Die liebe Wut ist jetzt auch meine Freundin

Ist das nicht ein Hammer Bild?

Vor ein paar Tagen dachte ich noch: „Mist, worüber soll ich in Zukunft eigentlich in meinen Blog schreiben, wenn es nichts mehr gibt, was mich belastet oder beschäftigt? Liest dann noch überhaupt jemand mit, wenn meine Welt nicht mehr dramatisch oder skandalös untergeht?“

Wahrscheinlich nicht. 🙂 Aber es ist mir auch eigentlich egal. Ich brauche eh nur diesen einen Leser – DICH! Du, der wo sich für mich interessiert. 😀 An dieser Stelle: DANKE, dass es Dich gibt. Und, keine Sorge, in meinem Leben wird es immer etwas geben, dass mich beschäftigt, auch wenn es vielleicht nicht immer den direkten Blick in mein Wohnzimmer beinhaltet. Apropos Wohnzimmer – draußen ist es wieder sehr, sehr pustig. Äste fliegen gegen die Scheiben und wir haben den Kamin an. Nordfriesland kann ja trotz Schietwedder ja so kuschelig sein. 🙂

Worüber ich eigentlich schreiben möchte: Ich will heute ein kleines Statement zum Thema „Wut“ abgeben. Nein, nein, keine Sorge, meinem Mann geht es nach wie vor sehr gut und wir haben uns seit mehr als 3 Monaten nicht ein einziges Mal gestritten. Warum auch? Wir haben keinen Grund. Eigentlich noch nie gehabt. Alles ist perfekt und wir sind uns (trotz unserer Unterschiede) noch nie in allem so einig gewesen, wie in diesem neuen Leben.

Ich glaube, seit knapp 3 Monaten habe ich auch nicht mehr geheult (außer am Schluss des Films „Das Kind“, die erste Verfilmung von Sebastian Fitzek, aber das zählt nicht). Seit 3 Monaten nicht mehr geheult? Das ist rekordverdächtig! Nein, kein tränenreiches Zusammenbrechen mehr, weil man die ganze Scheiße, die ständig um einen herum passiert nicht mehr ertragen kann. Keine Heulattacken mehr, um inneren Druck loszuwerden. Apropos Druck loswerden: Ich habe seit 6 Monaten keinen Alkohol mehr getrunken. Brauch ich nicht, will ich nicht. Außerdem hat mir dieser letzte Vollrausch bei der Abschiedsparty Ende Juni wieder gezeigt, dass ich selbst im betrunkenen Zustand all meine Wahrheiten nicht verdrängen kann. Die Mit-Mir-Kann-Mans-Ja-Machen-Wahrheit, die Hau-Mir-Auf-Die-Fresse-Und-Ich-Werde-Dich-Anlächeln-Wahrheit, die Lüg-Mich-An-Und-Ich-Werde-Auch-Noch-Danke-Sagen-Wahrheit, die Antworte-Nicht-Auf-Nachrichten-Ich-Bin-Es-Nicht-Wert-Wahrheit, die Verdrängen-Wir-Und-Tuen-Wir-So-Als-Ob-Nix-Gewesen-Wäre-Wahrheit, die Du-Hast-Ja-So-Recht-Ich-Bin-Unfähig-Undankbar-Und-Unzuverlässig-Wahrheit, die Es-Gibt-Einen-Triftigen-Grund-Warum-Ich-Menschen-Scheue-Wahrheit u.s.w., ich hab davon quasi noch immer einen Kater. 😀

All diese „Wahrheiten“, – also Empfindungen, die im Umgang mit vielen meinen Mitmenschen schonungslos aufkamen, auch wenn ich es mir nicht eingestehen wollte, – basieren auf einer Menge negativer Emotionen, die sich in den letzten Jahren bei mir angestaut und ziemlich an mir genagt haben. Seit dem Umzug habe ich den nötigen Abstand zu diesen Emotionen, was mir wirklich unglaublich gut tut. Aber ich muss mir klar machen, dass vieles von meinem „alten“ Leben noch nicht verarbeitet ist und unterschwellig noch an mir knabbert oder sogar irgendwann auch wieder so richtig an mir reißen könnte, wie ein gieriger Hai an einem Köder.  Davor habe ich, zugegeben, sehr, sehr große Angst. Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich nur hier, weit weg, sicher vor diesem „Seelenhai“ bin. An dieser Stelle: Wer mich besuchen will, ist herzlich willkommen, ich werde (nach meinem jetzigen Empfinden) Schleswig-Holstein wohl nie wieder in südlicher Richtung verlassen.

Ich schrieb gerade eben von „negativen“ Emotionen, die damals immer wieder in mir ausgelöst wurden und von denen ich jetzt kaum noch etwas spüre. Ich habe diese Emotionen noch gar nicht richtig benannt. In meinem alten Leben fühlte ich mich sehr oft traurig, enttäuscht, klein, verachtet, ungeliebt, dumm, belächelt, nicht ernst genommen etc. – kindliche Gefühle eben. Und, ich dachte, ich sei in dieser Zeit auch oft wütend gewesen. Jetzt weiß ich, dass ich es (schon wieder) viel zulange nicht war. Und das hat Gründe.

Mit meinem „kleinen Ausraster“ vor knapp 19 Jahren, gab es auch dieses Trauma. Hierzu muss ich noch mal diese Geschichte hier ausgraben: Der Psychopath und ich Teil III – ich hab das gerade selbst nochmal gelesen. Alter, da war ich aber echt sowas von angepisst und durch. Da wird man einmal wütend und peng! landet man in der Klapse. Kein Wunder, dass ich ein Problem damit habe, wütend zu werden.

Jedenfalls wurde damals eine neue Angst geboren. Die Angst davor, tiefe Wut zu empfinden und wütend zu werden. Wut war ein unerträgliches Niveau, auf das ich nie mehr sinken wollte. Das hatte Folgen. Sobald mich etwas verletzt hat, und die „normale“ Reaktion die Wut gefordert hätte, stieg mit dem Aufkommen des Gefühls auch gleichzeitig die Angst vor dem Explodieren und der auch damit verbundenen Aggression. Die Aggression, die zwar nicht immer in Gewalt enden muss, aber theoretisch könnte.

Also wurde im Rahmen seelischer Verletzung jegliche Form von Wut durch meine Angst und fehlendes Selbstwertgefühl in eine neue, andere negative Emotion umgewandelt: in Schuld. Ja, ich fühlte mich immer schuldig. Egal, wer mit mir den Molli machte, weshalb ich auch immer wütend sein sollte, am Ende suchte ich die Schuld immer bei mir. Ich hatte kein Recht darauf wütend auf irgendjemand zu sein, denn – wer war ich schon? Ich war ich. Also nicht normal. Grundsätzlich nicht genug. Zu emotional. Zu verrückt. Zu extrem in der einen Sache, zu leichtfertig in anderen Angelegenheiten. Zudem war ich auch noch gottlos, übte den falschen Beruf aus, hatte nie Geld und war aus diesem Grund auch ein Nichts, ein Niemand.

Dieses Empfinden war in der Vergangenheit immer das gleiche Schema. Jemand verletzt mich, ich schluckte es runter, lächelte weiter und tat so, als ob nichts gewesen wäre. Entstand eine Situation, die nach Konfrontation schrie, gab ich mir nicht einmal Mühe, mich zu rechtfertigen, weil ich vor lauter Schock einfach keine Worte fand. Im schlimmsten Fall kamen mir in diesen Situation unaufhaltsam die Tränen. Ich dachte bisher immer, es wären Tränen, um den Wut-Druck abzulassen, aber es waren immer wieder Tränen der Schuld. Und wenn die Situation ohne Konfrontation verlief, heulte ich später für mich alleine, wenn ich aus der Situation raus war. Ohne Scheiß, wie oft habe ich in diesem Leben als erwachsene Frau nach Telefonaten oder Treffen dagesessen und hab geheult, wie ein kleines Kind, obwohl ich eigentlich viel lieber auf den Tisch gehauen und „Hallo? Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“, geschrien hätte.

Ja – „Was glaubst Du eigentlich, wer DU  bist?!“ – diesen Satz lasse ich mir jetzt auf ein T-Shirt drucken oder auf die Hand tätowieren. 😀

Ich merke schon, meine Zeilen heute scheinen von Kampfeslust getrieben. Aber das ist nicht so. Ich mag nach wie vor kein Ärger und Streit. ABER:  Eine wichtige Erfahrung in den letzten Tagen hat mir deutlich gezeigt, wie wichtig es ist, die Fähigkeit zu besitzen, sich zu streiten, sich damit zu wehren und somit auch zu schützen.  Eine Fähigkeit, die meine Therapeutin mir damals mehrfach versucht hat nahezubringen, aber was ich damals einfach noch nicht anwenden konnte, weil ich es nicht kapiert habe.

Es gab vor einigen Tagen eine Situation, die mich noch aus meinem „alten“ Leben mal mehr, mal weniger verfolgte und mich urplötzlich und unverhofft per E-Mail einholte. Was in der Mail stand und von wem sie war ist unwichtig. Wichtig ist nur, was sie in mir ausgelöst hat. Es war eine Mail gewesen, gespickt mit zahlreichen Vorwürfen, die mich noch vor Monaten so niedergeschmettert hätten, dass ich mir gewünscht hätte nie geboren worden zu sein. Ein Mail, die all das bestätigt hätte, was ich damals zu sein schien – unfähig, klein, dumm und ein Niemand.

Noch während ich die Nachricht las, spürte ich plötzlich, wie mein Herz anfing wild zu rasen, bis in meinen Kopf und in meinen Ohren donnerte mir mein Herz seinen Unmut vor. Mein Kopf fing zu glühen an. Als mir dann ein weiteres, ganz bestimmtes Triggerwort in die Augen fiel, fingen meine Hände an zu zittern. Und ich fand es erschreckend, wie heftig Hände zittern können, ohne dass man es wirklich beeinflussen lassen kann. Dann ist mir schlecht geworden. So schlecht, das ich fast kotzen musste. Ich brauchte ein paar Minuten, um diese plötzlich heftige Flut an dieser völlig neuen Emotionen zu registrieren und zu verarbeiten. Ich war zutiefst verletzt, fühlte jedoch diese unsagbare Wut und sie wich nicht von mir. Keine Veränderung in Schuldgefühle und auch keine andere Emotion trieb mich in die Knie. Ich war einfach nur wütend. Nein, ich war echt ernsthaft angepisst. Und dieses Angepisstsein sorgte dafür, dass ich mich innerlich aufrichtete, somit die Angst vor der Konfrontation besiegte, das STOP-Zeichen gab und weiterhin die aufkommende Wut zuließ.

Jetzt weiß ich: Wut ist wichtig. Wut ist die Energie, die ein sensibles Herz vor Verletzung beschützt.

Mann, ich habe mir, nach allem, was passiert ist, verdammt nochmal, das Recht herausgenommen wütend zu sein. Und dass ich wütend wurde und bin, ist nach wie vor nicht besondere schön, aber allein, die Tatsache, diese natürliche „gesunde“ Emotion spüren zu können, ohne mich schuldig oder schlecht zu fühlen, tut wiederum unglaublich gut. Leider bin ich im Anschluss einen klein wenig schriftlichen Amok gelaufen. Ich habe ein klares Statement über mein Empfinden abgegeben und genau das habe ich noch nie in meinem Leben (in der Form jedenfalls nicht) getan. Es wird wahrscheinlich ein unangenehmes Nachspiel geben, aber dazu stehe ich.

Jetzt weiß ich, was da so lange Zeit schief gelaufen ist und auch wieder Ängste geschürt hat. Die Angst vor Konfrontationen. Ich war schutzlos, weil ich nicht wusste, wie man sich selbst schützt. Ich dachte immer Aushalten, Verdrängen, Kopf in den Sand wären auf Dauer hilfreicher. Weit gefehlt, Angst und Schweigen ist das absolut falsche Sicherheitssystem.

Was jetzt aber nicht heißen soll, dass ich jetzt neuerdings zum Choleriker werde. Es muss (nach wie vor) erst eine Menge passieren, bis ich wütend werde. Unehrlichkeit, Empathielosigkeit und Ignoranz sind da noch immer meine Spitzenreiter.

An dieser Stelle: Wer gerne auch so einen Wut-Roman von mir erhalten will, kann mich gerne „triggern“.

Triggerworte:

  • Diät
  • Abnehmen
  • Gesunde Ernährung
  • Sport
  • Organisation
  • Fenster putzen
  • Kochen
  • Winterreifen
  • Verlagsvertrag
  • Buchrechte
  • Tantiemen
  • Geld
  • Schulden
  • Kontostand
  • Kostenübernahme
  • Raiffeisenbank Neustadt eG – Frau T.
  • Hauskauf
  • Eigenheimbesitz
  • Vettelschoß
  • Versprechungen
  • Enttäuschung
  • Heimlichtuerei
  • Familie
  • Schornsteinfeger
  • Gefrierschrank
  • Kondenstrockner
  • Telefon
  • Antwortfunktion E-Mail / Facebook / Whatsapp
  • Blockierliste
  • Börsennachrichten
  • Trump

U.s.w….

 

 

 

Ein langer Weg: Über Eheprobleme, die eigentlich keine waren & einen Aufenthalt in der Psychiatrie – angekommen in Nordfriesland Teil 2

Kurz vorweg:

Dieser folgende Beitrag ist sehr persönlich und ist selbstverständlich mit meinem Mann abgesprochen. Wir beide finden es wichtig, diese Erfahrung zu teilen, in der Hoffnung, dem einen oder anderen Paar, das vielleicht auch in solch einer scheinbar ausweglosen Situation steckt, damit helfen zu können. Für mich persönlich ist die Niederschrift auch wichtig, um auch das Erlebte auch nochmal restlos verarbeiten zu können. Leute, das war wirklich eine ziemlich harte, aber auch irgendwie schräge Nummer.  😮

Schon seit ich denken kann, beschäftige ich mich mit Psychologie, der Lehre des Menschen und somit auch mit psychischen Krankheiten. Ich kenne einige Mitmenschen, die mit den unterschiedlichsten Problemen und Symptomen zu kämpfen haben und seit meiner eigenen Angststörung, weiß ich selbst, wie schleichend die Tassen aus dem Schrank abhanden kommen. Auch dachte ich, ich könnte klar bei einem Menschen unterscheiden, was Charakter oder ein etwaiges psychisches Problem ist. Die Grenze ist manchmal sehr verschwommen. Und da ich eine Person bin, die sehr, sehr lange an das Gute im Menschen glaubt, fällt es mir um so schwerer, mir hin und wieder eingestehen zu müssen, dass es einfach Geschöpfe auf der Welt gibt, die scheiße sind. Menschen, die einen Gefallen daran haben, andere fertig zu machen. Personen, deren vollkommen unmenschliches Verhalten und menschenverachtende Ansichten nicht zwangsläufig auf eine psychische Störung zurückzuführen sind, sondern tatsächlich auf seinen Charakter und die Persönlichkeit. Mit anderen Worten: Er / Sie / Es ist einfach ein Arschloch

Doch was ist, wenn ein Mensch, der dir nahe steht und den du eigentlich genau zu kennen glaubst, sich langsam schleichend zu einem solchen Arschloch entwickelt?  Was ist, wenn eine eigentlich harmonische Beziehung auf Augenhöhe immer mehr aus dem Ruder gerät und keiner von beiden sich erklären kann, warum das passiert?

Ich habe in den letzten Jahren viel geschrieben in diesem Blog, allerdings auch nicht über alles. Beispielsweise habe ich nicht darüber berichtet, dass ich seit knapp vier Jahren in regelmäßigen Abständen einen hilflosen Kampf mit meinem Mann führte. (Obwohl, hin und wieder gab es eher als harmlos verpackte Hinweise – wie zum Beispiel dieser Blogtext „Nachtgedanken: Ich bin also zu blöd..?“)

Ansonsten hatte mein Mann in meinen Blogs eher „nur“ eine Statistenrolle, bzw. er war immer der liebevolle Partner, der die Probleme seiner Frau tapfer aushielt und ihr immer und zu jeder Zeit tapfer zur Seite stand. Das stimmt, allerdings war auch er gewaltiger Mitauslöser für manchen Ausraster und emotionalen Fehltritt in den letzten Jahren.

Zur Erklärung: Mein Mann und ich führen eigentlich eine sehr harmonische Beziehung. Da ich Streit hasse, ist es auch fast nicht möglich, sich mit mir in die Haare zu kriegen, es sei denn, man ist unehrlich, hinterlistig, redet hinter meinem Rücken, ist rechter Gesinnung, Afd-Wähler, grundsätzlich ein Arschloch oder empathiebehindert. Das alles ist mein Mann eigentlich nicht und doch meinte er seit knapp 4 Jahren in regelmäßigen Abständen (Früher meist so 6-8 Wochen) einen Streit über (in meinen Augen) Belanglosigkeiten vom Zaun zu brechen und mir das Leben zur Hölle zu machen. Ich erinnere mich an ein ungewolltes Streitthema, in dem er über Löwenzahn im Rasen wetterte und ich anmerkte, dass ich Löwenzahn schön finden. Es war im Grunde nichts anderes als ein klassisches Jeder-Jeck-Is-Anders-Gespräch. Eine Meinungsverschiedenheit, die sich in meiner Welt durch Reden wieder in Luft auflösen würde, wenn diese Meinungsverschiedenheit Sinn und Verstand hätte. Hat sie aber nicht und daher kam es in der Vergangenheit immer so, wie es kommen musste – zu einem bitterbösen Streit.

Und es gab keine Chance auf Versöhnung, weil er in diesen Momenten keine Versöhnung  oder Lösung will, sondern Krieg. Das ist sehr schlecht für mich, denn ich bin harmoniesüchtig und kann kein Krieg. Ich kann in Konfliktmomenten nur versuchen, mein Gegenüber zu verstehen. Ich will reden, eine gütliche Einigung finden. Leider habe ich mit dieser Methode definitiv keine Chance, weil ich meinen Mann weder verstehe, noch irgendeine Chance habe verbal zu ihm durchzudringen. Innerhalb von Stunden wird aus einer albernen Meinungsverschiedenheit ein wirres Konstrukt aus unterschiedlichen Wahrnehmungen, bei denen ich mir schon mehrfach die Frage gestellt habe: Meint der das ernst oder will er mich verarschen? 😮

Es fängt an mit:

Ich: „Ich finde Löwenzahn aber schön!“

Und endet mit:

Er: „Gib doch endlich zu, dass du auf den Typen aus dem Internet stehst, dessen Texte du teilst!“

WTF ?! 😮

Aus dem eigentlichen Konfliktthema entsteht plötzlich etwas ganz anderes. Unsinnige Anschuldigungen, falsche Vorwürfe, Beleidigungen, Herabwürdigungen, Hirngespinste, Eifersucht, Verhöre wegen meiner Vergangenheit und anderer blöder Scheiß, der, wenn man diesen vollkommen aus dem Zusammenhang reißt, einen wunderschönen Strick für mich abgibt. Ein riesen Theater wegen NICHTS! Und dieses NICHTS manifestiert sich innerhalb von Tagen zu einer mächtigen Bedrohung, gegen die ich sinnlos versuchte anzukämpfen, wie Don Quichotte gegen Windmühlen …

… oder Windräder…

…und davon haben wir hier viele. 😀

(Foto: Windpark Ockholm-Langenhorn)

Ich liebe es!

Ja, so viele Windräder in NF und ich mittendrin …

Eigentlich habe ich kein Problem mit Windrädern. Aber wenn sie, wie mein Mann, völlig aus dem Ruder laufen, dann wird`s gefährlich. Ich sehe einen völlig anderen Menschen vor mir und erkenne zunehmend in ihm diesen hässlichen Typ Mann, der es noch nie ernst gemeint hat, Liebe nur vorspielt und seine Partnerin klein halten will. Das treibt mich in eine unerträgliche Verzweiflung. Himmel, so blöd kann man doch nicht sein?! Warum passiert mir das schon wieder? Und warum lasse ich mir das so lange gefallen?

Meine Therapeutin nannte es damals „Ohnmacht“ und dieser Zustand ist für mich nicht nur sehr verletzend, sondern auch sehr … selbstzerstörerisch. Es löst eine unerträgliche Wut in mir aus, die mich dazu bringt ganz großes Kino „ala Rosenkrieg“ auf die Leinwand zu bringen. Nicht zu verstehen, was überhaupt los ist, lässt mich an meinem Verstand zweifeln und ich rede mir ein, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben, was zur Folge hat, dass ich dann auch nicht mehr richtig ticke und zu Kurzschlusshandlungen neige und ausraste. Ein Teufelskreis.  Am Ende ist immer irgendetwas kaputt (Porzellan, Laptops, Kleidung oder auch mal Inventar) und will ich immer die Trennung und Scheidung, weil dieses Theater einfach so gottverdammt unerträglich ist. Ich wollte einfach nur endlich Ruhe in meinem Leben, mehr nicht. Ich zweifelte an mir, an unserer Beziehung und wie so oft auch an meiner Beziehungsfähigkeit.

Und immer dann wenn ich dann Tage später tatsächlich Nägel mit Köpfen machen will, mir eine Wohnung suche und meinen Mann frage, wie er dieses Desaster „Trennung wegen Löwenzahn“ mit gutem Gewissen bei Freunden und Familie als Trennungsgrund vertreten könnte, dann verpufft urplötzlich diese Kriegshaltung. Es ist, als würde mein Mann aus einem tiefen Schlaf erwachen, sich die Augen reiben und fragen: „Huch! Wo bin ich? Was ist geschehen?“ 😮

Wenn ich ihn dann über das Geschehene aufkläre (an das er sich nach mehr als einem Tag aus neurologischen Gründen tatsächlich nicht mehr richtig erinnern kann), versteht er die Welt nicht mehr und auch nicht was in ihn gefahren ist. Die Folge: Große Verzweiflung auf allen Ebenen und ich glaubte ihm sein Dilemma jedes Mal.

Im ersten Jahr (2013) steckte ich dieses Szenario in die Schublade „Ausrutscher“, es war ein sehr stressiges Jahr mit Nachwuchs, Umzug und neuen Herausforderungen. Ich war gestresst, mein Mann auch, Shit happens. Im Jahr 2014 erkannte ich eine gewisse Regelmäßigkeit und konnte schon einen möglichen Streit im Voraus erahnen. Das war ganz komisch. Es war als würde sich knapp 4 Wochen lang irgendetwas in ihm aufstauen und sich dann irgendwann durch Kleinigkeiten entladen. Ich begann mir so Fragen zu stellen wie: Was soll dieser Scheiß? Will er mich nun auf diese ekelhaft Psychotour etwa loswerden? Oder tickt mein Mann einfach nicht mehr ganz richtig? Letzteres hatte ich aber nicht wirklich in Erwägung gezogen. Immerhin war ich doch diejenige, die an einer Angststörung erkrankte, Medikamente nehmen musste und Psychiater und Psychologen aufsuchte. Und das war auch ein weiterer Knackpunkt. Mein Mann war überzeugt, dass ich „das Problem“ bin und lehnte sich entspannt zurück, während ich nach wie vor chancenlos gegen diese unberechenbaren Andi-Windmühlen kämpfte.

Dieses Gefühl alles falsch zu machen, der ganze andere Stress und die Unsicherheit, ob der Partner wirklich zu einem steht, oder ob ich am Ende doch wieder nur ein „Ich habe dich eh nie geliebt“ kassiere, hat auch die folgenden Jahre ziemlich böse in mir gewütet. Aber ich wollte einfach nicht aufgeben.

Dieser Neuanfang in Niebüll sollte auch gleich ein Neuanfang für uns sein. Es ist in den letzten Jahren viel zwischen uns passiert, was uns beiden leid tut. Wir wollten diese sinnlosen Streitereien hinter uns lassen, wenn das nicht funktionieren würde, wäre die Trennung die einzig sinnvolle Lösung, allein schon der Kinder wegen (die nämlich auch kein Bock mehr auf Theater haben). Doch es lief die ersten zwei Wochen bestens. Die Anspannung fiel immer mehr von mir ab und eigentlich standen die Chance gut,  dass der Umzug auch unsere Ehe retten würde.

Und inmitten dieser Schönheit und des nordfriesischen Glücksgefühls, donnerte dann zwei Wochen nach unserer Ankunft plötzlich mein Mann aus heiterem Himmel wieder mit irgendeinem Mist los und machte an der Stelle weiter, wo wir eigentlich für immer mit aufhören wollten. Es war wieder der gleiche Ablauf und eigentlich weiß ich auch immer, wie diese Scheiße endet – nur dieses mal, war die Streitqualität eine andere. Sie war unberechenbarer. Mein Mann war unberechenbar. Ich wurde unberechenbar. Deshalb war es für mich dieser erste Ehekrach in Niebüll auch ein echter Schock. Schlimmer noch, es war ein Weltuntergang. Denn dadurch, dass ich seelisch wieder gefestigt war, wurde mir ziemlich klar, wie „schlimm“ und irrational das Verhalten meines Mannes mir gegenüber ist und wie wenig ich bereit bin, das weiter zu tolerieren.

Meine Geduld war am Ende und ich wusste, ich würde bald eine Entscheidung treffen. Allerdings nahm diese Entscheidungsfindung einen völlig unverhofften Lauf, denn mein Mann fuhr völlig neue Geschütze auf, um meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu kriegen (die ich ihm ja einfach nicht mehr geben wollte). Er schloss sich ein, aß und trank nichts mehr, bombardierte mich mit frechen, beleidigenden Whatsapps, bezichtigte mich des Fremdgehens und fing irgendwann an, nur noch wirres Zeugs von sich zu geben. Irgendwann war der Punkt erreicht, wo ich tatsächlich einsehen musste, dass das KEIN typisches Verhalten eines Arschlochs ist, sondern ein ernsthaftes Problem. Es dauerte 4 Tage, dann drohte ich ihm zum ersten Mal mit einer Einweisung. Eine Drohung, die ihm scheinbar auch zu denken gab, denn er beruhigte sich und wir machten am nächsten Tag einen Termin bei seinem neuen Hausarzt. Der Hausarzt stelle dann später eine Überweisung aus und schlug einen Aufenthalt in einer Tagesklinik vor. Zur Aufnahme in diese Einrichtung kam es aber nicht, denn…

.Auf den ersten Streit in Niebüll folgte bald der nächste und lieferte mir nun auch den letzten Beweis, dass mit meinem Mann irgendetwas nicht stimmte. Ein neuer Krieg brach los und ich hatte mal wieder keine Chance gegen seine Überzeugung anzukommen. Und was war diesmal seine Überzeugung?

„Meine Frau ist böse! Sie will mir einreden, dass ich krank bin! Sie will mich loswerden! Mich austauschen! „

Ja, er war plötzlich überzeugt davon, dass ich eine ganz hinterlistige Hexe bin, die ihm nur einreden will, „krank“ zu sein. Ich wollte ihn mit böser Absicht in die Klapse stecken, damit ich mit meinem neuen Autoren-Freund von Facebook herummachen kann. 😮 Letzteres fand ich immer ganz besonders beleidigend, weil er ganz genau weiß, dass ich das niemals machen würde. Er weiß es deswegen so genau, weil er schon mal schmerzliche Erfahrung mit meiner Ehrlichkeit machen musste. Ich wollte darüber gar nicht schreiben, aber da mein Mann in seinem Blog (Link kommt später) davon schreibt, dass er Sorge hatte, dass ich ihn „schon lange austauschen“ wollte, fühle ich mich genötigt, mich zu rechtfertigen.

Ich gehöre zu den bescheuerten Menschen, die schon allein bei dem Gedanken an einen außerehelichen Fehltritt an einem schlechten Gewissen ersticken würden. Ich bin allerdings auch ein sehr emotionaler Mensch und kann mit Stress und Ärger nicht besonders gut umgehen. Ich nehme alles sehr persönlich, auch wenn ich es nicht will. Wenn mein Partner mich in die Enge treibt, hat das Folgen. Ich sehne mich dann nach Ruhe, Frieden, Respekt, Anerkennung und seelischer Unterstützung. Und wenn plötzlich im Rahmen dieser Verzweiflung ein Mensch auftaucht, der genau das alles zu sein scheint, dann ist das Gefühlschaos perfekt. Ja, Gefühle sind ja manchmal bekanntlich ein Arschloch und plötzlich verliebt man sich in einen Menschen, auch wenn man weiß, dass es absolut nicht richtig ist. Das ist so richtig scheiße und das wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht. Das passiert wohl sehr oft und auch in den besten Familien. Die einen überleben, die anderen nicht. Die Folgen sind meist schwerwiegend und zutiefst verletzend für alle Beteiligten, insbesondere dann, wenn der Partner über einen längeren Zeitraum massiv und ohne auch nur einen Hauch eines schlechten Gewissens betrogen wird. Ich weiß, was so etwas mit Partnern und auch beteiligten Kindern anrichtet, deshalb ist für mich solch ein Vorgehen ein absolutes No-Go.

Und was tat ich? Ja, genau, ich fühlte mich wie ein Schwerverbrecher und versuchte irgendwie aus der Scheiße heil wieder raus zukommen. Taktik: Sich bloß nichts anmerken lassen, mit keinen darüber sprechen, es totschweigen, verdrängen und es leider damit noch schlimmer machen.

Und dann kam die Phase, wo ich mein Schwerverbrecherdasein nicht mehr ausgehalten habe, (obwohl ich nichts, aber auch wirklich rein gar nichts Unanständiges getan habe). Ich Idiot machte genau dieses Gefühlschaos im Rahmen eines Streites zum Thema, in der Hoffnung auf Hilfe. Ja, ich bat meinen Mann um Hilfe, er sollte doch besser auf uns aufpassen. Die Folge: Es wurde nicht ernst genommen, belächelt.

„Du? Niemals!“

Ja, so kann es einem auch gehen. Da will man ehrlich zu seinem Mann sein, damit man am Ende des Tages noch in den Spiegel gucken kann und dann wird einem nicht geglaubt. Als ob ich mit so was Scherze machen würde!? Arsch!(Inzwischen hat er es aber sehr ernst genommen und aus diesem Fehler gelernt. Von näheren Fragen wie WER? WAS? WANN? WIE? bitte ich abzusehen. Wir sind im Reinen und werden darüber schweigen wie ein Grab.)

Ich beließ es damals dabei, riss mich zusammen, machte mir mit Hilfe therapeutischen Beistandes klar, dass meine stressgeplagte Psyche mir hier einen ganz gefährlichen Streich spielte und ich nicht darauf reinfallen sollte. Mein Mann wäre schon der Richtige für mich, ich müsste eben nur lernen mit ihm umzugehen…

Tja…

Allerdings wusste damals keiner der Beteiligten, dass ICH nicht mit einem schwierigen Charakter, sondern mit einer biochemischen Fehlfunktion und einer Anpassungsstörung klarkommen musste. 😮

Übrigens, da fällt mir gerade ein: Ein weiterer Ehrlichkeitsdienst meinem Mann gegenüber, der einmal nach hinten los ging, war ein Gespräch über einen Bericht, in dem behauptet wird, das 100% aller Frauen bisexuelle Neigungen haben. Ich las diesen Text und stimmte zu. Ein halbes Jahr später hing der Haussegen schief, weil ich mit einer Freundin Eisessen war und er sich bei diesem knapp zweistündigen Treffen eine lesbische Handlungen ausmalte. Ich hatte auch diesen Streit damals nicht kapiert, jetzt, wo ich darüber schreibe, wird es mir wieder klar. 🙂

Mann, Mann, Mann! 😮  Kopf*Tisch

Wie ich gerade schon angedeutet habe, mein Mann hat / hatte wirklich ein psychisches Problem. Vermutlich schon seit Jahrzehnten, welches schon damals nach seiner Gehirnblutung und dem daraus folgenden Schlaganfall hätte behandelt werden müssen. Er leidet u.a. unter einer Anpassungsstörung, die lt. Wikipedia so zu definieren ist:

Eine Anpassungsstörung ist eine psychische Reaktion auf einmalige oder fortbestehende identifizierbare psychosoziale Belastungsfaktoren, die die Entwicklung klinisch bedeutsamer emotionaler oder verhaltensmäßiger Symptome zur Folge hat.“ (Quelle, Wikipedia)

Weisse Bescheid!

Diese unbehandelte Anpassungsstörung hat durch enormen Stress, vielen Ängsten und Unsicherheiten über die Jahre hinweg in seinem Gehirn dafür gesorgt, dass ein bestimmter Botenstoff nicht mehr produziert wird. Und dieser fehlende Botenstoff hat verhindert, dass er in bestimmten Stresssituationen oder in Momenten, in denen er unter Anspannung steht,  der Situation angemessen reagiert. Er steigert sich dann so in die Situationen hinein und verfällt sodann in depressive Phasen, aus die er nur schwer wieder heraus kommt. Er war / ist seit Jahrzehnten weder konfliktfähig, noch in der Lage, einen motivierten, stress-, angstfreien und unbeschwerten Alltag zu bestreiten.

So und mit diesem Wissen jetzt, katapultiere ich uns nochmal zurück in die letzte Streitsituation, wo mein Mann (wie so oft in den letzten Jahren) schon seit Tagen im Schlafzimmer auf dem Bett lag, kaum etwas gegessen hatte, aber genug Energie aufbringen konnte, um seinen Laptop auf den Boden zerschellen zu lassen und mir böse Hasstiraden hinterher zu rufen. Auch ich war kein Engel. Ich hatte ihm gerade eine Flasche Wasser über den Kopf geschüttet, ihm die Brille von der Nasse gefegt,  ihn mutwillig aus dem Bett geschubst, bei diesem Versuch sein Lieblings-T-Shirt zerrissen, ihm ein blauen Fleck am Oberschenkel verpasst, und, und, und…

Respektlosigkeit auf allen Ebenen … ich hasse das!

Und irgendwo inmitten dieses stummen Gerangels hörte ich meine kleine Tochter von unten rufen, ob ich mal bitte so freundlich wäre, ihr etwas zu Trinken zu geben. Das war dann auch irgendwie der Moment, in dem ich realisiert habe, dass an dieser Stelle Schluss sein muss. Er brauchte Hilfe, ich brauchte Hilfe, wir brauchten Hilfe.

Es war nicht ganz so leicht meinen Mann aus dieser schlimmen Phase zu befreien und ihn dazu zu bringen, sich in eine psychiatrische Klinik zu begeben. An dieser Stelle danke ich Dir, liebe Anja, für Deine Hilfe. 🙂

Am nächsten Tag gab es ein Telefonat mit der Fachklinik für Psychiatrie und Psychosomatik Nordfriesland und die Sache nahm ihren Lauf. Für mich persönlich etwas zu schnell, denn ich hatte das Geschehene noch gar nicht so recht verarbeitet. Und dann wurde es ernst. Ich musste meinen Mann einen Tag später in eine Psychiatrische Klinik bringen und zwar nicht in eine Tagesklinik, die wollten ihn nicht, weil „zu krass“.

Ich war deswegen ziemlich aufgewühlt, weil ich nicht wusste, wie es weitergehen würde. Würden sie ihn da gut behandeln? Würden sie etwas erreichen können? Das Aufnahmegespräch verlief gut, Andi war sehr kooperativ allerdings war seine Antwort auf die Frage, ob er Selbstmordgedanken in sich träge etwas unglücklich verlaufen: „Also wenn ich an die Sache mit Chester Bennington denke, dann mache ich mir schon etwas Sorgen … der war ja auch depressiv.“

Die daraus resultierende Maßnahme war für mich schlimmer als für ihn, denn etwa eine halbe Stunde später befand ich mich plötzlich in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie. 😮

Keine Ahnung, was für ein emotionales, empathisches, vielleicht sogar Flashback geleitetes Riesending mich dann plötzlich geritten hat. Ich habe vollkommen die Fassung verloren. Ich hab unentwegt geheult, ohne zu wissen warum. Auch die eigentlich lustigen Gespräche mit anderen Patienten halfen nicht. Die Tränen flossen unaufhaltsam, auch wenn ich keinerlei Gedanken in mir trug und mich irgendwie leer fühlte. Es war eine endlose Heulattacke, ähnlich, wie es mir auf Friedhöfen ergeht. Vielleicht zu viel Traurigkeit, vielleicht zu viel Verzweiflung auf der Station, vielleicht konnte ich auch einfach nicht damit umgehen, das ich meinen Mann hier lassen sollte. Vielleicht finde ich noch heraus, was da los war, wahrscheinlich aber eher nicht. Ist auch eigentlich egal…

Ich weiß nur, das mit dem Augenblick, als ich das Gebäude verließ der Spuk vorbei war.

Wir konnten vorher noch das „Missverständnis“ bei dem behandelnden Arzt aus dem Weg räumen und mein Mann kam kurz darauf in den offenen Bereich.

Wie es ihm dann die nächsten zwei Wochen ergangen ist, könnt ihr bei ihm selbst nachlesen – er hat darüber in seinem Blog berichtet:

https://andreaslahr.wordpress.com/2017/08/22/klapse-muss-auch-mal-sein-wie-es-dazu-kam-dass-ich-14-tage-in-der-fachklinik-fuer-psychiatrie-verbrachte/

Tja…

Und jetzt …

Wie soll ich sagen…

Dadurch, dass recht schnell erkannt wurde, was ihm fehlt, konnte er auch noch schneller behandelt werden. Er bekommt jetzt die Botenstoffe, die ihm fehlen, in relativ geringer Dosis. Die Folge: Mein Mann ist zum ersten Mal, seit dem ich ihn kenne „normal“. Also von seinem positiven  Wesen her unverändert, aber eben vollkommen ohne Angst, Stress, Hemmung und seiner einst unterschwelligen Hektik. Auch seine altbekannte Antriebsstörung hat sich deutlich gebessert. Er spricht sogar „normal“ und jeder der ihn kennt weiß, dass er früher verdammt viele Infos innerhalb kürzester Seit in einen Satz verpacken konnte. 😀

Mit anderen Worten: Da geht noch was!  😀

Ihm geht es sehr gut, er ist gelassen, friedlich und wir haben uns seit knapp 4 Wochen nicht mehr gestritten, auch wenn es genügend Streitpotenzial gab. 🙂

Ist das nicht krass…?

Mann, das war SO KNAPP! 😮

Die Biochemie ist schon ein verrückter Laden…

Und wie verrückt dieser „Bio-Laden“ noch sein kann, erzähle ich beim nächsten Mal, denn auch ich war vorgestern im Westküsten Klinikum Heide, weil bei auch wieder was aus dem Ruder gelaufen ist. Stress macht eben krank. Teil 3 folgt somit in Kürze.

Läuft bei uns! 😀

Und wenn wir das alles hinter uns haben, dann genießen wir, das hier:

 

Und das hier….

 

 

 

Entscheidung für´s Leben – ich bin (bald) weg, au revoir!

Soooo…

Es folgt nun mein erster Eintrag im Jahr 2017 und es wird ganz sicher auch nicht der Letzte sein, das kann ich vorab schon mal versichern. 🙂

Doch wie soll ich heute anfangen? Gleich mit der Tür ins Haus fallen oder doch erst mal wieder darüber reden, dass ich nicht ganz dicht bin und dann erst am Ende mit meiner „lebensverändernden Entscheidung“ herausplatzen? 😀

Ja, genau so mache ich es. Ich warte bis zum Ende, damit mein geplanter Weg besser verstanden wird… 😀

Zur Erinnerung:

Ich bin tatsächlich nicht ganz dicht! 😀

Und viele haben es über diesen Blog ja in den letzten Monaten verfolgen können: Irgendetwas macht mich wieder zunehmend krank. Und dieses Etwas frisst mich auf, macht meine Seele, mein Hirn und meinen Körper kaputt. Ein undefinierbares immer wiederkehrendes Gefühlschaos, ein ständiger seelischer Ausnahmezustand, den ich „Stress“ getauft habe. Ja, ich benutze immer diesen Überbegriff Stress und behaupte, Stress (und Angst) sei die Grundlage meiner aktuellen körperlichen und psychischen Situation. Doch die Wahrheit ist: Mein Leben und mein Umfeld machen mich krank. Und nach meinem Grenzgang an Weihnachten ist mir klar geworden, wie ernst es inzwischen ist.

Meinem Vater und meiner Mutter habe ich  – einfühlsam, wie ich bin – die Situation so erklärt: „Wenn ich jetzt keinen Schnitt mache und ein neues Leben anfange, lande ich in Kürze entweder in der Klapse oder auf dem Friedhof!“

Ja, und das ist leider keine leere Drohung, sondern eine ärztlich dokumentierte Tatsache …

Zur Erklärung:

Vor knapp zehn Tagen (also in den Weihnachtstagen) kämpfte ich wieder mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln (Tavor, Alkohol, Fäusten) gegen mich selbst und diesem Chaos im Herz und Kopf und stellte mir dabei wieder die quälende Frage, warum ich (schon wieder) immer mehr die Kontrolle über mich und mein Leben verliere … und das, obwohl alle denken, dass es gerade wieder steil bergauf geht. Ich will jetzt gar nicht im Einzelnen aufführen, was an diesem Abend alles zusammen kam, aber es gab für mich einige Auslöser (Streit, Missgunst, Unehrlichkeit, allgemeines Arschlochverhalten und meine Waage), um mal wieder emotional vollkommen aus dem Häuschen zu geraten. Aber so richtig …

Ich glaube, der Höhepunkt war in dem Augenblick, als ich merkte, dass ich mal wieder nicht in der Lage war, diesen unbeschreiblichen seelischen Schmerz zu ertragen. Wer diesen Schmerz kennt, weiß wovon ich rede und man kann ihn wirklich nicht beschreiben. Wenn diese Monsterwelle aus Nägeln über das Herz walzt, ist man wie gelähmt und hofft einfach nur noch, dass man nicht an den Folgen stirbt. Klingt dramatisch, ist auch so. Dieses Gefühl verstärkt sich dann mit der (meist darauf folgenden) Angstattacke. Das Herz fängt an zu rasen, die Atmung wird hektisch. Panik, Chaos, das Drama wieder perfekt, durchdrehen leicht gemacht. Ich möchte an dieser Stelle sagen, dass ich mir stets alle Mühe gebe, dass meine Kinder (und mein Mann) nichts davon mitkriegen. Mein Mann hatte dieses Mal leider Pech… ich kam ihm mit meinem Anfall bei „Winnetou“ in die Quere … was mir sehr leid tat. 😀

In einem vorhergehenden Blogtext beschrieb ich eine mögliche Lösung für mein Problem mal so:

„Wenn ich mich so fühle, lege ich mich immer ganz flach auf den Boden und strecke alle Vier von mir und versuchte ruhig zu atmen (…) Ich sah ein, dass ich mich selber aus diesem exorbitanten Hineinsteigern irgendwie selbst wieder „runter“ bringen musste … irgendwie. Ich brachte mich schließlich in die (gerade erlernte) stabile Seitenlage, die dafür sorgte, dass es mir tatsächlich besser ging, auch wenn mir  Tränen, Sabber und Rotz in vertrauter Einigkeit über das Gesicht liefen, um auf meinem Handrücken einen unappetitlichen See zu bilden. Yammi! :-D „

Nun, dieses „sich selbst wieder runter bringen“ ging an diesem besagten Weihnachtsabend gar nicht mehr. Auch mein Mann war nicht in der Lage, die Situation „richtig“ einzuschätzen und setzte (in der Pause von „Winnetou“) seine Streitaxt mit heller Freude da an, wo ich gerade am empfindlichsten war, beim Thema „sich nicht wehren können, sondern ständig implodieren“, also sich stumm und lautlos aufregen.

„Du bist es ja auch selbst schuld! Hau doch mal auf den Tisch! Mach doch mal dies, sag doch mal das! EneMeneBuh und dran bist du! Fang mich doch, du Eierloch! BlaBlaBla…!“

Nein, es war nicht wirklich böse von ihm gemeint, er wollte sich einfach (und das 1. Weihnachtsabend) mal wieder gerne mit seiner Frau streiten. Mich aus der Reserve locken. Mein Mann behauptet zwar, dass er sich nicht gerne (mit mir) streitet, aber das stimmt nicht. Er findet sogar, dass meine folgende Aussage eine „Anschuldigung sondergleichen“ ist, wie folgt:

Mein Mann streitet sich sehr gerne! 😀 Er ist zwar nicht grundsätzlich auf Krawall gebürstet, boykottiert aber in Problemfällen mit heller Freude jegliche Form von gütlicher Einigungen, weil er darauf steht, wenn ich, quasi der Friedensengel, langsam (wirklich sehr langsam) zunehmend „emotional“ Luzifer-Like ausfallend werde und an die Decke gehe. Ja, er sagte mal zu mir „Baby, das hat was!“.

Aber! Mein Mann und auch andere, die gerne streiten, haben leider nicht die leiseste Ahnung, was diese scheinbar harmlosen Zankereien mit mir machen. Das können sie gar nicht wissen, bzw. auch gar nicht verstehen. Das kann niemand wissen, außer mir und meiner Therapeutin. Und meine Therapeutin weiß auch, warum ich so reagiere, wie ich eben reagiere, wenn das Maß voll ist. Nach hundert Mal implodieren, reicht ein Tropfen, ein falsches Wort, ein falscher Blick und mein Fass mit „Dingen, die ich ertragen kann“ läuft prompt über. Und wenn es überläuft, dann folgen unaufhörliche Heulkrämpfe, erhöhte Temperatur, Wutanfälle, Angstattacken, ungewollter Kontrollverlust, dicht gefolgt von dem starken Bedürfnis mich selbst zu verletzen… nicht schön, aber kommt eben vor.

An diesem Abend befand ich mich – während mein Mann auf der Couch lag und TV sah – plötzlich in einer Situation, in der Wutanfall, Heul – und Panikattacke quasi gleichermaßen aus mir herausbrachen. Ich kam mir wie eine Gehirnamputierte vor, auch das verletzte mich, was mich nur noch wütender machte. Irgendwann war dann der Punkt erreicht, in dem ich mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, mir selbst (mit stumpfer Gewalt) auf den Kopf schlug. Als das nicht die gewünschte Erlösung brachte, drückte ich mir die Luft ab,  in der Hoffnung, somit wieder die Kontrolle über mich und meine Vernunft zurück zu erlangen. Die Vernunft kam leider erst mit einer „Notfalltablette“ und Alkohol zurück.

Ja, ich stehe dazu… es war ein dramatischer Ausrutscher! Ich nehme heute kein Blatt vor den Mund, denn ich möchte aussprechen dürfen, wie es war, wie es ist und wie es in Zukunft sein wird. Vielleicht kann ich andere vor so einer Scheiße bewahren, in dem sie es nicht so weit kommen lassen und gleich das tun, was sie tun müssen, um kein Psycho zu werden. 😉

Meine Therapeutin nennt dieses Verhalten „Hilflosigkeit und Ohnmacht“ und meint, dass das alles andere als gestört sei, sondern (situationsbedingt) verständlich ist. Das Maß ist eben voll. Mir egal, was sie sagt, ich nenne es Psychoverhalten und ich will das nicht! Ich komme mir im Anschluss immer so unsagbar dumm vor, auch wenn mein Mann der Meinung ist „Das hat was!“ Winnetou war eh langweilig…  😉

Früher, wenn ich in so einer „Ohnmacht“ gefangen war, stellte ich mir immer die Frage, ob jemand weinen würde, wenn ich tot wäre. Diese Frage muss ich mir heute (dank meiner Kinder) nicht mehr stellen, sondern eben nur die quälende Frage, warum ich immer mehr die Kontrolle über mich und mein Leben verliere. Warum kann mich neuerdings in diesen Situationen nur ein starkes Beruhigungsmittel oder Alkohol wieder runter bringen? Was verdammt nochmal passiert da mit mir? Hat diese scheiß Therapie denn überhaupt nichts gebracht?

Doch hat sie. Sogar eine ganze Menge. Insbesondere die Erkenntnis, dass es jetzt endgültig Schluss ist und somit höchste Eisenbahn, etwas zu ändern. Und die Therapie hat mir auch gezeigt, wie schwer es ist, sich selbst zu besiegen und auch, wie schwer es ist, am Ende auch das anzunehmen, was die Therapeutin einem sagt … und sie hat eine Menge Dinge gesagt, die mir zu diesem Zeitpunkt nicht in den Kram passten.

Ich habe das, was in den letzten zwei Jahren passiert ist, die Angststörung, die Warnung meines Unterbewusstseins, meine ganzen körperlichen „Wehwehchen“, inklusive erheblicher Gewichtszunahme, auf die viel zu leichte Schulter genommen. So wie ich alles, was mir in meinem bisherigen Leben passiert, begegnet und widerfahren ist, auf die leichte Schulter genommen habe. Es hat mich geprägt und leitet mich noch heute (oft auch fehl). Ich habe nicht, wie mir von meiner Therapeutin angeraten wurde, besser auf mich aufgepasst, mich nicht geschont – Warum auch? – sondern mir, mit großer Klappe, nur noch mehr Scheiße auf die Schultern geladen, in der Hoffnung, dass keiner merkt, dass ich dass eigentlich alleine alles nicht mehr schaffe.

Jetzt haben wir den Salat, denn ich hab echt die Schnauze voll von diesem Leben, was ich bis Ende 2016 führte und was mir eine Zukunft mit Psychopharmaka, Alkohol, Autoaggression und reichlich Stroh im Kopf prophezeite.

NEIN, das muss anders… das muss alles neu! 🙁

Meine Therapeutin sagte, ich soll auf meine Intuition, auf meinen Bauch und endlich auch auf mein Herz hören. Endlich dahin gehen, wo es mich schon immer hingezogen hat. Mich von Dingen und Menschen trennen, die mir nicht gut tun. Ich soll mich nicht mehr emotional auf die Palme bringen, manipulieren oder erpressen lassen. Ich sollte zur Kenntnis nehmen, dass ich inzwischen erwachsen bin und tun und lassen kann, was ich will. Und vor allen Dingen sollte ich lernen zu unterscheiden, wer die Guten und die Bösen in meinem Leben sind … ja, selbst das kann ich zu diesem Zeitpunkt (mit Ausnahmen) nicht richtig erkennen.

Geben Sie nicht auf…

Lassen Sie sich nicht von falschen Gefühlen in die Irre leiten …

Nutzen Sie weiterhin Ihre Talente …

Nehmen Sie keine falsche Rücksicht…

Nehmen Sie mehr Rücksicht auf sich selbst…

… und kaufen Sie auf gar keinen Fall das Haus Ihrer Großmutter!

Tun Sie lieber das, was Sie schon immer tun wollten, aber es aus Rücksicht anderen gegenüber niemals in Erwägung gezogen haben!

Ich dachte damals „Fuck you!“ als sie das sagte… 😮

Sie hat noch ganz viele Dinge gesagt, die ich tun oder nicht tun sollte und ich habe nicht auf sie hören wollen.

Doch heute weiß ich, sie hatte Recht!

Man kann sich auf Dauer nicht zwingen, etwas anderes zu fühlen als man fühlt, man kann sich nicht zwingen, sich etwas anderes zu wünschen als man sich wünscht, man kann auch nicht sich zwingen, etwas anderes zu denken als man eben denkt. Von Liebe und Vertrauen rede ich erst gar nicht, das ist in meinem Fall wirklich ein ein Thema für sich (… zu dem auch noch eine Menge Romane folgen werden). 😀

Man kann nur mit den Jahren lernen, vor allem unehrlich zu sich selbst zu sein, nach außen hin perfekt zu funktionieren (und ich bin eine ganz schlechte Schauspielerin), künstlich zu lächeln, auch wenn einem nicht zum Lächeln zumute ist. Mit aufgesetzten Scheuklappen durchs Leben hasten, keine Kontakte zulassen, sich selber ausgrenzen und hoffen, dass man irgendwie heil durch diese Welt voller Dämonen kommt. Man nimmt unangenehme und verletzende Situationen unkommentiert hin, weil man sich einredet, sie ohnehin nicht ändern zu können. Wer sich wehrt, verliert und wer ehrlich und aus tiefstem Herzen liebt, hat sowieso auf Lebzeiten verkackt.

Man kann nicht auf Dauer nur noch funktionieren, (in ständiger Angst) vor sich hin existieren und das Leben nur noch seinen Kindern (und Mann) zuliebe „ertragen“, und hoffen, dass es irgendwann von alleine besser wird…. denn genau das wird irgendwann unerträglich und macht (mich) krank.

Und übrigens: Man kann sich auch nicht zwingen, sich an einem Ort zu Hause fühlen, nur weil es lt. Herkunft (und Einwohnermeldeamt) die offizielle Heimat ist. Der Ort in dem ich lebe, ist seit über drei Jahrzehnten meine „Heimat“. Allerdings ist es auch die Heimat all meiner persönlichen Dämonen. Und diese Dämonen verschwinden nie, sie lauern überall, hinter jedem Baum, hinter jeder Bushaltestelle und hinter jedem Flüstern, hinter meinem Rücken. Diese Dämonen greifen bei jeder Gelegenheit nach mir, um mich wieder an ihre Existenz zu erinnern. Kalenborn, Vettelschoß, die Straßen, die Häuser, die Stimmung, die Luft, die Menschen … natürlich nicht alle, definitiv nicht alle  … doch ich kann es nicht leugnen, das alles macht mich krank!

Ich gehe, wie gesagt, in diesem Jahr auf die magische Vierzig zu und fühle, dass es wirklich an der Zeit ist, zu handeln. Und ich fühle auch, dass es mit ein paar kleinen Änderungen, wie ein paar ärztlichen Verordnungen, einem klassischen Wohnungswechsel ins nächste Dorf, ggf. gepaart mit einigen Kontaktabbrüchen, Yoga, Autogenem Training, Feng Shui & Co., einer Ernährungsumstellung, ein bisschen mehr Sport und dem ganzen anderen prophylaktischem Antistresskram bei mir definitiv NICHT getan ist.

Verdammt, ich muss weg hier! Raus aus dieser Dämonenheimat! Ich will nach Hause!

Doch wo ist das?

Ich war letztes Jahr ganz fasziniert von der Geschichte von Angelo Kelly. Lief bei „Goodbye Deutschland“. Er hat nach einem Zusammenbruch seiner Frau und eigenem drohenden Burnout seine Zelte in Bonn abgebrochen. Ganz nach dem Motto „Slow down“ zog er ein ganzes Jahr mit seiner ganzen Familie (und Kindern) per Wohnwagen durch Europa, um dann, back to the roots, sein Zuhause zu finden. Jetzt wohnen sie in einem kleinen Häuschen in Irland… wunderschöne wahre Geschichte! 🙂

Ich hab seine Story echt mit Tränen in den Augen verfolgt, weil ich diesen Mut und diese Entschlossenheit bewunderte und ebenfalls diese tiefe Sehnsucht nach einer großen Veränderung verspürte.

Mein Sandkastenfreund Oliver hörte vor einigen Jahren auch auf sein Herz, das während eines Besuches eines Cafés in Hamburg zu ihm sprach und ihn bat, die Zelte in seinem Wohnort Wuppertal abzubrechen und in die Hansestadt zu ziehen… einfach so. 🙂 Von Vettelschoß nach Ittenbach / Königswinter, von Ittenbach nach Wuppertal von Wuppertal nach Hamburg – auch so kann man sein Zuhause finden. Daumen hoch! Wahnsinn! 😀

Ebenso wie Dagmar. Sie hat italienische Wurzeln, und sie hat sich auch entschlossen, mit ihrem Sohn nach Italien zu ziehen, eben weil sie sich nur dort zu hause fühlte, obwohl sie vorher immer in Deutschland gelebt hat. Großartige Entscheidung, die ich sehr bewundere.

Auch ich hatte diese Sehnsucht nach dem Zuhause-Gefühl, welches ich nur an einem ganz bestimmten Ort empfinde. Aber ich kann hier ja nicht weg. Ich habe Kinder, einen Ehemann und Familie, die mir alleine die Idee ganz sicher sehr übel nehmen würden…

Ja, so dachte ich seit Jahren…

Bis ich in der Silvesternacht eines Besseren belehrt wurde. Ich war (zugegeben) etwas angeschwipst, als ich und mein Mann in melancholisches Neujahrsgelaber verfielen und uns vorstellten wie das Jahr 2017 wohl werden würde. Was stand uns bevor? Das Thema Hauskauf war ja ohnehin schon vom Tisch. Und irgendwie stellte er mir so eine Frage, wie:

„Wenn du auf niemanden Rücksicht nehmen müsstest, was würdest du machen und wo würdest du hin wollen?“

Meine Antwort:

„Ich würde meine Sachen packen, mit meiner Familie nach Nordfriesland (nähe Niebüll/Leck) ziehen, dort ruhiger und stressfrei leben, meine Romane schreiben und natürlich regelmäßig Schafe über die Deiche jagen.“

(Zur Info: Dieses Vorhaben stand eigentlich erst mit Beginn meines Ruhestandes auf dem Plan)

Seine Antwort:

„Hm, auf mich musst du da keine Rücksicht nehmen, ich wäre dabei. Ich habe dort oben ja auch meine Wurzeln. Ronja ist sowieso immer und überall mit Freude dabei. Aber was ist mit Hanna?“

Ich fragte daraufhin meine große Tochter Hanna. Ihre Antwort:

„Ja cool! Ein Luftkurort, vielleicht bin ich da auch nicht mehr so oft krank! Und wenn ich noch meinen Abschluss hier fertig machen könnte, wäre das super! Und nur, wenn wir ein Badezimmer mit Badewanne bekommen!“

Ich:

„WTF?!“

Tja, das ist jetzt Pech für alle Beteiligten, dass ich dann am 01.01.2017 entschieden habe, dass aus der „Schnapsidee“ jetzt Ernst wird.

Ja, wir machen es.

Wir nehmen einstimmig „Rücksicht“ AUF MICH und wandern nach Nordfriesland aus! Warum gerade die Ecke Leck / Niebüll  ist eigentlich nicht schwer zu erklären. Es ist auch ein wenig „back to the roots“. Meine Mutter ist in Leck geboren, meine verstorbene Oma kommt von da oben und es tummeln sich auch noch einige weit entfernte Verwandte dort oben herum, aber auch enge Verwandte. Ich habe einen Onkel, Cousin, Cousine die auf Sylt wohnen und meinen Opa, der in Flensburg wohnt, Patentante und Patenonkel aus Großsolt und nicht zu vergessen, mein Freund Oliver aus Hamburg. Außerdem hat mein Mann heute erfahren, dass seine Vorfahren auch aus Nordfriesland kamen und dann ihre neue Heimat auf der Insel Fehmarn an der Ostsee gefunden haben.

Wir sind eben vom Herzen her Nordlichter und werden es wohl immer sein, in Zukunft leuchten aber auch wir an der Küste.

Ja, Entscheidungen treffen kann ja so einfach sein… es muss einfach nur mal so richtig fett alles falsch und richtig scheiße laufen, inklusive weihnachtlichem Durchdrehen und Dauervollrausch.  😀

So jetzt ist es raus. Im Sommer 2017 geht es los, denn da ist meine große Tochter mit der Schule fertig und kann dann im September direkt in der Oberstufe des Niebüller Gymnasiums weitermachen.

Ich werde Euch bei diesem Vorhaben auf dem Laufenden halten, alle Schritte dokumentieren und über alles berichten, denn ich glaube, das wird eine echt lustige, chaotische und organisatorisch katastrophale aber auch spannende Angelegenheit. Wer weiß, wenn ich … wen wir … mit diesem Vorhaben inspirieren werden. 😀

Ja, das alles zu bewerkstelligen wird eine große Herausforderung, das ist gar keine Frage, aber der stelle ich mich gerne. 😀

Tja…

Letztes Jahr im Sommer schrieb ich noch, dass ich ein bisschen mehr Norden in meinem Leben brauche, um mich besser zu fühlen und zimmerte mir mit wenigen Handgriffen eine maritime Terrasse zurecht, jetzt weiß ich, dass ich meine Terrasse rund 700 Kilometer verlegen muss, um tatsächlich unbeschwert leben zu können.  😀

Das ist zumindest mein Ziel! 🙂

Ich stelle gerade fest, dass ich beim Schreiben den emotionalen Part gerade komplett ausblende. Ja natürlich, es gibt Menschen, die ich sehr, sehr vermissen werde… und die, die ich meine, die wissen das auch … und mir kommen die Tränen, wenn ich an sie denke.

Aber wir sind ja nicht aus der Welt… bei uns kann man nämlich in Zukunft dann auch Urlaub machen!

Also, merke Dir:

Wenn du unglücklich bist und nicht weißt was du willst, dann stelle dir einfach folgende Frage:

„Wenn du auf niemanden Rücksicht nehmen müsstest, was würdest du machen und wo wärst du dann gerne?“

Bis bald!

Hier noch der passende Song von Angelo Kelly … berührt mich sehr. 🙂

Über das Alleinsein und einer dramatischen Begegnung (mit mir selbst?)

Zur Info:

Ich schreibe seit drei Wochen an diesem Blogbeitrag, musste aber leider immer wieder pausieren, um nicht wieder schriftlich Amok zu laufen. Ich bin manchmal so ungehalten und schreibe dann Dinge, die mir am nächsten Tag wieder im Hals stecken bleiben würden. Aber ich denke, dass ich inzwischen wieder in der Lage bin, mich auf sachlicher Ebene zu artikulieren… 😀

Manometer, hier ist was los …

Letztes Mal als ich schrieb war „nur“ noch kein Land in Sicht und jetzt ist das Land in noch weitere Ferne gerückt und ich hab nur noch Dauersturmflut…

Zu allem Übel habe ich kürzlich erfahren, dass ich hier ganz alleine auf meinem Schiff in dem tosenden Meer sitze. Nee, mein Mann wollte auch dieses Mal nicht mit – wollte er noch nie. Gemeinsam Lösungen für (meine) Probleme zu suchen ist ihm zu anstrengend, da hat er kein Bock drauf. Das überlässt er mir alleine, weil es ja MEINE Probleme sind und ICH ja neben der Spur laufe. Nicht seine Baustelle. Dass er selbst Verursacher einer solchen Baustelle sein könnte, sieht er nicht ein. Er will am Ende nur vernünftige Ergebnisse sehen, ganz egal, wie oder was ich mache.

Diese komische Einstellung habe ich mir sogar schriftlich (mit Datum und Unterschrift) von ihm geben lassen, damit am Ende keine Klagen kommen, wenn ich dann doch noch die Scheidung einreiche …

S-C-H-E-R-Z!

Ich habe den Schock (weitgehend) überwunden und wir haben uns inzwischen wieder vertragen ….

Soll mein Mann doch weiterhin an der Sonnenseite des Lebens am Strand liegen, mir von dort aus fröhlich zuwinken und leicht bekleideten Frauen hinterher schauen …es soll ihm niemals schlechter gehen! 😀

Ich kriege das (wie immer) alleine hin … welcome to my life!

Seine Haltung bestätigt mir allerdings wieder meine Einstellung zu zwischenmenschlichen Beziehungen und Freundschaften: Jeder ist am Ende (mit seiner Gefühlswelt) alleine…

… was mir inzwischen aber auch egal ist!

Apropos alleine…

Zum Thema Alleinsein hab ich echt ein Ding erlebt, was nun schon seit zwei Wochen darauf wartet erzählt zu werden, kommt auch gleich, zunächst zu meinem aktuellen Istzustand:

Mein Leben gleicht also einer Sturmflut. Dieses ständige Auf und Ab macht mich zwar im Moment ziemlich Seekrank und ich könnte den ganzen Tag nur noch endlos kotzen, aber ich bleibe standhaft. Ich versuche weiterhin die Orientierung wiederzufinden, die ich in dem Stress der letzten Wochen wieder einmal verloren habe. Und ich habe so gar keinen Plan in Sachen Schiffsnavigation. Ich kann ja nicht mal rechts von links unterscheiden. Das heißt, ich greife nach allem, was nach Wegweiser aussieht (auch wenn es gar keiner ist), stolpere hierbei von einem Extrem ins andere, weil ich einfach nicht weiß, was richtig ist und was nicht.

Immer dieses C-H-A-O-S in meinem Kopf … da bekommt das Wort „Mindfuck“ eine vollkommen neue Bedeutung…

Beispiel: Vor einigen Wochen hatte ich einen Alptraum. Ich träumte, ich würde durch einen Baumarkt laufen und Gartenmöbel verkaufen. Ich träume oft diesen Traum, dicht gefolgt von einem ähnlichen Traum, der sich aber in einem Klassenzimmer abspielt. Ich sitze im Unterricht und habe entweder meine Hausaufgaben nicht gemacht oder aber für eine Arbeit nicht gelernt. Ich habe diesen nächtlichen Horror „Träume vom Scheitern“ getauft. Ja, in diesen Träumen ist das Grundgefühl das Scheitern (denn, wenn ich wieder in einem Baumarkt arbeiten müsste, dann nur, weil ich als Texterin gescheitert bin) oder die Angst, wie damals in der Schule, vor dem ständigen Versagen. Niemals wollte ich wieder in einem Baumarkt arbeiten. Nach dem traumatischen Erlebnis in dem Job als Behindertenrassistin (ich werde bald Mal ausführlicher darüber schreiben) war ich plötzlich so neben der Spur und ernsthaft überzeugt, dass es eine absolute Top-Idee ist, wieder in meiner alten Firma (ein Baumarkt eben) anzufangen. Zwei Tage später saß ich bei meiner ehemaligen Chefin und schmiedete mit ihr diesbezüglich Pläne für Ende des Jahres …

Heute könnte ich mir für diese vom Verstand gesteuerte Handlung auch wieder eins auf die Fresse hauen …

Nein, ich werde nicht scheitern! 😀

Über den ganzen Sinn und Unsinn meiner beruflichen Neuorientierung, inkl. Vorstellungsgespräche und Eignungstests erzähle ich ein anderes Mal, dieses Kapitel war wirklich hausgemachter Psychoterror ohne wirklichen Nährwert.

Zusammengefasst kann man sagen …

Ich bin im Moment der Spielball meiner selbst. Weiß nicht was, wie, warum und wohin. Bauch und Herz kämpfen gegen meinen Verstand und umgekehrt, pausenlos und grenzenlos. Und ja, ich finde, ich habe in den letzten Wochen eine Menge Grenzen überschritten … auch die auf meiner Waage! 🙁

Ich treffe Entscheidungen, die von meinem ach so schlauen Verstand gesteuert werden, (weil die Gesellschaft und mein Umfeld das von mir erwartet) und ich bereue diese Entscheidungen am Ende, weil alle anderen für Emotionen verantwortlichen Systeme Alarm schlagen und mich körperlich Ohrfeigen. Das irritiert mich, verunsichert mich, macht mir Angst, es treibt mich in den Suff (früher habe ich zweimal im Jahr Alkohol getrunken, jetzt trinke ich das Zehnfache) und macht mich vor allem fett.

Von den Kurzschlusshandlungen ganz zu schweigen…

Ja, meine kopflosen Gefühlsentscheidungen sind zwar unglaublich anstrengend und auch für mich selbst schwer zu ertragen, aber sie sind ehrlich. Ehrlich war auch, meine (in einem Zustand höchster Erregung) voll ernst gemeinte Wohnungssuche in Schleswig Holstein, was vielmehr die ernst gemeinte Flucht vor einer Dauersturmflut und meinem gefühlten Untergang war.

Idealerweise sollte diese Flucht auf einer Hallig oder so enden…

War auch eine Erfahrung, wie ich reagiere, wenn das Fass auch auf Beziehungsebene überläuft…

Hab mich inzwischen auch dahingehend wieder eingekriegt…

Auch eine Kurzschlusshandlung war das spontane Löschen meines Facebookprofils …

Facebook raubt Zeit … Facebook irritiert mich… macht mich wütend … macht mich paranoid … ich lese ständig geheime Botschaften, die am Ende doch gar keine waren oder gar nicht für mich bestimmt  … auch interpretiere ich ständig Dinge in Postings anderer Menschen, dass ich mir manchmal einbilde zu wissen, was sie gerade fühlen und ich fange mir an Sorgen zu machen … außerdem musste ich mal kurz untertauchen, weil ich die Rache eines Mannes fürchtete, der einen Zettel mit meinen Namen und Telefonnummer(n) bei seiner Frau gefunden hat … 😮

Ja, das waren wirklich aufregende Stunden, wie wir miteinander hatten… 😀

Ja, auch dieser Teil der  Geschichte folgt zugleich…

Nach ganzen vier Tagen habe ich mein Facebookprofil dann doch zurück gelöscht … mir fehlte das (scheinbar) sinnlose und zwanghafte Verbreiten meiner persönlichen Lieblingssongs.  😀

Wo war ich?

Kurzschlusshandlungen…

Ich gebe zu, Kurzschlusshandlungen sind nicht die optimale Lösung, um Ordnung in das eigene Leben zu bringen, sondern sind eher der Auslöser für noch mehr Chaos und noch größere Explosionen … aber scheinbar brauche ich diese wichtigen Explosionen, um mich selbst wieder wahrzunehmen.

Meine innere Stimme ist jedenfalls im Moment ziemlich agro …

Und ich weiß, dass meine innere Stimme ständig versucht, zu mir durchzudringen, doch sie wird vom bedrohlichen Grollen des Alltags verschluckt. Ich muss gefälligst funktionieren, damit das Leben hier in geordneten Bahnen läuft und ich allen Beteiligten gerecht werde. Außerdem habe ich Kinder, da kann ich nicht einfach alles anhalten (oder hinschmeißen), nur um irgendeinem dünnen Stimmchen zu folgen, dass meint alles besser zu wissen!

Meine Therapeutin ist darüber natürlich „not amused“ …

Zur Erinnerung: „Frau Lahr, Sie müssen auf Ihre innere Stimme, auf Ihr Herz und auf Ihren Bauch hören! Anders geht es nicht. Alles andere macht auf Dauer krank!“

JA!

FUCK!

MANN!

ICH WILL DAS NICHT HÖREN!

Bei der letzten also 25. Therapiestunde kamen mir übrigens fast die Tränen. Das war in dem Moment, als mir klar wurde, dass sie mich tatsächlich guten Gewissens ziehen lassen will. Das machte mir plötzlich Angst. Sie lässt mich gehen, weil sie sich sicher ist, dass ich nun weiß, was ich zu tun habe, um meine Ängste in den Griff zu bekommen. Stimmt, das weiß ich. Aber auch wenn ich den Sinn dieser Gesprächstherapie oft angezweifelt habe, war sie seit einem Jahr, alle zwei Wochen, 50 Minuten lang Teil meines Lebens und gab mir das Gefühl, (wenn auch bezahlt) nicht alleine zu sein. Für sie war der ganze Scheiß in meinem Kopf eine Mischung aus Licht und Gabe, umhüllt von einer immer wiederkehrenden Finsternis, die ich nicht fürchten, sondern mit der ich mich anfreunden sollte. Sie sagte, diese Finsternis sei ein wichtiger Teil von mir. Ich muss nicht therapiert werden… ich muss Bücher schreiben… viele Bücher. Ja, meine Therapeutin liebte „Sonst wird dich der Jäger holen“ und sie liebte es, wenn ich von meinen unzähligen Romanideen erzählte …

„Tun Sie das, was sie am besten können und was Sie lieben – schreiben Sie Frau Lahr! Ihre Romanideen sind einzigartig…!“

Und plötzlich war diese Frau, die mir oft echt auf die Nerven gegangen ist mit ihren Hinweisen und Tipps, der einzige Mensch auf der Welt, der offenbar verstanden hat, wer oder was ich bin, warum ich so bin und auch immer sein werde? :-o

„Kann ich die Therapie auch verlängern… ?“

„Weil Sie denken, Sie schaffen es nicht alleine…?“

„Nein … weil ich …  ach vergessen Sie´s. Keine Verlängerung!“

„Melden Sie sich einfach, wenn Sie wieder Hilfe brauchen… ansonsten freue ich mich auf ihren nächsten Roman… geben Sie Gas!“

Ja, und dann stand ich da, in mir und um mich herum nur Chaos, welches zu diesem Zeitpunkt noch gepushed wurde durch eine Menge anderer Faktoren. U. a. warf mich der Selbstmord von Blogger Johannes Korten völlig aus der Bahn. Das Warum ist zu komplex, um es in Worte zu fassen. Es nicht sein Tod, sondern die letzten Worte, die er in seinem letzten Blogeintrag geschrieben hatte, die mich trafen. Wer sie lesen will, die gibt es hier.

Ich war unendlich traurig, dass es wieder einmal einen Menschen gibt, der sich von diesen verfluchten Dämonen der Finsternis hat alle Hoffnung nehmen lassen. Ich kann absolut nachvollziehen, was ihn quälte … habe aber absolut kein Verständnis für seine Tat. Ich bin, was das Thema betrifft ohnehin ein Grenzgänger. Das Thema Suizid und Selbstmord ist immer noch ein Trauma und so tief in meiner Seele verankert, dass ich bei jedem einzelnen Fall, von dem ich lese oder höre, so extrem reagiere, dass mir die Tränen kommen.

Liegt vielleicht daran, dass ich eben auch schon mal da an diesem schrecklichen Ort der Hoffnungslosigkeit war und  weiß, wie es ist, dazustehen und in diesen Abgrund zu blicken, der Dir Erlösung verspricht… ich weiß aber auch, dass niemand sich diese Form von Erlösung wirklich wünscht, sondern eigentlich nur das Wunder herbeisehnt, keinen seelischen Schmerz mehr zu empfinden. Und als Johannes Korten „nur“ verschwunden war und es noch Hoffnung gab, stellte ich mir selbst die Frage, was ich tun würde, wenn ich (als Fremde) ihn lebend finden würde…

Was ich getan hätte?

Ihn umarmt und festgehalten …

Ich weiß, leichter gesagt …

Ja, ich bilde mir ein, dass man diesen Menschen, der so einen Entschluss fasst nur festhalten muss … nicht mit Worten… nicht mit psychologischen Gequatsche. Mit Liebe… mit einer liebevollen Umarmung … mit einer zärtlichen Geste … menschliche Wertschätzung … Verständnis… das Weitergeben von positiver Energie, die der andere durch seine eigenen Dämonen verloren hat. Ich weiß, das eine Umarmung vieles lindern kann, denn ich habe es selbst erlebt… diese Geschichte ist zu finden unter  „Der Psychopath und ich Teil III“

Und das genau dieses Thema mich in einem August 2016 noch einmal so leibhaftig einholen würde, darüber bin ich immer noch fassungslos… aber nicht wegen Johannes Korten, sondern wegen einer jungen türkischen Frau namens SAMIRA (Name und Herkunft geändert) … eben diese Geschichte, die ich erlebt habe und zu Beginn schon erwähnte, diese erzählen zu wollen.

Warum will ich sie erzählen? Damit BITTE, BITTE, BITTE vielleicht der Nächste, der einer hoffnungslosen (fremden) Person begegnet es ebenso macht …

Liebe hilft!

Auch bei einem Menschen, den man niemals zuvor gesehen hat…

… und übrigens auch völlig egal welcher Nationalität und Religion!

Es folgt also:

Samira – eine dramatischen Begegnung (mit mir selbst?)

Echt seltsam, was einem (mir) so passiert …

Noch seltsamer, was es in mir auslösen kann…

Wie gesagt, in den letzten Tagen und Wochen jagte ein Ereignis das Nächste und ich kam einfach nicht dazu, das Ganze irgendwie zu sortieren und zu verarbeiten. Ganz zu schweigen von der ständigen Sinnsuche, ganz nach dem Motto: „Es heißt ja immer alles hat einen Sinn, also was will das Schicksal, das Leben oder (von mir aus) auch das Universum mir mit diesem Hinweis sagen?“

Beispielsweise suchte ich dann auch die Antwort auf die Frage, welchen Sinn es hatte, dass mir an einem Mittwoch Abend beim Joggen meine Sporthose bei Kilometer 2,5 reißt – und bitte, die SINNSUCHE hier ist NICHT gleichzusetzen mit dem GRUND.  Denn der Grund war ganz klar die „Wurst in der Pelle“. Das Material meiner (zwei Nummern zu kleinen) Sporthose gab nach und riss zwischen den Beinen. Denn Sinn könnte ich jetzt im Nachhinein so interpretieren, dass ich am Mittwoch NICHT joggen gehen sollte, weil es dem Schicksal am Donnerstag viel besser in den Kram passte, denn da wartete ja eine besondere Begegnung auf mich.

Also, nachdem ich mir Donnerstag Nachmittag eine neue Hose kaufte, nahm ich mir vor, die verpatzte 45-Minuten- Runde vom Vorabend wieder nachzuholen. Ich lief somit im Grunde genommen nicht nach Plan. Gegen 18.30 Uhr verließ ich mit lauter Musik auf den Ohren und Runtastic im Gepäck das Haus … und kam erst 3  Stunden (!) später wieder…

Was passierte?

Ich war ziemlich unausgeglichen an diesem Abend. Der übliche Stress, inklusive Kurzschlusshandlungen, ein Kater vom Vortag wegen außerplanmäßigen Trunkenheit, die Erkenntnis, dass zwei Monate Angestelltenverhältnis mir noch mehr Energie geraubt und dafür mehr Kilos beschert hatte, nicht zu vergessen, die Gewissheit, ein Problem nicht lösen zu können, weil das Problem selbst nicht zu Gesprächen und Kompromissen bereit ist … mit anderen Worten: Joggen war an diesem Abend die beste Lösung!

Lief gut mit der neuen Hose (deren Größe ich nicht verraten kann, weil ich sonst wieder heulen muss). Der einsame Wald lud mich zu neuen Höchstleistungen ein. Die Sonne schien, es war schwül feucht und die Mücken störten ein wenig. Bei Kilometer 2,5 km (in etwa da, wo mir am Vortag die Hose riss) befand sich eine Holzsitzbank. Manchmal verschnaufe ich da für zehn Sekunden und trinke ein Schluck Wasser, meistens aber nicht. An diesem Abend sah ich bereits aus der Ferne, dass die Bank besetzt war. Ich konnte nur nicht so recht erkennen von wem und in welcher Art und Weise, denn es war kein Kopf zu sehen. Vorsichtshalber zog ich mir den rechten Stöpsel meiner Kopfhörer aus dem Ohr, um auf das Unvorbereitete vorbereitet zu sein. Spaziergänger mit einem knurrenden Hund, kichernde Kinder auf Fahrrädern, Alkohol trinkende Halbstarke und die dazugehörigen pöbelnde Teenie-Weiber oder aber auch zwei Liebende, die dort auf Tuchfühlung gingen… alles schon gehabt.  😀

Ich näherte mich der Bank, erkannte eine darauf liegende Person. Es war eine Frau, geschätzt Mitte dreißig,  die, mit dem Rücken zum Waldweg gedreht, lautstark telefonierte… zumindest dachte ich, sie würde telefonieren … bis zu dem Zeitpunkt, als ich feststellte, dass sie nicht telefonierte, sondern ins Leere schrie. Als sich das Schreien plötzlich als lautes Weinen entpuppte, blieb ich wie angewurzelt stehen. In der ersten Sekunde ereilte mich so etwas wie eine Schockstarre… mein Gehirn versuchte die Situation zu erfassen und eine sinnvolle Handlung auszulösen… vielleicht hatte sie einen Unfall, war gestürzt, schwer verletzt. Ich löste mich aus der Starre und rannte zu ihr, befreite mich noch im Lauf von meinem Kopfhörer Wirrwarr, zog meinen Laufrucksack aus und beugte mich klopfendem Herzen und einer unterschwelligen Panik über sie. Ich sprach sie mit den Worten an: „Oh Gott, was ist passiert? Sind Sie verletzt? Kann ich Ihnen helfen?“

Ihre Augen waren von Tränen gefüllt und vom Weinen  so geschwollen, dass sie mich zuerst nicht sah. Ihre Klageschreie an Allah, in einer Sprache, die ich nicht verstand, waren so laut, dass sie mich nicht hören konnte.  Noch nie habe ich jemanden so weinen gehört … (außer mich selbst als ich mal sterben wollte). Diese Hoffnungslosigkeit in ihrer Stimme zerriss mir das Herz und pumpte mich gleichzeitig voll Adrenalin. Ihre Verzweiflung machte mir Angst, diese Situation machte mir Angst und ich wusste nicht, ob ich ihr gewachsen war.

Ich werde diese Schreie wohl nie wieder aus meinem Kopf kriegen. Nachdem ich augenscheinlich keine Verletzungen entdecken konnte, berührte ich sie sanft an den Armen. Eine Art Streicheln. Sie zuckte erschrocken zusammen, riss die Augen auf und ich war bereit mir eine Tracht Prügel von ihr einzufangen, weil ich sie ohne Erlaubnis anfasste. Inzwischen kniete ich über ihr und wiederholte meine Frage, bekam aber keine Antwort, sondern blickte nur in dieses erschrockene Gesicht, durch das nur noch mehr Tränen liefen und in dem plötzlich Panik stand. Ihre Arme ruderten ziellos durch die Luft, versuchten halbherzig nach mir zu schlagen. Und plötzlich wusste ich was zu tun war, ohne, dass ich  wirklich darüber nachdachte … unüberlegt, instinktiv… vom Herzen gesteuert. Ich legte ihr sanft meine Hände auf ihre Tränen nassen Wangen und sagte leise aber deutlich : „Hey, ich bin für dich da. Ich will dir helfen. Was hat man dir getan, dass du so traurig bist?“

Ich war mir nicht sicher, ob sie mich verstand, weil sie mir nicht antwortete, sie blickte mich nur ungläubig an und schien plötzlich wie erstarrt. „Ich heiße Nicole und wer bist du?“ Ich fing an ihr liebevoll die Haare aus dem Gesicht zu streichen, und streichelte ihr über Gesicht und Haare. Auch hier hätte ich jederzeit damit gerechnet, mir eine einzufangen. Aber sie regte sich nicht und blickte mir lange in die Augen. Unsicher, ob sie meine instinktive Form der Hilfe annehmen wollte, hielt ich inne und zog dann meine Hand zurück. Was sie dann tat, trieb mir selbst die Tränen in die Augen. Sie griff nach meine Hand, legte sie wieder auf ihre Wangen, fing wieder laut an zu weinen und umklammerte schließlich meine Arme. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis ich auch diese Geste verstand, mich zu ihr setzte und sie in den Arm nahm und ganz fest hielt. In der nächsten Minute lag eine Frau, die ich nicht kannte, wie ein kleines Kind mit ihrem Kopf auf meinem Schoß, umklammerte meine Hände und heulte sich die Augen aus. Ich tröstete sie schweigend und mit all meinem Mitgefühl, der Nächstenliebe und was sonst noch so an Emotionen aus mir rauskam … bis sich plötzlich mein nervtötender Verstand einschaltete. Und mein Verstand schickte mir so emotional unintelligente Impulse wie:

„Spinnst du? Was machst du hier? Kuschelst hier mit einer fremden Frau auf einer einsamen und verlassen Bank im Wald. Du hast doch schon längst gerochen, dass sie betrunken ist. Ist doch klar, was folgen wird. So wie die drauf ist, ertränkt sie sich nachher im Kratersee, schneidet sich die Pulsadern auf oder gerät unter einen Lastwagen. Vielleicht hat sie auch Stress mit ihrem Mann, der bereits nach ihr sucht. Was wird er wohl tun, wenn er euch so findet? Ruf die Polizei oder einen Krankenwagen, die ist reif für die Klapse. Das hier ist nicht Dein Problem, Schätzchen!“

Woraufhin mein Herz meinem Verstand antwortete:

„Halt die Klappe! Sie sie dir an, sie braucht einfach jemanden, der sie festhält, der sie wertschätzt und ihr das Gefühl gibt nicht alleine zu sein. Jemand der aufpasst, dass ihre Dämonen sie nicht in den Abgrund reißen. Ich werde herausfinden, was ihr fehlt und was passiert ist und dann entscheide ich (gerne auch gemeinsam mit Dir, Verstand) , was zu tun ist.“

Und so versuchte ich zunächst langsam herauszufinden, ob sie mich überhaupt verstehen und Deutsch sprechen konnte. Konnte sie. Ich versuchte herauszufinden, wer sie war und wo sie wohnte. Auch fragte ich sie nach einem Handy, damit ich für sie jemanden anrufen konnte, der sie vielleicht vermisste. Sie hatte nichts bei sich. Weder Schlüssel, Handy noch Portemonnaie. Zum Test, wie sie reagierte, wenn ich ein Handy in die Hand nahm, rief ich meinen Mann an, um ihm zu sagen, dass er sich keine Sorgen machen sollte, ich würde etwas später kommen. Als ich das Telefon an mein Ohr hielt, sah ich wieder Panik in ihren Augen…

„Bitte niemanden wegen mir anrufen, ich bin gleich wieder okay! Ich heiße Samira.“

Ich fragte sie, was und wie viel sie getrunken hatte und es war nicht bedrohlich. Sie konnte mir sogar sagen, wie sie hieß und woher sie kam, wollte mir aber zunächst nicht erzählen, was passiert ist. Ich schlug ihr vor, ein paar Schritte mit ihr zu gehen, um zu sehen, ob sie noch gangtauglich war. War sie. Doch nach einigen Metern fiel sie plötzlich weinend vor mir auf die Knie fiel und umklammerte meine Beine …

„Geh nicht weg, lass mich nicht alleine! Ich hab doch niemanden!“

Mein Verstand: „Die ist Psycho! Das ist nicht Deine Baustelle hier! Ruf die Polizei!“

Mein Herz: „Scheiße, voll Déjà-vu! Betrunken im Dreck liegen und jämmerlich um Hilfe flehen … es geht sogar noch tiefer, muss aber nicht!“

„Steh bitte auf! Da unter gehörst du nicht hin! Deine Hose wird ganz dreckig.  Ich gehe nicht weg. Aber du musst mir sagen, was passiert ist, damit ich weiß, wie ich dir helfen kann… okay?“

„Okay…!“

Und so erfuhr ich nach und nach ihre ganze schreckliche Geschichte und auch den Grund, warum sie betrunken auf dieser Bank gelandet ist. Leider kann ich nicht viele Details nennen, das würde sie möglicherweise verraten und in noch größere Schwierigkeiten bringen. Aber ich kann soviel sagen, dass der Alkohol ihr Mut gab, um den Entschluss zu fassen, aus einer Hölle zu fliehen. Ihre Hölle ist das Alleinsein, der Glaubensirrsinn und ein brutaler Ehemann, der ihr schon seit ihrem 14 Lebensjahr das Leben zur Hölle macht. Die Bank und ihr Zustand jedoch stoppten sie und es kam die Hoffnungslosigkeit zurück. „Wo soll ich denn hin? Ich habe doch niemanden außer ihn! Ich bin alleine! Er wird mich finden …“

Fuck, wie ich das kenne…

3 Stunden haben wir geredet …

Ich habe wirklich alles versucht, um sie nicht von ihrer Entscheidung zu flüchten abzubringen. Ich habe ihr sogar Unterschlupf bei uns zu Hause angeboten. Ich wollte mit ihr zur Polizei gehen, ins Frauenhaus … aber es war am Ende vergebens. Je nüchterner sie wurde, desto klarer wurde auch, dass sie das Alleinsein in Freiheit mehr scheute als die religiöse Hölle, in der sie jetzt lebte. Sie hatte Angst.

Ich habe irgendwann aufgegeben…

Ich habe mich allerdings nicht davon abbringen lassen, sie nach Hause zu bringen. Ich wollte wissen wo sie wohnte, wie sie lebte und inwieweit sie wirklich Herr ihrer Sinne war.  Ich hinterließ dort meine Kontaktdaten und verabschiedete mich. Als sie mich zum letzten Mal umarmte, lächelte sie und sagte:

„Ich habe keine Freunde, ich habe keine Familie, ich habe niemanden und ich vertrauen auch niemanden… aber dir vertraue ich.“

Ich lächelte.

„Hey, kannst du nicht meine Freundin sein? Sag ehrlich!“

Mir verging das Lächeln …

Freundin? 😮

Nein, ich bin die schlechteste Freundin aller Zeiten. Ich bin nicht in der Lage für derartige zwischenmenschliche Verbindungen. Ich bin eigentlich überhaupt nicht gesellschaftsfähig … 

Und ich sagte: „Nun, vielleicht solltest du einfach mal eine Nacht darüber schlafen. Vielleicht wachst du morgen früh auf und denkst, ach du scheiße, was hat mich da gestern die komische blonde da so blöd voll gequatscht. Die weiß jetzt zu viel… Shit! Du hast meine Nummer, wenn du Hilfe brauchst, ich helfe dir. Ich helfe dir auch, wenn du dich trennen willst. Aber ich kann dir nicht versprechen, ob ich dir eine Freundin sein kann, weil ich einfach, wie du, ein sehr ausgeprägtes Vertrauensproblem habe… okay?“

(Vielleicht hätte ich auch nicht kürzlich den Horror-Film „Unfriend“ gucken sollen … 🙂 )

Ihre Antwort: „Okay!“

Dann ging ich und war froh, dass ich noch eine halbe Stunde Fußmarsch vor mir hatte…

In dieser Zeit musste ich mir wieder eine Reihe Vorwürfe meines Verstandes anhören, der mir weismachen wollte, dass ich absolut unverantwortlich gehandelt habe. Hier hätte professionelle Hilfe her gemusst. Außerdem habe ich wieder das Problem eines anderen zu meinem eigenen gemacht, was ich jetzt tagelang mit mir herumschleppen werde…

Papperlapapp!

Mein Herz sagte mir, dass diese 15 Minuten „Liebe“ und Trösten auf der Bank, inklusive der knapp drei Stunden vollste Aufmerksamkeit, ihr die Kraft und Wertschätzung gegeben hat, die sie brauchte, um wieder (zumindest für eine gewisse Zeit) wieder klar zu werden.

Ich habe ihr übrigens auch geraten, den nächsten Flucht – oder Trennungsversuch nüchtern anzugehen…

Und nun noch die Antwort auf die Frage, ob wir nun Freundinnen geworden sind und ob wir nochmal Kontakt hatten…

Nun ja…

Sie hat mir am nächsten Tag via Mail versichert, dass es ihr gut geht und alles wieder in Ordnung sei.  Ich bin mir sicher, es gab Ärger, weil ihr Mann meine Nummer zu Hause auf dem Küchentisch gefunden hat … die Anrufversuche auf meinem Handy waren eindeutig.

Mein Verstand sagt: „Siehst du das hast du jetzt davon! Nummer löschen! Facebook löschen! Ich sagte doch, halt dich da raus, ist nicht deine Baustelle!“

Mein Herz sagt: „Ich bleibe für sie auf Standby. Mehr kann und will ich nicht, denn das würde mir in der Tat nicht gut tun.“

Ich sag ja, hier ist was los…

Echt, im Moment bin ich schon etwas irritiert, was das Schicksal das für merkwürdige Spielchen mit mir treibt…

Ist am Ende vielleicht doch alles nur Zufall?

Zufall oder Schicksal – es ist auf jeden Fall spannend (und echt anstrengend), was das Leben so für mich an Prüfungen und Wegweiser auf Lager hat!

Bis bald…

Es ist einfach kein Land in Sicht …

Da bin ich wieder …

Mein heute gewähltes Titelbild bringt derzeit ein Gefühl zum Ausdruck, dass ich mit Worten nicht beschreiben kann… wer diesen GIF versteht, muss ein Seelenverwandter sein. 😀

Manometer, der Kessel ist bei mir gerade so am hüpfen, dass ich schon ein bisschen Sorge habe, dass er mir in Kürze um die Ohren fliegt …

Mein Leben gleicht gerade einem Irrenhaus…

Ein Ereignis jagt das Nächste, meine Verarbeitungskapazitäten laufen auf Hochtouren, schaffen das tägliche Pensum an Dramen nicht und prompt befinde ich mich wieder in einem Leben, dass (wie immer) nur noch aus Chaos und Stress besteht. Und wenn ich darüber nachdenke, dass ich eigentlich im August zwei Wochen Urlaub an der Nordsee machen wollte und auch diese Pläne über Bord geworfen habe, könnte ich heulen. Ich brauche verdammt nochmal ein bisschen Ruhe, ich muss nachdenken aber in einem Irrenhaus eben unmöglich …

Derzeit beschränkt sich mein Nachdenken wie in den Action-Szenen bei Indiana Jones, wenn der Felsbrocken sich unaufhaltsam in Bewegung setzt und innerhalb von Sekunden die Entscheidung getroffen werden muss, sich im richtigen Moment in irgendeine Felsspalte zu zwängen. Bei mir rollen derzeit unendlich viele Steine, es sind aber zu wenig Felsspalten da und in die meisten passe ich aus Übergewichtsgründen nicht rein…  😀

Aber zunächst die kurze Fortsetzung zum letzten Blogthema: „Über narzisstische Energie-Vampire und über psychische Überlebenskämpfe“

Ich befand mich in den letzten Wochen in einem ziemlich engen Kontakt mit einem Menschen, der lt. Mutmaßung meiner Therapeutin, unter einem ganz speziellen Fall von narzisstischer Persönlichkeitsstörung litt. Sie sagte, dass dies ein ganz gefährlicher Fall sei und dass ich diesen Kontakt so schnell wie möglich aus meinem Leben verbannen soll – diesem Menschen könne nur ein Psychiater und eine Psychotherapie helfen. In erster Instanz sollte ich mich sofort wehren und Grenzen setzen …

Meine Antwort: „Scheiße, das kann ich nicht! Das konnte ich noch nie!“ 😮

Ihre Antwort: „Sie müssen! Sonst sitzen wir sehr bald wieder hier, Frau Lahr!“

… und ich habe nur noch eine Therapie-Stunde abzusitzen. 🙂

Ich begab mich somit wieder in die Fänge des Narzisst, kriegte das mit dem Wehren aber immer noch nicht auf die Kette. Ich hatte nicht nur Angst vor der Konfrontation und den damit verbundenen Konsequenzen, sondern wurde auch immer noch von diesem unterschwelligen Verständnis und dem dazugehörigen Mitleid geleitet, ganz nach dem Motto:  „Menschen die so sind, müssen wirklich tot unglücklich sein!“

Ja, dieses Denken hielt ich mit aller Macht aufrecht, nur, um mich nicht in eine Auseinandersetzung zu begeben … bis zu der Sekunde, in der ich (durch die vom Narzisst stetig erfolgten Psychoterror) wieder an meine körperlichen und psychischen Grenzen gebracht wurde und inmitten dieses Erschöpfungszustandes plötzlich ein Gegenstand dicht an meinem Kopf vorbei flog.

Der Gegenstand war ein Portemonnaie …

Moment!

Der Narzisst warf wütend mit einem Portemonnaie nach mir, nur weil ich aufgrund eines Missverständnisses auf einem kostenpflichtigen Parkplatz geparkt hatte?

Tief durchatmen!

Es dauerte, bis mein Gehirn das gerade Geschehene verarbeitet hatte…

Ich glaube, das war mit einer der respektloseste Gesten, die mir je in meinem Leben entgegengebracht wurde…

Die Grenze des Ertragens wurde erreicht in … 3, 2, 1, P-E-N-G!

In Gedanken sah ich mich schon, wie ich dieser Person mit meiner seit knapp 8 Wochen angestauter Unsachlichkeit sämtliche Schimpfwörter (z.B. Arschgeige, Prinzessin auf der Erbse, Krawallschachtel, Terrortante …) und noch andere Dinge (vielleicht ihr Portemonnaie) entgegen feuerte. Doch als ich den Mund aufmachte, um „mich zu wehren“ kamen plötzlich so selbstbewusste, fast schon autoritäre Worte wie: „S-T-O-P! Jetzt wurde eine Grenze überschritten und das toleriere ich nicht mehr länger!“

Es folgte zunächst eine Standpauke von mir, die wiederum zu einer lautstarken Diskussion führte, die ich dann tatsächlich – ich kann es immer noch nicht so recht glauben, dass ich das getan habe – mit einem lauten „Da können wir jetzt noch stundenlang drüber diskutieren, aber das ist mir einfach zu blöd. Ich bin eine erwachsene Frau und arbeite hier eigentlich auch nicht im Kindergarten! Ende der Durchsage!“, beendete.

Und siehe da, der Narzisst hielt sodann, sichtlich erschrocken über die Gegenwehr die Klappe und verzog sich später beleidigt …

Die Folge – und das ist wirklich interessant, denn damit hab ich niemals in meinem Leben gerechnet:

Der Narzisst ließ mich nach diesem kurzen „Wehren“ in Ruhe. Er gab sich alle Mühe, freundlich zu sein, vermied jegliche Diskussion und versuchte sogar (wenn auch laienhaft) respektvoll zu sein und Rücksicht zu nehmen …

Und wer jetzt glaubt, dass hier urplötzlich die Einsicht Einkehr genommen hatte, den muss ich leider enttäuschen. Ein Narzisst ist niemals einsichtig, denn er ist felsenfest davon überzeugt, niemals einen Fehler zu machen. Es sind immer die anderen Schuld. Warum also diese Veränderung?

Antwort: EMOTIONALE MANIPULATION!

Der Narzisst hat gemerkt, dass die emotionale Bindung, – die Fesseln – , abgerissen waren. Ich war doch so ein perfektes, geduldiges, loyales und verantwortungsbewusstes Opfer, dass sich nicht traute, sich zu wehren. Mit mir konnte der Narzisst alles machen, sogar Dinge, die ich unter normalen Umständen NIEMALS tun würde,  aus diesem Grund wollte er mich auch nicht verlieren…

Er hat hart gekämpft, aber ich habe ihm dennoch am Ende den Rücken gekehrt …

Apropos Rücken kehren …

Da ich jetzt wieder frei reden kann: ich habe den Job in der Behindertenassistenz aus „persönlichen Gründen“ gekündigt…

Hierzu möchte ich anmerken, dass der Job als „persönliche Assistentin“ eines behinderten Menschen grundsätzlich wirklich ein sehr respektvoller, interessanter, verantwortungsvoller und auch toller Beruf ist, der mir sicher sehr viel Spaß gemacht hätte, wenn es auf menschlicher Ebene gepasst hätte. In diesem Fall war ich Assistentin, nein „Leibeigene“ Nummer 101 von Klientin „Prinzessin im Rollstuhl“, die mit voller Euphorie gekommen (und wie alle anderen 100) gedemütigt und demotiviert wieder gegangen ist. Es war wirklich die Hölle, die mir wirklich alles an Energie genommen hat, inklusive fehlender rund 80 Stunden Schlaf.

Aber es war wichtig, dass ich diese extreme Erfahrung gemacht habe, auch wenn mich die rund 250 Stunden haben 10 Jahre altern lassen. Ich habe durch diesen Job und den Kontakt mit diesem Menschen wirklich eine Menge gelernt, mehr als mir lieb ist und auch mehr, als mir ein ganzes Jahr Therapie hätte mit auf den Weg geben können. Das hat mir auch meine Therapeutin bestätigt, diese Zeit war Verhaltens-, Trauma – und Schocktherapie in einem …

Schon seltsam, welch ungeahnte Prüfungen das Leben so parat hat…

Auch habe ich gelernt, wie wichtig es ist, Herzensmenschen um mich herum zu haben und wie schlecht es mir geht, wenn sie anderer Gesinnung sind… an dieser Stelle ein lieber Gruß alle Herzensmenschen in meinem Leben: Schön, dass es Euch gibt! 🙂

Ja, und aus diesem Grund suche ich auch aktuell wieder eine neue Stelle …

Viele fragen sich vielleicht WARUM?  Warum muss ich mir einen Job suchen? Ich bin doch Schreiberin! Läuft es mit dem Schreiben nicht mehr?

Ihr Lieben, die Aufträge laufen aber ICH laufe nicht mehr ….

Seit 9 Jahren mache ich schon diesen Job. Bearbeite täglich Aufträge, in denen ich für andere Menschen die richtigen Worte finde. Ich schreibe Webseitentexte zu nahezu jedem Thema, ich verfasse Auftrags-Bewerbungen im Akkord, schreibe Werbebriefe, Reden, Suchmaschinenoptimierung, bearbeite Aufträge als Ghostwriter. Mein kleinster Auftrag war ein Satz für eine Einladungskarte für 1 €, mein größter war ein Auftragsroman für 6000 €.

„Sonst wird dich der Jäger holen“, war ein Werk, dass ich in drei Monaten (auf Verlagsdruck) schrieb. Immer diese geistigen Höchstleistungen. Dann immer diese unterschwellige Existenzangst, private Probleme, dann die Angststörung. Ich habe trotz Krankheit immer versucht weiterzuarbeiten, denn ich kann es mir (finanziell) nicht leisten krank zu werden. Aber ich konnte mich dahingehend bis heute nicht erholen. Die Luft ist raus. Ich kann nicht mehr. Seit einem Jahr quäle ich mich durch jeden Text. Ich brauche unendlich lange, kann mich nur schwer konzentrieren. Bediene hauptsächlich Stammkunden, die ich teilweise seit 9 Jahre begleiten und die mir ihr Vertrauen schenkten. Diese verdammte Abhängigkeit von meinem Inspirationszentrum (Gehirn) machte mich fertig und mein Gehirn hat dazu auch eine klare Meinung. Es sagt, es kann Romane schreiben … so viele ich will, bis ans Ende meines Lebens … aber beim klassischen Texten macht es derzeit einen auf Burn-Out. Aufträge bleiben liegen, weil mir die Worte fehlen. Ich lehne Aufträge schon im Vorfeld ab, weil ich es nicht mehr auf die Reihe kriege. Ich bin nicht mal in der Lage meine geschäftlichen Webseiten zu pflegen, weil mir der Wortfindungs-Antrieb fehlt …

Aber der Rubel muss dennoch rollen …

Also sollte mir eine Teilzeitstelle (eigentlich) nach wie vor die gewünschte Erholung bringen und auch den Rücken für den nächsten Roman freihalten, denn das ist meine Zukunft … (sagte mir kürzlich eine Expertin, deren Meinung mir sehr wichtig ist und mir eine Menge Hoffnung gibt 🙂 )

Doch bis dahin muss ich scheinbar weiter einen auf übergewichtigen Indiana Jones machen und dabei hoffen, dass die rollenden Felsbrocken mich nicht zerschmettern…  😀

Ihr Lieben, bei allem Humor – ich bin echt fix und fertig!

Mein Leben ist ein Irrenhaus, in dem ich alleine zu wohnen scheine und ich bin Insasse, Betreuung und Leitung gleichzeitig…

Mal sehen, wie es weiter geht …

Aufgeben ist jedenfalls keine Option…

Ich halte Euch auf de Laufendem …

Schandmaul hat einen neuen tollen Song, spricht mir gerade echt aus der Seele…

Über Therapie-Couchgelaber und andere Dinge

Hallo,

wow, bekam heute einen „Glückwunsch zum Jahrestag bei WordPress“ … ein Jahr schon? Kinder, wie die Zeit vergeht … 😀

Apropos …

Ich bin gerade echt erschrocken, wie viel Zeit seit meinem letzten Blogeintrag vergangen ist. Gefühlt waren es nur zwei Wochen her, doch wie ich sehe, sind fast schon vier! 😮  Ich hoffe, dass die Geschwindigkeit meines Lebens bald wieder etwas abnimmt. Viele Dinge müssen erledigt werden, ich habe wenig Zeit, wieder viel Stress und die wenige Zeit die ich habe, verbringe ich damit, Stress abzubauen. Stressabbau könnte bei mir bald ein neues Krankheitsbild werden. Krankhafter Stressabbau, aufgrund einer übermäßigen Angst wieder gestresst zu sein, weil man zu viel Stress hat – Bäm! 😀  Mit anderen Worten: Ich stecke wieder in einem selbst kreierten Hamsterrad, aber dieses Mal ist es zeitlich abzusehen, wann ich da wieder raus komme. Es gibt Pläne, die im Idealfall dafür sorgen, dass ich weniger Stress habe.

Fuck, ich brauche echt dringend einen Slow Down …

Habe die Hoffnung, dass mir der Urlaub in den Sommerferien (zum ersten Mal) die Erholung bringt, die ich dringend brauche. Jetzt geht es bald in den Norden, nach Achtrup, das ist genau zwischen Nordsee und Ostsee … allerdings ohne Arbeit mitzunehmen! Zur Erinnerung: In unserem letzten Familienurlaub auf Fehmarn habe ich die Arbeit mitgenommen und halbtags Urlaub gemacht. Ja, das war ziemlich bescheuert … Workaholic ist da wohl das richtige Wort, sorry, ich war angetrieben von der Existenzangst. Wer selbstständig ist und es wagt Urlaub zu machen, also nicht arbeitet, ist dem Untergang geweiht! 😀

Apropos Untergang, Stichwort: Therapie

Letzte Woche Donnerstag hatte ich wieder Therapiestunde – Nr.20 von 25 Stunden. Hier geht es schon lange nicht mehr in die Tiefe, was definitiv an mir liegt. Ich habe genug von diesem bescheuerten Couchgelaber. Kürzlich habe ich fast eine Stunde mit ihr darüber diskutiert, ob mein Wunsch, das Haus meiner verstorbenen Oma zu kaufen, nicht doch eher der tiefe Wunsch meines Vaters ist, den ich automatisch auf mich projiziere …

Hallo?!

Natürlich würde mein Vater das gerne sehen, dass ich das Haus seiner Mutter kaufe, in dem auch ich einen Teil meiner Kindheit verbracht habe, aber entscheiden tue immer noch ICH, ob ich das will oder nicht …

Der größte Knaller war, als ich meiner Therapeutin von meinem Erlebnis mit einer alten Frau in einem Vettelschoßer Lebensmittelmarkt erzählt habe. Die Situation war Folgende: Ich stehe an der Kasse und beobachte, wie eine alte gebrechliche Frau, – es ging ihr wohl nicht so gut -, mit Tüten beladen im Eingangsbereich steht und andere eine Dame (vielleicht Anfang vierzig) anspricht. Ich kenne diese besagte jüngere Frau vom Sehen und sie ist mir schon einmal negativ wegen Gefühlskälte aufgefallen. Ich höre, wie die alte Dame sie fragt, wohin sie fahren würde, denn sie selbst müsste nach St. Katharinen und wüsste im Moment nicht, wie sie dahin kommen soll. Nebenbei bemerkt: St. Katharinen ist ein kleiner Ort, knapp 3 Kilometer von Vettelschoß entfernt. Die junge Frau lacht auf, schien fast schon empört über diese Frage und krakeelt laut: „Nä, ich fahre nach Vettelschoß! Ich hätte Sie gerne mitgenommen, aber wie gesagt, ich muss ja leider, leider nach Vettelschoß!“

Ihre laute, dialektbehaftete Stimme hallt penetrant in meinem Kopf nach und bort sich in meine Nerven. Ich hätte sie gerne mitgenommen, aber ich muss ja leider, LEIDER, nach Vettelschoß!? Ich hätte sie gerne mitgenommen…? Ich spürte, – und das passiert mir selten – wie mir unaufhörlich und bedrohlich der Kamm schwoll. Es gibt einfach Menschen, die stoßen mich schon ab, obwohl ich noch kein Wort mit ihnen gewechselt habe. Schlechtes Karma, fragwürdiger Charakter, negative Aura, whatever?! Ich mag diese Person einfach nicht,  und dass sie mich hier Zeugin werden lässt, wie sie eine Hilfsbedürftige Frau einfach auflaufen lässt, hat das Verhältnis zwischen uns nicht sonderlich gebessert. Ich dachte nur: „Du blöde Kuh, wenn du sie gerne mitnehmen wollen würdest, dann könntest du auch gerade die zwei, drei Kilometer Umweg fahren!“

Und während sie mit ihrem Wagen an der alten Frau vorbei stapfte, war für mich klar, was zu tun war. Allerdings stand ich noch ziemlich weit hinten an der Kasse. Die alte Dame griff verzweifelt nach ihren Taschen und schlurfte gebeugt nach draußen. Und während ich ungeduldig an der Kasse wartete und mich über diesen Mangel an Menschlichkeit bei manchen Menschen abwechselnd bedauerte und mich ärgerte, befürchtete ich nach rund zehn Minuten, dass die alte Frau schon längst über alle Berge war.

War sie aber nicht. Sie stand betrübt draußen auf dem Parkplatz und schaute abwechselnd von einer Richtung in die andere. Ich ging ohne zu zögern (Sozialphobie? Nie gehört! :-D) auf sie zu und sagte freundlich: „Hallo, ich habe Ihre Frage vorhin mitbekommen. Sie müssen nach St. Katharinen?

„Ja!“

„Ich fahre Sie!“

„Was? Wirklich? Ach, das ist ja nett! Wo kommen sie denn her?“

„Ich komme aus Vettelschoß, das ist aber kein Problem.“

Die Frau strahlte mich an und irgendwie erinnerte sie mich plötzlich an meine Oma. Doch in dem Augenblick, als ich nach den Tüten der Frau griff, um ihr beim Tragen behilflich zu sein, meldete sich eine weitere Frau zu Wort: „Ich habe das auch gerade mitbekommen. Ich hätte sie auch gefahren.“ Und irgendwie meldeten sich immer mehr, sodass am Ende sie Dame sich bei mir bedankte und sich für den Fahrer entschied, der auch tatsächlich nach St. Katharinen fahren musste. Alles Gut.

Diese Geschichte erzählte ich meiner Therapeutin und sie sagte dazu Folgendes: „Das ist ja wirklich sehr nett von Ihnen, aber eigentlich ist es doch nicht ihr Problem? Die Frau kann doch selbst dafür sorgen, dass sie nach Hause kommt! Dann soll sie halt nicht so viel kaufen! Wie ist die überhaupt dahin gekommen?“

Sehr geehrte Frau Therapeutin – Ihr Ernst?! 😮 Treffer versenkt und somit auf ewig bei mir verkackt!

Vielleicht hatte sie mit ihrem Einwand in ihrer Welt recht, aber diese Einstellung passt leider nicht in meine. Hätte nur noch gefehlt, dass sie der blöden Kuh, die die Frau hat auflaufen lassen, imaginär auf die Schulter geklopft hätte. Pah! Nein, sie hat noch lange nicht die Problematik von Empathen verstanden und hat scheinbar auch nicht kapiert, warum es so wichtig ist, hier immer seinem Gefühl und seinem Herzen zu folgen. Kontakt, in Form von Interesse und Hilfsbereitschaft ist ein ganz wichtiger Schritt, um mit dieser ungewollten emotionalen Verbundenheit zurechtzukommen … nein, das hat auch nichts mit Helfersyndrom oder anderen Störungen zu tun, so bin ich eben, verdammt nochmal! 🙂

Behandle die Menschen so, wie du auch behandelt werden möchtest und alles wird gut … 🙂

Und ich bin sehr froh, dass meine Therapeutin selbst der Überzeugung ist, die Therapie nicht zu verlängern, weil ich doch „auf einem sehr gutem Weg bin und es offensichtlich alleine schaffe“. Klar schaffe ich das alleine. Ich (und mein inneres Kind) haben bisher im Leben alles alleine schaffen müssen und werde es auch in Zukunft alleine schaffen. Ich würde jetzt auch noch gerne ein überzeugtes „Ich brauche auch niemanden!“ hinterher werfen, aber dann krieg ich wieder Ärger mit meinem Mann! 😀

Nein, bei mir ist angst technisch, noch lange nicht alles wieder im Lot. Ich habe noch viele Ängste, mit denen ich zeitweise echt zu kämpfen habe und die mich auch situationsbedingt beherrschen, aber ich lerne immer mehr ihnen Herr zu werden. Und ich MUSS meinen Ängsten Herr werden, denn in meinem neuen Job ist kein Platz für Angst. Meine Dienstzeit verlangt absolute Konzentration, verantwortungsvolles Denken und Handeln, denn ich bin während meiner Dienstzeit Teil des Lebens eines anderen Menschen … ist kaum vorstellbar, das war es zu Beginn auch für mich. Doch jetzt weiß ich, wie es ist, Bestandteil eines anderen Lebens zu sein und ich nehme diese Festanstellung (Teilzeit) mit großem Respekt entgegen.

Ich darf leider nicht allzu viel über diese Arbeit verraten, da ich eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet habe. Aber mein Aufgabenbereich kommt die, im Film „Ziemlich beste Freunde“ sehr nah. Nur mit dem Unterschied, dass mein Schützling die Hände und den Kopf bewegen kann.

Sie weiß, dass ich schreibe und sie würde sich sehr freuen, wenn sie mich inspirieren kann, allerdings möchte ich es mir nicht mit meinem Arbeitgeber (Sozialer Dienstleister) verscherzen und halte dazu lieber die Klappe.  Aber ich kann soviel erzählen, dass dieser Job tatsächlich wie für mich gemacht ist. Ich bin im Grunde genommen während meiner Dienstzeit Arme, Beine und Hände für eine körperbehinderte, junge, berufstätige Frau – nennen wir sie an dieser Stelle mal „Angelina“. Ihr Motto ist „ich bin zwar behindert, aber ich lasse mich nicht behindern“ und damit sie diesem Motto in jeder Situation treu bleiben kann, sind wir Assistentinnen ihre Unterstützung. Nicht nur der Job, sondern auch der Mensch, Angelina ist eine Bereicherung für mein Leben. Durch sie werde ich wieder daran erinnert, dass nichts selbstverständlich ist im Leben … durch sie vergesse ich zum Teil tiefgreifende Ängste. Es lösen sich auch meine ständigen Kann-Ich-Nicht-Zweifel plötzlich in Luft auf, weil ein „kann ich nicht“ aus ihrem Mund eine ganz andere Bedeutung hat, als wenn ich das sage …

Hier MUSS ich einfach, ohne wenn und aber, ob ich denke, das nicht zu können, interessiert hier einfach nicht …

Leute, das ist wirklich eine sehr interessante Erfahrung! 😀

In diesem Sinne: Bleibt gesund!

Ich melde mich die Tage nochmal und erzähle von einem spektakulären Ausflug in ein Geisterdorf und einer ganz besonderen Begegnung dort …

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14 Tage danach – ich bin jetzt erwachsen

Hallo Ihr Lieben,

da bin ich wieder – diesmal auch echt ganz kurz. 😀

14 Tage sind seit der letzten Einnahme von Paroxat vergangen und ich fühle mich, unglaublich aber wahr, großartig. Ja, ich fühle mich großartig, und das obwohl ich am Donnerstag wieder ein Empfinden hatte, was einer Panikattacke sehr nahe kam. Seit knapp einer Woche hänge ich an dieser fucking Steuerscheiße, in der Hoffnung, wieder den Überblick in meine Buchhaltung zu bekommen. Steuer – und Umsatzsteuererklärung für 2014, 2015 müssen gemacht werden und auch noch die Umsatzsteuervoranmeldung 3. und 4. Quartal 2015. Ja, ich hab im letzten halben Jahr auch das nicht auf die Reihe bekommen. Und bei einer versäumten Ust-Voranmeldung versteht das Finanzamt so gar keinen Spaß und hat mich daher mit einer dicken Schätzung zum Handeln gezwungen. Wenn ich wirklich so viel verdienen würde, was in dem geschätzten Bescheid steht, dann hätte ich echt keine Probleme mehr. 😀

Da sitze ich seit einer Woche hier und buche Berge von Quittungen, Rechnungen und Honorare und dann plötzlich ein falscher Mausklick und alles ist weg.  😮 Eine Situation die mir echt den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Ich stand unter Schock, hatte Beklemmungen und begann hektisch nach dieser verlorenen Datei zu suchen. Okay, ich fand später wieder alles unversehrt, aber die Tatsache, dass mich diese Situation wieder so ausknockte, hat mich noch mehr geschockt. Hallo? Das Finanzamt ist doch nicht die Welt und wenn man lieb ist, lassen die auch mit sich reden. 🙂

Trotzdem: Montag muss alles bei denen im Mailpostfach liegen, wenn nicht, dann steht bestimmt bald das SEK auf der Matte … 😀
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Wie gesagt, ich versinke zwar derzeit im Chaos und muss einige (selbst heraufbeschworene) Probleme aus der Welt schaffen, aber das ist okay. Alles ist plötzlich gar nicht mehr so schlimm, wie ich es vorher empfunden habe. Ich kann plötzlich, wie von Geisterhand mit den Schwierigkeiten des Lebens ganz anders umgehen. Ich reagiere weniger emotional, fast schon emotionslos, obwohl ich echt genug Emotionen habe. 😀

Wie kann das sein? 😮

Haben die Tabletten tatsächlich da oben in meinem Oberstübchen alles repariert? Die Antwort bekam ich am Donnerstag, in der Therapiestunde. Ich erzählte meiner Therapeutin wie immer, was in den letzten zwei Wochen so los gewesen war und zu welchen Erkenntnissen ich gekommen bin. Ich erzählte ihr auch von meinen Blogtexten über Missbrauch, den Reaktionen und den daraus resultierenden „explosiven“ Gesprächen innerhalb meiner Familie. Ich mache da auch kein Geheimnis daraus, dass ich da schon für Wirbel gesorgt habe und da Gesprächsbedarf bestand. Aber ich blieb bei allem, was da auf mich hereinprasselte ruhig, auch hier fast schon emotionslos und hatte wirklich das Gefühl, Abstand von dem Kind zu haben, was hier plötzlich Rede und Antwort stehen und Warum?-Fragen beantworten sollte.

Das war irgendwie gut …

Aber auch irgendwie unheimlich, weil ich mich so gar nicht kenne …

„Sie sind erwachsen geworden!“

„Hä?“

„Die 6 Monate Ruhe vor Ihrem Gefühlen und Emotionen habe sie erwachsen werden lassen. Ihre kindlichen Gefühle, wie Ohnmacht, Kleinsein, Hilflosigkeit, Wertlosigkeit, Abhängigkeit, Wehrlosigkeit, Ausgeliefertsein, die Grundlagen ihrer Ängste, sind jetzt da wo sie hingehören – in der Vergangenheit.“

Ja, so einfach kann Therapie sein!  😀

Und wenn ich ehrlich bin, diese Form von Erwachsensein gefällt mir sehr gut und sie lässt mich viele Dinge aus einem ganz anderen Blickwinkel sehen. Menschen, egal wie groß und in welcher Position sie auch sind, in Augenhöhe zu begegnen ist unfuckingfassbar geil! <3

Und weil ich mich so fucking gut fühle, schenke ich Euch exklusiv die ersten zwei Seiten meines Thrillers, der eigentlich letztes Jahr hätte fertig werden sollen.

Sorry, ich kann nicht so gut reden, lesen auch nicht und Qualitätsvideos kann ich auch nicht machen – ich gelobe Besserung. 😀

Mann, bin ich erwachsen … 😀

7 Tage ohne Paroxat – Indianerherz, kennt keinen Schmerz

Hallo, Ihr Lieben!

Da bin ich wieder, wenn auch heute nur ganz kurz. 😀

023

(Karneval `85)

Sieben Tage ist es her, dass ich über ein ganz besonders heikles Thema geschrieben habe und sieben Tage ist es auch her, dass ich die letzte Paroxat-Tablette eingenommen hatte.

Was den Teil meiner Lebensgeschichte und das Aushalten der Reaktionen betrifft: Ich bin inzwischen so relaxed und guter Dinge, dass diesbezüglich (im Moment jedenfalls) mich gar nichts belasten könnte. Es war so ein extremer Befreiungsschlag, dessen Wirkung (innen und außen) ich selbst vollkommen unterschätzt habe.

Natürlich habe ich diese Thema auch schon mit meiner Therapeutin durchgekaut. Aber ich habe es eben nur einer Therapeutin erzählt, die analysiert und mir sodann mit diesem neuen Wissen Fragen beantworten konnte, deren Antworten ich selbst schon lange gesucht habe: Warum habe ich so ein großes Problem damit, Hilfe anzunehmen? Warum fühle ich mich immer klein, unfähig und schlecht, wenn mir jemand hilft? Warum kann ich Liebe nicht annehmen und halte immer emotionalen Sicherheitsabstand?  u.s.w.
Ja, es ist echt unglaublich wie viele Antworten gefunden werden können, wenn man sich einfach mancher Dinge bewusst wird und auch damit anfängt, sich Fragen über das eigene Selbst zu stellen. 😉

Ja, das Gespräch mit meiner Therapeutin war schon gut, aber ich fühlte mich eben nicht befreit. Die Befreiung erlebte ich erst am Sonntag mit dem Abschluss von „Reden wir (endlich) über sexuellen Missbrauch – Teil 2„. Ich war damit (angstfrei) raus geplatzt und es war mir tatsächlich egal, was passieren würde. Das tat so unendlich gut … auch wenn ich weiß, dass ich dem einen oder anderen eine schlaflose Nacht beschert habe. 🙂 Und auch mein Mann, der eigentlich alles von mir weiß, schlich in der letzten Woche so auffällig achtsam um mich herum als sei ich ein rohes Ei.

018

(1981)

Das bin ich aber nicht. 🙂

Ich bin inzwischen sogar tatsächlich bereit darüber zu sprechen … so richtig mit reden und Mund aufmachen … was bei mir tatsächlich noch eine andere Hausnummer ist als über Missbrauch zu schreiben. Und die wenigen, die mich angesprochen haben, waren selbst überrascht, wie offen ich darüber sprechen kann. Ja, ich habe sogar mit meiner Schwiegermutter – Aug in Aug – gesprochen und ich danke ihr sogar für dieses Gespräch. She ´s the best! <3

Ehrlich gesagt, bin ich sogar froh, wenn mich jemand anspricht oder mir Fragen zum Thema stellt, denn von mir aus werde ich wohl nicht davon anfangen. 🙂

Ich hab übrigens in alten Fotoalben gestöbert, um ein adäquates „Jungsfoto“ von mir zu offenbaren, aber irgendwie fand ich nichts, außer die, in den letzten Zügen. Siehe unten … da war ich fast schon wieder Mädchen. Leider in schlechter Qualität, da abfotografiert. Mein Scanner hat den Geist aufgegeben.

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( ca. 1991, da war ich zwölf)

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(ca. 1986 – als Junge, hätte ich jede haben können 😀 )

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(Ach Du Scheiße … 1992)

Soviel dazu …

Was das Absetzen der Tabletten betrifft:

Ja, ich bin tatsächlich wieder ich. Mit allem, was mich glücklich macht und leider auch mit allem, was mich belastet, stresst und in die Knie zwingen will. Ich weiß, dass ich viele Dinge, Denkweisen und auch Gewohnheiten in meinem Leben ändern muss, damit das Glücksgefühl mehr Platz in meinem Alltag findet als Angst und Überforderung. Dafür muss ich eine Menge in Angriff nehmen, in erster Linie mein Chaos in meinem Büro und in meinem Job wieder in halbwegs geordnete  Bahnen bringen. Ja, das Arbeiten funktioniert wieder, in vollem Umfang. Letzte Woche habe ich Texte über Arbeitsschutzkleidung, Bio-Tiefkühlkost, Autofolierungen und Schmuck geschrieben, ohne Probleme. Wenn ich jetzt noch Buchhaltung, Organisation und Zeitmanagement optimiert kriege, dann kann es auch hier nur besser werden. 😀

Was den restlichen Alltagsstress betrifft …

Alle möglichen Entspannungstechniken müssen her. Neben dem klassischen autogenem Training, der PROGRESSIVEN MUSKELENTSPANNUNG NACH JACOBSON (von meinem Hausarzt bei Ängsten empfohlen), habe ich jetzt auch einen Kontakt für Hynotische Tiefenentspannung (Hypnose zur Entspannung), da weiß ich aber noch nicht, ob ich das wirklich möchte.

Da hab ich irgendwie Angst vor … 😮

Aber eine ganz besonders faszinierende Entspannungsmöglichkeit habe ich vor einigen Tagen ganz unverhofft entdeckt – die sogenannte Aromatherapie. Das Lustige: Ich habe schon unendlich Texte über genau das Thema geschrieben und dies immer etwas belächelt. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass mit bestimmten Gerüchen ein Entspannungszustand herbeigeführt werden kann. Und eigentlich hätte ich es besser wissen müssen, denn ich reagiere sehr stark auf Düfte und Gerüche. Hier wird tatsächlich jede Geruchswahrnehmung in ein Gefühl umgewandelt. Bei einem guten Aftershave oder Parfum, gehen sogar meine Hormone mit mir durch – Le Male Jean Paul Gaultier, Cool Water von Davidoff, HUGO von Hugo Boss und Roma Uomo von Laura Biagiotti. Ja, bei solchen Herrendüften bin ich wie betäubt und kann gar nicht mehr richtig denken.  😀

Egal, wo ich hingehe oder wo ich mich gerade befinde, ich nehme die unterschiedlichsten Gerüche wahr und verarbeite sie auf Gefühlsebene. Ich kann sogar „riechen“, wenn meine Kinder krank werden und Fieber haben. Mein Mann ist immer fassungslos und findet das immer höchst merkwürdig, wenn ich wieder sage: „Ronja ist krank, ich rieche das“, und dann sehr bald das Fieber einsetzt. Ich dachte auch immer, das können nur Tiere. Daher an dieser Stelle eine Frage an die Mütter: Könnt ihr das auch riechen? Oder bin ich der einzige Geruchsfreak hier?  😮

Also vor einigen Tagen betrat ich, gemeinsam mit meinem Syrischen Schützling, eine Frauenarztpraxis in Linz. Genau genommen, war das die Praxis von Frau Dr. Stefanie Hufschlag – tolle, kompetente und warmherzige Frau!  <3  Wir setzten uns ins Wartezimmer und warteten. Die Stimmung war etwas gedrückt, denn einen Tag zuvor ist der Schwager von Fethe in einem Gefecht in Damaskus ums Leben gekommen. Die beklemmende Trauerstimmung erreichte mich bereits auf der Fahrt nach Linz und verfolgte mich bis in das Wartezimmer der Frauenarztpraxis. Ich hatte zwar mit meiner Therapeutin eine Übung einstudiert, die ich in solchen Situationen anwenden sollte, aber irgendwie habe ich das noch nicht so ganz kapiert, wie ich mir ein imaginäres Schutzschild um mein Herz und meine Seele legen soll, damit die Gefühle von anderen Menschen, nicht zu meinen werden … ?!  😮

Ernsthaft: WIE GEHT DIESES „IMAGINÄR“?

Als wir uns setzten, nahm auch das bedrückende Schweigen neben uns Platz. Im Hintergrund lief seichte Musik. Instrumentale Klänge, die an Meditationsmusik erinnerten. Das war irgendwie gut und lenkte mich von dem unguten Gefühl, das ich wegen Fethes Schicksal in mir trug ab. Und dann nahm ich noch etwas wahr. Da war dieser mir vollkommen fremde, aber doch vertraute Duft. Er kam von einem kleinen Gefäß, in dem sich eine Flüssigkeit befand, die von einem Teelicht erhitzt wurde. Der Duft irritierte mich. Mehr als das, er warf mich komplett in ein Chaos aus Gedanken und Gefühlen. Unruhe machte sich in mir breit, denn der Duft „berührte“ mich, das machte mir zunächst Angst. Doch dann wurde es wie von Geisterhand still in mir. Und während Duft und Musik weiterhin ihre ungeahnte Wirkung in mir entfalteten, spürte ich wieder diese Wärme im Bauch und Herzbereich, dicht gefolgt von den Schmetterlingen. Eben dieses Gefühl, was mich seit meinem Zusammenbruch 1999 stärkt, leitet, führt und am Leben hält und welches durch die Tabletten komplett ausgelöscht wurde … dieser Zustand ist meine Waffe gegen den Schatten. <3

Ausgelöst durch einen Duft …?

Das war echt unglaublich …

Ich muss jetzt nur noch herausfinden, welche Düfte mich „touchen“ und welche nicht, dann kann auch hier zu Hause so ein Schälchen stehen …

Aromatherapie … Sachen gibt´s?! 😮

So, zum Schluss möchte ich nochmal den Versuch vom 13.November 2015 aufgreifen – das war der Blogeintrag „Über Freitag den 13., Jim Beam und … ach watt weiß ich, keine Ahnung!„, in dem ich das „Schreiben“ ohne nachzudenken erzwingen wollte. Eben, dieses Schreiben, aus dem meine Geschichten entstehen …

Zu Erinnerung:

Es fing damals so an:

3

2

1

GO!

„Das Zeug schmeckt so scheiße, dass ich nicht einen Schluck nehmen kann ohne mich wie bei einem Krampfanfall zu schütteln“, stöhnte sie und schob das Glas Bourbon weit von sich.

„Und warum trinkst du es dann?“, fragte er und lächelte.

„Ich hege den tiefen Wunsch nach Betäubung …!“

„Betäubung von was?“

„Du stellst zu viele Fragen … !“

„Geh ins Bett!“

„Wir haben erst 22.25 Uhr …!“

„Geh!“

„Aber … „

– CUT –

Und so würde ich ihn jetzt schreiben …

“Das Zeug schmeckt so scheiße, dass ich nicht einen Schluck nehmen kann ohne mich wie bei einem Krampfanfall zu schütteln”, stöhnte sie und schob das Glas Bourbon weit von sich. Trinken war einfach nicht ihr Ding, obwohl es ihr damals oft über dieses unerträgliche Gefühl hinweg geholfen hatte. Doch heute fühlte sich das Nippen an diesem Getränk, was einem die Speiseröhre wegätzte und den Reflux begünstigte, mehr nach dem peinlichen Versuch an, sich in gute Laune zu versetzen. Eben diese Form der guten Laune, die immer dann aufkommt, wenn man vertuschen wollte, dass man auch mit Ende dreißig das Leben noch immer nicht im Griff hatte.

“Und warum trinkst du dann?”, fragte er und lächelte.

“Ich hege den tiefen Wunsch nach Betäubung.”

“Betäubung von was?”

Betäubung von was? Sie sah ihn aufmerksam an. Sie war auf diese Frage nicht vorbereitet. Sie war auf diese ganze Situation nicht vorbereitet gewesen. Noch nie hatte sie in einem Hotel übernachtet und auch noch nie mit einem Mann an einer Hotelbar gesessen und Whiskey getrunken. Ob sie es ihm wirklich sagen sollte? Wie würde er reagieren? Was würde er denken?

„Du willst es wirklich wissen?“

Er nickte interessiert.

Ob er derjenige, vielleicht sogar der einzige war, der sie verstehen konnte? Hoffnung keimte in ihr auf. Sie gab ihm ein Zeichen näher zu kommen. Das, was sie ihm zu sagen hatte, war nicht für den Rest der Menschen, die sich in dieser Bar bestimmt. Nein, es war ein wohlbehütetes Geheimnis und sie war bereit es ihm zu sagen.

„Noch näher!“, sagte sie leise.

Er rutschte näher, legte seinen Kopf zur Seite und war bereit in dieses Geheimnis eingeweiht zu werden. Jetzt war er so nahe, dass sie sein betörendes Aftershave riechen konnte und für einen kurzen Augenblick alles vergaß, weshalb sie überhaupt hier waren.

„Heute Nacht … „, hauchte sie in sein Ohr. „Heute Nacht stand ein Grizzlybär vor meinem Schlafzimmerfenster.“

Okay, jetzt wirds doof … und sollte auch nur ein kleiner Test sein …  😆

Tabuthema: Reden wir (endlich) über sexuellen Missbrauch – Teil 1

Mir ist schlecht … 😮

„Erinnerungen sind wie eine Zeitbombe.“

(Prof. Dr. Barbara Kavemann)

Ja, ich weiß, da bleibt bei dem einen oder anderen die Spucke weg – das freut mich sogar! 😀

Doch kurz vorweg noch etwas zum Thema Paroxat:

Nach Tag 4 und 5 geht es soweit gut. Keine nennenswerten Absetzerscheinungen, aber dafür die stetiger Rückkehr meiner Emotionen (Angst ist leider auch dabei), meiner Konzentration und auch die Rückkehr meiner Persönlichkeit. Es ist wie das Aufwachen, nach einem sedierten Zustand. Ich denke, ich muss mir noch etwas auf die Wangen klatschen, bis ich ganz wieder da bin. Am Montag nehme ich die letzte halbe Dosis ein, dann ist es mit den Medikamenten ganz vorbei.

Doch eines ist sicher: Egal, wie viel Stress, Chaos und Angstattacken in Zukunft noch auf mich warten und es ist mir auch egal, wie viele Menschen diesbezüglich auf mich einreden werden, weil ich unbequem und zu „laut“ werde – z. B. mit Texten über meine Vergangenheit – ich werde nie wieder diese Tabletten nehmen!  ❗

Ganz egal, was die Angst auch mit mir macht …

Ich werde in Zukunft nur noch schreiben …

Schreiben ist in meinem Fall wohl der einzig wahre Weg zur Heilung. Ja, ich werde die Angst, den Schmerz und die Sehnsucht mit Worten bekämpfen. Quasi, von der Angststörung direkt in eine Zwangsneurose, weil die Verbindung zwischen mir und dem Schreibwerkzeug, mir das Gefühl von Sicherheit und Freiheit gibt. Sicherheit, Freiheit und die Macht alles gut werden zu lassen oder in Romanform auch mal das Gegenteil heraufbeschwören. Wenn ich schreibe, bin ich Herrscherin über Licht und Schatten, kann aus dem Monster unter meinem Bett ein Kuscheltier machen oder umgekehrt. Und ich kann während des Schreibens in die Seele meiner Protagonisten sehen, mich einfühlen und vielleicht hier Antworten auf all meine Warum-Fragen finden …

Klingt verrückt, aber ich bin es nicht … nur anders, einzigartig und dabei auch noch durchaus talentiert … hab ich in in der Therapiestunde gelernt.  😀

So, Themenwechsel …

Und es folgt auch gleich wieder der Hinweis, dass das, was jetzt heute und morgen folgen wird vielleicht schwer erträglich ist, für Menschen die mich mögen / lieben oder die mich lieber ohne meine Geschichte zu kennen, in Erinnerung behalten wollen. Steigt an dieser Stelle bitte wieder aus – es wird (nach meinem Empfinden) noch schlimmer als die Geschichte „Der Psychopath und ich„…

Shit happens – willkommen in meinem Leben!   🙂

Auch wenn ich weiß, dass meine Eltern, mein Vater und meine Mutter diesen Blog nicht lesen. Sie haben zwar ihre Informanten, die zwischendurch petzen, meiden persönlich aber meine Texte, weil die Inhalte nicht in das gewünschte Weltbild vom Eltern passen – dafür habe ich durchaus Verständnis, werde aber auch weiterhin keine Rücksicht darauf nehmen. Ja, man könnte tatsächlich meinen,  dass ich besonders mit meinem heutigen Thema sehr rücksichtslos gegenüber meiner Familie und möglichen Beteiligten bin – aber dazu kann ich nur sagen:

Liebe Leute!

Es gibt einen Punkt im Leben, an dem Entscheidungen gefällt werden müssen – sogar Entscheidungen fürs Leben. Und ich habe inzwischen durch meine Therapeutin gelernt, dass auch falsche Rücksichtnahme den schleichenden Tod der Seele bedeuten. Mein Leben lang habe ich ständig nur Rücksicht genommen, geschwiegen, ertragen und die ganze Scheiße als gegeben hingenommen – damit muss Schluss sein. Sonst ist der schleichende Seelentod, dem ich bisher immer irgendwie entkommen bin, wieder zum greifen nahe. Diese Angststörung war / ist eine deutliche Warnung und der Hinweis auch endlich einmal Rücksicht auf mich zu nehmen …

Wer bis hier hin nicht ausgestiegen ist – danke, für Dein Interesse … <3

Viele werden sich sicherlich die Frage gestellt haben, wie man nur so dämlich sein kann, sich auf so einen Typen wie „Thomas“ („Der Psychopath und ich“Teil 1-4) einzulassen, sich jahrelang misshandeln und verarschen zu lassen und der selbst nach knapp 8 Jahre nach der Trennung immer noch eine unterschwellige Macht ausüben kann, obwohl er nicht mehr da ist.

Ich weiß es …

Und ich weiß auch, warum der „Rebecca“ Tatort mich so beschäftigt hat …

Zum Einstieg in den wohl schwierigsten und prägensten Teil meines Lebens, möchte ich jetzt eine kleine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die ich vor vielen Jahre aufgeschrieben habe und zwar wieder mit veränderter Perspektive.

Der Mann der sich Charlie nannte

Der Mann, der sich Charlie nennt, schaut sie eindringlich an. Und als sie seinen Blick erwidert sieht er direkt  in das wunderschöne Blau ihrer Augen, in die er sich einst so verliebt hatte. Und er war sich so sicher gewesen, das sich daran nie etwas ändern würde. Aber dennoch versetzt ihm ihr Blick plötzlich einen schmerzlichen Stich und er wendet sich abrupt von ihr ab. Wo war nur ihr herzliches Strahlen geblieben?  Er hatte so gehofft, dass dieses bedrückende Gefühl, diese Ahnung, die ihn schon seit Wochen heimgesucht hat, ihn täuschen würde. Und er hatte auch gehofft, dass diese Sicherheit, so wie er sie jetzt empfand, niemals eintreffen würde. Aber jetzt ist war sie da, das Ungewisse hatte den Schleier abgelegt und ließ sich auch nicht wieder verdrängen. Er ist sich sicher, sie will ihn verlassen und allein der Gedanke bringt ihn um dem Verstand. Was zum Teufel hat er nur falsch gemacht?

Sie war ohne Zweifel seine große Liebe und das wusste er schon in dem Augenblick, als er sie zum ersten mal sah. Sie war ein strahlender Engel, dem Gott ihm geschickt hatte, in einer seiner dunkelsten Stunden, um ihn vor sich selbst zu schützen. Und er war sich sicher, er wäre heute nicht mehr hier, wenn sie nicht gewesen wäre. Sie war so einfühlsam und liebevoll gewesen. Sie hatte ihn aus dieser quälenden Einsamkeit gerissen und ihm ein neues, viel besseres Leben geschenkt. Und er erinnert sich noch genau an dem Tag, als er ihr zum ersten mal begegnete. Dieser Tag war ein sehr schlimmer Tag, viel schlimmer als all die anderen Tage die er je zuvor erlebt hatte. Er war sogar noch schlimmer als der Tag, an dem er seine Mutter zu Grabe getragen hatte. Natürlich war er über ihren plötzlichen tot traurig gewesen, aber es war erträglich.  Sogar wesentlich erträglicher als das, was man ihm an diesem Tag angetan hatte. Er hatte an diesem Montag Nachmittag nicht nur den letzten Rest seiner Würde, sondern auch in aller Öffentlichkeit die Fassung verloren. Er hatte geheult wie ein kleines Kind und sie hatten ihn dafür nur noch mehr ausgelacht. Sie hatten ihn ausgelacht.

Früher waren es seine Klassenkameraden gewesen, die ihm ständig nach der Schule oder in den Pausen aufgelauert hatten, um ihn mit allen Mitteln zu demütigen. Asoziale Drecksau, Vierauge, Schwanzlutscher, Versager, Schwuchtel, Missgeburt, Freak, Psycho. Unzählige zerbrochene Brillengläser, unzählige blaue Flecken, unzählig Schürfwunden. Und all das nur, weil er anders war? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass sie es immer auf ihn abgesehen hatten und das es nichts auf der Welt gab, dass sie davon abbringen konnte. Sie hatten ihn sogar mehrmals bis auf die Unterhosen ausgezogen und seine Kleidung überall in der ganzen Schule verteilt. Und wenn er sich dann heulend in die Toilettenräume eingesperrt hatte, spuckten sie ihn von oben an oder bewarfen ihn mit Klopapier. Aber er hatte es ertragen, immer und immer wieder. Und er hatte auch diese ständigen Beschimpfungen ertragen, er hatte es sogar ertragen, dass sie ihm ständig im Sportunterricht die Hose hinunter zogen und sich über sein kleines Glied amüsierten. Aber wenn sie ihn auslachten, weil er wegen all diesen Schikanen weinen musste, dann war es unerträglich. Echte Jungs weinen nicht! Er aber hatte oft geweint.

Und dann Jahre später, als er es endlich schaffte einen Job zu kriegen, waren es seine Arbeitskollegen, die diesen Alptraum wieder anfingen und ihn scheinbar bis ins unendliche weiter führen wollten. So viele Jobs, so viel Schikanen und genau so viel Demütigung. Besonders die Frauen hatten sich noch nicht einmal die Mühe gegeben es hinter seinem Rücken zu tun. Sie sagten ihm direkt ins Gesicht, was sie von ihm hielten und sie lachten dabei. Einmal hatte er dem Mädchen aus dem Verwaltungsbüro eine Blume geschenkt. Sie war sehr hübsch und er dachte auch, dass sie sehr nett wäre, denn immerhin hatte sie ihm einmal aus dem Fenster zugewunken. Es hatte ihn große Überwindung gekostet das zu tun, denn er kannte sich nicht besonders gut aus mit Frauen. Sie machten ihm irgendwie Angst. Besonders dann, wenn sie ihr schrillstes Kichern kicherten und dabei ihre Köpfe in den Nacken warfen. Zu oft hatten genau diese im Anschluss mit dem Finger auf ihn gezeigt. Und auch an dem Tag, als er der Frau aus dem Verwaltungsbüro die Rose überreicht hatte, war genau dies passiert. Sie hatte ihn ausgelacht und er lachte in diesem Augenblick mit ihr. Was hätte er auch anderes tun sollen? Dieses verfluchte Weibsvolk trampelte ständig auf ihm herum, raubten ihm seine letzte Würde und er konnte nichts anderes tun, als es mit einem Lachen hinzunehmen und später heimlich darüber zu weinen.

Aber an jenem schlimmen Tag, als irgendwer ihm eine ganze Flasche Parfüm über seine Arbeitskleidung gekippt hatte, war es vorbei mit ertragen, hinnehmen und heimlichen weinen. Und derjenige, der dies getan hatte, untermalte seine Handlung auch noch mit einer schriftlichen Botschaft, wie folgt: Nimm diese Geste als ein Geschenk der ganzen Belegschaft. Wir sind alle der Meinung, dass dies deinen üblen Körpergeruch überdeckt, denn dieser ist in Verbindung mit deinem ungepflegten Aussehen einfach keinem mehr zumutbar. Im übrigen, waren deine Eltern eigentlich Geschwister?

Er hatte den Zettel aus seinem Spint gerissen und war mitsamt seinen versauten Sachen in Richtung Chefbüro gelaufen. Und offenbar hatten sie ihr übles Spiel selbst unterschätzt, als sie sich entschlossen hatten ihm eine ganze Flasche Kölnisch Wasser über Pullover und Kleidung zu schütten, denn der Gestank verbreitete sich in allen Fluren und er war beißend und nahezu atemberaubend. Und als er durch das Gebäude lief, hörte er wieder wie sie lachten, wie sie stöhnend die Fenster aufrissen und ihm verächtlich hinterher riefen, er solle endlich verschwinden und sich draußen weiter ausdünsten. Aber er schaffte es nicht mehr bis nach draußen und er schaffte es auch nicht mehr bis ins Chefbüro. Ihm wurde schon vorher übel. Und als ihn all diese schmerzlichen Erinnerungen übermannten, brach vor aller Augen zusammen und weinte.

4711, ein Wasser was Wunder bewirkt. Du musst es auch auftragen, wenn du wieder deine Kopfschmerzen hast, mein Junge. Mama, hatte es immer benutzt. Er erinnerte sich noch genau, wie sie jeden Morgen vor dem Spiegel stand und dieses übel riechende Zeug auf ihren Hals und Handgelenke schmierte, und wenn sie zu viel aufgetragen hatte benetzte sie seine Ohren und Schläfen damit. Und er erinnerte sich auch noch wie sie ihm danach immer die Haare kämmte und wie bei jeder ihrer Kammbewegung diese scheußliche Wolke in seine Nase stieg. Und wie sie ihm währenddessen einen Vortrag über das Für und Wie eines anständigen Kindes predigte. Mama, ich will keinen Seitenscheitel. Und das sie es furchtbar findet, was aus der heutigen Jugend geworden ist. Und ich brauche eine neue Brille. Sie mit einem Pflaster zu reparieren ist nicht gut. Und dass sie es nicht dulden würde, dass er ebenfalls zu solch schlecht gekleideten und respektlosen Teufeln werden würde. Und will auch nicht diese scheußlichen Buntfaltenhosen tragen. Zucht und Ordnung, Respekt und Achtung, der beste Grundstein, um ein anständiger erfolgreicher Mann zu werden. Mama, warum hörst du mir niemals zu? Ein gestandener Mann, wie sein Vater. Ich hasse ihn! Und wenn sie fertig war mit ihrer Rede, hatte sie immer ihre langen Arme auf seine Schulter gelegt und ihn angeschaut. Und immer dann, wenn er das Bedürfnis hatte sein Gesicht in ihrer Brust zu vergraben, zu weinen und zu sagen: Warum lässt du es zu, dass Papa mir immer weh tut? Sag ihm, dass er damit aufhören soll, hatte sie ihn weggeschickt.

Er wurde ständig und überall weggeschickt. Und an dem Tag, als er auf dem Boden des Foyers saß, wie ein Kind heulte und ihm dabei Tränen und Rotz über die Lippen liefen, war es wieder das Gelächter was ihn nicht nur weggeschickt, sondern gänzlich verstoßen hatte. Er war daraufhin gegangen. Er hatte seinen Peinigern den Rücken gekehrt, doch die Pein selbst blieb. Sie blieb an ihm haften, als er in den Bus stieg und hörte wie Kinder sich hinter seinem Rücken lustig über ihn machten und sie blieb auch, als er schließlich in die Straße einbog in der er lebte. Die Nachbarn in den Gärten grüßten ihn nicht, wandten sich ab, oder nahmen ihn erst gar nicht wahr. Und als er vor seiner Haustüre stand und feststellte, dass niemand da war, der auf ihn wartete, brach er erneut zusammen.

Er wusste nicht wie lange er auf seiner Treppe saß und weinte. Und er wollte sich in diesem Moment nicht ausmalen, was sein Vater gesagt oder wieder getan hätte, wenn er ihn jetzt, dreißig Jahre später so auf der Treppe hätte sitzen sehen. Seine Mutter wäre vielleicht noch zufrieden mit ihm gewesen, vielleicht sogar stolz. Er trug einen ordentlichen Seitenscheitel, Buntfaltenhosen, einen grünen Strickpullover und sogar noch die Brille wie vor dreißig Jahren, so wie Mama es immer wollte. Und jetzt umhüllte ihn auch noch eine Wolke Kölnisch Wasser. Siehst du mich Mama?, dachte er und blickte schluchzend in den Himmel. So wie du es immer wolltest, bist du jetzt stolz auf mich? Er hatte in diesem Augenblick auf eine Antwort gehofft und sie kam prompt und traf ihn mit voller Wucht. Sie dich an, ertönte plötzlich die Stimme seines Vaters. Was bist du nur für ein Schlappschwanz! Er zuckt zusammen, als der Kleiderbügel mit einem surrenden Geräusch auf seinen Rücken donnerte. Er wusste, das alles fand nur in seinem Kopf statt, aber es schmerzte mehr denn je. Hör auf zu flennen, echte Jungs weinen nicht! Aber er hatte immer geweint und er weinte auch jetzt. Nein, du bist kein richtiger Mann!

Nein, er war wahrhaftig kein richtiger Mann. Er war ein Vollidiot. Er war ein Schlappschwanz, ein Weichei, ein Freak, ein hässlicher Gnom, ein stinkendes Stück Scheiße. Er war einfach all das, was aus dem Mund seiner alten Schulkameraden, Kollegen, Nachbarn und seiner Eltern kam. Sie hatten alle Recht, er würde nie eine Frau finden. Frauen wollten Männer und er war einfach kein Mann … noch nie gewesen. Ich wünschte ich wäre tot, hatte er gedacht und malte sich gleichzeitig aus, wie er mit ausgebreiteten Armen auf dem Dach des Hochhauses am Ende der Straße stehen und wie er sich schließlich mit geschlossenen Augen dort hinunter stürzen würde. Er würde den Augenblick des freien Falles genießen, er würde sich frei fühlen wie ein Vogel, er würde alles hinter sich lassen. Nie wieder dieses schrille abfällige Kichern, nie wieder Beleidigungen, nie wieder diese Pein, keine Demütigungen mehr. Und er würde sich bei diesem Gedanken so gut fühlen, dass er die Wucht des Aufpralls gar nicht mehr spüren würde. Sein Entschluss stand in diesem Augenblick fest. Er war nicht willkommen in dieser Welt und er konnte nichts anderes tun, als sie zu verlassen. Niemand würde es merken, denn niemand war da, der ihn vermissen würde. Dieser Gedanke ließ ihn zusammenbrechen. Er weinte unaufhörlich und es war ihm gleich, wer von dieser Straße es hören würde, denn es interessierte sich ohnehin niemand für ihn.

Niemand außer…

Sie stand plötzlich vor ihm. Wie aus dem Nichts war sie aufgetaucht und er hatte sie erst gar nicht bemerkt, weil er sein Gesicht tief in den Händen, zwischen seinen Knien vergraben hatte. Sie stand da und sah ihn an. Hallo… warum weinst du?, hatte sie leise gefragt. Ohne auch nur einen Blick auf sie zu werfen, hatte er sie daraufhin angefahren, sie solle abhauen und ihn gefälligst in Ruhe lassen, denn er hätte genug Spott für heute ertragen müssen. Aber sie ging nicht. Sie blieb vor ihm stehen und schaute ihn an. Und als er seinen Kopf hob um sie gänzlich zum Teufel zu jagen, blickte er plötzlich in dieses wunderschöne Engelsgesicht und es traf ihn sofort wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Da war kein ausgestreckter Finger der auf ihn zeigte, kein schrilles Kichern und als er ihr in die Augen schaute sah er nicht diesen Guckt-Euch-Dieses-Jämmerliche-Weichei-An-Blick. Nein, ihr Blick hatte in diesem Augenblick etwas anderes gesagt. Etwas, was er zunächst nicht richtig deuten konnte. In ihren Augen spiegelte sich Bestürzung, Mitgefühl aber auch ein Hauch von Verzückung. Und er hatte gespürt, wie sie verzweifelt nach den richtigen Worten suchte, um… um ihn vielleicht zu trösten? Nein, das war zu schön um wahr zu sein! Sie war nur eine Illusion, eine Fata Morgana, ausgelöst durch seine Verzweiflung und dem immer stärker werdenden Wunsch seinem kläglichen Dasein ein Ende setzten zu können. Ein Engel mit weichem Herz, mit goldenen Haaren, einem lustigen Sommersprossen Gesicht, wunderschönen blauen Augen und einer Figur die nahezu perfekt war. Sie war nicht real.

Er hatte den Kopf wieder in seine Hände vergraben und hoffte einfach, das dieser Engel wieder gehen würde, denn er schämte sich furchtbar für seine Tränen. Aber sie blieb. Sie hatte einen Augenblick gezögert, das hatte er durch den Spalt zwischen seinen Fingern wahrgenommen, aber sie blieb. Und wenige schnelle Herzschläge später, geschah plötzlich das Unfassbare: sie setzte sich wie selbstverständlich neben ihn, legte behutsam ihren Arm auf seine Schulter und fragte vorsichtig: Warum bist du denn so traurig?

(Fuck the empathie!)

Es hatte etwas gedauert, bis er seine Fassung wieder gefunden hatte und zu einer Antwort fähig war, oder besser gesagt: bis er etwas herausbrachte, was als Antwort hätte ausreichen können. Ich bin eine Heulsuse, oder? und sie hatte daraufhin gesagt: Och, das macht nichts, ich auch! Und er hatte sie aus seinen verquollenen Augen ganz erstaunt angesehen und musste plötzlich lächeln. Er lächelte sie an und sie lächelte zurück. Hatte es das in seinen 40 Jahren überhaupt schon einmal gegeben?

Ich habe noch nie einen Mann weinen sehen, sagte sie schließlich und als er sie daraufhin fragte, ob sie das schlimm fände, hatte sie mit JA geantwortet. Ich finde es immer schlimm, wenn jemand weint. Egal, ob Junge, Mädchen, Mann oder Frau. Traurig zu sein ist immer schlimm …

Und während sie dasaßen, plauderten und sich anlächelten, konnte er ihre stumme Sprache plötzlich verstehen. Und das, was sie sagte war so wunderschön, dass er sie einfach nicht mehr vergessen konnte. Sie war so anders als all die anderen. Sie hatte sich nicht blenden lassen von all dem schlechten, das ihn in diesem Augenblick umgab. Es interessierte sie nicht einmal. Sie interessierte nur eines: Warum er so traurig war und was sie tun konnte, damit er genau das nicht mehr war. Ja, sie war die erste, die ihm wirklich zugehört hatte und dafür hatte er sie seit der ersten Minute ihrer Begegnung geliebt. Nein, mehr als das, er hatte sie vergöttert. Und der Thron auf dem er sie dann aus lauter Dankbarkeit gebettet hatte war der schönste, dem man einem Engel auf Erden geben konnte. Doch dieser Thron war hoch. Zu hoch, als das er ihr hätte näher kommen können und er wäre ihr so gerne näher gekommen. Aber er wagte es nicht. Er brauchte sie, aber er wusste, sie brauchte ihn nicht… jedenfalls noch nicht. Er wollte einfach nichts falsch machen. Er wollte nicht, dass irgendetwas passierte, was diese Freundschaft – so wie sie auf dieser Treppe entstanden war – gefährdete. Er wusste nicht, was sie von ihm erwartete. Und er wusste auch nicht, wie er mit dieser Liebe, die er für sie empfand umgehen sollte. Er wusste nur, dass er ihr nahe sein wollte. Dass er sie wiedersehen und vor allem Übel dieser Welt beschützen wollte und das am besten für immer.

Gott, was hatte ich damals eine Angst vor dir, denkt Charlie und lächelt besonnen, als er aus dem Fenster sieht. Wusstest du das eigentlich? Wusstest du, was du für eine unsagbare Macht du über mich hattest? Wusstest du, dass ich jede Nacht von ihr geträumt habe? Und dass ich, wenn du vor mir standest, vor Angst gezittert habe? Ein Wort, eine Geste von dir hätte mich vernichten können. Ich hatte schreckliche Angst davor, dass du mich am Ende doch wieder ablehnen könntest. Und ich hätte alles für dich getan, du hättest es nur sagen müssen. Ich hätte dir die Sterne vom Himmel geholt, ich hätte jede Bank ausgeraubt, ich hätte dir den Himmel auf Erden dafür gekauft und ich hätte sogar für dich getötet…das würde ich heute immer noch für dich tun. Du hattest mich damals vollkommen in der Hand, mein Engel, aber du hast nie etwas von mir verlangt, dafür bin ich dir heute immer noch sehr dankbar…ich bin dir für alles so unsagbar dankbar.

Er dreht sich um, sucht ihren Blick, aber findet ihn nicht. Er betrachtet sie aufmerksam und wieder steigen Erinnerungen hoch. So wie sie jetzt dasitzt, zusammengesunken und schweigend. Ihre Hände klemmen verkrampft zwischen ihren Beinen und sie wiegt ihren Körper nervös vor und zurück. Vor und zurück, vor und zurück. Immer wieder. So hatte er sie schon einmal gesehen, damals auf seiner Treppe, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten. Und in diesem Augenblick hatte er sich nur noch mehr in sie verliebt. So sehr, dass es ihn fast den Verstand geraubt hatte. Sie war extra gekommen, hatte tatsächlich auf ihn gewartet, um sich von ihm zu verabschieden. Und sie weinte bitterlich, als sie sagte, dass sie nicht willkommen in dieser Welt sei und dass sie nicht mehr leben wollte, weil niemand da wäre der sie liebt. Sie würde vom Hochhaus, am Ende der Straße springen und sie wäre nur noch mal gekommen, um sich von ihrem besten Freund zu verabschieden.

Du dachtest die ganze Zeit, das niemand da wäre, der dich liebt. Und der Moment, an dem ich dich eines besseren belehren durfte, war so schön. Meine Angst vor dir schwand in dem Augenblick, als du dich an mich geschmiegt hast und weintest. Du hattest damit die Angst-Barriere zwischen und gebrochen, denn Deine Augen sagten: bitte liebe mich. Und als ich dir sagte, dass ich es von ganzem Herzen tun würde, hast du gelächelt. Dann warst du bereitwillig von deinem Thron gestiegen, damit ich darauf Platz nehmen konnte. Du schenktest mir all dein vertrauen. Du gabst mir freiwillig die Zügel in die Hand und batest mich dich zu führen. Und in dem Augenblick als du demütig zu mir aufschautest und ich auf dich herabblickte, war es wie, als hättest du mir ein völlig neues Leben geschenkt. Ich war nun nicht mehr nur dein heimlicher Verehrer und dein Beschützer, ich war dein Held, dein Prinz und ich war so dankbar dafür, dass ich das für dich sein durfte. Ich der Vollidiot, der Schlappschwanz, der Freak und ein Mann, der kein richtiger Mann war. Du hast mich mit dieser wunderbaren Geste zum Mann gemacht und es fühlt sich immer noch so unsagbar gut an. Du hast damit meinem Leben wieder einen Sinn gegeben… weißt du das eigentlich? Und ich wollte alles dafür tun, damit ich diese großartige Rolle nicht wieder verliere. Ich wollte ein guter Mann sein und der einzige und beste für Dich. Und zum ersten mal seit 40 Jahren wusste ich, was ich zu tun hatte: die Zügel nehmen und dich führen, und zwar dort wo ich dich schon immer einmal hin wollte. Und ich nahm dich mit, weil du mir vertraut hast. Und ich zeigte dir die Sterne, aber auch wo der Hase lang läuft – das war es doch, was du von mir erwartet hast, oder?

Er seufzt und wendet sich wieder von ihr ab. In seiner dunkelsten Stunde traf er das Mädchen, die Frau seines Lebens und auch wenn er es nie für möglich gehalten hätte, jetzt gehörte sie ihm. Ein Engel mit weichem Herz, mit goldenen Haaren, einem lustigen Sommersprossen Gesicht, wunderschönen blauen Augen und einer Figur die nahezu perfekt war. Ihre ganze Erscheinung so unsagbar betörend, und doch so sinnlich und zart. Er liebte sie und sie liebte ihn. Und er war sich so sicher, dass sich niemals etwas daran geändert hätte, wenn sie nicht plötzlich ständig damit angefangen hätte seine Liebe in Frage zu stellen. Und er weiß, dass sie es auch jetzt wieder tut. Ihr schweigen sagt mehr als tausend Worte. Er kann es förmlich riechen und das schon, seit dem er sie vorhin mehr oder weniger zufällig auf der Straße getroffen hatte. Sie war nur widerwillig mit in seine Wohnung gekommen. Er musste sie geradezu zwingen und das, obwohl sie so viele schöne Stunden dort miteinander erlebt hatten. Was war nur ihr verdammtes Problem? Ich habe heute keine Zeit, hatte sie gesagt. Aber er wusste, das es nicht stimmte. Er wusste immer wenn sie ihn anlog. Sie war eine verdammt schlechte Lügnerin und das wusste er bereits schon damals, als er sie an dem Tag, als sie weinend auf der Treppe gesessen hatte und sie später in seinem Wohnzimmer fragte, ob ihr sein Kuss gefallen hätte.

Ja, hatte sie gesagt und das alles andere als glaubhaft. Und als er ihr schließlich die Wahrheit aus dem Körper kitzelte so dass ihr die Luft weg blieb – dass schien ihr immer besonders gut gefallen zu haben, so wie er dachte – hatte sie schließlich gesagt: Das ist irgendwie komisch, aber ich muss mich wohl noch daran gewöhnen. Und sie musste sich noch an vieles gewöhnen, denn immerhin war er der Mann und sie die Frau. Und eben weil er der Mann war, hatte er auch heute darauf bestanden, das sie mit ihm in die Wohnung kam, ob sie wollte, oder nicht.

Jetzt sitzt sie da, schweigt und zweifelt stumm seine Liebe an, und das alles nur weil er… ja, weil was? Was hatte er überhaupt getan? Mit welchem Recht stellte sie seine innige Liebe in Frage? Er denkt angestrengt nach und sucht nach Antworten. Und schließlich findet er eine und genau diese Antwort lässt ihn die reumütige Schamesröte ins Gesicht schießen. Nein, er hätte sie nicht so grob anfassen sollen, als er sie mit einem anderen erwischt hatte. Er hatte es selbst gesehen, als er ihr wieder gefolgt war. Er folgte ihr immer, wenn sie aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen nicht bei ihm sein konnte. Das war seine Aufgabe als Mann. Er musste sie beschützen und immer gleich zur Stelle sein, wenn sie ihn brauchte. Und manchmal war es auch gut, wenn sie da war, wenn er es brauchte und er brauchte es ziemlich oft. Aber an diesem Nachmittag, brauchte sie ihn offensichtlich nicht.

Er hatte gesehen, wie sie und dieser Mistkerl zusammen am See standen und stundenlang Steine hinein warfen. Und er hatte gesehen, wie sie miteinander gelacht haben und wie sie sich angesehen hatten. Und er hatte auch gesehen, wie er sie auffing, als sie stolperte. Aber vor allem hatte er gesehen, wie dieser kleine Hurensohn sie auf die Wange geküsst hatte. Und er war sich sicher, dass er noch mehr gesehen hätte, wenn ihm nicht plötzlich dieser blöde Köter in die Quere gekommen wäre. Der Hund eines Spaziergängers hatte angeschlagen, als er ihn im Gebüsch gewittert hatte.

Was wolltest du auch nur von diesem kleinem Scheißer? Er war kein Mann, nicht einmal annähernd! Er war noch ein Kind! Er war ein Vollidiot! Ein Weichei! Er wäre nicht in der Lage gewesen, dich so zu beschützen, wie ich es tue. Und Vögeln kann er mit Sicherheit auch noch nicht. Nein, der hätte mir niemals das Wasser reichen können und das musste ich dir doch irgendwie klar machen.

Was habt ihr beide dort unten am See getan?, hatte er sie noch am gleichen Tag gefragt und als sie ihm darauf eine verlogene Antwort gab, hatte er ihr ins Gesicht geschlagen. Es war nicht fest, nur eine Backpfeiffe, er wollte doch ihr hübsches Gesicht nicht verletzten. Aber einen Denkzettel, den wollte er ihr schon an diesem Tag mit auf den nach Hause weg geben.
Warum bist du nur so böse auf mich?, hatte sie daraufhin geheult und er hatte plötzlich das starke Bedürfnis gehabt sie für diese ungeheuerliche Frage noch einmal zu bestrafen. Sie wusste nicht, warum er so wütend war? Verstand diese kleine Hure denn gar nichts? Er trug sie auf Händen, er war ihr Mann und sie hatte nichts besseres zu tun, als gleich mit jedem daher gelaufenen herumzuknutschen?! Vielleicht machte sie sogar noch ganz andere Sachen? Alleine für diese Vorstellung, hätte sie noch eine Menge weitere Ohrfeige verdient gehabt.

Aber er hatte sie deswegen nicht noch einmal geschlagen. Er hatte sie vielleicht ein klein wenig grob angefasst, aber er hatte sie nicht geschlagen. Er hatte es ihr am Ende sogar verziehen. Sie hatte um Gnade gebettelt und weil er ein guter Mann war, hatte er ihr vergeben. Der Grund warum sie sich an diesem Tag dennoch weiteren Zorn von ihm einfing war ein anderer. Sie hatte sich schon wieder nicht an die Anweisung gehalten. Und er konnte ihre plötzlich Respektlosigkeit doch nicht einfach so tolerieren. Eine Frau hat die Wünsche ihres Mannes gefälligst zu respektieren. Es gab nun einmal Dinge, die er nicht mochte und dazu gehörte eben auch, dass sie ihn nicht anschauen sollte wenn er intim mit ihr wurde. Er wusste es selbst nicht warum er ihren Blick nicht ertragen konnte, wenn er die Hosen runter ließ. Vielleicht war es die Scham, vielleicht waren es auch das scheußliche Gelächter und Spott seiner Schulkameraden aus dem Sportunterricht, die er heute noch manchmal in seinem Kopf hörte. Sie könnte ihn auslachen, wenn sie ihm dabei zusah. Und er würde sie wahrscheinlich deswegen umbringen. Soweit wollte er es aber gar nicht erst kommen lassen. Und dann war da noch ihr ängstlicher Blick der in abturnte und ihm den Höhepunkt vermasseln würde, wenn er dabei in ihr Gesicht sehen würde. Warum musste sie sich auch immer so anstellen? Männer machen so etwas eben mit ihren Frauen, ob sie wollen oder nicht. Und das Tuch bleibt auf deinem Gesicht, hatte er gesagt. Und er hatte es ihr oft genug gesagt. Aber sie hatte es dennoch an diesem Nachmittag von ihrem Gesicht gerissen, weil sie angeblich keine Luft mehr bekam. Sie hatte gelogen und dafür hatte er ihr eine verpasst …

Das war vor einer Woche…

Nein, ich hätte sie nicht schlagen sollen!, denkt er und schaut sie reumütig an. Wie hilflos und klein sie doch ist. Er steht auf und geht zu ihr. Er setzt sich auf das Bett und lässt seine Hände zärtlich über ihre blonden langen Haare gleiten. Sie sind so weich und glänzen wie Goldschimmer. Und dieser Duft. Dieser unbeschreiblich betörende Duft eines geheimnisvollen Shampoos, dessen wundersame Wirkung nur er kennt. Er hatte es ihr gekauft. Himbeere…, denkt er und vergräbt sein Gesicht in ihrem Nacken. Sie riecht und schmeckt nach Himbeere. Er schließt die Augen und genießt den Augenblick. Und während er das tut überrollte ihn plötzlich eine Welle höchster Erregung.

„Du kannst mich nicht verlassen, Prinzessin“, sagt er und lässt seine Hände über ihre Schultern gleiten. Ein Träger ihres Kleides rutscht zur Seite, instinktiv schiebt sie ihn wieder hoch. „Und wenn du ehrlich bist, willst du mich auch gar nicht verlassen. Du brauchst mich doch, so wie ich dich brauche. Ich würde sterben ohne dich. Und du weißt, wenn ich sterbe, dann werde ich dich mitnehmen. Niemand liebt dich so wie ich und das weißt du. Natürlich weißt du das, sonst wärst du nicht hier und würdest nicht das Kleid tragen, dass ich an dir so liebe… ich mag Luftballons.“

Er steht auf und geht zur Kommode. Er zieht ein rotes Tuch heraus und lässt es durch seine Finger gleiten, dabei lässt er sie keinen Moment aus den Augen. Dann hält er inne, denkt kurz nach, schüttelt den Kopf und legt das Tuch wieder zurück. Heute nicht, denkt er und setzt sich wieder auf das Bett und betrachtet sie. „Ich habe eine Überraschung für dich“, flüstert er schließlich direkt in ihr Ohr und hofft damit gänzlich all ihre Gedanken ihn zu verlassen auszulöschen. Doch sie reagiert nicht. Sie sitzt vor ihm. Immer noch zusammengesunken und schweigend. Ihre Hände klemmen immer noch verkrampft zwischen ihren Beinen und sie schaukelt ihren Körper. Vor und zurück, vor und zurück.

„Weil ich dich so sehr liebe…“, beginnt er feierlich. „Werde ich dir nicht die Augen verbinden. Heute darfst du mich auch dabei ansehen. Es tut heute auch gar nicht weh.“

Sie erstarrt unter seinen Berührungen und als er sie küsst schmeckt er das Salz ihrer Tränen auf ihren Lippen. Nein, ich hätte sie nicht schlagen dürfen, denkt Charlie und kämpft plötzlich mit den Tränen. Dass war furchtbar feige und falsch von mir, sie ist doch erst acht Jahre alt.

ENDE

Diese Geschichte ist (in leicht abgeänderter Form) meine Geschichte. Ob Charlie (Name wurde geändert) wirklich so dachte und fühlte, weiß ich nicht. Ich kannte nicht mehr als seinen Vornamen … aber ich weiß noch sehr genau, was ICH damals dachte und fühlte.

Ich habe Charlie verziehen, der Mann lebt heute nicht mehr. Seine „Liebe“ und das Spiel mit der Macht hat mich geprägt, und sie wirkt noch heute.

Die Charlie-Geschichte widme ich allen Überlebenden: Denn es können nur Betroffene wirklich nachempfinden, wie es sich seelisch anfühlt Missbrauchsopfer zu sein und wie man immer wieder erneut gegen diesen drohenden Tod ankämpft. Das macht einsam, ich weiß. Man kann nie vergessen und wahrscheinlich auch nie verzeihen – aber es hilft, wenn man irgendwann versucht es zu verstehen …

FORTSETZUNG FOLGT – Ja, da kommt noch mehr …

13.01.2016 - 006-neu-Text

Über emotionale Anfälle


Da bin ich wieder …

Dieser Freitag Abend (Ja,Mann, ich hab das gestern geschrieben) ist eine gute Zeit, um mich in meinen Blog zu verziehen und ich habe schon seit Tagen, das Bedürfnis mich zu verziehen… 😮

Im Moment gehen mir die Menschen wieder so schrecklich auf die Nerven und ich hab mich auch wieder daran erinnert, warum ich eine Sozialphobie hatte (habe). Die Geschehnisse zu Silvester in Köln bringen wieder so viele widerliche Charaktere zu Tage, dass ich wieder diese tiefe Sehnsucht verspüre mich an einen Ort zu verziehen, wo es eben solche Menschen nicht gibt. Menschen, die pauschalisieren, sich auf Halbwahrheiten stürzen, nur um ihre rassistischen Argumente mit Bullshit zu untermauern, „Ausländer raus“ brüllen oder leise sagen, dass sie nichts gegen Ausländer haben ABER und sich benehmen als wären sie das Unum des Universums, aber Karneval oder auf der Dorfkirmes selbst begrapschen und über die Stränge schlagen. Nein, ich will die einfach nicht in meinem Leben haben! Darunter waren Nachbarn, alte Arbeitskollegen, Schulkameraden und auch Fans meines Blogs und meines Buches. Und falls einer dieser rund 20 Menschen, denen ich in den letzten drei Tagen den Rücken gekehrt habe, diese Zeilen liest, dann schreib dir hinter die Ohren:

„Nein, Ausländerfeindlichkeit und rechte Hetze ist keine Meinung, sondern eine ganz ekelhafte und widerwärtige Charaktereigenschaft! Arschlöcher bedrängen Frauen, nicht Ausländer!“

Echt, solche Menschen machen mich krank …

Sie machen mich krank, weil ich mich intensivst mit der deutschen Geschichte beschäftigt und mir dabei immer die Frage gestellt habe, wie dieses kranke Hitler-Regime funktionieren und auch der Holocaust passieren konnte. Jetzt erlebe ich diese Entwicklung hautnah und es stimmt: es passiert wirklich in den Köpfen der Menschen.

Gestern haben irgendwelche Irren in München Judensterne an die Hauswände von jüdischen Bewohnern geschmiert. 😮

Das macht mich wütend, nein das macht mich sogar aggressiv …

Sommer 2015 263

Und ich weiß, wenn ich meine speziellen Tabletten nicht nehmen würde, dann würde ich ununterbrochen verbal Amok laufen. 👿

Durch meine Großeltern bin ich tief mit diesem Thema verbunden. Meine Oma (väterlicherseits) wurde im polnischen Łódź geboren und hat nach dem Überfall 1939 durch deutsche Truppen als junges Mädchen Schreckliches erlebt. Meine andere Oma hat die Folgen des Krieges und die widerwärtigen Machenschaften der Nazis nie überwunden und ist quasi daran zugrunde gegangen. Davon, wie es meinem Opa und unendlich vielen anderen Menschen in dieser Zeit ergangen ist, ganz zu schweigen.

Das Thema erschüttert mich zutiefst auch wenn ich zu der Generation gehöre, die eigentlich behaupten kann: Was haben wir denn damit zu tun?

Was wir damit zu tun haben? Wir haben gefälligst dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte sich nicht wiederholt! ❗

Ich werde nie vergessen, was ich damals bei dem Besuch des Konzentrationslagers gefühlt habe… ganz besonders der Moment als ich in dieser Baracke stand. Ich weiß, über dieses Trauma wollte ich schon länger mal schreiben… ich weiß nicht, ob heute der richtige Zeitpunkt ist.

Irgendwie schon …

Aber eigentlich auch nicht, weil dieses Erlebnis tiefer geht als bei manchen die Vorstellungskraft (meine eigene mit einbezogen) reicht.

Moment, ich sage Bescheid, wenn ich mich entschieden habe …

😐

😐

Okay, in Kurzform:

Es war die Abschlussfahrt der 10.Klasse 1994 nach München. Es war schön und wir hatten viel Spaß. Bis zu dem Tag als wir das Konzentrationslager in Dachau besuchten. Ich hatte schon seit dem betreten des Geländes Beklemmungen und fühlte mich extrem unwohl. Ich schob es auf meine allgemeine Bestürzung rund um das Thema, zumal wir ein paar Tage zuvor den Film „Schindlers Liste“ im Kino als schulisches Pflichtprogramm angeschaut hatten. Der Film hat mich sehr erschüttert und berührt.

Dieses Lager war einfach nur schrecklich …

Eine Bildergalerie, mit original Fotoaufnahmen des Lagers, inklusive ärztlicher Dokumentationen von bestialischen Versuchen trieb mir die Tränen in die Augen. Diese abscheulichen Menschen haben den Insassen bei vollem Bewusstsein und ohne Betäubung die Schädel aufgesägt… 😮

Die Bilder habe ich heute noch im Kopf und werde sie auch nie vergessen, obwohl ich hoffte, dass ich durch die kurze Thematisierung mit Altznazi Hinkebein in meinem Buch „Sonst wird dich der Jäger holen“ meinen Frieden damit finden würde. Finde ich aber nicht.

Egal …

Der Besuch hat mich sehr aufgewühlt und ich hatte wieder das Bedürfnis mich zu übergeben. Ich habe im Laufe meines Lebens schon oft festgestellt, dass mein Körper sich in Schocksituationen immer mit Kotzen wehrt. Ich riss mich zusammen. Ich weiß noch, wie ich und meine Freundin Sabine schweigend und betroffen über den Hof schlichen, um uns den Gaskammern, dem Krematorium und den Baracken zu nähern. Ich war wie betäubt und gelähmt. Meine Verarbeitungskapazität nahm sowohl in den Gaskammern und auch beim Anblick des Krematoriums nur das auf, was es noch für erträglich hielt … einen Raum mit augenscheinlichen Duschen … einen großer Ofen … ENDE.

Als wir diese Bereich wieder verließen, dachte ich, ich hätte das Schlimmste überstanden …

Dann betraten wir die Baracken. Es waren eigentlich nur Räume mit unzähligen Hochbetten aus Holz … hier und da stand ein Holztisch, ein Hocker, eigentlich nichts Dramatisches. Ich atmete auf. Irgendwann ging ich in eine Ecke des Raumes, um besser sehen zu können und um mich von einigen scherzenden Mitschülern zu entfernen.

Dann passierte es …

Unerwartet, unbeschreiblich, unerträglich und unabwendbar traf mich dieses „Ding“ mit voller Breitseite. Es schlüpfte in mich hinein und wütete auf meiner Seele und in meinem Herzen. Noch nie gefühlte Emotionen explodierten und lähmten meinen ganzen Körper. Tiefe Trauer, seelischer Schmerz, Angst vor dem Tod, entfesselte Wut und der starke Drang in irgendeiner Form auszubrechen, zu eskalieren, die Kontrolle zu verlieren …

Was war hier los? 😮

Hilfesuchend sah ich einige meiner Mitschüler an, die das taten, was die meisten Jugendlichen taten: Darauf warten, das dieser Ausflug bald ein Ende nehmen und wir endlich zum Oktoberfest gehen würden. Gelangweilt verließen die ersten die Baracke wieder. Keiner hatte etwas von meinem Zustand gemerkt und es bekamen am Ende auch nicht viele mit, wie ich zusammenbrach und hemmungslos heulte. Ich wusste echt nicht, wie mir geschah und ich kapierte auch nicht, warum ich mich die ersten Minuten auch nicht wieder einkriegte. Die begleitenden Lehrer waren schockiert und hilflos, fühlten sich am Ende schuldig, da sie nicht wussten, wie sehr dieser Besuch den einen oder anderen mitnahm.

Klar, hat mich dieses Konzentrationslager schockiert…

Aber das war es nicht …

Es war nur eines von vielen Erlebnissen dieser Art, die ich mir bis zu Beginn meiner Therapie nicht erklären konnte und die mir im Hinterkopf auch immer wieder das Gefühl gaben, in irgendeiner Form „gestört“ zu sein. Denn immer dann, wenn mich diese unerklärlichen „Anfälle“ heimsuchten, war ich mir sicher, dass ich von Emotionen heimgesucht werde, die nicht meine eigenen waren …

Vollkommen irre …

Als ich mich irgendwann auf Recherche begab und mit wenigen Menschen darüber sprach, gab man mir den Tipp, mich damit mal auf die paranormale Ebene zu begeben, immerhin gab es in meiner Familie bereits schon die Begabung mit Toten zu kommunizieren …

Ich ein Medium? 😮

Dieses Thema, ist kein gutes Thema, mit dem ich mich auch nicht gerne auseinandersetze – es sei denn, man kann es wissenschaftlich belegen. Alles andere dulde ich nicht … 😀

Ob ich an eine Form der Kommunikation mit Geistern glaube, fragte mich auch meine Therapeutin, als ich ihr von den Vorkommnissen erzählte, die sich vor knapp zwei Jahren auf einem Rhöndorfer Friedhof abgespielt haben …

Ja, auch dieses Geheimnis lüfte ich nun heute … hier gab es auch einen unfreiwilligen Zeugen, der dieses „Drama“ in mir live miterlebt hat – mein Mann. 😀

Vielleicht sollte ich hier noch dazu sagen, dass ich grundsätzlich ein unglaubliches Problem mit Friedhöfen habe, die ich bis dato auch nur zwecks Beerdigung betreten habe. Und jedes Mal, wenn ich dort war, bin ich immer emotional eskaliert, auch wenn mir die verstorbenen Menschen nicht ganz so nahe standen. Ich habe gefühlt am schlimmsten geheult von allen und war beim Leichenschmaus auch am fertigsten – warum?

Hardcore-Empathie, oder was?

Nein!

Tja, der Besuch des besagten Rhöndorfer Friedhofes war im Rahmen einer Geocaching-Tour. Ich schwöre, es war ein schöner, spannender und sorgenfreier Tag, niemand war gestorben und ich war guter Dinge, dass wir das Rätsel an Konrad Adenauers letzter Ruhestätte lösen würden. Mit Zettel und Stift bewaffnet betrat ich mit größtem Respekt diesen Ort der Ruhe und des Friedens…

Alles war gut, bis ich in diesen Weg bog, an dem sich eigentlich recht alte Gräber befanden. Ich bewunderte gerade die alte Kunst, Grabsteine aus Steinen zu meißeln, als es wieder passierte.

Ich habe es „emotionale Anfälle“ getauft …

Und auch jetzt geschah es wieder unerwartet, unbeschreiblich, unerträglich und unabwendbar. Ich spürte wieder, wie dieses „Etwas“ mich festhielt und sich dann seinen Weg in mein Herz und meine Seele bahnte, um zuzuschlagen. Wieder explodierten meine Emotionen, ich fühlte tiefe Trauer, ich war wie gelähmt. Zu diesen Emotionen gesellte sich dann auch schnell meine eigene Angst vor dieser unerklärlichen Scheiße und der Gewissheit, dass mein Mann es dieses Mal mitbekommen würde. Wie sollte ich ihm das erklären? Was würde er denken? Ich hab ihm ja nicht alles von mir erzählt. 😀

Und es kam, wie es kommen musste, ich fing an zu heulen. Die Emotionen schmetterten mich nieder und ich versuchte mit alle Macht dagegen anzukämpfen, schaffte es aber nicht, was mich wiederum wütend machte. Irgendwann merkte auch mein Mann, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte und fragte bestürzt, was los wäre.

„Nichts! Es ist alles in Ordnung!“

Er ließ sich aber nicht von mir abwimmeln und zog mich vom Gelände. Als wir den Friedhof verließen, fühlte ich mich wieder frei und wie, als wenn nie etwas gewesen wäre. Nur mein Tränen nasses Gesicht verriet, was zuvor geschehen war.

Das machte mich plötzlich unsagbar wütend …

„Was ist los mit dir?“, fragte mein Mann wieder. Es ihm zu erklären erschien mir in diesem Augenblick nicht möglich.

„Was los ist? Das kann ich dir leider nicht erklären. Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung. Ich lass mich doch nicht von so einer Kacke verarschen! Lass uns dieses verdammte Jahreszahl suchen, wird müssen das Rätsel lösen!“

Irritiert ließ er mich gewähren. Frohen Mutes und mit der Gewissheit, dass dieser „Anfall“ wieder nur irgendein Ausrutscher meiner persönlichen Spinnereien war – immerhin hatte ich fast drei Jahre Ruhe – stapfte ich durch das Tor zurück auf das Friedhofsgelände und suchte wütend nach einer bescheuerten Jahreszahl für eine Koordinatenberechnung.

Wieder musste ich auf den Weg mit den drei alten Gräbern und wieder überfiel mich dort dieses unerträgliche Gefühl der Trauer. Ich heulte wie ein Schlosshund, schämte mich dafür, hatte Angst, wurde aufgrund dieser Situation noch wütender und begann laut zu fluchen. Das war auch der Punkt an dem mein Mann einsehen musste, dass die Frau, die er da an der Backe hatte „irgendwie komisch“ ist. Er flehte mich regelrecht an, ihm eine Erklärung abzugeben und bat mich mit ihm den Friedhof zu verlassen … Sorry Andi, für diese (meine) Umstände!! <3

„Komm, das hat doch keinen Zweck. Wir müssen diesen Cache nicht machen, wenn dich Friedhöfe so fertig machen.“

Ich antwortete ihm mit meinem gesamten Situationsfrust:

„Dieser Friedhof macht mich nicht fertig, denn es ist nicht die Erinnerung daran, dass meine Oma gestorben ist und nein, es überfällt mich auch keine allgemeine Traurigkeit oder Mitgefühl beim Anblick von Grabsteinen. Irgendeine andere Scheiße fällt mich hier emotional an und das geht mir gerade tierisch auf den Sack! Ich möchte gar nicht wissen, was du jetzt von mir denkst …?!“

Was er denkt hat er mir zwar gesagt und ich kann damit leben, aber so ganz, ganz ehrlich möchte ich glaube ich auch gar nicht wissen was er gedacht hat … 😀

Ich gab im Anschluss tatsächlich auf und wir fuhren nach Hause, weil ich fix und fertig war. Dieser Cache ist somit immer noch dort und wartet noch auf des Rätsels Lösung. Ich will da ja nochmal hin, doch mein Mann möchte das nicht nochmal miterleben.

Ja, diese Angelegenheit, hat ihn ziemlich erschrocken, vor allem, weil ich ihm das damals nicht so richtig erklären konnte (oder wollte).

Ich hatte mir zwar meine eigene Erklärung zusammen gezimmert, aber die war nicht gesellschaftstauglich. Um so glücklicher war er, als ich vor einigen Wochen jubelnd von einer Therapiestunde nach Hause kam und ihm, von einer Therapeutin bestätigte Erklärung präsentierte:

„Was glauben Sie Frau Lahr? Was ist das, was ihnen da widerfährt? Wessen Emotionen nehmen sie wahr, sind es die Emotionen von Geistern?“

Und ich antwortete ihr:

„Nein! Ich glaube, es sind Emotionen von lebenden Menschen … eine Energieform, die an dem Ort, wo die Emotionen ausgebrochen sind. zurückbleiben. Sagen Sie, kann das sein oder habe ich schlicht weg nicht mehr alle Tassen im Schrank?“

„Wenn Sie mir jetzt die Geisterantwort gegeben hätten, wäre es mit den Tassen schwierig geworden. Frau Lahr, das ist erstaunlich zu was Sie fähig sind! Wissen Sie, Emotionen sind eine gewaltige Energieform, die tatsächlich an einem Ort bleiben können und diese Energie können manche Menschen tatsächlich spüren und in extremer Form auch sprichwörtlich nachempfinden.“

Plötzlich ergab alles einen Sinn …

Das traumatische Erlebnis in Dachau – ich möchte gar nicht wissen, wie viel emotionale Energie bis in alle Ewigkeit an diesem Ort fest verankert ist. Ich erinnerte mich plötzlich an Situationen aus dem Nachtdienst, in dem ich in der Nacht Räume betrat, in denen Stunden zuvor eine Massenschlägerei stattgefunden hatte. Wut und Aggression ist eine besonders intensive Energieform, die scheinbar in mir Unbehagen und ein Gefühlschaos ausgelöst hatte. Dann mein ständiges Unwohlsein, diese chaotischen Gefühle, die ich verspüre, wenn ich in Krankenhäusern und Kliniken bin, obwohl mir selber nichts fehlt und auch der Besuchte nicht zum Sterben hier eingeliefert wurde. Krankenhäuser sind voll von starken (oft negativen) Emotionen … Angst, Trauer…

Ich kann kaum glauben, dass ich das hier schreibe … das sind die Tabletten, die sorgen dafür, dass ich eine große Klappe habe. 😀

Apropos große Klappe …

Zehn Tage ist es her, als ich den letzten Teil zu meinem Schwank aus dem Leben „Ich und der Psychopath“ hier veröffentlicht habe. Ich war nach Teil 1 wie betäubt und konnte nicht glauben, dass ich das echt geschrieben und auch noch „allen gezeigt“ habe.

Aber es war wie ein Befreiungsschlag …

Dann kamen die ersten Reaktionen …

Was mich noch mehr lähmte …

Soweit hatte ich nämlich gar nicht gedacht. Also das diese (meine) Geschichte jemand liest … vielleicht aus Neugierde … vielleicht, aber auch weil es jemanden ernsthaft interessieren könnte? 🙂

Nein, mit den Reaktionen habe ich tatsächlich nicht gerechnet, erst recht nicht, dass auch welche von männlicher Seite kamen. Ja, ich bekam neben Nachrichten von Frauen, auch Nachrichten von Männern, die mein Text in irgendeiner Weise emotional erreicht hat. Es gab sogar jemanden, der in diesen Texten Antworten zu seinen eigenen Fragen fand … <3

Jetzt hab ich gerade vollkommen den Faden verloren …

Ich bin aber auch sowas von Off-Topic heute. Ich wollte eigentlich etwas ganz anderes erzählen. Ich glaube, es ging um die letzten Erkenntnisse und meinen Termin beim Psychiater nächste Woche. Ich mache nämlich ernst und werde mit ihm über das Ende der Therapie via Medikamente sprechen.

Ich will das nicht mehr und ich denke, ich brauche das Zeug auch nicht mehr …

Ich habe keine Angst mehr vor meinen Gefühlen, auch wenn sie mir manchmal nicht in den Kram passen, oft auch mal außer Kontrolle geraten, mit mir durchgehen und mich damit in Schwierigkeiten bringen oder sogar verletzen. Ich will sie einfach nur im vollen Umfang wieder haben, mit allen Konsequenzen. <3

Ich werde sobald es losgeht Tagebuch über das langsame Absetzen schreiben, denn das wird bestimmt lustig, wenn meine Gefühlswelt wieder komplett auf mich hereinbricht … ich freue mich darauf. 😀

Und zum Schluss noch dieses:

Also die, die sich zu Unrecht von mir bei Facebook geblockt oder beim Einkaufen ignoriert fühlen:

„Ich möchte mit euch scheinheiligen Aufrechtdeutschen nichts zu tun haben, denn ich mag euch empathieloses Pack nicht! Ihr nehmt euch so unglaublich wichtig, obwohl ihr nichts weiter seid, als lächerliche Schreihälse, die den Sinn des Lebens noch nicht verstanden haben – leben und leben lassen! Und seid euch sicher: Alles kommt zurück!“