Von der Freiheit, die ich nicht kannte, mir aber immer gewünscht habe…

Hey,

da bin ich wieder und das tatsächlich auch zum letzten Mal in diesem Jahr. Eigentlich wollte ich auch schon um die Weihnachtszeit schreiben und Euch mitteilen, wie die Feiertage hier in Nordfriesland so gelaufen sind. Aber mir fehlen im Moment einfach die Worte. Ich weiß einfach nicht, wie ich dieses wunderbare tiefe Gefühl, was mich inzwischen fest im Griff hat, beschreiben soll. Vielleicht, weil es die passende Beschreibung in meinem bisherigen Wortschatz einfach nicht gibt … ?

Zur Erinnerung:

So schlecht ging es mir noch vor einem Jahr…

Ende der Besinnlichkeit – tschö 2016 und fuck 2017

Und lustiger Weise entstand in dieser Nacht voller „Tschö 2016  und Fuck 2017“, die vollkommen verrückte Idee „Nordfriesland“. Ich erinnere mich noch haargenau an den Wortlaut.

Ich (voll beschwipst und verzweifelt):

„Mann, wenn ich doch nur in die Zukunft sehen könnte. Wo wären wir dann? Wir müssen dieses Jahr auf jeden Fall umziehen. Aber wo sollen wir hin? Hier geht mir einfach alles auf die Nerven. Ein Kaff schlimmer als das andere. Ich will eigentlich weg…. gaaaaaanz weit weg … aber geht ja nicht, ich bin ja nicht alleine auf der Welt und muss ja auf meinen Mann und die Kinder Rücksicht nehmen.“ *schmoll*

Andi: „Wenn du auf keinen Rücksicht nehmen müsstest, wo würdest du dann hin wollen?“

Ich: „Dann würde ich sofort an die Nordsee ziehen. Ganz weit oben!“ 😮

Der Rest ist bekannt und kann auch hier nachgelesen werden:

Entscheidung für´s Leben – ich bin (bald) weg, au revoir!

Tja, und jetzt… genau ein Jahr später, sitze ich hier „ganz weit oben“ und stelle fest, ich bin zwar vollkommen verrückt, aber:

Es gibt kein Stress. Keinen Ärger. Keine Hektik. Keinen Frust. Kein Gefühlschaos. Keinen Schmerz. Keine Selbstzweifel. Keine Traurigkeit. Keine Blockaden. Keine Last. Kein Drama und KEINE ANGST.

Und wenn Körper und Geist plötzlich vollkommen frei von all diesen negativen Emotionen sind, dann ist das wie fliegen. Ja, ich fliege. Es ist eine Form der Freiheit, die ich bisher noch nicht kannte, aber von der ich doch immer irgendwie geträumt habe. Vorgestern spazierte ich bei Sonnenuntergang und steifer Brise (mal wieder) über den Strand, ließ die Tränen (vor Wind und Rührung) laufen und hatte wieder nur dieses eine Wort im Kopf: „Freiheit!“

Freiheit ist die Medizin für mein Seelenheil, nach der ich so lange gesucht habe. Hier ganz weit oben, am schönsten Arsch der Welt, habe ich sie gefunden. Ich merke gerade, ich kann es auch nicht so richtig in Worte fassen, auf welch wundersame Weise dieses Fleckchen Erde mich heilt …

Mona Harry bringt vieles davon auf den Punkt – großartig:

Ja, ich bin verliebt, mein Leben ist versalzen und das viele Stroh aus meinem Kopf liegt jetzt beim Nachbarn auf dem Dach. 😀

Wenn ihr es doch selbst erleben könntet… 🙂

Selbst wenn mir im Alltag beim Einkaufen auf dem Supermarktparkplatz eine Schar Möwen begegnet, ist das ein weiteres Pflaster für meine Seele und entschädigt mich für vieles. Vor einigen Tagen habe ich meine Tochter bei Windstärke 8 mit dem Fahrrad (und Fahrradanhänger) in den knapp 3 Kilometer entfernten Kindergarten gebracht. Es war so ein krasses Gegenwinderlebnis, dass ich den ganzen Tag lächeln musste …

Apropos…

Meine Waage lächelt so langsam auch wieder … und das so ganz ohne Diät. 🙂

Und mein Hashimoto scheint sich jetzt auch wieder einzukriegen. Mit viel Glück kriegen wir das Autoimmunproblem mit meiner neuen Gelassenheit und entsprechender Dosis Selen & Carbimazol eventuell doch ohne Schilddrüsen-Operation in den Griff. 🙂

Ja, es war / ist zwar verrückt, aber diese Silvester-2016/2017-Entscheidung, war die beste meines Lebens. Meine Kinder sind glücklich, mein Mann ist glücklich, ICH bin glücklich.

Hier der letzte Blogbeitrag meines Mannes:

Alles richtig gemacht

Ja, ich weiß, der eine oder andere kann es nicht mehr hören, wie schön es hier ist und wie gut es uns geht, aber ich finde, zum Jahresende muss das nochmal betont werden. 😀

Meine Akkus werden jedenfalls wieder aufgeladen und ich spüre wieder ein gewisses Energiepotenzial. Energie, die ich im neuen Jahr auf ganz unterschiedliche und neue Weise mit viel Freude einsetzen werde – lasst Euch überraschen. 🙂

Und mehr kann ich dazu auch eigentlich nicht sagen, weil mir eben einfach die Worte fehlen. 🙂

Ich wünsche Dir, dass Du heute Nacht gut ins neue Jahr kommst und für das kommende Jahr auf jeden Fall ganz viel Glück, Kraft, Energie und Mut!

Wir lesen uns – bis bald!

Nicki

P.S.:

Und zum Schluss nochmal mein persönlicher Song des Jahres 2017 – es wird wohl immer mein Song bleiben:

Die liebe Wut ist jetzt auch meine Freundin

Ist das nicht ein Hammer Bild?

Vor ein paar Tagen dachte ich noch: „Mist, worüber soll ich in Zukunft eigentlich in meinen Blog schreiben, wenn es nichts mehr gibt, was mich belastet oder beschäftigt? Liest dann noch überhaupt jemand mit, wenn meine Welt nicht mehr dramatisch oder skandalös untergeht?“

Wahrscheinlich nicht. 🙂 Aber es ist mir auch eigentlich egal. Ich brauche eh nur diesen einen Leser – DICH! Du, der wo sich für mich interessiert. 😀 An dieser Stelle: DANKE, dass es Dich gibt. Und, keine Sorge, in meinem Leben wird es immer etwas geben, dass mich beschäftigt, auch wenn es vielleicht nicht immer den direkten Blick in mein Wohnzimmer beinhaltet. Apropos Wohnzimmer – draußen ist es wieder sehr, sehr pustig. Äste fliegen gegen die Scheiben und wir haben den Kamin an. Nordfriesland kann ja trotz Schietwedder ja so kuschelig sein. 🙂

Worüber ich eigentlich schreiben möchte: Ich will heute ein kleines Statement zum Thema „Wut“ abgeben. Nein, nein, keine Sorge, meinem Mann geht es nach wie vor sehr gut und wir haben uns seit mehr als 3 Monaten nicht ein einziges Mal gestritten. Warum auch? Wir haben keinen Grund. Eigentlich noch nie gehabt. Alles ist perfekt und wir sind uns (trotz unserer Unterschiede) noch nie in allem so einig gewesen, wie in diesem neuen Leben.

Ich glaube, seit knapp 3 Monaten habe ich auch nicht mehr geheult (außer am Schluss des Films „Das Kind“, die erste Verfilmung von Sebastian Fitzek, aber das zählt nicht). Seit 3 Monaten nicht mehr geheult? Das ist rekordverdächtig! Nein, kein tränenreiches Zusammenbrechen mehr, weil man die ganze Scheiße, die ständig um einen herum passiert nicht mehr ertragen kann. Keine Heulattacken mehr, um inneren Druck loszuwerden. Apropos Druck loswerden: Ich habe seit 6 Monaten keinen Alkohol mehr getrunken. Brauch ich nicht, will ich nicht. Außerdem hat mir dieser letzte Vollrausch bei der Abschiedsparty Ende Juni wieder gezeigt, dass ich selbst im betrunkenen Zustand all meine Wahrheiten nicht verdrängen kann. Die Mit-Mir-Kann-Mans-Ja-Machen-Wahrheit, die Hau-Mir-Auf-Die-Fresse-Und-Ich-Werde-Dich-Anlächeln-Wahrheit, die Lüg-Mich-An-Und-Ich-Werde-Auch-Noch-Danke-Sagen-Wahrheit, die Antworte-Nicht-Auf-Nachrichten-Ich-Bin-Es-Nicht-Wert-Wahrheit, die Verdrängen-Wir-Und-Tuen-Wir-So-Als-Ob-Nix-Gewesen-Wäre-Wahrheit, die Du-Hast-Ja-So-Recht-Ich-Bin-Unfähig-Undankbar-Und-Unzuverlässig-Wahrheit, die Es-Gibt-Einen-Triftigen-Grund-Warum-Ich-Menschen-Scheue-Wahrheit u.s.w., ich hab davon quasi noch immer einen Kater. 😀

All diese „Wahrheiten“, – also Empfindungen, die im Umgang mit vielen meinen Mitmenschen schonungslos aufkamen, auch wenn ich es mir nicht eingestehen wollte, – basieren auf einer Menge negativer Emotionen, die sich in den letzten Jahren bei mir angestaut und ziemlich an mir genagt haben. Seit dem Umzug habe ich den nötigen Abstand zu diesen Emotionen, was mir wirklich unglaublich gut tut. Aber ich muss mir klar machen, dass vieles von meinem „alten“ Leben noch nicht verarbeitet ist und unterschwellig noch an mir knabbert oder sogar irgendwann auch wieder so richtig an mir reißen könnte, wie ein gieriger Hai an einem Köder.  Davor habe ich, zugegeben, sehr, sehr große Angst. Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich nur hier, weit weg, sicher vor diesem „Seelenhai“ bin. An dieser Stelle: Wer mich besuchen will, ist herzlich willkommen, ich werde (nach meinem jetzigen Empfinden) Schleswig-Holstein wohl nie wieder in südlicher Richtung verlassen.

Ich schrieb gerade eben von „negativen“ Emotionen, die damals immer wieder in mir ausgelöst wurden und von denen ich jetzt kaum noch etwas spüre. Ich habe diese Emotionen noch gar nicht richtig benannt. In meinem alten Leben fühlte ich mich sehr oft traurig, enttäuscht, klein, verachtet, ungeliebt, dumm, belächelt, nicht ernst genommen etc. – kindliche Gefühle eben. Und, ich dachte, ich sei in dieser Zeit auch oft wütend gewesen. Jetzt weiß ich, dass ich es (schon wieder) viel zulange nicht war. Und das hat Gründe.

Mit meinem „kleinen Ausraster“ vor knapp 19 Jahren, gab es auch dieses Trauma. Hierzu muss ich noch mal diese Geschichte hier ausgraben: Der Psychopath und ich Teil III – ich hab das gerade selbst nochmal gelesen. Alter, da war ich aber echt sowas von angepisst und durch. Da wird man einmal wütend und peng! landet man in der Klapse. Kein Wunder, dass ich ein Problem damit habe, wütend zu werden.

Jedenfalls wurde damals eine neue Angst geboren. Die Angst davor, tiefe Wut zu empfinden und wütend zu werden. Wut war ein unerträgliches Niveau, auf das ich nie mehr sinken wollte. Das hatte Folgen. Sobald mich etwas verletzt hat, und die „normale“ Reaktion die Wut gefordert hätte, stieg mit dem Aufkommen des Gefühls auch gleichzeitig die Angst vor dem Explodieren und der auch damit verbundenen Aggression. Die Aggression, die zwar nicht immer in Gewalt enden muss, aber theoretisch könnte.

Also wurde im Rahmen seelischer Verletzung jegliche Form von Wut durch meine Angst und fehlendes Selbstwertgefühl in eine neue, andere negative Emotion umgewandelt: in Schuld. Ja, ich fühlte mich immer schuldig. Egal, wer mit mir den Molli machte, weshalb ich auch immer wütend sein sollte, am Ende suchte ich die Schuld immer bei mir. Ich hatte kein Recht darauf wütend auf irgendjemand zu sein, denn – wer war ich schon? Ich war ich. Also nicht normal. Grundsätzlich nicht genug. Zu emotional. Zu verrückt. Zu extrem in der einen Sache, zu leichtfertig in anderen Angelegenheiten. Zudem war ich auch noch gottlos, übte den falschen Beruf aus, hatte nie Geld und war aus diesem Grund auch ein Nichts, ein Niemand.

Dieses Empfinden war in der Vergangenheit immer das gleiche Schema. Jemand verletzt mich, ich schluckte es runter, lächelte weiter und tat so, als ob nichts gewesen wäre. Entstand eine Situation, die nach Konfrontation schrie, gab ich mir nicht einmal Mühe, mich zu rechtfertigen, weil ich vor lauter Schock einfach keine Worte fand. Im schlimmsten Fall kamen mir in diesen Situation unaufhaltsam die Tränen. Ich dachte bisher immer, es wären Tränen, um den Wut-Druck abzulassen, aber es waren immer wieder Tränen der Schuld. Und wenn die Situation ohne Konfrontation verlief, heulte ich später für mich alleine, wenn ich aus der Situation raus war. Ohne Scheiß, wie oft habe ich in diesem Leben als erwachsene Frau nach Telefonaten oder Treffen dagesessen und hab geheult, wie ein kleines Kind, obwohl ich eigentlich viel lieber auf den Tisch gehauen und „Hallo? Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“, geschrien hätte.

Ja – „Was glaubst Du eigentlich, wer DU  bist?!“ – diesen Satz lasse ich mir jetzt auf ein T-Shirt drucken oder auf die Hand tätowieren. 😀

Ich merke schon, meine Zeilen heute scheinen von Kampfeslust getrieben. Aber das ist nicht so. Ich mag nach wie vor kein Ärger und Streit. ABER:  Eine wichtige Erfahrung in den letzten Tagen hat mir deutlich gezeigt, wie wichtig es ist, die Fähigkeit zu besitzen, sich zu streiten, sich damit zu wehren und somit auch zu schützen.  Eine Fähigkeit, die meine Therapeutin mir damals mehrfach versucht hat nahezubringen, aber was ich damals einfach noch nicht anwenden konnte, weil ich es nicht kapiert habe.

Es gab vor einigen Tagen eine Situation, die mich noch aus meinem „alten“ Leben mal mehr, mal weniger verfolgte und mich urplötzlich und unverhofft per E-Mail einholte. Was in der Mail stand und von wem sie war ist unwichtig. Wichtig ist nur, was sie in mir ausgelöst hat. Es war eine Mail gewesen, gespickt mit zahlreichen Vorwürfen, die mich noch vor Monaten so niedergeschmettert hätten, dass ich mir gewünscht hätte nie geboren worden zu sein. Ein Mail, die all das bestätigt hätte, was ich damals zu sein schien – unfähig, klein, dumm und ein Niemand.

Noch während ich die Nachricht las, spürte ich plötzlich, wie mein Herz anfing wild zu rasen, bis in meinen Kopf und in meinen Ohren donnerte mir mein Herz seinen Unmut vor. Mein Kopf fing zu glühen an. Als mir dann ein weiteres, ganz bestimmtes Triggerwort in die Augen fiel, fingen meine Hände an zu zittern. Und ich fand es erschreckend, wie heftig Hände zittern können, ohne dass man es wirklich beeinflussen lassen kann. Dann ist mir schlecht geworden. So schlecht, das ich fast kotzen musste. Ich brauchte ein paar Minuten, um diese plötzlich heftige Flut an dieser völlig neuen Emotionen zu registrieren und zu verarbeiten. Ich war zutiefst verletzt, fühlte jedoch diese unsagbare Wut und sie wich nicht von mir. Keine Veränderung in Schuldgefühle und auch keine andere Emotion trieb mich in die Knie. Ich war einfach nur wütend. Nein, ich war echt ernsthaft angepisst. Und dieses Angepisstsein sorgte dafür, dass ich mich innerlich aufrichtete, somit die Angst vor der Konfrontation besiegte, das STOP-Zeichen gab und weiterhin die aufkommende Wut zuließ.

Jetzt weiß ich: Wut ist wichtig. Wut ist die Energie, die ein sensibles Herz vor Verletzung beschützt.

Mann, ich habe mir, nach allem, was passiert ist, verdammt nochmal, das Recht herausgenommen wütend zu sein. Und dass ich wütend wurde und bin, ist nach wie vor nicht besondere schön, aber allein, die Tatsache, diese natürliche „gesunde“ Emotion spüren zu können, ohne mich schuldig oder schlecht zu fühlen, tut wiederum unglaublich gut. Leider bin ich im Anschluss einen klein wenig schriftlichen Amok gelaufen. Ich habe ein klares Statement über mein Empfinden abgegeben und genau das habe ich noch nie in meinem Leben (in der Form jedenfalls nicht) getan. Es wird wahrscheinlich ein unangenehmes Nachspiel geben, aber dazu stehe ich.

Jetzt weiß ich, was da so lange Zeit schief gelaufen ist und auch wieder Ängste geschürt hat. Die Angst vor Konfrontationen. Ich war schutzlos, weil ich nicht wusste, wie man sich selbst schützt. Ich dachte immer Aushalten, Verdrängen, Kopf in den Sand wären auf Dauer hilfreicher. Weit gefehlt, Angst und Schweigen ist das absolut falsche Sicherheitssystem.

Was jetzt aber nicht heißen soll, dass ich jetzt neuerdings zum Choleriker werde. Es muss (nach wie vor) erst eine Menge passieren, bis ich wütend werde. Unehrlichkeit, Empathielosigkeit und Ignoranz sind da noch immer meine Spitzenreiter.

An dieser Stelle: Wer gerne auch so einen Wut-Roman von mir erhalten will, kann mich gerne „triggern“.

Triggerworte:

  • Diät
  • Abnehmen
  • Gesunde Ernährung
  • Sport
  • Organisation
  • Fenster putzen
  • Kochen
  • Winterreifen
  • Verlagsvertrag
  • Buchrechte
  • Tantiemen
  • Geld
  • Schulden
  • Kontostand
  • Kostenübernahme
  • Raiffeisenbank Neustadt eG – Frau T.
  • Hauskauf
  • Eigenheimbesitz
  • Vettelschoß
  • Versprechungen
  • Enttäuschung
  • Heimlichtuerei
  • Familie
  • Schornsteinfeger
  • Gefrierschrank
  • Kondenstrockner
  • Telefon
  • Antwortfunktion E-Mail / Facebook / Whatsapp
  • Blockierliste
  • Börsennachrichten
  • Trump

U.s.w….

 

 

 

Nordfriesland und meine Sozialphobie – eine Freundschaft fürs Leben

… oder  was von dem „Was sonst noch so los war – angekommen in Nordfriesland Teil 3“ übriggeblieben ist. 🙂

Wisst ihr eigentlich, dass ich meine Blogtexte nach dem Veröffentlichen höchstens noch einmal lese, um letzte Fehler zu verbessern, aber dann eigentlich nie wieder anschaue? Ganz nach dem Motto aus den Augen aus dem Sinn und das ist wirklich so. Alles, was ich schreibe, wird von meinem Gehirn innerhalb kürzester Zeit wieder automatisch gelöscht. Ja, ich weiß tatsächlich nicht mehr (oder nur Bruchstücke von dem), was in meinen Blogtexten steht, was vielleicht auch manchmal besser ist. 😀  Deshalb kann ich mich auch meistens nicht an Auftragstexte erinnern. Sobald der Text an den Kunden geschickt und von diesem abgenickt wurde, setzt der Löschprozess ein. Das heißt, ich kann mich auch nicht an Texte erinnern, die ich vor drei Tagen verschickt habe. Und wenn ich ganz ehrlich bin, erinnere ich mich auch nicht mehr so richtig an meinen Roman „Sonst wird  dich der Jäger holen“. Kleinere Handlungsfäden entfallen mir und wenn ich in mein eigenes Buch reinschaue, staune ich selber über das, was da alles drinsteht. Ich musste erst gestern wieder nachschauen, wie der Hauptprotagonist hieß – Georg Blumenfeld war irgendwie aus meinem Gedächtnis gefegt. 😮

Ja, ganz komische Sache. Ich habe da nämlich gerade mal bei meinem Blog vorbei geschaut, um mir in Erinnerung zu rufen, was ich als letztes geschrieben habe, denn auch das war wie aus dem Gedächtnis gefegt. Und dann sehe ich, dass ich noch einen Text in der Vorbereitung hatte, der „Was sonst noch so los war – angekommen in Nordfriesland Teil 3“ hieß. Der Inhalt war die ausführliche Erläuterung meiner Krankheitsgeschichte, inklusive der panischen Angst vor (m)einem möglichen baldigen Ableben. Ja, und wenn ich Texte vergesse und später nochmal lese, kann es durchaus passieren, dass ich sie gnadenlos lösche. Passiert mir manchmal auch bei Facebookpostings. Den Grund kann ich noch nicht mal so richtig benennen. Es ist eher ein Gefühl, was mich dann antreibt und dann die Löschtaste betätigt.

Mit anderen Worten: Der schon seit Wochen vorbereitete „Angekommen in Nordfriesland Teil 3“ Text ist gelöscht, weil der Inhalt total Schrott war und in einem noch sehr angespannten Zustand verfasst wurde. Das ist ja jetzt alles hinfällig. Aber auch irgendwie wichtig, deshalb fasse ihn nochmal kurz zusammen, wie folgt:

Ja, ich kann sagen, dass sich hier in Nordfriesland einiges geklärt hat, was zuvor im Unklaren war. In meinem letzten Teil schrieb ich ja schon über die Problematik mit meinem Mann und was am Ende dabei herauskam. Es war alles ganz anders als ich dachte und wurde am Ende gut. Ähnlich verlief es hier mit meiner körperlichen Geschichte, auch wenn da leider nicht so wirklich alles gut ist, aber dennoch nicht so schlimm, wie von mir heraufbeschworen – es ist also kein Schilddrüsen – oder Speiseröhrenkrebs!

Achtung, der nachstehende Thema dürfte wichtig sein für Menschen, die nicht nur Stress haben, sondern sich auch anders „seltsam“ gestört fühlen…

Stress macht krank, seelischer Schmerz macht krank, Angst macht krank, ein „falsches“ Leben macht krank.

Ich hatte ja schon erwähnt, dass sich seit den Umzug mein seelisches Gleichgewicht auf allen Ebenen sich inzwischen wieder eingependelt hat. Mein Stresspegel ist erheblich gesunken, ich würde sogar sagen von einer einstigen Stressskala von 10 auf 1. Ich kann wieder herzlich lachen, fühle mich befreit und nehme das Leben mit all seinen Facetten wieder wahr ohne irgendetwas einnehmen oder trinken zu müssen. Mit dem sinkenden Stresspegel erhoffte ich mir auch, dass mein Körper sich erholt und alle Stresssymptome sich auch in Luft auflösen. Dieser verdammte unkontrollierte Gewichtszunahme, Unruhezustände, Albträume, Menstruationsbeschwerden, Magenprobleme, Reflux, Schluckbeschwerden, Fremdkörpergefühl im Hals, Beklemmungen, Herzrasen (vor allem wenn ich abends im Bett liege) und – das fand ich besonders einschränkend: diese ständigen Gelenk- und Muskelschmerzen. Alles tat weh und das ist nicht übertrieben.

Die ganze Symptomatik sollte jetzt eigentlich mal weggehen. Ging sie aber nicht. Das, was sich wieder normalisierte, war das Gewicht – ich nehme also nicht mehr zu-, mein Magen (weniger Reflux) und mein Zyklus – juhu, ich verblute also nicht mehr jeden Monat. 🙂

Wegen weiterer merkwürdiger Symptome und weil die Gelenk- und Muskelschmerzen sich nicht besserten,  begab ich mich vor einigen Wochen (ja, ist schon so lange her) in das Westküstenklinikum Heide und weiß nun, dass ich „nur“ eine ziemlich weit fortgeschrittene nicht heilbare Autoimmunerkrankung habe.  Bei einer sogenannten „Hashimoto Thyreoiditis“, zerstören durchgedrehte T-Lymphozyten Teile meines Körpers, in dem Fall die Schilddrüse und aufgrund der dadurch entstehen chronischen Entzündung ist mein ganzer Körper ständig in Aufregung versetzt. Es werden nun verschiedene Therapien geprüft, wenn nix hilft muss die Schilddrüse raus.

So, und nun kommt auch der Grund, warum ich diese kleine Krankheitsgeschichte hier aufgreife. Diese Autoimmunerkrankung kann u. U. durch eine ständige Überdosis Stress und Angst ausgelöst werden. Der Arzt erklärte mir, dass diese Autoimmunerkrankung mit all ihren Auswirkungen auch der Auslöser von noch mehr Stress, emotionalen Ausrastern und auch die Grundlage für Angststörungen legt. Er sagte,  bei meinen Werten würde er sich nicht wundern, dass ich kurz vorm Durchdrehen stand. Allerdings könnte man sich jetzt bei mir noch drüber streiten, was zuerst da gewesen war Huhn oder Ei, aber Fakt ist: alles hängt miteinander zusammen. 😮

Das finde ich so unfassbar krass. Da bekommt für mich die Aussage „Stress macht krank“ plötzlich eine völlig neue Bedeutung. Also ihr lieben Stress und Angstgeplagten, lasst mal Eure Schilddrüse checken. Eine Überfunktion kann Panikattacken und Ängste auslösen.

Apropos Panikattacken und Ängste…

Warum sind wir nochmal ganz weit nach oben gezogen?

Ich zitiere aus einem älteren Blog – Entscheidung fürs Leben – ich bin bald weg   ja, ich habe gerade extra nochmal nachgelesen 😀 , wie folgt:

Ich hab echt die Schnauze voll von diesem Leben, was ich bis zuletzt führte und was mir eine Zukunft mit Psychopharmaka, Alkohol, Autoaggression und reichlich Stroh im Kopf prophezeite.

[…]

An diesem Abend befand ich mich – während mein Mann auf der Couch lag und TV sah – plötzlich in einer Situation, in der Wutanfall, Heul – und Panikattacke quasi gleichermaßen aus mir herausbrachen. Ich kam mir wie eine Gehirnamputierte vor, auch das verletzte mich, was mich nur noch wütender machte. Irgendwann war dann der Punkt erreicht, in dem ich mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, mir selbst (mit stumpfer Gewalt) auf den Kopf schlug. Als das nicht die gewünschte Erlösung brachte, drückte ich mir die Luft ab,  in der Hoffnung, somit wieder die Kontrolle über mich und meine Vernunft zurück zu erlangen. Die Vernunft kam leider erst mit einer „Notfalltablette“ und Alkohol zurück.

[…]

Meinem Vater und meiner Mutter habe ich  – einfühlsam, wie ich bin – die Situation so erklärt: „Wenn ich jetzt keinen Schnitt mache und ein neues Leben anfange, lande ich in Kürze entweder in der Klapse oder auf dem Friedhof!“

[…]

Ja, ich stehe dazu… es war ein dramatischer Ausrutscher! Ich nehme heute kein Blatt vor den Mund, denn ich möchte aussprechen dürfen, wie es war, wie es ist und wie es in Zukunft sein wird. Vielleicht kann ich andere vor so einer Scheiße bewahren, in dem sie es nicht so weit kommen lassen und gleich das tun, was sie tun müssen, um kein Psycho zu werden. 😉

[…]

Meine Therapeutin sagte, ich soll auf meine Intuition, auf meinen Bauch und endlich auch auf mein Herz hören. Endlich dahin gehen, wo es mich schon immer hingezogen hat. Mich von Dingen und Menschen trennen, die mir nicht gut tun. Ich soll mich nicht mehr emotional auf die Palme bringen, manipulieren oder erpressen lassen. Ich sollte zur Kenntnis nehmen, dass ich inzwischen erwachsen bin und tun und lassen kann, was ich will. Und vor allen Dingen sollte ich lernen zu unterscheiden, wer die Guten und die Bösen in meinem Leben sind … „

Echt krass, wie ich mich damals gefühlt habe und noch krasser, wie ich mich heute fühle.  Und während ich das schreibe, merke ich, wie mir die Tränen kommen, weil es mir jetzt einfach so unfassbar gut geht. Nein nicht dreiviertel gut, sondern wirklich gut. Ich habe noch immer die Worte für dieses Gefühl nicht finden können – aber der intensive Frühlingsschrei von Ronja Räubertochter kommt der Sache schon sehr nahe.

Alles ist so ruhig und so friedlich hier. Kein Stress, keine Hektik. Ich finde hier selbst den Regen schön

Und Windräder beim Sonnenuntergang (mit Saharastaub in der Atmosphäre) finde ich Hammer…

 

Die Binnendünen in Süderlügum sind der Hammer … 10 Minuten von unserer Homezone entfernt.

Dänemark ist Hammer …

Die Wälder sind der Hammer…

Ja, selbst die Straßen sind hier der Hammer …

Alles Hammer, klingt ja schon mal sehr schön, aber was ist mit meinen Ängsten und Dämonen?

Habe ich wirklich alles zurück gelassen? Ist hier oben echt alles gut?

Sagen wir es mal so: Die lästigen und unnützen Ängste und Dämonen, die tatsächlich überall in Vettelschoß und Umgebung ihr Unwesen mit mir getrieben haben, sind wirklich in meinem alten Heimatort geblieben, die meisten zumindest. Ich bin kürzlich einem „Dämon“ begegnet, der sich irgendwie in mein Gepäck gemogelt hat.  Zur Erklärung der Begrifflichkeit „Dämonen“, nur, um die Verwechslung mit Bösen Mächten aus der Unterwelt zu vermeiden: Ich nenne diese Angstsituationen mit Auslöser, die aus der Vergangenheit her rühren gerne Dämonen, weil die Bezeichnung mein Empfinden einfach auf den Punkt bringt. Ein unsichtbares Etwas, was mich quält und in den Wahnsinn treiben will.

Und dieser Dämon begegnete mir in einem Niebüller Geschäft mit vier Buchstaben, in dem es sämtlichen Krempel für Lau gibt. Ich war also in dem Laden und stöberte Gedanken versunken durch die Regale und fand schließlich die gesuchte Trinkflasche für meine Tochter. Vielleicht sollte ich noch dazu sagen, dass ich es unglaublich genieße, ein Irgendjemand und somit ein Niemand in Niebüll zu sein. (Fast) Keiner kennt mich. Ich bin so herrlich unsichtbar, unbedeutsam, unwichtig. Es interessiert einfach keinen was ich mache und wer ich bin. Und doch sind aller immer höflich, freundlich, lustig und offen zu mir – und das bin ich grundsätzlich (auch als Sozialphobiker) auch.

Jetzt stand ich also da an der Kasse und wollte die Flasche bezahlen. Die Kassiererin lächelte mich nicht nur auffällig nett an, sondern ließ mich auch wissen, dass sie mich die ganze Zeit im Auge gehabt hatte:

„Na? Alles gefunden?“

Sie grinste.

Ich war zunächst nur irritiert und sah sie unsicher an. Sie kam mir irgendwie bekannt vor, auch wenn ich zuvor noch nie in diesem Laden gewesen war. Meine Unsicherheit war mir jedoch deutlich anzusehen, um die Situation wohl zu entspannen fragte sie:

„Ihr seid zugezogen, näch?“

Und Peng! war er plötzlich da dieser schreckliche Dämon. Ein unsichtbares Ding, der seine kalten Klauenhände auf meine Schultern legte, meinen ganzen Körper vor Schreck erstarren ließ und mein Gehirn durch die ausgelöste Panik außer Betrieb setzte. Ob ich zugezogen bin? Woher wusste sie das? Fassungslos starrte ich die Frau an. Dann begann der Dämon mir Dinge ins Ohr zu flüstern, die ich nicht hören wollte:

Ach guck, sie kennt dich. Irgendeine, die von irgendeinem Schwätzer (oder einer Schwätzerin) die „Wahrheit“ über dich gehört hat und jetzt meint zu wissen, wer du bist. Sieh hin, wie freundlich sie dich anlächelt und so tut, als ob sie sich ernsthaft für dich interessiert. Aber denk dran, auch sie wird sich hinter deinem Rücken das Maul zerreißen, weil du es einfach nicht wert bist. Vergiss es, keiner will ernsthaft was mit dir zu tun haben, weil du nix bist, nix kannst und von Natur aus Scheiße bist!

Ich schluckte. Versuchte die anrollende Panikattacke irgendwie aufzuhalten, in dem ich nur etwas dümmlich lächelte und damit begann, in meinem Portemonnaie nachdem passenden Geld zu suchen. Schließlich meldete sich mein Verstand im Kampf gegen den alten Angstdämon zurück und erinnerte mich daran, dass es praktisch nicht sein kann, dass mich diese Frau von meinem alten Leben her kannte. Ich war hier am Arsch der Welt, in Nordfriesland, in Schleswig Holstein und nicht irgendwo im fucking Kreis Neuwied (der Grund, warum ich im Augenblick auch nicht einmal annähernd das Bedürfnis habe, die alte Heimat zu Besuchen und zwei geplante Reisen abgesagt habe, sorry).

Meine Hände zitterten, weil ich nicht mehr denken konnte und auch nicht in der Lage war, 3,50 € aus meinem Geldbeutel abzuzählen. Hinzu kam noch die Angst, was die Frau wohl von mir denken könnte, wenn ich so reagierte, wie ich gerade reagierte – wie eine Gehirnamputierte, wie ein Psycho eben.

„Ach, entschuldige, ich bin die Mutter von Paul (Name geändert) aus dem Kindergarten. Ronja und er geht in die gleiche Gruppe. Und da hab ich dich gesehen und gleich gedacht: Hey, dich kenne ich noch nicht. Ihr seid zugezogen, näch?“

Nach dieser Erklärung, fand ich zumindest einige wenige Worte und auch das Geld wieder, dennoch war diese Situation eine Katastrophe für mich. Glaubt mir, ich wäre fast im Erdboden versunken, für diesen Auftritt… und er beschäftigt mich auch heute noch. Verdammt, warum habe ich nur so Angst vor Menschen, insbesondere, wenn Sie (über den Smalltalk hinaus) mit mir in Kontakt treten möchten ?! 🙁

Stichwort: Sozialphobie.

Es ist also nicht alles neu, sondern auch manches beim Alten. Ja, mein neues Zuhause ist großartig. My home is my castle. Mauern, zum Teil mit Sichtschutz eingezäunt – genauso wie ich es mag. Ich kenne die Nachbarn nicht und die Nachbarn kennen mich nicht und ich bin mir sicher, dass sich daran auch in Zukunft nicht viel ändern wird. Warum auch? Ich sehe keine Veranlassung dazu. Mein Mann sieht das etwas anders, soll er ruhig machen, aber ich warte dennoch immer bis es dunkel wird, bevor ich die Mülltonnen raus stelle. 😀

Was ich jetzt nicht so dramatisch finde. Die Sozialphobie ist inzwischen meine Freundin geworden, die ich, seit dem ich hier wohne, immer besser kennenlerne. Auch weiß ich jetzt viel besser mit ihr umzugehen. Ich weiß, dass sie im Grunde eine „Gute“ ist und mich nur von Arschlochmenschen bewahren will. Womit ich nicht sagen will, das meine Nachbarn Arschlochmenschen sind, ich kenne sie ja nicht.

Womit wir auch wieder beim Thema wären: Ich und meine sozialen Kontakte, fernab von Nachbarschaft, Facebook & Co. … 😀

Ja, das ist echt schräg…

Denn auch, wenn ich nach wie vor Angst vor Menschen, bzw. die persönliche Nähe, Kontakte, Freundschaften und  Bindungen jeglicher Art habe, merke ich hier dennoch eine kleine Veränderung. Ich bin offener und denke mir nicht mehr ganz so viele Ausreden zur Vermeidung aus.  Wir haben in den vier Monaten, in denen wir jetzt hier leben,  mehr Kontakte und Besuch als in den letzten 20 Jahren zusammen, wenn man die üblichen  Feste wie Geburtstage etc. absieht. Und jeder Besuch und jeder Kontakt ist nichts Gezwungenes, sondern tatsächlich Zusammenkünfte, die (mir) gut tun.

Ich rechne jetzt nicht die Besuche der Familie (aus Geburtstagszwecken), der Freundinnen meiner Kinder, die uns besucht haben (eine ist 6 Tage zu Besuch geblieben) dazu, das gilt nicht. Aber ich kann stolz von dem gemeinsamen Tag im Funcenter Husum mit der Mutter einer Freundin meiner kleinen Tochter berichten. 🙂 Eine Frau, die zu Beginn an offen auf mich zugekommen ist und sich nicht von meiner Zurückhaltung im Kontakthalten hat beirren lassen. Die Kinder spielen oft zusammen und auch ich habe kein Problem mit Smalltalk zwischen Tür und Angeln oder einem mehrstündigen Treffen in einem Indoorspielplatz. Ein Fortschritt! 🙂

Dann war ich letzten Monat mit einem alten, guten Freund unterwegs. Wir waren Eisessen, haben beim Italiener zu Abend gegessen, sind spazieren gegangen, waren im Kino und haben viele Stunden spannende und tiefsinnige Gespräche geführt und viel gelacht. Schön, dass dieser enge Freund nun bald noch ein Stück näher zu mir rückt und wir nur noch rund 40 Kilometer voneinander entfernt wohnen (und wir den zweiten Teil der Neuverfilmung von „ES“ dann in Husum schauen können). 😀 So geil, Alter! Ich freue mich sehr, Euch bald in der NF-Hood begrüßen zu dürfen! 😀

(Ganz entspannt beim Essen im Friesenhof, Niebüll)

Ja, auch DAS ist jetzt Teil meines neuen Lebens. Menschen, die mir wichtig sind, nicht mit faulen Ausreden auf Abstand halten, sondern auch mir (und dem anderen) eine Chance geben, Zeit miteinander zu verbringen. Und deshalb habe ich mir auch sehr, sehr, sehr über den Besuch von Anjalein 😉 und Martin gefreut, die ganz spontan nach Nordfriesland gekommen sind, um ein paar schöne Tage mit uns zu verbringen  –  allerdings hatte ich hier noch Schonfrist, die beiden wohnten in einem Hotel. 😀

Deswegen Schonfrist, weil ich zuvor noch nie die Erfahrung gemacht habe, wie es ist, wenn jemand uns so „richtig“ mit vollem Programm besuchen will. Quasi mit rollenden Trollis bei der Anreise, das Teilen von Tisch und Bett (natürlich nur im übertragenem Sinne).  Etwas, womit ich noch keine Erfahrungswerte hatte. Nein, das gab es bei mir noch nie und davor hatte ich auch immer große Angst. Warum, kann ich schwer erklären. Ich glaube die größte Angst war immer als Gastgeber hoffnungslos zu versagen, also dass der Besuch sich nicht wohlfühlt, weil …. ja weil es eben Tausend Gründe geben könnte, deren Basis einfach nur mal wieder meine Unfähigkeit widerspiegelt (würde der Angstdämon jetzt sagen). Aber mit dem Einrichten unseres Gästezimmers, was eigentlich noch gar nicht richtig fertig ist, wollte ich mich dieser Angst stellen. Ja, ich möchte mich freuen, wenn jemand zu Besuch kommt und nicht in Panik verfallen oder nach Ausreden suchen. „Uns besuchen? Geht nicht! Wir haben Sturmflut! Ganz NF steht unter Wasser.“

Wir haben aber inzwischen schon Gäste über Nacht gehabt.  😀

Und siehe da, ich lebe noch. Ja, und ich freue mich sehr, dass diese Premiere, genau dieser gute Freund, mit dem ich letzten Monat im Kino war, – nennen wir ihn hier mal Aexander S. – , meine Einladung angenommen hat und  gemeinsam mit seiner tollen Frau, als erste Gäste im Hause der Lahrs genächtigt haben. Mit Abendessen kochen und Frühstück! 😀

Und es war so toll und gemütlich!

Ja, und nächste Woche geht es weiter. Da steht ein Treffen mit einem Ehepaar aus dem Ruhrpott an, dass sich ebenfalls Wohnungen und Häuser hier in Nordfriesland ansieht, um hier hochzuziehen – lustigerweise haben wir uns über das Thema Angststörungen kennengelernt. Und ein weiteres Treffen mit Bekannten aus der alten Heimat meines Mannes, die gerade in der Gegend sind und gerne auf ein Käffchen und einen Plausch vorbeikommen wollen steht Mittwoch an.

Ja, ich weiß. Für andere ist das alles nix besonders. Man trifft halt Menschen, Punkt. Für mich ist das wirklich immer wieder ein Riesending, was ich erst noch lernen muss. Aber mit „Gutmenschen“ geht dieses „Lernen“ super.

Ja, mit anderen Worten:

Eine Rampensau werde ich wohl niemals werden, telefonieren finde ich immer noch oberscheiße und  hin und wieder werde ich nochmal dem einen oder anderen Angstdämon begegnen, aber im Großen und Ganzen habe ich mich und mein Leben tatsächlich wieder im Griff und ich glaube, ich bin im Augenblick sogar irgendwie richtig glücklich …

… und ich glaube, mein Mann ist es auch. 🙂

Ich bin ein wandelnder Schrotthaufen (Transformer) – das sagen sogar die Experten

Da bin ich auch schon wieder …

Ja, ich werde jetzt so oft wie möglich, vielleicht sogar täglich Blog schreiben, in der Hoffnung, dass auch das mir weiterhilft. Ich brauche nämlich Strohhalme … ganz viele Strohhalme … jeder Stohhalm hilft und das auf seine eigene Art und Weise.

Die Schreibtherapie ist bei mir wohl der wichtigste Strohhalm…

Ich bin nämlich ein Schrotthaufen…

Körperlich …

Ich bin so extrem verspannt, dass ich heute die Hälfte des Tages nur kriechend oder auf dem Boden liegend verbracht habe. Gegen 19.00 Uhr habe ich dann meinen täglichen „Walk“ vollzogen und habe im Wald Entspannungsübungen gemacht. Wenn mich also jemand mit einem Rucksack auf dem Rücken, einsam in der Gegend rumhüpfen sieht, der weiß spätestens heute, warum ich das mache. Nein, ich brauche da keine Hilfe, ich bin dann einfach nur auf der Suche nach mir selbst … 😀

Ich bin allerdings – trotz Bewegung – vor fünf Minuten wieder nur kriechend auf die Couch gekommen. Diese Verspannung sind die Nebenwirkungen von einer Überdosis Stress und sicherlich auch die Antwort auf meinen Bewegungsdrang der letzten Tage …

Ich dachte seelisch wäre ich ein noch größerer Schrotthaufen als körperlich …

Ich habe in den letzten zwei Wochen so eine Panik wegen meiner Symptome geschoben, dass ich zwischenzeitlich mit dem Gedanken gespielt habe mich selbst einzuweisen, damit ich mir, meiner Familie und meinen Mitmenschen nicht mehr länger auf die Nerven gehe. Mit mir war ja – genau genommen bis gestern – überhaupt nichts mehr anzufangen. Lustigerweise war ich in der Zeit sehr produktiv und konnte für eine Romanpassage ein ziemlich authentisches Statement zum Thema Todessehnsucht abliefern. Ja, ich konnte als stark suizid gefährdete Patientin, die sich gerade versucht hatte mit einem Gürtel an der Heizung zu erhängen, in einer psychiatrischen Klinik so richtig die Sau rauslassen. Ich konnte meinen Unmut über das Leben kundtun und schließlich am Ende doch endlich aus dem kalten Schatten gleiten und nach Hause, ins warme Licht, gehen.

Tat gut …

Nein, das hat mich selbst nicht beunruhigt. 😉

Warum auch? Ich bin ja nicht gestorben, sondern habe mich nur in jemanden hinein versetzt, der sterben wollte …

Zur Info: Ich hänge sehr an meinem Leben. Suizid ist absolut keine Option und das Schlimmste, was man seinen Lieben antun könnte – ich habe da in meinem Bekanntenkreis leider schon Erfahrungen sammeln können. Aber nichtsdestotrotz kann ich jetzt absolut nachvollziehen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen, z. B. Angststörungen, Zwangserkrankungen, Persönlichkeitsstörungen oder Depressionen sich nach dem Tod sehnen …

Der tiefe Schmerz auf der Seele macht irgendwann einfach nur noch müde…

Aber wir waren bei dem wandelndem Schrotthaufen …

Seelisch bin ich nämlich ein Transformer … 😆

transformer-IRL

Womit wir auch schon beim Thema wären…

Es gibt Neuigkeiten, die mir Hoffnung geben, dass mein neuer „alter“ Zustand nicht (wie ich ohne die Einnahme entsprechender Medikamente vermutete) bis an mein Lebensende bestehen bleibt. Ich habe nämlich mit meiner Therapeutin  gesprochen. Oder besser gesagt, ich habe bei ihr noch einmal so richtig fett „hysteriert“.

Als sie den Raum betrat, saß ich schon nervös, hektisch mit dem Fuß wippend und mit ineinandergekeilten Fingern da und wartete schon ängstlich auf ihre übliche Frage: „Wie geht es Ihnen, Frau Lahr?“

Wie es mir geht?

„Verdammte Scheiße! Es ist schon wieder da!“

Ja, und dann erklärte ich ihr was los war. Und ich machte mit aller Deutlichkeit klar, wie Scheiße ich das finde, das der ganze Mist jetzt wieder von vorne losgeht und dass sie mich nicht zwingen kann wieder Paroxat zu nehmen, und, und, und…

„Paroxat? Nein, natürlich nicht!“, lächelte sie.

„Nicht? Aber die Angststörung ist doch wieder da…?!“

„Nein, ist sie nicht, Frau Lahr! Nur die Symptome. Also die körperliche Reaktion auf Angst – und Gefahr.“

„Hä?“

„Dieses unbegründete, unkontrollierte Angst haben, vor allem und jedem, – die Angststörung – wurde erfolgreich mit Medikamenten behandelt. Das Ungleichgewicht wurde behoben. Das, was jetzt in ihnen vorgeht, ist eine ganz andere und sogar eine ganz wichtige Geschichte.“

„WTF!“

„Sie haben in Ihrer Panik ein ganz entscheidendes Detail übersehen.“

„Das wäre?“

„Es gibt Gründe, warum sie sich derzeit so fühlen und die haben sie mir gerade aufgezählt. Und das ist schon wirklich ein großer Brocken der da auf Ihnen liegt und den Sie derzeit alleine stemmen müssen. Das ist enormer Stress!“

„Ja!“

„Das ist der Unterschied. Sie haben keine Störung, sie haben ganz schön viel um die Ohren. Das was Sie fühlen, ist ein eine Botschaft. Sie haben jetzt ein brilliant funktionierendes Unterbewusstsein, was Ihnen etwas Wichtiges mitteilen will.“

„Oh!“

„Und es teilt ihnen mit, dass das so nicht geht! Schauen Sie nicht nach außen, sondern nach innen. Hören Sie ganz genau hin. Haben Sie keine Angst vor Ihren Gefühlen und hören Sie auf sie ignorieren. Nehmen sie diese als ihren Wegweiser an. Je schlechter sie sich bei einer Sache fühlen (obwohl sie derzeit als die einzig wahre Lösung erscheint), desto mehr sollten Sie das, was sie tun – oder planen zu tun – überdenken. Schauen Sie sich in Ihrem Umfeld um. Wer tut Ihnen gut? Bei wem fühlen Sie sich gut? Wer erreicht das Gegenteil? Ihr Bauchgefühl ist schlau … schlauer als Sie … vertrauen Sie auf Ihr Bauchgefühl!“

„Mach ich doch immer!“

„Nein, sonst würde es doch nicht mit körperlichen Symptomen auf sich aufmerksam machen?!“

„Zusammegfasst bin ich also doch noch nicht reif für die Klapse?!“

„Nein!“

„Mann, bin ich ein emotionaler und hysterischer Schrotthaufen!“

„Aber bald sind Sie wieder ein flotter Flitzer!“ 😀

Tschö…

Ja, so war das …

Soll heißen, die Symptome treiben mich zwar immer noch in den Wahnsinn, aber seit dem ich weiß, dass es keine biochemische Störung ist (die ich ohne Medikamente wohl nicht in den Griff gekriegt hätte), sondern eine geheime Botschaft meines Unterbewusstseins, geht es mir auch schon etwas besser.

Es nervt mich, aber es fühlt sich nicht mehr hoffnungslos an …

Ich fühle mich nicht mehr ganz so hilflos, weil ich weiß, dass es besser werden wird, wenn ich meinem Unterbewusstsein, meinem Herz und Bauchgefühl folge… die Logik, mein Verstand und das Gerede der anderen haben bei mir hoffentlich bald nichts mehr zu melden!

Auch geht es mir besser, weil ich Unterstützung von Betroffenen und anderen Mutmachern bekomme…

Hier mal ein Auszug von einer Mail, die ein paar Tipps beinhaltet, vielleicht hilft es auch anderen, die diese Symptome haben, wie folgt:

  • Brennen unter der Haut
  • Starker Druck im Solarplexus
  • Unruhe / Nervosität
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Vergesslichkeit
  • Neben sich stehen
  • Das Gefühl Heulen und Schreien zu müssen
  • Beklemmungen
  • Einatmen fällt schwer
  • Herzrasen
  • Prickeln und hinzu kommt auch Lähmung
  • Muskelschmerzen
  • Extrem schwere Glieder wie bei einer Grippe

u.s.w


P.O.:

Ah, krass. Sind typische Symptome von „In den Körper kommen“. Hab mich ja intensiv mit Traumalösung und Entwicklungstrauma beschäftigt. Sind bekannte Symptome. Aber sehr schwer auszuhalten. Hab deswegen u.a. das Kaltbaden angefangen, weil ich es dadurch ein bisschen kontrollieren konnte. Aber meistens hatte ich das Gefühl, dass ich einfach nur schreien und heulen muss. War auch viel Wut bei mir drin. Man kann nichts machen, aber sie gehen tatsächlich vorbei. Dauert allerdings. Am besten auf hartem Untergrund schlafen, nicht auf weicher Matratze, sondern mit einer Decke drunter auf dem Boden. Das gibt dem Körper Sicherheit. Und Andi soll sich mal auf dich drauf legen. Am besten du auf dem Boden, ein großes Brett drauf und dann er mit seinem Gewicht. Das gibt dem Körper auch Sicherheit. Und das Atmen – lass es frei fließen. Meist wird es irregulär und ziemlich schnell. Dann ist es fast wie beim Sex, nur unangenehm, und der Kopf wird schwummrig. Aber dann löst es sich auch ein bisschen. Test dich mal durch, was davon geht. Bei mir hat’s etwas zwei, zweieinhalb Jahre gedauert – aber keine Ahnung ob das ein Richtwert sein kann …  Hoffe, es hilft ein bissgen- Drück die Däumelein. Kussi

Ich danke Dir, mein Freund P.O.!

Und die Sache mit „Andi soll sich mal auf mich drauflegen“ findet mein Mann sehr gut, ich jetzt nicht so… 😆

Und eine weitere Nachricht, die ich von jemanden bekommen habe, (das war nachdem wir zuvor viele tiefsinnigen Zeilen ausgetauscht hatten) – ich musste echt lachen:

Vielleicht bring ich dich jetzt ja ein bisschen zum Lachen. Ich werde jetzt z.B warten bis es dunkel ist und dann vorsichtig vor die Haustür gehen, schauen dass keine Nachbarn oder wer mehr draußen sind und dann ganz schnell die Mülltonne an die Straße stellen und wieder rein, damit ich nur nicht in Gespräche verwickelt werde…
Das läuft bei mir jeden Dienstag auch so … 😆
Und dann kam diese andere, ganz besondere Nachricht, als Reaktion auf mein Schattenvideo …
Zur Erinnerung:
Eine Nachricht, die mich echt sprachlos gemacht hat …
Liebe Nicki, dein Video hat ein paar Gedanken in mir ausgelöst… Bitte versteh sie auch als solche. Ich will weder klugscheißen noch habe ich die Weisheit mit Löffeln gefressen 😊 ich hatte nur das dringende Bedürfnis, dir meine Gedanken mit auf den Weg zu geben… vielleicht passen sie, vielleicht auch nicht. Fühl dich jedenfalls feste gedrückt und gute Nacht!
Liebe Grüße
Kerstin
Und es folgten diese beiden Anhänge …
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HANDGESCHRIEBEN !!!
Extra für mich …
Du hast mich damit sehr berührt, liebe Kerstin! Ich danke Dir!
Aber auch diejenigen, die ganz still und leise bei mir sind. Es hilft mir sehr, dass ihr mich regelmäßig hier besucht und mitlest. Auch das gibt mir Kraft und zeigt mir, dass meine Worte nicht ins Leere gehen… ihr wisst ja, fernab dieser Tastatur bin ich nämlich eher stumm. Ich will niemanden mit meiner Scheiße nerven und auch keinen zwingen, mir zuzuhören…
Ihr tut das freiwillig…
DANKE!

 

Neuer Tiefpunkt „Klarheit“



Kurz vorweg:

Es hat sich doch tatsächlich jemand darüber beschwert, dass in meinem letzten Beitrag in der Überschrift „Über Sex“ stand, es aber gar nichts wirklich aufregendes Sexuelles zu lesen gab?!  😀  Diese (scherzhafte) Beschwerde fand ich echt lustig, weil ich gar nicht daran gedacht habe, dass jemand meinen Blog ausschließlich aufgrund der Überschrift lesen wollen könnte. Ich denke jetzt darüber nach, in jeder Überschrift irgendetwas Anstößiges zu platzieren, um den Blog-Traffic zu steigern. Sex sells… 😀

Spaß beiseite, denn mich hat derzeit der Ernst des Lebens fest im Griff.  Ja, heute flüchte ich mich gezielt in diesen Blog, weil ich mal wieder nicht weiß, wohin mit meinen ganzen Gedanken. Ich bin heute wieder so … so … das Gegenteil von gesellschaftstauglich.

Es ist gerade wieder so viel los in meinem Leben, dass ich wieder das Bedürfnis habe, die Zeit anzuhalten. Ich brauche quasi eine Lebenspause, um einmal durchzuatmen, um dann in Ruhe nachdenken zu können. Es müssen im Moment auch so tiefgreifende, zukunftsträchtige und auch kostspielige Entscheidungen getroffen werden. Fragen kreisen mir im Kopf, richtig oder falsch, taktisch unklug oder emotional notwendig?

Fuck, I don´t know…

Und prompt habe ich dabei die falsche Person um Hilfe gebeten und Zack, Schon wieder schlechte Laune bekommen, wurde von negativen Schwingungen angetrieben und habe dabei ungewollt diesen Jetzt-Erst-Recht-Schalter umgelegt …

Aber das nur nebenbei…

Ich fühle mich seit einigen Tagen irgendwie schlecht und das liegt nicht nur daran, dass ich nun schon zum dritten Mal in diesem Jahr mit einem grippalen Infekt flach liege. Dass ich neuerdings ständig krank werde, hat sicherlich damit zu tun, dass ich aktuell nicht besonders gesund lebe, aber hauptsächlich damit, dass meine kleine Tochter die ganzen Kinderbazillen aus dem Kindergarten anschleppt. Aber das war schon immer so. Sind meine Kinder krank, werde ich es auch. Das ist wohl das Schicksal einer Mutter, die mit ihrem Kind stets Herz an Herz schläft, wenn es Fieber hat. Selbst als Hanna damals die sogenannte „Schweinegrippe“ hatte, habe ich mich nicht gescheut, sie in ihren Fiebernächten in meinem Arm zu halten. Ich hab sie kurioserweise NICHT gekriegt. 🙂

Nein, der Grund, warum ich mich im Moment nicht besonders gut fühle, hat einen anderen Auslöser …

Ich habe mich verletzt …

Also, nicht mit Blut und Splatter und so …

Eher, ist das Herz und die Seele verletzt …

Das kam quasi aus heiterem Himmel, war eine versehentliche Selbstverletzung, durch diese neue beknackte Klarheit …

Definiere „Klarheit“:

Das Wort Klarheit wird im philosophischen Kontext des Öfteren in einer spezifischen Bedeutung gebraucht; in der frühen Neuzeit ungefähr im Sinne von eindeutig erkennbar.“ (Quelle Wikipedia)

Ja, vieles, was ich vor Monaten noch (aufgrund der Krankheit) in keinster Weise klar sehen konnte, sondern es eher als undefinierbares Emotions-Angst-Erinnerungen-Daten-Fakten-Durcheinander in meinem Gehirn empfunden habe, hilft mir zwar sehr weiter, aber lässt mich auf der anderen Seite auch verzweifeln.

Bestes Beispiel:

Ich habe einen Verwandten, bei dem ich bis zuletzt immer ein ungutes Gefühl hatte, wenn ich ihm begegnete. Ich hatte irgendwie Angst vor ihm, fühlte mich in seiner Gegenwart klein, ungewollt, ihm lästig, obwohl er heute stets ein herzliches Verhalten mir gegenüber an den Tag legte. Das Gefühl war einfach da und ich konnte es weder abstellen, noch in eine andere Richtung kontrollieren. Durch die Medikamententherapie und den daraus resultierende Abstand zu meinen Gefühlen und der Neuordnung, ist mir klar geworden, dass diese Gefühle ihm gegenüber „kindlich“ waren. Dieses Unwohlsein empfand ich als Kind, weil er damals, in der tat, ein junger Kerl war, der sich nicht für Kinder interessierte, sie als lästige Quälgeister ansah und sie auch manchmal ziemlich schroff anfuhr. Sein Empfinden Kindern gegenüber und sein unterkühltes Verhalten hat mir eben in der Kindheit Angst gemacht. Danach habe wir uns viele Jahrzehnte nicht gesehen und als ich ihm vor zwei Jahren dann begegnete und wir seither Kontakt halten, kamen bei jeder Begegnung diese kindlichen Gefühle hoch. Dadurch, dass mir das „klar“ wurde, hat sich dieser Knoten gelöst. Ich stehe meinem „Onkelchen“ heute als erwachsene Frau, in Augenhöhe gegenüber und kriege keine Angstzustände mehr. Im Gegenteil, ich mag ihn und seine schroffe Art.

Klarheit ist klasse, oder?

Aber es gibt auch andere Momente der Klarheit. Zum Beispiel, dass ein bestimmtes Gefühl einem Menschen gegenüber, keine Illusion beruhend auf irgendwelchen kindlichen Empfindungen sind, sondern die auch mit klarer Sicht bestehen bleiben, sich bestätigen, dauerhaft, bis in alle Ewigkeit … das ist gut, tut aber auch sehr weh!

Ja, Klarheit ist durchaus etwas Spektakuläres, aber Klarheit kann auch sehr verletzen. Dieses neue Hin – und Her ist absolut zum Kotzen, aber scheinbar ein wichtiger Schritt in Richtung Seelenfrieden.

Seelenfrieden, wie sich das anhört … irgendwie so schrecklich esoterisch …

Irgendwie ein Kackwort …

Ich mache einfach „Frieden“ daraus … klingt besser! 😀

Wie dem auch sei …

Ich merke, wie diese Klarheit eine beunruhigende Veränderung in meiner Gefühls – und Gedankenwelt auslöst. Das habe ich ganz besonders extrem  in den letzten beiden Therapiestunden bemerkt. Die letzten beiden Termine waren eigentlich ziemlich lustig, auch voller Enthusiasmus, offen, allerdings auch ungewohnt sachlich und emotionsarm und gespickt mit einem erschreckendem Selbstbewusstsein. Und während ich so dasaß und meiner Therapeutin mit nicht ganz glasklarer Klarheit sagte, was ich offenbar zu sagen hatte, habe mich selbst reden gehört und war irritiert. Das, was da aus meinem Mund kam, klang fremd. Es klang nicht nachdem, was ich sagen wollte und es entsprach auch nicht dem, was ich fühlte. Wie eine Filmszene, die mit einem falschen Text synchronisiert wird. Und der Regisseur gerät in Panik, weil das Gesamtbild nicht stimmte …

Auch ich geriet innerlich in Panik …

Kennt jemand diesen Moment, in dem Du Dir plötzlich selbst fremd wirst? 😮

Aus eigener Erfahrung weiß ich: Wenn ich mir selber fremd werde, in der Kommunikation mit einem anderen und das ohne Medikamente, dann läuft etwas ganz gewaltig schief …

Und seit dem ich weiß, dass da in meinem Oberstübchen wieder etwas schief läuft, bin ich wieder vollkommen neben der Spur. Dröhne mich seither nicht mehr nur stundenweise, sondern nun ununterbrochen mit Musik zu. Musik ist im Moment für mich zur Sucht geworden. Musik lässt mich vergessen, lenkt mich von meinem Gedanken und Gefühlen ab. Meine Gedanken und Gefühle sind einfach nicht gut im Moment. Nein, sie sind einfach nicht gut. Sie verwirren mich, quälen mich und geben mir plötzlich das Gefühl von Klarheit geklärter glasklaren Hoffnungslosigkeit. Ich kann in manchen Dingen einfach nicht aus meiner Haut und ich habe die Befürchtung, ich will es auch nicht.

Meine Therapeutin sagt etwas anderes: „Wir sind ja auch erst am Anfang der Therapie, Frau Lahr.“

Sie sagt, ich bin auf einem gutem Weg. Selbsterkenntnisse sind ein guter Weg. Fehlverhalten selbst zu erkennen ist ein guter Weg und entsprechende Veränderungen anzustreben, ist ebenfalls ein guter Weg. Ich bin, wie sie sagt, eine Vorzeigepatientin, mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion, daher auf einem gutem Weg.

Guter Weg…

Der richtige Weg …

Auf dem besten Weg …

Wow!

Klingt gut, oder?

Fuck this fucking bullshit way!!!! 🙁

Für mich führt dieser therapeutische Weg neuerdings nur noch in ein Meer aus Sackgassen. 🙁 Vielleicht sage ich meiner Therapeutin deshalb auch einfach nur noch das, was sie hören will, damit ich die Therapiezeit nicht unnötig verlängern muss? Vielleicht bin ich ja sogar der Meinung, dass diese Gesprächstherapie ohnehin vollkommen für den Arsch ist, weil sie keinen Schimmer hat, was in mir vorgeht?

Nein, das hat sie tatsächlich nicht!

Nein, das weiß  keiner!

Es sei denn, derjenige kennt dieses Gefühl selbst. Ja, das, was in mir vorgeht und dass, was ich fühle und denke, ist mit Worten kaum auszudrücken und steht auch in keinem verdammten Psychologielehrbuch! Ich habe mich viele Jahre lang mit Psychologie beschäftigt und weiß, welche Verhaltens- und Denkweisen so ein Psychologe bewertet und welche Gespräche daraus resultieren (müssen). Das Problem verstehen, das Problem ansprechen, das Bewusstmachen, das Weisen in die richtige Richtung. Das sage ich allerdings mit Anerkennung an alle Psychologen und Therapeuten, denn tatsächlich wissen sich viele Leute in seelischen Ausnahmesituationen nicht zu helfen und brauchen diese Form der Führung. Ich brauchte sie sicherlich nach dem Ausbruch dieser Angststörung auch. Das Problem verstehen, das Problem ansprechen, das Bewusstmachen, das Weisen in die richtige Richtung… Starthilfe, um wieder den richtigen Antrieb zu finden. Das war wirklich super, danke, liebe Therapeutin!

Aber ich denke, jetzt gehen wir doch so langsam über die Grenzen des Therapierbaren hinaus …

Wenn du so denkst, dann hast du möglicherweise den falschen Therapeuten!“

Geschenkt!

Ich habe nicht die falsche Therapeutin – ich habe eine sehr gute Therapeutin-, ich bin nur in manchen Dingen einfach nicht therapierbar. PUNKT!

Wie ich darauf komme?

Ich weiß es!

Mein Psychiater sagte: „Bei einer Sozialphobie ist es wichtig, dass Sie auf Menschen zugehen. Kontakte pflegen und merken, dass das alles gar nicht so schlimm ist. Wenn Sie da dran bleiben, werden sie da  sehr schnell wieder rauskommen und ein ganz normales Leben mit sozialen Kontakten pflegen können.“

Ja nee, is klar …

Ganz toll …

Ein ganz normales Leben …

Soziale Kontakte …

So viele Menschen, zu denen ich im letzten halben Jahr Kontakt hatte, hat es (kein Witz) in meinem ganzen Leben noch nicht gegeben. Diese Kontakte lassen sich auch alle problemlos „aushalten“, ohne dabei abfällig klingen zu wollen, aber ich lasse sie, ob ich will oder nicht, einfach nicht tiefer zu mir durchdringen. Es sind sicherlich alles ganz liebe Menschen dabei, mit denen ich echt Spaß habe, die ich auch mag und mit denen ich mich gut verstehe. Ich kann mir auch durchaus regelmäßigen Kontakt mit vielen vorstellen, aber es gibt dennoch etwas Entscheidendes, was mir bei diesem vollkommen normalen täglichen Umgang mit Menschen fehlt:

Emotionale Nähe…

Freundschaftliche Bindung …

Vertrauen …

Eben die Dinge, die sich einfach nicht steuern und einfach so mal gerade in ins Bewusstsein therapieren lassen. Diese wichtigen Türen öffnen sich eben nicht auf Therapieknopfdruck. Und ich habe für mich festgestellt: Sie öffnen sich nur ganz selten und eben nur dann, wenn wirklich etwas Ehrliches, tief Berührendes, Liebevolles oder etwas anderes Überzeugendes passiert. Passiert nichts, bleibt die Tür zu. Darauf habe ich absolut keinen Einfluss und meine Therapeutin auch nicht.

Das ist einfach so und ist (in meinen Augen) eine Charaktereigenschaft, die ich nicht ablegen kann oder will, whatever…

Um nicht jedem Menschen, der in mein Leben tritt gleich mit meinem Hochsicherheitstrakt mit Selbstschussanlagen entgegenzudonnern, habe ich inzwischen ein Hintertürchen gefunden. Ich dachte, wenn ich mich dieses spezielle, dieses andere „Vertrauen“ an den Tag lege, was in etwa gleichzusetzen ist, mit „einfach nichts erwarten“, dann würde es besser werden, mit mir und den Menschen.

Also, dachte ich, vertraue ich ihnen, in dem ich nichts erwarte. Wenn ich nichts erwarte, kann ich auch nicht enttäuscht oder verletzt werden. Guter Plan, oder?

Hmm…

Aber wenn ich von einem Menschen nichts zu erwarten habe, würde ich mich doch auch nie darauf vertrauen, mich in irgendeiner Form fallen zu lassen, weil ich nicht erwarte, dass er mich auffängt? Es ist mir quasi egal, was er tut. Vertrauen durch unterschwellige Gleichgültigkeit, emotionsgehemmt und ohne etwas zu erwarten – so funktionieren doch keine sozialen Kontakte, oder? 😮

Ja, auch das ist mir klar geworden in den letzten Tagen …

Ich kann es drehen und wenden, wie ich will. Ich bin ein Einzelgänger und werde es wohl auch immer bleiben. Denn ich sehe es täglich, wie sie um mich herum Freundschaften pflegen, mit blindem Vertrauen ihr Liebes- und Familienleben frönen und sich gegenseitig überschwänglich mit all dem überschütten, was auch ich zum Überleben brauche, aber was eben „Gift“ für mich ist.

Liebe, Nähe, das brauche ich, wie die Luft zum Atmen … doch sie ist toxisch… ich werde mich immer in irgendeiner weise  daran vergiften …

Ja, die Klarheit darüber, dass Liebe und Nähe, – egal in welcher Form, partnerschaftlich, familiär, freundschaftlich – immer noch absolutes Gift für mich ist, dass mich töten wird, wenn ich sie ungeschützt an mich heranlasse, hat mich ganz schön verletzt. Obwohl das eigentlich nichts Neues ist. Ich hatte allerdings Hoffnung, dass meine Zweifel und Ängste sich auch dahingehend – so wie bei meinem Onkel – einfach in Luft auflösen würden.

Hoffnungslos …

Die einzige Liebe, die kein Gift für mich ist und die mich auch nie töten oder verletzen wird, ist die Liebe zu meinen Kindern. Meine Kinder sind tatsächlich die einzigen Menschen auf der Welt, denen ich blind vertraue(n) und die ich ohne Selbstschutzmechanismus lieben kann… zum Glück!

„Die Nähe und das Vertrauen zu anderen kann man aufbauen, das braucht eben bei Ihnen seine Zeit“, sagt die Therapeutin …

Ich behaupte, dass auch die Zeit auch nichts daran ändern wird …

Ich sage das, weil ich es weiß …

Ich weiß es, weil ich diesen hoffnungslosen Prozess tief in mir fühle…

Die Liebe und Nähe endet für mich immer in einem innerlichen Kampf …

Meine Therapeutin findet in ihren schlauen Büchern bisher auch keine Lösung …

Ich glaube, sie versteht das ganze Thema auch gar nicht …“Ja, vertrauen sie halt mal!“

Ich verstehe mich ja manchmal selber nicht …

Ich glaube, niemand versteht es …

Damit kann ich leben …

Mein Mann inzwischen auch … also er kann damit leben, dass ich so bin, wie ich eben bin … er korrigiert mich gerade an dieser Stelle gerade und meint, ich soll gefälligst schreiben, dass er mich wirklich, wirklich liebt. 🙂

Womit ich nur schwer leben kann, ist, dass sich mit meinem Missrauen und Hang zur Distanz, ehrlichen und guten Menschen, unrecht tue …

Aber was soll ich machen?

Welche Therapie der Welt kann aus „Gift“ ein „Heilmittel“ machen?

Über Erfahrungsberichte würde ich mich sehr freuen … 😉

Danke, für`s Lesen…

 „Yeah, let’s be clear, I’ll trust no one
You did not break me
I’m still fighting for peace

 

14 Tage danach – ich bin jetzt erwachsen

Hallo Ihr Lieben,

da bin ich wieder – diesmal auch echt ganz kurz. 😀

14 Tage sind seit der letzten Einnahme von Paroxat vergangen und ich fühle mich, unglaublich aber wahr, großartig. Ja, ich fühle mich großartig, und das obwohl ich am Donnerstag wieder ein Empfinden hatte, was einer Panikattacke sehr nahe kam. Seit knapp einer Woche hänge ich an dieser fucking Steuerscheiße, in der Hoffnung, wieder den Überblick in meine Buchhaltung zu bekommen. Steuer – und Umsatzsteuererklärung für 2014, 2015 müssen gemacht werden und auch noch die Umsatzsteuervoranmeldung 3. und 4. Quartal 2015. Ja, ich hab im letzten halben Jahr auch das nicht auf die Reihe bekommen. Und bei einer versäumten Ust-Voranmeldung versteht das Finanzamt so gar keinen Spaß und hat mich daher mit einer dicken Schätzung zum Handeln gezwungen. Wenn ich wirklich so viel verdienen würde, was in dem geschätzten Bescheid steht, dann hätte ich echt keine Probleme mehr. 😀

Da sitze ich seit einer Woche hier und buche Berge von Quittungen, Rechnungen und Honorare und dann plötzlich ein falscher Mausklick und alles ist weg.  😮 Eine Situation die mir echt den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Ich stand unter Schock, hatte Beklemmungen und begann hektisch nach dieser verlorenen Datei zu suchen. Okay, ich fand später wieder alles unversehrt, aber die Tatsache, dass mich diese Situation wieder so ausknockte, hat mich noch mehr geschockt. Hallo? Das Finanzamt ist doch nicht die Welt und wenn man lieb ist, lassen die auch mit sich reden. 🙂

Trotzdem: Montag muss alles bei denen im Mailpostfach liegen, wenn nicht, dann steht bestimmt bald das SEK auf der Matte … 😀
005

Wie gesagt, ich versinke zwar derzeit im Chaos und muss einige (selbst heraufbeschworene) Probleme aus der Welt schaffen, aber das ist okay. Alles ist plötzlich gar nicht mehr so schlimm, wie ich es vorher empfunden habe. Ich kann plötzlich, wie von Geisterhand mit den Schwierigkeiten des Lebens ganz anders umgehen. Ich reagiere weniger emotional, fast schon emotionslos, obwohl ich echt genug Emotionen habe. 😀

Wie kann das sein? 😮

Haben die Tabletten tatsächlich da oben in meinem Oberstübchen alles repariert? Die Antwort bekam ich am Donnerstag, in der Therapiestunde. Ich erzählte meiner Therapeutin wie immer, was in den letzten zwei Wochen so los gewesen war und zu welchen Erkenntnissen ich gekommen bin. Ich erzählte ihr auch von meinen Blogtexten über Missbrauch, den Reaktionen und den daraus resultierenden „explosiven“ Gesprächen innerhalb meiner Familie. Ich mache da auch kein Geheimnis daraus, dass ich da schon für Wirbel gesorgt habe und da Gesprächsbedarf bestand. Aber ich blieb bei allem, was da auf mich hereinprasselte ruhig, auch hier fast schon emotionslos und hatte wirklich das Gefühl, Abstand von dem Kind zu haben, was hier plötzlich Rede und Antwort stehen und Warum?-Fragen beantworten sollte.

Das war irgendwie gut …

Aber auch irgendwie unheimlich, weil ich mich so gar nicht kenne …

„Sie sind erwachsen geworden!“

„Hä?“

„Die 6 Monate Ruhe vor Ihrem Gefühlen und Emotionen habe sie erwachsen werden lassen. Ihre kindlichen Gefühle, wie Ohnmacht, Kleinsein, Hilflosigkeit, Wertlosigkeit, Abhängigkeit, Wehrlosigkeit, Ausgeliefertsein, die Grundlagen ihrer Ängste, sind jetzt da wo sie hingehören – in der Vergangenheit.“

Ja, so einfach kann Therapie sein!  😀

Und wenn ich ehrlich bin, diese Form von Erwachsensein gefällt mir sehr gut und sie lässt mich viele Dinge aus einem ganz anderen Blickwinkel sehen. Menschen, egal wie groß und in welcher Position sie auch sind, in Augenhöhe zu begegnen ist unfuckingfassbar geil! <3

Und weil ich mich so fucking gut fühle, schenke ich Euch exklusiv die ersten zwei Seiten meines Thrillers, der eigentlich letztes Jahr hätte fertig werden sollen.

Sorry, ich kann nicht so gut reden, lesen auch nicht und Qualitätsvideos kann ich auch nicht machen – ich gelobe Besserung. 😀

Mann, bin ich erwachsen … 😀

Über emotionale Anfälle


Da bin ich wieder …

Dieser Freitag Abend (Ja,Mann, ich hab das gestern geschrieben) ist eine gute Zeit, um mich in meinen Blog zu verziehen und ich habe schon seit Tagen, das Bedürfnis mich zu verziehen… 😮

Im Moment gehen mir die Menschen wieder so schrecklich auf die Nerven und ich hab mich auch wieder daran erinnert, warum ich eine Sozialphobie hatte (habe). Die Geschehnisse zu Silvester in Köln bringen wieder so viele widerliche Charaktere zu Tage, dass ich wieder diese tiefe Sehnsucht verspüre mich an einen Ort zu verziehen, wo es eben solche Menschen nicht gibt. Menschen, die pauschalisieren, sich auf Halbwahrheiten stürzen, nur um ihre rassistischen Argumente mit Bullshit zu untermauern, „Ausländer raus“ brüllen oder leise sagen, dass sie nichts gegen Ausländer haben ABER und sich benehmen als wären sie das Unum des Universums, aber Karneval oder auf der Dorfkirmes selbst begrapschen und über die Stränge schlagen. Nein, ich will die einfach nicht in meinem Leben haben! Darunter waren Nachbarn, alte Arbeitskollegen, Schulkameraden und auch Fans meines Blogs und meines Buches. Und falls einer dieser rund 20 Menschen, denen ich in den letzten drei Tagen den Rücken gekehrt habe, diese Zeilen liest, dann schreib dir hinter die Ohren:

„Nein, Ausländerfeindlichkeit und rechte Hetze ist keine Meinung, sondern eine ganz ekelhafte und widerwärtige Charaktereigenschaft! Arschlöcher bedrängen Frauen, nicht Ausländer!“

Echt, solche Menschen machen mich krank …

Sie machen mich krank, weil ich mich intensivst mit der deutschen Geschichte beschäftigt und mir dabei immer die Frage gestellt habe, wie dieses kranke Hitler-Regime funktionieren und auch der Holocaust passieren konnte. Jetzt erlebe ich diese Entwicklung hautnah und es stimmt: es passiert wirklich in den Köpfen der Menschen.

Gestern haben irgendwelche Irren in München Judensterne an die Hauswände von jüdischen Bewohnern geschmiert. 😮

Das macht mich wütend, nein das macht mich sogar aggressiv …

Sommer 2015 263

Und ich weiß, wenn ich meine speziellen Tabletten nicht nehmen würde, dann würde ich ununterbrochen verbal Amok laufen. 👿

Durch meine Großeltern bin ich tief mit diesem Thema verbunden. Meine Oma (väterlicherseits) wurde im polnischen Łódź geboren und hat nach dem Überfall 1939 durch deutsche Truppen als junges Mädchen Schreckliches erlebt. Meine andere Oma hat die Folgen des Krieges und die widerwärtigen Machenschaften der Nazis nie überwunden und ist quasi daran zugrunde gegangen. Davon, wie es meinem Opa und unendlich vielen anderen Menschen in dieser Zeit ergangen ist, ganz zu schweigen.

Das Thema erschüttert mich zutiefst auch wenn ich zu der Generation gehöre, die eigentlich behaupten kann: Was haben wir denn damit zu tun?

Was wir damit zu tun haben? Wir haben gefälligst dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte sich nicht wiederholt! ❗

Ich werde nie vergessen, was ich damals bei dem Besuch des Konzentrationslagers gefühlt habe… ganz besonders der Moment als ich in dieser Baracke stand. Ich weiß, über dieses Trauma wollte ich schon länger mal schreiben… ich weiß nicht, ob heute der richtige Zeitpunkt ist.

Irgendwie schon …

Aber eigentlich auch nicht, weil dieses Erlebnis tiefer geht als bei manchen die Vorstellungskraft (meine eigene mit einbezogen) reicht.

Moment, ich sage Bescheid, wenn ich mich entschieden habe …

😐

😐

Okay, in Kurzform:

Es war die Abschlussfahrt der 10.Klasse 1994 nach München. Es war schön und wir hatten viel Spaß. Bis zu dem Tag als wir das Konzentrationslager in Dachau besuchten. Ich hatte schon seit dem betreten des Geländes Beklemmungen und fühlte mich extrem unwohl. Ich schob es auf meine allgemeine Bestürzung rund um das Thema, zumal wir ein paar Tage zuvor den Film „Schindlers Liste“ im Kino als schulisches Pflichtprogramm angeschaut hatten. Der Film hat mich sehr erschüttert und berührt.

Dieses Lager war einfach nur schrecklich …

Eine Bildergalerie, mit original Fotoaufnahmen des Lagers, inklusive ärztlicher Dokumentationen von bestialischen Versuchen trieb mir die Tränen in die Augen. Diese abscheulichen Menschen haben den Insassen bei vollem Bewusstsein und ohne Betäubung die Schädel aufgesägt… 😮

Die Bilder habe ich heute noch im Kopf und werde sie auch nie vergessen, obwohl ich hoffte, dass ich durch die kurze Thematisierung mit Altznazi Hinkebein in meinem Buch „Sonst wird dich der Jäger holen“ meinen Frieden damit finden würde. Finde ich aber nicht.

Egal …

Der Besuch hat mich sehr aufgewühlt und ich hatte wieder das Bedürfnis mich zu übergeben. Ich habe im Laufe meines Lebens schon oft festgestellt, dass mein Körper sich in Schocksituationen immer mit Kotzen wehrt. Ich riss mich zusammen. Ich weiß noch, wie ich und meine Freundin Sabine schweigend und betroffen über den Hof schlichen, um uns den Gaskammern, dem Krematorium und den Baracken zu nähern. Ich war wie betäubt und gelähmt. Meine Verarbeitungskapazität nahm sowohl in den Gaskammern und auch beim Anblick des Krematoriums nur das auf, was es noch für erträglich hielt … einen Raum mit augenscheinlichen Duschen … einen großer Ofen … ENDE.

Als wir diese Bereich wieder verließen, dachte ich, ich hätte das Schlimmste überstanden …

Dann betraten wir die Baracken. Es waren eigentlich nur Räume mit unzähligen Hochbetten aus Holz … hier und da stand ein Holztisch, ein Hocker, eigentlich nichts Dramatisches. Ich atmete auf. Irgendwann ging ich in eine Ecke des Raumes, um besser sehen zu können und um mich von einigen scherzenden Mitschülern zu entfernen.

Dann passierte es …

Unerwartet, unbeschreiblich, unerträglich und unabwendbar traf mich dieses „Ding“ mit voller Breitseite. Es schlüpfte in mich hinein und wütete auf meiner Seele und in meinem Herzen. Noch nie gefühlte Emotionen explodierten und lähmten meinen ganzen Körper. Tiefe Trauer, seelischer Schmerz, Angst vor dem Tod, entfesselte Wut und der starke Drang in irgendeiner Form auszubrechen, zu eskalieren, die Kontrolle zu verlieren …

Was war hier los? 😮

Hilfesuchend sah ich einige meiner Mitschüler an, die das taten, was die meisten Jugendlichen taten: Darauf warten, das dieser Ausflug bald ein Ende nehmen und wir endlich zum Oktoberfest gehen würden. Gelangweilt verließen die ersten die Baracke wieder. Keiner hatte etwas von meinem Zustand gemerkt und es bekamen am Ende auch nicht viele mit, wie ich zusammenbrach und hemmungslos heulte. Ich wusste echt nicht, wie mir geschah und ich kapierte auch nicht, warum ich mich die ersten Minuten auch nicht wieder einkriegte. Die begleitenden Lehrer waren schockiert und hilflos, fühlten sich am Ende schuldig, da sie nicht wussten, wie sehr dieser Besuch den einen oder anderen mitnahm.

Klar, hat mich dieses Konzentrationslager schockiert…

Aber das war es nicht …

Es war nur eines von vielen Erlebnissen dieser Art, die ich mir bis zu Beginn meiner Therapie nicht erklären konnte und die mir im Hinterkopf auch immer wieder das Gefühl gaben, in irgendeiner Form „gestört“ zu sein. Denn immer dann, wenn mich diese unerklärlichen „Anfälle“ heimsuchten, war ich mir sicher, dass ich von Emotionen heimgesucht werde, die nicht meine eigenen waren …

Vollkommen irre …

Als ich mich irgendwann auf Recherche begab und mit wenigen Menschen darüber sprach, gab man mir den Tipp, mich damit mal auf die paranormale Ebene zu begeben, immerhin gab es in meiner Familie bereits schon die Begabung mit Toten zu kommunizieren …

Ich ein Medium? 😮

Dieses Thema, ist kein gutes Thema, mit dem ich mich auch nicht gerne auseinandersetze – es sei denn, man kann es wissenschaftlich belegen. Alles andere dulde ich nicht … 😀

Ob ich an eine Form der Kommunikation mit Geistern glaube, fragte mich auch meine Therapeutin, als ich ihr von den Vorkommnissen erzählte, die sich vor knapp zwei Jahren auf einem Rhöndorfer Friedhof abgespielt haben …

Ja, auch dieses Geheimnis lüfte ich nun heute … hier gab es auch einen unfreiwilligen Zeugen, der dieses „Drama“ in mir live miterlebt hat – mein Mann. 😀

Vielleicht sollte ich hier noch dazu sagen, dass ich grundsätzlich ein unglaubliches Problem mit Friedhöfen habe, die ich bis dato auch nur zwecks Beerdigung betreten habe. Und jedes Mal, wenn ich dort war, bin ich immer emotional eskaliert, auch wenn mir die verstorbenen Menschen nicht ganz so nahe standen. Ich habe gefühlt am schlimmsten geheult von allen und war beim Leichenschmaus auch am fertigsten – warum?

Hardcore-Empathie, oder was?

Nein!

Tja, der Besuch des besagten Rhöndorfer Friedhofes war im Rahmen einer Geocaching-Tour. Ich schwöre, es war ein schöner, spannender und sorgenfreier Tag, niemand war gestorben und ich war guter Dinge, dass wir das Rätsel an Konrad Adenauers letzter Ruhestätte lösen würden. Mit Zettel und Stift bewaffnet betrat ich mit größtem Respekt diesen Ort der Ruhe und des Friedens…

Alles war gut, bis ich in diesen Weg bog, an dem sich eigentlich recht alte Gräber befanden. Ich bewunderte gerade die alte Kunst, Grabsteine aus Steinen zu meißeln, als es wieder passierte.

Ich habe es „emotionale Anfälle“ getauft …

Und auch jetzt geschah es wieder unerwartet, unbeschreiblich, unerträglich und unabwendbar. Ich spürte wieder, wie dieses „Etwas“ mich festhielt und sich dann seinen Weg in mein Herz und meine Seele bahnte, um zuzuschlagen. Wieder explodierten meine Emotionen, ich fühlte tiefe Trauer, ich war wie gelähmt. Zu diesen Emotionen gesellte sich dann auch schnell meine eigene Angst vor dieser unerklärlichen Scheiße und der Gewissheit, dass mein Mann es dieses Mal mitbekommen würde. Wie sollte ich ihm das erklären? Was würde er denken? Ich hab ihm ja nicht alles von mir erzählt. 😀

Und es kam, wie es kommen musste, ich fing an zu heulen. Die Emotionen schmetterten mich nieder und ich versuchte mit alle Macht dagegen anzukämpfen, schaffte es aber nicht, was mich wiederum wütend machte. Irgendwann merkte auch mein Mann, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte und fragte bestürzt, was los wäre.

„Nichts! Es ist alles in Ordnung!“

Er ließ sich aber nicht von mir abwimmeln und zog mich vom Gelände. Als wir den Friedhof verließen, fühlte ich mich wieder frei und wie, als wenn nie etwas gewesen wäre. Nur mein Tränen nasses Gesicht verriet, was zuvor geschehen war.

Das machte mich plötzlich unsagbar wütend …

„Was ist los mit dir?“, fragte mein Mann wieder. Es ihm zu erklären erschien mir in diesem Augenblick nicht möglich.

„Was los ist? Das kann ich dir leider nicht erklären. Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung. Ich lass mich doch nicht von so einer Kacke verarschen! Lass uns dieses verdammte Jahreszahl suchen, wird müssen das Rätsel lösen!“

Irritiert ließ er mich gewähren. Frohen Mutes und mit der Gewissheit, dass dieser „Anfall“ wieder nur irgendein Ausrutscher meiner persönlichen Spinnereien war – immerhin hatte ich fast drei Jahre Ruhe – stapfte ich durch das Tor zurück auf das Friedhofsgelände und suchte wütend nach einer bescheuerten Jahreszahl für eine Koordinatenberechnung.

Wieder musste ich auf den Weg mit den drei alten Gräbern und wieder überfiel mich dort dieses unerträgliche Gefühl der Trauer. Ich heulte wie ein Schlosshund, schämte mich dafür, hatte Angst, wurde aufgrund dieser Situation noch wütender und begann laut zu fluchen. Das war auch der Punkt an dem mein Mann einsehen musste, dass die Frau, die er da an der Backe hatte „irgendwie komisch“ ist. Er flehte mich regelrecht an, ihm eine Erklärung abzugeben und bat mich mit ihm den Friedhof zu verlassen … Sorry Andi, für diese (meine) Umstände!! <3

„Komm, das hat doch keinen Zweck. Wir müssen diesen Cache nicht machen, wenn dich Friedhöfe so fertig machen.“

Ich antwortete ihm mit meinem gesamten Situationsfrust:

„Dieser Friedhof macht mich nicht fertig, denn es ist nicht die Erinnerung daran, dass meine Oma gestorben ist und nein, es überfällt mich auch keine allgemeine Traurigkeit oder Mitgefühl beim Anblick von Grabsteinen. Irgendeine andere Scheiße fällt mich hier emotional an und das geht mir gerade tierisch auf den Sack! Ich möchte gar nicht wissen, was du jetzt von mir denkst …?!“

Was er denkt hat er mir zwar gesagt und ich kann damit leben, aber so ganz, ganz ehrlich möchte ich glaube ich auch gar nicht wissen was er gedacht hat … 😀

Ich gab im Anschluss tatsächlich auf und wir fuhren nach Hause, weil ich fix und fertig war. Dieser Cache ist somit immer noch dort und wartet noch auf des Rätsels Lösung. Ich will da ja nochmal hin, doch mein Mann möchte das nicht nochmal miterleben.

Ja, diese Angelegenheit, hat ihn ziemlich erschrocken, vor allem, weil ich ihm das damals nicht so richtig erklären konnte (oder wollte).

Ich hatte mir zwar meine eigene Erklärung zusammen gezimmert, aber die war nicht gesellschaftstauglich. Um so glücklicher war er, als ich vor einigen Wochen jubelnd von einer Therapiestunde nach Hause kam und ihm, von einer Therapeutin bestätigte Erklärung präsentierte:

„Was glauben Sie Frau Lahr? Was ist das, was ihnen da widerfährt? Wessen Emotionen nehmen sie wahr, sind es die Emotionen von Geistern?“

Und ich antwortete ihr:

„Nein! Ich glaube, es sind Emotionen von lebenden Menschen … eine Energieform, die an dem Ort, wo die Emotionen ausgebrochen sind. zurückbleiben. Sagen Sie, kann das sein oder habe ich schlicht weg nicht mehr alle Tassen im Schrank?“

„Wenn Sie mir jetzt die Geisterantwort gegeben hätten, wäre es mit den Tassen schwierig geworden. Frau Lahr, das ist erstaunlich zu was Sie fähig sind! Wissen Sie, Emotionen sind eine gewaltige Energieform, die tatsächlich an einem Ort bleiben können und diese Energie können manche Menschen tatsächlich spüren und in extremer Form auch sprichwörtlich nachempfinden.“

Plötzlich ergab alles einen Sinn …

Das traumatische Erlebnis in Dachau – ich möchte gar nicht wissen, wie viel emotionale Energie bis in alle Ewigkeit an diesem Ort fest verankert ist. Ich erinnerte mich plötzlich an Situationen aus dem Nachtdienst, in dem ich in der Nacht Räume betrat, in denen Stunden zuvor eine Massenschlägerei stattgefunden hatte. Wut und Aggression ist eine besonders intensive Energieform, die scheinbar in mir Unbehagen und ein Gefühlschaos ausgelöst hatte. Dann mein ständiges Unwohlsein, diese chaotischen Gefühle, die ich verspüre, wenn ich in Krankenhäusern und Kliniken bin, obwohl mir selber nichts fehlt und auch der Besuchte nicht zum Sterben hier eingeliefert wurde. Krankenhäuser sind voll von starken (oft negativen) Emotionen … Angst, Trauer…

Ich kann kaum glauben, dass ich das hier schreibe … das sind die Tabletten, die sorgen dafür, dass ich eine große Klappe habe. 😀

Apropos große Klappe …

Zehn Tage ist es her, als ich den letzten Teil zu meinem Schwank aus dem Leben „Ich und der Psychopath“ hier veröffentlicht habe. Ich war nach Teil 1 wie betäubt und konnte nicht glauben, dass ich das echt geschrieben und auch noch „allen gezeigt“ habe.

Aber es war wie ein Befreiungsschlag …

Dann kamen die ersten Reaktionen …

Was mich noch mehr lähmte …

Soweit hatte ich nämlich gar nicht gedacht. Also das diese (meine) Geschichte jemand liest … vielleicht aus Neugierde … vielleicht, aber auch weil es jemanden ernsthaft interessieren könnte? 🙂

Nein, mit den Reaktionen habe ich tatsächlich nicht gerechnet, erst recht nicht, dass auch welche von männlicher Seite kamen. Ja, ich bekam neben Nachrichten von Frauen, auch Nachrichten von Männern, die mein Text in irgendeiner Weise emotional erreicht hat. Es gab sogar jemanden, der in diesen Texten Antworten zu seinen eigenen Fragen fand … <3

Jetzt hab ich gerade vollkommen den Faden verloren …

Ich bin aber auch sowas von Off-Topic heute. Ich wollte eigentlich etwas ganz anderes erzählen. Ich glaube, es ging um die letzten Erkenntnisse und meinen Termin beim Psychiater nächste Woche. Ich mache nämlich ernst und werde mit ihm über das Ende der Therapie via Medikamente sprechen.

Ich will das nicht mehr und ich denke, ich brauche das Zeug auch nicht mehr …

Ich habe keine Angst mehr vor meinen Gefühlen, auch wenn sie mir manchmal nicht in den Kram passen, oft auch mal außer Kontrolle geraten, mit mir durchgehen und mich damit in Schwierigkeiten bringen oder sogar verletzen. Ich will sie einfach nur im vollen Umfang wieder haben, mit allen Konsequenzen. <3

Ich werde sobald es losgeht Tagebuch über das langsame Absetzen schreiben, denn das wird bestimmt lustig, wenn meine Gefühlswelt wieder komplett auf mich hereinbricht … ich freue mich darauf. 😀

Und zum Schluss noch dieses:

Also die, die sich zu Unrecht von mir bei Facebook geblockt oder beim Einkaufen ignoriert fühlen:

„Ich möchte mit euch scheinheiligen Aufrechtdeutschen nichts zu tun haben, denn ich mag euch empathieloses Pack nicht! Ihr nehmt euch so unglaublich wichtig, obwohl ihr nichts weiter seid, als lächerliche Schreihälse, die den Sinn des Lebens noch nicht verstanden haben – leben und leben lassen! Und seid euch sicher: Alles kommt zurück!“

Der Psychopath und ich Teil IV

So, nun kommen wir zum vorerst letzten Teil meiner – zugegeben etwas unfreiwilligen – Serie. Aber wie ich schon zu Beginn erwähnte: Was raus muss, muss raus. Ich will mich nicht mehr länger verstecken. Und ich will auch nicht länger mit dieser Zeit von damals leben, die mich zudem gemacht hat, was ich heute bin, aber von der niemand etwas wusste oder erahnen konnte. Keiner, auch nicht Freunde oder Familie, wussten die ganze Wahrheit. Und ich kann auch nur „in aller Ehrlichkeit“ darüber schreiben, denn darüber reden fällt mir heute noch unglaublich schwer.

Folgender Part handelt von der 24-Stunden-Schock-Therapie in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrischen Klinik. Es darf hier gerne gelacht werden, denn irgendwie ist das Ganze auch zu komisch. Ich musste selbst lachen, als ich diesen ganzen alten Kram las, den ich vor 15 Jahren aufgeschrieben und erst jetzt auch wieder ausgebuddelt habe. Das war der pure Horror, ein Trauma der Spitzenklasse und es war die Schocktherapie, die ich tatsächlich gebraucht habe, um wieder klar im Kopf zu werden.

Unglaublich, was ich da erlebt habe. Aber dieses Unglaubliche und auch alles andere, was ich in meinem Leben erlebt habe, ist tatsächlich die Quelle, aus denen ich heute meine Ideen schöpfe.

Mal sehen, wem hier ein entscheidendes Detail auffällt, dass ich in „Sonst wird dich der Jäger holen“ tatsächlich vollkommen unbewusst eingeflochten habe. Das ist mir selbst auch erst heute beim Lesen aufgefallen … 😀

Wieder wechselt der Erzählstil zwischen Storymodus und Berichterstattung und ist nicht wirklich der schriftstellerische Burner … um ehrlich zu sein, sogar ganz schlecht … sorry. 😮

Der Psychopath und ich Teil IV

Schocktherapie

Gegen 22. 00 Uhr des 30. Augusts, war ich nichts weiter als ein autistisches Wesen, das auf einer Rückbank eines Wagens lag und eine Hand umklammerte, die sie nie wieder loslassen wollte. Das letzte was Ilona noch zu mir sagte, als wir vor der Türe einer psychiatrischen Klinik standen: “Du hast nicht getrunken und auch keine Drogen genommen – das ist dein Vorteil. Ich zwinge dich nun, dich selbst freiwillig einzuweisen, okay? Kannst du mich hören?”

Ich nickte müde…

Und das Letzte was Ilona noch zu mir sagte, als ich von zwei Männern gestützt “abgeführt” wurde: “Du schaffst das, das weiß ich! Wir kennen uns erst ein paar Stunden, aber ich bin wie du und ich hab dich lieb!”

Am nächsten Morgen …

Ich wurde plötzlich wach. Es war dunkel und roch fremd. Meine Kehle war trocken und ich hätte fast gehustet, traute mich aber nicht. Langsam versuchte ich meine Augen zu öffnen. Sie schmerzten und waren verklebt. Geräusche drangen an mein Ohr, die ich nie zuvor gehört hatte. Jedenfalls nicht in meiner Wohnung oder im Schlafzimmer oder in meinem Bett.

Mein Bett? Das war nicht mein Bett indem ich da lag.

Ich wurde nervös und wagte mich nicht zu rühren. Mein Herz begann heftig zu schlagen. Ich tastete neben mich, griff jedoch mit meiner Hand ins Leere. Mein Arm schmerzte. Alles schmerzte.

Wo war ich? Was war passiert?

Ich versuchte nachzudenken und zu verstehen. Es musste doch für alles eine plausible Erklärung geben?! Aber mein Kopf ließ keinen klaren Gedanken zu. Ich sah immer nur Fetzen von Bildern die ich nicht einordnen konnte. Bilder von Thomas, wie er mich böse und vorwurfsvoll anschaute. Bilder in denen ich mich selber sah. Wütend, schreiend und weinend.

Vielleicht war ich gerade nur aus einem bösen Traum erwacht und hatte deshalb solch einen Müll in meinem Kopf? Es wäre in diesem Augenblick meine Wunscherklärung gewesen.

Plötzlich ein Ticken, dann ein seltsames Rascheln.

Was war das? War da jemand im Zimmer?

Jemand atmete. Ein leises, schweres aber regelmäßiges Ein- und Ausatmen. Ich hielt die Luft an, um besser diesen Geräuschen lauschen zu können.

Gott verdammt, wer war das?

Mit großer Mühe und unter Schmerzen versuchte ich mich aufzusetzen. Das Bett knarrte mahnend. Mit aufgerissenen Augen versuchte ich etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Aber ich konnte nichts sehen. Schließlich begann ich vorsichtig meine Umgebung abzutasten. Irgendwo musste es doch Licht geben? Einen Schalter oder irgendetwas anderes?

Suchend glitt meine Hand an einer kalten, glatten Wand entlang. Aber nichts war zu finden. Schließlich stieß ich doch gegen etwas, was sich direkt über meinen Kopf befand. Ich ertastete etwas Rundes und etwas das sich wie einen Schalter anfühlte. Ich versuchte so leise wie möglich zu sein, denn aufwecken wollte ich denjenigen nicht, der sich hier in diesem Zimmer befand und seelenruhig vor sich hin atmete. Jedenfalls nicht solange ich nicht wusste, um wen es sich handelte und wo ich gelandet war.

Zitternd drückte ich diesen Schalter und wie ich es geahnt hatte erleuchtete ein kleines Licht direkt über mir. Fast erschrocken über diese plötzliche Helligkeit versuchte sich meine Augen blinzelnd daran zu gewöhnen.

[Achtung, gläubige Menschen, dürfen den nächsten Part gerne überspringen … quasi weit ab „Weiter im Geschehen“]

Das Erste was ich sah, war dieses kleine Kruzifix, das direkt neben mir an einer gelblich schimmernden Wand hing. Der Anblick machte mich nur noch nervöser. Ich hasste es, immer wieder dieses brutale Bild sehen zu müssen, von einem Mann, dem Nägel durch Hände und Füße geschlagen und der an ein Kreuz gehängt wurde. Warum musste dieses Symbol für Unmenschlichkeit, Trauer, Wut und Hass ständig irgendwo rumhängen oder herumstehen? Dieses grässliche Ding erinnerte mich unsanft daran, wie unchristlich ich doch war und wie sehr mich dieses Kirchenthema schon von meiner Kindheit an nur stresste. Ich fand schon damals keinen Zugang zu diesem gruseligen Gott (ich bin evangelisch getauft), der alles sah, was man tat und auch immer gleich alles schlechte bestrafte, auch Nichtigkeiten. Vor dem Essen beten, vor dem Schlafengehen beten und wehe man tat es nur halbherzig – Gott sieht und merkt alles. Einmal im Jahr schickte er sogar den Nikolaus und Knecht Ruprecht vorbei, die mir dann unter die Nase rieben, dass ich mein Zimmer nicht gerne aufräumte, in der Schule faul und manchmal sogar frech war. Hatte dieser Gott keine anderen Sünder, um die er sich kümmern musste? Ich war verwirrt, fassungslos und teilweise auch echt erschrocken, wie gottlos die Welt um mich herum war, obwohl sie doch alle Gott dienten. Es wurde gelogen, gestohlen, verletzt, missbraucht, hintergangen und gesündigt und doch taten alle so fromm und heilig, dass ich mir irgendwann sicher war, alles was mit Gott zu tun hat, konnte nur eine Lüge sein. Dieser Gott brachte scheinbar nur Böses über die Menschheit und immer dann, wenn ich scharf nachfragte oder auch hinterfragte, wurde ich zurechtgewiesen oder daran erinnert, dass es Gott missfallen wird, dass ich so über ihn denke. Schon mit zehn kam ich zu dem Entschluss, dass ich bei diesem Schauspiel nicht mitmachen würde. Als ich dann aus heiterem Himmel plötzlich meine Periode bekam, muss ich zugeben, das sich für einen kurzen Augenblick (meiner unaufgeklärten Unwissenheit) gedacht habe, dass dies tatsächlich die Strafe Gottes wäre und ich nun in wenigen Stunden sterben würde.

Heute habe eine ganz eigene Ansicht von Gott, die nichts, aber auch rein gar nichts mit der Kirche zu tun hat … <3

Weiter im Geschehen …

Ich sah dieses brutale und verhöhnende Kruzifix und ich hätte es gern von der Wand geschlagen, wenn ich nicht plötzlich von dem Rest des Raumes so erschrocken gewesen wäre. Da war ein weiteres Bett. Es war mit einem Gitter umspannt. Inmitten dieses Gitterbettes lag eine sehr alte Frau. So wie sie aussah, musste sie schon Hunderte von Jahren alt gewesen sein. Ihr Mund stand weit offen und irgendwie sah sie so leblos aus.

Ich starrte sie erschrocken an …

War sie vielleicht tot?

Nein, war sie nicht, denn ihre geschlossenen Augen bewegten sich noch. Und dann war dieses Zucken in ihren Muskeln. Ihre Hände und ihre Füße waren mit breiten grauen Bandagen gefesselt. Die weiße Bettdecke war von ihrem dicklichen Körper gerutscht und gab freie Sicht auf ein geblümtes Nachthemd. Es war ebenfalls ein wenig hoch gerutscht. Ein langer Schlauch ragte zwischen ihren weißen fleckigen Beinen hervor und endete in einem Plastikbehälter. Es war nicht schwer zu erraten, dass dies ihr Urin war. Mit einem Gefühl von steigender Panik wendete ich mich ab. Doch ich hatte noch nicht genug gesehen, um gänzlich in Panik auszubrechen …

Ich hörte plötzlich ein leises Wimmern. Es kam aus dem dritten Bett, das direkt an der Tür stand. Darin lag eine Frau mit langen schwarzen Haaren. Sie hatte mir den Rücken zugekehrt. Sie wälzte sich unruhig hin und her. Immer wieder stieß sie diese schrecklichen Töne aus. Sie schien gerade etwas Unangenehmes zu träumen. Plötzlich schreckte sie hoch, und starrte mich mit großen glasigen Augen an. Sie war ebenfalls bekleidet mit einem geblümten Nachthemd. Wütend drehte sie sich von mir weg und zog die Decke über ihren Kopf.

Wo war ich nur? Wer waren diese Leute?

Die ganze merkwürdige Einrichtung, die Betten, diese Frauen…

Vielleicht ein Krankenhaus? Es war ein Krankenhaus! Hatte ich mich irgendwie verletzt, dass ich in ein Krankenhaus gebracht wurde? Aber verletzt wobei? Warum? Weshalb? Wo war Thomas?

Plötzlich spürte wie sich unaufhaltsam meine Blase meldete. Ich musste wirklich dringend auf die Toilette. Ich setzte mich auf. Und fühlte mich dabei wie eine alte Frau, die mit Sicherheit nur noch wenige Monate zu leben hatte. Vielleicht wie diese alte Frau dort im Bett? Meine Gelenke, jeder einzelne Muskel in meinem Körper schien sich gegen jede Bewegung zu wehren. Ich erschrak, als ich plötzlich an mir herunter sah und feststellte, dass ich ebenfalls ein geblümtes Nachthemd trug.

Wer hatte mich in dieses grauenhafte Teil gesteckt? Wo waren meine eigene Kleidung? Hatte ich überhaupt welche?

Noch bevor ich mir weiter darüber Gedanken machen konnte, hörte ich plötzlich Stimmen und Schritte. Sie kamen von außerhalb dieses Zimmers. Fast panisch knipste ich das Licht aus und verkroch mich wieder unter der Decke. Keine Ahnung warum ich das tat. Aber ich hatte bei dieser ganzen Krankenhausgeschichte ein schlechtes Gefühl. Ich beschloss mich erst einmal schlafend zu stellen und einfach abzuwarten was geschah. Schließlich flog die Tür des Zimmers auf.

„Guten Morgen die Damen“, rief eine freundliche aber bestimmende männliche Stimme. Dann wurden unerwartet und fast brutal die Jalousien des Fensters hochgezogen. Das laute Geräusch dröhnte in meinen Ohren. Ich wagte immer noch nicht eine Bewegung von mir zu geben. Grelles Licht strahlte plötzlich durch das ganze Zimmer. Alles war so schrecklich hell und blendete mich. Ich kniff die Augen zusammen.

Plötzlich spürte ich, dass eine Person unmittelbar neben meinem Bett stand und sich über mich beugte. Erschrocken sah ich auf. Vor mir stand ein junger Mann, der ganz in weiß gekleidet war. Er lächelte freundlich und sagte: „Guten Morgen Frau Lahr, wie geht es ihnen haben sie gut geschlafen?“

Seine Stimme kam mir bekannt vor. Ich setzte mich auf. Und schnell bereute ich, dass ich das getan hatte. Und ich konnte in letzter Sekunde einen lauten Schrei unterdrücken. Mein ganzer Körper schmerzte. Es fühlte sich an als sei ich mit einem Güterzug kollidiert. Und schließlich entwich mir doch ein leises Stöhnen. Später erklärte man mir, dass diese Schmerzen, eine Art Muskelkater, von der extremen Anspannung des ganzen Körpers am Vorabend kamen, ein Nervenzusammenbruch ist somit auch wörtlich zu nehmen.

„Wie fühlen sie sich?“, fragte er wieder.

„Ich weiß nicht“, stotterte ich. „Aber ich glaube ganz gut!“

„Na, das ist doch die Hauptsache. Es gibt gleich Frühstück, machen sie sich ein wenig frisch. Wenn sie etwas brauchen rufen sie.“

Ich hörte seine Worte kaum. Ich war zu sehr damit beschäftigt meine wirren Gedanken zu ordnen. Woher kannte ich ihn? Wo war ich und was war passiert? Die Schmerzen überall. Der Mann drehte sich um und ging.

„Halt, Moment bitte!?“, rief ich fast panisch.

„Ja, Frau Lahr?“

„Was ist denn überhaupt mit mir passiert? Ich kann mich nicht erinnern…“

Er sah mich plötzlich mit einem sehr ernsten und fast mitleidigen Blick an. Er zögerte mir zu antworten. Doch dann legte er seine Hand auf meine Schulter und sagte:

„Machen sie sich keine Sorgen, das liegt an den Tabletten, die sie von uns bekommen haben. Sie waren gestern sehr aufgewühlt. Aber sie werden sich schon bald wieder erinnern. Aber jetzt wird erst einmal gefrühstückt, danach wird jemand mit ihnen darüber reden.“

Er lächelte und verschwand so plötzlich, wie er aufgetaucht war.

Ich war gestern sehr aufgewühlt…? Tabletten? Hilfe, wo war ich denn nur gelandet? Und wo zum Teufel war hier die verdammte Toilette?!

Meine Füße glitten auf den grauen, kalten Linoleum Fußboden. Ich schwankte und mir wurde ein wenig schwindelig. Aus weiter Ferne hörte ich Stimmen. Sie waren fremd und ich verstand nicht was sie sagten. Erst jetzt nahm ich wieder wahr, dass ich nicht alleine im Zimmer war. Die alte Frau lag immer noch wie tot in ihrem Bett. In ihrem Gefängnis. Langsam und behutsam, immer darauf bedacht, keinen unnötigen Lärm zu machen, schlich ich an ihrem Bett vorbei. Doch plötzlich Drang mir dieser unangenehme Geruch in die Nase. Es war ein unbeschreiblicher Gestank und er nahm mir den Atem. Ich kannte diesen Gestank. Nur woher?

Ich dachte nach. Dann fiel mir Mario ein. Mario war ein Junge aus der Nachbarschaft gewesen. Warum um alles in der Welt, konnte ich mich an ihn erinnern? Aber nicht an das, was gestern erst war? Mario jedenfalls hatte einen Hund. Der Schäferhundmischling hieß Timmi. Er war blind und hatte ein altersbedingtes Hüftleiden. Und als es dann mit Timmi langsam zu Ende ging, roch er genau so. Mario sagte immer, es läge an den vielen Medikamenten und schmerzstillenden Präparaten, die er in sein Futter mischen musste. Ich aber dachte immer insgeheim, dass dies der Gestank des Todes sein musste. Und dieser Geruch umhüllte diese alte Frau. Sie stank nach Tod.

Wie gebannt starrte ich auf diese Frau und sie machte mir Angst. Wieso wurde sie durch den Lärm und das Licht nicht wach? Jeder hätte eigentlich bei diesem Jalousienszenario wach werden müssen! Mir lief ein Schauer über den Rücken und ich beschloss in diesem Moment niemals alt zu werden.

Schnell hatte ich diese kleine Nische mit einer Toilette und einem Waschtisch entdeckt. Es gab keine Tür, nur ein Plastikvorhang, der eigentlich normalerweise an Duschen oder Badewannen zu finden war. Ich war mir aber sicher, dass ich in diesem Moment keinerlei Zuschauer hatte und benutzte hektisch die Toilette. Es war ein seltsamer Raum. An den Wänden waren verschiedene Haken, an denen Namen standen. An den Haken hingen Waschlappen. Über dem Waschbecken war ein kleiner Spiegel mit einem Regal. Auf dem Regal standen Zahnbürsten und Becher, die ebenfalls mit den jeweiligen Namen versehen waren. Nur mein Name stand noch nirgendwo, das beruhigte mich ein wenig. Hier auf dem Zimmer lagen wohl Patienten, die längere Zeit schon krank waren, wenn sie schon ihren eigenen Haken besaßen.

Nur flüchtig schaute ich in den Spiegel, denn ich wollte mich nicht sehen. Ich wusste, ich sah schrecklich aus. Dunkle Ränder unter den Augen kleine Kratzspuren im Gesicht und schuppige Haut an den Wangen. Diese Flechten bekam ich doch nur, wenn ich viel geweint hatte?

Hatte ich viel geweint? Aber warum?

Ich drehte den kleinen Wasserhahn auf und wusch mir kurz das Gesicht und die Hände. Das Wasser war eiskalt und es gab auch keine Möglichkeit dies zu ändern. Es gab keinen Temperaturregler. Aber trotzdem tat es gut.

Plötzlich spürte ich, wie jemand den Raum betrat. Es war wie ein Schatten, der sich hinter diesem Vorhang aufbäumte und dort stehen blieb. Ich schluckte und wagte einen Blick durch den Schlitz und erschrak. Das stand dieses Mädchen, die Haare im Gesicht kleben, mit ihrem Blümchennachthemd und starrte mich stumm durch den Vorhang an. Heute, fast 15 Jahre später kann ich diese Erscheinung mit dem schwarzhaarigen Mädchen aus „The Ring“ beschreiben …

Ja, genau so sah sie aus …

the ring

Ja, ich kam mir in der Tat vor, wie in einem Horrorfilm. Damals wusste ich auch noch nicht, dass es „echte“ Menschen gibt, die mir allein mit ihrem Anblick das Blut in den Adern gefrieren lassen. Zudem hörte ich plötzlich auch noch das immer lauter werdende Atmen von dieser alten gefesselten Frau im Hintergrund. Und wieder lief mir ein Schauer über den Rücken.

Ich musste raus hier raus aus diesem Zimmer, ich musste nach Hause!

Energisch riss ich den Vorhang zurück, in der Hoffnung, dass die schwarzhaarige Psychofrau sich in Luft auflöste – tat sie auch, sie lief erschrocken aus dem Zimmer. Ich ging hastig zurück an das Bett, indem ich die Nacht… vielleicht sogar Nächte … verbracht hatte und suchte nach meiner Kleidung.

Schnell raus aus diesem bescheuerten Irren-Nachthemd.

Auf diesem fahrbaren, kleinen Schränkchen fand ich tatsächlich die Hose, das T-Shirt und meine Schuhe die ich … ja, wann genau trug? Ich wusste es nicht. Ich zog sie hastig an und wollte nur noch schnell dieses Zimmer verlassen.

Vielleicht gab es ja irgendwo ein Telefon?

Wieder musste ich an diesem unheimlichen Bett vorbei. Ich fühlte mich fast, wie in einem dieser Schockmomente im Film, in denen plötzlich Tote ihre Augen öffneten und ihre Hände nach einem ausstreckten.

Es war so unheimlich, gruselig…

Und obwohl ich es mir vornahm es nicht zu tun, starrte ich die alte Frau wieder an. Es war wie ein Zwang, von dem ich mich nicht lösen konnte.

Warum war sie gefesselt?

Ich starrte …

Und starrte …

Und …

Plötzlich riss sie ihre Augen auf. Ihre gelblichen toten Augen fixierten mich. Ich stieß einen leisen Ton aus, der schließlich von einem lauten Kreischen übertönt wurde. Aber das Kreischen kam nicht aus meiner Kehle. Sie war es. Sie schrie.

Immer lauter, immer schriller.

Mein Schockzustand, der sich langsam in ein Gefühl der Panik wandelte wurde jäh unterbrochen als plötzlich die Türe des Zimmers aufflog und zwei dieser weiß bekleideten Männer herein platzten.

„Frau Wiehold! Was ist denn los! Wieder geträumt?“

Ich nutzte diesen Augenblick und lief schnell aus dem Zimmer. Ich stand plötzlich in einem schmalen Flur, in dem verschiedene Zimmer angrenzten. Zimmer, in denen die Türen offen standen und ungeahnte Einblicke preisgaben.  Darin waren Menschen, sie saßen regungslos auf Betten, kauerten in Ecken, liefen umher und sie starrten mich mit leeren, lieblosen Augen an. Bis auf einer. Dieser junger Mann tänzelte fröhlich durch den Flur als würde er ein Lied hören, was nur er hören konnte …

Am Ende des Ganges stand die Schwarzhaarige wieder, auch ihre Augen fixierten mich als würde sie nur darauf warten, mich endlich mit ihrem Irrsinn anstecken zu können. Irgendwo hörte ich die alte Frau wieder schreien.

„BRINGT SIE WEG! ICH WILL SIE NICHT MEHR SEHEN! HOFFENTLICH KOMMT SIE DA NIE WIEDER RAUS!“

Diese Worte schossen mir plötzlich durch den Kopf und brannten sich in mein Hirn. Hatte Thomas das wirklich gesagt? Aber warum hatte er das gesagt? Und plötzlich trafen mich alle Erinnerungen wie ein Schlag.

„DICH HABE ICH NIE RICHTIG GELIEBT!“

„WO SIND MEINE ZIGARETTEN?“

„DIE IST TOTAL DURCHGEKNALLT!“

„DIE IST IRRE!“

Verzweifelt, ließ ich mich auf eine der kleinen Holzbänke in dem kahlen, grauen Flur fallen. Ich hatte es wirklich getan! Ich war wirklich nach Lahnstein gefahren, um mich an den beiden für ihre verlogene Scheiße  zu rächen!

Gott was war nur in mich gefahren?! Und jetzt war ich hier! In einer Irrenanstalt?! In einer Klapsmühle?! Wegen einem manipulativen, hirnlosen und empathielosen Arschloch?

Ich konnte meine Tränen nicht mehr verbergen. Ich drückte meine Hände vor das Gesicht und begann leise vor mich hin zu weinen. Die Gewissheit, dass ich hier nun bis in alle Ewigkeit versauern würde, ließ mich innerlich wieder in Panik ausbrechen. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich erschrak und blickte in das nette Gesicht des Mannes, dessen Gesicht ich heute Morgen als erstes sah und wohl gestern Abend als letztes. War er es nicht gewesen, der mir diese blaue Pille gab und sagte: Sie werden sich bald besser fühlen?

„Geht es ihnen nicht gut, Frau Lahr?“

Was sollte ich ihm jetzt darauf antworten? Er dachte doch bestimmt auch ich wäre eine Irre. Dachten das nicht alle hier? Ich war aber nicht irre! Ich war einfach nur OVERLOAD gewesen! Ich musste ihm das sagen! Er musste mir glauben! Doch bevor ich einen Ton über die Lippen bekam, verschlang ein heftiges Schluchzen meine Worte.

Verdammt, reiß dich zusammen! Du darfst jetzt nicht mehr heulen! Erklär ihm, dass es dir gut geht!

„Frau Lahr? Was ist los? Fühlen sie sich nicht gut?“

„Doch, … es ist nur…“, stammelte ich. Er setzte sich behutsam neben mich. In seiner Hand trug er ein kleines Tablett, auf dem kleine Becher standen. Ich erschrak, als ich die vielen Pillen und Tabletten darin liegen sah. Und ich ahnte bereits, dass einer dieser Becher wohl für mich bestimmt war. Irgendwie schien er zu bemerken, dass mich der Anblick dieses Tabletts nervös machte, denn er sagte plötzlich beruhigend:

„Keine Angst, die sind nicht für sie!“

„Sie müssen mir glauben, ich bin nicht so gestört, wie die anderen hier!“

In dem Augenblick als ich mich selbst reden hörte, wurde mir klar, dass wahrscheinlich jeder der hier drinnen war, genau das von sich behaupten würde. Wie also konnte ich ihn davon überzeugen, dass das gestern ein einmaliger Ausrutscher war? Würde er mir glauben, dass ich wieder die liebe und immer friedliche Nicole war? Ganz normal? War ich doch, oder?

„Das in den letzten Monaten war alles zu viel für mich. Ich habe einfach die Kontrolle verloren! Ich bin nicht verrückt.“

„Das glaube ich ihnen, Frau Lahr. Und ich denke, dass sich alles für sie klären wird.“

Seine Worte waren wie ein himmlischer Sonnenaufgang für mich. Nur konnte ich ihm glauben? Schließlich arbeitete er hier und was war, wenn es einer dieser Standartantworten für Geisteskranke war?

„Ich kann mir vorstellen, dass dies alles für sie sehr befremdlich wirken muss und das sie die Menschen hier beunruhigen. Wissen sie, die Patienten, die hier in diesem Bereich sind, haben tatsächlich schwere psychische Probleme. Wir haben hier Menschen mit einer starken Persönlichkeitsstörung, Menschen mit suizidale Gedanken, psychische Schäden, die neurologisch bedingt sind aber auch Schwierigkeiten durch Drogen und Alkohol verursacht.“

Er wusste, dass ich das nicht hören wollte, sah mich dennoch freundlich an  und sagte schließlich:

„Ich frage mal gerade nach wann Herr Drechsler heute Sprechstunde hat. Ich komme gleich wieder.“

Er stand auf und ging schnellen Schrittes den Gang hinunter. Dann verschwand er hinter einer Ecke. Am liebsten wäre ich aufgestanden und ihm hinterher gelaufen. Ich hätte mich an sein Bein geklammert und ihn angefleht mich nicht mit diesen Irren alleine zu lassen. Wie sie durch diesen Flur schlichen … wie sie mich anstarrten … sie machten mit Angst!

Nach unendlich langen Minuten kam er tatsächlich wieder.

„Herr Drechsler kommt heute leider erst gegen 15.00 Uhr. So lange müssen Sie warten. Gehen sie doch erst einmal etwas frühstücken. Das wird ihnen gut tun.“

Ich schüttelte wild den Kopf. Essen? Ich konnte doch jetzt nichts essen! Nicht hier!

„Nein. Ich möchte nur irgendwohin, wo ich nur ein kleines bisschen Ruhe habe. Essen kann ich beim besten Willen nichts. Sagen sie mir bitte wie viel Uhr haben wir?!“

„Viertel nach neun.“

„Ich brauche eine Zigarette! Verdammt, ich habe keine Zigaretten!“

„Wir haben hier einen Kiosk im Haus, wenn sie möchten, dann kann jemand für sie Zigaretten holen.“

„Aber ich habe kein Geld bei mir! Ich habe alles vergessen … verloren!“

Vergessen? Wie hättest du denn auch daran denken sollen, du blöde Kuh! Schließlich war das ja nicht geplant, dass du hier landest.

Er lächelte, dann schaute er sich etwas scheu um. Plötzlich legte er das Tablett ab und kramte in seiner Tasche. Und zum Vorschein kam eine Schachtel Zigaretten. Fast gierig verfolgte ich den Weg den sie in meine Richtung machte.

„Nehmen sie diese, ich hole mir nachher neue. Aber bitte nicht verraten, sonst bekomme ich echt Ärger!“

Wieder lächelte er und am liebsten hätte ich ihn in diesem Augenblick gefragt ob er mich heiraten wollte!

„Normaler Weise haben wir es nicht gerne, wenn der Frühstückstisch nicht vollständig ist. Aber bei ihnen machen wir eine Ausnahme.“

„Warum tun sie das? Warum sind sie so nett zu mir? Glauben sie mir etwa, dass ich nicht Geisteskrank bin?

„Frau Lahr, ich darf mir keine Meinung über sie bilden, ich bin kein Arzt. Aber ihr Pluspunkt ist, dass sie einsichtig waren und freiwillig zu uns gekommen sind. Das war mutig und vernünftig. Ich sage mir immer, wenn man noch in der Lage ist eine vernünftige Entscheidung zu treffen, dann ist nicht alles verloren. Ich habe bei Ihnen ein positives Bauchgefühl. “

Freiwillig? Ich war mit Sicherheit nicht freiwillig hier! Wie kam er denn darauf!?

Ich schaute ihn fragend an, ohne dass ich es eigentlich wollte. Doch dann konnte ich auch das in mein Gedächtnis zurückrufen. Ein Arzt, der mich untersuchte und mir tausende Fragen stellte. Haben sie Drogen genommen? Haben sie getrunken? Nehmen sie Medikamente? Und dann war da doch dieser Zettel. Auf dem stand, dass ich mich freiwillig unter eine temporär psychische Beobachtung stellte … Ilona.

„Frau Lahr, ich muss weiter arbeiten. Dort drüben ist das Raucherzimmer, derzeit sitzen alle beim Frühstück, dann werden sie dort einige ruhige Minuten finden. Und es wird sich alles irgendwie klären, glauben sie mir!“

Dann stand er auf und ging.

Und auch ich verschwand schnell in diesen Raum, auf den er gezeigt hatte. Ein paar Stühle und Tische standen wahllos herum. Irgendwelche Bilder mit sinnlosem Gebilden von Malern die ich nicht kannte, hingen an der Wand.

In einer kleinen Ecke an der Fensterbank stand ein Tischchen auf dem Gesellschaftsspiele und Zeitschriften lagen. Wenn jetzt dort noch ein paar Bauklötze und Spielsachen gelegen hätten, könnte man sagen, es sah in diesem Zimmer so aus wie in einem klassischen Wartezimmer eines Hausarztes. Aber ich war nicht bei meinem Hausarzt …

Ich schleppte mich zu einem Stuhl, der direkt am Fenster stand. Als ich mich setzte, schien plötzlich ein Sonnenstrahl durch die schwarzen daumendicken Gitter und warf einen seltsamen Schatten auf meine Arme und meinen Körper. Schnell erwärmte der Strahl die Stellen, die nicht vom Schatten erwischt wurden. Lange schaute ich mir dieses Spiel an. Ich konnte die kleinen Staubpartikel sehen, die wild umher tanzten. Noch nie habe ich bewusst einen Sonnenstrahl bewundert. Noch nie habe ich hinter Gittern gesessen …

Viertel nach neun?! Dieser Herr Drechsler kam erst gegen drei?

Nervös zündete ich mir eine Zigarette an und starrte wieder aus dem Fenster. Dort draußen, jenseits der Gitter, schien die Sonne und versprach einen wundervollen Sommertag … mir war es gar nicht aufgefallen, dass wir überhaupt Sommer hatten.

Ich zuckte erschrocken zusammen, als plötzlich die Tür des Zimmers aufflog.

„Hallo, junge Frau!“

Und wieder stand ein sehr junger Mann vor mir und lächelte dieses allgemeine, offenbar für Klapsen übliche Lächeln. Er war klein und hatte lange blonde Haare, die mit zu einem Zopf zusammengebunden waren.

„Es ist Zeit einmal ihren Blutdruck zu messen. Aber bitte machen sie die Zigarette aus, sonst stimmt die Anzeige nicht.“

Irgendwie fühlte ich mich durch sein Auftauchen gestört. Aber ich tat wie mir befohlen und drückte die Zigarette wieder aus. Er schien zu merken, das mich seine Prozedur die er vorhatte nicht wirklich erfreute. Hingebungsvoll streckte ich meinen rechten Arm aus.

„Wenn es denn sein muss“, stöhnte ich und wartete auf sein Handeln. Dieser Junge machte wohl gerade eine Ausbildung hier. Denn er wirkte etwas unsicher, als er mir dieses Blutdruckmessgerät um den Arm legte. Erst war er fast zärtlich und dann klemmte er mir eine Hautfalte ein. Aber er versuchte es mit einem Lächeln zu vertuschen. Dann schließlich begann er zu pumpen und drückte seine Finger an mein Handgelenk um den Puls letztendlich festzustellen. Er machte ein ernstes Gesicht. Zu ernst, wenn man die Harmlosigkeit des Blutdruckmessens bedachte. Und irgendwie wirkte er in dieser Position und den dazugehörigen auftreten schon wie ein kleiner Möchtegern-Arzt, der gleich eine niederschmetternde Diagnose aussprechen musste. Herr Hard stand auf einem kleinen Ansteckschild an seiner Brust. Als fertig war, erlöste er mich von diesem doch recht unangenehmen Geschnüre an meinem Arm und lachte.

„Na super, sieht doch sehr gut aus. Besser kann es doch gar nicht sein!“

Er klang fast feierlich, so als ob ich gerade eine Urkunde in irgendwas verliehen bekam. Dann klatschte er jubelnd in die Hände – hatte der Typ nicht mehr alle Tassen im Schrank, oder was sollte dieses Theater?

Nein, DU hast nicht mehr alle Tassen im Schrank und so geht man eben hier mit Verrückten um.

Ich schenkte ihm ein müdes Lächeln. Irritiert wünschte er mir noch einen schönen Tag und verließ das Zimmer.

„Der nächste bitte! Herr Frey! Kommen sie doch einmal zu mir!“ ,hörte ich ihn noch sagen, dann war es wieder still. Und ich saß wieder allein, in diesem kleinen muffigen Zimmer.

Stunden vergingen. Oder waren es Minuten? Zeit, bekam in einer Irrenanstalt tatsächlich eine völlig neue Bedeutung. Warum musste es bis 15.00 Uhr auch so lange dauern? Ich war froh, dass ich alleine in diesem Zimmer war und mich nicht mit diesen Verrückten auseinander setzten musste. Ich schaute wieder zum Fenster hinaus.

Vielleicht würde ich dort eher etwas Interessantes entdecken, was mir half weitere Minuten zu überbrücken? Aber es war vergeblich. Das Zimmer lag mindestens im Zweiten Stock des Gebäudes und außer Sonne, Himmel und dichte Baumkronen in denen ein paar Vögel saßen, war nichts zu erkennen. Schließlich nahm ich mit dem Federvieh vorlieb und schaute an wie sie pickten und tänzelten. Ich hatte noch nie Vögel beim Tänzeln und Picken beobachtet. Und irgendwie schienen sie mich aufmuntern zu wollen. Immer wieder schauten sie zum Fenster hinein und musterten mich und ich glaube sogar, dass sie lächelten. Es war irgendwie schön.

Wieder öffnete sich die Türe und eine alte Frau wurde mit ihrem Rollstuhl hinein geschoben. Ich ahnte, dass mein Wunsch nach Alleinsein nun ein jähes Ende gefunden hatte. Die alte Frau lächelte mich unentwegt an – Lächeln scheint hier an der Tagesordnung zu sein – und begann sich mit zittrigen Händen eine Zigarette anzuzünden. Ich fand es seltsam so alte Leute beim rauchen zu sehen. Irgendwie passten Zigaretten nicht in das Bild von netten Omis. Wenn sie denn überhaupt nett war. Immerhin war sie ebenfalls hier, warum auch immer. Gern hätte ich sie danach gefragt, aber ich traute mich nicht.

„Haben sie bitte einmal Feuer für mich“, fragte sie mich plötzlich mit sanfter Stimme.

„Oh Entschuldigung, natürlich“, sagte ich. Schnell zog ich das Feuerzeug aus meiner Hose und zündete ihr die Zigarette an. Sie lächelte wieder dankbar und schien ihren ersten Zug zu genießen. Ich musterte sie. Sie war gepflegt und ihre schneeweißen Haare waren säuberlich zu einem Dutt zusammengesteckt. Selbst ihre Kleidung wirkte edel. Und ich konnte mir immer noch kein Bild darüber machen, warum sie letztendlich hier war. Sie passte nicht hier hin. Vielleicht war sie einer der Fälle, die ständig ihren verstorbenen Mann sah oder so irgendwas.

„Ist es nicht wunderschön draußen“, fragte sie mich plötzlich. Verwirrt suchte ich nach einer Antwort, denn ich war nicht darauf gefasst, das ich ein Gespräch mit dieser Frau führen musste.

„Ja, sehr schön“, sagte ich scheu.

„Ich heiße Rosa und sie?“

„Äh, Nicole.“

„Nicole, ein schöner Name. Und draußen ist es so schön. Die Vögel, die Sonne…“

Sie wirkte so verträumt und so liebevoll und warm. Ich mochte sie irgendwie.

„Ja, ein wirklich schöner Tag“, erwiderte ich und tat sehr interessiert an einer Weiterführung des Gespräches. Und ich musste zugeben, das ich mich eigentlich noch nie so ausgiebig mit jemanden über das Schönsein eines Tages so ausgelassen hatte. Ich hätte ebenfalls auch nicht gedacht, das ich dies einmal tun würde.

„Ein wunderschöner Tag“, wiederholte Rosa.

„Finden sie nicht auch, Nicole?“

Und ohne darüber nachzudenken, das diese Frau vielleicht wirklich etwas verwirrt sein könnte, hob ich den Daumen und wiederholte:

„Ja, ein toller Tag!“

„Ich wünschte ich wäre tot!“, sagte die alte Frau plötzlich und ihre Miene verfinsterte sich. Ich starrte sie erschrocken an.

„Sagen sie doch so etwas nicht“, sagte ich behutsam, musste aber dann selbst feststellen, dass ich vor gar nicht langer Zeit auch einmal so gedacht hatte. Wenn diese Frau an einem solch schönen Tag unbedingt tot sein wollte, dann hatte sie wohl ihre Gründe.

„Ein wunderschöner Tag heute, nicht wahr? Wie heißen sie eigentlich?“

Dann plötzlich ging wieder die Tür auf und eine weitere alte Dame kam mit langsamen Schritten und mit gesenktem Kopf herein. Als sie sich setzte und mich schließlich mit bösen Augen ansah, fühlt eich mich schlagartig unwohl. Sie  war das Gegenteil von Rosa, die immer noch wie in einem goldenen Sofa in ihrem Rollstuhl saß und inzwischen wieder lächelnd zu Fenster hinaus sah. Diese andere alte Dame jedoch, wirkte boshaft und hasserfüllt. In ihrer rechten Hand trug sie eine Handtasche, die sie fast bis zur Unkenntlichkeit zusammengerollt hatte. Fast wie eine Zeitung. Und sie trug einen Mantel. Einen Mantel in diesem warmen Zimmer? Sie begann irgendetwas vor sich hin zu zischen. Ich verstand jedoch nicht was sie sagte.

„Hallo, du Alte Ziege“, begrüßte Rosa sie strahlend.

„Wer sagt hier Alte Ziege“, fauchte die Frau Rosa an und ich befürchtete, das hier gleich die Hölle losbrechen würde.

„Ist doch ein schöner Tag heute! Klara, warum bist du denn so böse?“

„Die haben mir wieder alles geklaut, dieses widerliche Judenpack. Umbringen sollte man sie! ALLE! UMBRINGEN!“

Und plötzlich warf sie mir einen bösen Blick zu. Am liebsten hätte ich mich ganz weit weg verdrückt, doch dieses Zimmer war zu klein um sich zu verstecken  und außerhalb diese Zimmers wollte ich mich erst recht nicht aufhalten. Ich war zutiefst erschrocken.

„Oh, schon wieder beklaut?“, fragte Rosa mit großer mitfühlender Empörung.

„Ja, alles weg! Mein Geld, meine Möbel und mein Haus!“

Sie begann ihre alte zerfledderte Handtasche aufzurollen und kramte murmelnd darin herum. Es war nicht schwer zu erahnen, das auch sie rauchen wollte. Wer sonst würde sich wohl freiwillig in ein Raucherzimmer setzten?

„Diese bösen Juden! Mein Feuerzeug! Mein Feuerzeug ist auch weg!“

„Klara, ich habe Feuer, Moment.“ Rosa begann ebenfalls in ihrem kleinen Beutel zu kramen. Wusste sie denn tatsächlich auch nicht mehr, dass sie kein Feuer besaß?

Du bist hier in einer Irrenanstalt, vergiss das bitte nicht!

Rosa lächelte mich an und sagte:

„Die Dame, wie heißen sie bitte? Sie haben doch Feuer!?“

Rosa sah mich erwartungsvoll an und ich wusste nicht was ich zuerst tun sollte. Meinen Namen ihr zum dritten mal nennen oder einfach nur das Feuerzeug herausgeben. Ich tat beides.

„So ein Feuerzeug hatte ich auch! Sind sie Jüdin?!“

Langsam wurde die Sache wirklich unangenehm und ich war froh das die Situation durch ein weiteres öffnen der Tür entschärft wurde. Dort stand ein weiterer Pfleger, den ich noch nicht kannte und sagte:

„Frau Hornbach, habe ich ihnen nicht gesagt sie sollen in ihr Zimmer gehen? Dort warten noch ihre Medikamente auf sie!“

„Nein! Ich werde nicht wieder in mein Zimmer gehen! Diebe alles Diebe!“

„Wer hat sie denn schon wieder bestohlen, Frau Hornbach!“

„Die Juden, haben sie die denn nicht gesehen? Was tun sie eigentlich den ganzen Tag? Sind sie Jude?“

Gespannt lauschte ich auf den weiteren Verlauf des Gespräches in der Hoffnung, das Frau Hornbach dem Pfleger gehorchte und das Zimmer verließ.

„Alles weg! Mein Haus, mein Geld und jetzt auch noch meine Tasche!“

„Aber Frau Hornbach, ihre Tasche haben sie doch in der Hand.“

Frau Hornbach hatte jedoch nicht mehr die Möglichkeit sich dazu zu äußern, denn in diesem Moment hörte ich plötzlich laute Musik. Es war verzerrt und klang schrecklich. Wie bei einem Radio, bei dem der Sender gestört wurde. Ich konnte mir nicht erklären, wie dieses Geräusch plötzlich zustande kam. Aber keinem außer mir schien dies zu verwirren. Rosa saß in ihrem Rollstuhl und starrte zum Fenster hinaus. Der Pfleger redete immer noch behutsam auf Klara ein. Doch er musste seine Stimme erheben, da man fast sein eigenes Wort kaum verstand, so laut war das Geschreie von Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir“. Und plötzlich zwängte sich hinter dem Pfleger die Quelle der Störung hindurch. Und im Raum stand dieser glatzköpfige Riese. Auf seiner Schulter ein rosarotes Radio aus dem die Musik heraus dröhnte. Ich war wie versteinert vor Schreck.

Scheiße, wo bin ich hier gelandet?!

Bitte hol mich doch jemand hier raus…

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Ein weiterer Pfleger kam, riss dem Glatzkopf das Radio von der Schulter. Und ich befürchtete schon, das dieser mit einem gezielten Schlag für diesen Raub rächen würde. Doch als der Pfleger das Radio abstellte und damit verschwand, begann er einfach zu weinen.

Er weinte, wie ein kleines Kind …

So wie ich gestern Abend …

KARINA? MEINE PUPPE IST WEG! IHR MÜSST SIE SUCHEN?!

Nachdem diese durchgeknallte Klara den Raum verlassen hatte und auch der Glatzköpfige auf die Suche nach seinem Radio gemacht hatte, dachte ich eigentlich es wäre überstanden. Aber meine Hoffnung keimte nur wenige Sekunden. Es betraten zwei weitere Personen das Zimmer. Die Männer waren wesentlich jünger und ich schätze sie so um die dreißig. Beide setzten sich wie selbstverständlich an einen Tisch und schenkten Rosa und mir keine Beachtung. Und ich war sehr froh darüber. Erst jetzt bemerkte ich , das ich unbewusst mich immer weiter in die hinterste Ecke mit meinem Stuhl verzogen hatte. Sie unterhielten sich eigentlich ganz normal wie zwei Freunde, die sich einiges zu erzählen hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt, wo ich gezwungen war ihnen zu zuhören.

„Wo warst du denn die letzten zwei Tage? Ich hab dich gar nicht gesehen?“, sagte einer der beiden. Er hatte blondes kurzes Haar und trug einen kleinen Schnauzbart. Er war ziemlich dürr und durch sein eng anliegendes T-Shirt konnte man fast die Rippen zählen. Der andere ließ mit der Antwort auf sich warten. Er wirkte unendlich müde und gähnte unentwegt. Und es schien, als ob er gerade erst aus dem Bett gefallen sei, denn seine braunen Haare standen in alle Himmelsrichtungen zu Berge. Er hatte für seine restliche Statur einen ungewöhnlich dicken Bauch.

Schließlich antwortete er träge:

„Ich war mal wieder ein böser Junge! Die haben mich doch wieder gekriegt!“

„Wie hast du es denn wieder geschafft, diese geile Spritze bekommen, du Penner?!“

„Ja“, gähnte der Braunhaarige und versuchte dabei zu lächeln. Die Fratze die er dadurch machte war fast filmreif.

„Hey, ich glaub ich muss auch mal wieder Terror machen, ich will auch wieder so ein Ding haben. Dann haste jedenfalls deine Ruhe. Wieso haben die dich denn wieder zum schlafen gebracht?“

„Die blöde Fotze von Ärztin war der Meinung ich hätte Alk in meinem Zimmer versteckt. Da haben die wieder in meinen Sachen rumgewühlt. Da war ich echt sauer drüber. Da hab ich dem Schwanzlutscher von Karenbach eine gezogen!“

Beide lachten.

„Geile Sache! Und haste Alk?“

„Ja aber jetzt nicht mehr, die haben den gefunden!“

Beide begannen sich aus Papier und Tabak Zigaretten zu drehen. Und sie schienen dabei eine Art Wettkampf zu veranstalten. Ich sah ihnen fast dankbar für diese Abwechslung dabei zu. Doch plötzlich war da dieses kratzen im Hals. Und es wurde immer schlimmer. Alle Versuche ein Husten zu unterdrücken scheiterten und ich hustete los.

„Hey, Frischfleisch“, raunte plötzlich der blonde Mann und sah mich lächelnd an. Daraufhin schlug ihn der Dickbäuchige unsanft auf den Arm und sagte mahnend:

„Hey, du Hirni, spricht man so mit einer Dame?!“

Doch ich brachte kein Wort heraus, so erschrocken war ich. In meiner Verzweiflung lächelte ich nur scheu. Es war ganz offensichtlich, dass auch diese beiden Herren sie nicht alle an der Schüssel hatten. Wie sie tickten? Keine Ahnung! Ich saß in der Falle! Ich wusste eine weitere Judenbeschimpfung oder Ähnliches würde ich nicht überleben…

„Warum bist du hier?“

Ich war nicht wirklich vorbereitet gewesen auf diese Frage und ich hatte keine Ahnung wie ich meine Anwesenheit erklären sollte. Aber eigentlich war die Antwort doch ganz einfach. Ich sagte es einfach wie es war.

„Ich hab gestern Nacht ein klein wenig die Nerven verloren!“

„Wie meinst du das, die Nerven verloren. Hast du jemand Matsche gemacht?!“

Er sah mich an und in seinem Blick war etwas, das mir ein äußerst ungutes Gefühl gab. Seine Augen waren so gelblich und glubschten mich wie ein toter Fisch an. Und dieser Blick gab mir zu verstehen, dass er Details hören wollte. Grausame und blutige Details?

„Nein, es ist zum Glück niemandem etwas passiert“, sagte ich fast eingeschüchtert. Dann herrschte ein kurzes, fast enttäuschtes Schweigen.

„Wie langweilig!“, sagte der Schläfrige, der sich mir anschließend als Eduard vorstellte.

„Da musst du dir Mal anhören, was unser Stevie sich schon alles gelappt hat! Der ist echt bekloppt!“

Der blonde, also Stevie, begann ein seltsamen Kichern von sich zu geben, das fast in einer Art Hysterie zu enden schien. Er begann plötzlich auf seinem Stuhl nervös hin und her zu rutschen. Ich wagte die Frage nicht auszusprechen, die plötzlich in diesem Raum stand. Ich wollte nicht wissen, warum er hier war, denn ich ahnte irgendwie, das es etwas wirklich krankes gewesen sein musste.

„Ja, Mann, besser als dein lächerliche Versuch sich totzufressen, Eddie, gell? Wer frisst freiwillig so viel, dass der Magen platzt?“

„Du sollst erzählen, was DU gemacht hast, Stevie!“, mahnte Eduard.

„Ja, okay! Ich wollte meine Mutter um die Ecke bringen! Aber ich habe es nicht richtig gemacht! Immerhin atmet sie noch, diese alte Hure!“

Sie atmet noch!? 😮

„Aber irgendwann! Irgendwann haue ich wieder ab, und dann mache ich es richtig! Und dann schneide ich ihr die Kehle durch! Dann kann ich wenigstens sicher sein, das sie endlich verreckt!“ Er lachte, laut und schrill und schien immer nervöser zu werden.

Ich stieß einen stummen, endlos langen Schrei aus und betete, dass ich das hier alles überleben werde.

„Komm spiel mit“, rief Stevie plötzlich und begann wieder mit diesem nervösen Gezappel. Er lachte und forderte mich erneut mit einer Handbewegung auf.

Nein! Das konnte er doch nicht wirklich von mir verlangen? Ich konnte doch jetzt nicht mit diesen Irren ein Brettspiel spielen, dass auch noch „Mensch Ärgere Dich Nicht“ hieß!? Was war, wenn sie verlieren würden?

„Spiel mit! Los doch“, sagte Eduard langsam und ruhig. Ich wagte es nicht, ihre Aufforderung zu verneinen aus Angst, gleich mit einem Messer oder Ähnlichem attackiert zu werden, wenn ich ihnen nicht gehorchte? Aber hier gab es doch keine Messer oder? Ich hatte einfach keine andere Wahl.

Wir spielten …

Und ich hatte am Ende diese Tages eine Menge neuer Freunde … 😀

CUT

Ja, wer kann von sich behaupten, dass er schon mal in einer Irrenanstalt mit Irren „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt hat?  😀

Und es geschah noch eine ganze Menge in den vielen Stunden, bis ich schließlich mit dem Psychiater über meine Entlassung sprach. Aber darüber muss ich eventuell doch mal ein Buch schreiben, das war so viel verrücktes Input. Das Mittagessen war beispielsweise sehr unterhaltsam … es flogen erst Erbsen, danach die Fäuste. 😀

Was noch wichtig wäre – so lief das Gespräch mit dem Psychiater ab:

„Uh, da sind aber die Pferde mit ihnen durchgegangen, was?“, sagte der Arzt halblaut, als er sich meinen Einlieferungsbeleg anschaute. Ich starrte ihn erst verwirrt und dann mit Schamröte im Gesicht an. Es dauerte einen kurzen Augenblick, bis mir einfiel, das Ilona gestern Abend mit den Herren sprach, weil ich zum Reden nicht ganz in der Lage gewesen war.

„Wie fühlen sie sich?“

„Gut“, sagte ich, aber dass alles andere als glaubhaft.

Er lächelte wissend und ich fühlte mich ertappt.

„Was möchten sie jetzt von mir hören?“, fragte ich vorsichtig. Denn ich war mir sicher, egal, was ich jetzt sagen würde, er würde mir das Wort im Mund herumdrehen und dafür sorgen, dass ich hier nie wieder herauskam.

„Was ich hören möchte? Wie wäre es mit der Wahrheit?“

„Die Wahrheit…?“ Ich überlegte kurz und sagte dann: „Die Wahrheit ist, dass ich es wohl kapiert habe.“

„Was haben sie kapiert?“

„Ich weiß jetzt, wenn ich mein Leben nicht ändere, dann wird das hier bald mein zu Hause werden und das, Herr Dr. Drechsler, wäre die Hölle! Ich will hier nicht sein und ich will hier nie wieder hin!“

„Das war wohl die ehrlichste Antwort, die ich seit langem gehört habe“, sagte Herr Dr. Drechsler. „Sie können gehen.“

Er klärte mich noch über sämtliche Therapiemöglichkeiten in dieser großen Klinik auf und bot mir einen Platz in der „offenen“ Therapieeinrichtung an, was ich jedoch ablehnte. Ich wollte einfach nur weit weg von dieser „Wahrheit“, die tatsächlich meine komplette Lebenseinstellung und somit auch mein Leben grundlegend veränderte.

Nachdem ich dieses Gebäude verlassen hatte, fühlte ich mich nicht nur befreit, sondern wirklich frei. Der Druck, diese Beklemmungen waren weg. Zwar war ich noch deutlich angeschlagen und vom Geschehen traumatisiert, aber ich spürte wieder etwas. Die Angst vor dem verrückt werden, sorgte dafür, dass ich mich selbst wieder wahrnahm und auch meine innere Stimme erhörte.

Und ich spürte noch etwas. Etwas, was mir der ein oder andere damals als Gottesbegegnung unterjubeln wollte, aber ich sehe es eher als eine Begegnung mit mir selbst. Ja, ich bin mir in jener Nacht selbst begegnet und habe ein ernstes Wörtchen mit mir geredet. Ich habe mich selbst daran erinnert, wer ich wirklich bin, was ich brauche und wohin ich will … weit weg von der Finsternis … wieder ins Licht! <3

Das hat mir Energie gegeben …

Eine unbeschreibliche innere Wärme, die bis heute anhält …

Liebe und Hoffnung …

Hoffnung … weil ich nie mehr in diesem Leben die Hoffnung aufgeben werde, ganz egal, um was es geht.

Liebe … weil es so schön ist, warm zu sein.

Diese Bedeutung habe ich mir mit chinesischen Zeichen habe in den Nacken tätowieren lassen (die anderen vier Zeichen am Rücken sind übrigens die Namen meiner 1. Tochter und des Mädchens, für dass ich damals, nach dem Tod ihrer Mutter da war … siehe unten).

20151108-MG-151

Nicht zu verwechseln mit der heimtückischen und oft auch falsch verstandenen zwischenmenschlichen Liebe, mit der ich tatsächlich nie wieder etwas zu tun haben wollte. Für mich war klar, dass ich mich nie wieder auf einen Mann einlassen werde, weil ich eben nicht für so etwas wie Liebe gemacht bin.

Diagnose: Beziehungsunfähig!

Daran habe ich mich auch ziemlich lang gehalten … 😀

Über 8 Jahre habe ich sogar enthaltsam gelebt …

Ich wäre somit prädestiniert für das Leben in einem Kloster. 😀

Bis mein Mann mir 2010 ein Strich durch die Rechnung gemacht hat! <3

Wie der es geschafft hat, mich zu überzeugen, dass er nicht so ist, wie die anderen … ?

Lange und lustige Geschichte … 😀

Bei Liebesfilmen, krieg ich trotzdem noch heute Würgereiz … sorry!  😀

Aber wie ging es genau weiter damals?

Nach diesem Besuch in der Klapsmühle spielte ich nicht mehr. Ich hatte auch nicht mehr das Bedürfnis danach. Seither habe ich sogar (fast) nie wieder gespielt. Es gab mal einen kleinen Ausrutscher im Jahre 2008 auf lotto.de, aber das war nur ein einziges Mal.

Ich fing ein neues Leben an. Zog in eine neue Wohnung um und arbeitete in einem Baumarkt, in dem ich recht schnell auch Verantwortung für eine Abteilung übernehmen durfte. Das gab mir Selbstvertrauen  … was man von Vertrauen zu anderen Menschen gerade nicht sagen kann. Und damit klar wird, dass ich zwar die Liebe zu mir und meinem Leben wieder entdeckt habe, aber dennoch nicht alles wieder im Lot war, erzähle ich auch nochmal kurz von diesem Carsten, dessen Name in der Geschichte ja oft vorkam:

Einige Wochen später stand der nämlich vor meiner Türe und lud mich zu einem Eis ein. Ich freute mich. Ich mochte Carsten schon immer. Wir waren Kumpels. Er war lieb, humorvoll, einfühlsam, vernünftig und sah verdammt gut aus. Ich wusste, er hätte jede haben können …

Wir unterhielten uns und hatten eine Menge Freude, bis Carsten auf einmal Folgendes zu mir sagte:

„Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich gerne an die Zukunft denken möchte. Die Frau fürs Leben finden Kinder, du weißt schon … ich möchte dich gerne zum Essen einladen.“

Wie bitte? 😮

Er konnte jede haben, JEDE!

Was wollte er also mit mir?

Das war doch ganz klar eine Falle – TSCHÖ! 😮

Heute bin ich mir sicher, er hatte es ernst gemeint … sorry Carsten! <3

Und so war sie geboren, die Zeit des Lichts und der Liebe, die leider nur im Einklang mit Misstrauen und Distanz zu anderen Menschen einher ging. Ich traute einfach niemanden. Die Sozialphobie war geboren, aber das war mir egal, ich war glücklich alleine.

… und was war mit diesem Thomas?

Falsche Frage! 😀

Der stand plötzlich eines Nachts vor meiner Tür stand und bat mich unter Tränen um Hilfe …

Ja, Mann …

Ich hab ihn rein gelassen…

Ein fataler Fehler …

Fuck Empathy!

Ja, ich gebe zu, ich bin einfach so zum kotzen gutmütig, dass selbst meine Therapeutin an dieser Geschichte graue Haare gekriegt hat.

„Warum haben sie ihn reingelassen?! Wenn sie nicht gläubig sind und nicht in den Himmel wollen, was versprechen sie sich von solch übertrieben guten Taten für Arschlöcher, mit denen sie sich selbst ins Unglück reißen?“

Ja, ich weiß …

Nun ja, diese Hilfe hat mich tatsächlich leider weitere 8 Jahre meines Lebens gekostet, auf die ich zum Schutz aller Beteiligten aber nicht großartige eingehen möchte. Es sei nur so viel zu meiner Verteidigung gesagt: Ein Kind, dessen Mutter auf tragische Weise ums Leben gekommen war, brauchte gefühlt  meine Hilfe, weshalb ich mich auf eine Zweckgemeinschaft, inkl. Scheinehe einließ und auch auf die schwierige Aufgabe, Mutter einer 8-jährigen zu sein. Wir lebten unter dem Motto „gemeinsam einsam“ und waren aber kein Paar. Im gleichen Jahr wurde durch EINEN EINZIGEN (!) Moment der Schwäche (wieder ein Trick) wie durch ein Wunder von einem sterilisierten Mann schwanger (der – ach sag bloß – aber nie sterilisiert war).

Fuck Empathy, kann ich auch an dieser Stelle nur sagen …

Es war eine schwierige Zeit, die ich aber mit deutlich geringeren Blessuren meisterte, denn zum Schutz aller Beteiligten kam mein Rottweiler Ben in die Familie. Nein, ihn musste ich nicht abrichten, er handelte aus Liebe. Es gab Menschen, die beschimpften ihn als lächerlichsten Rottweiler aller Zeiten, weil er so ein Weichei war. Aber er war immer an meiner Seite und hat mich und die Kinder vor allem Übel beschützt:

Leider ist er im Sommer 2012 gestorben … 🙁

So, nun komme ich zum Ende dieser Serie …

Und falls die Frage aufkommen sollte:

Nein, ich bereue nichts, denn ich scheue den Butterfly-Effect! <3

„Als Schmetterlingseffekt (englisch butterfly effect) bezeichnet man den Effekt, dass in komplexen, nichtlinearen dynamischen, deterministischen Systemen eine große Empfindlichkeit auf kleine Abweichungen in den Anfangsbedingungen besteht. Geringfügig veränderte Anfangsbedingungen können im langfristigen Verlauf zu einer völlig anderen Entwicklung führen. Es gibt hierzu eine bildhafte Veranschaulichung dieses Effekts am Beispiel des Wetters, welche namensgebend für den Schmetterlingseffekt ist: „Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“ (Quelle Wikipedia)

Ich sehe aber ein, dass sich meine Wege, durch manche Entscheidungen deutlich schwieriger für mich wurden, während sich andere darüber ins Fäustchen lachten …

Ich danke Dir, für das Lesen dieser ganzen Geschichte! <3

P.S.: Seit 2008 rauche ich auch nicht mehr … 😉

Der Psychopath und ich Teil III


(Foto: Lisa Spreckelmeyer / pixelio.de)

Ich kann es gerade selber nicht fassen, dass ich tatsächlich die ganze Geschichte hier erzähle. Aber ich glaube, dass genau diese Offenbarung ein wichtiger Schlüssel ist. Daher kommt die Fortsetzung dieser unglaublichen Geschichte (die zugegebener Maßen kaum zu glauben ist) noch vor Weihnachten … ein letzter Teil „Nach Tag X“ wird aber auch noch kommen. 🙂

Das Ganze, was jetzt kommt, ist weniger schlimm für mich, eher unglaublich peinlich, wie blind ich war. Zudem finde ich es äußerst faszinierend, wie sehr die eigenen Seele darum kämpft, nicht vollkommen in der Finsternis zu landen.

Oh Gott, ich bin ganz aufgeregt. Wir nähern uns dem 30. August 1999 – der Tag, der mein Leben grundlegend veränderte …

Kurz Vorweg: Ich muss in diesem folgendem Text ein bisschen zwischen Berichterstattung und Storymodus hin und her schwenken – dieses Erlebnis ist wirklich schwer in Worte zu fassen und ich möchte auch nicht mehr so tief in das Geschehen rein – das ist echt unerträglich.

Heute kann ich tatsächlich darüber schmunzeln. Erst recht, nachdem mir ein Psychiater mitfühlend auf die Schulter klopfte und sagte: „Frau Lahr, selbst der friedlichste Mensch auf Erden, kann ausrasten, wenn er dazu getrieben wird. Machen Sie sich keine Sorgen, alles wird gut.“

Es folgt jetzt:

(Auch hier bitte ich wieder um Nachsicht bezüglich des Schreibstils, vieles habe ich im Jahr 2000 geschrieben)

Der Psychopath und ich Teil III

Chronologie des Überschnappens

Ich bin`s wieder, der Thomas. Ich bin unterbrochen worden. Ich hasse es, wenn man mich unterbricht. Das ist respektlos.

Wo war ich stehen geblieben?

Ach ja …

Sie hat Tabletten geschluckt. Selbst dafür ist sie zu dumm.

„Lass mich sterben…“, hat sie gesagt.

Ich wollte einen Krankenwagen rufen, aber habe es nicht getan. Sie hätten zu viele Fragen gestellt und sie hätten sie in eine Psychiatrie eingewiesen. Dort hätten sie noch viel mehr Fragen gestellt… und sie von mir weggerissen.

Das konnte ich nicht zulassen …

Ich musste sie irgendwie zum Kotzen bringen …

Ich schüttete so viel Milch in sie rein, bis ihr Magen leer war. Dann legte ich sie ins Bett und hoffte, dass sie irgendwann wieder aufwachte und mir auf ewig dankbar sein würde.

War sie aber nicht …

Im Gegenteil …

Als sie am nächsten Tag wieder aufwachte, heulte sie sofort los und jammerte unentwegt, weil sie immer noch lebte. Sie schämte sich so sehr, dass sie lieber tot gewesen wäre. Sie konnte mir nicht mehr in die Augen sehen. Das passte gut, somit hatte ich einen triftigen Grund und auch die richtige Situation, um ihr mitzuteilen, dass ich mich von ihr trennen werde. Ich hatte schon vor Wochen jemand anderes kennen gelernt – nennen wir sie an dieser Stelle mal Saskia – sie war jung, blond, nicht besonders klug, schlank und trug gerne hochhackige Stiefel und Miniröcke. Ja, Saskia war eine Frau, die weiß, was Mann wünscht und sie himmelte mich an, im Bett war sie allerdings keine Leuchte.

„Das, was du getan hast, verzeihe ich dir nie, es ist Schluss!“, habe ich ihr gesagt.

Sie war reumütig wie noch nie. Sie hätte in diesem Moment alles für mich getan und flehte mich auf Knien an, dass ich sie nicht verlassen und nicht allein lassen sollte … nicht jetzt.

Nicht jetzt?

Wann dann?

Wenn sie noch mehr Mist baute und ich mit in die Verantwortung gezogen wurde?

Nein, das war mir zu heiß …

Ich erklärte ihr, dass ich auf so Psychotanten, wie sie, kein Bock mehr hatte und begann auch am gleichen Abend meine Sachen zu packen. Sie verfolgte mich dabei mit Blicken, die mich an einen getretenen Hund erinnerten. Zu verletzt, um dem Geschehen keine Bedeutung zu zuschustern, zu scheu um sich aufzulehnen. Dann griff ich nach dieser Tasche …

Es war eine Polizei Einsatztasche, mit Halter für Taschenlampe, Schlagstock und anderem Zubehör. Sie hatte sie sich extra für den Nachtdienst für viel Geld gekauft, interessierte mich aber in dem Fall nicht. Saskia würde es bestimmt imponieren, wenn ich mit dem Ding heute Nacht vor Ihrer Türe stehen würde.

„Das ist meine Tasche, die bleibt hier“, zischte sie und riss mir die Tasche aus der Hand. Dann kippte die gerade darin platzierten Klamotten wieder aus.

Mutig …

Sehr mutig …

Ich verstand nicht warum sie plötzlich diese Tasche zum Unum des Universums machte, statt mich weiterhin vom Gehen zu hindern. Aber sie verteidigte diese Tasche, ohne scheinbar die Konsequenzen zu fürchten. Das war sehr respektlos. Allerdings war ich mir ihrer Labilität schon bewusst, sodass ich es vermeiden wollte handgreiflich zu werden. Ein Entschluss, denn sie offenbar ausnutzen und überspannen wollte. Immer wieder entriss sie mir die Tasche und mir blieb irgendwann gar nichts anders übrig als ihr einen kurzen Schlag auf den Solarplexus zu verpassen. Sie wusste, wie man einen solchen Angriff abwehrte. Sie hatte es oft genug beim Wing Tsun Training geübt – selbst Schuld.

Der Schlag hatte gesessen. Japsend saß sie auf dem Boden und ließ mich gewähren. Das dachte ich zumindest. Nach dem ich die Tasche fertig gepackt hatte und in den Flur trat, erwartete sie mich bereist mit finsterer Mine. Ich war beeindruckt, so wütend, fast schon hasserfüllt hatte sie mich noch nie angesehen. Und das alles wegen dieser dämlichen Tasche?

„Vergiss es! Du kommst hier nicht raus, nicht mit dieser Tasche, das ist meine!“

Für einen kurzen Augenblick schaffte sie es echt mich sprachlos zu machen. Sie stand dort vor mir bewachte die Haustüre, in ihren Händen die große Maglite Taschenlampe. War das ihr kläglicher Versuch mich zu bedrohen?

„Wen willst du denn damit beeindrucken?!“ Ich lachte laut.

Irritiert und ängstlich verfolgte sie jeden meiner Schritte und zuckte zurück als ich einen Schritt auf sie zu trat.

„Na los, schlag zu!“, sagte ich lächelnd. „Na komm schon, ich tu dir auch nichts. Zieh mir dieses Ding über den Schädel und du wirst sehen, wie gut das manchmal tut.“

Ich sah ihr tief in die Augen. Sie füllten sich mit Tränen. Sie füllten sich mit jämmerlichen Feigheitstränen. Ich wusste, sie würde mich niemals mit diesem Ding schlagen, sie würde überhaupt niemals jemanden schlagen.

„Du bist so eine feige Sau und dumm wie zwei Meter Feldweg. Du kannst nichts, du bist nichts und ich bin froh, dass ich dich los bin.“

Ich schob sie unsanft beiseite, trat durch die Türe und verließ (mit der Tasche!) die Wohnung. Aus der Ferne hörte ich noch ein lautes Krachen. Die teure Maglite schien gegen die Wand geflogen zu sein. Die hat echt nicht mehr alle Latten am Zaun.

Zwei Tage später bekam ich einen Anruf von diesem Carsten. Er war ganz aufgeregt.

„Ich war heute bei ihr. Sie hat mir erzählt, dass du sie wegen der Sache mit den Tabletten verlassen hast. Thomas, ernsthaft?! Du hättest sofort den Krankenwagen rufen müssen!? Wie kann man nur so verantwortungslos sein? Was wäre, wenn sie drauf gegangen wäre? Sie braucht Hilfe, siehst du das denn nicht?! Ich hab ihr gesagt, dass wenn sie meine gewesen wäre, dann hätte ich sie sofort einweisen lassen!“

„Ja, mach doch?! Wenn du dich so um sie sorgst … Arschloch!“

Ich wunderte mich, dass Carsten sie besuchte. Und ich wunderte mich noch mehr, dass sie Carsten die Sache mit den Tabletten erzählt hatte. Es sollte doch niemand erfahren?

Knapp 4 Wochen vergingen.

Ich lebte bei Saskia und ich dachte, ich hätte bei ihr endlich meine Ruhe. Aber sie war auch nicht besser. Sie ging mir besonders mit ihrem Schönheitsgetue auf den Sack. Immer wieder wollte sie eine Bestätigung von mir, dass ich sie toll und sexy fand. Zum kotzen diese Weiber!

Meine Ex sah ich hin und wieder auf der Arbeit. Sie hatte in den letzten Wochen fast 10 Kilo abgenommen und sah echt schlecht und fertig aus. Sie erklärte, die Gewichtsabnahme käme vom Absetzen der Anti-Babypille. Sie sagte, ohne Freund könnte sie sich das Geld ja sparen. Später erfuhr ich allerdings, dass sie ihr ganze Geld, inklusive Miete verzockte, und oft kein Geld für Essen hatte. Sie ist so eine Hohlbirne! Allerdings ließ sie mich auch bei jeder Begegnung wissen, dass es ihr ohne mich deutlich besser ginge.
Was bildete sie sich eigentlich ein? Außer mir wird es keinen Mann geben, der es länger als vier Wochen mit ihr aushält. Ich war mir sicher, sie trauerte mir insgeheim noch immer noch hinterher. Was mich aber am meisten störte: es scharwenzelte ständig dieser Carsten um sie herum.

Ich musste mir hier dringend etwas einfallen lassen …

Was ich dann auch tat …

Ich habe sie heute getroffen und ihr von meiner Operation erzählt, die mich in ein paar Tagen erwartet, damit mein Rücken wieder in Ordnung kommt: die Ärzte im BWZK sagten, die Migräne sollte mit diesem kleinen Eingriff der Vergangenheit angehören – das stimmte. Allerdings habe ich ihr dann auch erzählt, dass die Ärzte bei der Voruntersuchung, Auffälligkeiten im Blut gefunden hätten. Metastasen. Der Blutkrebs der mich auch in meiner Kindheit verfolgt hat, ist wieder zurückgekehrt – das stimmte nicht.

„Ich habe nur noch knapp sechs Monate … sorry, dass du es so, zwischen Tür und Angel erfahren musst“, sagte ich und sah ihr direkt in die Augen. Sie hätten sie mal sehen sollen. Ihr ist die Farbe aus dem Gesicht gewichen.

„Du verarschst mich doch schon wieder …?!“, legte sie hoffnungsvoll hinterher.

„Spinnst du? Mit so etwas macht man keine Witze …!“

In diesem Augenblick konnte ich genau sehen, wie diese Nachricht sie wieder komplett aus der Bahn warf und sie wieder voll auf mich konzentriert war. Ich erklärte ihr, dass ich jetzt keinen Stress und keinen Ärger gebrauchen konnte und nur noch Frieden. Sie war bereit alles zu tun, was mir irgendwie helfen konnte. Und mir konnte so vieles Helfen. Insbesondere, dass sie wieder nach meiner Pfeife tanzte.

Mann, bin ich gut!

Und als ich irgendwann wieder mit meinen Klamotten – und IHRER Tasche vor ihrer Tür stand, und ihr sagte, wie sehr ich sie doch liebe und wie sehr sie mir gefehlt hat, war ich mir sicher, dass für sie der Himmel auf Erden gekommen war. Doch ihre Begeisterung hielt sich bei ihr in Grenzen. Sie stammelte rum, dass sie alles, was passiert war noch überhaupt nicht verarbeitet hatte. Sie fühle sich seit dem Geschehen im Wald so seltsam und zu wissen, dass ich bald sterben würde, machte sie nur noch fertiger.

Irgendwie süß, wie naiv sie ist …

Aber ich glaube, in Wahrheit wollte sie nur verbergen, was sie sich in den letzten Wochen für unglaubliche Fehltritte geleistet hatte. Für die sie eigentlich täglich eine Tracht Prügel verdient hätte. So viel Geld verspielt. Aber sie hatte inzwischen dazu gelernt. Sie schaffte es immer wieder rechtzeitig durch die Haustüre in den angrenzenden Wald zu fliehen und kam auch erst dann wieder, wenn ich mich beruhigt hatte. Manchmal fuhr ich ihr mit dem Geländewagen hinterher, meistens aber nicht.

Ich änderte meine Taktik. Als mir einmal Vorwürfe wegen Saskia machte, kettete ich sie mit meinen Handschellen – mit Doppelkette Chrom, stabile Ausführung – an einen Stuhl fest und wartete so lange, bis sie mich anflehte sie loszumachen. Sie hätten sie sehen müssen, als ich mit den Schlüsseln in der Tasche die Wohnung verließ und erst 30 Minuten später wieder kam. Ich fand`s lustig – sie nicht.

Ach, hatte ich erwähnt, dass Saskia und ich aber immer noch ein Paar waren? Ich erzählte ihr, dass ich meine Ex im Moment nicht alleine lassen könnte, aber dennoch ihr kleiner Liebesgott bleiben würde. Ein Doppelleben zu führen ist eine Herausforderung, aber machbar und ich hatte immerhin dazugelernt. Saskia ließ mich immer ran wann ich wollte, allerdings ist ein völlig neues, sexuelles, Problem mit der Anderen aufgetaucht. SIE hätte mich wohl wieder ran gelassen, aber sie hatte die Pille abgesetzt und weigerte sich, diese auch wieder zu nehmen, mit der Begründung: „Wozu? Du bist doch sterilisiert.“ Nun ja, das ist jetzt blöd gelaufen. Wir sprachen vor vielen Monaten einmal über Kinder. Sie sagte, dass sie irgendwann gerne Kinder haben möchte, ich sagte ihr, dass ich bereits zwei Kinder hätte und in diese schlechte Welt keine Kinder mehr setzen möchte und aus diesem Grund eine Vasektomie vorgenommen hätte, was allerdings gelogen war. Manchmal wundere ich mich echt selbst über die Scheiße, die da manchmal aus meinem Mund kommt …

Tja, dumm gelaufen …

Egal …

Um eine Schwangerschaft zu vermeiden, wurde ich ganz plötzlich impotent und gab sowohl ihr Verhalten als auch den Medikamenten gegen Krebs die Schuld dafür. „Bei dir kriegt man ja keinen hoch“, sie hat das sehr persönlich genommen. Wieder fein raus.

Und ich kann auch ein wenig Gott spielen … ich entscheide, ob sie schwanger wird von mir.

[Perspektivenwechsel – So, jetzt rede ICH ]

Der Countdown läuft …

28.08.1999, irgendwann Nachmittags

„Was laberst du mich jetzt hier voll? Meine Blutwerte haben sich halt ganz plötzlich wieder verbessert! Was ist dein Problem? Sei doch froh! Und mit Saskia habe ich definitiv nicht telefoniert! Wir haben keinen Kontakt mehr! Du bist so bescheuert, sei froh, dass wir hier in einem Einkaufscenter sind, sonst würde ich dir eine rein hauen!“

Wie von einer unsichtbaren Macht gesteuert erhob sich reflexartig meine rechte Hand und zeigte ihm den ausgestreckten Mittelfinger. Ich hatte alles gesagt und sah keinen weiteren Grund noch länger hier zu bleiben. Ich drehte mich um und ging.

Ich habe mich umgedreht und bin gegangen? Das hatte ich doch noch nie geschafft?

Wie in Trance lief ich durch das Einkaufscenter, ohne zu wissen wohin und warum. Leukämie, nur noch 6 Monate zu leben und jetzt plötzlich Wunderheilung? Und das mit Saskia würde ich mir nur einbilden? Ich hab die Liebesschnulzen SMS zwischen den beiden doch gelesen? Der verarscht dich doch! Saskia und er verarschten dich! Alle verarschen dich! Du verarschst dich selbst!

Ich musste weg! Ganz weit weg! Irgendwohin! In wenigen Tagen würde ich um zwanzig tausend Mark reicher sein. Ein schufafreier Sofortkredit – das müsste genügen um sehr, sehr weit weg zu kommen und zwar ohne ihn.

Ich fuhr nach Hause.

Das erste was ich tat, den Inhalt des Briefkastens zu überprüfen. Und irgendwo inmitten der weiteren Mahnungen, Drohbriefen und der Kündigung für meine Wohnung, steckte wirklich ein Brief der viel versprechend aussah. War es die Benachrichtigung , auf die ich die ganze Zeit wartete? War es endlich doch soweit? Nervös und fast brutal, riss ich den Umschlag auf und zerstörte dabei fast dessen Inhalt. Als ich die wenigen Zeilen las und mir anschließen noch ein weiteres Schriftstück in die Hände fiel, bereute ich es fast, dass ich es nicht getan hatte.

Sehr geehrte Frau Lahr,
gern würden wir ihren Kreditantrag schnellstmöglich weiterbearbeiten, doch es fehlen uns noch einige Angaben. Bitte füllen sie die beiliegenden Unterlagen vollständig aus und senden sie diese an uns zurück.

Mit freundlichen Grüssen bla, bla, bla!

Meinen Kreditantrag schnellstmöglich bearbeiten?!

Mit einer immer größer werdenden Wut im Bauch, überflog ich die Fragen, die sie noch für ihre schnelle Bearbeitung brauchten.

Verfügen über Kapitalversicherungen? Verfügen sie über Wertgegenstände? Sparanlagen? Haben sie sonstiges Vermögen?

„Natürlich nicht ihr Idioten, sonst bräuchte ich doch nicht die scheiß Kohle“, brüllte ich und hatte plötzlich diese schrecklich Befürchtung.

Wenn sie die Nachweise über die erforderlichen Sicherheiten beigefügt haben, wird es nicht mehr lange dauern, bis sie sich ihre Wünsche erfüllen können.

Es wird nicht mehr lange dauern?

Es wird nicht mehr lange dauern, bis ich sehr, sehr böse werde!

Ob ich wirklich geglaubt habe, nachdem ich 100 € Bearbeitungsgebühr bezahlt hatte, von einem Kredithai 20.000 Euro zu bekommen? Nein, aber, was wäre, wenn doch?

Mein letzter Funken Hoffnung starb. Ohne Geld, kein Entkommen vor dem was sich hier seit Tagen zusammenbraute. Und es würde sich etwas zusammenbrauen, wenn Thomas mir in den nächsten Stunden in die Quere kam. Ich hatte Nachtdienst, die Chance stand gut, dass ich ihm nicht begegnete.

29.08.1999
01.23 Uhr, Foyer Extra Koblenz

Es war still. Nur das stetige Rauschen der Fahrzeuge, die über die B9 fegten war zu hören. Ich stand an der Hintertüre und starrte hinaus in die Dunkelheit. Die zwei Penner waren inzwischen verschwunden, diesmal ging es ohne Polizei. Der Mann und die junge Frau, die sich noch vor wenigen Minuten auf der Motorhaube des Porsches vergnügten, hatten sich inzwischen wieder in den Wagen zurückgezogen. Nein, ich hatte sie diesmal nicht verjagt… ich war zu müde… vielleicht war ich auch zu sehr um das Wohlergehen dieser kleinen Nutte besorgt, denn ich kannte und mochte sie…außerdem: Sollten sie es doch miteinander treiben, wo sie wollten? Hauptsache er bezahlte sie gut, denn sie hatte sich diesmal viel Mühe gegeben, fand ich zumindest.

Sie hat sich viel Mühe gegeben…

Wofür?

Für Geld!

Und wofür hast du dir immer so viel Mühe gegeben?

…etwa dafür, das man dir danach sagt, das es schön war?

…etwa dafür, das man dich danach anschaut und DANKE sagt?

…etwa dafür, das man dir nachher einen Orden dafür verleiht?

Ich kenne die Antwort…

… und du kennst sie auch!

Die Taschenlampe flog gegen die Wand, dicht gefolgt von meinem Schlüsselbund und ich verspürte plötzlich den starken Drang noch viele weitere Gegenstände an Wände zu schmeißen, nur um dieser verfluchten Stimme… meinen Gedanken… nicht mehr zuhören zu müssen. Sie waren neuerdings so penetrant, provozierend, verwirrend und gaben mir immer mehr das Gefühl sie nicht mehr alle an der Schüssel zu haben. Reichte es nicht, dass mich Thomas mit seiner kranken Scheiße in den Wahnsinn trieb?

Ich bekam Angst. Ich bekam wieder diese schreckliche Angst vor mir selbst, vor dem Übel an und in mir, was mich zu Handlungen trieb, die ich nicht wollte und was mich Dinge sagen ließ, die ich nicht sagen wollte und was mich denken ließ, was ich nicht denken wollte. Ich hatte einfach keine Kontrolle mehr über mich… über mein Handeln …über mein Denken. Und in dieser Nacht geriet ich regelrecht in Panik, denn neben dieser fehlenden Selbstkontrolle, wusste ich wahrhaftig, dass sich in dieser Nacht etwas großes Ungutes in mir zusammenbraute. Etwas Ungutes, das mich fast dazu trieb, einen der unzähligen Kühlschränke der schlafenden Diskothek zu plündern, um mich noch während der Arbeitszeit mit Miller und Sol ins Koma zu saufen, damit es nicht noch schlimmer und unguter wurde.

Aber dazu kam es nicht mehr…

Denn ich saß dort im Foyer und kämpfte plötzlich mit Atembeschwerden, Herzrasen und Schweißausbrüchen – die klassische Panikattacke, die ich jedoch vorher noch nie so erlebt hatte und deshalb auch nicht einmal annähernd wusste, dass es eine Panikattacke war. Bilder und Gedanken schossen mir durch den Kopf, wirr zusammenhangslos, unverständlich und über allem das Gefühl daran ersticken zu müssen und dann noch diese unsagbare Wut.

Wie konntest du dich nur so verarschen lassen?

Angst, Wut und Verzweiflung… keine besonders gesunde Mischung … nicht für mich. Ich weiß nicht mehr wie lange ich mit diesem schrecklichen Gefühl kämpfte und wie viel Dinge ich versuchte, um dagegen anzukämpfen. Ich weiß nur noch wo dieser Kampf schließlich endete – und das unglaublicher Weise an einem Schreibtisch, quasi zwar auf Papier.

Ich fing einfach an zu schreiben…

Ich hatte seit drei Jahren nichts mehr geschrieben…

Ich schrieb stundenlang. Gedankenlos, zusammenhanglos und ohne überhaupt nur annähernd zu wissen was ich da schrieb. Ich wusste nur, dass ich damit nicht mehr aufhören konnte, bzw. nicht mehr aufhören wollte. Denn ich spürte, dass zwischen mir, diesem Stift und den Blättern plötzlich eine seltsam vertraute Verbindung bestand. Eine Verbindung, die ich noch nie zuvor erlebt hatte und die mit jedem weiteren Wort das ich schrieb, noch vertrauter und noch inniger wurde. Etwas in mir hatte die Herrschaft über mich und meine Hand gewonnen und es bombardierte dieses Blatt mit all den Dingen, die ich nie gewagt hätte zu schreiben und von denen ich auch nicht wusste, das ich jemals in der Lage sein würde, überhaupt solche Dinge zu schreiben und ich fühlte mich plötzlich so gut dabei. Und immer dann, wenn ich aufhörte zu schreiben und den Stift weglegte, dann kam die Angst zurück und deshalb schrieb ich immer weiter. Ich fügte mich dieser „Gewalt“, die ich auf diesem Papier in allen Variationen und Formen zum Ausdruck brachte, ohne scheinbaren Sinn und Verstand. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: ich schrieb einen Brief. Ich schrieb einen Brief an mich selbst, in dem ich mir auch zum ersten Mal in diesem Leben die Wahrheit sagte…die ganze Wahrheit, inkl. Antwort auf die Fragen: Wer bin ich? Was bin ich? Und warum bin ich so geworden?

Erst als mein Dienst schließlich beendet war und ich zu Haus ankam, wagte ich es diese zehn Seiten zu lesen. Ich las sie. Ich las sie noch mal und noch mal und was danach passierte, ist eigentlich schnell gesagt. Ich verfiel in eine Art Schockzustand, denn auch wenn ich mir krampfhaft einzureden versuchte, dass ich nicht verstand, was auf diesen Seiten stand, kapierte ich dennoch genug, um zu begreifen, das mein ganzes Leben nur aus Lügen um mich herum bestand, dass ich selbst eine einzig große Lüge war und das alles, was ich jemals gesagt und getan habe, aufgrund Lügen anderer basierte. In Verbindung mit plötzlich wieder aufgetauchten traumatischen Kindheitserinnerungen und auch solche, die noch nicht lange zurücklagen – ich glaube, das war an diesem Tag ein klein wenig zu viel Input auf einmal.

Dieser Schockzustand zeichnete sich im Verlauf des Tages zunächst in eine Art Apathie aus und schwenkte dann gegen Nachmittag wieder urplötzlich in Panikattacken um. Panikattacken, die mich schließlich dazu trieben die falschen Leute zur falschen Zeit aufzusuchen, in der Hoffnung, dass sie mir halfen – was mir letztendlich aber noch mehr geschadet hatte. Denn auch wenn ich bereits „OVERLOAD“ zu diesem Zeitpunkt auf der Stirn stehen hatte, hielt es diese Menschen jedoch nicht davon ab mich weiterhin zu belügen und zu betrügen – dummerweise war es mir an diesem Tag bewusster denn je und es machte mich auch noch wütender.

Aus Angst, das ich plötzlich das tun würde, was sich in meinem Kopf abspielte – und das was sich da abspielte war nicht besonders schön – plünderte ich schließlich mein Bankkonto, besuchte ein Reisebüro und plante für den nächsten Tag meine Ausreise aus diesem Land. Ich wollte nur noch weg… ganz weit weg… hauptsächlich aber weg von mir selbst… und vor dieser Wahrheit… und diese unkontrollierbare Wut die dadurch entstanden war.

Ich musste mich beschäftigen, um nicht durchzudrehen. Ich war so außer mir, so wütend. Erst schaltete ich die Anlage auf volle Lautstärke. Musik brachte mich immer runter. Musik tat gut, Musik linderte manchmal den Schmerz. Es half nicht. Schließlich begann ich wie von Sinnen, die Wohnung aufzuräumen. Es war wie ein Zeichen, ein böses Omen, dass mir dabei immer wieder Briefe und Dinge von Thomas in die Hände fielen, die mir einmal etwas bedeuteten. Auch fand ich meinen Ordner mit allen Geschichten und Texten, die ich bis dahin in meinem Leben geschrieben habe. Ich verspürte diese Abneigung. Es war als ob ein böser Fluch auf all diesen Dingen lag. Und plötzlich hatte ich den Drang sie zu vernichten und zwar sofort! Ich musste nicht lange überlegen, bis ich einen geeigneten Ort und die geeigneten Mittel fand. Die Terrassentüre flog auf, die Briefe, kleinen Präsente und meine Geschichten direkt hinterher. Und es machte irgendwie Spaß, den Haufen mit einem Feuerzeug im Garten in Brand zu stecken.

Fasziniert blickte ich auf die Flammen, die diese ganzen schönen Erinnerungen verschlangen und sie zu dem machten, was mein Leben jetzt noch war. Ein großer Haufen verlogener Asche!

Irgendwie hatte nicht bemerkt, dass Thomas inzwischen nach Hause gekommen war. Und ich wusste auch nicht wie lange er schon in der Terrassentür stand und mich beobachtete. Ganz plötzlich stand er neben mir. Eine Situation, die mich normalerweise hätte erschrecken müssen, denn ich hatte nicht damit gerechnet, dass er genau in diesem Moment nach Hause kommen würde. Aber es war ganz seltsam. Ich zuckte noch nicht einmal zusammen. Es war, als würde ich ihn gar nicht richtig wahrnehmen.

„Ist dir kalt? Oder warum machst du ein Lagerfeuer?“, sagte Thomas plötzlich und er machte kein Geheimnis daraus, dass er diesen Anblick erheiternd fand. Das störte mich.

„Was ist jetzt schon wieder dein Problem?“, fragte er und begann in meiner Feuerstelle herum zu treten. Und das störte mich noch mehr, es machte mich sogar rasend. Nicht, dass er auf mir herumtrat, jetzt zerstörte er auch noch den einzigen Lichtblick, den ich für einen kurzem Moment hatte. Und wenn es sich dieser nur auf ein paar Fetzen Papier und verkokelten Plüschtieren handelte. Ich spürte wie er mich mit seinen Blicken fixierte und auf eine Erklärung von mir wartete. Als das Feuer unter seinen schwarzen Schuhen schließlich erstickte, wandte ich mich schweigend ab und ging ohne ihm weiter Beachtung zu schenken wieder zurück in die Wohnung. Ich drehte die Anlage ab und genoss für einen kurzen Moment die Ruhe.

Die Ruhe vor dem Sturm?

Vielleicht die letzte Ruhe die ich haben werde?

Ich hörte wie Thomas ebenfalls durch die Terrassentüre in die Wohnung kam und spürte, wie er mich mit seinen Blicken verfolgte.

„Hallo? Bekomme ich vielleicht eine Antwort? Du treibst mich echt noch in den Wahnsinn!“

Wahnsinn? Du blödes Arschloch, weißt du überhaupt was es bedeutet wahnsinnig zu werden? Wenn ganz langsam deine Sinne dich verlassen und dein Kopf nur noch Dinge denkt, die du nicht denken willst? Wenn dein Kopf dir befiehlt Dinge zu tun, die du nicht tun willst? Du hast doch keine Ahnung! Nichts weißt du und ich bin auch froh darüber, dass du nicht weißt was in mir vorgeht, sonst …

„Es ist besser, wenn du jetzt gehst!“, sagte ich kühl.

… sonst, mach ich dich kalt!, legte ich stumm hinterher.

Und er tat mir den Gefallen. Ich wusste, er hatte sich ohnehin mit seiner Saskia verabredet. Thomas schaute mich mit einem fast entschuldigenden Blick an und streifte seine Jacke über.

„Ich bin dann mal weg …“

Keine Antwort von mir.

Die Nacht vom 29. Auf den 30. August

Ich verfiel in einen unruhigen Schlaf. Ständig wurde ich von schrecklichen Träumen heimgesucht. Träume, in denen ich durch einen dunklen Wald irrte, weil mich irgendetwas… irgendjemand verfolgte. Vielleicht ein wildes Tier… ein tollwütiger Hund… ein aufgebrachtes Wildschwein… oder das Wesen mit den Klauenhänden? Thomas? Vielleicht war es auch die Leibgarde von Hinkebein, dem übelsten Zuhälter von der Rheinschiene… nachdem er eines Abends einem seiner Schäfchen…das Mädchen vom Parkplatz…das Gesicht verschönert hatte, träumte ich oft von ihm… von ihm und seinem widerlichen Gesicht und wie er gegrinst hatte, als das Schäfchen der Polizei erklärte, dass sie nur gestürzt sei und sie auf gar keinen Fall Anzeige erstatten wollte…Ich? Ihn Anzeigen? Um Gottes willen, NEIN! und wie er sie anschließend lächelnd an die Hand nahm und sie über den Parkplatz schubste und sie mir zum Abschied noch zuwinkte.

Vielleicht war es auch sie selbst gewesen, die mich durch den Wald jagte…du hast meine Angst gespürt und du wusstest, warum ich ihn nicht angezeigt habe…warum hast du mir nicht geholfen? Warum überlässt du mich meinem Schicksal? Warum lässt du es zu, dass er mir so etwas schreckliches antut? Ich wusste es nicht… natürlich wusste ich es… ich wollte es nur nicht wahrhaben. Ich wusste nur, dass ich schreckliche Angst vor meinem Verfolger hatte.

Irgendwann endete die Flucht… sie endete immer dort… nicht nur im Traum. Ich setzte mich auf diesen bemoosten Baumstumpf, auf dem ich schon oft gesessen hatte, wenn es mir schlecht ging. Ein Baumstumpf irgendwo inmitten des Westerwaldes, umgeben von Baumleichen, Zigarettenkippen, Angstschweiß, Tränen und Blut, aber mit einem Ausblick der einem den Atem rauben konnte, wenn man den Blick dafür hatte. Aber ich hatte keinen Blick für irgendetwas, wenn ich dort saß… oder sitzen musste… aus Angst dort gefunden zu werden. Dieser geheimer Ort… er durfte niemals entdeckt werden… denn er verbarg alle stummen Geschichten, die ich niemanden… nur diesem Ort… erzählen wollte. Es war so ruhig und so friedlich dort…Im Traum sagte ich nichts und starrte nur auf die Waffe, die sicher in meiner Hand lag. Ich wusste nicht woher ich sie hatte und ich wusste auch nicht, was ich damit wollte. Ich wusste nur, dass ich sie gebrauchen würde… früher oder später… ich musste nur noch warten, bis der Verfolger mich entdeckte.

Und er kam…

Nein, sie alle kamen…

Und ich hörte sie rufen:

Warum läufst du denn vor uns weg? Warum stellst du dich denn schon wieder so an? Das ist doch alles gar nicht so schlimm und das ist doch kein Grund zum weinen, oder um wegzulaufen!

Eine Horde die unaufhaltsam den Hang hinunter rollte und auf mich zu steuerte. Ihre Hände ausgestreckt wie hungrige Zombies… ihre Gesichter verzerrt zu grässlichen Fratzen… grässliche Fratzen in Form von einem falschen Lächeln, höhnischem Grinsen, kalten Augen. Und ich kannte sie alle. Sie waren mein Hass, meine Verletzungen, meine Abscheu und mein Verderben und sie alle gingen im Einklang mit meinem Vertrauen, mit meiner Liebe und meiner Freundschaft.

Du siehst müde aus Schätzchen, hast du Kummer?

…mir kannst du doch alles erzählen!

Hey Schnecke, machen wir heute abends einen drauf?

…du bist so süß!

Du brauchst doch keine Angst vor mir zu haben, ich tu dir nichts!

Sag, geht es dir nicht gut?

Ich schrie. Ich warf mit Steinen nach ihnen, ich flehte…

Haut ab! Lasst mich Ruhe!…und bettelte, aber sie kamen immer näher….

Ich liebe Dich!

Wir lieben Dich!

Ich hob die Waffe… ich zielte… und ich drückte ab… einmal, zweimal, dreimal…immer und immer wieder… die Schüsse, die sich lösten waren lautlos… die Schüsse die sich lösten waren wirkungslos… die Waffe in meiner Hand nicht geladen… vielleicht, weil ich nicht wollte, das sie geladen war?

Böses Mädchen!

Schlechtes Mädchen!

Dummes Mädchen!

Sag, wen willst du denn jetzt damit beeindrucken?

Ich hab Schokolade für dich, meine Kleine …

…kannst du eigentlich blasen?

Die Waffe in meiner Hand schnellte entschlossen in die Höhe. Das kalte Eisen berührte meine Schläfen…

Nein, tu das nicht!

Der Schuss der sich löste dröhnte in meinen Ohren…der Schuss der sich löste tat seine Wirkung….

…ich wachte auf.

30.08.1999, gegen 10.00 Uhr

Schon lange lag ich in dem immer kälter werdenden Wasser und starrte an die Decke des Badezimmers. Ich wurde dieses schreckliche Gefühl nicht los, das dieser Tag kein guter Tag war. Die Gedanken in meinem Kopf, das Gefühl in meiner Brust, dass mir die Luft zum atmen nahm. Ich wollte, dass sie Ruhe gaben und versuchte sie schließlich allesamt in der Badewanne zu ertränken. Doch sie lachte mich nur aus.

Es war ein Gefühl, als hätte sich ein dunkler Schatten über mich gelegt, der alles um mich herum verdunkelte. Die Sonne schien, aber ich konnte ihre Strahlen nicht mehr sehen.

Ich hatte kein Gefühlt mehr…

Leere…

Gegen 10.15 Uhr

Thomas betritt das Badezimmer und versucht mich in ein „ernstes“ Gespräch zu verwickeln. Die Worte die er sagte drangen kaum zu mir durch.

„Ich habe heute den ganzen Morgen Zeit gehabt um nachzudenken.“

Ich spürte plötzlich wie die Kälte des Wassers in meinen Körper zog und ich fröstelte. Er hatte Zeit zum nachdenken, ich konnte nicht mehr denken. Ich schaute ihn an. Sein Gesicht drückte eine merkwürdige Form von Verzweiflung aus, fast schon Angst und ich wusste, er wollte mir etwas sagen. Und ich wusste auch, das was er mir zu sagen hatte war genau so wie der Tag – einfach nicht gut.

„Naja, wenn ich dich störe, dann sag es, dann reden wir gleich.“

Ich legte die Arme schützend auf meine Brüste.Was sollte plötzlich diese Rücksicht? Warum war er so nett?

„Wie gesagt, ich habe echt lange darüber nachgedacht, wie ich es dir sagen soll. Zunächst möchte ich mich aufrichtig bei dir entschuldigen, für alles, was ich dir angetan habe. Das war nicht fair von mir. Ich habe einen großen Fehler gemacht, als ich zu dir zurückgekommen bin. Ich habe mir da selbst etwas vorgemacht.“

Pssst! Sei still! Ich will das nicht hören! Halt einfach den Mund und geh!

„Das tut mir leid, dass ich das jetzt so direkt sagen muss: Dich habe ich nie richtig geliebt. Saskia liebe ich eben … echt. Aber ich werde trotzdem immer für dich da sein! Immer.“

Ich stieß ein leises abfälliges Lachen aus. Dann fiel mir ein: Oh Gott! Ich muss mir doch noch die Haare waschen! Ich hatte vergessen mir die Haare zu waschen! Schnell tauchte ich meinen Kopf unter Wasser. Wie lange musste ich eigentlich Unterwasser bleiben, bis meine Haare Nass genug waren? Aber eigentlich war es doch egal, wie nass die Haare waren. Es war doch so schön hier unter Wasser.

So ruhig und so friedlich…

Verschwinde einfach aus meinen Leben, du Scheißkerl!

Ein leichtes Tippen auf meiner Schulter, brachte mich dazu wieder aufzutauchen. „Was machst du!?“, rief Thomas und er wirkte so beunruhigend.

„Ich muss mir noch die Haare waschen“, antwortete ich hektisch. Konnte er denn nicht sehen, wie dreckig sie waren?

„Ich dachte schon du wolltest dich ertränken.“

Thomas schaute mich verwirrt und abschätzend an.

„Bitte sag doch etwas dazu. Bitte!“

Ich drückte nervös und mit zittrigen Händen den letzten Rest Shampoo aus der Flasche und begann meine Haare einzuseifen. Oh ich musste dringend neues Shampoo kaufen. Es war fast leer.

„Hallo“, rief Thomas noch verwirrter, und setzte sich auf den Badewannenrand. Er wirkte, als wäre er gezwungen jeden meiner Bewegungen zu kontrollieren.

Ich musste unbedingt weiter meine Haare waschen. Wie von Sinnen rubbelte und schrubbte ich an meinen Haaren herum. Irgendwann stellte ich schließlich die Brause an und begann mir den Schaum aus den Haaren zu spülen. Und es war mir egal, dass er dabei nass wurde, es war mir egal, dass er dabei Ausblick auf meine Titten hatte und es war mir egal, was er sagte.

„Hallo, bist du überhaupt ansprechbar? Ich möchte bitte, das du etwas sagst, und wenn es Arschloch oder so was ist. Ich bin ein Arschloch! Ich bin ein Scheißkerl! Ich weiß!“

„Ich muss mir die Haare waschen“, entgegnete ich mit einer seltsam schrillen Stimme.

„Okay, dann will ich dich nicht weiter stören. Ich warte im Wohnzimmer auf dich.“

Nein, warte nicht! Geh!

Gegen 12.00 Uhr

Ich ließ mir das Wasser über den Kopf laufen und eigentlich dachte ich an gar nichts. Und es war erschreckend zu merken, das dies gut funktionierte. Nichts denken, nichts fühlen einfach leer… so musste es sich anfühlen, wenn man tot war!

Ich weiß nicht mehr wie viel zeit vergangen war, bis ich schließlich geföhnt und frisch bekleidet im Wohnzimmer stand. Thomas schien darauf gewartet zu haben.

„Und geht es jetzt besser?“

Wieder stieß ich nur ein lautes hysterisches lachen aus.
„Himmel, was ist denn los mit dir? Mehr fällt dir dazu nicht ein? “

Er stand von der Couch auf und ging in die Küche. Ich hörte wie er seelenruhig den letzten Rest Kaffee in eine Tasse schüttete.“Ich hoffe wir können trotzdem Freunde sein. So wie beim letzten mal.“

Nicht gut…

Kein guter Tag heute….

„Aber eigentlich wäre es mir doch lieber, wenn du mich ein wenig anschreist. Dann wüsste ich wenigstens wirklich, das alles in Ordnung ist.“

Alles Ordnung… alles Okay….?!

„Ich fahre auch gleich zu Saskia, damit du mich nicht länger ertragen musst. Das ist doch am besten. Meine Sachen hole ich dann später.“

Ich nickte. Nickte wieder und wieder. Und stellte mir dabei vor, wie es sich anfühlte, wenn man dies gegen eine harte Steinmauer tun würde. Hätte ich schmerzen? Oder würde ich dabei genau so wenig empfinden wie in diesem Moment.

Irgendwann kam Thomas mit der Tasse aus der Küche und setzte sich behutsam neben mich. Sanft stieß er mir gegen den Arm und sagte:

„Wirklich alles in Ordnung?“

„Tschüss“, sagte ich mit einer seltsamen klaren und gefassten Stimme. Wenige Minuten später verließ er die Wohnung.

Die Tür fiel ins Schloss. Ich hörte noch seine schnellen Schritte die Treppe hinauf. Etwas später, das laute Motorgeräusch seines Geländewagens. Dann war es still. Ich saß auf der Couch und starrte ins Leere.

13.00 Uhr
Ich saß immer noch auf der Couch und starrte ins Leere

14.00 Uhr
Dito

14.24 Uhr

Nein, ich bin nicht schlecht und ich bin auch nicht dumm

14.25 Uhr

Ich habe nie etwas Schlechtes getan…

14.26 Uhr

Ich habe mir immer sehr viel Mühe gegeben…

14.27 Uhr

Hat er wirklich gesagt, dass er mich nie richtig geliebt hätte?! Hat er das wirklich gesagt?!

Zugegeben, es hat eben etwas länger gebraucht, bis diese weitere Information in meinem Gehirn angekommen und begriffen wurde. Es war aber nicht der Satz oder die Bedeutung oder die Person die das zu mir gesagt hatte – es war vielmehr das, was dieser Satz in mir ausgelöst hatte und in welcher Verbindung er mit meinem verlogenem Leben stand – die Lüge, jemals ehrlich geliebt worden zu sein.

[Hier wieder die „Berichterstattung, um nicht tiefer gehen zu müssen, denn das ist echt schwierig]

14.28 Uhr
„Er hat mich nie richtig geliebt?“

Ja, und du hast es gewusst… du hast es immer gewusst… du wusstest es von ihm und du wusstest es von den anderen… Liebe kann man fühlen, Liebe kann man spüren, du hast diese Gegenliebe nie gefühlt.

„Ich habe es gewusst?“

Es musste also dann um 14.29 Uhr gewesen sein, als sich der Tropfen langsam in Bewegung setzte und in einem 60 Sekunden Fall sich zielsicher dem Fass näherte. Ein Zeitpunkt, in dem ich plötzlich eine Klarheit verspürte, wie wahrscheinlich noch nie zuvor in meinem Leben. Klarheit die mir eindringlich mitteilte zum Telefon zu gehen, eine Nummer zu wählen und zu sagen:

„Mein Name ist Nicole Lahr und ich habe da gerade ein klitzekleines Problem. Ich werde in weniger als einer Minute durchdrehen. Ich würde es gerne verhindern, aber dazu fehlt mir die Kraft. Bitte schicken sie einen Wagen vorbei – am besten gleich mit Zwangsjacke – denn ich werde gleich furchtbar wütend… quasi in drei, zwei, eins…“

Zu spät…

14.30 Uhr – ich weiß das noch so genau, weil ich vorher noch auf die Uhr geguckt hatte, so als wollte ich den Zeitpunkt des gänzlichen Überschnappens genau festhalten. Das Überschnappen, der Moment, als ich vor dem Spiegel stand mit selbst tief in dir Augen blickte und verlauten ließ: „JETZT REICHT ES!“

Und genau diese Aussage war der Startschuss für den wohl schlimmsten (und tatsächlich einzigen) Wutanfall meines Lebens. Und es begann wie in einem schlechten Film – das Zucken, dass durch ein Gesicht geht, wenn sich eine friedliche Persönlichkeit verabschiedet und nur noch das Böse zurück bleibt. Und plötzlich brach tatsächlich in mir die Hölle und der Teufel in mir los.

Das Telefon, mit dem ich gerade Hilfe rufen wollte, entglitt mir, dann stand ich auf und ging wie in Trance in die Küche. Und das wirklich erschreckende an dieser Situation war, dass ich das Gefühl hatte – im wahrsten Sinne des Wortes – neben mir zu stehen. Ich sah mich, und dass auch noch bei klarem Verstand, konnte aber nicht mehr über meinen Körper verfügen. Ich musste hilflos mit ansehen, wie ich anfing durchzudrehen. In der Küche angelangt, holte ich das größte Messer aus der Schublade und betrachtete es von allen Seiten.

Lass die Scheiße sein!

Ich weiß nicht, ob ich es nur laut ausgesprochen, gebrüllt, oder nur gedacht habe – aber diese Angst die ich in diesem Moment verspürte, war so ziemlich mit das Schlimmste, was ich je empfunden habe. Schlimmer noch als die Angst vor dem Tod durch Tabletten. Denn die Stimme in meinem Kopf befahl mir dieses Ding mir ins Herz zu rammen, damit es endlich aufhörte zu schmerzen.

Das Messer zitterte in der Hand und es hatte den Anschein, als ob wirklich zwei verschiedene Mächte anfingen, um die Vorherrschaft dieses Messers zu kämpfen. Das Böse … gegen das Gute.

Und das Gute in mir siegte irgendwann und ich schaffte es irgendwie, mich dazu zu bewegen das Messer quer durch die Küche zu schleudern. Vielleicht war es genau dieser Sieg, der diesen plötzlichen Selbsttötungswunsch in pure Zerstörungswut umwandelte, denn ich fing sodann damit an, meine Wohnung zu zerlegen. Gleich darauf flogen Tassen, Teller und alles was ich in die Hände bekam durch die Luft. Ich weiß nicht, wie lange ich durch die meine Wohnung tobte und alles was mir in die Finger kam demolierte und zerdepperte.

Zeitgleich – fast schon gelassen, ohne jeglichen Anflug von Panik – versuchte ich mich selbst zu beruhigen, ohne Erfolg. Und ich spürte wieder diese Panik in mir aufsteigen. Panik, die mich schließlich dazu trieb – ich erzähle es wirklich nicht gerne, aber es gehört nun mal zu dieser Geschichte – mir selbst so dermaßen auf die Fresse zu hauen, dass ich nicht nur eine Beule am Kopf, sondern auch gleich eine leichte Gehirnerschütterung hatte …nur um das Ausmaß dieser Panikattacke und dieses Kampfes mit mir selbst näher zu beschreiben.

Nach dieser Aktion, war ich für einen kurzen Augenblick wieder klar – aber auch nur für einen kurzen Augenblick. Allerdings reichte der Augenblick wieder nicht aus, um Hilfe zu holen, denn dummerweise fand ich meine Autoschlüssel schneller als die geeignete Telefonnummer … vielleicht von Carsten?

Mit einem Grinsen im Gesicht und dem Gefühl, als würde ich das einzig Richtige tun, verließ ich das Haus, stieg in den Wagen und fuhr los.

Wohin?

Ich hatte zunächst keine Ahnung!

Ich fuhr zu einer Freundin, die ich schon oft wegen Thomas hatte hängen lassen. Thomas hasste sie. Ich klingelte und starrte sie an. In dem Augenblick war der Kampf in mir ganz besonders schlimm, denn ich flehte sie förmlich stumm um Hilfe an, doch die Wut in meinem Herzen ließ mich nicht zu Wort kommen.

„Alles in Ordnung mit dir? Du siehst irgendwie… fertig aus!“

„Nein, mir geht es gut. Ich wollte nur…ich dachte…!“

„Ja?“

„Mist, ich muss schnell nach Hause, ich habe vergessen die Wäsche einzuschalten!“

Ich glaube, das war der „verrückteste“ Satz, den ich an diesem Tag herausbrachte.

„Wäsche?“

Ich nickte.

„Okay, dann fahr schnell und komm gleich wieder, irgendwie habe ich das Gefühl, als stimmt was nicht mir dir.“

Ich drehte mich wie in Trance um und setzte mich wieder in den Wagen. Was danach geschah, kann ich nicht mehr ganz so ausführlich wiedergeben, denn da war ich schon nicht mehr ganz da. Ursprünglich hatte ich wohl vorgehabt, jeden der auf meinen zehn geschriebenen Seiten auftauchte zur Rede zu stellen, Thomas sollte hierbei aber eine ganz besondere Rede von mir bekommen. Ich weiß noch, dass ich diese Saskia anrief, um ihr mitzuteilen, dass ich auf dem Weg zu ihr und Thomas sei. Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde. Und ich weiß, dass ich währenddessen laute Musik gehört habe, stets in der Hoffnung, wieder den Zugang zu mir zu finden. Hin und wieder verpasste ich mir selber noch einen Schlag in der Hoffnung wieder „normal“ zu werden, aber es war vergebens.

Bei dieser Prozedur hatte ich plötzlich die Vision, wie ich an einem Brückenpfeiler zerschellen würde und steuerte auch tatsächlich auf eine Felswand zu. Ich streifte sie. Diese leichte Kollision hinterließ eine unschöne Beule am Kotflügel. Ich hielt, betrachtete das Malheur fing innerlich wieder vor lauter Panik an zu heulen, doch das Böse, die ungezügelte Wut in mir, hatte nichts besseres zu tun, als wie von Sinnen auf den ohnehin schon lädierten Wagen einzutreten. Wenige Minuten später fuhr ich unbeirrt weiter.

Aber nach einer Stunde war ich am Ziel. Ich stand vor diesem Mehrfamilienhaus und klingelte. Als ich Saskias Stimme durch die Gegensprechanlage hörte, schaffte es die Vernunft wieder zu mir durchzudringen und redete beruhigend auf mich ein. Sie sagte, dass dies, was ich da vorhatte keine gute Idee war. Ich sollte mich wieder ins Auto setzten… nein, ich sollte noch besser jemanden anrufen… ich sollte die 112 wählen und ihnen sagen, das ich nicht mehr ganz zurechnungsfähig sei, mich auf einem Amoklauf befände und dringend Hilfe bräuchte. Und ich setzte mich tatsächlich sogar wieder ins Auto. Für einen kleinen Augenblick hatte mein Verstand wieder die Oberhand, aber auch nur für einen kleinen Augenblick. Ich stieg aus, mein Handy, zum Hilferufen, flog ins Auto, die Türe wurde mit einem Tritt verschlossen und ich stampfte wieder wütend zu diesem Mehrfamilienhaus.

Thomas und Saskia erwartete mich bereits schon am Eingang, denn man hatte mich kommen sehen. Die Gesichter waren verblüfft, teilweise sogar erfreut, eines jedoch ziemlich beunruhigt, Thomas spürte scheinbar, dass mir gerade die Sicherungen durchgegangen waren und er war auch der Einzige, der wissen konnte warum. Immer noch frisch geduscht und gut gekleidet – wenn auch etwas verschwitzt und mit Augenrändern – war auch ich in diesem Augenblick höflich und zuvorkommend, als man mich in die Wohnung bat. Und ich bin mir sicher, dass wenn ich ein umfangreiches Waffenarsenal gehabt hätte, dann hätte ich diesen „ganz normalen Tag“ oder diese erste Begegnung mit „Menschen die ich kalt machen wollte““ wahrscheinlich wie in dem Film „Falling Down“ (mit Michael Douglas) begonnen – ich wäre also ganz ruhig und gelassen und mit einem Lächeln im Gesicht Amok gelaufen… niveauvoll eben.

Ganze 5 Minuten hatte mein Verstand die Situation im Griff und versuchte auf Thomas und Saskia einzureden, dass man mit Menschen nicht so umgehen durfte und dass eine tödliche Krankheit vorzutäuschen gar nicht ginge. Auch fragte ich Saskia, ob Thomas ich auch schon die Fresse poliert hätte, beim Sex auf Vergewaltigungsspielchen stand oder ob das auch nur mir persönlich gegolten hat … so als Zeichen seiner verlogenen Liebe?!

Thomas fauchte mich deswegen an und fing an, meine Zurechnungsfähigkeit in Frage zu stellen. Interessierte mich nicht. Im Gegenteil, es prallte ab. Und während mein Verstand immer kleiner wurde, wuchs die Wut und das Bedürfnis nach Rache. Ich wollte diesem Scheißkerl an die Gurgel, ihm meine Faust ins Gesicht schlagen, ihm in die Eier treten … whatever.

Doch wie sollte das gehen?

Ich konnte doch nie und nimmer einer Fliege etwas zu leide tun? Ich war ja noch nicht einmal imstande mich gegen Schläge zu wehren, obwohl ich es gekonnt hätte. Ich erinnerte mich schließlich auch daran, dass ich trotz Kampfsport und Selbstverteidigungskurs und Monatelanges Sparring, zwar technisch gesehen in der Lage war einen Menschen in Grund und Boden zu prügeln, aber es einfach nicht konnte. FUCK!

Du erträgst immer alles und wehrst dich nicht, weil du gar nicht imstande bist jemanden ernsthaft zu verletzten… du hast sogar Angst davor deinen schlimmsten Feind zu verletzen! Gib auf, du kannst nicht Amoklaufen!

Kann ich wohl!

Hm…

Was dann passierte blende ich jetzt kurz mal aus… das ist mir zu peinlich. Da will man schon Amoklaufen, aber mehr als eine Ohrfeige und ein lächerliches Handgemenge und ein paar zerbrochene Gläser waren leider nicht drin: Aber mein Geschrei und mein Fluchsalven, die waren so mächtig, wie noch nie in meinem Leben. Und es endete damit, dass Thomas mich packte und mich in ein Nebenzimmer schleppte. Dort umklammerte er mich und starrte mich fassungslos an. Ich stieß einen Schrei aus und versuchte mich mit aller Kraft gegen seine Hände und Arme zu wehren, die sich wie eine Krake um meine Glieder legten und mich fesselten. Ich suchte halt an einem Regal. Ein Regal, auf dem eine Pastellfarbene Vase stand und ein Bild zweier Kinder, die eng umschlungen unter einem Herz standen. Ein … <3 , Liebe ... das Bild verhöhnte mich! Die Kinder lachten über mich! Nahmen mich nicht ernst. Ich riss das Regal um, lenkte ihn ab und setzte zu Flucht an. Saskia hatte sich währenddessen Hilfe im Treppenhaus gesucht - und dummerweise wimmelte es in diesem Haus von beruflichen "Türstehern", die dann auch gleich in voller Montur (Handschellen, Schlagstöcke, Pfefferspray) die Wohnung stürmten. Schon aus der Ferne hörte ich sie poltern und ich hörte auch was sie sagten, und das gefiel mir nicht. Nach dem ersten Sondieren der Lage, amüsierten sich nämlich über die Tatsache, das dort hinter dem Zimmer eine "gefährliche "Frau lauern sollte, die so etwas wie Tollwut hat. "Warum ruft ihr nicht einfach die Bullen?" Fakt war, das ich durch diese geballte Präsenz Muskelmänner und "Bullen" sich plötzlich mein Fluchtinstinkt einschaltete. Ich öffnete das einzige Fenster in diesem Raum und stieg ohne Beachtung der beachtlichen Tiefe (dritter Stock) auf das Fensterbrett. Es war nur noch ein einziger Schritt.... Aber dann... Schreie, Rufen, ein fester Griff... Tausend Hände die mich anfassten, herumrissen zu Boden drückten, Knie die sich in meinen Rücken bohrten und das obwohl ich doch ganz ruhig war. Ich hatte das Gefühl... nein, ich war in diesem Moment davon überzeugt....jede Berührung brannte wie Feuer auf meiner Haut. Nicht anfassen… Nein, lasst das … Nicht anfassen! NEHMT EURE DRECKIGEN HÄNDE VON MIR! KEINER FASST MICH AN OHNE ERLAUBNIS! Und dann ging alles ganz schnell. Ich saß da. Die Hände in Handschellen, an eine Heizung gekettet. Ich war schweißgebadet, meine Haare klebten mir im Gesicht. Mein weißes T-Shirt voll mit Blut. Es war mein eigenes, denn ich hatte mir irgendwo beim Randalieren eine Scherbe in den Finger gerammt und begann ganz komische Töne von mir zu geben. Und während mein ICH versuchte einzuordnen, was für dieses seltsame Geräusche aus meinen Lungen verantwortlich sein könnte, fing ich auch noch an zu knurren. Heute weiß ich, dass ich in diesem Moment eine Überdosis Adrenalin im Körper hatte und durch unregelmäßiges Atmen kurz vor einem Kreislaufkollaps stand. Allerdings hatte ich während dieses langsam beginnenden körperlichen Ausfalls die Vision, als ob die Menschen im Raum alles Menschen waren, die mich verletzten wollte. Tausende Stimmen sprachen durcheinander... Und ich musste sie doch irgendwie von mir Fern halten. Sie standen vor mir beobachteten mich, als sei ich ein wildes Tier, was nun zwar gefangen, aber noch nicht gefahrlos war. Irgendwann versuchte einer der Kerle einen Schritt auf mich zuzugehen und ich fauchte ihn prompt an. Es fing an mit den übelsten Beleidigungen, die so noch nie aus meinem Mund gekommen sind. Und die ich jetzt hier auch nicht wiedergeben kann - das ist mir zu peinlich. Zwischendurch zischte ich immer wieder, dass mich niemand anfassen sollte. Denjenigen, der mich anfasste, dem würde ich den Hals umdrehen. Ich will das ganze jetzt nicht ins Lächerliche ziehen, auch wenn es mir in den Fingern juckt, aber in Verbindung mit meiner lädierten Stimme, ich war von der Brüllerei im Auto nämlich heiser, inklusive meines Anblicks, den Wahnsinn in den Augen: Einer der Männer klopfte mir später auf die Schulter und sagte, dass sie kurzzeitig darüber nachgedacht hatten einen Exorzisten zu rufen oder mir aus der Bibel vorzulesen. Und ich bin mir sicher, hätten sie mir aus der Bibel vorgelesen, dann wäre es wahrscheinlich noch schlimmer geendet. Ich saß also da, röchelte, fluchte und jedes Mal wenn mir einer zu nah kam, brachte ich die größten Kräfte auf, um mir diesen vom Leib zu halten. Doch irgendwann wurde mir plötzlich schwarz vor Augen. Ich hörte mich noch röcheln und diese komischen Töne ausstoßen und ich hörte mich noch mindestens 100 mal sagen, KEINER FASST MICH MEHR AN! Ich wurde wohl ohnmächtig. Es waren vielleicht nur Sekunden, in denen ich in diese seelische Dunkelheit fiel, die ich einst „Blick in die Finsternis“ getauft habe. Aber das, was ich dort sah, war die Hölle! Ich kann es auch nicht wiedergeben, was ich dort gesehen habe, es ist mit Worten nicht zu beschreiben. Es fing an mit einem Gefühl. Es war das schrecklichste Gefühl, was ich je in meinem Leben empfunden habe. Es war, als ob mit einem Male alle schrecklichen Emotionen auf einmal auf mich herein prasselten. Alle Ängste alle Schmerzen, einfach alles brach in diesen Sekunden auf mich ein ...und irgendwann sah ich die Bilder....ich hörte die Stimmen....ich sah das Übel in mir, es manifestierte sich in Form von Erinnerungen, die sich bis zu meinem vierten Lebensjahr zurück gingen. Schrecklichen Erinnerungen, längst vergessenen Erinnerungen, Erinnerungen an Dinge die ich nicht verstand... die schlimmste Erinnerung...so lächerlich es auch klingt...der Schmerz den ich empfand, als mir das einzige Wesen geraubt wurde, zu dem ich jemals Vertrauen hatte, dem ich nachts immer alles erzählte, was mich bedrückte. Das Wesen, meine Puppe Karina, die niemand berühren durfte außer mir - der Tag an dem sie an einem Flughafen verloren ging. Ich trauerte wie einst das kleine Kind von damals um diese Puppe. Der Schmerz auf meiner Seele unerträglich... und ich wusste, das ist das Ende. Du wirst jetzt dein Leben lang hier in dieser Finsternis bleiben und nie wieder zurückkehren. Der Moment an dem ich aufgab und beschloss mich für immer zu ergeben. Lost in the Darkness... halt. Ich legte mich einfach nur noch hin, umklammerte meine Beine schloss die Augen und wartete darauf, das die dunklen Wesen... ich hörte sie nach mir rufen... mich holen und das mit mir taten, was sie halt tun wollten. Dann kam dieser Engel ... Ich spürte, das sich mir jemand langsam näherte. Ich hatte keine Kraft mehr um aufzustehen und zu flüchten, ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich hörte eine weibliche Stimme die rief: "Sag mal, hab ihr sie eigentlich noch alle?" Die Stimme klang bestürzt, fast schon besorgt: Aber ich wusste, das sie nie und niemals mir gegolten hatte. Als ich die Augen öffnete, war es immer noch dunkel und ich ich sah die Schatten der finsteren Wesen... "Bleib weg von ihr, die ist gefährlich! Hat eigentlich jemand schon die Bullen gerufen?", kreischte Saskia. "Seht ihr denn nicht, das sie keine Luft mehr kriegt?" "Die Röchelt schon die ganze Zeit so, die ist total durchgedreht!" "Die dreht nicht durch, sondern hyperventiliert! Also halt`s Maul und lass mich vorbei, ich bin Krankenschwester!" "Das können die Bullen machen!" "Keine Bullen! Sie braucht etwas ganz anderes glaub mir!" Wieder so viele Stimmen die durcheinander sprachen, wieder so viel Palaver und wieder diese Hände die mich anfassten... Hört doch einfach auf damit?! FASST MICH NICHT AN! Ich spürte wie ein Ruck durch meinen Körper ging, ein stechender Schmerz an den Handgelenken...wies konnte ich meine Hände nicht bewegen? "Beruhige dich bitte! Ich will dir helfen!", sagte wieder diese Stimme. Helfen?! Eine Falle! Immer wenn jemand nett zu mir war oder mir helfen wollte, war es eine Falle! Ich versuchte mich wieder zu wehren, als mir irgendjemand eine übel riechendes Ding vor den Mund hielt in das ich atmen sollte. Ich wollte aber nicht atmen... ich wollte... hier in der Finsternis auf mein Ende warten. Und plötzlich brüllte mich diese Stimme an, aber es war kein boshaftes, kein angstmachendes Brüllen - es war... ich weiß auch nicht... es war der flehende Ruf eines Engels mich zu ihm zulassen, damit er mir helfen konnte. Und er half mir.... Er umschlang mich mit beiden Armen und hielt mich einfach nur fest. Er hielt mich liebevoll im Arm, wiegte mich und streichelte mir über mein Gesicht. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch ich konnte nichts sehen. Ich konnte ihn nicht sehen... diesen Engel, der Ilona hieß. Ich konnte ihn nur hören... wie er gegen diese schrecklichen Wesen aus der Finsternis wetterte, wie er sie zurückstieß und wie sie mich fragte wie ich hieß. Ich wollte es ihr sagen, doch ich brachte keinen Ton über die Lippen. Ich weiß nicht wie lange ich da in ihrem Schoß lag und mir die Seele aus dem Leib heulte - ich wusste bis zu diesem Tag noch nicht einmal, dass es so etwas wie Heulfieber gibt. Ich hatte hohes Fieber, war nass geschwitzt, fror mir gleichzeitig den Arsch ab und war eigentlich nur noch im Eimer - heute weiß ich, ich hatte einen Nervenzusammenbruch, der sich echt gewaschen hat. An dieser Stelle möchte ich langsam schließen - obwohl es danach noch knappe 4 Stunden weiter ging. Gegen 22. 00 Uhr des 30. Augusts, war ich nichts weiter als ein autistisches Wesen, das auf einer Rückbank eines Wagens lag und eine Hand umklammerte, die sie nie wieder loslassen wollte. Das letzte was Ilona noch zu mir sagte, als wir vor der Türe einer psychiatrischen Klinik standen: "Du hast nicht getrunken und auch keine Drogen genommen - das ist dein Vorteil. Ich zwinge dich nun, dich selbst freiwillig einzuweisen, okay? Kannst du mich hören?" Ich nickte müde... Und das Letzte was Ilona noch zu mir sagte, als ich von zwei Männern gestützt "abgeführt" wurde: "Du schaffst das, das weiß ich! Wir kennen uns erst ein paar Stunden, aber ich bin wie du und ich hab dich lieb!" DER LETZTE TEIL FOLGT IN KÜRZE Ich bin Ilona noch heute so dankbar und bin glücklich, sie nicht aus den Augen verloren zu haben. <3 Auch danke ich meiner Freundin Britta, die von diesem Drama nicht verschont blieb! <3

Die Liebe – weil es so schön ist warm zu sein …

Mann, jetzt hab ich aber echt die Schnauze voll! 👿

Schon seit Tagen sitze ich hier vor diesem Bildschirm und spiele wieder dieses stupide Buchstaben schreiben, Buchstaben löschen Spiel. Egal, was ich hier auch versuche, ich finde weder die richtigen Worte, noch nicht einmal belangloses Blabla für einen simplen Einstieg. Und selbst wenn man diese ersten Sätze hier als Einstieg nehmen würde, wüsste ich jetzt gar nicht, welche Worte nach diesen folgen sollten. Nein, es ist nicht einfach bloß eine Schreibblockade, es ist mehr. Ich bin vollkommen durcheinander geraten, finde mich nicht mehr zurecht in meinem Innenleben, was mich erheblich beeinträchtigt. Mein Alltag besteht nur noch aus Chaos und Verwirrung. In meinem Kopf ist irgendwie nur noch Stroh, mein Verstand ist OUT OF ORDER, Bauch und Herz betteln um Gnade und über allem liegt die stumme Frage: Hallo? Wo wird das noch enden? 😮

Ich bin so unfähig im Moment … 😡

Beruflich eine Katastrophe …

Arbeiten ist derzeit eine ganz besonders große Herausforderung, besonders wenn die Aufgabenstellung aussieht, wie folgt:


Bericht Nr.1
In diesem Bericht geht es um den Bereich MSI und Safety. Was passiert in diesen Bereichen in den nächsten 10/20 Jahren? Auf was müssen wir uns gefasst machen?


Hallo? Woher soll ich das wissen?! 😯

Auch eine 25 Minuten Rede zur Weihnachtsfeier eines großen Unternehmens für rund 1000 Mitarbeiter fiel mir in den letzten Tagen extrem schwer. Um eine Rede schreiben zu können, braucht es eben einen klaren Kopf und einen ungestörten Zugang zu meinen Emotionen.

Womit wir auch wieder bei meinem derzeitigen Hauptthema wären …

Langsam nimmt mein Zustand echt ungeahnte Ausmaße an. Es fühlt sich gerade so an, als würde ich mich in meinem Oberstübchen ständig in der Türe irren und dabei ständig versehentlich in  geschlossene Gesellschaften biochemischer Geheimtreffen platzen. Ein fieser, emotionsloser Haufen, der sich gegen mich verschworen hat. Unzählige Neurotransmitter starren mich finster an, bevor sie mich unsanft rausschmeißen und entrüstet rufen: „Raus! Du hast hier nichts zu suchen! Für Dich und Deinen Gefühlskram haben wir hier keinen Platz!“  😥

Fuck you! 👿

Ja, und so vegetiere ich weiter mit einem augenscheinlich „normal“ für Emotionen verantwortlichem System durch das Leben und fühle mich täglich immer mehr fehl am Platz … fremd … verloren … durcheinander … whatever! 😮

Meine Therapeutin geht mir inzwischen auch auf den Sack …

Nebenbei bemerkt, falls jemand das Gefühl nicht los wird, dass dieser Blogeintrag heute außergewöhnlich emotionsgeladen ist – stimmt! 😀

Ich verstoße heute bewusst gegen die Regeln, ich rebelliere, lehne mich auf, breche aus diesem Albtraum aus – ja, ich habe heute meine Tabletten nicht genommen. Ja, ich brauche heute verdammt nochmal diesen Rausch, meine Droge, nach der ich süchtig bin. Das Fühlen ist mein Lebenselixier, ohne meine extremen Emotionen gehe ich kaputt. Ja, das hätte ich bis zuletzt auch nicht gedacht, denn es gibt genügend Situationen in denen extreme Emotionen kontraproduktiv sind. 😀

Ich erinnere mich da gerade an eine Situation die mir vor vielen Jahren mal passiert ist und in der mich die Willkür eines dorfbekannten Ordnungsbeamten (in zivil) emotional so auf die Palme gebracht hat, dass ich nur knapp einer Klage wegen Beamtenbeleidigung und Bedrohung entgangen bin. Ich sehe ein, dass so Äußerungen, wie „Witzfigur“ oder  „Ihre Frau hat Sie wohl lange nicht mehr rangelassen“ vielleicht nicht so klug sind, aber genau das ist das Problem. Wenn ich wütend werde – und das dauert in der Regel sehr, sehr, extrem  lange, – dann gehen auch mal die Pferde mit mir durch.

Ich habe damals übrigens nur vor einer Telefonzelle mein Auto abgestellt und auf jemanden gewartet – mehr nicht. Das Ende vom Lied: Weil ich ihm nicht meinem Personalausweis aushändigen wollte, rief er die Polizei. Ich habe ihm daraufhin angeboten, ihm eine reinzuhauen, damit sich die Anzeige auch lohnen würde, was er wiederum als Bedrohung auffasste. Es ging aber alles gut, ich musste mich nur einen Tag später aufrichtig bei ihm entschuldigen … was ich auch zähneknirschend getan habe. 😳

Trotzdem war er ein Arschloch … 😀

An meine emotionsbedingte, unkontrollierte Unsachlichkeit musste sich Andi (mein Mann) auch gewöhnen … die Nicki ist dann eben mal wieder „schwierig“ … er findet es in der Regel amüsant … ich äußerst problematisch. 😀

Aber jetzt … ?

Jetzt ist gerade gar nichts problematisch …

Wahnsinn! <3

Ich fühle wieder diese Wärme… Wärme im Bauch, im Herzen und im ganzen Körper. Ich genieße jede Sekunde, in der das Leben wieder durch meine Adern fließt. Egal, was da auch gerade in mir aufsteigt, ich heiße es willkommen, mit allen Konsequenzen. Von mir aus auch mit Tränen oder mit einem gigantischen (allerdings verräterischen) Lachanfall.

Mit diesem Video habe ich mich heute verraten … ich hab mich so Schrott gelacht … und tue es immer noch. 😀

Zack!

Verraten … 😀

Wenn ich lache, merkt mein Mann sofort, dass ich meine Tabletten nicht genommen habe. Er meint, ich würde dann bescheuert werden … als wenn ich Drogen genommen hätte. Meine große Tochter hingegen merkt sofort, wenn ich unter Medikamenten stehe, denn sie vermisst ihre bescheuerte Mutter. 😀  <3

Bald mein Kind …

Wie früher …

Hier der Beweis – that`s me and my doughter Hanna im Jahre 2010!

Achtung, emotionsgeladen und extrem bescheuert! 😀

Ja, und im Moment fehlt mir „auf Tabletten“ irgendwie die Fähigkeit zum bescheuert sein. 🙁 Ich mutiere zu einer langweiligen, talentlosen Spießerin. Ich habe nach wie vor ein ernsthaftes Problem mit dieser Entwicklung, die eben ein wichtiger Bestandteil des Heilungsprozesses ist. Womit wir dann auch wieder bei meiner Aussage von oben wären:

Meine Therapeutin geht mir auch auf die Nerven!  😀

Natürlich habe ich ihr von dieser unendlichen Leere in mir erzählt. Für sie scheine ich allerdings nur ein faszinierendes Versuchsobjekt zu sein, was man nicht alle Tage auf der Couch sitzen hat. Sie ist jedes Mal vollkommen von den Socken, mit was für neuen Erkenntnissen und Selbstversuchen ich daherkomme. Aber am meisten ist sie begeistert, wie ein hochsensibler und somit extrem emotionaler Mensch reagiert, wenn ihm genau diese Sensibilität und Emotionalität auf ein Mindestmaß reduziert, bzw. teilweise ganz genommen wird. Sie findet es „interessant“, wie ich innerlich durchdrehe.

Interessant … so so …

Aber gut, ich verzeihe ihr das … ansonsten macht sie ihren Job ziemlich gut und es gibt tatsächlich nichts, was ich nicht erzählen würde … selbst dass ich manchmal die Tablette vergesse … was sie übrigens auch „interessant“ findet. 😀

Apropos interessant …

Was wollte ich eigentlich mit diesem Eintrag heute sagen? 😮

Keine Ahnung …

Vielleicht wie es sich anfühlt ein biochemischer Rebell zu sein …

In diesem Moment, ist es tatsächlich der Himmel auf Erden …

Ich fühle wieder etwas …

Ich fühle sogar eine ganze Menge …

Mir kommen die Tränen…

Ja, ich fühle wieder das, was zu meinem Lebensmotto geworden ist – ähnlich wie das Karma-Ding, – und was Osho einst so ausdrückte:


„Das Richtige in den Händen des Falschen wird falsch, und das Falsche in den Händen des Richtigen wird richtig.

Macht euch also keine Gedanken darüber, was ihr tut. Bedenkt nur eines: Was ihr SEID. Dies ist eine entscheidende Frage-Tun oder Sein. Alle Religionen befassen sich mit dem Tun. Ich befasse mich mit dem Sein. Wenn dein Sein richtig ist, und mit „richtig“ meine ich: selig, still, friedlich, liebevoll-, dann ist alles, was du tust, richtig. Dann gibt es keine anderen Gebote mehr für dich außer einem: SEI einfach.

Sei so total, dass in deiner Totalität kein Schatten mehr möglich ist. Dann kannst du überhaupt nichts falsch machen. Die ganze Welt kann sagen, dass es falsch ist, aber das ist egal. Was zählt, ist dein eigenes Sein. Auf dein Sein kommt es an, einzig und allein auf dein Sein.

Liebe dich selbst, respektiere dich selbst, respektiere deine eigene Stimme. Höre ihr zu und befolge, was sie sagt!

Die Existenz ist unser Spiegel, sie ist unser Echo. Alles, was wir tun, wird uns zurückgegeben. Wenn wir sie anschreien, schreit sie uns zurück an. Wenn wir ihr ein Lied singen, wird uns das Lied zurückgegeben. Die Existenz sagt nie „Nein“. Sie sagt immer „Ja“. Weil sie uns liebt.

Aber wir stehen der Existenz gegenüber gleichgültig, wir sind zu ihr nicht liebevoll. Wenn du einmal anfängst, alles, was ist, zu lieben – die Flüsse, die Berge, die Sterne, die Menschen, die Tiere – wenn du einmal anfängst, dich mit tiefer Liebe auf das Leben einzulassen, wenn du dich einmal erwärmst, dann erwärmt sich die ganze Existenz für dich…

Die Liebe…

Eine grundlose Wärme – einfach weil es so schön ist, warm zu sein.

(Osho)


Ja, es ist wunderschön …

Ich trage nicht ohne Grund das Zeichen der Liebe in meinem Nacken -ich werde die paar Monate auch durchhalten!

<3

Bis bald mal wieder

P.S.:

Ja, ich werde meine Tabletten morgen wieder nehmen …