Geschichten aus dem Leben

Wie man den Tod begreift

(Foto:Pueppi_72 / Pixelio.de)

Es gibt Dinge über die man nicht schreiben sollte?

Sollte man nicht?

Nennt mich pietätlos, denn ich tue es trotzdem, denn das bin ich MIR nach diesen letzten fünf Tagen einfach schuldig!

Mit anderen Worten: Seelische Schadensbegrenzung durch „darüber Schreiben“… irgendwie muss ich ja damit klar kommen.

Ja, ich bin immer noch traurig…

…aber jetzt bin ich anders traurig.

Ich bin traurig weil es so ist, wie es ist… meine Oma ist tot… aber es ist nicht mehr die Traurigkeit, die mich noch vor drei Tagen beherrscht hat, als alles noch so war, wie es nicht hätte sein dürfen…ihre schreckliche Quälerei. Ich bezweifle ohnehin, dass ich diese grausamen Bilder…dieses furchtbare Empfinden…die Empathie…der letzten Woche…jemals wieder aus meinem Kopf und meinem Herzen bekomme werde.

Du sitzt da und musst mit ansehen, wie ein lieber Mensch in seinen Krämpfen liegt, mit fiebrigen Schweißperlen auf der Stirn, die Todesangst ins Gesicht geschrieben. Ihre Hände, die immer wieder nach Halt suchten, wenn sie das Gefühl hatte zu fallen. Ihre panischen Schreie, wenn das Pflegepersonal sie neu bettete. Ihr Stöhnen, das verzweifelte Ringen nach Luft, wenn die Atmung wieder aussetzte und das Kräfte raubende Husten danach…von ihrem schrecklichen Anblick ganz zu schweigen. Und dann ihre Augen…die einst strahlend blauen Augen…das Zeichen ihrer Lebendigkeit…Augen die mich vor vier Tagen plötzlich traurig und flehend ansahen…Augen die weinten…und schließlich nur noch trübe und grau durch mich hindurch blickten.

Ich befürchte, ich werde demnächst eine Geschichte darüber schreiben müssen, um das irgendwie verarbeiten zu
können… wenn ich das überhaupt jemals verarbeiten kann. Aber dass ich es verarbeiten muss, gab mir mein Verstand gestern deutlich zu verstehen, denn der ist in den letzten zwei Tagen bei mir ziemlich auf der Strecke geblieben. Ich habe es Trauerunzurechnungsfähigkeit genannt, denn irgendwie war ich mit der Situation hoffnungslos überfordert. Überfordert deswegen, weil ich nicht wusste wohin mit mir und meiner Trauer. Jeglicher Kontakt mit meiner Verwandtschaft war für mich unerträglich – warum das so war, weiß scheinbar nur ich selbst.

Jedenfalls konnte ich es nicht begreifen, warum man mich knappe fünf Stunden nach ihrem Tod zur Beerdigungsplanung herbei zitierte…

„Nicole, das gehört nun mal dazu!“

Ja schön… aber schon fünf Stunden später??? Hallo????

Vielleicht war hier wieder mein typisch sensibles Staatsdrama-Getue am Werk – was ich allerdings als tiefe Emotionen von Traurigkeit hoch zehn betitele – allerdings diesmal vermischt mit einem Hauch Eigenprotest gegen Jene, deren Emotionspotential scheinbar unter dem Soll-Wert liegt.

Nun ja, jedem das Seine… meines ist eben anders.

Ich war jedenfalls bei dieser Planung nicht dabei und es gab auch noch weitere familiäre Termine bei denen ich nicht erschien – ich hoffe Oma verzeiht mir das. Und auch hier zu Hause fand ich nicht das, was mir in irgendeiner Weise hätte helfen können – es war eben „nur“ meine Oma die gestorben war und Omas sterben halt. Der Tod gehört nun mal zum Leben dazu…bla…bla…bla…ENDE!

Ja, trauern macht noch einsamer, wie ich festgestellt habe. Aber wenigstens habe ich es auf diesen Weg geschafft, mal zwei Tag lang nicht dumm von der Seite angequatscht zu werden.

Aber wir waren bei Trauerunzurechnungsfähigkeit…

Denn hinzu kam noch, dass ich zum Zeitpunkt als Oma starb, auch plötzlich wieder diese körperlichen Beschwerden bekam, die schon einmal in Verbindung mit Oma und ihrer Krankheit auftauchten – undefinierbare Unterleibsschmerzen, inkl. undefinierbaren und nicht zeitgemäßen Blutungen. Ich war dieses mal deswegen regelrecht hysterisch und glaubte sogar an eine Art Zeichen… eine Botschaft… körperliche Empathie… als es dann aber immer schlimmer wurde, dachte ich plötzlich, dass ich die Nächste sei: Gebärmutterkrebs im Endstadium, ich werde sterben – ADE!

Ja, ich hab sie manchmal einfach nicht mehr alle…

Ich war traurig, hysterisch und deshalb auch nicht ganz bei Trost – was in diesem Fall wörtlich zu nehmen war – und habe somit auch keinen Gedanken daran verschwendet, dass mein Körper vielleicht einfach nur auf diesen extremen emotionalen Stress auf diese Weise reagiert. Heute weiß ich es besser, denn der Spuk verschwand so plötzlich, wie er angefangen hatte – ich würde sogar behaupten, auf die Minute genau und zwar in der Minute, in der ich Omas Tod wirklich „begriffen“ hatte und so etwas wie Erleichterung verspürte.

Denn gestern wurde ich vor eine Wahl gestellt, deren Entscheidung mir schwerer nicht fallen konnte: „Heute hast du zum letzten mal die Möglichkeit, dich von Oma zu verabschieden – morgen wird sie ins Krematorium gebracht. Es ist Deine Entscheidung.“

Meine Entscheidung?

Na, bravo!

Man blicke bitte mal kurz auf meine ausgesprochen ansehnliche Vielzahl an emotionalen Fehlentscheidungen zurück, die mich nicht nur fast in den Tod, sondern auch schon mal in den Wahnsinn getrieben haben! Mein Bauchgefühl schlug jedenfalls sofort Alarm und sagte mir, dass es in meinem labilen Zustand keine gute Idee sei, mir das auch noch anzutun.

„Du hast dich lange und innig von Oma verabschiedet, als sie noch lebte – lass es und behalte sie so in Erinnerung, wie sie war!“

Sie in Erinnerung behalten, so wie sie war?
… abgemagert?
… leidend?
… gequält?
… verängstigt?

Scheiße, ich kriege diese Bilder einfach nicht aus meinem Kopf!

Aber dann war da mein Verstand der sich einmischte und sagte: „Du musst es tun, sonst wirst du die letzten Tage
und vor allem ihren Tod niemals richtig begreifen und verarbeiten können – tu dir selber den Gefallen und mach es, auch wenn es noch so weh tun wird.“

Ich war wie benebelt… richtig oder falsch… gut, oder schlecht …beides wäre jeweils hoch zehn zu berechnen…

Oh mein Gott, was soll ich tun?

Bitte entscheiden sie in… drei, zwei, eins …jetzt!

An dieser Stelle möchte ich mal anmerken, dass ich mein Leben im Moment ziemlich hasse und mich frage, warum eigentlich alle Scheiße neuerdings auf einmal kommen muss!?! Kann jetzt nicht einfach auch mal was SCHÖNES passieren?

Nun ja…

Ich habe mich jedenfalls entschieden es zu tun und ich habe darauf bestanden allein mit ihr… und mit mir selbst …zu sein. Ich habe den Schlüssel in meinen Händen gehalten und unendlich lange Minuten gebraucht, um überhaupt das
Gebäude – ein Bestattungsinstitut – betreten zu können. Ich heulte mir die Augen aus und fürchtete mich gleichzeitig vor dem, was mich in diesem sogenannten „Abschiedsraum“ erwartete.

Abschiedsraum… obwohl ich mich doch schon verabschiedet habe… außerdem wollte ich mich doch gar nicht
verabschieden… weil Oma doch auf ewig in meinem Herzen bleiben wird… was wollt ich jetzt noch gleich hier?
Ach ja, verstehen… begreifen… Hühnerkacke!

„Sie sieht schön aus…wie als ob sie schläft…das haben die ganz toll gemacht!“, hatten sie alle gesagt.

Schön??? Toll??? Sagt mal, tickt ihr eigentlich alle noch ganz richtig???

„Verdammt, was tue ich hier eigentlich?“, heulte ich laut, als ich schließlich den Schlüssel ins Schloss steckte.

„Dir ein weiteres Trauma fürs Leben bescheren, denn du hast noch nie einen toten Menschen gesehen…und jetzt
ist es auch noch Oma.“, antwortete mein Bauchgefühl.

„Du willst Oma nochmal sehen, um es zu begreifen…um ihren Tod zu begreifen.“, antwortete mein Verstand.
Das erste was ich sagte, als ich den Raum betrat: „Oh mein Gott, Oh mein Gott, Oh mein Gott!!! Hilfe!“
Das zweite, als ich vor ihrem Sarg stand: „Fuck, was ist das hier für eine makabere Scheiße???“

Denn…

Da lag eine tote Frau…gut gekleidet und zurechtgemacht…die Hände über einen kleinen Teddybären gefaltet und
sie sah meiner Oma zum verwechseln ähnlich. Und laut der Inschrift auf dem Kreuz, war sie es auch…aber ich habe sie nicht als meine Oma erkannt. Und während ich dastand und gegen das ankämpfte, was sich plötzlich wieder seinen Weg in mein Herz bahnte, um dort großen Schaden anzurichten, in Form von: Meine geliebte Oma ist tot und liegt hier in einem Sarg und wird durch ein summendes Gerät an der Decke gekühlt, damit sie nicht… Scheisse! Ihre Augen und Mund sind mit Pattex zugeklebt…unschöne Leichenflecken mit irgendeiner Paste überdeckt…Oh, mein Gott!…und was haben die mit ihrem Oberkörper gemacht??? Verdammt, was haben die überhaupt mit meiner Oma gemacht??? Mann, und warum liegt sie hier einsam und verlassen in diesem Raum?…das ist doch alles vollkommen krank!

Für einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl durchdrehen zu müssen… wie das ausgesehen hätte weiß ich
nicht…ich möchte es auch ehrlich gesagt nicht mehr wissen… ich weiß nur, das ich wieder ziemlich knapp an der
Grenze des Wahnsinns stand.

Aber dann…

Wie durch eine fremde Macht gesteuert… Warst du das vielleicht sogar, Oma?… streckte ich meine Hand aus und
legte sie auf ihre….die Hand die ich tagelang gehalten hatte und durch deren Adern so viel Kampfgeist und
Wärme floss. Diese Hand…ihre Hand…war kalt, steif und tot.

Und in diesem Augenblick wurde mir etwas ganz Entscheidendes klar. Und diese Klarheit erschreckte mich. Es
ließ mir regelrecht das Blut in den Adern gefrieren und…erfüllte mich schließlich mit tiefer Erleichterung.
Erleichterung, die mich zwar erneut in Tränen ausbrechen ließ, aber es war wieder ICH die da weinte und keine
kurz vorm überschnappen stehende Psycho-Enkelin.

Ich ließ diese fremde Hand wieder los und sagte aus tiefster Überzeugung:

„Nein Oma, das bist nicht du…du bist wahrhaftig nicht mehr hier…Du bist jetzt an einem besseren Ort…und ich
weiß, dir geht es dort gut…wahrscheinlich amüsierst du Dich gerade mit einem Engel beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel. Das, was da vor mir liegt ist lediglich der Körper einer toten alten Frau. Es ist nur die Hülle von Dir, mehr nicht. Wo du bist weiß ich leider nicht…und wir werden uns wahrscheinlich auch nie wieder sehen, aber dennoch ist es schön zu wissen, das du nicht mehr leiden musst und das es dir gut geht. Ich bitte dich vielmals um Entschuldigung, dass ich auch nur annähernd gedacht habe, dich hier in diesem Schiet Raum, und in diesem Schiet Sarg anzutreffen…ick Tühnbüddel!“

Ich verabschiedete mich noch ausgiebig von Teddy, dann ging ich…und das auf schnellstem Wege!

Draußen ließ ich Oma noch wissen, dass sie beim Spielen gefälligst nicht mogeln soll und dass sie mir den
Norden Grüßen soll und: föl sonk för allet, Oma!

Ja, diese Schiet-Dinge schön reden scheint bei mir neuerdings in einer Art Zwangsneurose ausgeartet zu sein und
ich hoffe, das diese „Störung“ mich niemals mehr verlassen wird! Ob ich jemals wirklich mit Omas Tod klar kommen werde?

Ich als meine psychologische Selbstexpertin würde an dieser Stelle sagen: Mein ganzer Lebensinhalt, mein tägliches Leben, war schon seit dem ich denken kann dadurch bestimmt mit irgendwelchen Dingen klar zu kommen die passieren – das ist der typische Selbsterhaltungstrieb von solch emotionalen Staatsdramen-Spezies (Wracks), wie ich es nun mal bin. Mit anderen Worten: Ich denke schon… ich weiß nur noch nicht wann!

Aber eines ist jetzt schon klar: sobald ich diese ganze Scheiße, die hier zur Zeit läuft, hinter mich gebracht habe,
werde ich erst mal gepflegt auf all diese neuen Traumas anstoßen – sprich: MICH BESAUFEN!

Amen!

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