich mir plötzlich immer mehr Ausreden einfallen lassen. Ich wusste nicht, was auf einmal ihr gottverdammtes Problem war. Dieses Weib stellte immer mehr Fragen! Und das, obwohl wir vereinbart hatten, dass sie keine Fragen stellen sollte. Sie fing an an meiner Liebe zu zweifeln, quatsche mich voll von wegen, sie würde es merken, dass ich nicht ehrlich zu ihr war. Immer wieder musste ich mir neue Ausreden einfallen lassen, um ihr Fragen zufriedenstellend zu beantworten. Das musste aufhören! Es reichte schon, wenn meine Frau mir mit ihrem Gejammer auf den Sack ging. Warum müssen Frauen immer so kompliziert sein?

Irgendwann ließ ich sie mit meinem Wagen fahren – ein BMW war eine andere Hausnummer als ein Twingo – und anstatt mir dankbar für diese Form von Vertrauen zu sein, hatte sie nichts Besseres zu tun, als in meinem Kofferraum herumzuwühlen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihre Einkäufe im Kofferraum platzieren würde, sonst hätte ich die Babynahrung und einen Karton verräterische Papiere schon vorher verschwinden lassen.

Es kamen Fragen auf …

Und ich gab ihr prompt die Antwort.

Als ich mit der Antwort fertig war, saß sie heulend in einem Meer aus zertrümmerten Möbelstücken. Nein, ich habe sie nicht angerührt. Ja, das mit den Möbeln tat mir später leid. Ich hab mich eben manchmal nicht im Griff und es kam öfters vor. SORRY!

Aber irgendwie machte sie mich ständig wütend …

Es machte mich wütend, dass ich etwas für sie empfand …

Ja, ich glaube, ich begann sie wirklich zu lieben …

… und ich war verheiratet!

Als Entschädigung und zum Beweis meiner grenzenlosen Liebe, zog ich mit ihr in eine neue, gemeinsame Wohnung. Es war eine Entscheidung fürs Leben, denn mit diesem Tag, trennte ich mich von meiner Frau und meinem Kind, allerdings ohne das Wissen aller Beteiligten. Für meine Ex war ich einfach untergetaucht, nicht mehr auffindbar und erreichbar, dass sie mich suchen würde, ahnte ich ja nicht. Vermisstenanzeige, Melderegister, plötzliche Briefe an die neue Adresse … ich hatte in Sachen Perfektion noch viel zu lernen.

Die ersten Wochen in der neuen Wohnung liefen ganz gut, bis wieder ungünstige Umstände und Indizien dazu führten, dass sie misstrauisch wurde und Fragen stellte. Wenn dieses undankbare Miststück wüsste, was ich alles für sie aufgegeben habe?! Konnte sie sich nicht einfach damit zufrieden geben, dass ich bei ihr war?

Ich verlor wieder die Geduld und dann die Beherrschung. Diesmal war es anders. Sie schien unbeeindruckt von meinem Wutanfall, den ich auf das Mobiliar im Schlafzimmer richtete, außer dass sie sagte: „Auwaia, mach mal eine Therapie!“

Das hätte sie nicht sagen dürfen, nicht in dieser Situation. Ich hatte schon genug Therapien hinter mich gebracht, die zu nichts führten, weil die ganzen Psychiater keine Ahnung vom Leben hatten…

Fresse halten, Schätzchen, wenn man keine Ahnung hat …

Nachdem ich mit ihr fertig war, konnte sie zwei Wochen nicht vor die Türe. Sie sah schlimm aus und dabei hatte ich extra aufgepasst ihr nicht ins Gesicht zu schlagen. Wegen der Spuren, wissen sie? Dennoch waren ihre Augen so blau, wie nie zuvor …

Es tat es weh sie so zu sehen. Ich hasste sie dafür, dass das passiert ist und ich hasse sie noch mehr dafür, dass sie mich zum Weinen gebracht hat. Ich hatte seit Desert Storm nicht mehr geweint. Meine Tränen haben sie scheinbar mehr schockiert als mein Gewaltausbruch. Sie sagte nichts. Machte mir auch keine Vorwürfe. Das hätte sie sich wagen sollen. Sie war doch selbst schuld?

Sie nahm mich einfach in den Arm. Ich kann solche Zärtlichkeiten nicht ertragen …

„Ich kann es fühlen, dass es dir aufrichtig leid tut.“

„Halt`s Maul und fass mich nicht an!“

„Okay, ich werde mich einfach trennen!“

„Wenn du das tust, lege ich dich um!“

Sorry, war nur ein Scherz …

Denke ich …

Irgendwie war danach der Wurm drin. Sie war misstrauisch und merkwürdig still geworden.  Sie lief wie ein scheues Reh um mich herum, immer auf der Hut, vor einem weiteren Ausbruch. Allerdings lauerte sie aus dem Hinterhalt. Sie wartete auf einen Fehler. Ich wusste, sie würde keine Ruhe geben, bis sie die Wahrheit über mich heraus fand und sie war nahe dran. Ich hatte sie unterschätzt, sie war nicht so dumm, wie ich anfangs dachte. Und ich war mir sicher, wenn sie die Wahrheit herausfinden würde, dann würde sie mich verlassen. Der Gedanke war unerträglich. Das durfte ich nicht zulassen.

Ja, ihre Gefühlsscheiße ging mir auf den Sack und irgendwie waren wir in allem inkompatibel, selbst im Bett. Es machte ihr nie Spaß. Immer wieder beschwerte sie sich, dass ich zu grob sei. Sie stellte sich auch immer an.

Ich brauchte sie.

War das diese Liebe?

Liebte sie mich eigentlich?

Sie hatte es lange nicht mehr gesagt …

[Ich muss an dieser Stelle mal die Erzählform ändern … ]

1999

März

Ich habe gestern Abend vollkommen die Kontrolle verloren. Ich hasse mich selber dafür. Warum hat sie es auch wieder so auf die Spitze getrieben? Wir saßen im Wagen und waren auf dem Heimweg als sie plötzlich dieses Papier aus dem Handschuhfach zog und mich fragend ansah. Sie hatte diese verdammte schriftliche Vereinbarung von mir und meiner Frau, wegen unseres Sohnes gefunden. Sie hatte schon wieder geschnüffelt und ich keine passende Antwort parat. Sie wusste alles! Sie würde mich jetzt verlassen, das wusste ich. Auch wenn sie ruhig war und mich bat ihr endlich die ganze Wahrheit zu sagen, denn sie würde langsam die Geduld verlieren. Ehrlichkeit in der Beziehung sei wichtig… BLA BLA!

BLA!

Die Geduld verlieren?

Ihr Gerede machte mich plötzlich unsagbar wütend. Ich hatte damals meine ganze Familie für sie aufgegeben, bedeutete das denn gar nichts für sie? Ich riss ihr das Papier aus der Hand brüllte sie an. Unsere Blicke trafen sich …

„Beruhige dich bitte. Halt an und wir reden in Ruhe!“

Ich sah, wie ihre Hände zitterten. Sie ahnte scheinbar schon, was kam. Anhalten? Wofür anhalten!? Ich schlug ihr ohne Vorwarnung ins Gesicht. Unendlich lange Sekunden des Schocks und des Schweigens vergingen als sie plötzlich mit blutender Lippe schrie, ich sollte anhalten, sie wolle aussteigen. Ich hielt nicht an. Eine Entscheidung, die sie dazu veranlasste die Türe aufzureißen, um noch während der Fahrt, mitten im finsteren Nirgendwo auszusteigen.

Ich gab Gas und fuhr ihr über den Bürgersteig hinterher. Ich wollte ihr doch nur Angst einjagen. Ich wollte, dass sie einsichtig war und dass sie wieder einstieg und vor allem wieder vernünftig wurde. Doch offenbar glaubte sie tatsächlich, dass ich sie über den Haufen fahren wollte: Sie schrie mich durch das geöffnete Fenster an, ob ich jetzt vollkommen den Verstand verloren hätte, sie umbringen wollte:

„Du bist krank, Thomas!“

Ich mag es nicht, wenn sie so etwas sagt. Ich gab wieder Gas, drängte sie mit dem Wagen an eine Mauer. In ihrer Verzweiflung trat Sie mit aller kraft gegen den Kühler und schließlich auch gegen den Scheinwerfer, der zerbarst. Erschrocken blickte sie mich an und ich wusste, was sie sagen wollte. „Oh, das tut mir leid, dass ich dein Auto kaputt gemacht habe, das wollte ich nicht!“ Ihre Angst, Ihre stumme Entschuldigung, Ihre Tränen machten mich rasend. Konnte dieses Miststück nicht einmal Würde zeigen und sich gegen mich wehren?

Wieder gab ich Gas, doch sie wich aus, flüchtete über die Straße und kletterte über die Leitplanke. Ich wusste, sie würde nicht weit kommen, hinter der Leitplanke war ein relativ steiler Abhang, das Wiedtal eben. Ich stellte den Wagen ab und beschloss ihr hinterher zu rennen. Sie würde ihre Abreibung bekommen und sie würde es nie wieder wagen, mir hinterherzuschnüffeln oder meine Unwahrheiten anzweifeln.

Sie schrie mich aus der Ferne an, dass ich sie in Ruhe lassen sollte und dass es ihr Leid täte, dass sie misstrauisch war. Nein, es tat ihr nicht leid. Dass sagte sie nur, weil sie Angst hatte. Sie begann den Abhang hinunter zu klettern, hielt sich an Bäumen, Sträuchern und Felsen fest.

„Bleib stehen, du blöde Schlampe!“

„Geh weg, lass mich in Ruhe! Du bist Irre!“

Sie hatte wohl vergessen, das ich Bundeswehrsoldat bin, was? Ich habe 5 Menschen erschossen und dieses hysterische Weib im Dunkeln einzufangen war für mich ein Klacks. Außerdem trug sie eine gelbe Trekkingjacke, die leuchtete sogar im Dunkeln. Sie war nicht zu übersehen. Ich holte auf, hatte sie fast eingeholt. Sie stürzte und blieb heulend liegen. Ich hörte ihr panisches Atmen und ihr Flehen, sie einfach in Ruhe zu lassen. Aber ich wollte sie nicht in Ruhe lassen. In dem Augenblick, in dem ich sie an den Haaren packte und mein Gesicht über ihres beugte, passierte etwas Seltsames in mir. Es kam irgendwo aus meinem tiefsten Inneren und entlud sich mit jeder weiteren Sekunde gefangen in diesem magischen Moment, meines Hasses, meiner Verletzungen und meines Schmerzes. Sie allein war Schuld an meinem verkorksten Leben.

Sind das die Momente in denen Menschen andere Menschen im Affekt töten?

Sie kannte die Antwort, genau, wie ich sie kannte…

Sie legte ihre vor Angst zitternden Hände auf meine Wangen und sagte:

„Ich weiß, dass du das hier nicht willst. Ich weiß, irgendwo tief in dir wird das Gute siegen. Lass mich gehen!“

„Halt`s Maul!“

Ich schleuderte sie zu Boden und trat zu. Ich wollte, dass sie ihre dumme Fresse hielt und mich nie wieder mit ihrem emotionalem Scheiß vollaberte und nie wieder das Gute in einem Menschen … in mir … suchte.

Ich schlug auf sie ein, sagte, dass ich sie liebe und spürte, wie ich dabei immer mehr die Kontrolle verlor. In der Dunkelheit sah ich sie nur schemenhaft. Ich spürte nur ihren Körper und etwas Feuchtes auf meinen Händen. Vielleicht Tränen und Rotz, vielleicht auch Blut. Es war mir egal. Irgendwann hörte ich ihr leises Flehen, dass ich sie doch einfach umbringen sollte, dann hätte diese ganze Scheiße ein Ende. Für einen kurzen Augenblick wollte ich ihr den Gefallen tun. Es wäre das Beste für uns beide. Ich umklammerte ihren Hals und drückte zu. Ich drückte zu und konnte nicht mehr aufhören. Verdammt, ich konnte nicht mehr aufhören …

… und sie wehrte sich immer noch nicht!

Unendlich lange, kampflose Sekunden vergingen …

Plötzlich brach die Hölle los. Martinshorn kreischte durch die Nacht, Reifen quietschten, Blaulicht erhellte das Waldstück, mahnend, eindringlich. Ich ließ sie erschrocken los. Türen knallen. Männerstimmen. Taschenlampen, deren Kegel sich ihren Weg durch das Dickicht bahnten und plötzlich auf mich herunter leuchteten. Erst jetzt konnte ich sehen, wie weit unten wir am Hang gelandet waren. Meine Augen suchten nach ihr, doch sie lag nicht mehr da, wo ich sie zuletzt vermutete. Sie hatte die Flucht ergriffen.

Braves Mädchen.

Lauf! Ich glaube, es wäre schlecht, für mich, wenn dich jemand so sieht.

„Hallo? Was ist hier los? Alles in Ordnung mit ihnen?“, rief ein Polizist von der Straße.

Ob mit mir alles in Ordnung war? Natürlich!

Ich stieg ruhig und entspannt hinauf.

„Da hinten ist doch noch jemand! HALT STEHEN BLEIBEN!“

Ein zweiter Beamter kletterte den Hang hinunter und nahm die Verfolgung auf.

Oben angekommen starrte mich ein weiterer Polizist fragend an: „Was ist hier los? Jemand hat uns gerufen, da hier jemand mutwillig von einem Auto angefahren wurde?“

Ich lachte und erklärte ihm, dass dieser Anrufer sicherlich da etwas falsch verstanden hätte. Meine Freundin wäre nur mal wieder etwas „schwierig“, wenn er verstehen würde, was ich meinte. Er verstand es offensichtlich nicht und hielt mich mit ernster Mine fest.

Der andere Polizist hatte aufgehört zu rufen und kam wenig später mit ihr im Schlepptau zurück. Ich stand auf der anderen Straßenseite und erstarrte als ich im Scheinwerfer Licht des Streifenwagens ihr Gesicht sah. Sie sah schlimm aus. Ihr ganzes Gesicht war Blut verschmiert, auch die gelbe Jacke: Es war meine Jacke. Die Flecken werden niemals rausgehen.

Ich rufe den RTW, rief der Beamte meinem Aufpasser über die Straße, woraufhin sie ein schrilles aber entschlossenes „NEIN“ kreischte.

„Ich brauche keinen Krankenwagen, ich brauche eine Knarre!“

Dann rastete sie plötzlich vor den Augen der Polizisten völlig aus.

„Du blödes Arschloch! Ich hasse dich! Ich mache dich fertig! Ich bringe dich um!“

Halbherzig griff sie nach der Polizeiwaffe, wurde aber rasch davon abgehalten, es weiter zu versuchen. Ich wusste gar nicht, dass sie zu derartigen Wutausbrüchen fähig war und das auch noch im Beisein solcher Respektspersonen?

Immer wieder versuchte sie von der anderen Straßenseite zu mir zu gelangen und gab ein lächerliches Schauspiel ab, die nach mehrmaliger Ermahnung durch den Polizeibeamten, fast in Handschellen geendet hätte. Ich verstand nicht, was sie da veranstaltete, aber es gefiel mir. Es war mein Alibi. Ich hatte nichts getan, sie war hier diejenige, die gerade die Beherrschung verloren hatte. Irgendwann verschwand der Beamte mit ihr aus meinem Sichtfeld und sie kamen lange nicht wieder. Das machte mich nervös. Nicht, dass sie am Ende doch noch auspackte … tat sie aber nicht, auch wenn der Polizist lange auf sie einredete und ihr sogar seine Telefonnummer gab – blödes Arschloch! Er wollte sie wohl ficken, was?

Apropos…

Ich wollte mich in dieser Nacht aufrichtig bei ihr entschuldigen. Wollte ein einziges Mal versuchen zärtlich zu sein. Doch sie saß stumm im Wohnzimmer und starrte ins Leere. Das war irgendwie gespenstisch. Sie sah durch mich hindurch und reagierte auf nichts. Nur wenn ich sie berührte, dann zuckte sie zusammen und wurde wie auf Knopfdruck aggressiv.

Ich glaube, ich habe es dieses Mal übertrieben … aus Angst vor ihrer Rache, schlief ich in dieser Nacht mit meinem Schlagstock unter dem Kissen.

Am nächsten Tag habe ich mich selbst angezeigt, in der Hoffnung, dass sie mir glaubt, dass es mir wirklich Leid tut und das sie irgendwie wieder normal wurde. Ihre Antwort als ich sie bat, ihre Aussage gegen mich zu tätigen war:

„FICK DICH!“

Ich finde es toll, wie unglaublich erwachsen und sachlich sie sein kann, wenn es drauf ankommt, dafür hätte ich ihr glatt wieder eine reinhauen können.

Aber ich tat es nicht …

APRIL

Seit diesem Geschehen, war nichts, wie es mal war…

Sie hat einfach nicht mehr alle Tassen im Schrank. Es scheint als hätte sie bei dieser letzten Eskalation ihr Gehirn im Wald verloren. Sie macht nur noch scheiße. Redet wirres Zeug und benimmt sich wie eine Gehirnamputierte. Sie ist ständig am Heulen, ständig besoffen und hat mich allen Ernstes gefragt ob ich eine Dealer kenne. Heute hat sie sich mit einer Schnapsflasche im Schlafzimmer eingeschlossen, hörte ohrenbetäubend laute Musik und sang wie eine Irre mit. Ich höre nie Musik. Ich hasse Musik.Was zum Teufel bringt ihr das?

Mittlerweile lässt sie sich bei jeder Gelegenheit volllaufen, rastet immer wieder verbal aus, verletzt sich selbst. Außerdem lässt sie mich schon lange nicht mehr ran. Sie sagt, sie könne es nicht mehr ertragen von mir oder von überhaupt jemand angefasst zu werden. War mir ohnehin zu anstrengend. Sex kann mit Weibern sowieso nie so gut sein, wie ich ihn mir beim W**en vorstelle.

Und dann schmeißt sie auch noch ständig das Geld zum Fenster raus. Wenn ich sie noch einmal mit einem Geldspielautomat oder im Casino erwische, dann ist sie fällig …

MAI

Das werde ich ihr nie verzeihen!

Diese blöde Kuh hat es wirklich getan!

Sie hat versucht sich umzubringen. Ich fand sie im Wohnzimmer. Sie lag auf dem Boden und war kaum ansprechbar. Im Hintergrund lief Falco. Diese CD lief schon seit Tagen ununterbrochen.

Schlaftabletten…

Auf einem Zettel stand:

Hab mich ergeben …

Muss ich denn sterben …

… um zu leben?

Ich schrie sie immer wieder an und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Fragte sie, ob sie wüsste, was sie da getan hätte und warum sie mich so hassen würde, dass sie mir das antat …

„Lass mich sterben…“

Ich wollte einen Krankenwagen rufen, aber habe es nicht getan. Sie hätten zu viele Fragen gestellt und sie hätten sie in eine Psychiatrie eingewiesen. Dort hätten sie noch viel mehr Fragen gestellt… und sie von mir weggerissen.

Das konnte ich nicht zulassen …

Ich musste sie zum Kotzen bringen …

Ich schüttete so viel Milch in sie rein, bis ihr Magen leer war. Dann legte ich sie ins Bett und hoffte, dass sie irgendwann wieder aufwachte und mir auf ewig dankbar sein würde.

War sie aber nicht …

VORLÄUFIGES ENDE

Wer es bis hier hin geschafft hat, dem danke ich von ganzen Herzen.

Die Fortsetzung aus einer anderen – dann aus meiner –  Perspektive folgt. Und glaubt mir, es wird filmreif und es wird sehr spannend …

In diesem Sinne:

„Wenn man einmal in die Finsternis gesehen hat, vergisst man diesen Anblick nie wieder“,

(Aus dem Film „An american Haunting – der Fluch der Betsy Bell)

Und …

Die Zwischenmenschliche Liebe ist meine größte Angst und tatsächlich Auslöser für meine Angsstörung. Ich weiß bis heute nicht, was Liebe ist und wie es sich anfühlt angstfrei zu lieben, und das tut mir (besonders für meinen Mann) manchmal sehr, sehr leid.  <3

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Wenn die Geister der Vergangenheit spuken

Da bin ich mal wieder und irgendwie weiß ich gar nicht so recht, wie ich nach „Freitag dem 13.“ einen passenden Einstieg finden soll. In meinem letzten Beitrag schrieb ich nämlich über Freitag den 13. und dessen positiver Bedeutung für mich. Allerdings war ich letzten Freitag auch irgendwie schlecht drauf und beschwerte mich über meine anhaltende Schreibblockade und den abartigen Geschmack von Jim Beam Cola. Allerdings hatte ich nicht einmal annähernd daran gedacht, dass mir dieser Text an nächsten Morgen, regelrecht im Hals stecken bleibt. Die volle Breitseite der Realität traf mich mit der Meldung über die Anschlagsserie in Paris, in der Nacht zuvor. Soll heißen, während ich diesen stumpfsinnigen Müll schrieb (und diesen auch in Alkoholform in mich hinein kippte), wurden in knapp 550 Kilometer Entfernung Menschen von geisteskranken Islamisten getötet. :'(

Erschütternd …

Unbegreiflich …

Traurig …

Krank…

Und eigentlich wollte ich den Blogeintrag löschen. Ich lasse ihn aber stehen, um mich selbst immer wieder daran erinnern zu können, was ich am Freitag den 13.11.2015 gegen 22.30 Uhr gemacht habe. Erst diese Tatsache hat mir so richtig vor Augen gehalten, dass es jeden Menschen und in jeder Situation treffen kann … eben dann, wenn man selbst am wenigsten damit rechnet. 🙁

Und ich merke gerade, wie schwer es mir fällt, nach diesem Thema zur Tagesordnung überzugehen, um meinen ganzen angestauten Luxusproblemen freien Lauf zu lassen …

Vielleicht beginne ich damit, dass ich mir gestern Abend, wie jedes Jahr, ein Theaterstück im Nachbarort angeschaut habe. Ja, ich finde Theater ist eine ganz bemerkenswerte Form der Kunst. Allerdings, habe ich es bei den Besuchen in den vergangenen Jahren immer als hochgradig unangenehm empfunden, fast 3 Stunden lang mit so vielen Menschen auf engem Raum zusammen sein zu müssen. Die Stühle sind immer so eng gestellt, dass man regelrecht von Körpern eingekesselt wird und man sich zwangsläufig berühren musste. Meine Intimdistanz wurde somit immer wieder von Fremden durchbrochen, was mich natürlich in Alarmbereitschaft gesetzt hat. Es hatte etwas Bedrohliches, somit war ich bei dieser Veranstaltung immer sehr angespannt.

Zur Erklärung: Die Intimdistanz ist ein Abstand bis 50 Zentimeter oder auch darunter. In diesem Bereich dürfen sich bei mir nur ganz wenige Menschen aufhalten, enge Freunde, Familie, sehr vertraute Personen. Berührungen, Geruchs- und Atemwahrnehmung inklusive. Ja, meine persönliche Distanzzone ist ziemlich hart zu knacken. Wer also von mir freiwillig umarmt oder berührt wird, kann sich darauf etwas einbilden. 😀

Diese eingeschränkte Distanzzone war bei diesen Theaterbesuchen immer eine ganz besondere Herausforderung, die ich aber stets umging. Denn das Einzige, was diesen alljährlichen Horror erträglich machte, waren die durchaus ansehnlichen und humorvollen Aufführungen, inklusive genialer Schauspieler und die Tatsache, dass ich stets in Begleitung dort war. Ich saß also nur neben Menschen, die ich kannte und mit denen ich gemeinsam vor Ort war – es war quasi eine Vermeidungshaltung. Dieser Vermeidungstaktik wollte ich dieses Mal aber einen Strich durch die Rechnung machen und beschloss kurzerhand, mir diesen Horror der geringen Distanz ganz bewusst anzutun. Ich wollte zudem, das Verlorensein testen, es allein in einer Menschenmenge auszuhalten, bzw. Blickkontakt ertragen und ggf. diesen erwidern und mich eventuell auch dem Smalltalkzwang hingeben, wenn ich in den Aktpausen alleine herumstehe. 😯

Ich prüfte so gegen 19.30 Uhr nochmal ganz genau nach, ob ich meine Tabletten genommen hatte … 😀

Ja, und so trug es sich zu, dass ich mich gestern Abend, – nach langem Suchen nach fadenscheinigen Ausreden – sichtlich nervös, auf den Weg machte und „es einfach geschehen ließ“.

Ich betrat mit klopfendem Herzen das mit vielen Menschen gefüllte Foyer und spürte wie sich die anfängliche Anspannung in Unwohlsein änderte. Das Präsentierteller-Feeling stellte sich prompt mit den neugierigen Blicken der wartenden Menschen ein und tat seine quälende Wirkung. Instinktiv reagierte ich mit einem freundlichen Lächeln und einem Kopfnicken, suchte mir schnellstmöglich meinen Weg zur Garderobe, lief dabei an weiteren Menschen vorbei, lächelte, hielt Blickkontakt – verdammt, das Leben kann so einfach sein. 😀

Dann kam die nächste Hürde. Die Suche nach meinem Sitzplatz. Mein Stuhl stand tatsächlich genau in der Mitte des Saals und ich hatte zunächst Schwierigkeiten Reihe und Sitzplatznummer auszumachen. Ich irrte kurz durch die Reihen und hatte das Gefühl, als würden die Stühle in dieses Mal noch enger zusammenstehen, als in den letzten Jahren. Und in der Tat setzte ich mich auf den letzten freien Stuhl mit der Nummer 100 in der 5. Reihe. Links ein Paar, schätzungsweise Mitte 40, rechts von mir eine Gruppe kichernder Frauen mittleren Alters, vermutlich ein Verein. Vor mir ebenfalls ältere Herrschaften, die sich alle kannten. Mein Plan war geglückt, ich war mutterseelenallein unter vielen. 002

Für diesen Fall hatte ich mich mit meinem Notizbuch bewaffnet, um die Eindrücke und Empfindungen aufzuschreiben. Allerdings war das Ergebnis etwas dürftig. Zum einen, weil meine Emotionen sich ja ohnehin derzeit wegen der Medikamente verstecken, zum anderen saß ich mit meinen Sitznachbarn so eng aneinander, dass  sie mir ständig in mein Buch guckten. 😀

Irgendwann ging das Licht aus.  Ich fühlte mich ausgeblendet, ungesehen und plötzlich fühlte ich mich richtig wohl.

Doch dann…

Plötzlich ein lauter Knall, rötliches Licht, wie bei einer Explosion, dann stieg Rauch von der Bühne auf. Aber scheinbar war ich die Einzige, die für einen Bruchteil einer Sekunde dachte, das der Terror nun auch nach St. Katharinen gekommen war. Aber es war nur die visuelle und akustische Darstellung von Teufels Großmutter, die aus der Hölle nach oben gekommen war. 😈

Ja, und dann, nach knapp drei Stunden und einigen Smalltalk-Begegnungen war es dann vorbei. Jedenfalls war dieses Erlebnis eine weitere Erfahrung in meinem Kampf gegen meine Angst vor allem und jeden. 🙂

Ja, ich denke, dieser Bericht von gestern Abend war ein guter Einstieg, für die Tagesordnung, die jetzt folgen wird.

Apropos Tagesordnung …

Ich glaube, es gab in meinem Leben noch keinen Tag, an dem Ordnung geherrscht hat. 😀 Nein, Ordnung ist etwas für die anderen … in meiner Welt regiert das Chaos. Und deshalb waren die letzten Wochen auch wieder die Basis von Verwirrung, Höhenflügen und tiefen Fällen.

Diese Woche hatte ich wieder einen Termin bei meiner Therapeutin und irgendwie dachte ich am Abend vorher darüber nach, dass wir die Hälfte der Gesprächstherapie ja bestimmt bald schon durch hätte und ich sicherlich keine Verlängerung brauchte. Nee, wozu auch?  Die meisten Geister der Vergangenheit hatte ich doch auch schon vorher – und ohne professionelle Hilfe – verjagt!? 😎

Hatte ich doch, oder?

Am Abend vorher lag ich im Bett und suchte nach Schlaf, fand ihn aber nicht. Das war komisch, denn ich konnte in den letzten Wochen, durch die Tabletten eigentlich relativ schnell einschlafen. Dann lag ich da und stellte mir vor, wie das morgige Gespräch vonstatten gehen würde. In der Regel läuft es dort so ab: Wir plaudern ein wenig, ich erzähle ihr, was so in den letzten zwei Wochen gewesen ist und zu welchen Erkenntnissen ich so gelangt bin. Was sollte ich ihr dieses Mal erzählen? Von meinem Empfindungen rund um das Thema Terror? Von meinen syrischen Flüchtlingen (Moslems), die sowohl den St. Martinszug besuchten als auch sich alle wahnsinnig auf Weihnachten, inklusive Kirchgang(!) freuen? Sollte ich ihr von den Eindrücken der Lesung erzählen? Mit ihr über das Phänomen Zähneklappern, vor Angst sprechen? Oder doch über die irritierende Definition von Karma reden?

Was immer ich auch zurecht legte, ich hatte das Gefühl als würde dieser Termin morgen nicht so ablaufen, wie üblich, doch warum? Ich kannte die Antwort und mir kamen die Tränen. Ein ganz bestimmter Geist der Vergangenheit spukt seit einigen Tagen wieder ganz gewaltig und er bringt meine Gegenwart und meine Gefühlswelt vollkommen durcheinander. Ich habe versucht ihn zu ignorieren, doch er setze sich einfach neben mich, läuft mir hinterher, verfolgt mich im Schlaf. 😮

Und ich weiß, die Geister der Vergangenheit, wenn sie wieder spuken, dann muss man sie zum schweigen bringen, sonst beeinflussen sie das ganze Leben. Sie beeinflussen Denken, Handeln und Empfinden. Und ich habe in den letzten Tagen ständig komische Gedanken und Gefühle. Ich reagiere falsch, handle irrational und habe das Gefühl, wie fremdgesteuert zu sein … und daran sind ausnahmsweise nicht die Tabletten schuld. 😀

Er ist wieder da! 😮

Ich muss ihn loswerden …

Nur weiß ich nicht wie.

Vielleicht sollte ich noch dazu sagen, dass dieser spezielle Geist mit Auslöser der Angststörung im August war. Damals gab es ein knapp einstündiges Telefonat mit einem Menschen aus meiner Vergangenheit und ich war reif für die Klapse und dass, obwohl er nur Folgendes sagte: „Ich hole Dich ab und wir fahren zum Media Markt. Ich kaufe Dir den besten PC, den die haben. Ich glaube an Dich und möchte, dass Du in Zukunft vernünftig arbeiten kannst.“  😮

Dieses Angebot habe ich abgelehnt.

Dann kam die Lesung …

Und dieses Foto …

That´s me!

Was siehst Du?

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Einen Dank nochmal an den großartigen Fotografen! <3

Noch nie hat ein Bild von mir so viele gemischte Gefühle aufgerufen, wie dieses. Es sagt genau das aus, was ich heute bin, aber auch irgendwie das, was ich mal war.

Und damit dieser Geist der Vergangenheit wieder dort verschwindet, wo er hergekommen ist, werde ich Folgendes tun:

Es wird Zeit, zu seinen Narben zu stehen… ich will sie nicht mehr länger ignorieren und leugnen … will nicht länger ein Geheimnis daraus machen, weil ich mich schäme.

Schämen soll sich ein anderer!

Das ist für Dich, Geist der Vergangenheit!

Siehst Du das Bild dort oben? Das bin ich! Ich bin gar nicht so hässlich, wie Du es mir immer einzureden versucht hast. Und siehst Du das Mikrofon? Ich habe aus meinem Buch vorgelesen und es gab Menschen, die mir zugehört haben. Nur ein Beweis dafür, dass du unrecht hattest, als Du mir all die Jahre versucht hast einzureden, dass ich unfähig bin, nichts könnte und nichts richtig mache. Jedes Wort, welches ich schrieb hast Du als Zeitverschwendung betitelt und hast alles dafür getan, dass ich es jahrelang aufgab. Heute verdiene ich sogar Geld damit! 

Du hast es damals mit Deinem manipulativen Gelaber sogar geschafft, dass ich mich komplett aus dem sozialen Leben zurückzog, mich versteckte und mich nicht mehr unter Menschen traute. Freunde und Familie gab es nicht mehr in meinem Leben. So hattest Du mich für Dich allein. Und Du hast mir auch deutlich zu verstehen gegeben, dass es niemanden auf der Welt gibt, der es gut mir mir meinte, außer Dir.  Und ja, Du hast es immer gut mit mir gemeint, besser als mir lieb war. Du warst der Mächtige, der sich herabgelassen hatte, sich so lange mit einem Miststück, wie mir abzugeben. Du warst der Große, dem ich dankbar sein musste für all die Zeit, die Du mit mir verschwendet hast und dem ich dankbar sein musste, dass ich überhaupt noch atmete.

Du hattest nie ein Recht dazu, mich auf diese Art und Weise an dich zu binden. Leider habe ich Dir freiwillig dieses Recht eingeräumt, weil ich schwach war. MEA CULPA – MEA MAXIMA CULPA! Meine Schwäche hat Dich feierlich eingeladen, mit mir zu spielen, mich zu verachten, mich herumzuschubsen, mich anzuspucken, mich immer wieder zu schlagen und zu treten. Wie oft hab ich mich in all diesen Jahren von Dir zusammenschlagen lassen? Prellungen, Platzwunden, Gehirnerschütterungen und eine gebrochene Nase. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Ich habe mich nie gewehrt, obwohl Du weißt, dass ich es gekonnt hätte. Warum? Weil ich ein absolut friedfertiger Mensch bin und Dich nicht verletzen wollte!

Klingt ziemlich lächerlich, oder?

Ja, so bin ich eben und es ist gut so, wie ich bin. Ich weiß, ich hätte Dich damals in den Knast bringen sollen, als ich es noch konnte – weiter einstecken, resignieren, ignorieren, ausharren und warten, dass es besser werden würde, war eindeutig der falsche Lösungsweg.

Du bist klein geworden. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, war ich sogar größer als Du – das hat dich irritiert, was? 

Dein Bankkonto macht Dich übrigens auch nicht größer …

Die Sache mit dem PC … ein netter Versuch mich wieder in die verpflichtende Dankbarkeit zu stürzen … ich hab inzwischen einen Rechner!

Und überhaupt lebe ich heute sehr gut ohne Dich! Und ja, ich gehe wieder unter Menschen und Du kannst mich nicht davon abhalten. Kannst mich nicht mehr einsperren, manipulieren und verunsichern.

Heute bist Du nur noch der Geist der Vergangenheit. Manchmal kommst Du in der Nacht und willst mich wieder jagen, mir Angst machen, mich beherrschen … aber auch das wird irgendwann aufhören.

Sieh Dir nochmal dieses Bild und mein Gesicht an – nein, ich bin nicht hässlich nur weil Du mich gezeichnet hast – ich liebe jede einzelne Narbe!

Nein, ich hasse Dich nicht. Ich weiß, dass es Dir im Grunde Deines Herzens leid tut. Du bist bloß ein armer, psychisch kranker Mensch, der seine Therapie lieber nicht abgebrochen hätte. 

Aber eines weiß ich jetzt ganz sicher: What Goes Around, Comes Around – alles kommt zurück.

Du bist heute alleine.

Ich nicht. <3

 

Ohne Angst, ist alles doof …

Nein, ich habe mich bei der Überschrift nicht vertippt – das ist mein Ernst!

Achtung! Es folgt jetzt möglicherweise so etwas wie Jammern auf hohem Niveau… aber das muss auch mal sein. 😀

Ja, nach einer weiteren traumreichen und nicht sonderlich erholsamen Nacht, habe ich mich daran erinnert, dass es mal wieder Zeit ist, inne zuhalten. Einfach mal bremsen, in mich rein hören, versuchen zu verstehen, was da los ist und darüber schreiben. Ich sehe gerade, es sind ja auch inzwischen schon ganze 4 Wochen vergangen als ich das letzte Mal etwas geschrieben habe. Und wer ist es Schuld? Ja, genau … das Medikament Paroxetin 20 mg. Ein Wundermittel gegen generalisierte Angststörung und es hat nach inzwischen 4 Wochen Eingewöhnung (auf eine relativ geringe Dosis) seine komplette Wirkung entfaltet. Aber dazu später mehr, ich muss anders anfangen. 🙂

Es war (untertrieben gesagt) ein bisschen viel los in den letzten Wochen. Mein Leben steht wieder vollkommen auf den Kopf – ja, noch mehr als vorher – und fordert mich ganz schön heraus. Ein Grund hierfür ist meine ehrenamtliche Tätigkeit als Patin für eine 5-köpfige Flüchtlingsfamilie, die derzeit meinen Tagesablauf voll bestimmt und mir ein Abenteuer der ganz besonderen Art beschert. Gerne werde ich diesem Thema einen gesonderten Blogeintrag widmen, denn das ist wirklich eine Herzensangelegenheit, aus der ich auch eine Menge positive Erfahrungen (auch aus therapeutischer Sicht) ziehe. Gebt mir hiermit noch ein bisschen Zeit, bis sich das alles eingependelt hat und ich die ganzen ersten Eindrücke selbst fassen kann. 🙂

Und wenn ich ehrlich bin, kann ich im Moment irgendwie so gar nichts richtig fassen …

Zum Beispiel, dass ich inzwischen Herausforderungen meistere, bei denen ich vor zwei Monaten noch kläglich gescheitert wäre. Ich durfte (auch aufgrund der ehrenamtlichen Tätigkeit) viele neue Kontakte knüpfen, große Verantwortung übernehmen, existenzielle Gespräche und unzählige Telefonate führen. Das soziale Leben hat mich wieder. Ich streite mich mit rechtsextremen und empathiebehinderten Menschen, nehme in Kauf, dass sie mich beschimpfen und bedrohen (oder den Anrufbeantworter vollrülpsen). Und ich freue mich jedes Mal, wenn ein weiterer verbaler Tiefschlag sein Ziel meilenweit verfehlt, weil ich imaginär ausweiche. Und das funktioniert perfekt, weil ich keine Angst mehr habe oder besser gesagt, das Gefühl von Angst nicht mehr spüre. Ja, so wie ich mein neues Lebensgefühl im letzten Beitrag so euphorisch beschrieb, ist es auch nach wie vor, meine Grundangst ist weg und jeder noch so kleine aufkommende Zweifel wird mit „Coolness“ ins Aus gekickt. Ich funktioniere, dank optimaler Einstellung der Medikamente und das ist auch eigentlich gut so…

Eigentlich …

Ja, ich gebe zu, so euphorisch, wie vor 4 Wochen bin ich dann doch nicht mehr…

Warum?

Das ist gar nicht so leicht zur erklären…

Ich versuche es mal so:

Letzte Woche kam ich in die Bedrängnis, mir etwas Ruhe zu verordnen. Es war eine Gastroenteritis, ein Magen-Darm-Infekt, den ich mir von meiner kleinen Tochter eingefangen hatte. Diese Krankheit hatte ich seit 25 Jahren nicht mehr und sie traf mich so heftig, dass ich mir ernsthaft Gedanken um mein nicht vorhandenes Testament machte. Und während ich da so auf der Couch lag und darauf hoffte, dass es schnell mit mir zu Ende gehen würde, fiel mir auf, dass ich mir kaum Gedanken, um mein verwaistes E-Mailpostfach machte. Ich sorgte mich weder um Nachrichten, noch über unerledigte Aufträge und ich sorgte mich auch nicht – wie einst üblich – um meine berufliche Existenz. Ja, die Existenzangst ist tatsächlich die größte Angst, die mich vor Wochen noch fest im Griff hatte. Als Freiberufler weiß man eben nie, was der Monat bringt und zudem ist die zu erledigende Arbeit vollkommen abhängig von mir und meinem Gemütszustand. Schreibblockaden und Einfallslosigkeit lauern an jeder Ecke und wehe, irgendetwas beschäftigt mich unbewusst, dann wird jeder Text zu einer Zumutung. Krank werden war für mich übrigens ein absolutes No-Go!

Jetzt lag ich schon seit zwei Tagen auf der Couch, arbeitete dementsprechend nicht, ohne mir über die Folgen von drei Tagen E-Mails ignorieren und echt krank zu sein Sorgen zu machen (ich bin wahrscheinlich für immer ruiniert). Überhaupt hatte ich mir seit Tagen nicht mehr Sorgen um irgendetwas gemacht. Selbst mein selbst fabriziertes Chaos wegen meiner Unwissenheit über die Pflichtabgabe einer Umsatzsteuererklärung (nicht zu verwechseln mit einer Einkommenssteuererklärung) und den dazugehörigen Telefonaten mit dem Finanzamt, inklusive Versäumniszuschlägen, brachten mich nicht einmal annähernd in Unruhe. Ich fand`s halt „nur nicht so gut“ auf einen Schlag so viel Geld loszuwerden.

Wahnsinn, was solche Pillen alles bewirken können … 😮

Und während ich da so regungslos auf der Couch lag und gegen das Kotzen ankämpfte, dachte ich darüber nach, wie ich auf so eine Finanzamtnachricht noch vor Wochen reagiert hätte.

Tja ..

Ich hätte damals den Brief gelesen und währenddessen gespürt, wie mein Herz schneller zu schlagen beginnt. Hitze wäre mir in den Kopf gestiegen, dicht gefolgt von einem leichten Zittern in den Händen. Panik würde sich breit machen. Sicherlich wäre mir recht schnell ein „Fuck!“, über die Lippen gerutscht. Ich hätte mich hingesetzt, mir nervös die Haare gerauft und versucht zu verstehen, was ich da schon wieder nicht kapiert habe, dass man mir 250 € Versäumniszuschlag aufbrummt, obwohl ich meine Steuererklärung doch schon längst abgegeben habe. Was zum Teufel ist eine Umsatzsteuererklärung? Ich hätte das Finanzamt angerufen und ihnen mitgeteilt, dass es mir leid tut und dass ich manchmal etwas schwer von Begriff bin (besonders, wenn es um Zahlen geht). Wahrscheinlich hätte die Frau vom Finanzamt meine Verzweiflung durch das Telefon gehört und mir geglaubt. Dann hätte ich aufgelegt und wahrscheinlich ein bisschen geheult, weil ich nämlich grundsätzlich immer heule, wenn ich sauer (auf mich selbst) bin. Mein Mann würde sicher fragen, was los ist. Ich würde es ihm erklären, doch da er mit Buchhaltung und Steuern vollkommen überfordert ist, wird er eventuell so Dinge sagen wie:

„Vielleicht solltest du dir mal einen Steuerberater suchen. „

„NEIN! Kann ich alleine!“

„Scheinbar nicht … siehste ja.“

„Scheidung!“

Der Haussegen hätte tagelang schief gehangen, weil diese negative Emotionsflut, inkl. Angst, meine Verarbeitungskapazität überschritten hätte und es zu einer meiner berühmt berüchtigten Überreaktionen gekommen wäre. 😀

Tja… heute lese ich diesen Brief, lege ihn beiseite und beschäftige mich seelenruhig mit etwas anderem … hm … unfassbar. Es geht mir sprichwörtlich am Arsch vorbei … ? 😮

So etwas gibt es bei mir eigentlich nicht!

Eigentlich…

Irgendwann fragte ich meinen Mann, wie er denn so die neue Nicki findet und ob diese neuen Charaktereigenschaften ihn beeindrucken. Er erklärt, dass er die Veränderung gut findet. Ich wäre irgendwie so gelassen, ruhig, mutig, weit entfernt von Überreaktionen… ich wäre allerdings auch etwas angriffslustiger und manchmal auch merkwürdig reserviert … cool eben.

Hm … reserviert … quasi distanziert und zurückhaltend … cool … also unterkühlt … gleichgültig … emotionslos … ja, stimmt, so fühlte ich mich. 😮

Ich weiß nicht, wie oft ich mir in meinem Leben sehnlichst gewünscht habe nichts mehr fühlen zu müssen, meistens dann, wenn mich Gefühle verletzten und es irgendwo tief in mir drinnen wehtat. Und wie oft hatte ich mir auch vorgestellt, keine Angst mehr zu haben. Und jetzt, wo es so ist, wie ich es mir einst doch so gewünscht habe, stelle ich fest, dass ein Leben ohne, bzw. mit abgedämpften Gefühlen scheiße und unbefriedigend ist… ja, es ist unbefriedigend auf allen Ebenen! 🙁

Ich vermisse meine Gefühlswelt und den dazugehörigen Dachschaden. Ich vermisse die Intensität, das tägliche Abenteuer des Fühlens, meine überschwängliche Freude und Begeisterung über Kleinigkeiten, meine Ängste, meine Liebe, meine Leidenschaft, meine Fantasie, meine Übertreibungen, meine Überreaktionen, inklusive Kurzschlusshandlungen … ja, ich vermisse sogar meine (teilweise auch irrationalen) Ängste und Sorgen. All das war mein Antrieb … jetzt herrscht bei mir seelischer und emotionaler Stillstand. 😮

Dieser Stillstand ist eine eher seltene Nebenwirkung des Medikaments Paroxetin. Es nennt sich Depersonalisation und bedeutet den Verlust des Persönlichkeitsgefühls. Ja, ich bin in der Tat nicht mehr ich … etwas, wovor ich ziemlich Angst hatte, und jetzt ist es eingetroffen. Ich irritiere die Menschen in meinem Umfeld, weil ich selbst irritiert bin. Ich erkenne mich nicht wieder und handle teilweise gegen meine Natur.

Ich war und bin von meiner ersten Geburtsstunde an ein Gefühlsmensch gewesen. Mein Verstand steht an zweiter Stelle und hat selten die Oberhand. Ich beurteile Menschen, ich handle und ich treffe Entscheidungen aufgrund meiner Intuition, die ebenfalls auf Gefühlen basiert. Jetzt ist diese Fähigkeit ausgeschaltet. Meine Gefühle sind ausgeschaltet. Ich bin nicht mehr in der Lage Prioritäten zu setzen, weil ich die Priorität aufgrund mangelhafter Empfindungen nicht sehe. Freude, Begeisterung, Liebe – Fehlanzeige. In mir herrscht eine unterschwellige Gleichgültigkeit, die lt. Arzt zur Heilung beitragen soll. Es ist die Erholung von Körper und Geist von einem jahrzehntelangen Bombardement an Emotionen …

Nur nachts, in meinem Träumen, (die durch die Medikamente intensiver und realistischer sind), bekomme ich die komplette Breitseite meiner Emotionen zu spüren … zusammenhangslos, bescheuert, verletzend, irrational, schwachsinnig, verwirrend, erschreckend, falsch und irgendwie doch tiefsinnig.

Das gefällt mir nicht! 😮

Dieser Therapieteil nimmt mir gerade die Grundlage meines Seins und damit komme ich gerade nur schwer klar …

Ich will wieder ich sein!

Menno! 🙁

Danke, für´s Lesen, bis bald mal wieder … <3

Hier mal ein Video aus dem Jahre 2008 – so viel zum Thema Emotionen, Kurzschlussreaktionen und Anschreiben von Behörden… that`s me!!! 😀

Im Wartezimmer eines Psychiaters und über andere Schlüsselerlebnisse

Mann, fast drei Wochen nix mehr geschrieben …

Es ist so viel passiert in den letzten Tagen, dass ich gar nicht weiß, wo und wie ich anfangen soll. Vielleicht sollte ich in Zukunft einfach täglich Blog schreiben, dann staut sich nicht immer so viel auf. 😀

Ja, und eigentlich sollte nach meiner letzten Ankündigung, an dieser Stelle ein Bericht über meine bis dato unerklärlichen Erlebnisse auf einem Friedhof und bei einem Besuch in einem Konzentrationslager stehen, aber das muss warten. Es gibt heute Wichtigeres zu berichten, z.B. wie es im Wartezimmer, bzw. in der Praxis eines Psychiaters (nicht zu verwechseln mit einem Psychologen) zugeht und wie es überhaupt im Moment so um mich und meinen geistigen Zustand steht. Ja, ich darf darüber öffentlich reden, ich gehöre nämlich zu der Gattung „Künstler“ und diese Form der Selbstdarstellung dient der stetigen und künstlerischen Weiterentwicklung! 😀

Ja, und was meinen geistigen Zustand betrifft: Viele haben es schon gemerkt, die anderen werden es noch merken, nach den ganzen letzten Jahren „Schwächeln“, insbesondere diesem absoluten Mega-Abkacken vor 8 Wochen, erwacht ein (noch nie in dieser Form da gewesener) Kampfgeist in mir. Mit jedem weiteren Tag, den ich – dank Therapie und anderen wichtigen Faktoren – mit einer anderen Sichtweise und neuem Lebensgefühl bewältige, schwindet die Jahrzehntelang gezüchtete Grundangst und mein Mut wächst.

Be careful! 😎

2015-08-15-Rhein-Geocaching 142Aber erstmal eines nach dem anderen, denn zwischen dem letzten Post und dem Eintrag heute, liegen ja auch schon ein paar Tage. Und der letzte Stand der Dinge war, dass es mir allein schon durch die Therapiestunden besser ging und ich auch sonst einiges für meine Erholung getan habe und auch immer noch tue – hier Bilder des Besuches eines unheimlichen und spannenden Lost Places ganz hier in der Nähe. 🙂

Soll heißen, die Dauerbeklemmungen hatten sich eigentlich zurückgezogen, doch sobald auch nur ein Hauch einer Stresssituation aufgetaucht war, drehte ich innerlich wieder vollkommen am Rad.

Vorletzten Dienstag hatte ich diesbezüglich sogar ein wichtiges Schlüsselerlebnis. Eine Situation, die mir ziemlich heftig vor Augen gehalten hat, wie weit fortgeschritten meine Angststörung, inkl. Sozialphobie wirklich war und in welch hoffnungsloser Lage ich mich eigentlich in den letzten Jahrzehnten befand.

Und vorletzten Dienstag war das so …

2015-08-15-Rhein-Geocaching 129Seit über einem Jahr bin ich Mitglied im Literaturkreis Siebengebirge. Die Mitgliedschaft wurde mir im Rahmen meiner ersten Buchveröffentlichung von einer Buchhändlerin nahe gelegt. Ich war damals dankbar und nahm das Angebot an und trat (per E-Mail) dem Verein bei. Ich habe es aber tatsächlich innerhalb eines Jahres nicht ein einziges Mal geschafft, zu einem der zahlreichen Treffen zu erscheinen. Ich habe das Treiben bis dahin nur aus sicherer Entfernung beobachtet. Warum? Ich habe mich einfach nicht getraut. Einen triftigen Grund gibt es auch hier nicht. Die Angst vor Menschen, die Angst vor der Angst – allein bei dem Gedanken daran, ein Treffen zu besuchen, brachte mir wie immer Hunderte von Ausreden, nicht zu erscheinen.

Ende letzten Jahres hat der Verein einen offenen Bücherschrank im Bahnhof in Bad Honnef errichtet. Ich habe – nett und hilfsbereit wie ich grundsätzlich bin – sogar eine Kiste Bücher gespendet. Allerdings habe ich jemanden geschickt, der die Bücher für mich dorthin bringt. Persönlich aufzutauchen – never! Ja, was die Vermeidungshaltung in Sachen persönlicher Kontakte betrifft, bin ich inzwischen ein echter Profi geworden. 😀

Ja, jedenfalls wollte der Vereinsvorsitzende des Literaturkreises, trotz meiner ständigen Abwesenheit, mich gerne beim Lesefest im November als lesende Autorin mit dabei haben. Das hat mich vollkommen überrascht, mich unendlich gefreut, mir aber auch ein schlechtes Gewissen beschert. Schockiert war ich über diesen Vorschlag natürlich auch, denn allein der Gedanke daran, an diesem Tag lesen zu müssen, machte mich wahnsinnig. Übrigens O-Ton meiner Therapeutin zu diesem Thema: „Mit einer Sozialphobie eine Lesung halten, ist aber `ne Hausnummer, Frau Lahr! Aber das schaffen Sie!“

Ja klar sicher … irgendwie! 😮

Ich schaffe es ja noch nicht einmal, jemanden um Wechselgeld für einen Einkaufswagen zu fragen … kein scheiß! 😮

Jetzt erhielt ich vor zwei Wochen eine Einladung zu einem kurzfristigen Treffen des Literaturkreises. Eben ein weiterer wichtiger Termin, bei dem auch das Lesefest ein Thema sein würde. Und da ich keine Ahnung habe, was mich da erwartet, wusste ich, dass ich diesen Termin auf gar keinen Fall verpassen sollte. Mit anderen Worten: Ich musste da hin, ob ich wollte oder nicht. 😮

Und ich wollte, aber ich wollte auch nicht …

So ist das immer. Grundsätzlich möchte ich immer, aber es ist die Angst, die mir einen Strich durch sämtliche Rechnungen macht.

Und das sah dann so aus …

Dieser Termin stand und ich nahm mir fest vor, diesen auch sicher wahrzunehmen. Die Tage flogen ins Land und je näher der Termin rückte, desto nervöser wurde ich. Er hing wie ein Damoklesschwert über mir. Selbst am Wochenende davor, ließ das Angstgefühl mich nicht los und auch die Beklemmungen setzten wieder ein. Der Montag brachte diesen Termin plötzlich so nahe, dass sich die Angstzustände in aller Deutlichkeit, diesmal auch mit Übelkeit und Kopfschmerzen zurückmeldete. Ich lag quasi den ganzen Tag im Wohnzimmer auf dem Teppich und wartete auf bessere Zeiten. Die Nacht von Montag auf Dienstag war extrem unruhig und ich fühlte mich selbst nach 8 Stunden Schlaf wie gerädert. Als ich wach wurde, war mein erster Gedanke: „Oh Gott, heute Abend ist der Termin.“ Und dieser besagte Termin sollte am Abend um 19.30 Uhr in Bad Honnef, im Haus der Jugend stattfinden.

Ja, und dann konnte man eigentlich stündlich merken, wie meine Stimmung immer mehr kippte und ich so langsam anfing wieder durchzudrehen. Gegen Mittag hatte ich meinen ersten Heulanfall, in dem ich mir eingestehen musste, das ich in diesem Zustand nirgendwo hinfahren konnte, dicht gefolgt von der Entscheidung NICHT zu fahren. Mein Leben war, wie in den letzten Wochen auch, plötzlich nur noch ein Haufen „Versagung“. Dauerversagen wegen Ängsten, die einfach da sind, auch wenn es dafür keine logische Erklärung gibt.

Mein Mann redete behutsam auf mich ein und erinnerte mich daran, wie wichtig dieser Termin doch sei – ja, er liebt mich halt! 🙂 Woraufhin ich wieder feststellte, dass dieses „Angstproblem“ wirklich für kaum jemanden nachvollziehbar ist, der es nicht selbst erlebt hat. Aber er hatte Recht, ich musste diesen Termin wahrnehmen. Allerdings hatte ich ebenfalls recht, ich konnte so nicht fahren. Nicht mit verheulten Augen und dieser wachsenden Panik im Hirn und Körper … ich versuchte mich irgendwie „runter“ zu kriegen, schaffte es aber nicht. 🙁

Es folgten weitere unruhige Stunden, in denen ich mit mir kämpfte. Tja, gegen 16.00 Uhr entschloss ich mich dann einfach eine dieser verbotenen „Notfalltabletten“ zu nehmen. Eben diese Pillen, die ich schon seit vier Wochen nicht mehr brauchte, weil ich die körperlichen Angstattacken halbwegs im Griff hatte. Noch nie hatte ich diese Tablette genommen, um die Angst vor einer bevorstehenden Situation zu kontrollieren. Ob dies nun ein Notfall war, sei mal dahin gestellt – für mich war es eine Verzweiflungstat, mit sprichwörtlich großer Wirkung. Ich habe diese Tablette – die ich bis dato nur genommen hatte, wenn ich wegen körperlichen Symptomen kurz vorm Ersticken stand – heimlich geschluckt und spürte nach etwa fünfzehn Minuten, wie es wohltuend warm in meinem Oberstübchen wurde. Es war als käme eine gute Fee, die mit einem Zauberspruch, die alles böse, Angstmachende dort oben wegfegte – ein Beruhigungsmittel eben.

Ich könnte jetzt den kompletten Ablauf des restlichen Tages, bzw. Abends erzählen, aber das würde in einem Roman enden. Allumfassend kann ich sagen, dass ich an diesem Abend komplette „gechilled“ war und ohne Probleme …

… nach Bad Honnef gefunden habe.
… die fahrende Schnarchnase in Bruchhausen vor mir, ohne verbale Ausraster akzeptieren konnte, auch wenn ich spät dran war
… einen Parkplatz in der Nähe des „Haus der Jugend“ fand.
… ohne Angst einen Passanten nach dem Eingang gefragt habe.
… pünktlich das Mitgliedertreffen (und auch schamlos die Toilette) aufgesucht habe.
… mich unter all diesen Fremden erstaunlich wohl gefühlt habe.
… mich benehmen konnte.
… mich mit normaler Aufregung und erträglichem Lampenfieber vor allen geredet und mich vorgestellt habe.
… mich rege an Diskussionen beteiligt habe.

Als ich sodann am späten Abend durch das düstere Schmelztal zurück nach Hause fuhr, habe ich vor Freude gejubelt und danach geheult. Gejubelt, weil ich diese Aufgabe bewältigen konnte, ohne an den Folgen zu sterben und, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben spüren konnte, wie es ist, ein „normales“, angstfreies Empfinden zu haben. Das hat mich gleichzeitig aber auch in Tränen ausbrechen lassen. Ich wurde traurig, weil ich wusste, dass ich dieses unglaublich befreiende Lebensgefühl nur wegen dieser beknackten Pille hatte.

Ich will mehr davon!!! 😎

Diese besagte Notfalltablette ist das Medikament „Tavor“. Es ist ein Beruhigungsmittel, das bei starken Ängsten und Panikattacken eingesetzt wird. Es ist tatsächlich nur ein Medikament, das im „Notfall“ eingenommen werden sollte, da es schnell abhängig macht. Ja, an diesem besagten Dienstag deutlich verstanden, warum so viele Menschen, besonders in stressigen und emotionalen Berufen (Polizei, Ärzte, Politiker, Musiker, Künstler) von eben solchen angstnehmenden Beruhigungsmitteln abhängig sind. Ich verstehe diese Abhängigkeit und wenn ich nicht so eine starke Angst vor Abhängigkeiten irgendeiner Art hätte, wäre ich sicherlich ein geeigneter Kandidat für eine solche Suchtgeschichte – also Finger weg!

Dennoch hätte ich mir gewünscht, mich noch einmal so zu fühlen, als wäre es das Normalste von der Welt, ohne Angst zu sein …

Das alles erzählte ich auch meiner Therapeutin zwei Tage später. Und sie erklärte mir in aller Deutlichkeit, dass „Tavor“ definitiv nicht die Lösung sei, aber ich scheinbar verstanden habe, wie wichtig die Medikamentöse Begleitung dieser Therapie sei. Ich muss nämlich zugeben, ich habe bis mich dato gegen die Einnahme von zeitlich begrenzten Psychopharmaka gesträubt. Gesträubt deswegen, weil es für mich eben „Looserpillen“ sind. Looserpillen, die im schlimmsten Fall auch noch abhängig machen. Verarschungspillen, die einem die Realität verzerren, eine heile Welt vorspielen und setzt man diese wieder ab, dann ist die erneute Katastrophe nicht weit. Also, wat sull dä Quatsch!?

Antwort:

„Eine Angststörung ist eine Krankheit, die, wie andere Krankheiten auch, mit Medikamenten behandelt werden kann. Bei einer Angststörung herrscht ein biochemisches Ungleichgewicht in Ihrem Gehirn. Spezielle Botenstoffe sorgen dafür, dass dieses Gleichgewicht wieder hergestellt wird. Da wird ganz sicherlich keine Realität verzerrt. Im Gegenteil, die müssen sich der Realität und Ihren Ängsten nach wie vor stellen. Aber das wird Ihnen der Herr Doktor noch erklären. Er wird Ihnen etwas geeignetes gegen Ihre Ängste verschreiben. Machen Sie das und quälen Sie sich nicht länger.“

Äh?! 😮

Seit 8 Wochen warte ich nun auf diese Pillen von diesem Neurologen, bzw. des Psychiaters. Er hatte lange Urlaub und es dauerte eben bis ich diesen besagten Termin wahrnehmen musste / durfte und das war letzte Woche Montag. Hierzu musste ich tatsächlich die Praxis eines Psychiaters aufsuchen – ein weiteres Schlüsselerlebnis und für mich.

Ich hatte natürlich auch vor diesem Termin wieder Schiss ohne Ende, zumal ich nach diesem Arzt gegoogelt habe und mir anhand von Bewertungen einen ersten Eindruck verschafft habe. Demnach fanden ihn die meisten bewertenden Patienten scheiße. Aber ich wollte mir selbst ein Bild von diesem „unfreundlichen“ Kerl machen. Was das betrifft, habe ich mich noch nie von den Meinungen anderer blenden lassen, sondern habe stets selbst entschieden, wen ich doof, scheiße oder auch besonders gut finde.

So, nun folgt die Geschichte „Im Wartezimmer eines Psychiaters“ oder auch die „kranken“ Gedanken einer Thrillerautorin …

Das fing schon an, als ich mit dem Auto – etwa an 10 Minuten vor der Öffnungszeit und es vereinbarten Termins – an besagter Praxis vorbei fuhr und diese zwei merkwürdigen Gestalten dort an der Pforte stehen sah. Ein Mann und eine Frau. Sie sahen schon so aus, wie zwei Psychos und sie starrten mich, während ich einen Parkplatz suchte, ziemlich aufdringlich an. Ein mulmiges Gefühl machte sich in mir breit. Warum waren die schon so früh hier? Warum waren die überhaupt hier? Konnten sie es nicht erwarten, ihre Drogen, bzw. Beruhigungspillen zu kriegen? Und warum zum Teufel glotzen die mich so an? 😮

Ich fuhr auf den Parkplatz und beschloss auch prompt, so lange im Wagen sitzen zu bleiben, bis die komischen Menschen vor der Türe verschwanden oder die Praxis öffnete. Wieso war ich eigentlich so früh da?! Antwort: Weil ich mich in der Zeit geirrt habe … nein, gelogen! Weil ich Angst hatte zu spät zu kommen. 😀

Da saß ich nun, bei strömenden Regen im Wagen, beobachtete durch den Rückspiegel die mutmaßlichen „Geisteskranken“ und erschreckte mich zu Tode als plötzlich neben meinem Auto ein finsterer Kerl mit Hund auftauchte. Er starrte mich durch die Scheibe an, so als wäre es ein fataler Fehler gewesen, meinen Wagen hier vor der Praxis eines Psychiaters zu parken. Erst dachte ich, es sei der Arzt selber, dann vermutete ich einen weiteren Patienten mit Dachschaden … letztendlich war es wohl nur ein Anwohner, der sich wohl ohne Hund erst gar nicht in die Nähe dieser Praxis traute, weil er Angst vor Irren hatte. Ich nickte ihm, freundlich wie ich bin, zu und er nickte mit finsterer Miene zurück. Sein Gesicht verriet mir, was er gerade dachte: Ob die wohl auch zu dem unfreundlichen Seelenklempner, mitsamt seiner bekloppten Belegschaft und dem Wartezimmer voller Gestörten will? So verpeilt wie die wirkt, bestimmt?!

Ich wartete, bis der Kerl mit seinem Hund weiter durch den Regen trottete und stieg dann aus. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals und ich spürte, dass diese fiesen Eisenketten ihre Spannung um meinen Brustkorb erhöhten. Ich musste da jetzt rein, ob ich wollte oder nicht. 😮

Als ich die Praxis betrat, war ich irritiert. Im inneren sah es aus, wie in einer klassischen Arztpraxis, nur mir dem Unterschied, das sie nostalgisch und stilvoll eingerichtet war. Noch mehr irritierte mich dieser plötzliche Menschenverkehr in diesem Raum. Offenbar hatte ich so lange im Auto gewartet, dass sich die Praxis vollkommen unbemerkt nach dem Aufschließen mit einer Vielzahl an Menschen gefüllt hatte. Neben der Belegschaft, standen dort ganz viele merkwürdige Gestalten am Empfang. Ein altes händchenhaltendes Ehepaar, ein junger Mann, eine Frau in meinem Alter, ein gehbehinderter Greis, eine weitere Dame und alle hatten etwas gemeinsam: Sie wirkten alle irgendwie verloren, genervt, gestresst, unglücklich und irgendwie „komisch“. Ich lächelte jeden an, merkte aber, dass es keinen interessierte. Schlimmer noch! Ich glaube für sie war ich so etwas, wie ein Eindringling! Lächeln beim Psychiater? Wie irre muss man sein, um das hinzukriegen?! 😀

Ja, und noch bevor ich mich selbst anmelden konnte, begann mein Emapthie-Apparat schon auf Hochtouren zu arbeiten und jeden einzelnen abzutasten: Oh Gott, was ist denen denn über die Leber gelaufen?

Mein Verstand erinnerte mich daran, dass ich mich in der Praxis eines Psychiaters befinde – genau genommen, bei einem Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie und Facharzt für Psychosomatische Medizin & Psychotherapie. Die Menschen hier hatten somit keinen Schnupfen … so wie auch ich keinen Schnupfen hatte. Und während ich mich da so von den Problemen der anderen gekonnt von meinen eigenen ablenkte, meldete ich mich schließlich an und wurde sodann mit einem merkwürdigen Fragebogen ins Wartezimmer geschickt.

Das Wartezimmer war die Hölle …

Ich finde Wartezimmer sind eigentlich immer die Hölle. Ich kann mich da nicht hinsetzen und irgendwelche Zeitschriften lesen oder an meinem Handy spielen. Nein, ich bin die Person, die in einem Wartezimmer sitzt, so tut als ob sie dumm in der Gegend herum starrt, aber eigentlich jeden einzelnen dort befindlichen Menschen von oben bis unten mustert. Ich versuche diesen Menschen dann zu analysieren, mir vorzustellen, was für ein Charakter hinter ihm steckt und auch was er denken könnte und fühlt. Ja, jede Gestik und Mimik wird aufgesogen und in meinem Kopf und Herz verarbeitet.

Ja, und ich muss ehrlich zugeben, in einem Wartezimmer eines Facharztes für Psychiatrie ist das eine ganz besonders große Herausforderung. Herausforderung deswegen, weil ich mich echt zusammenreißen musste, nicht schreiend die Praxis zu verlassen. Neben mir saß ein junger Mann, der in sich versunken auf den Boden starrte und dabei unentwegt seinen Schlüsselbund über seinen Daumen rutschen ließ. Ein stetig, monotones und schrilles klingeln … klick klack klack!

Achtung! Die nächsten Zeilen sollen keine Menschen diskriminieren, die ein seelisches Problem haben – ich nehme diese Probleme sehr ernst -, allerdings muss ich an dieser Stelle (auch, um die Situation selbst besser zu verarbeiten) den Humor einschalten. 😀

Klick klack klack! 😮

Nach den ersten fünf Minuten Starren in all diese leeren, gequälten und finsteren Gesichter drängte sich plötzlich die Frage in mir auf, was ich zu tun gedenke, wenn einer der hier anwesenden plötzlich Amok läuft. Vielleicht weil die Wartezeit am Geduldsfaden nagt, vielleicht weil die Beruhigungspillen ausgegangen waren oder weil die ältere Generation diesen Smartphonewahn nicht mehr länger tolerieren wollte?

Vielleicht auch, weil der Typ neben mir gerade von seiner Freundin verlassen wurde, er diese daraufhin umlegte und sie vielleicht im Kofferraum seines Wagens … NEIN!

Klick klack klack! 😮 😮

Ja, was wäre, wenn hier jemand gleich wirklich komplett die Nerven verliert? Und wenn, wer würde es von diesen Personen sein?

Mir gegenüber saß eine Frau, die ich auf Mitte dreißig schätzte. Sie starrte abwechselnd auf ihr Handy und auf die offene Wartezimmertür, offenbar in Erwartungshaltung, dass sie die Nächste war. Sie rollte immer wieder genervt die Augen, stöhnte und schien sich über die Wartezeit zu ärgern. Ich spürte ihre steigende Wut und registrierte eine unterschwellige Aggression, die sich auch auf ihr Getippe am Handy auswirkte. Sie tippte nicht, sie hämmerte mit ihren Fingern auf das Display. Vielleicht war sie es? Eine potenzielle Amokläuferin? Oder doch der Greis mit der Gehhilfe? Vielleicht würde er mit seinem Gehstock seiner Stuhlnachbarin eins überziehen, weil sie ebenfalls die ganze Zeit mit ihrem Smartphone hantierte? Vielleicht war sogar ich selbst die Gefahr in diesem Raum, weil mich die unterdrückte Aggression der Frau gegenüber, die Traurigkeit des Mannes neben mir und die Hilflosigkeit der alten Menschen mich letztendlich wahnsinnig machten?

Klick klack klack! 😮 😮 😮

Okay, der Kerl mit dem Schlüsselbund hat gewonnen! Er machte mir am meisten Angst. Was würde ich tun, wenn dieser Amok laufen würde?

Ich sah mich nach möglichen Gegenständen in seinem Umfeld um, die gefährlich werde könnten. Aber er hatte nichts bei sich. Keine Tasche, in der er eine Kalaschnikow hätte verstecken können. Aber er könnte mit dem Schlüssel zustechen … direkt in meine Halsschlagader. 😮

Und im Zimmer stand ein eine Vitrine, die sicherlich bei einem Gerangel zu Bruch gehen würde und eine Vielzahl an gefährlichen Scherben für alle Beteiligten bieten würde.

Vielleicht laufen alle gleichzeitig Amok … 😮 😮 😮 😮

Diese Bilder in meinem Kopf und jetzt kenne ich schon den Titel meines Dritten Buches „Das Wartezimmer“ 😀

Was ich mich allerdings in diesem Moment noch fragte: Hätte ich die Courage und auch den Mut, mich dem Amokläufer in den Weg zu stellen?

Fuck! Ich will hier raus!

So, genug Klischees bedient … 😀

Gerne hätte ich diese „Geschichte“, die ja nun auch zu meiner Realität gehörte in dem Umfang weitererzählt, inklusive dem spektakulären Auftritt des Arztes, aber das lasse ich. Es dauert sonst noch weitere drei Wochen, bis dieser Eintrag fertig ist.

Aber so viel sei gesagt: Ich erwartete Mr. Jekyll, mit weißem Kittel und Stirnlampe, kennengelernt habe ich einen kompetenten Mann mittleren Alters, in Hemd und Jeans, der (in meinen Augen verständlicherweise) etwas reserviert war, was von Unwissenden durchaus mit Unfreundlichkeit verwechselt werden kann. Aber in diesem Beruf habe ich da vollstes Verständnis für sachliches Agieren und kann nur sagen, dass ich hinter dieser Reserviertheit und scheinbarer Gefühlskälte einen prima Kerl gesehen habe. (Solche Erkenntnisse habe ich öfters, wenn auch manchmal etwas verspätet… 😉 )

Aber immerhin war er mehr an meiner Arbeit als Redenschreiberin interessiert als an der Tatsache, dass ich Psychothriller schreibe. Ja, er fand das regelrecht spektakulär… er hat sogar gelächelt! 🙂 Neukundengewinnung in einer Psychiatrischen Praxis … wie geil ist das denn?! 😀 Zudem stellte er die richtigen (vielleicht auch etwas unangenehme) Fragen, inklusive Diagnose und wählte aus seinem unendlichen Pfuhl an Medikamenten genau das Richtige aus. Ein Medikament, das hilft, das nicht süchtig macht und einem nicht das Gehirn vernebelt und falsche Tatsachen vorspielt.

Lange Rede kurzer Sinn: Ich verließ im Anschluss die Praxis mit einem Grinsen im Gesicht und einer neuen Romanidee im Gepäck …

Die Medikamente nehme ich jetzt seit knapp zwei Wochen. Die Nebenwirkungen (Übelkeit) sind am Anfang noch etwas nervig, aber das geht bald weg – und das bewirken sie:

😀

2015-08-19-Köln 047Ich traue mich zum Müll, zum Briefkasten und rupfe sogar Unkraut im Vorgarten, unbehelligt ob ich den Nachbarn begegnen könnte, die eventuell dann auch mit mir reden wollen
Ich frage ohne Probleme, nach Wechselgeld für den Einkaufswagen
Halte Smalltalk beim Einkaufen und rede sogar gerne über mein Buch
Ich traue mich verbal zu meiner Meinung zu stehen, auch wenn diese auf Konfrontation trifft
Ich lege mich plötzlich mit Menschen an, die mir schon lange mit ihrem Getue auf die Nerven gehen, ohne mich schlecht zu fühlen
Ich traue mich wieder unter Menschen – ich war tatsächlich in Köln (siehe Bilder)
Ich spreche bei Versammlungen offen, traue mich fragen zu stellen
Ich spreche Menschen an, die eventuell Hilfe brauchen
Ich gehe freiwillig in einen Dialog
Ich gehe an die Türe wenn´s klingelt, ohne Panikattacken
Telefonieren tue ich immer noch nicht gerne aber das hat nichts mit Angst zu tun – aber ich kriege zumindest keinen Herzinfarkt mehr, wenn es klingelt 😀
Ich mische mich in politische Diskussionen ein
Ich möchte nicht mehr länger hilflos zusehen, ich will etwas bewegen, raus auf die Straße, demonstrieren, helfen … irgendwie!
u.s.w

2015-08-19-Köln 057Allumfassend spüre ich eine noch nie dagewesene Energie, die mich Dinge in Angriff nehmen lässt, die ich mich nie zu vor gewagt habe. Ich fühle mich stark, lerne wieder den aufrechten Gang, verstecke mich nicht mehr. Tja, und da könnte man jetzt sagen: „Ja, das ist ja nur wegen der Pillen!“ Stimmt nicht ganz. Ich war schon immer in der Lage und auch in den Startlöchern all das zu tun, was ich schon immer tun wollte, all die Dinge zu sagen, die ich schon immer sagen wollte … Moment, das erinnert mich an einen Spruch, den ich vor einigen Tage bei einem lieben Freund gelesen habe:

Einfach tun, was richtig ist.
Einfach lassen, was nichts bringt.
Einfach sagen, was man denkt.
Einfach leben, was man fühlt.
Einfach lieben, wen man mag.
Einfach ist nicht leicht …
Einfach … ist am schwersten!

Jetzt ist es plötzlich so leicht …

Die Tabletten haben meine Grundangst einfach ausgelöscht. Ein unerklärliches Angstgefühl, dass durch ein biochemisches Ungleichgewicht im Gehirn seit fast zwanzig Jahren mich beherrscht und mich in allem, was ich tue ausbremst. Diese Bremse wurde nun gelöst. Das ist so ein unglaublich geiles Gefühl, dass kann sich wirklich nur der vorstellen, der es selbst erlebt hat … ich liebe es und jetzt geht`s erst richtig los!

So, wie in diesem Song!

Damit das Gehirn dieses Gleichgewicht behält und auch eigenständig wieder die Ängste kontrolliert braucht es etwa 6 Monate, dann brauche ich die Tabletten nicht mehr.

Das Fazit und mein Aufruf an alle Betroffenen von Ängsten, Unwohlsein und vielleicht sogar Depressionen:

Ihr Lieben ,
ich weiß, wie schwer es ist, sich einzugestehen, dass man ein Problem hat. Besonders wenn es um die Psyche geht, ist es schwer das in Worte zu fassen. Die Angst, missverstanden, belächelt oder abgelehnt zu werden ist groß. Und es gibt einige, die hinter meinem Rücken abfällig mit dem Finger an ihre Schläfen tippen und sagen: “Die hat mächtig eine Schraube locker“. Das interessiert mich nicht!

Es (mit in welcher Weise auch immer) mit der „Tzyche“ zu haben ist scheinbar immer noch ein Tabu-Thema – das merke ich am eigenen Leib und das macht einsam. Aber ich kann jedem Betroffenen nur raten: Quält Euch nicht länger. Geht zu Eurem Arzt des Vertrauens und erzählt ihm davon. Ich hab den besten Hausarzt der Welt. Ich saß mit Tränen in den Augen vor ihm – ich, die eigentlich nie krank ist und nur alle paar Jahre mit einer Magengeschichte oder mit einem Hexenschuss erscheint – und wusste nicht, wie ich es in Worte fassen sollte. Und ich habe eigentlich immer die richtigen Worte parat. Ich suchte verzweifelt nach den Worten, die das beschreiben könnten, was da seit Jahren und Wochen in mir tobt und mich jetzt an den Rand eines tiefen Abgrunds trieb …

„HILFE!“ – Das war das einzig richtige Wort in diesem Moment. Ein Wort, dass ich so gut wie nie über meine Lippen kriege – ja, genau, weil ich grundsätzlich alles alleine kann und von niemanden Hilfe brauche.

„Herr Dr. Bohl, ich brauche Hilfe, ich komme da alleine nicht mehr raus!“

Noch nie habe ich mich so ernst genommen gefühlt, wie in diesem alles entscheidenden Moment. Und jetzt sitze ich hier, schreibe diese Zeilen und habe soeben eine Anmeldung für eine ehrenamtliche Tätigkeit als Flüchtlingspatin ausgefüllt! Ich werde in Kürze auch darüber mehr berichten. 😉

Das Leben ist angstfrei unglaublich schön! <3

Wer es bis hier hin geschafft hat zu lesen – RESPEKT! Sorry, Kurzfassen ist nicht so meine Stärke… 😀

DANKE! <3

Reden wir über Angst – wenn das Leben kurz aus den Fugen gerät

Ich hoffe, ihr habt etwas Zeit mitgebracht? 🙂

… könnte nämlich heute ein bisschen länger dauern, ich bin ziemlich mitteilungsbedürftig.

… und es könnte auch ein bisschen härter mit meiner Ausdrucksweise werden! 😀

Ich bin nämlich frustriert! Und meine Therapeutin hat gesagt, es sei vollkommen okay auch mal angepisst zu sein und das auch deutlich zum Ausdruck zu bringen.

… und eigentlich weiß ich nicht so recht, wie ich anfangen soll. 😮

Mein komischer Zustand hat nämlich inzwischen einen Namen bekommen …

Ursprünglich hatte ich für diesen Blogeintrag eine Art Bekenner-Video zu Thema „generalisierte Angststörung“ geplant. Ich hatte mir schon im Vorfeld einige Videos von Betroffenen bei Youtube angeschaut und dachte, es sei eine gute Idee, ein Rotz-und-Wassser-Heul-Outing-Video während einer dieser „Angstattacken“ von mir zu drehen, damit auch das psychologische Ausmaß dieser abgefuckten Krankheit verdeutlicht wird. Aber ich lasse es. Sollen die anderen auf youtube heulen, ich mach das lieber heimlich im Bett.

Dennoch ist es mir ein großes Anliegen und auch ein therapeutischer Schritt über diese Scheiße hier in diesem Blog zu schreiben, sonst ziehe ich mich möglicherweise nur noch mehr in mein Schneckenhaus zurück, von daher verzeiht mir bitte meine plötzliche Offenheit … 😉

Und wenn ich schon offen rede, dann erzähle ich an dieser Stelle auch ganz offen und ehrlich …

Ich hab gestern Nacht kurzzeitig meinen Verstand verloren, er ist mir irgendwo zwischen einem unnötigen Pillepallestreit mit meinem überforderten Mann, einer weiteren Panikattacke, inkl. anschließendem Solo-Komasaufen und Beruhigungstabletten abhanden gekommen. Wobei ich zugeben muss, dass sich dieses „Komasaufen“ auf eine Flasche Rotkäppchen Sekt mit Multivitaminsaft beschränkte – ich trinke nie Alkohol und vertrage diesen somit auch nicht. Es war eine reine Verzweiflungstat. Ich wollte diese endlosen Gedanken abstellen, meinen Verstand zum Schweigen bringen, meine Seele und meine Gefühle betäuben … sie sollten einfach mal allesamt die Fresse halten.

Hat prompt funktioniert – erst habe ich gekotzt, dann geschlafen.

Heute hätte ich große Lust das Ganze zu wiederholen … aber der Sekt ist leer. 🙁 Nein, Quatsch! Es war ein Ausrutscher. Immerhin hab ich noch meine Würde, eine große Verantwortung, besonders meinen Kindern gegenüber, die von meinen persönlichen Eskapaden absolut verschont bleiben sollten. Daher schreibe ich heute lieber darüber … werde ich wahrscheinlich morgen wieder bereuen … das, was ich hier mache, hat etwas von „die SMS von letzter Nacht“… aber da muss ich als Bauchmensch wohl jetzt durch … 😀

Ich habe übrigens gelesen, dass die meisten Betroffenen mit eine Angsterkrankung Alkohol- oder Drogenabhängig werden, weil sie selbst gar nicht verstehen, dass es eine Krankheit ist. Ich konnte diese Form der Selbstaufgabe und Kontrollverlust bis dahin nie nachvollziehen – mit dem heutigen wissen, der Symptomatik und dem dazugehörigen Empfinden, kann ich das absolut verstehen, dass Menschen kein Bock mehr auf Realität haben. Mit einer Angststörung ist der Alltag tatsächlich nüchtern (oder ohne Medikamente) einfach nicht zu ertragen.

Wo war ich stehen geblieben?

Ach ja, bei der Frage wo und wie fange ich an … oder besser gesagt, ich spule noch mal kurz zurück:

Es begann vor 8 Wochen. Zu viel Stress, zu viel Hektik, zu viel Arbeit und noch eine zusätzliche Situation, die mich innerlich komplett aus der Bahn geworfen hat. Ich dachte als erstes, dass mich nun doch das befürchtete Burnout befallen hat, denn ich bewege mich schon seit Monaten am Limit meiner Kräfte. Doch da war noch etwas anderes.

Ich hatte plötzlich das Gefühl, als hätte mich jemand in Eisenketten gelegt, ein Gefühl, das bis heute anhält. Mein ganzer Körper fährt auf Hochtouren, es fühlt sich wie Fieber an, ich bin ständig unter Strom, habe ständig das Gefühl durchzudrehen und es braucht meist auch nur einen Funken, und schon verliere ich die Nerven. Ich fange an zu heulen, implodiere, explodiere, werde hektisch und wütend … ich bin eigentlich die Ruhe und Friedfertigkeit in Person. Zudem kann ich kaum noch etwas essen, was mich nicht wirklich stört, ich bin eh zu fett.

Und dann sind da diese nervtötenden Beklemmungen im Brustbereich, je höher die Anspannung, desto stärker auch das Engegefühl. Es wandert bis zum Hals, drückt mir die Kehle zu. Es entsteht ein unerträglicher Druck, das Einatmen fällt schwer. Anfangs dachte ich noch, ich würde ersticken und bekam ständig deswegen Panik. Inzwischen bin ich so routiniert, dass ich mich flach auf den Boden lege und alle Viere von mir Strecke und ganz ruhig atme. Es ist tatsächlich ein rein körperliches Desaster, das hier vollkommen unterbewusst von der Psyche angezettelt wird – psychosomatisch eben. Und Fakt ist, dass ich nicht den ganzen Tag auf dem Wohnzimmerteppich liegen und mich von meiner kleinen Tochter mit Büchern und Spielsachen belegen lassen kann (so toll sie es auch findet). Diese ganze Situation nervt mich und beeinträchtigt mein Leben, was wiederum zu Frust und Streitereien mit meinem Mann führt, den das Ganze nämlich auch frustriert, nervt und beeinträchtigt.

Ja, ich bin in der Tat frustriert, nicht zu verwechseln mit depressiv. Ja, es frustriert mich, dass gerade ich, – obwohl ich zugegeben die personifizierte Angst bin, aber seit einem Zusammenbruch 1999 (der mich fast mein Leben gekostet hat) – mit viel Lebensfreude, positivem Denken, mit viel Liebe und stetiger Selbsthilfe und Selbsttherapie durch schreiben und psychologische Selbstbeobachtung – ja, dass mir heute trotzdem so ein psychologischer Bullshit passiert.

Die genaue Diagnose lautet übrigens „generalisierte Angststörung“. Und die geht mir gerade tierisch auf den Sack. Dass ich schon seit meiner Kindheit ununterbrochen Angst vor allem und jedem habe, wusste ich. Dass ich deutlich mehr Angst habe als andere Menschen, wusste ich auch, dass es eine Störung – also nicht normal ist – war mir nicht klar. Ich habe mich so daran gewöhnt, mich ständig unwohl und eingeschränkt zu fühlen, dass es für mich einfach Normalität ist. Und ich hätte bis an mein Lebensende damit Leben können, wenn meine Angstnormalität mit (Un)Sinn und Verstand einfach so (eben kontrolliert) geblieben wäre. Aber jetzt ist alles außer Kontrolle geraten. Meine Ängste führen ein Eigenleben ohne Sinn und Verstand. Es ist ein absolut grundloses körperliches Angstgefühl, was mich den ganzen Tag auf Trab hält und aus mir, der Kämpferin, ein hochexplosives und hysterisches Nervenbündel macht, dessen Handlungsfähigkeit und Artikulation plötzlich einer pubertären Sechstklässlerin gleicht.

Hätte es nicht einfach ein Burnout sein können? Ja, mit einem „Allerleuts-Burnout“ hätte ich noch leben können. Ja, mit einem Burnout kann man hausieren gehen. Man kann sogar damit angeben, ganz nach dem Motto: „Ätsch, ich hab mehr gearbeitet als du! Ich hab`n Burnout und du nicht!“

Ja, und ich gebe zu, ich habe eindeutig zu viel gearbeitet in den letzten Jahren. Ich arbeite auch heute noch Tag und Nacht. Ich habe sogar zwei Stunden vor und knapp fünf Stunden nach der Geburt meiner Tochter Ronja gearbeitet, nur um meine durchaus vorbildliche Arbeitsmoral mal auf den Punkt zu bringen. Wobei hier das Wort „Arbeitsmoral“ fairer Weise mit dem Begriff „Existenzangst“, ausgetauscht werden müsste. ⇒ Ha, wieder eine Angst!

Und weil sich diese extrem übertriebene Arbeitsmoral natürlich auch auf Körper und Geist niederschlägt, hätte ich grundsätzlich tatsächlich ein Anrecht auf so ein abgefucktes Burnout, inklusive Schlaf-und-Nichtstun-Therapie. Schön weit weg, mindesten 8 Wochen, beispielsweise in der Nordseeklinik Borkum, um dort innere Ruhe und Frieden finden, schlafen, entspannen lernen, irgendwelche Psychodinge aufarbeiten, die die Gründe für eine möglich bestehende Arbeitssucht rechtfertigen …

Tja, das wäre aber die falsche Therapie, denn meine Diagnose lautet nicht Ausgebrannt-sein, sondern Krank-vor-Angst-sein“.

Ja, die Angst hält mich tatsächlich gefangen, belastet mich, will mich runter ziehen. Vielleicht sogar an einen Ort, an dem ich schon einmal war (und wo ich nie wieder hin wollte). Ich kämpfe dagegen an. Ich kämpfe mit allen Mitteln, drehe zwischen drin auch mal durch, betäube mich mit Lorazepam oder besaufe mich, kämpfe weiter und sehe dabei in all die verständnislosen Gesichter in meinem Umfeld.

„Sag, was hast du gleich noch für Probleme? Was ist das denn da mit deiner Tsyche? Wer hat denn diese Diagnose gestellt? Was sagt die Therapeutin? Du hast es doch so gut hier mit deinem Mann und deinen Kindern, es gibt doch keinen Grund schlecht drauf zu sein. Wie lange dauert es denn, bist du wieder funktionierst?“

Ich fange an mich zu erklären. Die einen verstehen nur Bahnhof, die anderen noch viel weniger. Schnell wird in den Töpfen der Küchenpsychologie ein Gebräu aus Depressionen, allgemeiner Unzufriedenheit, genetischer Veranlagung und Suizidgedanken gekocht. Mein Mann hat dieses giftige Zeug auch probiert und hat sich damit seine nächtlichen Träume verdorben. Ihn konnte ich aber inzwischen davon überzeugen, dass ich weder depressiv, noch unzufrieden bin, geschweige denn vorhabe, mir das Leben zu nehmen. Hallo? Geht´s noch?! Ich hab die tollsten Kinder der Welt! Niemals würde ich sie alleine lassen, never ever!

Ja, und dann gibt es auch noch jene Idioten, die mir am liebsten den Mund beim Reden zu halten wollen, nur damit die Öffentlichkeit das Wort „Störung“ bloß nicht aufschnappt. Es schickt sich nicht so etwas zu haben, was sollen denn die Leute denken? An Burnout zu erkranken ist erlaubt – Psycho sein ist pfui!?

Empathieloses Pack! 😀

Aber es gibt auch Menschen, die mich verstehen. Sie sehen mir in die Augen und spüren, wie ich kämpfe. Sie schenken mir ein Lächeln, eine freundschaftliche Umarmung, einen Kuss, fragen mich, wie es mir geht, hören mir zu, lassen sich nicht von meiner Unruhe beirren und gehen dann ganz normal zur Tagesordnung über. DANKE! 🙂

Natürlich habe ich inzwischen mich in ärztliche und psychologische Behandlung begeben. Mein Hausarzt wollte mich stationär in eine Klinik einweisen, damit mir direkt und ohne Verzögerung geholfen wird. Ich zog es aber brav vor, auf einen Termin bei einem Psychologen, bzw. Psychotherapeuten zu warten – immerhin habe ich Kinder, die mich brauchen … mein Mann braucht mich im Moment vielleicht nicht ganz so … aber ich habe eine berufliche Existenz und (nicht zu verachten) eine ziemlich schlimme Krankenhausphobie. ⇒ Ha, noch eine Angst!

Eine Therapie habe ich inzwischen begonnen, auf meine Medikamente, die die Symptome eindämmen warte ich noch, der Neurologe ist gerade im Urlaub. Etwa ein halbes Jahr könnte die Genesung dauern, wenn die Therapie anschlägt. Es ist also ein Ende in Sicht … ich bleibe also nicht mein Leben lang so daneben! 😀

Eine Frage, die sich jetzt zwischen diesen ganzen Zeilen vielleicht viele stellen: Wovor hat `se denn jetzt überhaupt Angst?

Okay, reden wir über Angst!

Ja, sprechen wir über die Angst, die uns den Atem rauben kann, die unsere Sinne lähmt, und die uns manchmal auch an den Rand des Wahnsinns treibt – oft auch einen Schritt darüber hinaus. Jeder kennt sie, und jeder hat diese Angst auch in irgendeiner Form schon mal erlebt – der eine mehr, der andere weniger. Aber so verschieden unsere Ängste auch sind, sie haben alle etwas gemeinsam – die Furcht vor (körperlichen und seelischen) Verletzungen, und nicht zu vergessen die Furcht vor dem Tod.

Was sind denn so meine Ängste? Antwort: Es gibt eigentlich nichts, wovor ich nicht Angst habe!

Ich weiß, diese Aussage wird gerne belächelt. Aber das ist okay für mich, sie klingt ja auch so was von absurd. Aber auch wenn es absurd klingt, ist es dennoch das, was ich Tag täglich aufs neue erleben muss, denn auch wenn ich die kleinen unscheinbaren Ursachen vergöttere, es gibt aber auch genau so viele kleine unscheinbare Ursachen, die mir Angst machen. Wenn ich jetzt aber sage, dass ich Angst vor dem Tod, Angst vor schweren Verletzungen, Angst vor wilden Tieren, Angst vor gefährlichen Waffen, vor Krankheiten, Krieg u.s.w. habe, dann klingt das doch nicht mehr so absurd, oder?

…und warum klingt es nicht mehr so absurd?

Na, weil es die Form von Angst ist, die jeder kennt, jeder mit mir teilt und somit auch jeder verstehen kann. Leider Gottes ist diese „normale“ Angst aber nur ein Teil meiner Angst und nicht Hauptauslöser für diese ganze Kacke. Natürlich habe ich Angst vor dem Tod und noch mehr Angst, dass meinen Kindern und meiner Familie etwas Schlimmes passieren könnte. Auch muss ich zugeben, dass mich die Angst vor schweren Krankheiten auch ziemlich oft besucht. Vor zwei Jahren zum Beispiel war ich mir sicher an Lungenkrebs sterben zu müssen. Ich hatte ständigen Hustenreiz, ohne krank zu sein. Die Strafe für 20 Jahre lang Rauchen? Nein, es war „nur“ eine Speiseröhrenentzündung. Traumatisiert von meiner eigenen Befürchtung war ich trotzdem. Und nachdem ich letztes Jahr einen Knoten in meiner Brust ertastete, wollte ich noch vor dem Besuch beim Frauenarzt mein Testament machen. Der Knoten war ein absolut harmloser Tumor – ich wollte dennoch meine Brüste loswerden. Wer braucht schon so Dinger? 😀 Ich hab sie aber nach gutem Zureden meines Arztes dennoch behalten.

Meine Grundangst ist quasi die Angst vor der Angst. Meine größte Angst ist, dass ich in Situationen gerate, denen ich nicht gewachsen bin. Denn ich stecke in einem Körper, dessen Gehirn und sämtliche anderen für Emotionen Verantwortlichen Systeme auf die absurdesten Dinge reagieren – und zwar mit einer Flut an Emotionen, die teilweise meine Verarbeitungskapazitäten so deutlich überschreiten, dass die Gefahr besteht sich entweder ein weiteres Trauma, eine weitere Posttraumatische Belastungsstörung oder eine Psychose einzufangen – alles schon gehabt. 😀

Ich habe somit Angst vor einer ungeahnten und plötzlich auftauchenden Emotionsflut, die ich mit meinem Verstand nicht mehr bewältigen kann – hierzu langt schon meist ein Foto von einem glücklich lächelnden Kind, unter dem das Wort Vermisst! steht – eine Flut an Emotionen, die mir die Luft zum Atmen nimmt, mich entsetzt, lähmt und mich hilflos macht, und mich somit gefährlich nah an den Rand des Wahnsinns treibt – oder eben auch darüber hinaus … aber das werde ich zu verhindern wissen. 😀

So lange ich noch schreiben kann …

Ich schreibe, also bin ich …

Aber ich habe heute ziemlich viel geschrieben …

… und es fühlt sich tatsächlich besser an als Saufen. 😉

Und zum Abschluss mal einige Ängste von mir in der Übersicht, unabhängig von den natürlich bestehenden Ängsten vor dem Tod, schlimmen Krankheiten oder Unglücksfällen. Ihr werdet staunen, was für ein (für mich leider jedoch sehr ernsthafter) Schwachsinn dabei ist:

Angst vor tief gehenden Emotionen aller Art
Angst vor unkontrollierter Empathie (zu extrem mitfühlen und mitleiden)
Angst vor Menschen und ihren tiefen Abgründen
Angst vor deren Unehrlichkeit und falscher Liebe
Angst vor Freundschaften und sozialen Kontakten
Angst Missverstanden zu werden
Angst vor Zwischenmenschlichen Gefühlen, Angst vor der Liebe
Angst vor Streit
Angst vor Wut
Angst selbst wütend zu werden
Angst vor Aggression
Angst vor meinem Ex
Angst vor einer Überdosis Adrenalin
Angst vor Lügen – ich bin tatsächlich nicht fähig die Unwahrheit zu sagen
Angst zu Telefonieren – ich kann mein Gegenüber nicht sehen, das irritiert mich
Angst vor Reizüberflutung
Angst sich zu blamieren oder einfach nur dumm aufzufallen
Angst zu verblöden
Angst wichtige Termine zu vergessen – je wichtiger der Termin, desto größer die Gefahr diesen zu vergessen
Angst in irgendeiner Form die Kontrolle zu verlieren
Angst als Ersthelfer an einer Unfallstelle zu sein
Angst davor im Mittelpunkt zu stehen
Angst vor dem Wolf im Schafspelz – also vor Psychopathen
Angst, dass sich jemand sexuell an meinen Kindern vergreifen könnte
Angst vor Fahrten auf der Autobahn
Angst über Brücken zu laufen
Angst vor großer Höhe
Angst vor Autofahrten in größeren Städten
Angst genau dort die Orientierung zu verlieren
Angst zu verschlafen oder zu lange zu schlafen
Angst wieder Schlafzuwandeln
Angst, dass das Auto wieder nicht anspringt
Angst an der Kasse zu wenig Geld zu haben
Angst vor Abhängigkeit (finanziell, seelisch etc.)
Angst meine Aufträge nicht perfekt abzuliefern – zu versagen
Angst vorm Kochen – ich kann es einfach nicht
Angst vor Zahlen – sie machen mich irre
Angst vor plötzlich „logisch Denken zu müssen“ und es auf Anhieb nicht zu können
Angst vor Krankenhäusern (aus diesem Grund habe ich auch ambulant entbunden)
Angst vor nächtlichen Wäldern
Angst vor Käuzchen
Angst vor Friedhöfen – kein Scheiß! Es ist mir nicht möglich einen Friedhof (egal welchen) zu betreten ohne heulend zusammenzubrechen … warum ist bis heute ein Rätsel.
Und ich könnte jetzt noch unendlich lange damit weitermachen …

… aber ich hab Hunger! 😉

Und hier noch ein Lied, das ziemlich gut zu meiner Stimmung & Situation passt ….

In meinem Kopf ist es lustig …


Das dort auf dem Bild ist übrigens ein Glühwürmchen … 😀

Nun ja, Außenstehende würden das wahrscheinlich sehr lustig finden. 🙂 Manchmal wünschte ich, ich wäre auch mal Außenstehende meiner selbst, dann würde ich über diese Kacke, die hier gerade läuft wahrscheinlich selbst herzlich lachen. 🙁

Diese Headline da oben entstand übrigens, in Verbindung mit allen Facebookposts und Blogeinträgen, an denen ich in den letzten Tagen so verbissen herum gedoktort habe. Es waren Zeilen und ganze Texte, die dann aber doch nie das Licht der Welt erblickt haben. Schreiben, löschen, schreiben, löschen – das scheint mein neues Hobby zu werden. Es ist ganz komisch im Moment. Das Schreiben hilft mir sehr. Ich spüre wieder diese vertraute, innige Verbindung, die hier in diesem Blog eine andere ist, als wenn ich meine Geschichten schreibe. Es tut mir gut, es lindert diese beschissene Verkrampfung in einem Brustkorb und dieses unendliche Durcheinander in meinem Körper. Ich scheue es Angststörung zu nennen. Das klingt so unglaublich dumm … genau genommen ist es eine permanente unangemessene und unbegründete Ausschüttung von Adrenalin, das falsche Signal an das Gehirn sich auf eine Flucht einzustellen … dumm eben. 😮

Und, wie ich festgestellt habe, ist darüber schreiben eindeutig die bessere Medizin als alle paar Stunden irgendwelche Medikamente einzuwerfen. Unfassbar, was Schreiben für mich in all den Jahren für eine Bedeutung bekommen hat. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen, ist aber auch gar nicht so wichtig, Hauptsache diese aneinandergereihten Buchstaben ziehen mich irgendwie wieder aus der Scheiße.

Wenn da nicht noch diese eine kleine aber nicht unbedeutende Hürde wäre …

Ich mache ich mir doch mehr Gedanken darüber, wer, was, wie von mir wie interpretieren könnte als mir lieb ist. Was mir ja grundsätzlich eigentlich egal sein sollte, aber bei einer handvoll Menschen eben nicht. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen um mich machen, denn ich bin ja nicht todkrank, sondern nur etwas (extrem) „aus dem Ruder“.

Aber erklär mal jemanden, was „aus dem Ruder“ bedeutet … :mrgreen:

Ich versuche es mal mit diesem Songtext von „P!ink – Fun House „irgendwie sind im Moment (bildlich gesprochen) zu viele böse Clowns in meinem Oberstübchen … 😀

This used to be a funhouse
But now it’s full of evil clowns
It’s time to start the countdown
I’m gonna burn it down, down, down
I’m gonna burn it down

9, 8, 7, 6-5-4, 3, 2, 1, fun!

Bis bald!


P.S:

Ich liebe P!nk! Und die Frisur erst … 😀

Bevor es Krebs wird …

„Bevor es Krebs wird, muss es raus!“ (Daniel Wirtz, Musiker)

Oh Mann, mein erster „richtiger“ Blogeintrag seit … auwaia, … es sind mindestens 5 Jahre vergangen. Ich bin ganz aufgeregt. Und ich könnte jetzt auch ganz viele Zeilen damit verschwenden, die darüber berichten, was alles in den letzten 5 Jahren passiert ist, doch dann wird es ein (vielleicht sogar etwas langweiliger) Roman. Nur so viel: Das Schreiben über mein Leben hat mir sehr gefehlt!

Sogar sehr, sehr, sehr …

Ich weiß gar nicht, ob ich das noch kann … 😀

Kurze Erklärung, für alle, die es nicht wissen:

Ich habe bis vor 5 Jahren ein Onlinetagebuch betrieben. Das war von 2004-2010. Ein Blog, der meinen alltäglichen Wahnsinn beinhaltete und der mir kurioser Weise eine ganz besondere Form von Sicherheit gab. Ich hatte keine Ahnung, wer mir damals alles folgte und Teil an meinem Leben haben wollte, aber mir reichte der Gedanke, dass es mindestens einer tat (und den ich auch leider dann enttäuschte als ich damit aufhörte).

Ich hatte mir damals gezielt eine virtuelle Plattform geschaffen, um regelmäßig Dampf abzulassen, schriftlich Amok zu laufen – sprechen ist halt nicht so mein Ding. Es hat geholfen und mir (als Ausgleich zum beruflichen Schreiben) sogar sehr viel Spaß bereitet.

Aber das war eben damals …

Damals war ich mit mir und meinem Leben alleine. Niemand wusste von meiner heimlichen Leidenschaft des Schreibens und selbst wenn es jemand gewusst hätte, es interessierte niemanden, dass irgendwo, in einer kleinen Wohnung in Windhagen / Frohnen eine durchgeknallte rothaarige wohnte, die ihre komplette Gedanken – und Gefühlswelt, inkl. Alltagsstress und hochgradiger Eheprobleme in das World Wide Web hinaus posaunte. Ich glaube, so etwas nennt man heute „Seelenstriptease“. Aber das war und ist mir egal. Sich seelisch „naggisch“ machen, gehört wohl zum Leben eines Künstlers irgendwie mit dazu. Mitbekommen hat es ohnehin kaum jemand. 🙂

Irgendwie war ich sogar froh darum, dass alle Menschen um mich herum, zum Teil sogar meine Familie, absolut keinen Schimmer hatten, was jede Woche auf meinem Blog abging. Ich war unbeobachtet, hatte Narrenfreiheit und ich musste auf niemanden groß Rücksicht nehmen. Und mir war es tatsächlich vollkommen egal, was die Menschen auf der Straße von mir dachten.

Aber dieses „egal“ änderte sich plötzlich schlagartig …

Nun ja, vor fünf Jahren hat sich mein Leben komplett verändert. Auch wenn ich damals überzeugter Single war und überhaupt nie wieder mit irgendwem, irgendeine Beziehung führen wollte – ich war damals echt bedient – trat ein neuer Mann in mein Leben und brachte auch all das mit, was ich vorher nicht hatte und auch nicht kannte: Liebe, Respekt, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Gespräche, Kommunikation, Hobbys, seine Musik und auch eine große, tolle und herzliche Familie. Das war anfangs ziemlich schwierig für mich, all das zu realisieren und auch damit umgehen zu können. Jahrzehnte lang war ich quasi immer alleine, stumm und irgendwie unsichtbar und jetzt plötzlich hatte ich rund um die Uhr vollste Aufmerksamkeit.

Ich habe mich diesem neuen Leben nach bestem Wissen und Gewissen versucht anzupassen, wollte versuchen in diesem neuen Fokus, trotz meiner Vergangenheit, mit aller Gewalt „normal“ zu wirken … geordnet, bodenständig, seriös, vorzeige – und alltagstauglich eben. 😀

Allerdings tat ich das nicht, weil man es von mir verlangte, sondern weil ich es wollte. Ich fand mich so, wie ich war, irgendwie wie eine Zumutung und versuchte daher auf schnellstem Wege zumutbar zu werden.

Tja, hat nicht geklappt …

Mein Leben hat sich zwar tatsächlich komplett (ins Positive) verändert, doch tief in meinem Inneren bin ich ICH geblieben… und wer bin ich?

Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Nicole, mein Zweitname ist Dramaqueen und ich kann grundsätzlich alles alleine, brauche nie Hilfe und was nicht passt, wird passend gemacht. Eine Schublade gibt es nicht für mich. Ich bin verdreht, verpeilt, exzentrisch, ängstlich, misstrauisch, chaotisch, hochsensibel (eben die Hardcore Version von emotional), von Natur aus sehr introvertiert, bin in vielen Dingen ziemlich extrem, obendrein auch noch empathisch veranlagt und habe ein sehr ausgeprägtes Innenleben und eine so blühende Fantasie, dass ich Bücher damit füllen kann. Ich glaube an keinen Gott, habe noch nie Drogen genommen, hasse Streit und finde Menschen kacke, die ständig nach Gründen zum Streiten suchen (an dieser Stelle: viele Grüße an meine intrigante Lieblingsterrortante aus Bonn). 😀

Ich bin, zugegeben, nervtötend harmoniesüchtig und wünsche mir ständig Frieden auf Erden. Dann stehe ich noch auf das Individuelle, ich mag Tattoos, schöne Fotos, schräge Haarfarben, jede Art von Musik und mag Menschen, die zu ihrem Knall und ihren Schwächen stehen und, und, und … 😉

… eine Zumutung eben! 😀

Ja, es ist tatsächlich nicht leicht ICH zu sein und ich dachte eben damals, wenn ich zu sehr ICH bin, könnten die vielen „neuen“ lieben Menschen in meinem Umfeld merken, dass ich eben anders bin und das doof finden. Daher verwaiste der Blog von einen auf den anderen Tag und wurde schließlich irgendwann unwiderruflich aus dem Netz gelöscht…

Ein paar wichtige Einträge konnte ich aber retten, die auch nachträglich eingepflegt werden. 🙂

Kurioser Weise habe ich dabei entdeckt, dass ich vor ziemlich genau 7 Jahren folgenden Tagebucheintrag schrieb:

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Eintrag vom 13.06.2008

I´m going under…

Es kommt mir zumindest gerade so vor und deshalb bin ich im Moment auch so selten hier bei Euch. Irgendwie waren die letzten Monate, bzw. Jahre dann doch etwas zu viel für mich – ich bin vollkommen im Arsch. Die Einsamkeit, inklusive aller plötzlichen Selbsterkenntnisse, treiben mich zwar auf beruflicher Ebene derzeit zu Höchstleistungen aber alles andere in mir bettelt nur noch um Gnade.

Es geht einfach nichts mehr bei mir und das alles nur, weil mir erst jetzt so richtig bewusst geworden ist, was es bedeutet „allein“ zu sein. Niemanden an sich ran lassen zu wollen, selbst wenn sie es noch so gut mit einem meinen. Gezwungen zu sein jeglichen Augenkontakt zu vermeiden, um nicht Gefahr zu laufen, ihnen mein tiefstes Inneres zu offenbaren. Immer unter Zeitdruck zu stehen, die Sekunden und Minuten zu zählen, um den richtigen Zeitpunkt abzupassen, um sich aus dem Staub zu machen. Dringend weg zu müssen, nur damit sie erst gar nicht auf die Idee kommen, mir Fragen zu stellen, die ich nicht beantworten kann, bzw. nicht beantworten will. Jede einzelne „Wie geht es dir?“ Frage fühlt sich wie ein Messerstich an, der mich jedes Mal am liebsten laut aufschreien lassen würde.

„Wenn du etwas brauchst, sag Bescheid!“
„Wenn ich dir irgendwie helfen kann, lass es mich wissen!“

Wie es mir geht… was ich brauche… wie man mir helfen kann?

All diese Fragen bringen mich um…

Nein, falsch! Die Antworten darauf einfach nicht aussprechen zu können, das ist es, was mich wirklich umbringt! Ich fühle mich im Moment wie, als wäre ich ein Taubstummer, der ohne die Gebärdensprache zu beherrschen versucht, sich irgendwie mitzuteilen und gleichzeitig aber auch darauf bedacht ist, nicht zu viel zu sagen, denn er weiß nicht, ob seinem Gegenüber auch wirklich vertrauen kann.

Und das ist der Punkt…

Allein zu sein bedeutet für mich niemanden vertrauen zu können, so sehr ich es mir auch wünsche. Und ich wünsche mir im Moment nichts sehnlicher als einfach nur die Augen zu schließen, mich blind fallen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass ich aufgefangen werde.

Die Dinge plötzlich so zu sehen wie sie wirklich sind tut weh!

I´m going under…

♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

Ja, so klang ich vor 7 Jahren …

Heute würde der gleiche Text so aussehen:

27.06.2015

Bevor es Krebs wird …

… habe ich mich entschlossen wieder zum Onlinetagebuch zurückzukehren. Irgendwie waren die letzten 30 Jahre dann doch etwas zu viel für mich – ich bin vollkommen im Arsch. Ich habe zwar klare Ziele vor Augen, die mich bis zuletzt auf beruflicher Ebene zu Höchstleistungen trieben, aber ich habe es ignoriert, dass alles andere in mir immer noch um Gnade bettelt.

Jetzt geht einfach nichts mehr (keine Sorge, Bücher schreiben geht immer! 😀 ) und das alles nur, weil mir erst jetzt so richtig bewusst geworden ist, was es bedeutet „schwach“ zu sein. Der Dauerstress der seit knapp 30 Jahren in mir tobt und regelmäßig dafür sorgt, dass ich meine tägliche Dosis Adrenalin bekomme hat nicht nur deutliche Spuren hinterlassen, sondern mich auch vor drei Wochen komplett ausgeknockt. Wahrscheinlich war es dieses Mal eine Überdosis Adrenalin, die dafür gesorgt hat, dass mein Körper seither auf Hochtouren läuft und Krieg gegen eine Gefahr führt, die schlicht weg nicht vorhanden ist. Es ist ein körperliches, schwer zu beschreibendes Dauersymptom, ähnlich einer Panikattacke, nur mit dem Unterschied, dass es keinen Grund zur Panik gibt. Dennoch hat sich dieses Angstgefühl in Form einer Verkrampfung im Brustbereich festgesetzt. Wenn es nicht so unangenehm wäre, ist es fast schon interessant, welch faszinierende Selbstschutzmaßnahmen der Körper so auffährt, wenn das Fass übergelaufen ist. Das Problem ist nur, dass er damit nicht wieder aufhören will. Ich bin im Moment quasi eine wandelnde Panikattacke (Ha, neue Buchidee!). 😀 Doch noch schlimmer ist: Mein Nervenkostüm, meine wichtigste Rüstung, ist nicht mehr das, was sie mal war. Sie ist quasi nicht mehr vorhanden. Und das geht mir – mit Verlaub – extrem auf den Sack … bzw. auf die Eierstöcke! 🙁

Ich will gefälligst meine Stahlnerven wieder haben und keine filmreifen Comedy-Szenen abliefern, in denen ich, – von plötzlicher Unfähigkeit gebeutelt – heulend zusammenbreche, weil ich plötzlich nicht mehr imstande bin, das Auto aus einer 20 Quadratmeter Parklücke auf die Straße zu rangieren. Im Nachhinein lache ich selbst darüber, aber es ist schon eine massive Behinderung im Alltag, die nicht nur zum Schmunzeln anregt.

Mein armer tapferer Mann … 😀

Aber Spaß beiseite. Mir eingestehen zu müssen, dass ich, die immer starke Nicole, die grundsätzlich alles, aber auch wirklich alles alleine kann, niemanden braucht und alleine durchaus überlebensfähig ist, plötzlich schwach ist, das war mit Abstand der größte Tiefschlag meines Lebens. Ein Schock, den es erst mal zu überwinden gilt … wenn ich ehrlich bin, hat mich diese Tatsache regelrecht traumatisiert.

Hat ein paar Tage gedauert …

Scheiße finde ich es immer noch, aber da muss ich eben durch …

Inzwischen habe ich beschlossen, aus diesem Tiefschlag neue Kraft zu schöpfen und daraus eine Menge Positives zu ziehen. Natürlich komme ich um Medikamente und entsprechende Therapien nicht drum herum, aber auch dem sehe ich mit Freude entgegen. Das ganze nennt sich posttraumatischer Wachstum und ich bin mir sicher, diese Krise wird das Beste sein, was mir in diesem Jahr passiert ist. Noch nie war die Inspiration größer … vielleicht fehlte mir sogar dieser „Kick“ in die richtige Richtung.

Denn … natürlich ist es eine Form von Schwäche niemanden an sich ran lassen zu wollen, selbst wenn sie es noch so gut mit einem meinen. Gezwungen zu sein jeglichen Augenkontakt zu vermeiden, um nicht Gefahr zu laufen, ihnen mein tiefstes Inneres zu offenbaren. Immer unter Zeitdruck zu stehen, die Sekunden und Minuten zu zählen, um den richtigen Zeitpunkt abzupassen, um sich aus dem Staub zu machen. Dringend weg zu müssen, nur damit sie erst gar nicht auf die Idee kommen, mir Fragen zu stellen, die ich nicht beantworten kann, bzw. nicht beantworten will, weil sie es ohnehin nicht verstehen würden.

Und ja, es ist auch eine Form von Schwäche sich zu fühlen, wie ein Taubstummer, der ohne die Gebärdensprache zu beherrschen versucht, sich irgendwie mitzuteilen und gleichzeitig aber auch darauf bedacht ist, nicht zu viel zu sagen, denn er weiß nicht, ob seinem Gegenüber auch wirklich vertrauen kann.

Und das ist der Punkt…

Einem Menschen wieder vertrauen …

… daran muss ich dringend arbeiten!

Die Dinge plötzlich so zu sehen wie sie wirklich sind, ist tatsächlich eine Bereicherung! 😀

ENDE

Ich hab´s echt wieder getan und es fühlt sich so gut an!

Danke fürs Lesen! 🙂

Bis bald … (mindestens einmal die Woche, versprochen) !

Ach ja, anbei meine aktuelle „Wachstums-Hymne“, ich glaube, der Johannes kennt das, was ich gerade durchmache. 😀